Wahrscheinlichkeiten …

 

Die nächste Schulwoche war geprägt von Herrn Thompsons quälender Folter mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Adriana schien viel besser mit dem Thema klarzukommen als ich, war aber ein miserabler Tutor. Nach mehreren Anläufen gaben wir beide auf.

„Okay, dann musst du wohl oder über mal beim ‚Turbo Trio’ andocken“, sagte sie.

In der ersten Hofpause am Dienstag suchte ich die Mädchen von der Nachhilfe AG und sprach sie an. Kühl wie sie waren, meinten sie, ich könne ja mal vorbei kommen, aber solle mir bloß keinen Privatunterricht vorstellen, denn die Gruppe sei schon zum Bersten voll.

Das war frustrierend.

Seit Sonntagabend gewitterte es in kurzen Abständen. Es hatte einen Temperatursturz von fünfzehn Grad gegeben, und man wusste nie, ob sich nicht gleich alles verdunkeln und heftiger Regen herunterprasseln würde.

Ich setzte mich auf eine Bank unter einen Baum und studierte mein Mathebuch. Meine Konzentration war allerdings nicht mehr die alte. Immer wieder musste ich an das Wochenende denken und an Sergio. Ich hatte ihn seither nicht mehr gesehen. Ständig suchten meine Augen den Pausenhof nach ihm ab. Gestern war er nicht in der Mensa gewesen, und Adriana hatte kein Wort über ihn verloren. Um ihren Verdacht nicht zu bestärken, ich könnte mich trotz ihrer Warnungen für ihren Bruder interessieren, traute ich mich nicht, sie nach ihm zu fragen.

Ich seufzte und las immer und immer wieder dieselben Zeilen im Buch. Die Zahlen und Formeln in den Aufgaben wirbelten ziellos durcheinander und ergaben keinen Sinn. Ich war vertieft in meine Misere, als ich eine Hand auf meiner Schulter spürte.

„Hey, fleißig, fleißig … Wer lernt denn in der Hofpause, hm?“

Sergio stand neben mir und grinste. Er stellte einen Fuß auf die Bank und stützte den Ellbogen auf dem erhöhten Bein ab. Mein Herz machte einen Hopser. Vor Schreck schlug ich das Mathebuch zu und sah ihn mit aufgerissenen Augen an. „Hi, Sergio, wie geht’s denn so?“

„Gut und dir? Sonntag schön gechillt?“

Ich nickte. „Mhm“

„Dann sind die Akkus wieder aufgeladen, hm?“

„Schon, aber mein Gehirn scheint grad Urlaub zu machen, ich versteh absolut nichts …“

Er legte den Kopf schräg, um auf den Buchdeckel sehen zu können. „Mathe, aha! Was nehmt ihr denn grad durch?“

„Wahrscheinlichkeitsterror“, sagte ich und verzog das Gesicht.

„Wow, mein Lieblingsthema“, lachte er.

Mit einem Schwung setzte er sich dicht neben mich und sah mich von der Seite an. „Wie groß ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass nur wir beide mal zusammen ausgehen?“, fragte er in einem völlig neutralen Ton.

Ich krallte mich nervös an meinem Buch fest. „Ähm … ich … ich denke, nicht sehr groß, oder?“

Er senkte den Blick. „Mhm, Lexi, ich seh schon, du brauchst dringend Nachhilfe.“

„Ich weiß“, sagte ich und fragte mich, worüber wir eigentlich redeten. In meinem Kopf herrschte ein Durcheinander und in meinem Bauch ein furchtbares Flattern.

„Ich dachte, ich sollte mal die Nachhilfe AG besuchen, aber die sind angeblich sehr voll …“, sagte ich.

Er sah mich nachdenklich an. „Wenn du willst, lerne ich mit dir. Ich hab `ne verdammte Eins in Mathe!“

„Oh, toll … ähm, ich meine, das mit deiner Eins, aber … ich weiß nicht …“, entgegnete ich aufgewühlt. Ich hatte große Zweifel, was meine Konzentrationsfähigkeit in seiner Nähe anging.

