Alles neu und …
Der erste Schultag in Berlin!
Vor lauter Aufregung wachte ich noch vor meinem Wecker auf. Mein Zimmer war von Sonnenstrahlen durchflutet und machte eigentlich gute Laune. Alle Möbel, bis auf mein Bücherregal, waren brandneu und rochen auch so. Ich hatte einen richtig tollen Schreibtisch, auf dem mein Flachbildschirm stand, und der ein extra Fach für meinen PC hatte. Ich hatte ein kleines, gelbes Zweiersofa und einen dazu passenden kleinen, rechteckigen Tisch, einen doppeltürigen Kleiderschrank aus echtem Massivholz - nicht so ein dünnes Imitat, das nach kurzer Zeit zusammenfällt - und ein ultrabequemes, breites Bett. In diesem Bett hatten locker zwei dicke Personen Platz. Die orangefarbenen Wände des Zimmers sorgten für eine gemütliche, froh stimmende Atmosphäre.
An der Wand neben meinem Bett stand mein geliebtes Bücherregal und quoll fast über, aber noch ein Regal wollte ich nicht dazustellen. Ich würde mir da was einfallen lassen müssen.
Meine Mutter klopfte an die Tür und trat vorsichtig ein. „Huhu, guten Morgen, Lexi, bist du wach? Du musst aus den Federn! Dein erster Tag, meine Süße.“
Ich rieb mir noch etwas schlaftrunken die Augen. „Morgen, Mama, ich steh gleich auf.“ Im selben Moment klingelte der Wecker, und wir mussten beide lachen.
Meine Mutter setzte sich auf den Bettrand und streichelte meinen Kopf. „Ich kann dich leider nicht begleiten, muss los zur Arbeit, aber ich wünsch dir viel Glück und lass dich nicht einschüchtern, von nichts und niemandem, hörst du?“
Ich nickte brav, und sie gab mir einen Kuss auf die Stirn.
„Frühstücken nicht vergessen! Und denk an die Schlüssel. Ich hab dir Geld auf den Küchentisch gelegt. Du musst dir einen Schülerausweis machen lassen, den brauchen wir vor allem für dein Monatsticket. Frag, ob du ein Schließfach kriegen kannst, und ob man in der Mensa gesundes Essen kriegt. Frag, wer der Caterer dieser Schule ist und …“
Ich unterbrach sie schmunzelnd: „Ja, Mama, mach ich doch alles, keine Sorge. Geh jetzt, sonst kommst du zu spät zu deiner Arbeit.“ Sie gab mir noch einen weiteren Kuss und verschwand. Ich kroch langsam aus dem Bett, streckte meine Glieder und ging duschen.
Im Sekretariat bekam ich neben dem Stundenplan auch einen Plan vom Schulgebäude in die Hand gedrückt, mit dem ich mich orientieren und meine Klasse finden sollte.
Ich erfuhr, dass ich einen Klassenlehrer namens Friese hatte und die Klasse mit mir zusammen aus dreißig Schülern bestand. Das waren circa acht mehr als in meinen früheren Klassen. Die Nervosität kroch wieder in mir hoch.
Als ich die Klasse betrat, saßen einige schon auf ihren Plätzen, andere standen herum und wieder andere hasteten gerade herein. Es klingelte, doch ich stand immer noch wie angewurzelt neben dem Lehrerpult und wusste nicht, wohin ich mich setzen sollte. Dann kam ein dicklicher, freundlich aussehender Mann herein, fragte mich, ob ich die neue Schülerin sei und gab mir schließlich zur Begrüßung die Hand. Er sagte, er heiße Herr Friese, sei der Klassenlehrer und unterrichte Deutsch.
Von allen Seiten wurde ich wie erwartet kritisch beäugt. Ich spürte die neugierigen Blicke auf meinem ganzen Körper. In manchen der hinteren Ecken wurde leise gekichert. Doch die meisten Mädchen und Jungen starrten mich völlig ungeniert an, tuschelten, ohne den Blick auch nur kurz von mir abzuwenden. Höflich war das nicht gerade.
