Als ich auf den Hof trat, saß er bereits auf der Bank unter der großen Linde und wippte auffällig mit einem Knie, als wäre er unruhig oder nervös. Ich setzte mich neben ihn und starrte ihn von der Seite an. Es war mir klar - und wahrscheinlich vielen anderen auch - dass sich hinter seiner Sonnenbrille nichts Gutes verbarg.

Ich sollte recht behalten.

Er zog den Mundwinkel hoch und nahm schließlich die Brille ab. Erschrocken hielt ich mir mit beiden Händen den Mund zu.

„Sergio, wie siehst du aus?“, kreischte ich fassungslos. Er hatte um beide Augen herum grüne und gelbe Verfärbungen, ein Auge war sogar ein wenig blutunterlaufen, das Augenlid dunkellila.

„Ist halb so schlimm wie es aussieht“, behauptete er.

„Du warst deshalb die letzten Tage nicht in der Schule, richtig?“

Er nickte.

„Wie musst du ausgesehen haben, als die Verletzungen noch frisch waren?“

„Lexi, Adriana hat mir erzählt, dass du sie neulich über uns ausgefragt hast und sie dir verraten hätte, dass ich … ähm … was nebenbei verdiene …“

„Ja …“ Ich sah ihn schuldbewusst an.

„Ich könnte jetzt echt sauer auf euch beide sein, aber ich bin’s irgendwie nicht.“ Er hielt kurz inne, und ich wartete ungeduldig darauf, dass er weiter redete.

„Morgen wollten du und ich doch wieder zusammen lernen. Ich dachte, es wäre sicher schwierig für dich, ich mein, mit all den Fragen in deinem Kopf, Mathe zu büffeln, und die ganze Zeit … das hier zu sehen …“ Er deutete mit dem Finger auf sein Gesicht.

„Ich sag dir jetzt, woher ich die Verletzungen habe und du behältst es schön für dich. Ist das ein guter Deal?“

Ich nickte stumm.

„Ich mache Kämpfe … Kämpfe gegen Preisgeld … Es kämpfen immer nur junge Amateure unter zwanzig gegeneinander, und es werden dabei hohe Wetten abgeschlossen. Die Kämpfe finden jedes Mal woanders statt. Ich erfahre erst ein paar Stunden vorher, wo und wann genau, verstehst du?“

„Lass mich raten … von diesem Luka, stimmt’s?“

„Gut gelauscht! … Er ist mein Cousin und arrangiert die Fights für mich.“

„Was sind das für Kämpfe?“, fragte ich, weil ich mir darunter nicht viel vorstellen konnte.

„Freestyle Fights! Das bedeutet, dass man den ganzen Körper einsetzen darf. Ohne Kopf- und Nierenschutz, deswegen sehe ich manchmal ein wenig ramponiert aus, aber … ich hab noch nie verloren!“

„Und wie erklärst du der Schule, dass du immer wieder fehlst und grün und blau im Gesicht wieder zurückkommst? Haben die noch nie Alarm geschlagen, von wegen ‚Verdacht auf Kindesmisshandlung’ und so?“

Er schaute verdutzt. „Was? Nein! Okay, doch, meine Mutter ist mal von meinem Klassenlehrer zum Gespräch zitiert worden. Der Direktor war auch dabei. Sie hat aber alles erklärt und alle beruhigt. In der Schule glauben sie nun, dass ich Kickboxen mache und in den Wochenenden Turnierkämpfe habe …“ Er rieb sich nachdenklich über die Stirn. „Ist nur … dass ich seit Beginn des Schuljahres häufiger gefehlt habe, als sie es bisher gewohnt waren. Deswegen auch der Ärger mit Blum … das ist mein Astrophysik Lehrer, der viel auf mich setzt und mir gern mal eine Standpauke hält ... ähm, der hat zurzeit ein wenig Panik, dass ich schulisch abkacke … sorry.“

„Und warum fehlst du auf einmal häufiger als sonst, obwohl du diese komischen Fights schon länger machst?“

Er sah mich für einen Moment tief konzentriert an. In seinen dunklen Pupillen konnte ich eine winzige Version meines Kopfes sehen.

