Party …

 

Ich musste wohl doch noch eingeschlafen sein, denn als ich am nächsten Morgen die Augen aufschlug und in den neuen Tag blinzelte, fühlte ich mich frisch und ausgeruht. Um mich herum herrschte ein Meer aus Rosa, die Sonne strahlte ins Zimmer, die schwüle Luft hatte merklich zugenommen, und Adrianas Seite war leer! Sie war offensichtlich aufgestanden, ohne dass ich es mitbekommen hatte. Ich musste demnach ziemlich tief geschlummert haben.

Das komische Hochgefühl, das mich in den Schlaf begleitet hatte, war immer noch da, und meine Laune war bestens.

Ich schwang mich aus dem Bett und schlüpfte in meine Shorts, streifte mein leicht verschwitztes Schlafshirt über den Kopf, zog schnell mein T-Shirt an und suchte in meiner Umhängetasche nach meinem Handy, um die Uhrzeit zu checken. In diesem Moment steckte Adriana den Kopf durch die Tür, und als sie mich sah, kam sie erfreut hereingehüpft. „Schön, die Langschläferin ist auch wach. Guten Morgen!“, lachte sie. Sie trug ein geblümtes Flatterkleidchen und hatte ihre Haare hochgesteckt.

„Morgen, Janna, ich wollte grad nach der Uhrzeit sehen.“

Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Auf jeden Fall Zeit für Frühstück!“

Ich fingerte endlich mein Handy heraus und war perplex, als ich feststellte, dass es bereits elf Uhr dreißig war.

„Ich hab dir Handtücher ins Bad gelegt, beeil dich, falls du noch duschen willst. Yvo sitzt schon am Tisch, der wird langsam ungeduldig. Okay, ich geh mal den Kaffee umfüllen.“ Adriana verschwand so schnell wie sie aufgetaucht war.

Oh, Gott, jetzt erst fiel mir die versprochene SMS an meine Mutter ein! Vor lauter Aufregung gestern Abend hatte ich sie vollkommen vergessen. Schnell tippte ich im Telegrammstil, dass es mir super ging, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchte und ich mich wieder melden würde.

Ich packte mein Handy weg und machte mich mit meinem Waschzeug, sauberem T-Shirt und Unterwäsche auf den Weg zum Badezimmer. Gerade wollte ich die halb verschlossene Tür aufdrücken, da öffnete sie sich wie von selbst und Sergio stand vor mir …

Er schien im ersten Moment mindestens genauso überrascht zu sein wie ich. „Ähm, Morgen …“

Wir standen beide reglos da.

„Gut geschlafen?“, fragte er.

Ich machte einen Schritt zur Seite. „Danke, sehr gut sogar“, nuschelte ich und sah dabei nur kurz zu ihm auf.

Er hatte ein Handtuch um die schmalen Hüften gewickelt, und seine bronzene Haut und die Haare waren noch feucht vom Duschen. Ein Wassertropfen rann gerade seine straffe Bauchdecke herab und in den Bauchnabel hinein. Jetzt sah ich auch die beiden Schlangen in ihrer vollen Pracht. Sie glänzten in grünen, roten und gelben Farben, ihre Schuppen und die herausgestreckten, gespaltenen Zungen waren deutlich zu erkennen.

Sergio verbreitete den typischen, frischen Duft nach Duschgel und Shampoo. Mit einem schiefen Grinsen und einem Augenzwinkern stapfte er schließlich an mir vorbei und in sein Zimmer.

Ohne zurückzublicken ging ich ins Bad und atmete erst mal tief durch. Als ich unter der Dusche stand, musste ich immer wieder an seinen beeindruckenden Körper denken. Plötzlich überraschte ich mich selbst mit der unanständigen Frage, wie es wohl wäre, mit der flachen Hand über seine Brust und seinen Bizeps zu streichen … Ein Schamgefühl kam in mir hoch. Ich wollte ihn nicht gut finden. Auf gar keinen Fall! Er war kein Typ, den ich gut finden durfte. Außerdem war er der Bruder meiner neuen - vielleicht bald besten - Freundin. Es war also absolut und dringend notwendig, dass ich mich zusammenriss, was Sergio Lovic anging.

Als ich frisch geduscht in der Küche erschien, saßen alle drei Geschwister schon am Tisch, nur ihre Mutter war nicht anwesend.

„Sie arbeitet samstags und sonntags in einer Bäckerei“, klärte mich Adriana auf.

Alle Fenster in der Küche waren weit aufgerissen, aber es war dennoch so drückend heiß, dass wir auf der Stelle schwitzten.

Yvo murmelte wieder sein Tischritual und tippte dabei mit dem Zeigefinger gegen seine Wange.

Sergio sah mich fragend an. „Kaffee? … Oder Kakao?… Oder bist du etwa Teetrinkerin?“

Ich schüttelte den Kopf und setzte mich neben Adriana. „Kakao, bitte“, sagte ich.

Sergio grinste. „Siehst du!“ Selbstgefällig sah er seine Schwester an. Adriana machte eine Grimasse und seufzte. „Er hatte gewettet, dass du Kakao sagen würdest …“, verriet sie mir, während sie mir den Brotkorb hinhielt

Sergio erhob sich ein wenig von seinem Stuhl und goss meine Tasse voll.

Ich bedankte mich und bekam dafür ein ziemlich umwerfendes Lächeln, das ich nicht erwiderte.

„Frühstück ist bei uns Pflichtprogramm, seit Sergio auf dem Gesundheitstrip ist“, bemerkte Adriana mit einem neckischen Seitenblick zu ihrem Bruder.

Sergio wandte sich Yvo zu, der mittlerweile ungeduldig mit dem Oberkörper hin und her schaukelte, und bestrich sein Brot mit Schokoladen-Creme. Anschließend zerschnitt er es in vier gleich große Teile.

Yvo hörte auf zu schaukeln und nickte zufrieden. „Gut, gut, gut, gut. Vier ist gut. Vier Viertel!“, sagte er monoton. „Vier Viertel, acht Achtel, zwei Halbe, aber vier Viertel ist gut. Zwei Halbe ist nicht so gut wie vier Viertel …“ Sergio strich ihm einmal zärtlich über den Kopf. „Ja, vier Viertel, so wie du es magst, jetzt iss, Yvo“, sagte er mit einer sanften Stimme, auf die sein kleiner Bruder sofort hörte.

Sergio trank einen Schluck von seinem Kaffee und lehnte sich zurück. „Janna …?“, sagte er und hob die Brauen.

Adriana sah ihn skeptisch an. „Was?“

„Ich geh nachher den Wagen holen.“

„Und?“

Sergios Blick hüpfte zwischen Adriana und mir hin und her. „Ich dachte …“ Jetzt sah er mich erwartungsvoll an: „Lexi … hast du Lust, mich zu begleiten?“

Doch Adriana schüttelte empört den Kopf. „Kommt nicht in Frage, Sergio, spinnst du?“

„Ich hab Lexi gefragt, nicht dich“, entgegnete er gelassen.

Was für eine Frage! Natürlich würde ich ihn nicht begleiten, er musste das eigentlich wissen. Wollte er nur meine Reaktion sehen?

„Nein, ich bleib lieber bei Janna und Yvo.“, sagte ich und versuchte, entschlossen auszusehen.

