DER TOWER

1078

ALS WILHELM I. ENGLAND eroberte, ging er davon aus, daß sich seine Gefolgsleute in England niederlassen und friedlich Seite an Seite mit den Engländern leben würden, was ja schließlich auch unter dem dänischen König Knut passiert war. Und obgleich er Französisch sprach, war doch auch er, Wilhelm, ein Nordländer.
Anfangs war all sein Tun auf Versöhnung ausgerichtet. England durfte sein sächsisches Recht behalten, London seine Vorrechte, und viele englische Adlige behielten in diesen Anfangsjahren ihren Besitz, auch wenn ein paar Ländereien für die Gefolgsleute des neuen Königs konfisziert wurden. Warum also waren diese verfluchten Engländer so unvernünftig? Seit zwölf Jahren forderten sie den normannischen König immer wieder heraus: Revolten in England, Aufstände in Schottland, der Einmarsch der Dänen. Öfter als einmal hatte es so ausgesehen, als würde Wilhelm sein neues Inselreich verlieren. Und jedesmal stellte sich heraus, daß die angelsächsischen Adligen, von denen er angenommen hatte, er könne ihnen vertrauen, ein doppeltes Spiel spielten, und er sah sich gezwungen, weitere Söldner aus dem Ausland ins Land zu bringen und diese fremden Ritter mit Ländereien zu belohnen, die er den sächsischen Verrätern abgenommen hatte. So war über ein gutes Jahrzehnt hinweg der alte englische Adel durch Neuankömmlinge ersetzt worden. Und zu Recht konnte der Eroberer behaupten: »Es ist einzig und allein ihre Schuld!«
In diesen Jahren begann eine weitere Neuerung das Gesicht Englands zu verändern. Anfangs war die normannische Burg in London eher bescheiden gewesen: ein einfacher, solider Holzturm, auf einer Anhöhe errichtet und von Palisaden umzäunt, ein schlichter normannischer Burgfried. Solche Burgen waren bereits in Warwick, York, Sarum und zahlreichen anderen englischen Boroughs entstanden. Für London gab es nun ehrgeizigere Pläne: eine massive Burg aus Stein, nicht aus Holz, die den Londonern die nüchterne Botschaft vermitteln sollte, daß König Wilhelm der neue Herr im Lande war.
Es war ein heißer Vormittag im August. Die Arbeiter schwärmten wie Ameisen auf der Baustelle am Fluß herum. Ralph Silversleeves stand mit einer Peitsche in der Hand herum. Ein junger Arbeiter blickte hoffnungsvoll zu ihm auf und streckte ihm ein kleines Ding entgegen. »Das hast du gemacht?«
Der junge Bursche nickte. Silversleeves starrte das Ding nachdenklich an. Es war zweifellos bemerkenswert. Dann blickte er wieder auf den Jungen. Es erfüllte ihn mit tiefer Befriedigung, daß das Leben des Burschen völlig in seiner Hand lag.
Die Eroberung hatte Ralph viel Gutes gebracht. Sein Leben lang war er in seiner Familie der Dummkopf gewesen. Zwar würde er eines Tages die Hälfte des väterlichen Vermögens erben, doch das Familiengeschäft sollte sein schlauer Bruder Henri übernehmen. Er bewunderte Henri und wünschte sich stets, er könne so sein wie dieser. Er war nutzlos, und die Leute lachten über ihn.
Mit der Ankunft König Wilhelms hatte sich sein Leben verändert. Sein Vater hatte ihm eine Stellung bei einem so bedeutenden Mann wie Geoffrey de Mandeville, dem unmittelbaren Repräsentanten des Königs in London, verschafft, und nun konnte sich Ralph zum erstenmal in seinem Leben wichtig vorkommen. Die Tatsache, daß Mandeville ihn nur für weniger wichtige Aufgaben einsetzte, bei denen es vor allem auf Brutalität ankam, störte ihn nicht weiter. Er gehörte zur neuen Elite. Seit einem Jahr war er der Aufseher an der Baustelle des Towers von London. »Also, Osric«, sagte er nun kaltherzig, »was werden wir mit dir anstellen?«
Osric war ein schmächtiger Bursche. Er war erst sechzehn, doch sein hartes Leben und die Verstümmelung, die man ihm beigebracht hatte, ließen ihn alterslos erscheinen. Seine kurzen Beine waren krumm, seine Finger dick, seine ernsten Augen saßen in einem Kopf, der viel zu groß für seinen Körper war. Er kam aus einem Dorf im Westen Englands nahe der alten Siedlung Sarum. Nicht lange nach der Eroberung war das Dorf in die Hände eines der mächtigsten Magnaten des neuen Königs übergegangen. Unter den Hunderten von armen Familien auf dem riesigen Grundbesitz wäre Osrics Familie nicht weiter aufgefallen, und der reiche Adlige hätte nie von der Existenz Osrics erfahren, wenn dieser nicht einmal unsinnigerweise eine Falle aufgestellt hätte, die das Pferd eines Ritters stürzen ließ, wobei dieser sich den Arm brach. Der Junge hätte dafür auch mit dem Tod bestraft werden können, doch König Wilhelm hatte seinen Gefolgsleuten befohlen, Milde walten zu lassen. Also hatten sie dem jungen Osric nur die Nase aufgeschlitzt. Deshalb befand sich nun in der Mitte seines ernsten Gesichts eine riesige rotblaue Narbe. Er mußte durch den Mund atmen, und er haßte alle Normannen.
Der Magnat, der auch den stromaufwärts von London gelegenen Herrensitz Chelsea erhalten hatte, schickte den Jungen dorthin. Ein Jahr später verkaufte der Verwalter Osric an einen anderen Magnaten, an Geoffrey de Mandeville. Der Junge wußte nicht genau, ob er ein Leibeigener oder ein Sklave war, er wußte nur, daß Ralph Silversleeves ihm die Ohren abschneiden würde, wenn er Ärger machte. So wartete er also nervös, während der Aufseher über seine Strafe nachsann. Die Sonne brannte auf sie herab.
Der Tower lag erhöht in einer inneren Umfriedung. Östlich davon befand sich die alte römische Stadtmauer; an der West- und der Nordseite waren die Erdwälle und Palisaden der alten Holzburg an Ort und Stelle belassen worden. Innerhalb der Umfriedung gab es mehrere Werkstätten, Lager und Ställe.
Am Flußufer waren drei große Holzflöße vertäut. Auf dem einen lagen Kiesel, auf dem anderen rauher kentischer Kieselsandstein, auf dem dritten feinerer, blasser Caenstein aus der Normandie. Männer karrten die Steine vom Fluß zu den riesigen Grundmauern des Towers hinauf. Der Hauptturm hatte einen Grundriß von gut dreißig Quadratmetern. Die Ausgrabungen dafür waren nicht nur lang und tief, auch die Breite war erstaunlich. An der Basis waren die Mauern des neuen Towers über viereinhalb Meter breit.
Wie schwer doch diese Arbeit war! Monatelang karrte Osric nun schon Steine den Hügel hinauf, bis sein schmaler Rücken fast zu bersten drohte. Seine anfangs völlig wunden Hände waren inzwischen mit einer dicken Hornhaut bedeckt. Nur eines machte sein Leben erträglicher – die Zimmerleute zu beobachten.
An einer solchen Baustelle gab es für Zimmerer viel zu tun. Man brauchte Holzrampen, Leitern und Gerüste, und später würde man auch Balken und Holzböden herstellen. Wann immer Osric eine kleine Verschnaufpause einlegen konnte, drückte er sich bei den Zimmerern herum und beobachtete ihr Tun. In seiner Familie hatte es immer Handwerker gegeben, und so fühlte er sich instinktiv zu solchen Leuten hingezogen. Und die Zimmerer spürten wohl auch, daß er dafür empfänglich war, und zeigten ihm manchen Trick ihres Handwerks.