„Gute Frage! … Du bist tough, Lexi, ich hab’s geahnt! … Also … es liegt wohl daran, dass ich irgendwie ein bisschen … na ja, bekannt geworden bin und … mehr Fights angeboten bekomme … in immer kürzeren Abständen … und die Gegner, die ich in letzter Zeit kriege, sind auch nicht zu verachten.“

Mir ging schon die ganze Zeit ein Wort durch den Kopf - ‚illegal’ -, doch ich war mir unschlüssig, ob ich ihm die Frage danach stellen sollte. Ich entschied mich schließlich, es sein zu lassen, vielleicht würde sich ein andermal eine bessere Gelegenheit bieten, bei der ich mehr Mut hätte. Es war schon ein irrer Vertrauensbeweis, dass er mir diese Dinge über sich verraten hatte. Ich fragte mich dennoch, warum er es getan hatte. Er hätte es auch sein lassen können.

Ich fühlte wieder diese irritierende Hingezogenheit, die meinen Magen verkrampfen ließ.

Er hatte die Arme seitlich auf der Banklehne abgelegt und die Beine entspannt von sich gestreckt. Die Sonnenbrille war lässig auf seinen Kopf geschoben, und er blinzelte zufrieden, als hätte ihm unser Gespräch gut getan.

„Adriana will morgen mit mir ihre Möbel und die Fototapeten besorgen“, sagte ich schließlich, um wieder einen Gesprächsfaden aufzunehmen.

„Ich weiß …“, entgegnete er.

„Das wird alles von deinem … Preisgeld … bezahlt, stimmt’s?“

„Jep!“

„Wow, Sergio, das muss ein Haufen Geld sein!“

„Es ist genug, um meinen Leuten einige Sachen kaufen zu können, und manchmal bleibt auch was für mich übrig …“, sagte er stolz. Er lächelte mich von der Seite schief an. Ich lächelte zurück. Ein befangener Moment entstand, wo keiner etwas sagte, und wir uns nur abwartend ansahen.

Die Schulklingel forderte uns zurück in den Schulalltag.

„Wir sehen uns morgen“, sagte ich und erhob mich.

Sergio schob seine Sonnenbrille wieder auf die Nase. „Ja, bis morgen dann“, lächelte er.

Ich lief hastig über den Hof und sah Adriana, wie sie gerade im Schulgebäude verschwand. Schnell lief ich ihr hinterher.

 

Das Date meiner Mutter mit ihrem Kollegen Derek Bender war offensichtlich so gut verlaufen, dass sie sich für das jetzt bevorstehende Wochenende wieder verabredet hatten.

„Wir haben köstlich diniert. Er hat mich keinen Cent zahlen lassen und hat mich auch noch heimgefahren, ohne mir auf die Pelle zu rücken“, hatte meine Mutter geschwärmt. Wenig später waren ihr allerdings Zweifel gekommen, denn während der Arbeit hatte Derek sich konsequent so benommen, als wäre nichts gewesen. Dann am Donnerstag erst, nach Dienstschluss, hatte er sie nach einem weiteren Date gefragt und sie hatte sofort zugesagt. Diesmal würden sie ein Konzert besuchen. Er hatte die Karten für Samstag und wollte unbedingt mit ihr zu der Veranstaltung gehen.

„Scheint ein wirklich netter Typ zu sein“, sagte ich und meine Mutter nickte aufgeregt. „Ich finde ihn auch sehr nett, Lexi, nur …“ Sie stockte nachdenklich.

„Was denn?“

„Ich weiß nicht. Er ist ein wenig sehr auf Etikette aus, find ich, aber vielleicht irritiert mich das nur, weil Männer mit guten Manieren so selten geworden sind.“

„Das kann ich nicht beurteilen, ich bin erst sechzehn“, sagte ich. „Aber ich finde, du verdienst einen Mann mit guten Manieren. Einen, der rücksichtsvoll und mitfühlend ist und kein Egomane.“

„Oh, Lexi, so weit bin ich gar nicht, dass ich meine Ansprüche kenne. Wenn ich mir selber endlich aus dem Weg gehen würde, hätte ich schon viel erreicht.“

„Dann hast du doch schon einen guten Anfang gemacht, Mama“, sagte ich.

Sie schmunzelte zufrieden.

„So, und du bist morgen also schon wieder bei den Lovic’, oder wie sehe ich das?“

„Mhm. Wir machen Jannas Zimmer neu, und mit ihrem Bruder lerne ich noch eine zweite Runde. Nächste Woche ist der Mathetest mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung dran.“

„Wann kommt denn deine Janna mal wieder zu uns?“

„Ich kann sie ja mal fragen“, sagte ich erfreut.