„Ja, wir haben Mädchenkram zu erledigen, alles klar?“ Adriana kniff die Augen zusammen. „Welcher Kumpel ist das überhaupt mit dem Wagen? Seit wann fahren deine Kumpels Cabrio?“

Sergio rieb sich den Nacken. „Hast recht, ist mehr ein … sagen wir … ein Bekannter.“

Adriana ließ nicht locker. „Und woher kennst du ihn? Warum leiht der dir seinen teuren Wagen?“

Ich schlürfte meinen Kakao, während ich die Unterhaltung der beiden interessiert verfolgte.

„Und warum stellst du so viele Fragen?“, konterte Sergio diesmal.

„Weil ich neugierig bin …“

„Ach … dann hör auf, neugierig zu sein …“ Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und die Augen weit aufgerissen.

„Mit dir kann man nicht vernünftig reden“, grummelte Adriana und schmiss mit einem Brotstück nach ihrem Bruder.

Er lachte laut und hielt schützend die Arme vor’s Gesicht. „Siehst du, Lexi, so ist Janna: aggressiv und gewalttätig.“ Adriana tat so, als würde sie ihn wieder bewerfen wollen, lachte aber ebenfalls, und Yvo klatschte mit einem todernsten Gesichtsausdruck in die Hände.

„Yvo freut sich, seht ihr?“ Sergio klatschte erfreut mit. „Yvo, Legozeit?“, fragte er, und Yvo fing wieder an: „Legozeit. Jetzt Legozeit. Zeit für Lego, Zeit für Lego …“, sagte er immer und immer wieder.

Sergio erhob sich von seinem Platz und stöhnte. „Ich hab das Gefühl, die angekündigten achtunddreißig Grad haben wir jetzt schon. Ich würd mich am liebsten in Eiswasser stürzen! Yvo komm mit, wir bauen jetzt den Starfighter auf …“ Yvo ließ sich das nicht zweimal sagen.

Gegen vierzehn Uhr kam Adrianas Mutter nach Hause und brachte einen Karton voller Kuchen- und Tortenstücke mit. Sie rief uns alle in die Küche, um sie uns zu präsentieren.

„Die sind fast zu schön, um gegessen zu werden“, sagte sie mit seitlich geneigtem Kopf und einem Schmunzeln im Gesicht. Adriana und ich mussten ihr recht geben. „Das sind kleine Kunstwerke, Frau Lovic“, sagte ich staunend.

„Lexi, nenn mich doch einfach bei meinem Vornamen. Ich heiße Jelena“, sagte sie.

Sergio, der die ganze Zeit mit Yvo im Zimmer gespielt hatte, verabschiedete sich von uns. „Wenn ich zurück bin, fahren wir gleich los“, rief er noch, bevor er die Wohnungstür hinter sich zuzog.

 

„So, Lexi, welches Kleid willst du nun anziehen? Das blaue oder das grüne, hm?“ Adriana hielt die beiden Kandidaten, die als Sieger der gestrigen Modenschau hervorgegangen waren, in die Höhe und erwartete eine Entscheidung von mir.

„Wie bin ich nur in diesen Film geraten?“, jammerte ich, während ich mich im Sitzsack lümmelte. Adriana stand gestrafft und streng da wie ein Drill-Seargent. Sie meinte es wirklich ernst. Dabei machte ich mir doch nichts aus Kleidern, sie standen mir einfach nicht und waren unpraktisch.

„Lexi, wähl endlich eins aus … bitte. Das kann doch nicht so schwer sein!“

„Ja, ja. okay“, gab ich nach.

Man sollte einer guten - vielleicht schon besten - Freundin hin und wieder mal einen Gefallen tun, oder?

„Dann zähl ich aus. Enemenemuundwegbistdu … also das grüne.“

Adriana strahlte zufrieden über das ganze Gesicht. „Jetzt lass uns umziehen. Die Badesachen ziehen wir am besten gleich drunter“, sagte sie aufgeregt.

Ihre ganze Styling Mühe war der Hoffnung auf einen Flirt mit Joshua Meyer geschuldet. Ich hingegen machte mir keine Illusionen, was meine Flirtchancen anging, freute mich aber auf eine hoffentlich nette Stimmung, den kühlen Wannsee und viel gute Tanzmusik.

„Wow, Lexi, schau dich an!“ Wir standen im Bad vor dem großen Spiegel. Adriana versuchte mich gerade davon zu überzeugen, wie gut mir das Kleid und die Schminke, die sie mir aufgetragen hatte, standen. Ich hatte dennoch keine richtige Meinung dazu, fühlte mich aber wenigstens nicht so unwohl, wie ich befürchtet hatte. Das Kleid war nett: mintgrün, luftig mit schmalen Trägern und Knopfleiste vorne. Es ging mir in der Länge bis kurz über die Knie.

„Ich hoffe, du hast passende Schuhe dabei?“, fragte Adriana mit Sorgenfalten auf der Stirn.

„Meine Flip Flops?“

„Lexi, du bist nur mit Flip Flops gekommen?“

„Hm:“

„Ich flipp floppe aus! Komm, wir schauen mal, welche von meinen Schuhen dir passen könnten.“

Ich staunte nicht schlecht! Sie hatte einen ganzen Schuhschrank für sich alleine und sortierte alle Sommerschuhe heraus, die ihr zu knapp waren. „Vielleicht passen dir von diesen hier welche, probier mal …“

Recht schnell fanden wir ein Paar grüne Sandalen mit etwa fünf Zentimeter hohen Absätzen, die auch mit dem Kleid gut harmonierten.

Jetzt hatte ich aber wirklich genug. Auch Adriana schwitzte und stöhnte. „Die Hitze wird immer schlimmer. Lass uns in der Küche was trinken.“

Wir löschten unseren Durst mit kalter Limonade, packten anschließend unsere Rucksäcke und kaum waren wir fertig, klingelte Adrianas Handy.

„Es ist Sergio“, nuschelte sie nach einem Blick aufs Display und nahm den Anruf an.

„Hm … okay … ja, alles klar … Willst du Mama sprechen? Gut, wir sind gleich da.“ Sie legte auf. „Es geht lo-os“, trällerte sie fröhlich.

Wir verabschiedeten uns von Jelena, die auf dem Balkon eine Zigarette rauchte. „Viel Spaß“, sagte sie. Mehr nicht. Sie schien mit den Gedanken ganz weit weg zu sein.

 

Unsere Kinnladen fielen beinah zu Boden, als wir vor dem dunkelrot glänzenden BMW Cabrio standen, der in zweiter Spur hielt. Sergio saß im Fahrersitz wie James Bond persönlich, die dunkle Sonnenbrille auf der Nase, den Arm lässig auf der Tür abgelegt und mit einem zufriedenen schiefen Lächeln im Gesicht, als gehörte ihm die ganze Welt.

„Springt endlich rein, ich werd hier noch alt“, rief er und startete den Motor. Der Wagen heulte auf.

Wir hüpften auf die Hintersitze, schnallten uns aufgeregt an und los ging’s … erstmal durch die verkehrsdichten Straßen von Kreuzberg.

Kein Kopf, der sich nicht nach uns verdrehte.

Adrianas langes schwarzes Haar wehte im Fahrtwind wie eine Fahne, und Sergio wippte mit dem Kopf zu den Beats aus dem Radio.

Der Wagen war toll, keine Frage. Sein Besitzer musste enormes Vertrauen in Sergio haben, dass er ihm sein teures Baby so einfach überließ.