„Schscht, alle setzen, Handys aus und zuhören. Möchte euch eure neue Mitschülerin vorstellen: Alexa Lessing. Sie ist neu nach Berlin gezogen … schscht … Ruhe jetzt. Also, wo ist denn noch ein Platz frei?“
Herr Frieses Augen suchten den Klassenraum nach einem freien Sitzplatz ab und entdeckten einen in der hintersten Reihe neben einem dunkelhaarigen Mädchen. „Ah, da, da hinten bei Adriana ist was frei, setz dich bitte neben sie, ja. Dann können wir auch gleich anfangen …“
Ich bekam den Eindruck, dass Herr Friese zu der hektischen Sorte Lehrer gehörte, die alles immer schnell abhaken wollten. Schnurstracks ging ich zu dem mir zugewiesenen Platz und setzte mich neben das Mädchen, das Adriana hieß und mich nicht gerade freundlich empfing.
„Na“, sagte sie, ohne zu lächeln. „Wie heißt du noch mal?“
„Alexa, na ja … Lexi eigentlich“, sagte ich und streckte ihr meine Hand entgegen. Sie sah sie verständnislos an und grinste. „Was ist das jetzt? Seid ihr alle so steif, da wo du herkommst?“
Da sie meinen Handschlag offensichtlich nicht anzunehmen gedachte, zog ich meine Hand wieder zurück und zuckte mit den Schultern. „Am Anfang ja, wenn man sich neu vorstellt“, sagte ich verhalten, „… aber, vergiss es, nicht so wichtig.“
Ich wandte mich ab, nahm einen Block und einen Stift aus meinem Rucksack und widmete meine Aufmerksamkeit dem Unterricht.
Adriana und ich wechselten während der ersten beiden Stunden kein Wort miteinander.
Als es zur großen Pause klingelte, fragte sie mich überraschend, ob ich mit ihr auf den Hof kommen wolle, und ich willigte dankend ein. Ich kannte ja noch niemanden und war froh darüber, dass sie sich scheinbar um mich kümmern wollte.
Sie verriet mir, dass sie Serbin sei, mit ihren zwei Brüdern bei ihrer Mutter lebe und irgendwann Moderatorin werden wolle oder Zahnärztin, doch am liebsten würde sie Pilotin werden.
Ich wartete darauf, dass sie lachen würde, was sie aber nicht tat. Dann sagte sie, sie könne sich auch vorstellen, einen reichen Mann zu heiraten und vier Kinder zu bekommen, und jetzt lachte sie laut los und zwar so herzhaft, dass ich mitlachen musste und meine Anspannung war schon fast verschwunden.
Als wir uns wieder beruhigt hatten, fragte sie mich Löcher in den Bauch. Ihre Neugier schien grenzenlos, und ich erzählte bereitwillig über all die Dinge, die mein Leben ausmachten: die schlimme Scheidung meiner Eltern - der Bescheid vom Gericht war genau an meinem zehnten Geburtstag gekommen -,unser ständiges Umherziehen, dass meine Mutter Krankenschwester sei und immer hart arbeiten müsse, dass ich leider keine Geschwister hätte und später gerne studieren und was aus mir machen wollte, und dass ich noch nie in einem Musical gewesen sei.
„Ich auch nicht“, sagte Adriana fasziniert, und wir lachten schon wieder. Dann fragte sie, ob ich einen Freund gehabt hatte, den ich zurücklassen musste. „Nein“, antwortete ich wahrheitsgemäß. „Eigentlich ist es so …“, fuhr ich einfach fort, „… ich hatte bisher nur eine beinah Beziehung, und die ist auch schon zwei Jahre her. Ist schwer, sich zu verlieben, wenn man weiß, dass man vielleicht schon bald wegziehen muss.“
Adriana nickte verständnisvoll, und ich wunderte mich über meine Offenheit ihr gegenüber. Doch sie hatte so etwas Warmes, Vertrauensvolles in den Augen, das mich einfach erzählen ließ.
