Danger Zone …
Erst kurz nach Mitternacht kam meine Mutter nach Hause und fiel nach einer kurzen, innigen Begrüßung todmüde in ihr Bett. Ich hatte nach meinem Telefonat mit Sergio meine Mathesachen geordnet und meinen Rucksack gepackt, den Fantasyroman noch mal in Angriff genommen und drei Kapitel gelesen, eine Zeichnung angefertigt, die meine Vorstellung von der Titelheldin des Buches wiedergab, mit Melanie über Skype gechattet, ein wenig ferngesehen und mich schließlich aufs Bett gelegt und das Radio eingeschaltet. Dabei stellte ich mir vor, dass Sergio vielleicht auch gerade in seinem Zimmer Musik hörte. Allerdings war eher anzunehmen, dass er an diesem schönen sommerlichen Freitagabend lieber mit seinen Kumpels um die Häuser zog oder irgendwelche Partys unsicher machte, statt zuhause zu hocken. Ja, das war doch weitaus realistischer. Und sicher klebten wieder aufdringliche Tussis an ihm dran …
Ich zwang mich, diese Gedanken beiseite zu schieben.
Meine Mutter schlief bis Mittag durch, und ich überraschte sie mit einem lecker gedeckten Frühstückstisch. In unserer Straße war ein türkischer Bäcker, von dem ich frische Brötchen und krosse Teigtaschen mit Käse besorgt hatte. Ich hatte Kaffee gekocht und auch für mich ein Tässchen eingegossen.
„Lexi, nicht dass du den ganzen Tag auf hundertachtzig bist!“, lachte meine Mutter, da ich das erste Mal Kaffee trank.
„Was hast du gestern so gemacht?“, wollte sie wissen.
„Ach, nichts weiter, Mama, aufgeräumt, gelesen, gemalt, kurz mit Melanie gechattet, aber heute hab ich was vor …“
„Aha, was denn?“ Sie lächelte mich gespannt an.
„Ich will mit Sergio Lovic Mathe lernen. Du weißt doch, Adrianas Bruder. Ich hatte doch schon erwähnt, dass sie zwei Brüder hat, und der ältere, Sergio, ist auch auf unserer Schule. Er hat sehr gute Noten.“
„Oh, da hast du ja Glück. Eine Freundin mit einem Musterschüler als Bruder, der Nachhilfe gibt:“
Ich sah meine Mutter an, als hätte sie etwas völlig Absurdes gesagt, denn irgendwie passte der Begriff „Musterschüler“ so gar nicht zu Sergios Erscheinungsbild.
„Ja, echtes Glück … Jedenfalls … also, danach wollten Adriana und ich noch weggehen. Es ist Samstag. Und du sagt doch immer, dass ich mit Freunden mehr unternehmen soll.“
Meine Mutter nickte zustimmend, aber sie sah mich gleichzeitig mit einer gewissen Skepsis in den Augen an, die mich ein wenig verunsicherte. Ich zwang mich, ganz gelassen zu bleiben.
„Ich hab im Prinzip nichts dagegen, solange ihr gut auf euch aufpasst … und … vor Mitternacht zuhause seid!“, sagte sie.
„Na klar, da brauchst du dir keine Sorgen machen. Ähm, noch was, Mama …“ Ich machte große fragende Augen und setzte mein Unschuldslächeln auf. „Vielleicht schlaf ich wieder bei Adriana, wenn’s sich so ergibt …“
Sie kaute geduldig auf ihrem Brötchen, während sie mich eindringlich musterte. „Dreht dich grad der Kaffee so auf, oder warum erinnerst du mich an Vierjährige unterm Weihnachtsbaum?“
Ich lachte irritiert. „Äh, wieso? Ich schau doch ganz normal!“
„Ja?“
„Ja! Also, was sagst du? Wäre es okay, wenn ich wieder bei den Lovic` übernachte? Ich meine für dich … weil ich ja dann die ganze Zeit nicht da bin … an deinem freien Tag?“
„Ist schon in Ordnung, Lexi“, sie hielt kurz inne und sah auf ihre Hände. „Außerdem hab ich mit Derek ein Date … tja …“
„WAS???“ Ich sprang von meinem Platz auf. „Da lässt du mich erst so lange reden, bevor du mir verrätst, dass du ein Date hast?“
Sie legte ihre Hand auf die Brust. „Um Himmelswillen, Lexi, ich hab grad den vollen Schreck gekriegt …“, beschwerte sie sich lachend.
Ich umarmte sie und gab ihr einen Kuss.