Er sehnte sich danach, mit den Zimmerern zu arbeiten. Diese Sehnsucht hatte ihn auch zu einem mutigen Schritt beflügelt. Dank eines freundlichen Zimmermanns hatte er drei Wochen lang mit Holzresten geübt, bevor er etwas produzierte, auf das er stolz war. Es war nur eine einfache Verbindung von zwei Holzstücken, doch sie war perfekt geplant und gearbeitet. Und dies hatte er nun in Ralph Silversleeves' Hände gelegt mit der Bitte: »Dürfte ich vielleicht den Zimmerern helfen, Sir?«
Ralph drehte das Holz nachdenklich hin und her. Mandeville würde zweifellos froh darüber sein, wenn dieser Leibeigene ein guter Handwerker werden würde. Der untersetzte kleine Kerl mit seinem großen Kopf und seiner zerschnittenen Nase taugte als Hilfsarbeiter wahrlich nicht sehr viel. »Du denkst also, du könntest ein Zimmerer werden?« fragte Ralph.
»O ja, Sir. Mein älterer Bruder ist ein ausgezeichneter Handwerker. Sicher würde auch ich einer werden.«
Da huschte ein merkwürdiges Zucken, fast ein Ausdruck von Schmerz, über das Gesicht des Aufsehers. Armer Osric. Er konnte natürlich nicht wissen, daß er einen sehr wunden Punkt getroffen hatte. Wenn ich niemals darauf hoffen kann, es meinem klugen älteren Bruder gleichzutun, dachte Ralph, warum sollte dann dieser elende kleine Kerl hoffen, es seinem gleichzutun? Mit grimmigem Vergnügen sprach der großnasige Normanne sein Urteil aus: »Dein Bruder ist ein Zimmerer, Osric. Aber du bist nur ein Lasttier, mein Freund, und das sollst du auch bleiben!« Und scheinbar völlig grundlos versetzte er dem armen Jungen noch einen Peitschenhieb mitten ins Gesicht, bevor er ihn zurück zu seiner Arbeit schickte.
Die zwei Männer saßen sich gegenüber an einem Tisch. Eine Zeitlang sprach keiner der beiden ein Wort; beide dachten über die Gefährlichkeit ihres Tuns nach, und jeder der beiden hätte auch sagen können: »Wenn sie uns erwischen, töten sie uns.«
Barnikel hatte dieses Treffen in seinem Haus nahe der kleinen Kirche All Hallows, die über dem nun wachsenden Tower stand, anberaumt. Zum erstenmal in den zehn Jahren ihres subversiven Tuns mußte er zugeben, daß er sich Sorgen machte. Er hatte sein Problem erklärt, für das Alfred ihm gerade eine Lösung angeboten hatte.
Wenn Alfred, der Waffenschmied, darüber nachdachte, erstaunte es ihn immer wieder, wie leicht er sich in die Sache hatte verwickeln lassen. Vor zehn Jahren hatte alles angefangen, in dem Sommer, in dem überraschend Barnikels Frau gestorben war. Barnikels sämtliche Freunde und Angehörige hatten sich eingestellt und ihm abwechselnd Gesellschaft geleistet. Seine Kinder hatten auch den jungen Lehrling dazu ermuntert. Dann hatte der Däne eines Abends seinen riesigen Arm um Alfreds Schultern gelegt und in sein Ohr geflüstert: »Würdest du mir einen kleinen Gefallen tun? Aber es könnte auch gefährlich sein.« Alfred hatte kaum darüber nachgedacht. Schließlich stand er bei dem Dänen in einer großen Schuld. »Natürlich«, hatte er rasch erwidert. »Dein Meister, der Waffenschmied, wird dir erklären, was du zu tun hast«, hatte Barnikel gesagt.
Die Lage war damals oft sehr angespannt. König Wilhelm war sich seines Landes keinesfalls sicher. Mandeville in London war nervös und verhängte häufig Ausgangssperren. Die Waffenschmiede hatte viel zu tun, um den Bedürfhissen der normannischen Garnison nachzukommen. Oft, nachdem das Einläuten der Ausgangssperre das Ende der Arbeit verkündet hatte, schufteten Alfred und sein Meister alleine weiter.
Eines Herbstabends hatte der Meister zu Alfred gesagt: »Ich habe noch etwas zu erledigen, und zwar für Barnikel. Aber du mußt nicht bleiben.«
Alfred hatte verstanden. »Ich bleibe«, hatte er nur gesagt.
Nach dieser schicksalsträchtigen Nacht blieben der Meister und sein Lehrling oft noch bis spät in die Nacht in der Werkstatt. Da ihre Arbeit nach außen hin für Mandeville bestimmt war, schöpfte niemand Verdacht. Dennoch waren sie vorsichtig, verriegelten stets die Tür und hatten ihre offiziellen Aufträge immer griffbereit, so daß sie die illegalen Waffen rasch verstecken und sich die regulären vornehmen konnten, falls sie jemals bei ihrem Tun ertappt würden.
Für Alfred war es eine wunderbare Möglichkeit, seine Fertigkeiten zu vervollkommnen. Es gab inzwischen kaum noch etwas, was er nicht konnte. Helme, Schwerter, Schilde und Speerköpfe stellte er dutzendweise her. Nur eines fragte er sich immer wieder, wenn der Meister und er die Waffen, die sie angefertigt hatten, unter dem Fußboden versteckten. Für wen waren diese Waffen eigentlich bestimmt?
Eines Nachts kam Barnikel mit einem Packpferd und nahm die Waffen mit. Bald darauf brach ein großer Aufstand im Norden und Osten Britanniens aus, die Dänen kamen zur Unterstützung, und in Ostanglien führte ein wackerer englischer Adliger, der Than Hereward, eine Revolte an. König Wilhelm schlug die Aufstände erbarmungslos nieder und verwüstete einen Großteil des Nordens. Vier Jahre später versuchten es die Dänen eine weiteres Mal, und in diesem Jahr hatte auch der Sohn Wilhelms mit Aufständischen in der Normandie zu kämpfen.
Alfred bemerkte, daß die Forderung nach Waffen nie zu dem Zeitpunkt, in dem der Aufstand ausbrach, sondern viele Monate vorher eintraf. Doch dies hätte ihn nicht zu überraschen brauchen. Das weitverzweigte nordische Netzwerk – die Wikingersiedlungen, verbunden durch Handelswege von der Arktis bis zum Mittelmeer – war nach wie vor sehr aktiv. Hinter der Themsemündung lagen die vielbesegelten nördlichen Gewässer, und es verging kaum ein Monat, in dem nicht eine neue geflüsterte Botschaft über das Meer weitergereicht wurde. Der Wikingerhändler Barnikel war nach wie vor stets bestens informiert.
In den letzten drei Monaten hatten sie Speere, Schwerter und eine riesige Anzahl von Pfeilspitzen angefertigt. Für wen waren sie bestimmt? Trieb sich der Than Hereward noch immer in den Wäldern herum, wie viele glaubten? Rüsteten die Norweger gerade ihre Langschiffe? Niemand wußte Genaueres, aber der König errichtete seinen Tower nun aus Stein, und Mandeville, so sagten die Leute, hatte Spione in allen Ecken der Stadt. Niemand verdächtigte den Waffenschmied, aber natürlich machte sich Barnikel diesmal doch große Sorgen.
Alfred war inzwischen selbst Meisterschmied und sollte demnächst in die Fußstapfen seines alten Meisters treten. Vor vier Jahren hatte er geheiratet, und nun waren schon drei Kinder da. Er mußte vorsichtig sein. Falls Barnikel recht hatte, falls König Wilhelm tatsächlich bei einem Aufstand vertrieben und vielleicht sogar durch einen dänischen König ersetzt werden würde, dann würde ihre heimliche Arbeit zweifellos bestens belohnt werden. Aber falls er nicht recht hatte…
»Das Problem sind die Packpferde. Es gibt zu viele Spione. Wir brauchen ein anderes Transportmittel«, erklärte Barnikel.