„Ach, na ja“, sagte sie. „Wenn du achtzehn bist, kannst du machen, was du willst. Und wenn du nicht mehr umziehen willst, dann tust du es eben nicht!“
Ich antwortete darauf nichts, sah sie nur etwas verdutzt an. Ihre Bemerkung erschien mir undurchdacht und war für mich persönlich nicht sehr realistisch, aber vielleicht hatte sie nur einen Witz gemacht, denn sie lachte wieder ihr ansteckendes Lachen.
„Komm“, sagte sie, „… ich stell dich mal paar coolen Leuten vor.“ Zwinkernd fügte sie schnell hinzu: „Und von wem du dich besser fern hältst, wirst du auch noch lernen müssen ...“
Adriana deutete zu einer Gruppe von Mädchen, die etwas abseits standen und nach ihren Gesichtern zu urteilen über ein ernstes Thema sprachen.
„Sind das Freundinnen von dir?“, fragte ich, während ich versuchte, mit ihr Schritt zu halten. Sie schüttelte den Kopf. „Nein, die sind die Nachhilfe AG oder auch das ‚Turbo Trio’, wie sie manchmal genannt werden. Montags in der ersten Hofpause besprechen sie immer ihren Wocheneinsatz. Tessa, Aynur und Celina. Die können fast in jedem Fach nachhelfen. Mit denen stellst du dich am besten gleich auf super gut.“
Meine Bekanntmachung mit den Mädchen lief höflich, aber etwas unterkühlt ab. „Mach dir da nichts draus“, meinte Adriana später auf dem Weg zurück zum Unterricht „Die bestehen nur aus Gehirnmasse, verstehst du?“
Die Stephen Hawking Oberschule war seit 2009 eine Ganztagsschule, die bis sechzehn Uhr ging. Für Schüler ab den zehnten Klassen war die Mittagspause von zwölf Uhr dreißig bis dreizehn Uhr dreißig, die jüngeren durften früher essen. Als es endlich zur Mittagspause klingelte, knurrte auch schon mein Magen.
„Jetzt zeig ich dir einen sehr aufschlussreichen Ort … nämlich unsere tolle Mensa!“, sagte Adriana und zog mich an der Hand mit. Ich hatte den Eindruck, dass sie sich inzwischen irgendwie für mich verantwortlich fühlte und auch ein bisschen auf Bodyguard machte, was mir aber ganz recht war. Immer mal wieder wurde sie von Jungs mit einem flirtenden Lächeln in den Augen angesprochen und einige unscheinbar aussehende Mädchen fielen ihr theatralisch um den Hals und gaben ihr zur ersten Begrüßung im neuen Schuljahr Küsschen auf die Wange. Allen sagte sie, dass sie mir die Schule zeigen würde und zog mich weiter mit sich.
Es kam mir so vor, als ob sie froh darüber war, mit mir beschäftigt zu sein, um nicht mit den anderen rumhängen zu müssen. Es gab auch Mädchengruppen, die ihr skeptische oder sogar unfreundliche Seitenblicke zuwarfen, was sie mit einem kühlen Grinsen einfach ignorierte.
Wir betraten gemeinsam einen flachen Anbau.
Wow! Die Schule hatte eine wirklich beeindruckend große, schön ausgestattete Mensa, die sehr gut besucht war. Trotzdem gab es noch einige freie Tische. An den Wänden hingen eingerahmte Bilder vom Kunst Leistungskurs, wie ich von Adriana erfuhr. Der schwere Geruch von warmem Essen durchmischt mit einem leichten Schweißgeruch lag in der Luft. Ich rümpfte ein wenig die Nase. „Ja, ich weiß“, sagte meine Begleiterin mit gekräuselter Stirn. „Draußen ist es heiß und hier drin erst recht, aber man gewöhnt sich schnell dran.“
Nachdem wir ein paar Minuten angestanden, aus drei unterschiedlichen Menüs ausgewählt und schließlich unser Essen bezahlt hatten, setzten wir uns mit unseren Tabletts an einen freien Vierertisch am linken Rand des Saals.
