Am nächsten Morgen war er offenbar schon vor mir wach und zog sich gerade sein T-Shirt über, als ich ins Wohnzimmer trat.

„Hey, guten Morgen, Lexi, ich … ich dachte, ich geh besser, bevor deine Mutter wach wird.“ Er schien irgendwie beklommen.

„Warum? Du kannst ruhig noch bleiben und wir frühstücken gemeinsam“, sagte ich, verwundert über seine eilige Aufbruchstimmung. „Wie geht’s dir denn überhaupt?“

„Besser, wirklich …“, antwortete er. Dann setze er sich und winkte mich neben sich auf die Couch. Sein rechtes Auge schien tatsächlich ein wenig offener, aber er sah immer noch furchtbar demoliert aus.

„Die Schmerzen sind aushaltbar“, behauptete er und gab mir einen sanften Kuss auf den Mund. „Deine Mutter hat ganze Arbeit geleistet. Der Rest ist nur Optik. Ich fürchte, ich werd mich paar Tage wieder von der Schule fernhalten müssen. Ich kann da so nicht hingehen.“

Ich konnte ihn nachvollziehen, aber er würde wieder Fehlzeiten haben und Probleme kriegen.

„Ich hab nachgedacht“, begann er auf einmal mit einer viel zu ernsten Miene. Ein banges Gefühl machte sich prompt in mir breit, und ich blickte unruhig aus dem Fenster. Draußen schien die Sonne. Es würde wieder heiß und schwül werden.

Sergio machte mit beiden Händen Fäuste und starrte auf seine verletzten Knöchel. „Ich kann kaum glauben, in was ich dich da reingezogen habe! Ich …“

„Sergio, ich hab mich ja praktisch aufgedrängt“, unterbrach ich ihn nervös. „Du musst kein schlechtes Gewissen haben. Du wolltest mich doch gar nicht mitnehmen, weißt du nicht mehr? Ich … ich habe dich überredet, so war das. Du hast mich doch zu nichts gezwungen!“

Mein Puls war hochgeschnellt, und ich wusste nicht so genau, was mir plötzlich solche Angst einjagte.

„Das darf nicht wieder vorkommen“, sagte er in einem unnachgiebigen Ton und sah mich eindringlich an. „Nie wieder!“

„Ja, okay, kein Problem“, stimmte ich widerstandslos zu. „Ich werd mich nie wieder aufdrängen, versprochen, heiliges Indianer Ehrenwort!“

„Lexi …“, sagte er wieder und stockte nachdenklich.

Ich hielt den Atem an.

„Mir ist klar geworden, dass ich nicht mit dir zusammen sein kann …“

STOPP … NEIN … HALT … PAUSE !

Dies war der Moment, wo mir das heiße Wasser über den Kopf gekippt und der Boden unter den Boden weggezogen wurde, und ich ihn verzweifelt und rigoros unterbrach. „Nein, bitte, sag das nicht, Sergio …“

Heiße, verzweifelte Tränen schossen plötzlich in meine Augen. Ich konnte nichts dagegen tun. Ohne zu bedenken, dass ich ihm weh tun könnte, fiel ich ihm um den Hals und wollte nie wieder loslassen.

„Ah, autsch, Lexi, warte … warte doch mal“, rief er, und ich lockerte ein wenig meine Umklammerung.

„Du hast mich nicht ausreden lassen!“, beschwerte er sich lächelnd.

Ich hob meinen Kopf und sah ihn irritiert an.

Er strich mit den Fingern über meine feuchten Wangen. „Ich wollte doch nur sagen, ich kann nicht mit dir zusammen sein und gleichzeitig weiter an illegalen Kämpfen teilnehmen“, flüsterte er. „Ich hab mir überlegt, dass dies vielleicht der richtige Zeitpunkt ist, um … na ja … um auszusteigen.“

„Sergio“, schluckte ich erleichtert. „Du musst das nicht wegen mir …“

Diesmal unterbrach er mich. „Ich weiß, Lexi, aber es gibt auch noch ein paar andere Gründe: die Schule, meine Mutter, na ja … meine Gesundheit … Ich weiß, ich hatte Glück bei diesem Fight, pures Glück. Und außerdem hab ich jetzt die Taschen voll Geld. Ich kann mir endlich meinen langgehegten Traum erfüllen …“ Er grinste mich schief an.

Ich wischte mir die Tränen endgültig aus den Augen. „Der da wäre?“, fragte ich neugierig.

„Das sag ich nicht!“

„Hey, komm schon!“

„Du wirst es sehen, wenn es soweit ist“, sagte er geheimnisvoll.