An dieser Stelle hatte Alfred seinen Vorschlag geäußert. Der Däne hatte darüber nachgedacht, und nun nickte er. »Das könnte funktionieren«, meinte er. »Aber wir brauchen einen guten, vertrauenswürdigen Zimmerer.«
Zwei Tage später ging Hilda an einem stillen Sommerabend den Hügel von St. Paul's hinab und durch das Ludgate hindurch aus der Stadt hinaus.
Der Tower war nicht die einzige neue Burg des Eroberers in London. Hier an der Westseite der Stadt wurden ebenfalls zwei neue, wenn auch kleinere Festungen neben dem Tor, das dem Fluß am nächsten war, errichtet. Ihr düsteres Aussehen beeinträchtigte Hildas Stimmung nicht. Sie lächelte, denn sie war unterwegs zu ihrem Geliebten.
Zum Glück hatte sie ihren Mann nie geliebt. Deshalb war sie nicht weiter enttäuscht gewesen, sie hatte ihn immer als das gesehen, was er war. Henri Silversleeves war klug, und er arbeitete schwer. Es mochte ihm zwar das strategische Geschick seines Vaters abgehen, doch er war ein Meister darin, im entscheidenden Augenblick das Richtige zu tun. Er verachtete Ralph, obwohl er es gelernt hatte, ihm gegenüber höflich zu sein. »Ich sehe nicht ein, warum Vater darauf besteht, daß er die Hälfte des Familienbesitzes erbt«, hatte er einmal zu seiner Frau bemerkt. »Gott sei Dank hat er wenigstens keine Kinder.« Hilda wußte, daß Henris ganze Leidenschaft dem Vermögen der Silversleeves galt. Und er handhabte das Geschäft so meisterhaft, daß sein Vater inzwischen häufig auf seinem Landgut etwa eine Tagesreise nördlich von London nahe Hatefield weilte.
Für Hildas Familie hatte die Heirat ihren Zweck erfüllt. Als der Eroberer die meisten Güter in Kent beschlagnahmte, verlor Leofric zwar Bocton, doch dank Silversleeves war er immerhin schuldenfrei und hatte ein solides Vermögen ansammeln können, das in die Hände ihres Bruders Edward übergehen würde. Ja, dachte sie, sie hatte richtig gehandelt. Sie lebte in einem herrlichen Steinhaus in der Nähe von St. Paul's. Sie hatte Henri bereits zwei Kinder geschenkt, einen Jungen und ein Mädchen. Er war ein aufmerksamer Vater und Ehemann. Er hätte sogar ein ausgezeichneter Ehemann sein können, wenn nicht sein Herz aus Stein gewesen wäre.
»Du hast wirklich eine hervorragende Stellung«, hatte Leofric zu ihr gesagt. Und das stimmte auch. Sie hatte sogar den König kennengelernt, denn die Familie Silversleeves war mehrmals in die Halle des Königs in Westminster eingeladen worden, wo er an Pfingsten hofhielt. Der beleibte, vitale König Wilhelm mit seinem großen Schnauzbart und seinen durchdringenden Augen hatte sie in Französisch angesprochen, was sie inzwischen dank ihres Gatten ganz ordentlich beherrschte, und war so erfreut über ihre Antworten, daß er sich an seinen gesamten Hof wandte und meinte: »Hier haben wir einen jungen Normannen mit seiner englischen Ehefrau, die beweisen, daß beide Völker friedlich zusammenleben können.«
Im darauffolgenden Jahr war es jedoch zu einem weniger glücklichen Vorfall gekommen. Ihr Vater hatte eine recht pragmatische Einstellung dem König gegenüber. »Er gefällt mir zwar nicht, aber er wird uns wahrscheinlich erhalten bleiben, also müssen wir das Beste daraus machen.« Als er erfuhr, daß der König ein paar Jagdfalken haben wollte, hatte Leofric keine Mühen und Kosten gescheut, um ein wunderbares Paar zu finden, und als Hilda und ihr Mann wieder am Hof eingeladen wurden, gab er ihr die Vögel mit und sagte ihr, sie solle sie Wilhelm als ein Geschenk von ihm überreichen.
Als die Diener ihres Mannes die zwei schweren Käfige hereintrugen, rief der König hocherfreut: »Ich habe nie schönere Vögel gesehen. Woher habt Ihr sie?« Bevor sie die Frage beantworten konnte, trat Henri vor und meinte schamlos: »Ich habe weit und breit nach ihnen gesucht, Sire.« Und dann lächelte er seine Frau frech an.
Sie konnte ihrem Mann natürlich nicht vor dem König widersprechen. Doch es durchzuckte sie ein kalter Schmerz, und sie fühlte, wie etwas in ihr starb. Vielleicht hätte sie ihm ja verziehen, wenn er sie nicht obendrein noch angelächelt hätte, überlegte sie später. Doch nun ging sie zu ihrem Geliebten und spürte Henri gegenüber nichts außer einem Pflichtgefühl.
Auf der anderen Seite der Holzbrücke über den Fleet, wo früher einmal eine heilige Quelle gewesen war, stand nun eine kleine Steinkirche, die einer keltischen Heiligen gewidmet war, die oft mit solchen Wasserstellen in Verbindung gebracht wurde: St. Bridget oder auch St. Bride, wie sie in diesem Fall hieß. Hier an der kleinen Kirche St. Bride gegenüber von Ludgate wartete er geduldig auf sie.
Barnikel von Billingsgate war verliebt. Die Eroberung Englands hatte den Dänen schwer getroffen. Seine Ländereien in Essex waren von den Normannen konfisziert worden. Aber er hatte es geschafft, sein Geschäft in London zu behalten, und zu seiner Überraschung hatte Silversleeves ihm sogar gewissenhaft Leofrics alte Schulden abbezahlt. Sein jüngster Sohn, der eigentlich das Sachsenmädchen hätte heiraten sollen, hatte eine ausgezeichnete Ehe geschlossen. Der Junge lebte bei seinem Schwiegervater, dessen Geschäft er zu gegebener Zeit übernehmen sollte. Doch dann war plötzlich seine Frau gestorben, und dem Dänen war darüber fast das Herz zerbrochen. Nur zwei Dinge hielten ihn am Leben – sein geheimer Kampf gegen die normannischen Eroberer und seine Beziehung zu Hilda.
Anfangs waren sich beide mit großer Zurückhaltung begegnet, denn beide bedauerten es, daß ihre Familien sich so entzweit hatten. Doch nachdem Barnikels Sohn geheiratet hatte, fühlten sie sich weniger befangen, wenn sie sich auf dem West Cheap trafen, und hielten oft inne, um ein paar freundliche Worte zu wechseln. Barnikel hatte sich angewöhnt, über den Fleet zu spazieren, wenn er vermutete, daß auch sie in dieser Gegend einen Spaziergang machte. Lange hatte er sich eingeredet, seine Gefühle zu ihr seien rein väterlicher Natur. Nur einmal, etwa vor fünf Jahren, hatte er es gewagt weiterzugehen. Sie hatte an diesem Tag sehr müde und traurig gewirkt, und er hatte sie gefragt: »Wirst du von deinem Mann schlecht behandelt?«
Sie hatte nur traurig gelächelt. »Das nicht. Aber was würdest du denn dagegen tun?«
Der Däne war instinktiv etwas näher an sie herangetreten und hatte mit fester Stimme gemeint: »Ich würde dich ihm wegnehmen!«
Daraufhin hatte sie nur den Kopf geschüttelt und gemurmelt: »Wenn du solche Sachen sagst, können wir uns nicht mehr treffen!« Daraufhin hatte er nie mehr derartige Vorstöße gewagt.
Und so verbrachten sie Jahr für Jahr als keusche Liebende. Hilda wußte, daß sie von ihrem Mann nur sehr begrenzt geliebt wurde, und konnte es durchaus mit ihrer Ehe vereinbaren, von einem älteren, klügeren Mann auf diese Art geschätzt zu werden. Barnikel wiederum stellte fest, daß die Rolle des glühenden Verehrers, der vielleicht nicht ganz ohne Hoffnung war, ihm eine ganz besondere Freude bereitete.