Unterwegs sangen Adriana und ich bei den Songs, die wir kannten lauthals mit, und Sergio schüttelte über unser talentfreies Gekreische nur grinsend den Kopf.

Als wir auf der Stadtautobahn waren, versuchte er so ziemlich jedes Fahrzeug zu überholen, das ihm in die Quere kam. Oh Gott, dachte ich, hoffentlich kommen wir heil an.

Ein blauer Ford musste unserem Cabrio auf die rechte Spur ausweichen. Der Fahrer zeigte Sergio den Mittelfinger und schimpfte heftig, was man an seinen zuckenden Lippenbewegungen unmissverständlich erkennen konnte.

„Sergio, du fährst wie ein Henker!“, rief Adriana lachend.

„Ich würd eher sagen wie der Teufel?“, lachte er.

Durch den Rückspiegel warf er mir einen schnittigen Blick zu, der sofort ein Kribbeln in meinem Bauch verursachte. Zum ersten Mal lächelte ich offen zurück.

„Was magst du denn für Musik, Lexi?“, rief er nach hinten. Adriana kam mir zuvor. „Sie steht bestimmt auf Justin Bieber, hab ich recht?“ Sie gab mir einen leichten Knuff auf den Oberarm und fiel in schallendes Gelächter. Ich grinste breit und rollte mit den Augen. „Na klar, ich liebe Justin Bieber! Wer ist das eigentlich?“

„Komm schon, Lexi, gib es zu …“, neckte mich Adriana weiter. Das Radio war laut aufgedreht, der Fahrtwind heulte in unseren Ohren und die anderen Fahrzeuge um uns herum taten ihr Übriges, was den Umgebungslärm anbelangte.

„Ich mag Maverick Sabre“, rief ich laut, damit Sergio es vorne hören konnte.

Riesengroße, schwarze Augen blickten mich erstaunt durch den Rückspiegel an. „Was wirklich? Das ist echt cool. Ich hab die CD von ihm“, rief er. Ich lächelte erfreut. Das war wirklich cool.

„Er schlägt sich die Nächte mit Musikhören um die Ohren“, frotzelte Adriana.

„Übertreib mal weiter“, wehrte sich Sergio.

Und dann kam ‚Mr. Saxo Beat“ im Radio und Adriana und ich sangen - nein, grölten - voller Begeisterung laut mit.

Endlich kam die Ausfahrt ‚Spanische Allee’, und irgendwann waren wir auf dem ‚Wannseebadweg’. Wenig später bog Sergio zweimal links ab und wir waren am Ziel.

 

Sergio telefonierte mit den Ruderjungs und ließ sich genau den Weg beschreiben, den wir nehmen mussten, um zu den anderen zu stoßen. Wir kamen gratis durch den Eingang, da wir ja auf der Gästeliste standen, liefen noch ein Stück den Strand entlang, bis wir schließlich beim Sonnendeck ankamen.

„Wer zahlt denn dieses ganze Event eigentlich“, fragte ich. Adriana zuckte ratlos mit den Schultern.

„Die Ruderer haben, so weit ich weiß, alle zusammengelegt und noch `n bisschen hier und da gesammelt“, antwortete Sergio auf meine Frage.

Die Partymusik dröhnte uns schon mega laut entgegen. Dancefloor Stücke aus den Charts. Es waren auf den ersten Blick schon ziemlich viele Leute da, einige Gesichter erkannte ich sogar. Die meisten liefen bereits in ihren Badeklamotten herum, tanzten oder unterhielten sich in Grüppchen. Einige saßen auf dem Strandabschnitt im weichen Sand oder lagen auf ihren Handtüchern und ließen die heiße Sonne auf ihre Haut knallen.

Das Sonnendeck war exklusiv für die Saisonparty der Ruderriege gebucht. Es gab ein Riesenbuffet mit gegrilltem Fleisch und Gemüse, jede Menge verschiedener Salate und eine Getränketheke, hinter der zwei junge Kellner mit weißen Cappys standen. Ich war überrascht zu sehen, dass neben verschiedenen Säften auch Bier und Wein ausgeschenkt wurde.

Adriana und ich folgten Sergio, der zielstrebig vorausging. Er trug wieder seine khakifarbenen Army Bermudas und ein weißes Hemd mit feinen Längsstreifen, dessen kurze Ärmel er bis auf die Schultern hoch gekrempelt hatte. Mit der linken Hand hielt er einen prallen Lederrucksack, als wöge der nur wenige Gramm.

Als seine Ankunft bemerkt wurde, kamen Begrüßungsrufe von allen Seiten. Zwei Mädchen in Bikinis rannten kreischend auf ihn zu, und jede hakte sich bei ihm unter. Sergio lächelte uns kurz über die Schulter zu und verschwand in der nächsten Sekunde in einer Traube von Leuten, die ihn wie eine Welle von uns weg zogen.

„Am besten wir holen uns erst mal was zu trinken“, schlug Adriana vor, „… ich bin so durstig, ich könnte einen Eimer Wasser leer saufen.“

Ich war absolut ihrer Meinung.

Der Schweiß rann mir immer stärker den Nacken herunter, mein Mund war ausgetrocknet und meine Kehle ganz rau. Die Stelle am Rücken, gegen die mein Rucksack drückte, war schon ganz nass geschwitzt. In meinen Sandalen drückten Kieselsteine gegen meine Fußsohlen. Die ersten Bläschen schienen sich bereits zu bilden.

Es war höchste Zeit, sich in die Annehmlichkeiten, die die Party hoffentlich bot, zu stürzen.

Auf dem Sonnendeck konnten wir uns mit unseren Getränken unter einen Sonnenschirm setzen und erst mal erfrischen und Luft holen. Wir tranken eiskalte Apfelschorle, ließen uns dreimal nachschenken, bis der quälende Durst endlich gelöscht war. Adriana scannte aufgeregt durch die Menge auf der Suche nach Joshua Meyer, und ich versuchte, Sergio auszumachen, konnte ihn aber nirgends entdecken. Sicher war er wieder mit einem Haufen weiblicher Fans schwer beschäftigt. Sowohl der Gedanke als auch die Bilder, die vor meinem geistigen Auge auftauchten, missfielen mir. Ich konnte dieses nervige Gefühl nicht abschütteln.

Eine wirkungsvolle Ablenkung war dringend notwendig

„Ich würde gern ins Wasser“, sagte ich zu Adriana. Sie nickte leicht abwesend. Ihrem enttäuschten Blick nach war sie noch nicht fündig geworden, was Joshua anbelangte.

„Okay, gehen wir, mir ist tierisch heiß, und ich schwitze wie ein Schwein“, sagte sie.

Ein Glück fiel mir rechtzeitig ein, dass ich noch keinen Sunblocker aufgetragen hatte. Bei meiner hellen Haut war das schwer fahrlässig und konnte in einer üblen Sonnenbrand-Katastrophe enden. Nachdem wir uns ein Plätzchen ausgesucht hatten, wo wir Adrianas Liegedecke ausbreiten konnten, zogen wir unsere Kleider aus, cremten uns gegenseitig ein und rannten endlich ins Wasser.