„Ich freu’ mich, Mama. Was habt ihr Schönes vor?“
„Er hat mich zum Essen eingeladen, ein marokkanisches Restaurant mit Bauchtanz und Musik und all dem ganzen Schnack …“ Sie lachte verlegen. Ich sah sie gerührt an. Ich wusste, dass sie über einen riesigen Schatten gesprungen war.
Adriana öffnete mir die Wohnungstür, begrüßte mich überschwänglich mit Umarmung und Küsschen und zog mich gleich mit in ihr Zimmer. „Ich muss dir was zeigen“, sagte sie aufgeregt. „Ich würd gern deine Meinung hören!“
Sie ließ sich aufs Bett plumpsen und nahm eine Art Katalog auf den Schoß. Ich setzte mich, gespannt auf ihre Neuigkeit, neben sie.
„Ich dachte, ich lass mich mal inspirieren wegen der Neugestaltung meines Zimmers.“ Sie sah mich höchst zufrieden an. „Hier … wie findest du das?“ Mit dem Finger tippte sie auf eine Seite, und ich nahm ihr den Katalog aus der Hand, um mir das Ganze genauer ansehen zu können.
„Mhm, ist das nicht … irgendwie … sehr karibisch?“, fragte ich vorsichtig. Im abgebildeten Zimmer waren drei der Wände mit Fototapeten beklebt, die weiße Sandstrände mit ausladenden Palmen, türkisblauem Meer und wolkenlosem Himmel zeigten. In der Mitte befand sich ein großes Rattanbett und rechts und links davon waren künstliche Palmen. In einer Ecke war eine Hängematte angebracht, und Schrank und Regal waren quietschbunt wie Papageienfedern.
„Hm?! Eigentlich eine total schöne Idee“, fand ich, und Adriana nickte erfreut über meine Reaktion.
„Ich hab Sergio schon gefragt, und er meinte, nächste Woche schon könnte ich mein neues Zimmer haben“, sagte sie mit vor Aufregung leuchtenden Augen.
Ich klatschte einmal in die Hände. „Wow, das ist ja superklasse, Janna. Endlich wirst du das Rosa los.“
„Und du hilfst mir mit allem! Du hast es versprochen!“
„Hab ich? Ja, na klar helf ich dir, jederzeit.“
Adriana fiel mir um den Hals, und ich japste nach Luft.
In meinem Kopf war allerdings wieder diese Frage, was denn Sergio mit den ganzen Anschaffungen zu tun hatte. Adriana hatte mir ja darauf bei meinem ersten Besuch keine Antwort gegeben.
„Apropos Sergio …“, sagte ich.
„Ja, ja, er ist bestimmt gleich da. Ich soll mich solange gut um dich kümmern. Ich weiß auch wie. Meine Majka hat aus der Bäckerei einen Berg Quarkbällchen mitgebracht. Sie sitzt auf dem Balkon und raucht. Komm.“
Adrianas Mutter begrüßte mich wieder sehr freundlich, wirkte aber müde und niedergeschlagen. „Nehmt euch von dem Gebäck solange es noch frisch ist“, sagte sie, und wir verschwanden in die Küche.
„Wo ist Yvo?“, fragte ich, während ich mir ein Quarkbällchen nach dem anderen in den Mund stopfte. Adriana saß mir am Küchentisch gegenüber und aß genüsslich ein Schokocroissant.
„Mit Sergio Lego kaufen“, antwortete sie.
„Ist das jedes Wochenende so bei euch?“, fragte ich erstaunt. „Ich meine, geht Sergio jeden Samstag mit Yvo Lego kaufen?“
„Exakt! Jeden Freitag oder Samstag, je nachdem … und trägt ihn durch die halbe Stadt auf den Schultern …“, ergänzte Adriana grinsend. „Yvo hat bestimmt schon mehr Lego als Legoland!“ Sie kicherte los und ein Stück von ihrem Croissant flog knapp an meinem Gesicht vorbei. Ich musste unweigerlich losprusten. Adriana hielt erschrocken die Hand vor den Mund. „Oh, sorry …“
„Das geht doch bestimmt auch ganz schön ins Geld, oder?“, bemerkte ich anschließend.
Sie nickte verhalten, „Mhm …“, ging jedoch nicht weiter darauf ein, und zu ihrer Erleichterung - wie es mir schien - klingelte es in dem Moment an der Tür. Sie sprang auf und lief aus der Küche. Wenig später kam sie zurück und hatte ein Blitzen in den Augen. „Lexi, hast du Lust auf Kino heute Abend?“, fragte sie während sie noch im Türrahmen stand.