Nun kam er eifrig auf sie zu, und gemeinsam gingen sie nach Westen Richtung Aldwych, wo auch der alte Friedhof seiner Wikingervorfahren, St. Clement Danes, lag.
Die Grundmauern des riesigen Towers wuchsen, der Grundriß des Inneren war bereits deutlich erkennbar. Die linke Hälfte umfaßte eine große Halle. Die rechte Seite war zweigeteilt: Die hinteren zwei Drittel des Raums sollten einen langen, rechteckigen Saal bilden, das vordere Drittel würde einen kleineren Saal ergeben. In dieser Ecke sollte auch die Kapelle stehen.
Gundulf, ein berühmter normannischer Mönch und Architekt, der vor kurzem nach England gekommen und im nahen Kent zum Bischof von Rochester gekürt worden war, hatte die Oberaufsicht über dieses stattliche Projekt. Er hatte sich auf dem europäischen Kontinent ein umfangreiches Wissen über den Burgenbau angeeignet, und König Wilhelm hatte ihm bereits mehrere andere Projekte übertragen. Der große Tower von London hatte ein nahezu identisches Gegenstück in Essex in der Ortschaft Colchester.
Im untersten Stockwerk sollten die Keller liegen; an der dem Fluß zugewandten Seite des Gebäudes lag dieses Geschoß mehr oder weniger ebenerdig, doch da der Boden leicht anstieg, lag es an der hinteren Wand nahezu völlig unter der Erde. Die Steine wurden in verschiedenen Lagen gesetzt: Zuerst kam der Kieselsandstein aus Kent, dann eine Schicht Kiesel zur Verstärkung, dann wieder Kieselsandstein. Alles wurde mit Mörtel verbunden. Die alten römischen Ziegel aus der Umgebung wurden herangeschafft, und Osric mußte mit den anderen diese Scherben zu Pulver zermahlen, um daraus den Mörtel herzustellen. Mit diesen römischen Ziegeln verlieh der Mörtel der Mauer einen rötlichen Schimmer, und einer der Arbeiter bemerkte grimmig: »Seht mal, der Tower wird mit englischem Blut errichtet!«
Als die Kellerwände immer höher wurden, fiel Osric auf, daß man zwar von einem großen Raum in den nächsten gelangen konnte, es jedoch kein Tor in der Außenmauer gab. In den Keller gelangte man nur über eine einzige Wendeltreppe, die in einem Erker in der nordöstlichen Ecke lag. Und es gab auch nur zwei Fenster, zwei sehr schmale, sichelförmige Schlitze oben in der Westmauer, aus denen kein Mensch würde herein- noch herausklettern können.
Im Boden des Hauptraums gab es ein großes Loch. Da Osric einer der kleinsten unter den Arbeitern war, hatte Ralph ihn auserkoren, in dieses Loch hineinzuklettern und es zu vertiefen. »Grabe, bis du auf Wasser stößt!« hatte er befohlen. Die Burg des Königs brauchte natürlich eine eigene, sichere Wasserstelle innerhalb ihrer mächtigen Mauern. Tag für Tag wurde Osric, ausgerüstet mit Pickel und Schaufel, in das Loch abgeseilt; das Erdreich, das er ausgrub, wurde mit einem Eimer an die Oberfläche befördert. Endlich stieß er auf Wasser. Der Brunnen war zwölf Meter tief.
Dann fiel Ralph eine neue Schikane ein. »Osric, weil du so gut Löcher graben kannst, habe ich noch etwas für dich zu tun«, meinte er. »Der Tunnel, das ist der richtige Ort für dich.«
Jedes große, befestigte Gebäude mußte natürlich auch einen Abfluß haben. Der Tunnel begann in einer Ecke unterhalb eines Lochs im Boden unweit des Brunnens und sollte unter der Erde etwa fünfzig Meter weit sanft nach unten abfallen, bis er die Themse erreichte. Bei Ebbe würde dieser Abfluß einigermaßen trocken sein, bei Flut würde das Wasser der Themse den Abfluß überschwemmen und ausspülen. Es war ein niedriger, enger Raum, gerade groß genug, daß ein paar kleine Burschen wie Osric gebückt ihre Pickel einsetzen konnten. Jeden Tag stieg er nach unten und schaufelte stundenlang Erde in bereitgestellte Säcke, die, sobald sie voll waren, durch den Tunnel hindurch an die Oberfläche gezerrt wurden. Zimmerer klemmten Stützbalken ein, um die Decke am Einsturz zu hindern. Osric kam sich vor wie ein Maulwurf unter der Erde, und sein Rücken schmerzte unablässig. Nach einer Woche im Tunnel machte er einen zweiten Vorstoß Richtung Freiheit.
Bischof Gundulf von Rochester war ein großer Mann mit einer Glatze und einem fleischigen Gesicht. Seinen Körper wie auch seine Art zu reden hätten am besten als abgerundet beschrieben werden können, aber er bewegte sich flott, was auf seinen raschen Verstand hinwies, der ihn zu einem ausgezeichneten Verwalter machte. Falls er an diesem Spätnachmittag im August Unwillen verspürte, wie er da so vor dem dümmlichen Aufseher stand, so zeigte sich nichts davon auf seinem Gesicht. Er hatte eben den Plan des Londoner Towers geändert.
Ralph Silversleeves konnte es kaum fassen. Konnte es denn wahr sein, daß der fette Bischof diese immense Steinmasse entfernt haben und von vorn anfangen wollte?
Die Änderung hatte einen einfachen Grund. Das Gegenstück der Burg in Colchester hatte einen halbkreisförmigen Vorsprung nach Osten. Der Architekt des Londoner Towers hatte bemerkt, wie gut dieser Vorsprung aussah, und beschlossen, dasselbe auch hier zu tun. »Dort wird die Apsis der königlichen Kapelle entstehen«, sagte Gundulf. »Es wird eine sehr edle Konstruktion werden.«
»Es wird die Arbeit um einige Wochen, wohl sogar um Monate verlängern! Und es stecken fünfundzwanzig Floßladungen Steine drin!« entgegnete Ralph erbost.
»Der König ist sehr darauf bedacht, daß die Arbeit rasch vonstatten geht«, erwiderte der Bischof höflich, jedoch bestimmt.
»Unmöglich«, grunzte Ralph. Er haßte es, von klugen Männern gemaßregelt zu werden.
Gundulf seufzte. »Ich bemerkte erst kürzlich dem König gegenüber, wie hervorragend Ihr Eure große Aufgabe meistert«, meinte er. »Und ich werde bald wieder mit dem König sprechen.«
Da selbst Ralph nicht umhinkonnte, die unterschwellige Drohung Gundulfs zu bemerken, zuckte er verdrossen die Schultern. »Wie Ihr wollt«, murmelte er.
»Ich werde dem König berichten«, meinte der Bischof abschließend, um dem widerspenstigen Kerl eins auszuwischen, »daß Ihr die neue Aufgabe in exakt dem Zeitraum bewältigen werdet, der vorgesehen war. Der König wird hocherfreut sein.«
Osric hatte den stattlichen Bischof schon früher ein paarmal gesehen, wenn Gundulf die Arbeiten inspizierte. Wie viele Leute in hohen Stellungen hatte sich auch der Bischof einen Mantel munterer Höflichkeit zugelegt. Wenn er auf der Baustelle herumspazierte, kostete ihn ein höfliches Nicken, selbst den Leibeigenen gegenüber, gar nichts.
Deshalb hatte sich der kleine Leibeigene, der so schwer in dem dunklen Tunnel schuften mußte, einen Plan zurechtgelegt. Sein ganzer Instinkt, ja sogar ein körperlich spürbares Sehnen in seinen Fingerspitzen ließen ihn wissen, daß er ein Handwerker sein sollte. Bischof Gundulf war ein Mann Gottes, und er wirkte freundlich. Sicherlich konnte selbst ein einfacher Leibeigener wie Osric sich einem Mann Gottes anvertrauen.