„Vielleicht lerne ich ja auch mal ihren Bruder kennen.“

Ich schluckte. „Bestimmt … irgendwann … vielleicht.“

Sie legte den Kopf etwas schief und lächelte innig. „Dein Geburtstag naht! Hast du dir schon was überlegt?“

Es war wieder so weit: das leidige Thema „Du weißt doch, dass ich seit Jahren nicht mehr feiere, Mama!“

„Lexi, du solltest aber! Ich weiß, dass es mit der Scheidung zu tun hat … nur weiß ich nicht, wie ich dir da helfen kann.“

„Es hat nichts mit eurer Scheidung zu tun, wirklich Mama, sag das doch nicht jedes Mal. Ich gehöre nun mal zu den Menschen, die sich nicht gerne selbst feiern, da ist nichts dabei. Dafür gehe ich gern auf die Geburtstagspartys anderer.“

„Trotzdem, Lexi. Ich finde, der siebzehnte Geburtstag ist was Besonderes.“

„Okay, ich backe uns einen Kuchen, wir setzen uns damit auf den Balkon und du singst mir ein Geburtstagsständchen.“

Sie schüttelte seufzend den Kopf. „Denk drüber nach, ja?“

„Jaaa doch, mach ich …“, stöhnte ich.

 

Adriana war ja wirklich eine tolle Freundin, und jeden Tag aufs Neue war ich überglücklich darüber, dass wir uns so schnell gefunden hatten! Sie war humorvoll, konnte gut zuhören und ihre Herzlichkeit war echt.

Aber beim Einkaufen …!!!

Wer hätte gedacht, dass sie so super anstrengend sein würde? Sie hatte den ‚Ich-kann-mich-nicht-entscheiden-Virus’ und fatalerweise auch noch die Kondition eines ‚Ironman’ Gewinners. Mit anderen Worten: Wir waren in vier verschiedenen Möbelgeschäften, bis sie das passende Rattanbett gefunden hatte. Eine Woche Lieferzeit würde ihre Geduld sehr strapazieren, aber da ging leider kein Weg dran vorbei. Schränke und Regale ausfindig zu machen, die ein buntes Design hatten, war mindestens genauso schwierig. Wir mussten dafür mit Bus und Bahn bis zum Stadtrand fahren, fanden dann aber eine ausgesprochen ansprechende Auswahl vor. Adriana war begeistert. Sie brauchte jedoch geschlagene zwei Stunden, um ihrer Qual der Wahl mit einer Kaufentscheidung ein Ende zu setzen. Erschöpft machten wir eine Snackpause im Cafe Bereich.

„Fast geschafft, fehlen noch der sandfarbene Flauschteppich und die künstlichen Palmen“, sagte Adriana mit funkelnden Augen. Ihre Wangen glühten vor freudiger Aufregung und Erschöpfung …

Frisch gestärkt durchforsteten wir die großflächige Teppichabteilung und den Wohndeko Bereich. Immerhin mit Erfolg.

Alles würde in ein bis zwei Wochen geliefert werden.

Die Hängematte und die Fototapeten kauften wir auf dem Heimweg in einem Laden, der ‚Karibik Flair’ hieß. Adriana brauchte hier zum Glück nur eine knappe Stunde, und wir konnten beides gleich mitnehmen.

Die Verkäufer staunten nicht schlecht, weil sie ausnahmslos alles bar auf die Hand zahlte. Sie hatte einen Batzen Geldscheine in ihrer Handtasche, die von den Verkäufern sorgfältig auf ihre Echtheit geprüft wurden. Während dieser Prozedur grinste sie mich jedes Mal mit einem amüsierten Seitenblick an.

Nach mehreren Stunden kreuz und quer durch die Stadt, die mir wie ein Marathon durch die Republik vorgekommen waren, kehrten wir am Spätnachmittag erschöpft heim. Zu unserer Überraschung waren weder Sergio noch Jelena oder Yvo anwesend. Wir setzten uns ins Wohnzimmer auf die Couch und streckten unsere müden Beine von uns. Adriana rief ihre Mutter auf dem Handy an und erfuhr, dass sie mit Yvo bei ihrer Schwester, Adrianas Tante Sanja, sei und nicht wisse, wo Sergio stecke.