An vielen Tischen wurde gemeinsam gegessen, gelacht und geredet. Am Umgang mancher Schüler und Schülerinnen miteinander konnte man allerdings auch sehen, dass es einige undurchdringliche Cliquen gab. An einem der großen Tische beispielsweise saß eine Gruppe Jungs, die T-Shirts mit dem Emblem der Stephen Hawking Oberschule trugen.
„Das ist die Ruderriege, ein ziemlich arroganter Haufen“, weihte mich Adriana ein. „Die haben in diesem Sommer fast jede Regatta gewonnen und kommen sich jetzt vor wie die Kings. Die Schule ist natürlich stolz auf die Siege und die Schüler auch, wenn es drauf ankommt, aber ihr Getue nervt. Und da rechts … neben den Ruderern sitzen Hakan und seine ganzen Kumpels. Hakan ist der mit dem rasierten Kopf und den Segelohren, die kriegen sich mit den russischstämmigen Schülern öfter in die Haare.“ Sie deutete mit dem Kinn in eine andere Richtung. „Schau mal nach links, zu dem Tisch mit den ernsten Gesichtern, ja da, die sitzen immer an demselben Platz, also, lieber woanders hinsetzen, wenn es geht, okay! Ansonsten sind die ganz nett, wenn man sie anspricht, aber bleiben halt gerne unter sich.“ Sie sah mich mahnend an.
Ich nickte verblüfft. Wow, dachte ich, ein Glück erfuhr ich all diese Dinge gleich am ersten Tag.
Ich bemerkte, wie Adriana zu einem ziemlich vollen und lauten Tisch auf der gegenüberliegenden Seite der Mensa schielte, während sie leicht verdrießlich in ihrem Essen herumstocherte. Dort saß eine Gruppe schrill aufgebrezelter Mädchen um einen dunkelhaarigen Typen herum und buhlte ganz offensichtlich um seine Aufmerksamkeit. Die Mädchen hatten ziemlich knappe Oberteile an und kicherten so laut, dass sie nicht zu überhören waren
„Sie sie dir nur an, Hühner mit Möpsen“, sagte Adriana seufzend.
Ich musste schmunzeln. Adrianas Humor gefiel mir. Mit ihrer engen Röhrenjeans und der glitzernden weißen Bluse war sie im Vergleich zu diesen Mädchen geradezu elegant und stylish. Ihre langen schwarzen Haare fielen makellos herab und ihr dezentes Make-up ließ sie frisch und strahlend aussehen. Im Gegensatz zu ihr wirkten die „Hühner“, wie sie sie nannte überschminkt und stillos. Und ich? … Ich wirkte … tja … brav und todlangweilig, nehme ich an. Meine schulterlangen Haare hatten keine richtige Farbe, stattdessen dieses schmutzige Straßenköterblond. Und bei der Wahl meiner Klamotten hatte ich nie ein besonderes Geschick bewiesen. Shoppen war für mich ein Fremdwort und mein Gesicht ein Feld, auf dem ich lieber keine Experimente mit Farben durchführte. Meine wenigen Versuche, mich mal hübsch zu machen, hatten mich zu einem Clown verwandelt. Also ließ ich diese ganze Styling Kiste links liegen. Zumindest brauchte ich einen wirklich guten Grund, um mich mal herauszuputzen.
„Diese Tussis sind so daneben, es ist immer dasselbe. Jedes Schuljahr fängt so an …“, schimpfte Adriana weiter.