Unsere Laune verbesserte sich schlagartig …

Trotz der brüllenden Hitze war der See so kühl, dass man beim Reingehen kurze Schauer verspürte, doch schon im nächsten Moment war es herrlich erfrischend und wohltuend. Wir schwammen ein Stück hinaus, ließen uns auf dem Rücken treiben und schwammen nach einer Weile langsam wieder zurück zum Ufer. Als wir stehen konnten und uns das Wasser bis zur Brust ging, blieben wir im kühlen Nass. Natürlich unterhielten wir uns über Adrianas dringlichste Frage: War Joshua schon gekommen? Und wenn nicht, würde er noch kommen?

„Bestimmt kommt er! Vielleicht ist er längst da“, versuchte ich sie aufzumuntern. Sie machte eine langsame dreihundertsechzig Grad Drehung wie ein Leuchtturm Scheinwerfer und ließ ihren suchenden Blick durch die Umgebung streifen.

„Ich geb’s auf“, seufzte sie. „Ist ja wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen!“

Lautes Wasserplätschern ließ uns schlagartig umdrehen. Zwei Typen kraulten, wie um die Wette, auf uns zu, und ich erkannte Mark von der Ruderriege, der uns persönlich zur Party eingeladen hatte.

Erschrocken versuchten wir aus ihrer Spur zu weichen, aber kurz bevor sie mit uns kollidierten, stoppten sie abrupt und stellten sich hin.

Mark baute sich vor uns auf wie Poseidon. „Hi, Ladies!“, sagte er mit einem Strahlen in den Augen, als wäre er auf einen Schatz gestoßen. Ich hatte bisher gar nicht registriert, wie groß und muskulös er war, ebenso sein Kumpel. Rudern schien ihre Körper extrem gut zu trainieren. Sie sahen aus wie olympiataugliche Sportler.

Adriana machte große Augen. „Hi! … Mark, stimmt’s?“

„Ganz genau, und das ist Erik“, sagte er.

Es war komisch im Wasser zu stehen und sich mit diesen ‚Schränken’ bekannt zu machen. Ich fühlte mich unwohl, aber Adriana schien nichts dagegen zu haben, ganz im Gegenteil. Sie ließ sich von der plötzlichen Präsenz geballter Männlichkeit nicht einschüchtern.

„Wart ihr schon auf dem Sonnendeck?“, wollte Mark wissen.

„Nur kurz“, sagte Adriana mit einem Seitenblick zu mir, den ich nicht recht deuten konnte.

Erik tauchte plötzlich im Wasser unter und kam mit zurück geklatschten Haaren wieder zum Vorschein. „Habt ihr Lust mit uns was zu trinken?“, fragte er. Seine leuchtend blauen Augen fixierten Adriana erwartungsvoll, während Mark zu mir herabgrinste, als amüsiere ihn meine Verlegenheit.

„Ja, warum nicht“, sagte Adriana zu meiner Überraschung. Ich sah sie etwas verwundert an. Sie machte große, auffordernde Augen. „Hast du Lust, Lexi?“, fragte sie mich, was allerdings mehr nach einer klaren Bitte klang.

„Ja, na klar“, antwortete ich, obwohl ich eigentlich kein großes Interesse verspürte, weder zu Mark noch zu Erik näheren Kontakt herzustellen. Doch andererseits war das hier eine Party. Die beiden schienen auf den zweiten Blick ganz nett, und zudem war von Sergio weit und breit nichts zu sehen. Er hatte uns einfach stehen lassen und sich ins Getümmel gestürzt. Ich ärgerte mich schon wieder … über ihn … und erst recht über mich, weil ich mich … über ihn ärgerte, wo er mir doch eigentlich gleichgültig sein sollte.

„Geht schon mal vor. Lexi und ich kommen gleich nach“, sagte Adriana zu unseren beiden Sportlern, die das restliche Stück bis zum Ufer tauchend zurücklegten.

„Die beiden sind gar nicht so übel …“ Adriana beobachtete Mark und Erik mit einem musternden Blick, wie sie aus dem Wasser stapften und ans Ufer traten.

Ich sah sie kopfschüttelnd an, und dann prusteten wie dermaßen los, dass wir uns fast nicht mehr beruhigen konnten.

Als unser Lachflash endlich vorbei war, fragte Adriana, wie lang wir die Jungs warten lassen sollten.

„Von mir aus können wir jetzt raus. Ich könnte was zu essen vertragen“, antwortete ich.

„Und ich ein Bier“, stöhnte sie und hatte wieder diesen bedrückten, suchenden Blick.

„Janna“, sagte ich, „lass dich nicht runterziehen wegen Joshua.“

Sie sah mich nachdenklich an. „Du hast so recht“, sagte sie daraufhin. „Es sind schließlich noch viele andere Fische im Wasser. Ich sollte aufhören, immer nur nach dem einen angeln zu wollen.“

Am Strand trockneten wir uns ab, packten unsere Sachen und machten uns auf zum Sonnendeck, wo Mark und Erik auf uns warteten. Ich band mir auf dem Weg ein Handtuch um die Hüften, womit ich mich gleich viel wohler fühlte.

Inzwischen war das Sonnendeck sehr voll. Viele tanzten, während andere sich über das Buffet und die Getränke hermachten.

Mark und Erik besorgten uns Drinks: Bier für Adriana und Apfelschorle für mich.

„Trinkst du denn gar kein Alkohol?“, fragte Mark ungläubig. Wir standen dicht nebeneinander unter einem riesigen Sonnenschirm, und ab und zu streifte er meinen Arm mit seinem Ellbogen. Ich konnte nicht sagen, ob es Zufall oder Absicht war.

„Nein … nicht so gerne“, antwortete ich knapp.

Er hob skeptisch die Brauen. „Und was ist mit Wein? Es gibt auch Wein. Ich hol dir ein Glas, wenn du möchtest.“

Ich überlegte.

Wieso überlegte ich?

Als hätte mich plötzlich der Teufel geritten, sagte ich: „Okay, gerne.“

Sichtlich erfreut über meine Antwort schritt Mark davon. Adriana hatte nichts mehr halten können, und sie war zum Tanzbereich geeilt. Sie tanzte inzwischen mit Erik und vielen anderen, und schien sich gut zu amüsieren. Ich drehte mich um und genoss den Panorama Blick auf den Wannsee, ließ meine Augen über den Strand wandern und … entdeckte Sergio …

Mein Herzschlag beschleunigte sich sofort.

Er kam gerade aus dem Wasser … zusammen mit einer Bikini Schönheit mit langen, hellblonden Haaren. Sofort war mir klar, um welches Mädchen es sich handelte. Ich war ihr mal nach Schulschluss begegnet. Sergio war ihr hinterher gerannt, nachdem sie ihn mit einem alles sagenden Blick angelächelt und mit ihren Kurven angelockt hatte.

Sergio trocknete sich ab, während die Blondine neben ihm stand und auf ihn wild gestikulierend einredete. Zu gern hätte ich gehört, worum es ging. Gespannt beobachtete ich die Szene weiter. Sergio nahm seinen Rucksack hoch und marschierte los, ohne sich umzudrehen, während das Mädchen ihm offensichtlich sehr verärgert irgendetwas hinterher rief. Wütend stampfte sie mit einem Fuß auf, packte ihr Zeug und lief in eine andere Richtung davon. Sergio marschierte auf das Sonnendeck zu. Ich drehte mich schnell um, weil ich plötzlich fürchten musste, er könnte entdecken, dass ich ihn von hier oben aus beobachtet hatte wie ein Voyeur. Dabei wäre ich beinah gegen Mark geknallt, der plötzlich mit einem Glas Rotwein vor mir stand und noch rechtzeitig einen Schritt rückwärts machen konnte.