Adriana fand das bedenklich, denn Yvo hasse es, irgendwo zu Besuch zu sein und außerdem sei der Samstag immer sein Sergio Tag, meinte sie. Daraufhin rief sie Sergio an, hatte aber nur seine Mailbox dran. Sie sprach eine Message drauf: „Nur zu deiner Info, wir sind wieder zuhause. Und wo bist du?“

Adrianas Gedanken kehrten zurück zu ihrem Zimmer. „Wir müssen die Fototapeten anbringen, bevor die Möbel kommen!“ Sie sprang plötzlich auf, lief davon und kam mit einem Stift und einem Notizblock zurück.

„Wir müssen die einzelnen Schritte genau planen“, sagte sie voller Elan.

„Du brauchst noch Klebedingsda, oder?“, warf ich ein.

Sie nickte. „Kein Problem, um die Ecke ist so ein Geschäft für Tapeten und Bodenbeläge.“ Schnell notierte sie als ersten Punkt: Kleister kaufen!

„Die alten Möbel müssen rechtzeitig raus …“, sagte sie.

„Stimmt. In der Wohnung können die schlecht herumstehen, wenn die neuen da sind.“

„Das ginge auch schon wegen Yvo nicht. Der flippt aus, wenn man an der Anordnung der Gegenstände in der Wohnung etwas verändert. Als wir letztes Jahr die neue Couchgarnitur bekamen, ist er tagelang nicht aus seinem Zimmer gekommen und hat beim Essen ständig mit dem Oberkörper geschaukelt. Sergio musste mit ihm Lego spielen bis zum Umfallen, um ihn einigermaßen wieder zu stabilisieren.“

Ich sah Adriana an und wusste, dies war der Augenblick, um sie noch mal wegen ihrem Vater anzusprechen.

„Ich weiß, dass euer Vater nicht tot ist, Janna. Sergio hat’s mir gesagt“, sagte ich.

„Mhm, und ich weiß, dass du’s weißt …“, seufzte sie. Sie sah mich mit einem betrübten Blick an. „Ich wollte mit dir ja auch darüber reden, aber … drück mich schon die ganze Zeit davor.“

„Ich bin dir nicht sauer deswegen. Ich war nur sehr überrascht. Sergio hat mir gesagt, dass … dass es schwierig für dich ist, mit der ganzen Situation klar zukommen.“

Sie nickte. „Inzwischen geht’s besser. Am Anfang hab ich noch viel geheult, war wütend auf meine Mutter, obwohl sie gute Gründe hatte, ihn rauszuschmeißen. Mein Vater hat nur Schulden angehäuft, hatte ständig Ärger mit irgendwelchen dubiosen Typen, der Polizei und auch den Gerichten, saß paar Mal im Gefängnis … Meine Mutter war immer am Rande eines Nervenzusammenbruchs, weil das Geld nie reichte. Aber als dann sicher war, dass Yvo nie so sein würde wie andere, da gab’s den endgültigen Bruch. Mein Vater ist damit gar nicht klar gekommen. Er hat meiner Mutter vorgeworfen, sie sei fremdgegangen, weil Yvo könne ja unmöglich sein Kind sein, hat er behauptet. Meine Mutter hat ihm gegenüber hoch und heilig beteuert, dass Yvo sehr wohl sein Kind ist, so wie Sergio und ich auch seine Kinder sind. Doch als er dann bei dem entscheidenden Streit meinte, dass Yvos Behinderung wahrscheinlich die Strafe für ihre Untreue sei, da hat sie ihn endgültig rausgeschmissen. Sie war außer sich. Sie hat die Polizei gerufen und eine Anzeige wegen Gewaltandrohung aufgegeben. Die Polizei hat ihn ja schon gut gekannt, schon seit seiner Jugend. Die haben ihn sofort mitgenommen. Meine Mutter hat das alleinige Sorgerecht für uns Kinder erhalten, und er durfte uns nur noch einmal im Monat sehen. Allerdings ging ihm das total am … ähm, es war ihm so egal, verstehst du, er wollte uns eh nicht mehr sehen.“ Adriana senkte traurig den Blick.