Ich blickte wieder zu dem lauten Tisch und sah, wie der dunkelhaarige Typ mit einer wedelnden Geste den Mädchen klarmachte, dass sie jetzt verschwinden sollten, damit sich zwei seiner Kumpels setzen konnten. Die Mädchen standen zögerlich auf und trippelten mit enttäuschten Gesichtern auf ihren High Heels davon, drehten sich jedoch allesamt noch ein letztes Mal um und lächelten ihren Schwarm verführerisch an. Er lächelte knapp zurück, was aber nicht sehr überzeugend wirkte. Dann sah er plötzlich zu unserem Tisch rüber, und ich zuckte erschrocken zusammen.
„Hm, der Arme, irgendwann wird ihm das Gegackere dann doch zuviel“, sagte Adriana mit einem höhnischen Grinsen im Gesicht.
„Wer ist das?“, fragte ich fast flüsternd, während ich darauf achtete, ja nicht aus Versehen noch einmal zu dem Jungen zu sehen. Ich fürchtete, dass er immer noch in unsere Richtung starrte.
Adriana hatte sich gerade den Mund mit einer dicken Salzkartoffel vollgestopft. Sie seufzte laut, schob ihren Bissen in eine Backentasche und sagte. „Das ist Sergio! Tu mir einen Gefallen und ignorier ihn! Ist mit Abstand der beste Rat, den ich dir heute geben kann!“
Doch es war schwer diesen Sergio zu ignorieren, denn eine Minute später stand er vor unserem Tisch und grinste breit. Er war ziemlich groß, extrem muskulös und drahtig wie ein Athlet. Beide Schultern und die kompletten Ober- und Unterarme waren mit Tattoos übersät: Tribal Ornamente, wie ich sie mal auf Fotos in der National Geographic gesehen hatte.
Er ließ sich auf einen Stuhl plumpsen, ohne überhaupt zu fragen, ob es uns etwas ausmachte. Irritiert sah ich zu Adriana und musste mich wundern, dass sie nichts sagte. Stattdessen rollte sie mit den Augen, seufzte genervt und stopfte sich wieder den Mund voll. Ich versuchte, meine Empörung unter Kontrolle zu bringen und vor allem nicht eingeschüchtert auszusehen.
In einer lässigen Pose fuhr er sich mit der Hand über die dichten Haare, die akkurat kurz geschnitten waren. „Hey, Janna, wer ist denn deine neue Freundin hier?“, wollte er wissen.
Adriana drehte sich betont langsam zu ihm um. „Sergio, geh weg“, sagte sie, allerdings weitaus weniger energisch, als ich erwartet hätte. „Sie ist ganz neu in Berlin und steht nicht auf Typen wie dich.“
Er grinste unbeirrt weiter. „Woher willst du das wissen, Janna, hm?“ Dann sah er mich wieder an. „Hey, du darfst mich gerne kennenlernen“, sagte er und beugte sich weiter zu mir vor. Ich hob widerwillig den Kopf und blickte in zwei kohlrabenschwarze Augen, die mich eindringlich anfunkelten. Er ließ die Augenbrauen mehrfach hochzucken und zwinkerte mir frech zu. „Also, wie heißt du, hm?“
„Lexi“, kam es prompt aus mir heraus. Mit großer Mühe versuchte ich anschließend, möglichst gleichgültig auszusehen.
„Okay, jetzt weißt du es, und nun geh, bitte, Sergio, bevor ich die Krise kriege!“ Adrianas Warnung schien gesessen zu haben. Er hob beschwichtigend die Hände in die Höhe. „Schon gut, schon gut.“ Dann stand er auf, stützte sich aber mit beiden Händen auf dem Tisch ab und kam mit dem Gesicht ganz dicht an mich heran. „Ich hab das komische Gefühl, dass wir uns noch gut kennenlernen werden, Lexi, was meinst du?“
Ich verzog grimmig einen Mundwinkel. „Das glaubst wohl nur du“, sagte ich schroff und wandte mich demonstrativ ab. Grinsend schlurfte er davon. Im nächsten Moment hörte man bereits hohe, kichernde Stimmen seinen Namen rufen.