Froh darüber, dass wir wieder auf derselben Wellenlänge waren, lachten wir und küssten uns ganz vorsichtig …

Keiner von uns beiden hatte meine Mutter bemerkt, die im Türrahmen lehnte und uns beobachtete. Ihre feste Stimme ließ uns erschrocken aufblicken. „Guten Morgen! … Na, gut geschlafen, Herr Lovic?“, fragte sie mit einem spitzen Unterton und einem prüfenden Blick zu Sergio.

Sergio löste sich von mir und stand auf. „Ich möchte mich noch mal bei Ihnen bedanken und mach mich jetzt auch auf den Weg.“

„Nicht so eilig, Sergio“, sagte sie daraufhin - diesmal in einem viel freundlicheren Ton - und trat einen Schritt auf ihn zu. „Wie geht es dir? Hast du Schmerzen im Bauchraum? Ist dir Übel oder schwindlig?“

„Äh … nein. Mir geht’s soweit ganz gut. Auf jeden Fall besser als gestern Nacht“, antwortete er verlegen.

„Hört sich gut an. Nimm die Kühlpads mit und kühl zuhause weiter. Pfeif dir ruhig noch eine Schmerztablette ein … und …“ Sie warf mir einen bedeutungsschweren Blick zu, bevor sie Sergio wieder ansah. „Ich finde es gut, dass du nachgedacht und zu Entscheidungen gekommen bist.“

Ich sah angespannt zwischen Sergio und meiner Mutter hin und her.

„Ich find’s irgendwie auch gut, Frau Lessing“, antwortete er etwas unsicher.

Meine Mutter lächelte. „Dann mal gute Besserung.“

 

Sergio verabschiedete sich etwas überstürzt.

Kaum war er gegangen, vermisste ich ihn schon. An diesem Sonntag sahen wir uns leider nicht mehr. Er wollte sein Versprechen einhalten und mit Yvo wenigstens ein, zwei Stunden spielen und sich anschließend ins Bett packen.

Am Abend rief er mich wie verabredet an. Jelena sei bei seinem Anblick beinah in Ohnmacht gefallen, erzählte er, habe sich aber inzwischen beruhigt. Er habe ihr versichert, dass er zum letzten Mal bei einem illegalen Kampf angetreten sei. Ich wiederum erzählte ihm, dass ich mit meiner Mutter lange geredet und ihr schließlich - fast - alles gebeichtet hätte. Sie war erschüttert und gleichzeitig froh, dass mir nichts weiter passiert war. Gut, ein paar Details hatte ich ausgelassen, um sie nicht noch mehr zu schockieren.

Dann wollte Sergio wissen, ob ich nächsten Freitag tatsächlich Geburtstag hätte und warum ich darüber schwieg. Adriana habe es ihm heute erst verraten. Zähneknirschend gab ich es zu. Er konnte kaum glauben, dass ich weder feiern noch Geschenke haben wollte. Bei diesem Thema blieb ich aber bockig stur die harte Nuss, die ich seit Jahren war: Keine Party und kein Geschenk für mich. Basta!

Sergio war außer sich. „Lexi, ich werde doch meiner Freundin ein Geburtstagsgeschenk machen dürfen?“, raunte er fassungslos ins Telefon.

„Nein!“, wiederholte ich hartnäckig.

Einige Sekunden lang sagte keiner etwas.

„Schade, dann eben nicht“, gab er schließlich verdächtig schnell nach.

„Und wie geht’s dir inzwischen?“, wechselte ich das Thema.

„Ich warte auf die Wirkung der Schmerztablette, die mir deine Mutter mitgegeben hat. Anschließend werde ich ein Eisbad nehmen.“

„Brrrrr. Wie kann man das aushalten?“

„Wenn es gut tut, hält man es aus. ‚Sergio on the Rocks’, nenn ich’s immer“, lachte er.

„Was hat deine Mutter zu dem Geld gesagt?“, fragte ich gespannt.

„Na ja, sie ist da zwiegespalten. Sie sagt, dass sie nichts davon haben will und ich diesmal alles für mich behalten soll. Ich brauch aber nur fünftausend!“

„Willst du mir endlich sagen, wofür?“

„Nein!“, lachte er. „Ich will es dir lieber demonstrieren, wenn es soweit ist."

„Wir sind beide ganz schöne Sturköpfe, was?“ Ich schmunzelte verliebt in mich hinein.