Ihre Geschichte ging mir nah. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, um ihr Trost zu spenden. Während ich noch darüber nachdachte, fuhr sie auch schon fort: „Er hatte uns Kindern eigentlich nie etwas angetan, Lexi. Keine Schläge und auch kein Anschreien. Eher war es seine Abwesenheit, die uns weh tat. Aber wenn er dann mal da war, damals, als er noch bei uns wohnte, alberte er mit uns herum und war sehr liebevoll. Ich habe viele schöne Erinnerungen an ihn in meinem Gedächtnis abgespeichert … na ja, bis auf die letzten großen Streits, die echt hässlich waren. Inzwischen weiß ich, dass ich lange Zeit nur einen winzigen Teil der Wahrheit über meinen Vater zugelassen habe. Nach seinem Rauschmiss jedenfalls ließ er sich jahrelang nicht mehr blicken. Du denkst, ich leide unter unserer verkorksten Familiengeschichte? Dann solltest du dir mal Sergio genauer ansehen. Der hat doppelt soviel gelitten und sich die fixe Idee in den Kopf gesetzt, alles anders machen zu müssen als unser Vater.“

„Das kommt mir irgendwie bekannt vor“, lachte ich bitter.

„Mein Vater hat keinen Schulabschluss … Sergio will Abi machen! … Mein Vater kannte null Verantwortung, weder für sich selbst noch für uns … Sergio fühlt sich für jeden von uns viel zu sehr verantwortlich … Mein Vater hat das Geld der Familie regelmäßig verspielt oder sonst was damit angestellt, so dass wir oft kaum genug für Essen übrig hatten … Sergio ermöglicht uns durch seinen Verdienst viele Annehmlichkeiten … Mein Vater hat geraucht und sich mit Wodka besoffen … Sergio schaut einen schon schief an, wenn man zuviel Cola trinkt. Verstehst du, was ich meine? Er versucht, mit aller Macht das krasse Gegenteil von unserem Vater und der Beschützer unserer Familie zu sein, was mein Vater leider nie wirklich war.“

„Wie ist das mit der Narbe in Sergios Gesicht passiert?“, fragte ich. Adriana hob bei der Erinnerung an diesen Teil der Geschichte schwermütig die Augenbrauen.

„Wie viel weißt du schon?“

„Sergio sprach davon, dass es einen Kampf gab und sein Vater ihn mit einem Messer angegriffen hat?“

„Vor etwa einundeinhalb Jahren tauchte mein Vater unerwartet bei uns auf und tat so, als habe er uns sehr vermisst und wolle uns unbedingt sehen. Er heulte auch und flehte meine Mutter an, sie solle ihn zurücknehmen, er sei schließlich der Vater ihrer Kinder und sie könne so mit ihm nicht umspringen. Er war angetrunken. Wir wussten, die Situation konnte übel ausgehen. Sergio hat sich dann das erste Mal zwischen ihm und unsere Mutter gestellt. Mein Vater hat ungläubig geschaut und daraufhin wie ein Besessener laut losgelacht. Dann fing er an, Sergio zu beschimpfen: Er komme sich wohl so erwachsen vor, sei aber nichts als ein kleiner Bengel, der am Rockzipfel seiner Mutter hinge wie … - dann kam das, was Sergio aus der Fassung gebracht hat - … wie der behinderte Bastard, den man ihm unterjubeln wolle. Sergio hat ihn nur einmal verwarnt und ihn aufgefordert sofort die Wohnung zu verlassen. Er tat es natürlich nicht, hat weiter geschimpft, hat sehr schlimme Dinge über meine Mutter gesagt. Meine Mutter hat ihn auch beschimpft, hat mit der Polizei gedroht, woraufhin mein Vater völlig ausgerastet ist und anfing, Gegenstände kaputt zu schlagen. Sergio ist dann auf ihn los und wollte ihn davon abhalten. Es gab eine schlimme Rangelei und meine Mutter hat gekreischt. Ich stand nur wie gelähmt gegen eine Wand gedrückt in einer Ecke und hab keinen Piep rausgekriegt. Als mein Vater merkte, dass er Sergio körperlich unterlegen ist, hat er ein Messer gezogen und ihn im Gesicht verletzt, woraufhin Sergio ihm einen Ellbogencheck verpasst hat. Mein Vater fiel mit einem lauten Schmerzschrei zu Boden. Sergio nahm das Messer an sich und wollte ihm vor lauter Wut noch einen Bauchtritt verpassen, aber meine Mutter hat ihn schreiend davon abgehalten. Mein Vater fing ganz fürchterlich an zu heulen, als er sah, wie Sergio geblutet hat. Sergio meint aber, er habe nur aus Selbstmitleid geheult. Ich bin zu Yvo ins Zimmer geflüchtet, hab die Tür verschlossen und mir die Ohren zugehalten. Yvo hat laut vor sich hingesummt und ganz hektisch sein Lego gebaut. Ich habe dann noch mitgekriegt, wie meine Mutter geschrien hat, mein Vater möge endlich für immer aus unserem Leben verschwinden. Wenig später knallte die Wohnungstür. Er war weg. Seitdem haben wir nichts mehr von ihm gehört. Meine Mutter ist mit Sergio gleich darauf in die Notaufnahme, wo sie den Ärzten was von einem dummen Unfall erzählt haben. Sergios Schnitt musste genäht werden … ja, und Yvo wollte an diesem Abend nicht ins Bett und hat bis zum Morgengrauen Lego gespielt, sofern man es noch als Spielen bezeichnen kann. Sergio saß die ganze Zeit neben ihm. Am darauffolgenden Wochenende dann kam Sergio abends heim und hatte die ersten Tattoos auf den Schultern, meine Mutter war geschockt, hat aber nicht viel gesagt. Mit der Zeit wurden sie dann immer mehr, bis er so aussah wie jetzt. Und dann kam Luka und hat ihm von den Kämpfen erzählt.“