Er hatte schon lange auf einen günstigen Zeitpunkt gewartet. Eben hatte er seine Tunnelschicht beendet, da sah er den Bischof vor der Baustelle stehen und beschloß, die Gelegenheit zu ergreifen. Er flitzte zur Zimmererwerkstatt hinüber, holte sein Holzwerk und trat schüchtern vor den großen Mann.
Überrascht blickte Bischof Gundulf auf die ernste kleine Gestalt, die da, von oben bis unten mit Lehm beschmiert, vor ihm stand und ihm ein Holzstück entgegenstreckte. Freundlich fragte er: »Was willst du, mein Sohn?«
»Dies habe ich hergestellt«, erklärte Osric. »Ich will nämlich Zimmerer werden.«
Gundulf fiel es nicht schwer, den Rest der Geschichte zu erraten. Die Arbeit war gut, das sah er. Vielleicht sollte er den Jungen wirklich zu den Zimmerern schicken und herausfinden lassen, ob sie ihn gebrauchen konnten. Da hörte er einen Wutschrei hinter sich.
Es war Ralph. In dem Moment, in dem er die beiden gesehen hatte, war ihm klar gewesen, was Osric im Sinn hatte. Er war bereits zutiefst erzürnt über den veränderten Bauplan, da war der Anblick des verdammten kleinen Leibeigenen, der sich hinter seinem Rücken an Gundulf herangemacht hatte, mehr, als er ertragen konnte.
»Er sagt, daß er Zimmerer werden will«, stellte Gundulf milde fest.
»Niemals«, entgegnete Ralph. »Wir können ihm kein Messer oder sonstige scharfe Werkzeuge anvertrauen. Er arbeitet hier als Handlanger, weil er versucht hat, einen Ritter des Königs zu töten. Deshalb hat man ihm auch die Nase aufgeschlitzt. Er ist gefährlich!«
Gundulf seufzte. Er schenkte dem Aufseher keinen Glauben, aber andererseits hatte er ihm für heute genug Ärger verursacht. »Wie Ihr meint«, sagte er schulterzuckend.
Osric verstand nicht, was sie sagten, da sie sich in normannischem Französisch miteinander unterhielten, doch er spürte, daß die letzte Hoffnung seines jungen Lebens zerronnen war. Ralph zerrte ihn am Ohr zurück zum Tunneleingang. »Du glaubst also, daß du hinter meinem Rücken klammheimlich Zimmerer werden kannst?« kreischte er. »Dann sieh dich mal um! Diese Erde, diese Steine wirst du für den Rest deines Lebens herausbuddeln und wegkarren, kleiner Zimmerer, bis dir das Rückgrat bricht. Dieser Tower ist dein Leben, Osric, und ich werde dafür sorgen, daß du bis zu deinem Tod daran arbeitest!« Damit stieß er ihn in den Tunnel zurück und befahl ihm, eine weitere Schicht zu arbeiten.
Ralph Silversleeves achtete nicht auf die herumstehenden Leute, unter denen sich auch Alfred, der Waffenschmied, befand. Alfred hatte den Auftrag, die großen Eisengitter über dem Abfluß und dem Brunnen herzustellen, und nun wollte er Maß nehmen.
Er hatte gesehen und gehört, wie Ralph mit dem ernsten kleinen Burschen umgesprungen war. Nachdem Ralph weg war, ging er zum Tunneleingang.
Am Boden lag das kleine Beispiel für Osrics Handwerkskunst, das ihm aus der Hand gefallen war. Alfred hob es nachdenklich auf.
An diesem Abend führte er ein langes Gespräch mit Osric, und anschließend berichtete er seinem Freund, dem Dänen: »Ich glaube, ich habe denjenigen gefunden, den wir brauchen.«
»Kann man ihm vertrauen?«
»Ich denke schon. Er sinnt nämlich auf Rache.«
Rache ist süß. Der Plan war zwar nicht ungefährlich, doch Osric war zuversichtlich. Heimlich schlich er sich nachts aus der Unterkunft der Arbeiter zu dem nahe gelegenen Haus des Dänen. Dort arbeiteten er und Alfred dann in einem an der Rückseite des Hauses gelegenen Lagerraum.
Ihre Aufgabe bestand darin, einen großen Karren so umzubauen, daß darin Waffen versteckt werden konnten, und Osric war tatsächlich etwas Geschickteres eingefallen, als einfach einen doppelten Boden herzustellen; danach wurde schließlich bei einer Kontrolle immer als erstes gesucht. Er hatte sich die soliden Balken vorgenommen, aus denen der Rahmen des Karrens bestand. Diese hatte er ausgehöhlt und dabei ihr äußeres Erscheinungsbild mit hölzernen Riegeln und verschiebbaren Verkleidungen bestmöglichst beibehalten. Nun konnte eine beachtliche Menge an Schwertern, Speerköpfen und Pfeilspitzen in diesen Balken verstaut werden, ohne daß man von außen etwas bemerkte.
»Der Karren selbst besteht aus Waffen!« rief Barnikel erfreut und drückte den kleinen Zimmerer so fest an sich, daß Osric fast die Luft ausging.
In der nächsten Woche sollte die erste Ladung transportiert werden.
Zwei Tage darauf lief Hilda zufällig Ralph über den Weg, und zwar auf dem Hügel vom Ludgate nach St. Paul's. Hilda hatte ausgesprochen schlechte Laune. Der Grund dafür war eine Stickerei.
In König Wilhelms England wurde das wahrscheinlich größte, berühmteste Stickkunstwerk aller Zeiten geschaffen. Der Teppich von Bayeux, wie dieses außergewöhnliche Werk heißen sollte, wurde nicht gewebt, sondern gestickt, und zwar mit farbiger Wolle auf Leinen, wie es die Angelsachsen seit langer Zeit zu tun pflegten. Er war nur fünfzig Zentimeter breit, doch erstaunliche siebenundsiebzig Meter lang. Darauf abgebildet waren um die sechshundert Menschen, siebenunddreißig Schiffe, ebenso viele Bäume und siebenhundert Tiere. Mit diesem Kunstwerk sollte die ruhmreiche normannische Eroberung gefeiert werden – wohl das erste bekannte Beispiel für Staatspropaganda.
Die stilisierten Figuren zeigten in vielen verschiedenen Szenen die Version des normannischen Königs von den Ereignissen, die zur Eroberung geführt hatten, und lieferten einen detaillierten Bericht von der Schlacht bei Hastings. Das Werk war von Odo, dem Halbbruder des Königs, in Auftrag gegeben worden. Er war zwar Bischof der normannischen Stadt Bayeux, doch auch Soldat und Administrator und ebenso skrupellos wie der König. Englische Frauen, überwiegend aus Kent, stickten die einzelnen Teile dieses Werkes, die am Schluß zusammengenäht wurden.
Hilda hatte guten Grund, erzürnt zu sein. Sie hatte nicht mitarbeiten wollen, doch Henri hatte sie gezwungen, sich zu den Damen zu gesellen, die sich immer in der Königshalle in Westminster trafen, um an dem Projekt zu arbeiten. »Bischof Odo wird sich darüber freuen!« hatte er gesagt, obwohl es doch Odo war, dem halb Kent übereignet worden war, und einer von Odos Rittern, der nun auf ihrem alten Familiensitz in Bocton saß. Henri wußte dies, aber es war ihm gleichgültig. Die Stickerei erinnerte sie immer wieder schmerzlich an den Verlust ihres alten Heims und an die langen Jahre, die sie sich ihrem kalten, zynischen Gatten untergeordnet hatte.
Als sie an diesem Morgen von den Damen in Westminster zurückkehrte, war Hilda noch immer wütend. Und dann sah sie Ralph.
Er war aufgeregt. Seine normalerweise stumpfen Augen glänzten, als er sich, ohne daß sie ihn darum gebeten hätte, zu ihr gesellte. »Soll ich dir ein Geheimnis verraten?« fing er an.