Ich sah fragend zu Adriana, die jetzt entspannter wirkte und kopfschüttelnd grinsen musste. „Was war das denn?“ Ich war immer noch baff von dem unmöglichen Auftritt. „Hattest du mal was mit diesem Typen?“, fragte ich.
Sie trank einen Schluck von ihrem Saft und ließ mich einige Sekunden zu lang auf die Antwort warten. „Ganz sicher nicht, glaub mir“, sagte sie schließlich. „Tja, Sergio … ist nämlich mein Bruder.“
Ungläubig lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück. „Oh, und ist dein anderer Bruder auch auf dieser Schule?“, fragte ich voller Sorge, es könnte mehr von der Sorte geben.
Sie schüttelte den Kopf. „Nur Sergio. Mein Bruder Yvo, unser Jüngster, er ist zehn, bekommt besondere Förderung, weil er … na ja, er lebt in seiner eigenen Welt, haben die Ärzte gesagt.“
Ich merkte, dass Adriana bei diesem Thema ernster wurde. Über ihre Familie zu reden, schien für sie nicht so leicht zu sein. Dennoch erzählte sie einfach weiter, ohne dass ich überhaupt gefragt hatte. „Sergio ist hier, weil er schlau ist. Er hat weitaus mehr in der Birne, als man annimmt, wenn man ihn so sieht … ich meine … mit seinen ganzen Tattoos und den Tussis um ihn rum. Kaum zu glauben, aber ohne ihn wäre ich auch nicht hier. Seit der siebten Klasse tritt er mir wegen Schule in den Hintern, da ist er extrem streng, nicht wie meine Mutter, der geht alles am Arsch vorbei.“
Sie sah mich verunsichert an. „Ähm, hoffe, du kriegst keinen Schreck, wenn ich so rede.“ Ich schüttelte den Kopf, auch wenn sie nicht ganz unrecht hatte.
„In welcher Klasse ist Sergio?“ fragte ich, hoffend, dass meine Frage nicht nach Neugier geklungen hatte.
„Er ist gerade in die Oberstufe gekommen. Keiner hätte es vor ein, zwei Jahren für möglich gehalten! Er hatte oft gefehlt. Und dennoch hat er letztes Jahr die beste MSA Prüfung der Schule geschafft!“ Sie nickte stolz. „Oh, Gott, ich sollte damit aufhören, ich meine, über ihn zu reden. Er ist mein Bruder und ich liebe ihn, aber du solltest dich von ihm unbedingt fern halten, Lexi. Nur zu deiner Info: Mein Bruder führt keine Beziehungen, es geht ihm nur um das Eine! Musch … oops …’tschuldige.“ Grinsend hielt sie die Hand vor den Mund und machte große Augen. „Ich sollte mir eine bessere Ausdrucksweise zulegen, ich weiß …“
„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen“, sagte ich mit einer inneren Abscheu, die ich plötzlich verspürte. „Ich steh wirklich nicht auf solche Typen. Eigentlich will ich mich sowieso auf niemanden einlassen, bis ich mein Abi in der Tasche habe. Meine Mutter reicht mir als abschreckendes Beispiel: Schule nicht abgeschlossen, viel zu jung geheiratet, gleich Kind gekriegt, dann mit größter Anstrengung Schulabschluss und Berufsausbildung nachgeholt, zum Dank dafür vom Mann verlassen worden und seitdem nur am Kämpfen, um uns ein einigermaßen angenehmes Dasein zu bieten, aber ich habe den Eindruck, dass sie nur auf der Flucht vor dem Leben ist, und ich muss ihr dabei zusehen.“
Adriana sah mich höchst beeindruckt an. „Hammer, dass du das alles schon so gecheckt hast!“, sagte sie. „Ich weiß immer nie, warum meine Mutter etwas tut oder nicht tut … Oh scheiße, nein …“
Sie duckte sich plötzlich, und ich sah mich verwundert um. Drei Jungs gingen an unserem Tisch vorbei, ohne uns oder auch anderen irgendwelche Aufmerksamkeit zu schenken.