„Wow, Janna, das ist eine ziemlich hammerharte Story“, sagte ich, noch ganz erschlagen von den ganzen Bildern, die vor meinem inneren Auge vorbeigezogen waren. Diese Familiengeschichte erklärte so einiges, was ich mich insgeheim schon gefragt hatte … vor allem was Sergio anging.

„Ich habe bisher keiner Freundin so ausführlich über unsere Familie erzählt wie dir“, ließ sie mich wissen. Ich konnte in ihren Augen die Bitte lesen, ihr Vertrauen mir gegenüber niemals zu missbrauchen, und das würde ich ganz sicher auch nicht tun.

 

Wir vernahmen plötzlich, wie die Wohnungstür aufgeschlossen wurde und verstummten. Adriana schaute mich mit großen Augen an, unsere Ohren lauschten. Wir hörten schwere Schritte durch den Flur schreiten. Dann kam Sergio ins Wohnzimmer herein und sah uns auf der Couch sitzen.

Er lächelte ein wenig. „Hey, Lexi, sorry, wartest du schon lange?“

„Nein, wir sind auch erst vor ein paar Minuten gekommen“, antwortete ich.

„Wo warst du?“, wollte Adriana von ihm wissen.

„Ich war mit Luka zusammen. Wo sind Yvo und Mama?“

„Bei Tante Sanja … jetzt raste aber nicht gleich aus!“

Nach dieser Bemerkung von Adriana sah ich sorgenvoll zu Sergio. Er machte nun eine ziemlich zerknirschte Miene.

„Warum tut sie so was? Muss ich wieder die ganze Nacht bei Yvo sitzen, verdammter Mist!“

„Ich sagte, raste nicht gleich aus. Sie sind bestimmt bald zurück“, versuchte Adriana zu beschwichtigen. Es schien zu wirken. Sergio setzte sich uns gegenüber in einen Sessel und sah uns jetzt neugierig an.

„Und … wart ihr erfolgreich beim Möbelkauf?“

Adriana und ich wechselten Blicke und nickten. „Nächstes Wochenende kommt das Bett und paar Tage später der Rest“, berichtete Adriana mit freudigem Ton.

„Cool!“ Sergio schien beeindruckt. „Und die Fototapeten?“

„Die haben wir auch schon und auch die Hängematte.“

„Die Fototapeten müssen ran, bevor die Möbel da sind“, sagte er. Adriana nickte zustimmend. „Hilfst du uns dabei?“

Er tat so, als müsste er es sich noch gut überlegen. Adriana machte schon ein verwundertes Gesicht.

Sergio hob die Augenbrauen. „Klar helf ich. Ich möchte nicht, dass die Tapeten krumm und schief geklebt sind“, sagte er grinsend.

Adriana warf ihm ärgerlich ein Kissen entgegen.

Sergio sah mich an. „Bereit für die zweite und vielleicht letzte Runde Wahrscheinlichkeitsterror?“

Ich nickte. „Bereit. Aber Terror nenne ich es nicht mehr.“

„Wenn du eine Eins im Test schreibst, musst du mir einen Gefallen tun!“ Er lächelte schief und seine dunklen Augen blitzten.