Manchmal tat er ihr leid, zum Teil schon deshalb, weil Henri ihn verachtete, zum Teil auch deshalb, weil er noch immer keine Frau gefunden hatte. Gelegentlich stattete er den am Südufer lebenden Huren einen Besuch ab, doch selbst diese Damen, so hieß es, waren nicht besonders begeistert über seine dumpfen Aufmerksamkeiten. Ab und zu hatte sie ihrem Mann vorgeschlagen, eine Frau für ihn zu suchen, doch Henri hatte nur gemeint: »Dann werden sie Erben haben, mit denen wir teilen müssen. Ich kümmere mich um das Vermögen der Familie. Und ich beabsichtige, länger zu leben als er.«
Ralph mochte Hilda. »Ich bin nicht so blöd, wie Henri immer denkt«, hatte er ihr einmal anvertraut. Nun konnte er der Gelegenheit nicht widerstehen, sie zu beeindrucken. »Ich habe einen wichtigen Auftrag erhalten!« prahlte er.
Das Gespräch zwischen Ralph und Mandeville war kurz, aber bedeutungsvoll gewesen. Der große Magnat war stets bestens informiert; nur wenig, was in Südostengland vorging, entging seiner Aufmerksamkeit. Ralph erfuhr, daß man befürchtete, daß es auf dem Land zu neuen Unruhen kommen könnte. »Bei dem Aufstand vor drei Jahren«, hatte Mandeville ihm mitgeteilt, »müssen sie unserer Meinung nach Waffen aus London erhalten haben. Dem wollen wir ein Ende setzen.«
Mandeville hatte beschlossen, daß er für die kleine Operation, die ihm vorschwebte, einen Mann brauchte, der mißtrauisch, nicht besonders klug und skrupellos war. »Ihr werdet eine hervorragende Gelegenheit haben zu zeigen, was in Euch steckt. Ihr werdet geduldig sein müssen, und Ihr werdet Spione brauchen.«
»Ich werde jeden Karren, der London verläßt, in Stücke zerlegen«, rief Ralph.
»Eben dies werdet Ihr nicht tun«, erwiderte Mandeville. »Ihr sollt vielmehr nachlässiger sein bei der Begutachtung der Güter, die die Stadt verlassen. Der Trick besteht ja gerade darin, daß sich die Burschen in Sicherheit wiegen. Laßt Posten im Wald aufstellen und jegliche verdächtige Ladung heimlich verfolgen. Ich will, daß sie uns direkt zu den Rebellen führen. Und vor allem sagt niemandem etwas davon! Habt Ihr das verstanden?«
Ralph hatte verstanden. Eine Vertrauensstellung. Eine geheime Mission. Mit stolzgeschwellter Brust flanierte Ralph durch die Stadt. Als er nun Hilda sah, auf die er gern einen guten Eindruck machen wollte, beschloß er sofort: »Dir kann ich es ja erzählen, du gehörst zur Familie.«
Als Hilda nun auf sein Gesicht blickte, das dem ihres Mannes so ähnelte, wenngleich es brutalere Züge aufwies, dachte sie nur an die Engländer, ihre Leute, denen er eine Falle stellen und die er zweifellos auch umbringen würde, und verspürte eine starke Abneigung. Sie merkte, daß ihr alle immer verhaßter wurden, Henri, Ralph, die Normannen, deren Herrschaft. Natürlich konnte sie nichts dagegen tun, nichts bis auf eines.
»Da kannst du ja wirklich stolz sein«, sagte sie und wandte sich von Ralph ab.
Sie sollte in der nächsten Woche zum Landsitz ihres Schwiegervaters nach Hatefield aufbrechen und dort einen Monat bleiben. Es war eine Aussicht, auf die sie sich nicht besonders freute, und deshalb hatte sie noch für diesen Abend einen Spaziergang mit Barnikel vereinbart, denn sie wußte, es würde für eine Weile der letzte sein.
So trafen sie sich also bei St. Bride's und begannen ihren üblichen Weg Richtung Aldwych, und sie vertraute ihm leise alles an, was Ralph ihr erzählt hatte. »Ich weiß, daß du kein Normannenfreund bist«, setzte sie abschließend hinzu. »Würdest du also diejenigen warnen, die gewarnt werden sollten, falls du weißt, um welche Leute es sich dabei handelt?«
Da sah sie, wie verstört Barnikel ob dieser Neuigkeiten war, und erriet sofort, daß er tiefer in die Sache verwickelt war, als sie gedacht hatte. Sie legte eine Hand auf seinen Arm und fragte ihn leise: »Kann ich irgend etwas tun, um dir zu helfen?«
Zehn Tage nach seinem Treffen mit Mandeville ritt Ralph Silversleeves zusammen mit einem Dutzend bewaffneter Männer äußerst frustriert aus dem Wald von Middlesex heraus Richtung Süden. Er kam von einem Treffen mit seinen Leuten. Seine Spione hatten nichts gefunden. »Vielleicht sind sie gewarnt worden«, hatte einer von ihnen gemeint. Und ein weiterer hatte ihn gefragt: »Seid Ihr sicher, daß Ihr das Richtige tut?« Diesen Burschen hatte er in seiner Wut geohrfeigt.
Er ritt zurück mit dem untrüglichen Gefühl, daß man sich einen Scherz mit ihm erlaubt hatte. Selbst seinen eigenen Spionen gegenüber keimte Argwohn in ihm auf.
Dann sah er den Karren. An diesem Wagen war offensichtlich etwas faul. Er war groß und mit einer Plane bedeckt. Er schien eine schwere Ladung zu transportieren. Neben dem Wagenlenker saß eine mit einer Kapuze verhüllte Gestalt.
Ralph vergaß völlig, was Mandeville ihm aufgetragen hatte. Er ritt geradewegs zu diesem Karren hin und brüllte: »Bleibt stehen und zeigt Euch, Ihr Verräter!«
Die geheimnisvolle Gestalt streifte ihre Kapuze ab und bedachte ihn mit einem verächtlichen Blick. Es war Hilda. »Idiot!« schrie sie, so daß alle es hören konnten. »Henri hat immer gesagt, daß du ein Dummkopf bist.« Dann schlug sie die Plane zurück, so daß alle die harmlose Ladung sehen konnten. »Wein«, rief sie laut. »Ein Geschenk deines Bruders an deinen Vater. Ich bringe ihn nach Hatefield.« Und sie holte mit der Peitsche aus, als wolle sie ihm einen Hieb ins Gesicht versetzen, und zwar so überzeugend, daß Ralph hastig zurückwich.
Die Männer lachten. Gedemütigt und wütend schrie Ralph sie an, ihm zu folgen, und ohne einen Blick zurück ritt er rasch Richtung London davon.
Fünf Wochen später erlaubte es sich Barnikel, neben der Kirche St. Bride, wo sie ganz allein zu sein schienen, einen züchtigen Kuß auf die Stirn seiner neuen Mitverschwörerin zu drücken. Danach machten sie sich zufrieden auf ihren Spaziergang am Flußufer. Keiner der beiden merkte, daß sie heimlich verfolgt wurden.

1081

Alfred war inzwischen der Meister der Waffenschmiede. Die weiße Haarsträhne in seiner Stirn fiel kaum mehr auf, weil sein übriges Haar ergraut war. Er war ein stattlicher Mann, der seine Lehrlinge mit autoritätsgebietender Stimme anleitete und auch bei seiner Frau und seinen Kindern das Heft fest in der Hand hatte.
Nie vergaß er den Tag, an dem Barnikel ihn halb verhungert, am London Stone kauernd, gefunden hatte, und deshalb tat er alles, was in seinen Kräften stand, um seinem Freund Osric zu helfen; er wollte das Gute, das ihm widerfahren war, auch an andere weitergeben. Seine Familie sorgte dafür, daß Osric mindestens einmal pro Woche eine anständige Mahlzeit bekam, und Alfred hatte sogar mehrmals angeboten, ihm seine Freiheit zu erkaufen. Aber Ralph hatte sich immer dagegengestellt.