„Siehst du den in der Mitte?“, flüsterte Adriana tief über ihren Teller gebeugt in ihr Gemüse.
„Ja:“ Ich versuchte, unauffällig den dreien hinterher zu spähen.
„Das ist Joshua Meyer aus der Parallelklasse. Seit Anfang der Neunten mein Schwarm.“
„Was echt?“
„Und wie“, sagte sie leise kichernd.
„Warum unternimmst du nichts?“
„Weil ich denke, dass er eine Freundin hat, ich hab das im Gefühl. Komm wir müssen los.“
Wir brachten unsere Tabletts weg und verließen die Mensa.
Draußen sah ich Sergio ein letztes Mal an diesem Tag inmitten einer Gruppe von Mädchen und Jungs. Die Mädchen gaben sich scheinbar größte Mühe, um neben ihm stehen und seinen Bizeps anfassen zu können, und ab und zu legte er einen Arm um eines der Mädchen, oder umfasste ein anderes an der Taille, zog sie zu sich heran und schob sie wieder weg. Ganz eindeutig war es ein Spiel, das sie alle sehr genossen.
Als wir in das Schulgebäude traten, sah ich an Adrianas Gesichtsausdruck, dass etwas nicht stimmte. Gleich darauf war auch klar, warum sie so angespannt schaute. Sergio war uns nachgerannt und stand nun vor uns. „Janna, lad doch deine neue Freundin mal zu uns nach Hause ein, dann lernt sie noch die restliche Familie kennen“, sagte er mit dem vermutlich unwiderstehlichsten Lächeln, das er drauf hatte und blickte zwischen seiner Schwester und mir hin und her.
Adriana hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah ihrem Bruder mit schräg geneigtem Kopf skeptisch in die Augen. „Damit du sie besser angraben kannst oder warum, Sergio?“
Er hob die Augenbrauen, als wäre er sehr verwundert über diese Frage. „Was? Natürlich nicht! Ich behandle Lexi wie eine gute Freundin, sonst nichts, mein heiligstes Ehrenwort“, sagte er und reichte mir die Hand. Nach kurzem Zögern nahm ich sie - höflich wie ich war.
Verstand er etwas von gutem Benehmen oder gehörte das zu irgendeiner Taktik, die er als Geheimwaffe herauskramte?
„Mein Name ist Lovic. Sergio Lovic …“, sagte er mit einem Blitzen in den Augen und einer absichtlich übertrieben tiefen Stimme. Daraufhin mussten wir alle schmunzeln, weil es wie ‚Bond … James Bond’ geklungen hatte.
Ich blies trotzdem gelangweilt die Backen auf und pustete laut aus: „Ich weiß bereits, wer du bist.“
Zum Glück ließ er meine Hand wieder los, denn es gefiel mir nicht, wie nervös mich seine Berührung machte. „Meine Schwester hat dir hoffentlich nicht nur Schlechtes über mich erzählt?“, sagte er mit einem schiefen Grinsen im Gesicht.
Ich blickte unsicher zu Adriana, die begonnen hatte, ungeduldig auf der Stelle zu treten.
„Ähm, nein, eigentlich nicht.“
„Also, dann kommst du uns mal besuchen, hm?“
Adriana griff ungeduldig nach meiner Hand und zog mich hinter sich die Treppen hoch. „Na klar kommt sie MICH mal besuchen, Sergio! Und du wirst dann schön brav sein!“
„Ich sagte doch schon, ihr habt mein Ehrenwort, reicht das nicht?“, rief er uns laut lachend hinterher.
Am Abend, als wir gemeinsam am Küchentisch saßen, hatten meine Mutter und ich uns eine Menge zu erzählen. Sie war für die nächsten zehn Tage für die Frühschicht und danach für die Spätschicht eingeplant.