„Kann man wohl sagen.“

 

Adriana war am Montagmorgen in einer außergewöhnlich freundlichen Stimmung. Sie begrüßte fast jeden in der Schule mit einem Lächeln und unterließ es sogar, einen bissigen Kommentar über die ‚Hühner’ abzulassen. Sie hatte sich bei mir eingehakt und mich mit ihrem Parfümduft umnebelt. Ihr Look war mega stylish. Nach eine längeren Phase mit Hochsteckfrisuren trug sie die Haare mal wieder offen und hatte ein rotes, ärmelloses Kleid an, das am Rücken kompliziert zusammengebunden war. Ihre perfekt pedikürten Füße steckten in hübschen Sandalen, die mit kleinen roten Steinchen besetzt waren. Wir liefen gemeinsam den Schulflur entlang zu unserem Klassenzimmer.

„Ich weiß nicht, ehrlich“, antwortete sie auf meine Frage, was denn mit ihr los sei. „Ich bin heute Morgen wach geworden und hatte ein Lächeln im Gesicht. Dann hab ich meine Mutter in der Küche gesehen, wie sie das Frühstück gemacht hat, und ich wusste, mit ihr ist etwas absolut und grundlegend und ganz ohne Zweifel anders. Sie sah so … so relaxed aus oder … keine Ahnung … als hätte sie ein Engel geküsst, und Yvo saß am Frühstückstisch und hat seine Cornflakes geschaufelt, ganz ohne Summen und Wackeln.“

„Das klingt sehr schön“, sagte ich bewegt. Dann holte ich tief Luft. „Und wie geht’s Sergio heute Morgen?“ Ich konnte diese Frage einfach nicht zurückhalten.

„Oh, er schlief noch, als ich das Haus verlief. Apropos Sergio, weißt du was, Lexi? Ich glaube, meine Mutter ist so drauf, weil Sergio gesagt hat, er werde nicht mehr kämpfen.“

„Das kann gut möglich sein“, erwiderte ich aufgeregt. Mein Herz fing an, lauter zu klopfen. Immer wenn wir über ihn redeten, spielte mein Körper verrückt.

Sie blieb abrupt stehen

„Und irgendwie hat das Ganze auch was mit dir zu tun“, sagte sie und sah mich strahlend an.

„Meinst du?“, fragte ich freudig, aber auch ein wenig verlegen. Ich konnte spüren, dass meine Wangen heiß wurden.

Sie hakte sich wieder unter und zog mich mit. „Ja, ich denke schon.“

 

Herr Friese kündigte eine Deutscharbeit für Freitag an, meinem Geburtstag, na besten Dank auch! Das Thema werde ‚Erörterung’ sein, ließ er uns fröhlich wissen, als ginge es um einen lustigen Ausflug. Wir würden drei aktuelle Themen zur Auswahl bekommen, aus denen wir eins aussuchen und bearbeiten mussten.

Seufzend runzelte ich die Stirn. Im Normalfall hätte ich gedacht: Kein Problem, dann muss ich mich auf den Hosenboden setzen und lernen, bis mir der Kopf raucht! Aber ich war ganz offensichtlich im Ausnahmezustand. Das einzige Thema, womit sich mein Gehirn befassen wollte, war Sergio. Am liebsten wäre ich nur noch tagein tagaus in seiner unmittelbaren Nähe. Ich fragte mich, wie ich von nun an die Zeiten, in denen wir nicht zusammen waren, aushalten sollte? Und nun stand auch noch diese dumme Arbeit bevor, und sie würde nicht die einzige sein …

In der Mensa stocherte ich appetitlos in meinem Essen und hing an Adrianas Lippen, immer in der Hoffnung, dass sie auch etwas über Sergio erwähnte. Sie hatte heute nicht nur eine tolle Ausstrahlung, sondern auch einen Erzählfluss, als hätte sie den ganzen Tag nur Quasselwasser getrunken. Ihre Lieblingsthemen waren wie immer Joshua Meyer, die neuesten Kinofilme und ihr Zimmer. Grüblerisch meinte sie, sie könne sich vorstellen, Innenarchitektin zu werden.

„Wolltest du nicht Pilotin werden?“, erinnerte ich mich vage.

„Ja, stimmt“, lachte sie auf einmal, „… hatte ich ganz vergessen.“ Dann fiel ihr die angekündigte Deutscharbeit ein, und auch sie war nicht gerade begeistert. ‚Erörterung’ war ein Thema, das die meisten in der Klasse nicht wirklich verstanden hatten und man ständig durcheinander kam, was damit eigentlich gemeint war.

„Vielleicht lernen wir zusammen?“, fragte ich hoffnungsvoll.