„Oops, grad noch gut gegangen. Hier, Lexi, dein Drink.“ Er reichte mir das Glas, das mehr eine Art Plastik war. Ich nuschelte verlegen ein „Danke Schön“ und nippte gleich an dem Wein, als wäre ich es längst gewohnt, welchen zu trinken. Mein Herz trommelte aufgeregt und meine Augen warteten gespannt darauf, dass Sergio auf dem Sonnendeck erschien.

„Seit wann bist du in der Ruderriege“, fragte ich mehr aus Höflichkeit als aus Neugier.

Marks Gesicht hellte sich auf. „Oh, seit drei Jahren etwa“, sagte er. „Ich war zuerst auf einer anderen Oberschule, wo ich im Ringerteam war. Dann hab ich die Schule gewechselt und konnte nur zwischen Rudern und Fußball wählen.“

„Aha …“

Da war er!

Seine schwarzen Haare glänzten wie frischer Teer, und die Tattoos wirkten unter dem hellen Sonnenlicht noch leuchtender.

Unsere Blicke trafen sich sofort. Er registrierte auch Mark und kam mit einer ernsten Miene auf uns zu.

„Hey, Lexi, nimm dich in Acht, unter seinem Menschenkostüm steckt ein eklig schleimiges Alienmonster, das nur auf eine Gelegenheit wartet, dich mit Haut und Haaren zu fressen!“

Er stellte sich wie selbstverständlich zwischen uns, und sah mich eindringlich an.

„Sergio, wo hast du denn dein Harem gelassen?“; stichelte Mark, bekam aber keine Antwort und verstummte.

„Mark hat mir ein Glas Wein besorgt … zum Probieren …“, gluckste ich.

Sergio stellte seinen Rucksack ab und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wie nett von ihm“, entgegnete er mit einem kühlen Grinsen. Ich fragte mich, ob ich mir den ironischen Unterton in seiner Stimme nur eingebildet hatte.

Irgendwie lag plötzlich eine Anspannung in der Luft.

„Okay, ich geh mal bisschen zappeln …“ Mark drehte sich um und verließ etwas hastig unsere kleine Runde.

„Der Typ ist mit Vorsicht zu genießen, Lexi, lass dir das gesagt sein.“ Sergio sah mich warnend an.

„Ach … und weshalb?“

„Weil ich’s dir sage!?“

„Was ist das für eine bescheuerte Antwort?“, empörte ich mich.

„Es ist eine ziemlich gute Antwort“, behauptete er.

Ich zuckte mit den Schultern. „Er war die ganze Zeit sehr nett.“

Sergio pfiff abschätzig durch die Zähne. „Das glaub ich dir auf’s Wort.“

Ich war verunsichert. „Wo ist dein Problem, kannst du mal deutlicher werden?“

„Ich kenne ihn“, sagte er ernst.

„Und?“

„Kein guter Umgang für dich!“

„Warum machst du dir Gedanken über meinen Umgang?“ Ich hob verwundert die Brauen, während das Kribbeln in meinem Bauch wieder zunahm.

„Du bist schließlich die Freundin meiner Schwester!“ Jetzt grinste er mich mit zusammengekniffenen Augen schief an

„Oh, ne, die Tour schon wieder“, stöhnte ich übertrieben. Ich schaffte es aber nicht, mein Lächeln komplett zu unterdrücken, um ernster zu wirken.

Sergio stieß sich vom Terrassengeländer ab, an das er die ganze Zeit gelehnt hatte. „Ich hol mir was zu trinken, lauf nicht weg, ja?“

„Ich … bleib hier“, rief ich ihm schnell nach und nippte wieder an meinem Glas. Ein klein wenig schien sich der Wein schon bemerkbar zu machen. Ich fühlte mich viel lockerer als noch vor wenigen Minuten … Insgeheim hoffte ich seltsamerweise, dass Sergio sich noch ein Weilchen mit mir abgeben würde.

Ab und zu erspähte ich Adriana und Erik zwischen den vielen anderen unermüdlich tanzenden Körpern. Auch Mark war am Abzappeln, wie er es genannt hatte. Er war umringt von zwei Mädchen, die deutlich in Körperkontakt zu ihm gingen. Ihre anzüglichen Moves erinnerten an Gogo Tänzerinnen.

Sergio kam mit einem Glas Bier in der Hand und einem zufriedenen Gesichtausdruck zurück. Seine knielange, dunkelblaue Badehose war schon fast trocken,

„Du bist ja noch da“, stellte er erfreut fest und stieß ganz vorsichtig sein Glas gegen meins.

„Ich wundere mich selber darüber“, entgegnete ich schmunzelnd.

„Dann findest du mich doch nicht so abstoßend?“

Der hoffnungsvolle Ausdruck in seinem Gesicht provozierte meinen Trotz. „Weiß ich noch nicht“

Er musterte mich mit geneigtem Kopf. „Du weißt noch nicht?“, fragte er mit übertriebener Verwunderung in der Stimme. „Dabei hatten wir noch nicht mal Sex!“

Ich sah ihn ungläubig an, trank vor Verlegenheit schnell ein paar Schlucke von meinem Wein und versuchte, möglichst böse zu schauen. „Und werden auch keinen haben!“, warf ich ihm energisch an den Kopf.

Sergio grinste und trank sein Bier halb leer. „Hey, ich mach nur Spaß!“

Plötzlich erschienen vor uns vier zappelige Mädchen, die ziemlich beschwipst wirkten. Kichernd fragten sie Sergio, ob er mit ins Wasser kommen wolle. Eine griff sogar mit beiden Händen nach seiner freien Hand und zog daran. „Sergio, komm schon mit, wir wollen ganz weit raus schwimmen.“

„Gaaanz weit raus …“, trällerte eine andere.

Sergio befreite seine Hand aus dem Griff des Mädchens und schob sie schnell unter seine Achsel.

„Ne, lasst mal, bin grad beschäftigt. Fragt doch Mark, der schwimmt bestimmt mit euch raus.“

Die Mädchen zeigten ihre Enttäuschung in aller Deutlichkeit. „Och, du bist ein Spielverderber“, rief eine und streckte ihre Unterlippe vor.

„Ja, Spielverderber …“, rief eine andere, deren Brüste so groß waren, dass sie jede Minute aus dem knappen Bikini Oberteil herausspringen mussten.

Sergio machte eine unmissverständlich desinteressierte Miene.

Endlich zogen die Mädchen ab, und er atmete tief durch. „Die sind ganz schön anstrengend“, sagte er mit einem merkwürdig schuldvollen Blinzeln.

„Jetzt hast du ihnen den Tag verdorben“, scherzte ich.

„Lexi?“ Er sah mich fragend an.

Ich blickte - viel zu aufgeregt - in seine dunklen Augen. „Ja?“

„Wollen wir am Strand einen Schattenplatz suchen und uns auf eine Decke legen?“

Ich schluckte. Alles in mir drin schrie Ja, aber dennoch zögerte ich. „Was ist mit Janna?“

„Was soll mit ihr sein?“

„Ich kann sie doch nicht allein lassen!“

„Wo ist sie überhaupt?“ Er blickte suchend um sich.

„Sie tanzt …“ Ich versuchte Adriana ausfindig zu machen, konnte sie aber nirgends entdecken.

„Eben war sie noch da …“, sagte ich verwundert. Mark und Erik waren auch verschwunden.