Ralphs Haß auf den Leibeigenen hatte sich inzwischen zu einer Gewohnheit gefestigt. Osric war ein lebendiges Ding, dem er weh tun konnte, wann immer er wollte. Nichts verschaffte ihm größeres Vergnügen, als Osrics Freiheitsbestrebungen zu vereiteln. »Keine Sorge«, versprach er ihm zynisch, »ich werde dich nie gehen lassen.«
Mit zwanzig lernte Osric Dorkes kennen. Das kleine, zierliche Mädchen war sechzehn. Sein langes, dunkles Haar war in der Mitte gescheitelt, das Gesicht war blaß bis auf die roten Lippen, was darauf hinwies, daß die Vorfahren wohl Kelten, vielleicht auch Römer waren.
Osric erzählte niemandem von dem Mädchen. Die Arbeiter hausten in ein paar Holzhütten neben der alten Römermauer unten am Flußufer. Manche, wie Osric, konnten nichts ihr eigen nennen bis auf den Strohsack, auf dem sie schliefen. Andere, die Frauen gefunden hatten, errichteten sich aus Holzabfällen und Strohballen einen kleinen privaten Raum, so daß in manchen Ecken ganze Familien hausten. Manche der Arbeiter waren Leibeigene; sie waren von ihren Herren, die dem König einen Dienst schuldeten, hierhergeschickt worden. Einige von ihnen wiesen wie Osric Verstümmelungen auf, die darauf schließen ließen, daß sie sich irgendeines Vergehens schuldig gemacht hatten. Es herrschte wenig Disziplin unter den Arbeitern. Ralph kümmerte sich kaum darum, was zwischen ihnen vorging, solange sie nur arbeiteten.
Dorkes' Vater war Koch gewesen, und zu seinen Lebzeiten hatten sie stets gut gegessen. Doch vor zwei Jahren war er gestorben, und von da an war ihr Leben schwer geworden. Die Mutter, die Gelegenheitsarbeiten verrichtete, war kränklich, ihre Hände von Gicht geschwollen. Das Mädchen tat, was es konnte, um ihr das Leben zu erleichtern.
Dorkes war Osric zum erstenmal im Dezember aufgefallen. Die Arbeiter mußten zwar bei jedem Wetter am Tower schuften, doch dieser Winter war besonders hart, und zwei Wochen vor Weihnachten kam plötzlich der Befehl, die Arbeit einzustellen. »Wenn es so kalt ist«, erklärte der Vorarbeiter, »gefriert der feuchte Mörtel und bekommt Sprünge.« Am nächsten Tag wurden viele Leibeigene in ihre Dörfer heimgeschickt, während die Zurückgebliebenen den Auftrag erhielten, die Mauern vor dem Frost zu schützen – eine ziemlich stinkende Arbeit, denn das Material, mit dem die Mauern bedeckt werden sollten, bestand aus aufgewärmtem Dung, vermischt mit Stroh.
Trotz der Kälte wollte sich Osric am Ende eines solchen Arbeitstages gründlich reinigen, und deshalb ging er oft hinunter zur Themse und sprang mit all seinen Kleidern ins Wasser, bevor er in seine Hütte zurückeilte, wo er sich am Kohlenbecken trocknen konnte. Bei so einer Gelegenheit merkte er, daß es noch einen anderen Menschen im Lager gab, der im Morgengrauen und am Abend zum Fluß hinunterging, um sich zu waschen – Dorkes. Sie war sehr sauber und sehr still – dies war das erste, was Osric an ihr auffiel. Körperlich schien sie nicht sehr weit entwickelt zu sein. Eine kleine Maus, dachte er und lächelte sie an, wenn er ihr zufällig begegnete.
Seit seinem Auftrag für Alfred und Barnikel vor drei Jahren hatte es keine weiteren derartigen Abenteuer gegeben. Bis auf einen Aufruhr im Norden war es in England ruhig geblieben. Osrics Leben war erträglich. Natürlich bestand ein Großteil seines Tages nach wie vor aus reiner Schufterei, doch er hatte auch einen neuen Zeitvertreib gefunden. Er hatte es sich angewöhnt, Holzabfälle zu sammeln oder die Zimmerer zu bitten, ihm Reste zu überlassen. Abends setzte er sich dann neben das Kohlenbecken und schnitzte an diesen Holzstücken herum, bis daraus eine kleine Figur, ein Spielzeug oder ähnliches entstand. Bald nannten ihn die Zimmerer und Schreiner liebevoll »kleiner Künstler«.
Die großen Kellerräume des Towers waren inzwischen fertiggestellt; riesige Querbalken und ein Bretterboden bedeckten sie bis auf die südöstliche Ecke, in der es ein Steingewölbe gab. Vor der Wendeltreppe, die zum Keller hinunterführte, gab es bereits ein massives, mit Eisenbeschlägen versehenes Eichentor, das man mit einem großen, von Alfred gefertigten Schlüssel abschließen konnte. »Dort unten werden die Waffen der gesamten Garnison gelagert werden«, hatte der Vorarbeiter Osric erklärt.
Die Wände des Hauptgeschosses wuchsen rasch. Wie bei normannischen Festungen üblich, führte eine breite, hölzerne Außentreppe zum Haupteingang. Die Wände waren fast so dick wie die Kellerwände, aber es gab zahlreiche Erker, die zu schmalen Fenstern und anderen Öffnungen führten. Zwei davon faszinierten Osric besonders. Der erste maß etwa drei Meter im Durchmesser und befand sich an der Westwand der Haupthalle. Man konnte in ihn hineingehen wie in einen kleinen Raum, und wenn man nach oben blickte, sah man, daß er etwa vier Meter hochgemauert war und daß knapp unterhalb des oberen Randes ein kleines Loch in der Wand nach draußen führte.
»Wofür ist das denn?« wollte Osric wissen.
Die Maurer lachten. »Für das Feuer«, erklärten sie ihm. »Die Halle des Königs wird sich genau über diesem Raum befinden, und statt eines Kohlenbeckens in der Mitte, von dem Rauch durch die Bodenbretter nach oben dringen würde, will er diese Feuerstellen. In Frankreich haben sie auch solche, und im Ostzimmer soll es noch so ein Ding geben.«
Und so kam es, daß das Königreich England im Tower von London die ersten gemauerten Feuerstellen erhielt. Diese Feuerstellen hatten jedoch noch immer keinen richtigen Kamin; der Rauch zog durch ein Loch in der Wand ins Freie ab.
Noch zwei andere kleine Räume an der Nordseite kamen Osric seltsam vor. Es gab jeweils einen kleinen Gang, der zur Außenseite der Wand führte, wo in einer Nische eine Steinbank mit einem Loch stand. Durch das Loch hindurch blickte Osric in einen kurzen, steilen Schacht, der hinaus ins Freie führte, und von dieser Stelle aus ging es gut sechs Meter hinab. »Die Franzosen nennen es Garderobe«, erklärte der Maurer. »Unten an den Schacht fügen wir noch eine Holzrinne an, und so kommt dann alles in die darunter liegende Grube.«
An einem warmen Juniabend saßen ein paar ziemlich betrunkene Männer am Flußufer, als Dorkes zum Fluß hinabging, um sich rasch Arme und Gesicht zu waschen. Als sie an den Männern vorbeikam, hielt einer von ihnen sie fest und rief: »Ich habe eine Maus gefangen! Gib uns einen Kuß!«
Dorkes wußte nicht, wie sie mit den Betrunkenen umgehen sollte. Sie schüttelte den Kopf und versuchte, sich loszureißen. Der Mann grabschte nach ihren kleinen Brüsten. Doch da traf ihn etwas.