„Kino? Ja, warum nicht!?“
„Wenn ihr eure Lernstunde beendet habt, könnten wir gleich los. Wie lang macht ihr überhaupt?“
„Ich hab keine Ahnung“, sagte ich.
„Solange, bis Lexi es drauf hat!“, kam es von Sergio. Er stand plötzlich hinter Adriana. Yvo saß auf seinen Schultern und trommelte mit einem undeutlichen Singsang auf seinem Kopf herum. Wieder hatte Sergio eine große Tüte in einer Hand und mit der anderen hielt er Yvo am Bein fest.
„Hi, Lexi, ich bring Legoman in sein Zimmer, dann können wir anfangen, wenn du magst …“
„Ist gut …“, sagte ich und leckte schnell über meine mit Puderzucker bedeckten Lippen.
Sergio drehte sich vorsichtig um und verschwand mit dem singenden Yvo.
Adriana sah mich nachdenklich an. „Und was mach ich in der Zwischenzeit?“
„Schreib doch deine ganzen Ideen für dein Zimmer auf. Du kannst auch mal nach Geschäften googlen, wo man all das Zeug bekommt, das so ein Karibik Zimmer braucht.“
„Mhm.“ Sie setzte sich wieder mir gegenüber und betrachtete mich lange und eindringlich.
„Was?“, fragte ich verwirrt. Ihr nachdenklicher Blick klebte auf mir, als brüte sie einen Gedanken aus.
„Alle meine Befürchtungen werden wahr werden …“, unkte sie schließlich.
„Werden sie nicht, Janna. Wie war das noch mal ‚Beste Freundinnen’? Die lassen sich durch nichts unterkriegen.“
„Du hast was von einem Motivationstrainer, Lexi“, lachte sie los.
„Alles Übung“, sagte ich. „Wenn meine Mutter down war, musste ich sie wieder aufbauen und muss es immer noch und immer wieder.“
Sergio kam zurück in die Küche, öffnete den Kühlschrank, griff sich eine Flasche Saft heraus, trank sie fast leer, stellte den Rest zurück, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und knallte die Kühlschranktür wieder zu.
„Wir können …“, sagte er, während er zu uns an den Tisch kam und ein Quarkbällchen aus dem Karton fischte. Er warf es einen halben Meter in die Höhe und fing das runde Ding geschickt mit dem Mund wieder auf.
Er mampfte grinsend, während er uns erwartungsvoll ansah.
„Super, Sergio, damit kannst du sicher im Zirkus auftreten“, bemerkte Adriana belustigt.
„Wollt ihr meinen Trick mit der Schulter sehen?“, fragte er mit dem Schalk in den Augen. Adriana sah ihn mahnend an. „Nein! Wollen wir nicht! Du willst doch nicht, dass Lexi kotzen muss!“ Sie wandte sich an mich. „Ich geh in mein Zimmer, dann könnt ihr hier lernen“, sagte sie mit einem leicht gereizten Unterton und einem vieldeutigen Seitenblick zu ihrem Bruder.
„Ähm, wir lernen bei mir“, entgegnete Sergio auffällig gelassen, und ohne dabei irgendwelche Mätzchen zu machen.
Adriana sah ihn völlig perplex an … Ich war mir nicht sicher, ob sie ihm nicht gleich an die Gurgel springen würde.
„Du meinst … in deinem Zimmer?“, fragte sie ungläubig.
„Ja, und …?“ Sergio hob die Brauen und machte eine unbedarfte Miene.
„Ich dachte, da darf außer Yvo niemand rein, schon gar keine Tussi … `tschuldige Lexi, das geht jetzt nicht gegen dich, aber … Sergio wird seinen Prinzipien untreu“, sagte sie scharf.
Sergio seufzte laut. „Krieg dich ein, Janna. Mein Zimmer ist nicht der verbotene Tempel …“
„Nein, nur die ‚Danger Zone’ … Nimm dich in Acht, Lexi, du betrittst den Pfad zur dunklen Seite …“, sagte sie, zum Glück schon wieder in einem eher neckischen als ernsten Ton, und ich atmete tief durch.
Meine Nervosität kletterte stetig ihrem Höhepunkt entgegen …
Adriana sprang auf, nahm ihr Trinkglas und stolzierte aus der Küche. Wir hörten sie noch aus dem Flur rufen. „Okay, sagt Bescheid, wenn ihr fertig seid … Wir haben noch was vor, Lexi und ich …“
„Und was wollt ihr unternehmen?“, fragte Sergio interessiert.