„Was ist jetzt, hm?“, fragte er erneut.

Ich kippte die letzten Schlucke Wein hinunter und fühlte mich auf einmal schummrig und melancholisch. Ich dachte an meine Mutter und hoffte, dass sie eines Tages wieder glücklich sein würde, dachte an meinen Vater, und dass er sicher seine Gründe gehabt hatte, uns zu verlassen.

Ich drehte mich zu Sergio - geduldig wartete er immer noch auf meine Entscheidung - und ließ meinen Blick wie in Zeitlupe über sein schönes Gesicht wandern.

„Was ist?“, lachte er verunsichert.

„Wollten wir nicht … ähm… nach einem sch-schattigen Strandplatz suchen?“

Er grinste schief. „Na, dann komm.“ Er trank sein Bier auf ex, schwang seinen Rucksack auf die Schulter und wollte los.

Ich machte einen Schritt. Oh nein, ich hatte es geahnt: Ich torkelte!

Ein Gläschen Wein und ich war schon erledigt. Mit großer Mühe versuchte ich, normal zu gehen, aber mein Gleichgewichtssinn schien massiv gestört. Sergio schlang seinen Arm um meine Taille und zog mich an seine Seite. „Ein Schritt nach dem anderen“, sagte er mit ruhiger Stimme. Er nahm auch meinen Rucksack, den ich sonst vergessen hätte, und wir machten uns auf den Weg zum Strand.

Ich fühlte mich von allen Seiten beobachtet. Teils ungläubige, teils überrascht grinsende Gesichter schienen uns zu verfolgen.

„Warum glotzen die so?“, fragte ich mürrisch.

„Bestimmt nicht, weil du einen im Tee hast!“, sagte Sergio.

„Warum dann?“

„Mach dir doch keinen Kopf, Lexi.“

Leicht gesagt, dachte ich und ließ mich dankbar von Sergio führen. Sein kräftiger Arm hielt mich fest, trug mich beinah, jedenfalls spürte ich kaum mein Gewicht. Ich hatte das Gefühl, als würde ich über dem Boden schweben.

Ich legte den Kopf in den Nacken und lachte den Himmel an. „Das ist so ein schöner Tag“, säuselte ich und sah zu Sergios Profil hoch. „Du hassd die hübschs-ste Nase, die ich je ge-gesehen hab!“.

Er grinste. „Lexi, du bist so blau wie der Himmel über uns.“

 

Irgendwann lag ich im weichen Sand unter einem Schatten spendenden Sonnenschirm. Sergio hatte eine Stranddecke unter uns ausgebreitet und saß im Schneidersitz neben mir.

„Alles okay mit dir?“, fragte er.

„Ja, geht schon wieder. Ich glaub, ich war kurz weg, kann das sein?“

„Du hast paar Minuten geschlafen“, behauptete er vergnügt.

Ich war baff. „Echt? Oh je!“

„Wollen wir ins Wasser?“

Ich setzte mich auf. „Tut mir sicher ganz gut.“

Es ging mir tatsächlich schon besser. Das Gefühl, meine Beine wären aus Gummi, war fast weg. Sergio sprang auf und streckte mir beide Hände entgegen. Ich nahm sie, und er zog mich mit einem sanften Ruck hoch.

Das Ufer war nur ein paar wenige Meter entfernt. Ich schaffte es ohne weitere Hilfe, mich ins Wasser zu stürzen.

Der See war herrlich. Ich tauchte meinen Kopf unter und drehte mich auf den Rücken. Sergio schwamm mit ein paar kräftigen Zügen voraus und drehte sich zu mir.

„Komm schon, Lexi, nicht so lahm“, rief er. Ich drehte mich wieder auf den Bauch und schwamm auf ihn zu. Er war weiter weg, als ich gedacht hatte. Schnaufend kam ich endlich bei ihm an. Er griff nach meinen Handgelenken und zog mich das letzte Stück zu sich heran. Dann ließ er mich wieder los, und wir schwammen nebeneinander auf der Stelle.

Es war eine unerwartet prickelnde Situation für mich … wie in einem Traum, nur viel aufregender. Ich sah ihn musternd an. „Woher ist die Narbe über deiner Braue?“, fragte ich spontan.

„Von einem Kampf“, antwortete er ohne zu zögern und wartete meine Reaktion ab.

„Oh.“

Irgendwie hatte ich mit einer anderen Antwort gerechnet. „Sag nicht wieder, es sei Janna gewesen“, lachte ich.

„Nein. Es war mein Vater“, meinte er, tauchte den Kopf im Wasser unter und kam spritzend wieder hervor.

Ich versuchte mir einen plausiblen Grund vorzustellen. „Oh … ähm, ein Unfall?“

Er schüttelte den Kopf. „Nope. Er hat mich mit einem Messer angegriffen.“

Entsetzt starrte ich ihn an. „Wieso das denn?“

„Lange Geschichte. Die willst du nicht hören, Lexi, glaub mir.“

„Okay …“, sagte ich betreten. „Es ist nur … Ihr habt gekämpft? Du warst doch noch ein Kind damals!“

„Wieso Kind? Das war vor weniger als zwei Jahren“, sagte er verwundert.

„Aber ich dachte, dein Vater ist seit ungefähr sieben Jahren tot!“

Er sah mich verständnislos an. „He? Nein! Mein Alter ist putzmunter. Vor sieben Jahren hat ihn meine Mutter rausgeschmissen …“

Er schien plötzlich zu grübeln.

„Jetzt weiß ich“, sagte er. „Janna hat dir erzählt, er sei gestorben, richtig?“

Ich war perplex. „Ja.“

„Sie erzählt das jedem so. So kann sie besser damit umgehen. Sie vermisst ihn, weiß aber, dass er nie mehr zu uns zurückkommen wird.“

Sergio drehte sich plötzlich zur offenen See und schwamm los. Ich sah ihm aufgewühlt hinterher, schließlich schrie ich laut: „WARTE!“

Er stoppte und drehte sich in meine Richtung. Ich schwamm so schnell ich konnte auf ihn zu. Als ich fast auf selber Höhe mit ihm war, lachte er verschmitzt, holte mit dem rechten Arm aus und bespritzte mich mit einem großen Schwall Wasser. Leider hatte ich gerade in diesem Moment den Mund geöffnet, um etwas zu sagen und verschluckte einen gefühlten Liter vom Wannsee.

Es war schrecklich: Ich musste entsetzlich husten und mich dabei gleichzeitig über Wasser halten, was bei meinen bescheidenen Schwimmkünsten äußerst schwierig war. Ich schlug mit den Armen um mich, keuchte und hustete wie verrückt und schluckte dabei noch mehr Wasser. Sergio, der die ganze Zeit gelacht hatte, erkannte den Ernst der Lage und war mit zwei kräftigen Schwimmzügen sofort bei mir. Er schlang seinen Arm um meine Taille, zog mich hoch und hielt mich sicher über Wasser. So konnte ich abhusten ohne unterzugehen und mich dabei an seiner Schulter festhalten.

Endlich beruhigte sich mein Körper, und ich konnte langsam wieder normal atmen und sprechen. „Danke … und mach das … nie wieder!“, schimpfte ich, doch lächelte zugleich.

„Sorry …“, sagte er mit schuldbewusster Miene, aber offensichtlich froh darüber, dass ich nicht sauer war.