„Stell dir vor“, sagte sie fröhlich. „Ich muss keine Nachtschichten machen! Ist das nicht toll? Sie entsprechen damit ganz meinem Wunsch. Für die Nachtschicht stehen genug Kollegen ohne Kinder zur Verfügung. Die kriegen zwar einen Zuschlag, der mir entgeht, aber Geld ist bekanntlich nicht alles, oder?“
„Hm. Schön, Mama, wirklich.“ Das war mal eine erfreuliche Nachricht von ihrem Job. Ich hasste es, wenn sie nachts arbeiten musste. Sie war am nächsten Tag trotz Schlaf müde und gereizt, manchmal auch einfach nur wortkarg und irgendwie tieftraurig.
„Und wie war dein erster Tag, meine Süße? Schon paar Kontakte geknüpft?“
Ich nickte. „Hm, mit einem Mädchen aus der Klasse. Ich sitze neben ihr. Sie hat sich total nett um mich gekümmert und mir die Schule gezeigt.“
„Freut mich, Lexi. Das hört sich doch prima an. Wie heißt sie denn?“
„Adriana. Sie … hat auch einen Bruder auf der Schule.“ Warum ich diese Info gleich hinterher geschickt hatte, war mir unverständlich, denn bei dem Gedanken an Sergio widerstrebte etwas in mir, aber meine Mutter ging eh nicht darauf ein.
Ich wechselte das Thema. „Dieses Jahr muss ich echt büffeln, Mama, mein MSA steht an und danach geht’s noch härter weiter, wäre gut, wenn ich an der Stephen Hawking abschließen könnte. Die Schule gefällt mir bisher. Die Mensa ist echt toll.“ Ich schaute sie voller Hoffnung an.
„Ach ja, die Mensa. Hat dir also geschmeckt. Na, wenn die Mensa toll ist, dann ist das schon die halbe Miete. Apropos …“
Sie machte plötzlich ein ernstes Gesicht. „Kleiner Wermutstropfen. Ich hab ausgerechnet, was wir monatlich nach Abzug der Fixkosten übrig haben werden, und da bleibt uns wegen der höheren Miete weniger als in Bählming. Aber wir schaffen das trotzdem, wir werden schon gut über die Runden kommen. Dann kaufen wir – na ja, ich - eben etwas seltener Klamotten ein und peppen die alten Sachen mit ein paar Tricks auf.“
Meine Mutter war gut in solchen Dingen. So wie sie es mit der Wohnungseinrichtung machen konnte, so konnte sie auch unsere Kleidung wie neu aussehen lassen, indem sie etwas am Schnitt oder am Design änderte.
„Ist für mich in Ordnung. Du weißt ja, ich geh auch in Sack und Asche, wenn es sein muss“, beruhigte ich sie.
Sie schüttelte verständnislos den Kopf. „Siehst du, Lexi! Das meine ich! Du musst wirklich mal ein bisschen mehr auf dein Äußeres achten. In deinem Alter habe ich mich herausgeputzt wie ein Pfau und prompt haben sich die Kerle allesamt in mich verliebt. Und dein Vater erst …“ Träumerisch glitt ihr Blick aus dem Fenster. Ich spürte, wie ich mich darüber ärgerte, dass sie immer wieder von ihm anfing, gerade wenn wir ganz neu in einer Stadt waren. Dabei hatte mein Vater längst wieder geheiratet und hatte sicher keine nostalgischen Gefühlsmomente, die uns betrafen. Er lebte sein Leben, rief mich an meinen Geburtstagen an, schickte mir Geld und zu Weihnachten eine Karte. Das war’s. Mein großer Wunsch war, dass meine Mutter auch wieder ihr Leben leben würde, ohne ihn zu vermissen. Auch wenn sie es nicht zugab, spürte ich, dass sie noch viel für ihn empfand.