„Gerne, Lexi, am besten bei dir!“ Sie sah mich wissend an, und ich biss mir auf die Lippe. „Jo, klar, bei mir …“, sagte ich verzagt. Zu blöd …

Adriana lächelte zwinkernd. „Glaub mir, bei mir hätten wir keine Ruhe!“

„Wo du recht hast“, antwortete ich gespielt gelassen und seufzte in mich hinein.

 

Das Erste, was ich nach Schulschluss machte, war mein Handy einzuschalten, und prompt erhielt ich eine SMS von Sergio:

 

Ruf mich an, wenn du aus der Schule raus bist.

 

Ein Dauergrinsen setzte sich in meinem Gesicht fest.

Ich hätte ihn so oder so angerufen, aber nun war ich euphorisch und furchtbar sehnsüchtig …

Adriana stand neben mir und beobachtete den Schuleingang. Sie hatte sich ihre Sonnenbrille aufgesetzt und lutschte an einem Erdbeerlolli. Ich hatte den Eindruck, dass sich jeder Junge, der vorbeilief nach ihr umdrehte, aber sie wartete wohl auf einen ganz bestimmten.

Nach zweimal Klingeln ging er ran.

„Hi, Lexi!“

Ich drehte mich ein wenig von Adriana weg, damit sie meine Hibbeligkeit nicht mitbekam, was aber völlig nutzlos war. Sie grinste und stieß mich mit dem Ellbogen in die Seite. Ich wedelte mit der Hand, als würde ich eine lästige Fliege verscheuchen wollen.

„Sergio, wie geht’s dir?“, fragte ich aufgeregt.

„Mir ging’s noch nie besser“, behauptete er heiter. „Na ja, das rechte Auge sieht … sehr bunt aus, so richtig schön knallig, aber es lässt sich jetzt öffnen.“ Er lachte. Es klang wie Musik in meinen Ohren.

Adriana riss mir unerwartet das Handy aus der Hand. Empört stemmte ich die Hände in die Hüften und verzog das Gesicht.

„Sergio, wir haben eine hammerharte Deutscharbeit am Freitag“, teilte sie ihm mit einem zweifelhaften Vergnügen mit, „… und Lexi und ich haben beschlossen, gemeinsam bei ihr zu lernen, nur dass du es weißt!“

Ich nahm ihr das Handy wieder ab und hielt sie mit ausgestrecktem Arm auf Abstand. Sie lachte und prustete los wie eine Zwölfjährige.

„Ich bin’s wieder“, säuselte ich. „Wann können wir uns sehen, Sergio?“

„Wenn das mit der Arbeit stimmt, dann solltet ihr besser lernen, oder nicht?“, fragte er, aber es klang eher wie eine Feststellung.

Ich war erschüttert.

„Aber wir müssen ja nicht stundenlang lernen“, argumentierte ich verzweifelt. „Oder hast du schon was vor, ich meine … hast du keine Zeit?“

Er schwieg einen kurzen Moment, dann lachte er.

„Nein, Lexi, ich hab nichts vor, aber ich denke, wenn unsere Beziehung ein schulischer Stolperstein für dich wird, kann ich mir das kaum verzeihen und abgesehen davon falle ich dann bei deiner Mutter garantiert in Ungnade und komme da nie mehr wieder raus. Das wäre nicht gut.“

„Sergio, das klingt schrecklich vernünftig“, sagte ich enttäuscht.

Er hat ‚Beziehung’ gesagt!

„Ich weiß, und ich hasse es, vernünftig zu sein, wenn ich eigentlich das Gegenteil sein möchte.“

Ich musste lächeln. Adriana gab mir augenrollend Zeichen, dass ich zum Ende kommen sollte.

„Lexi, ein Vorschlag: Bis Freitag lernt ihr jeden Tag nach der Schule ein paar Stunden für eure Arbeit und im Anschluss hole ich euch ab. Dann machen wir was gemeinsam. Was hältst du davon?“

Das war zwar ein guter Vorschlag, aber nicht so ganz in meinem Sinne. Ich fragte mich, ob es typisch Familie Lovic oder typisch serbisch war, dass wir seiner Meinung nach alle drei zusammen hängen sollten …?

Ich versuchte zu flüstern, damit Adriana nichts mitbekam.

„Machen du und ich denn nicht mal was alleine?“

„Ich hoffe doch sehr, Lexi“, sagte er und klang ernst.

„Mhm“, seufzte ich skeptisch.

„Okay, ich verrat dir was … es ist nur diese Woche so, ich muss paar wichtige Dinge organisieren, aber frag bitte nicht was und warum.“

„Tja, na gut“, gab ich schließlich nach.