„Keine Sorge. Wir werden bloß lernen. Sonst nichts …“ Er grinste schief und schob die Hände überkreuzt unter die Achseln.

„Und wo?“

„Wo du willst. Such dir einen Ort aus … Mir ist alles recht“, behauptete er.

Dann klingelte es zum Unterricht.

 

Als ich Adriana von Sergios Angebot erzählte, wechselte der Ausdruck in ihrem Gesicht von Schock über Frust zu Resignation.

„Lexi, tu, was du nicht lassen kannst“, blaffte sie und wandte sich ab.

Bis zur Mittagspause sprach sie kein Wort mehr mit mir. Ich machte ab und an einen Witz, den sie unkommentiert ließ. Zur Mensa musste ich ihr hinterher rennen, weil sie nicht auf mich gewartet hatte. Ich setzte mich dennoch entschlossen neben sie und versuchte, ihren Blick einzufangen.

„Janna, bitte, du kannst mich nicht den ganzen Tag ignorieren“, sagte ich.

„Kann ich wohl“, entgegnete sie mit dem Hauch eines Schmunzelns, das mich hoffnungsvoll stimmte.

„Wir wollen doch bloß lernen. Ich schreib sonst die nächste Fünf, und dann geht’s mit meiner Mathenote nur noch bergab.

Adriana legte ihr Besteck zur Seite und starrte mich an. „Lexi …“, sagte sie voller Bedenken in den dunklen Augen. „Er wird dein Herz in tausend kleine Teile brechen und sich nicht mal dafür entschuldigen.“

Ich schüttelte den Kopf. Ihre Sorge war doch vollkommen übertrieben! „Dazu gehören zwei“, gab ich zurück. „Und was macht dich da überhaupt so sicher?“

„Du wärst nicht die Erste und nicht die Letzte …“

„Ich bin nicht interessiert …“, behauptete ich energisch.

Sie sah mich skeptisch an. „Du hast seit der Strandparty so ein Strahlen in den Augen, Lexi, ich weiß nicht, es beunruhigt mich einfach.“

„Dann beruhige dich wieder!“

Ich wusste, es ging ihr hauptsächlich um unsere Freundschaft. „Janna, ich verspreche dir, egal was passiert, wir bleiben beste Freundinnen!“, sagte ich schließlich.

„Versprich nichts, was du nicht halten kannst, hat mein Vater immer gesagt, als wir noch klein waren …“, sagte sie leise.

Sie sah mich betrübt an. „Beste Freundinnen?“

„Beste Freundinnen“, lächelte ich. Wir umarmten uns spontan über unseren Tellern, und anschließend aßen wir unser Essen weiter, als wäre nichts gewesen.

Sergio tauchte nur kurz in der Mensa auf. Anscheinend hatte er etwas mit Mark zu klären. Er stand breitbeinig mit verschränkten Armen hinter seinem Stuhl und sagte etwas. Daraufhin stand Mark auf und baute sich provokant vor Sergio auf. Nun standen sie ganz dicht voreinander und keiner wich auch nur einen Zentimeter zurück. Die ganze Mensa verstummte und sah gespannt, aber auch bang, der Szene zu. Sergio nahm die Arme runter und tippte mit dem Zeigefinger auf Marks Brust. Reflexartig wollte Mark Sergio wegschubsen, doch der machte einen Satz zur Seite und Marks Hände schlugen in die Luft. Er strauchelte und konnte grad noch sein Gleichgewicht halten. Ein verhaltenes Gelächter ging durch die Mensa. Mark machte eine bitterböse Miene, und Sergio hob den Finger und sagte: „Das war nur `ne Warnung, Sucker!“ Nach diesen Worten stampfte er davon, ohne zurückzublicken.

„Sieh mich nicht so an, Lexi“, seufzte Adriana nach dem Auftritt ihres Bruders..

Wie hatte ich sie wohl angesehen?