„Ach, Janna schlug vor, ins Kino zu gehen.“
„Aha …“, meinte er mit einem undurchdringlichen Blick. „Besser wir fangen jetzt mal an …“,
Er stand auf, und ich folgte ihm. Im Flur stand mein Rucksack, den ich an mich nahm. Dann standen wir vor seiner Tür, das ‚Danger Zone’ Schild direkt vor meiner Nase.
„Keine Sorge“, lächelte er, „… es wird dir da drin schon nichts passieren …“, und schob die Tür auf. Er wartete bis ich eingetreten war, bevor er hinter sich die Tür wieder zuschloss.
Was hatte ich eigentlich erwartet?
Ich wusste es nicht so recht, auf jeden Fall nicht das, was sich da meinen Augen bot. Vermutlich hatte ich mit halbnackten Pin-Up-Girls an den Wänden oder Poster von Motorrädern und Sportautos gerechnet. Aber dieses Zimmer schrie danach, die Erde zu bereisen … angefangen mit der großen Weltkarte an der Wand über seinem Bett. Er hatte einen sehr schönen, modernen Schreibtisch aus Chrom und Glas mit einem flachen Computerbildschirm und einem großen Globus an der Seite, der offensichtlich leuchten konnte, wenn man den Schalter am Kabel umlegte. Über dem Schreibtisch hing ein eingerahmtes Bild eines Dschungels, vermutlich der Regenwald, und eins, das die Skyline einer Großstadt zeigte.
„Welche Stadt ist das?“, fragte ich, auch auf die Gefahr hin, mit meiner Bildungslücke blöd dazustehen.
„Die Skyline ist fiktiv … Ich hab das Foto selber gemacht“, antwortete er. Ich nickte anerkennend und sah mich weiter um.
Er setzte sich aufs Bett und beobachtete mich dabei, wie ich sein Zimmer inspizierte. Eine Regalwand mit Büchern und Zeitschriften zog mich magisch an. Ich las einige der Buch- und Zeitschriftentitel und stellte fest, dass vieles in Richtung Naturwissenschaften und Medizin ging. Da waren Titel darunter wie ‚Die Entstehung der Arten’, ‚Die Chaostheorie’ und ‚Das Asperger Syndrom“, was mir absolut nichts sagte. Er hatte auch einige Science Fiction Romane und ein paar Horror Klassiker wie Stevensons ‚Dr.Jekyl und Mr.Hyde’ und Mary Shelleys ‚Frankenstein’. Ich war mächtig beeindruckt. Ich drehte mich zu ihm um und musste ihn spontan anlächeln. Doch statt zurück zu lächeln, setzte er sich auf und sah auf seine Armbanduhr.
„Lass uns anfangen. Hol deine ganzen Unterlagen raus und zeig mir, wo es hakt …“
Ich hatte damit gerechnet, dass wir uns an den Schreibtisch setzen würden, aber Sergio meinte, es sei bequemer auf dem Bett, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt und die Beine ausgestreckt. Ich krabbelte also neben ihn und hoffte, dass er meine Nervosität nicht bemerkte.
„Wahrscheinlichkeitsterror, he?“ Er zog einen Mundwinkel hoch und sah mich belustigt an.
„Mhm.“
„Ganz einfach …“
Die ersten paar Minuten konnte ich an nichts anderes denken als an die Tatsache, dass ich neben ihm auf seinem Bett saß, sein kräftiger Arm und seine Schulter mich berührten, die Zimmertür verschlossen war, und diese anderen Mädchen aus der Schule, Adrianas „Hühner“, vor Neid ganz grün werden würden, wenn sie uns sehen könnten.
Sergio blieb konsequent beim Thema und holte mich ziemlich fix zurück in die Realität.
Okay, tief Luft holen … Ich war schließlich zum Lernen hier, ich sollte also die Chance gut nutzen.
Zu meiner großen Freude konnte er außerordentlich gut erklären. Ich war grenzenlos begeistert, dass ich endlich verstand, worum es ging und nicht mehr das Gefühl hatte, vor einem Buch mit sieben Siegeln zu sitzen.
Als wir genug gelernt hatten, lächelte er endlich wieder. „Ich bin mir sicher, du wirst im Test eine ziemlich gute Note kriegen“, prophezeite er mir.
„Ich hoffe es“, sagte ich.