Adriana ließ einen genervten Seufzer von sich.

„Was denn für einen Gefallen?“, fragte ich überrascht.

„Sag ich erst, wenn es soweit ist“, gab er zurück.

Ich kniff die Augen skeptisch zusammen, ging aber doch auf seine Herausforderung ein.

„Okay, mal überlegen … die Wahrscheinlichkeit, dass ich bei dem Test eine Eins schreibe, ist … ähm … gering?! Somit kann ich getrost auf deinen zweifelhaften Deal eingehen.“

„Tu’s nicht!“, warnte mich Adriana mit verschränkten Armen.

„Doch, ich tu’s“, sagte ich schmunzelnd. Eine Eins war einfach utopisch, irgendwo würden mir sicher Fehler unterlaufen.

„Okay, los geht’s an die Arbeit …“, forderte Sergio mich auf. Er meinte es wirklich ernst mit seiner Nachhilfe. Scheinbar unmotiviert erhob ich mich von der Couch und folgte ihm. Innerlich aber freute ich mich auf unser gemeinsames Lernen.

„Tja, und ich geh mal in der Zwischenzeit den schönen Kleister besorgen“, sagte Adriana.

 

Als ich wieder auf Sergios Bett saß, konnte ich nicht widerstehen, ihn beim Wechsel seines T-Shirts zu beäugen. Er bemerkte meinen heimlichen Blick, sagte aber zum Glück nichts. Es war mir super peinlich.

Wir gingen die Aufgaben aus dem Mathebuch noch mal durch und nahmen den neuen Stoff von der letzten Woche dazu. Sergio erklärte alles wieder so gut, dass ich mit meinem offensichtlich mathematisch wenig begabten Hirn das Gefühl hatte, das Thema tatsächlich geknackt zu haben.

Sergio machte ein zufriedenes Gesicht. „Die Pfadregeln hast du drauf, die Baumdiagramme, die Formel der bedingten Wahrscheinlichkeit ist dir klar, du hast die Aufgabe mit den Eiern richtig gelöst … Ich denke, du bist jetzt fit, Lexi“

Ich atmete erleichtert aus. „Ich fühle mich jedenfalls so“, sagte ich voller Glücksgefühl.

Er verschränkte die Arme vor der Brust und sah mich eindringlich an. „Okay, noch eine letzte Aufgabe! Berechne die Wahrscheinlichkeit, dass du und ich jetzt gleich eine Pizza essen gehen, obwohl Janna was dagegen haben wird? Du hast exakt eine Minute dafür Zeit!“

Ich sah ihn mit glühenden Wangen an. „Die Wahrscheinlichkeit, dass wir alle gehen, liegt bei 1, dass nur du und ich gehen bei ½, und dass wir weder allein noch mit Janna gehen bei … hm … 0 würd ich sagen!“

Er lächelte zufrieden. „Gut gerechnet! Aber weißt du was, genug der Wahrscheinlichkeiten! Jetzt Fakten schaffen. Also, ich hab einen Krater im Magen und du?“

„Hab heute nur ein Sandwich gegessen, genauso wie Adriana“, antwortete ich.

„Dann lass uns los machen …“ Er sprang auf, steckte Portemonnaie und Handy in die Gesäßtaschen und verließ das Zimmer.

Ich packte schnell meine Sachen ein und lief ihm hinterher.

 

Adriana schüttelte den Kopf. „Ne, geht ohne mich, ich bleib hier. Mama und Yvo kommen sicher gleich“, sagte sie gleichmütig. Ich war überrascht darüber, dass sich ihre Befürchtungen, was Sergio und mich anging, scheinbar in Luft aufgelöst hatten und sie mich mit ihm allein ziehen lassen wollte. Zumindest schien sie sehr entspannt und in keinster Weise beunruhigt.

„Sollen wir dir was mitbringen?“, fragte Sergio, bevor er aus der Wohnung trat.

„Nein, nein, danke, ich mache mir selber was“, ließ Adriana verlauten.

„Tschau, Janna, wir sehen uns Montag“, rief ich ihr noch zu.

Sie winkte kurz und verschwand im Wohnzimmer, und ich zog die Wohnungstür hinter mir zu.