„Ich hab keine Ahnung, worum es da ging“, fuhr sie ratlos fort. „Irgendeine Männersache, vermut ich mal.“

 

Wir erfuhren es schließlich von Erik, nachdem Adriana ihn im Schulflur zur Rede gestellt hatte. Zuerst hatte er behauptet, er wisse von nichts, rückte aber doch noch mit der Wahrheit heraus. „Mark hat rumerzählt, dass Sergio Lexi im Wasser durchgezogen hat“, verriet er mit leiser Stimme und gesenktem Kopf, da es ihm ganz offensichtlich sehr peinlich und unangenehm war. Ich verstand nur nicht so recht, weshalb. Das Problem war nämlich, dass ich den Ausdruck ‚durchziehen’ nicht kannte und mir nicht viel darunter vorstellen konnte.

Adriana flüsterte mir die Erklärung ins Ohr.

„WAS?“ Ich stand plötzlich unter Schock. Adriana nicht minder.

Als wir einigermaßen die Fassung wiedererlangt hatten, meinte sie, dass es das Beste sei, die Sache nicht zu wichtig zu nehmen und das Gerede, das zweifellos wie ein Lauffeuer um sich greifen würde, einfach zu ignorieren.

Sie hatte recht.

Trotzdem war es für mich nicht leicht, die höhnischen und auch mitleidvollen Blicke an mir abprallen zu lassen. In der Klasse wurde getuschelt, was das Zeug hielt, aber keiner traute sich, offen etwas anzusprechen. Auch wenn die Situation nicht gerade angenehm war, ich wusste, die Aufregung würde irgendwann abebben, zumal Mark - die Quelle des Übels - von Sergio wirkungsvoll zurechtgewiesen worden war.

Das Eigentliche, was mir zusetzte, war die Tatsache, dass Sergio mich nunmehr zu meiden schien. Jedenfalls kam er die nächsten Tage nicht in meine Nähe. Wenn er überhaupt in der Mensa auftauchte, saß er auf seinem üblichen Platz mit den üblichen Tussis oder seinen Kumpels und gab sich ausgelassen und sorglos. Ich fragte mich, was denn aus unseren geplanten Nachhilfestunden werden sollte.

Und mir fehlte … seine Aufmerksamkeit …

Ich ließ mir von Adriana seine Handynummer geben und schickte ihm eine SMS:

 

Wahrscheinlich willst du nicht mehr Wahrscheinlichkeitsrechnung mit mir üben? Oder doch? LEXI

 

Es dauerte nur wenige Minuten, bis ich eine Antwort erhielt:

 

Ich ruf dich heute Abend an.

 

Damit musste ich mich erst einmal zufrieden geben.

Nach Schulschluss fragte mich Adriana nach meinen Plänen fürs Wochenende, und ich sagte, ich müsse unbedingt etwas Mathe lernen. Sie verschränkte trotzig die Arme vor der Brust und nickte wissend. „Mit Sergio!?“

„Ich weiß noch nicht“, sagte ich. „Aber falls ja, dann lern doch mit uns, wenn du willst!“

Sie sah mich überrascht an, schüttelte dann entschlossen den Kopf. „Danke, nein. Ich kann den Stoff einigermaßen. Außerdem hab ich keine Lust, mir Sergios Oberlehrer Getue anzutun. Aber, wenn du magst, könnten wir danach was unternehmen.“

„Ja, gern …“, sagte ich. Es klang nach einem richtig guten Plan. Jetzt kam es nur noch darauf an, was ich mit Sergio verabreden würde …

„Dann gib mir Bescheid, wenn ihr was abgesprochen habt“, rief mir Adriana zu, während sie zum Bus rannte.

 

Meine Mutter hatte zum letzten Mal Spätschicht an diesem Freitag. Morgen würde sie frei haben und ab Sonntag wieder Frühschicht für die nächsten zehn Tage.

Zuhause räumte ich ein wenig die Bude auf, saugte das Wohnzimmer und spülte die schmutzigen Töpfe ab. Danach machte ich mir einen Kakao und setzte mich mit einem Fantasyroman auf den Balkon. Mein Handy legte ich griffbereit auf den runden Bistrotisch. Die Luft war angenehm mild, die heißen Temperaturen hatten sich erst einmal verabschiedet.