„Noch ein oder zwei weitere Nachhilfestunden und du bist fit, würd’ ich sagen!“
„Danke, Sergio. Du rettest meinen Hals!“, sagte ich und begann, mein Zeug wieder einzupacken.
Das Klingeln seines Handys erfüllte den Raum. Er sprang auf und griff in seinen Rucksack, der auf dem Boden neben seinem Bett lag.
„Hey, Luka, was gibt’s, Mann? … Bin grad beschäftigt …“ Ganz eindeutig versuchte er seine Worte auffällig wenig zu betonen. Er stand nun mit dem Rücken zu mir am Fenster. „Wieviel? … Cool, Mann! Das ist `ne verdammt abgefahrene Steigerung … Klar bin ich dabei … Dann also bis morgen … Ja, klar, tschau, bis dann …“ Er sah sein Handy kurz nachdenklich an, bevor er es in seine Gesäßtasche gleiten ließ und sich umdrehte.
„Ich geh dann mal zu Janna“, sagte ich etwas betreten, da ich das Gefühl hatte, ihn bei einem Privatgespräch belauscht zu haben.
Er nickte. „Ja, gut. Dann euch viel Spaß im Kino!“
Ich zögerte bei der Überlegung, ob ich ihn jetzt schon wegen unserem nächsten Treffen fragen sollte, aber zum Glück kam er mir zuvor.
„Wieder nächsten Samstag bei mir?“
„Ja, wenn es dir nichts ausmacht“, gab ich erfreut zurück.
Er lachte kurz auf. „Warum sollte es mir etwas ausmachen?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht … Vielleicht hast du andere … wichtigere Dinge zu erledigen?“
Er ließ einige Sekunden, in denen wir uns schweigend ansahen, verstreichen, bevor er antwortete. „Wenn ich keine Zeit oder keine Lust hätte, mit dir zu lernen, hätte ich dir das Angebot erst gar nicht gemacht“, sagte er mit ernster Miene.
Ich nickte. „Also, danke noch mal. Das war ein super Crashkurs.“
Dann nahm ich meinen Rucksack und verließ sein Zimmer.
„In welchen Film sollen wir denn nun rein?“, fragte Adriana, aufgrund der großen Auswahl durchaus leicht verzweifelt. Wir standen vor den Kassen im ‚Karli Kino Center’ und konnten uns nicht entscheiden.
„Auf welches Genre hast du denn Lust?“, wollte ich wissen.
Sie rümpfte die Nase. „Egal, Hauptsache unterhaltsam.“
„Das können wir vorher aber nicht wissen“, gab ich ihr lachend zu verstehen.
„Okay, dann gehen wir einfach in den Film, der im größten Saal spielt“, schlug sie ganz ernsthaft vor.
Auf dem Weg zum Kino hatte sie mich tatsächlich gefragt, ob Sergio und ich in seinem Zimmer nur gelernt hätten. „Was denn sonst?!“, hatte ich entrüstet geantwortet, und sie hatte mich etwas bedröppelt angestarrt. Zu ihrer Erleichterung ließ ich sie wissen, dass Sergio sich tadellos benommen hatte und ganz klar kein Interesse an mir zeigte. „Und was ist mit deinem Interesse für ihn?“, fragte sie neugierig.
„Da hat sich … ähm … nicht viel geändert“, antwortete ich entsprechend den Tatsachen. Ich hoffte inständig, sie möge nicht weiter bohren, aber Adriana war noch nicht ganz zufrieden.
„Seit wann nicht viel geändert?“
„Wie meinst du?“
„Keine Ahnung!“
„Keine Ahnung?“
„Ich spinn nur rum …“
„Das tust du!“
Sie seufzte. „Ach, hör einfach nicht auf mich, und lass uns jetzt die Karten kaufen.“
„Gut. Und Janna?“
„Ja?“
„Ich find’s schön, dass wir zu zweit unterwegs sind.“
Der Film war ein amerikanisch-dänischer Klamauk, der so gar nicht unserem Humor entsprach. Hinterher musste ein nächtliches Eiscafe das Fiasko vergessen machen.
„Wenn du willst, kannst du ruhig bei mir übernachten“, bot mir Adriana an. Und ich sagte ohne zu zögern freudig zu.