Mein Gesicht war nur eine Handbreit von seinem entfernt, mein Arm lag auf seiner Schulter und mit der Hand hatte ich seinen Nacken umfasst. Er fühlte sich noch viel besser an, als ich es mir vorgestellt hatte. Mein Blick wurde immer wieder von seinen dunkelroten, halbgeöffneten Lippen wie magisch angezogen. Ich konnte nichts dagegen tun. Mein Herz schlug heftig gegen mein Brustkorb.

In seinen Augen sah ich deutlich die Verwirrung darüber, dass ich ihm so nah war. „Geht’s … geht’s wieder?“ Er riss den Blick von mir fort und sah zum Strand.

„Ja“, sagte ich und merkte, wie er seinen Griff um meine Taille lockerte. Ich nahm meinen Arm von seiner Schulter, und nun schob er mich mit dem Arm, der mich bis eben so fest und sicher gehalten hatte, von sich weg.

Ich tauchte mit dem Kopf kurz unter und schwamm anschließend los. „Lass uns zu den anderen zurückkehren“, japste ich zwischen meinen Schwimmzügen.

„Wollt ich auch … grad vorschlagen“, rief er und kraulte an mir vorbei.

Immer wenn er sich schon zu weit von mir entfernt hatte, stoppte er und wartete, bis ich ihn einholen konnte.

Als wir aus dem Wasser stiegen, keuchte und prustete ich vor Anstrengung, fühlte mich aber gleichzeitig völlig aufgedreht und so gut drauf wie schon lang nicht mehr. Ich trocknete mich ab und zog mir das Kleid drüber.

Mittlerweile hatte die Sonne an Strahlkraft verloren, so dass es nicht mehr ganz so heiß war.

Sergio schlug vor, vom Buffet zu kosten, und ich war mehr als einverstanden. Jetzt, wo er es erwähnt hatte, spürte ich meinen Hunger wieder.

Die Party auf dem Sonnendeck war in vollem Gange. Und zu meiner Freude entdeckte ich auch Adriana wieder. Ich war fassungslos, als ich sah, dass Erik immer noch an ihr dran hing - im wahrsten Sinne des Wortes - denn sie tanzten engumschlungen, obwohl grad wieder ein Dancefloor Kracher mit ultra schnellem Rhythmus spielte. Sergio hatte seine Schwester auch schon bemerkt und schielte kritisch zu ihr rüber. Er schien allerdings nicht besonders beunruhigt oder aufgebracht. Mit einer eher gleichgültigen Miene beugte er sich zu meinem Ohr herunter, schob mit den Fingern mein Haar zur Seite und sagte: „Wenigstens ist Erik kein Arschloch wie Mark …“

Wir lehnten uns mit unseren Tellern gegen das Terrassengeländer und futterten genüsslich, während wir den anderen beim Tanzen zusahen.

Als ich ein kreischendes Lachen hörte, sah ich mich neugierig um. Die Blondine, die mit Sergio aus dem Wasser gestiegen und anschließend wütend davon gestapft war, stand an der Getränketheke. Sie trug einen schwarzen Minirock und ein bauchfreies Trägertop und schien mit dem Kellner zu flirten, denn dauernd warf sie ihren Kopf hin und her, lachte schrill und tätschelte auch mal seinen Arm.

Sergio sah mit zusammengezogenen Brauen in ihre Richtung, dann fragte er mich, ob ich etwas trinken wolle. „Eine Apfelschorle“, antwortete ich, und er hastete gleich los. Sein Blick schien durchgehend auf die Blondine gerichtet zu sein. Unterwegs legte er seinen leeren Teller auf einem Stuhl ab.

Ich beobachtete, wie er sie ansprach und sie daraufhin abrupt versteifte. Doch dann stemmte sie die Hände auf die Hüften und redete - ihren Lippenbewegungen nach zu urteilen - wie ein Wasserfall auf Sergio ein.

Sergio verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf.

Irgendwie machte mich ihr Anblick verdrossen. Ich fragte mich, ob sie vielleicht etwas miteinander zu laufen hatten, wovon ich nichts wusste. Eigentlich hatten mich Fragen wie diese nicht zu interessieren, aber sie taten es. Ich zwang mich den Blick abzuwenden, sah aber schnell wieder auf, denn ich wollte doch lieber nichts verpassen. Die Blondine hatte ihre Hand auf Sergios Schulter gelegt und lächelte ihn jetzt mit geneigtem Kopf an. Es sah so aus, als versuchte sie ihn wegen was auch immer umzustimmen. Sergio schien allerdings wenig beeindruckt von ihrem Vortrag und noch weniger von ihrer lasziven Körpersprache. Straff und reglos stand er da, bis er sich energisch wegdrehte und sie erschrocken ihre Hand zurückziehen musste. Ein kleinerer Typ mit längeren Haaren trat an sie heran, sagte etwas, und sie ging mit ihm davon, drehte sich aber noch einmal nach Sergio um.

Sergio kam mit unseren Drinks zurück. Aufgeregt atmete ich tief durch und versuchte, möglichst entspannt auszusehen.

„Hier“, sagte er und drückte mir die Apfelschorle in die Hand. Er hatte für sich selber Cola besorgt. „Hat bisschen länger gedauert, musste dringend noch was klären.“

Er lehnte sich wieder gegen das Geländer und trank schweigsam sein Getränk.

Nach einer Weile kam Adriana mit einem Glas Bier in der Hand zu uns rüber gehoppelt und schien ziemlich überdreht.

„Sergio, ooooch, mein Bruuuderheeerz … warum du nie tanzt, begreif ich einfach nicht … nein, nein … das geht mir nicht in die Birne … Sergio … das sag ich dir!“ Sie gackerte laut los, und Sergio sah sie ungläubig an. „Janna, füllst du dich gerade ab oder was soll das?“

„Wir sind auf einer Sch…Strandparty mit gratis Getränken, Sergio, was glaubsu denn, he? Ich muss ja zum Glück nicht fahren …“

„Ja, wassn Glück!“, gab Sergio genervt zurück und trank sein Glas leer.

„Wo wart ihr … überhaupt und … und außerdem … so lang, he?“ Adriana versuchte ein grimmiges Gesicht zu machen, was ihr aber überhaupt nicht gelang. Stattdessen wirkte sie ständig wie kurz vor einem Lachflash.

„Lexi … bitte, bitte, sag jetzt nicht, dass du die ganze Zeit bei Sergio warst … hm?“ Sie machte große vorwurfsvolle Augen.

„Janna! Es reicht. Außerdem, ‚Erik der Wikinger’ sucht schon ganz verzweifelt nach dir, schau doch mal …“ Sergio zeigte mit dem Finger in eine Richtung.

Adriana vergaß ihre Frage und drehte sich abrupt um. „Ja, dann geh ich mal … hehe.“ Hopsend lief sie davon und verschüttete dabei die Hälfte von ihrem Bier.

Der Sonnenuntergang hatte den Himmel inzwischen orange gefärbt und die Luft war noch ein wenig kühler geworden. Sergio, der die ganz Zeit mit freiem Oberkörper neben mir gestanden hatte, holte sein Hemd aus dem Rucksack und zog es an. Er ließ es allerdings komplett aufgeknöpft. Ich musterte ihn unweigerlich mit einem Seitenblick. Verlegen sah ich wieder weg.

Langsam begann ich mir Sorgen über mich zu machen, denn ich spürte ein unwahrscheinliches Verlangen, ihn zu berühren.