Trotz Mühe konnte ich mich nicht wirklich in die Handlung der Geschichte vertiefen, weil ich ungeduldig und voller Spannung auf Sergios Anruf wartete.

Mein Blick wanderte immer wieder auf mein stummes Handy, das keine Anstalten machte, auch nur einen Mucks von sich zu geben. Ich legte das Buch weg, schnappte das blöde Ding und rannte auf die Toilette.

Im Spiegel betrachtete ich ausgiebig mein Gesicht und fragte mich, wann ich denn mal etwas reifer und femininer aussehen würde? Bald hatte ich Geburtstag und würde siebzehn werden. Siebzehn! Ich hatte mich bisher noch nie wirklich kritisch betrachtet, aber jetzt fand ich, dass ich aussah wie höchstens fünfzehn.

Ich seufzte.

Es war inzwischen achtzehn Uhr durch, und mein Magen fing an zu grummeln.

In der Küche wollte ich mir gerade eine Schüssel aus dem Schrank nehmen, um mir Cornflakes zuzubereiten, da klingelte mein Handy. Ich zuckte heftig zusammen, denn der Klingelton war schrill und auf maximale Lautstärke eingestellt, was - wie ich feststellen durfte - wohl doch übertrieben war.

Der Blick aufs Display ließ mich innerlich jubeln.

Ich atmete tief durch und meldete mich. „Ja?“

„Lexi, ich bin’s, Sergio, kannst du reden?“ Er klang ein wenig gehetzt.

„Ähm, na klar …“ Ich stockte.

„Ich kann mir vorstellen, dass du sauer auf mich bist“, sagte er.

Verwundert schüttelte ich den Kopf, als ob er mich sehen könnte. „Nein, wieso denn?“

„Ich dachte, wegen dem Bullshit, den Mark erzählt hat und so.“

„Ach so. Aber, da kannst du ja nichts dafür“, beteuerte ich.

Für ein paar Sekunden schwieg er, und ich überlegte krampfhaft, was ich sagen könnte.

„Du bist nicht sauer?“, fragte er erstaunt.

„Nein, bestimmt nicht“, versicherte ich ihm.

„Ich dachte, es wäre das Beste, wenn ich mich so verhalte, wie immer … ich meine … du weißt wie, oder?“

Er meinte vermutlich sein „Macho Gehabe“, wie Adriana es bezeichnet hatte.

„Ja, ich weiß, aber … was wird denn jetzt mit Mathe lernen, Sergio?“ Ich ergriff die Gelegenheit beim Schopf.

„Ich hab gesagt, ich lern mit dir und das werd ich auch.“

„Cool!“ Erleichtert atmete ich auf. Die ganze Zeit hatte ich befürchtet, er würde mir sagen, dass das jetzt nicht mehr ginge.

„Morgen hätt ich Zeit“, sagte er.

Ich zweifelte, da meine Mutter morgen zuhause sein würde, dass es eine gute Idee war, mit Sergio bei mir zu lernen. Meine Mutter kannte ihn noch nicht und würde bei seinem Anblick wahrscheinlich erst einmal alle Vorurteilsregister ziehen oder einfach nur in Schockstarre verfallen.

„Passt mir auch, bloß wo denn jetzt …?“, fragte ich

„Wo du willst, bei dir … bei mir … ähm … sag du …“ Er wartete auf meine Antwort.

„Okay, dann bei dir“, entschied ich ein wenig genierlich.

„Wann?“, wollte er daraufhin wissen.

„Sechzehn Uhr?“

„Geht klar.“

„Janna und ich wollten im Anschluss noch was unternehmen“, fügte ich schnell noch hinzu.

„Schläfst du wieder bei uns?“ .

Ich stockte. „Ähm, ich … nein … hatte ich jetzt nicht im Sinn“

„Okay …“

„Aber, vielleicht ja doch …“, schob ich schnell nach. Ich hielt mir eine Hand vor den Mund, damit ich nicht noch mehr Dinge sagte, ohne nachzudenken.

„Dann bis morgen, Lexi“

„Bis morgen“, sagte ich und legte albern schmunzelnd auf.