Da wir so entspannt bei einem Eisbecher ‚De Luxe’ zusammen saßen, nahm ich allen Mut zusammen und fragte sie nach Dingen, die mir bei ihrer Familie ein Rätsel waren. Ich wusste ja inzwischen, dass ihre Mutter jedes Wochenende in einer Bäckerei arbeitete. Das war aber auch schon alles an Einkommen, das sie selbst verdiente. Wie also wurden all die teuren Möbel, die tollen Klamotten und Schuhe – nicht nur von Adriana – das ganze Lego Zeugs für Yvo und die neuwertigen High Tech Geräte bezahlt? Ganz zu schweigen mal von der Miete und den Unterhaltskosten?
Adriana zögerte lange, bis sie sich dazu durchrang, ehrlich zu antworten. Sie verriet mir zwar, dass ihre Mutter zusätzlich vom Staat Geld bezog, dieses Geld konnte aber weder vorn noch hinten ausreichen, um ihnen diesen Lebensstandard zu ermöglichen. Ich hakte also nach, und sie druckste herum, erzählte zuerst was von Kindergeld und gelegentlichen Schecks, die von ihrem Vater kämen, aber schließlich rückte sie damit heraus, dass Sergio auch regelmäßig Geld rein brachte. Meine nächste logische Frage war unweigerlich, wie er das denn machte? Adriana seufzte und presste die Lippen aufeinander. Dann sagte sie: „Lexi, bitte … frag ihn selber. Wenn er es dir sagt … gut … wenn nicht … frag nie wieder.“
Okay, alles klar …
Ich war schließlich nicht so naiv, dass ich nicht eins und eins hätte zusammen zählen können. Irgendetwas war da mächtig merkwürdig bei den Lovic’.
„Gut, dann frag ich ihn beim nächsten Mal, wenn ich ihn sehe“, sagte ich. Adriana schwieg beharrlich.
Als wir wieder bei ihr zuhause waren, war Sergio ausgeflogen, und ich bekam ihn auch am nächsten Tag nicht zu Gesicht. Wir frühstückten ohne ihn. Bis Mittag ging ich mit Adriana ihre ‚Karibik Projekt’ Liste durch und machte mich anschließend auf den Nachhauseweg. Ich spürte deutlich die Enttäuschung in mir, Sergio nicht noch einmal gesehen zu haben. Aber ich würde ihn ja am nächsten Tag in der Schule sehen … dachte ich zumindest …
Leider war dem nicht so.
Und es wurde auch nicht besser, denn schon wieder fehlte er mehrere Tage hintereinander, ohne dass Adriana mir eine klare Antwort geben wollte. Sie wich mir geschickt aus und behauptete, es sei sicher Zufall, dass wir ihm nicht begegneten. Auf jeden Fall sei er in der Schule … Aber ich hatte da meine starken Zweifel …
Wenigstens war das Gerede, das Mark nach der Strandparty mit dem Gerücht über Sergio und mich ins Rollen gebracht hatte, schon fast verklungen. Soweit die guten News …
Am Freitag schließlich ließ Sergio sich doch noch in der Mensa blicken, mit dunkler Sonnenbrille und einer Verschorfung am Mundwinkel, als hätte er dort eine Verletzung erlitten, die bereits am Abheilen war.
Adriana und ich hatten uns diesmal zu einer Gruppe von Mädchen aus unsere Klasse gesetzt, weil sie uns heftig darum gebeten hatten. Ich hegte die Vermutung, dass es sich um eine Art unausgesprochene Entschuldigung für das vergangene Getuschel über mich handelte.
Sergio ließ seinen von der Sonnenbrille verborgenen Blick durch die Reihen wandern. In diesem Augenblick begann mein Herz doppelt so laut wie vorher zu klopfen. Er sah nun ganz eindeutig in unsere Richtung und begann, zielstrebig auf unseren Tisch zuzukommen. Die Gespräche der Mädchen brachen ab, und sie beobachteten ihn mit hoffnungsvollen Gesichtern. Ich fragte mich, was wohl in ihren Köpfen vorging, wenn sie diese Kleinmädchen Blicke aufsetzten.
Adriana sah mich fragend an, und ich zuckte mit den Schultern.
Als Sergio vor unserem Tisch stand, hielten wir alle - bis auf Adriana - gespannt die Luft an.
„Lexi, hast du mal kurz Zeit?“, fragte er. Ich sah unsicher zu Adriana, die sich aber ganz offensichtlich nicht in die Situation einmischen wollte und nur stumm die Brauen hob.
„Ja, was ist denn?“, fragte ich ihn.
„Komm mit nach draußen, ja?“ Nach dieser Aufforderung drehte er sich um und ging wieder Richtung Ausgang. Ich machte Adriana gegenüber eine ahnungslose Miene und stand auf, um Sergio zu folgen.