Ich war sehr froh, dass er von meinen Gedanken nichts mitbekam!

Ein Handyklingeln drang trotz der lauten Musik, die aus den Verstärkern schallte, in mein Ohr. Der Klingelton war mir fremd. Sergio fing an, in seinem Rucksack zu kramen und holte ein Handy hervor. Er sah auf das Display, dann runzelte er die Stirn und sein Blick verfinsterte sich. Dennoch nahm er den Anruf entgegen.

„Ja? … Bin auf `ner Party, ich ruf dich nachher zurück, okay?“ Er musste ein Ohr mit dem Finger abdichten und laut sprechen. Die Ungeduld war ihm deutlich anzumerken. „Nein, ich ruf nachher zurück, sagte ich schon … Was? … Ich weiß noch nicht! Seit wann denn am Sonntag …? … Ja … Ich ruf an, wenn ich hier weg bin.“ Er legte auf und ließ das Handy in den Rucksack fallen.

Ich sah ihn neugierig an. Er lächelte, wollte mich aber offenbar mit keinem Wort über den Anrufer aufklären.

Adriana tauchte wieder auf und zerrte mich am Arm. „Lexi, jetzt komm endlich auch tanzen …“, brüllte sie aus voller Kehle und verdrehte die Augen. Sie zog mich so heftig, dass ich erst gar keinen Widerstand leistete. Ich drückte mein Glas in Sergios Hand, bevor es mir aus der Hand gleiten konnte und ließ mich von Adriana zu dem tanzenden Menschenhaufen verschleppen. Gerade spielte ‚Tic Toc’ von Kesha und alle gingen wie verrückt ab … Ich war im Nu angesteckt und tanzte mindestens genauso ausgelassen wie alle anderen. Einige schienen allerdings schon ganz schön betrunken zu sein, denn ihre Bewegungen sahen ziemlich unkoordiniert aus. Dafür lachten und grölten sie laut und hatten offensichtlich viel Spaß.

Plötzlich stoppte die Musik. Protestrufe und ein Pfeifkonzert begannen. Als jemand durch ein Mikrofon sprach, wurde es allmählich ruhiger. Es war Mark. Er hatte sich auf einen Stuhl gestellt und hob die flache Hand rauf und runter, als Zeichen, dass alle still sein sollten.

„Hey, hey, hey, gebt mal kurz Ruhe, ihr Haufen wild gewordener Makakken. Jetzt kommt der ultimative Spruch des Abends: Zehn ‚fucking’ Siege am Stück, achtmal Bestzeit. Die hardcore Saison war unsere! Feiert bis zum Abknicken. Alle Tassen hoch auf die Hawkings. Und danke fürs Kommen! … Ach noch was …“ Inzwischen hatten die Zwischenrufe und das Gegröle wieder zugenommen, so dass Mark ebenfalls die Lautstärke erhöhen musste. „KEINER STEUERT BETRUNKEN IRGENDEIN SCHEIß GEFÄHRT, ALLES KLAR! DJ, DREH DIE MUSIK WIEDER LAUTER!“

Lautes Klatschen, Brüllen und Zurufe … dann ging das Tanzen weiter.

Ich stierte zu dem Platz, wo ich Sergio zurückgelassen hatte. Er stand immer noch dort, unterhielt sich angeregt mit zwei Kumpels, mit denen ich ihn in der Mensa paar Mal gesehen hatte. Wenige Schritte von ihm entfernt standen ein paar Mädchen, die nur darauf warteten, sich an ihn ranschmeißen zu können, so affektiert wie sie sich benahmen.

Mein Kopf dröhnte, meine Wangen glühten heiß und mein Kleid klebte durchgeschwitzt an meiner Haut. Meine Kehle brannte vor Durst und konnte eine Erfrischung vertragen. Ich kämpfte mich durch die Menge zur Getränketheke und bemerkte, dass Adriana völlig fertig auf einem Stuhl saß und gar nicht gut aussah.

„Janna, ist was?“, fragte ich sie besorgt.

„Ach, ähm … irgendwie hassich … ähm … plötzlich alles gedreht“, klagte sie. „Ich glaub, ich hatte zuviel Bier …“ Sie sah bescheiden aus, grinste aber tapfer.

„Soll ich Sergio Bescheid sagen?“, fragte ich.

„Ja … das wär echt cool“, antwortete sie mühevoll. Sie musste sich wirklich elend fühlen.

Etwas beklommen näherte ich mich Sergio. Die Mädchengruppe, an der ich vorbei musste, starrte mich feindlich an, als wäre ich unerlaubt in ihr Territorium eingedrungen. Sergios Kumpels dagegen grinsten angeheitert und neugierig, als sie mich kommen sahen.

Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und stützte mich mit einer Hand leicht auf Sergios Schulter ab, damit ich so nah wie möglich an sein Ohr kam.

„Ich glaub, Janna geht’s nicht so gut. Sie wollte, dass ich dir Bescheid gebe ...“

Er nickte mit ernster Miene und neigte den Kopf zu mir herunter. Ich spürte seinen Atem auf meiner Haut … roch den frischen Sommerduft, den er ausströmte … „Sag ihr, wir können gleich gehen“, sagte er.

Es war eigentlich nicht notwendig, darauf etwas zu erwidern, doch ich tat es trotzdem, stellte mich wieder auf die Zehenspitzen und brachte meine Lippen dicht an sein Ohr: „Mhm, mach ich …“, sagte ich und sog erneut seinen Duft tief ein.

Was machst du da?, fragte mich eine innere Stimme verwirrt. Ich weiß nicht, antwortete ich völlig durcheinander.

 

Sergio schleppte Adriana mehr oder weniger bis zum Wagen, während ich ihren Rucksack trug. Unterwegs gackerte, sang und jammerte sie abwechselnd. Es war zu komisch, und Sergio und ich mussten einfach mitlachen. Er hielt ihr keine Moralpredigt und machte auch nicht irgendwelche Vorhaltungen, ganz im Gegenteil schien er sehr fürsorglich und verständnisvoll.

Wir legten Adriana auf den Rücksitz, und sie schlief prompt ein. Ich setzte mich zu Sergio nach vorn. Während der Fahrt sprachen wir nicht viel, hörten stattdessen Musik und genossen die lauwarme Nacht und den Fahrtwind. Ab und zu sah er zur Seite und lächelte mich an. Es war ein geheimnisvolles Lächeln … bildete ich mir hoffnungsvoll ein. Ich war so aufgeregt, dass ich dauernd nervös auf meiner Unterlippe kaute.

Mich in ihn zu verlieben, wäre völlig verrückt, dachte ich plotzlich.

Völlig verrückt

Er fuhr mich bis zu meiner Haustür, wünschte mir eine ‚Gute Nacht’ und düste weiter, sobald ich aus dem Wagen gestiegen war.

Ich sah ihm noch eine Weile verträumt hinterher. Dann ging ich ins Haus. Meine Mutter war von ihrer Spätschicht noch nicht zurück. Ich duschte mich kalt ab und hüllte mich in meinen Bademantel. Dann legte ich mich aufs Bett und schrieb in mein Tagebuch. Es wurden mehrere Seiten, gefüllt mit meinen Erlebnissen und Eindrücken bei den Lovic` und der Strandparty.

Der letzte Satz meines Tagebucheintrags lautete: Das war das aufregendste Wochenende meines Lebens!