Es war Osric, der sich, ohne zu zögern, so heftig auf den Burschen stürzte, daß der Mann zu Boden ging, obwohl Osric nur halb so groß war wie er. Kurz dachte Osric zwar, der Mann würde ihn in den Fluß werfen, doch statt dessen hub ein schallendes Gelächter an. »Unser kleiner Künstler ist ja ein richtiger Kämpfer! Osric, wir wußten gar nicht, daß sie dein Mädchen ist.« Von diesem Tag an pflegte der Witz die Runde zu machen: »Wie geht's deinem Mädchen, Osric?«
Nach diesem Vorfall sah er Dorkes mit anderen Augen. Manchmal beobachtete er sie, wenn sie frühmorgens zum Fluß hinabging, um sich zu waschen. Da es inzwischen sommerlich warm war, trug sie nur ein dünnes Gewand, wenn sie in den Fluß stieg, so daß Osric die Formen ihres Körpers ziemlich gut erkennen konnte, wenn sie wieder herauskam. Sie hatte kleine, wohlgeformte Brüste.
Abends, wenn sie mit ihrer Mutter am Feuer saß, setzte er sich gern in ihre Nähe und betrachtete ihr Gesicht. Was ihm anfangs nur blaß und unauffällig vorgekommen war, wurde plötzlich wunderschön. Und noch etwas anderes sah er bei diesen Gelegenheiten. Sie mochte vielleicht ängstlich sein, doch für ihre Mutter trat sie stets mit stiller Entschlossenheit ein. Dorkes erledigte kleinere Dienste für diverse Leute, wofür sie mit Lebensmitteln bezahlt wurde, und rettete damit sich und die Mutter vor dem Verhungern.
Seit er sie verteidigt hatte, war sie stets freundlich zu ihm. Oft plauderten sie ein wenig oder machten einen kleinen Spaziergang. Dorkes wußte, daß die Männer ihn wegen ihr aufzogen, doch es schien ihr nichts auszumachen. Eines Abends im Juli beobachtete er sie wieder einmal, und plötzlich überkam ihn eine Welle von beschützender Zuneigung. Von diesem Tag an dachte er, sein ganzes Leben würde einen neuen Sinn bekommen, wenn er nur mit ihr zusammenleben könnte. Dieser Gedanke war so aufregend, daß selbst die elenden Hütten, in denen sie hausten, ihm in einem neuen, warmen Licht erschienen.
Doch dann sah Ralph Silversleeves die beiden einmal zusammen. Er pflegte frühmorgens die Baustelle abzulaufen, bevor die Arbeiten begannen. Er traf die zwei jungen Menschen, die gerade vom Fluß heraufkamen. Ralph hatte die Männer Witze über Osric und das Mädchen machen hören, doch er hatte es stets höchst unwahrscheinlich gefunden, daß ein Mädchen ein Auge auf Osric werfen könnte. Als er die beiden nun so sah, fragte er sich, ob es tatsächlich stimmte, daß dieser elende Osric ein Mädchen hatte, wo er, Ralph, keines hatte. Von Eifersucht überwältigt sagte er: »Warum läßt du dieses hübsche Mädchen nicht in Ruhe, Osric? Du bist so häßlich, daß sie sich ja richtig schämen muß mit dir!« Damit ging er davon.
»Ich ignoriere ihn immer!« flüsterte Dorkes.
Doch Osric trafen die Worte des Normannen so schwer, daß er gar nichts mehr sagen konnte. Wenn sie mich nur lieben könnte! dachte er. Er würde sie beschützen. Er würde sein Leben für sie geben. Mit solchen Gedanken verstrichen die nächsten drei Wochen.
Die Maurer arbeiteten inzwischen an der zukünftigen Krypta der Kapelle. Es war ein etwa fünfzehn Meter langer Raum, der in die östliche Apsis hineinragte. Sie hatten bereits angefangen, das Gewölbe zu bauen. Osric sah gerne dabei zu. Zuerst errichteten die Zimmerer große, halbkreisförmige Holzbögen, die auf Gerüste aufgestellt wurden, so daß sie wie eine Reihe von Buckelbrücken aussahen. Dann kletterten die Steinmetzen hoch und verlegten die keilförmig zugehauenen Steine. Das breite Ende kam nach oben, so daß jeder Bogen in sich stabil war.
Eines Morgens grummelten die Steinmetzen über eine weitere verfluchte Änderung. Die Wand zwischen der Krypta und der Kammer auf der Ostseite des Towers war fast vier Meter dick. Nachdem die Steinmetzen einen schmalen Eingang von der Krypta aus in diese Mauer geschnitten hatten, sollten Osric und drei Männer nun eine Kammer aushöhlen, indem sie die Kieselfüllung herauskratzten. Die Zimmerer stützten das Ganze mit Balken ab, und so gruben die vier tagelang, bis sie eine verborgene Kammer von etwa drei Metern Durchmesser geschaffen hatten.
»Dies hier wird die Schatzkammer«, erklärte Ralph den Arbeitern. Der Raum sollte mit einer starken Eichentür versehen werden.
An einem trüben Sonntagmorgen im Herbst gestand Osric Dorkes seine Liebe. An der alten Römermauer neben dem Tower gab es Stufen, die zu den Zinnen hinaufführten, und die beiden waren dort hinaufgeklettert, um den Ausblick zu genießen. Plötzlich überkam Osric eine derart heftige Sehnsucht nach ihrer kleinen, blassen Gestalt, daß er sanft einen Arm um ihre Taille legte. Doch Dorkes entzog sich ihm. »Bitte, laß das!«
»Ich dachte, vielleicht…«, stammelte er.
Sie schüttelte den Kopf. »Osric, du bist immer sehr nett zu mir, aber… ich liebe dich nicht.«
Er nickte. In seinem Hals stieg bittere Verzweiflung auf. »Ist es wegen…?« Wegen meines Gesichts, wollte er sagen, brachte den Satz jedoch nicht zu Ende.
»Geh bitte«, sagte sie nur.
Osric hatte verstanden. Er schleppte sich in seine Hütte und sank auf seinen Strohsack, wo er lange sitzen blieb und leise weinte.
Doch Dorkes hatte ein ganz anderes Problem. Sie hatte zwar sein verstümmeltes Gesicht bemerkt, doch sie dachte kaum daran. Sie bewunderte seinen Mut und mochte seine nette Art. Aber was nützte dies schon? Selbst der ärmste Leibeigene in einem Dorf hatte eine Hütte, in der er lebte, und ein Stück Land, das er bearbeitete. Osric hatte nur einen Strohsack, auf dem er schlief. Was würde ihm sein Leben bringen? Er würde weiterhin Steine für Ralph Silversleeves schleppen müssen, der ihn haßte. Und was hatte sie vorzuweisen? Eine kranke Mutter, um die sie sich kümmern mußte. Wie sollte sie das anstellen, wenn sie einen Mann hatte? Osric konnte sich nicht um sie kümmern. Und außerdem hatte sie genug mitbekommen von den Paarungen, die hier in den Hütten stattfanden, von den zerlumpten, halbverhungerten Kindern, die im Heu und draußen im Dreck herumkrabbelten. »Sie leben doch wie Ungeziefer!« hatte ihre Mutter einmal gesagt. Deshalb war sie vorsichtig mit Osric, sehr darauf bedacht, nett zu ihm zu sein, ohne allzuviel Hoffnung in ihm zu erwecken. An diesem Morgen hatte sie das getan, was sie tun mußte – sie hatte ihn abgewiesen. Nun starrte sie auf die starken, stetig wachsenden Mauern des Towers und verfluchte das Schicksal, das sie in dieses grimmige Gefängnis gesteckt hatte.
Vor allem durfte Osric nie ihr Geheimnis erraten – daß sie ihn liebte.
Von diesem Tag an lächelten sich Osric und Dorkes zwar weiterhin an, wenn sie sich begegneten, sprachen jedoch kaum mehr miteinander. Beide behielten ihre Gefühle für sich.
Alfreds Frau war die erste, die die Veränderung an Osric bemerkte. Normalerweise ging es bei seinen wöchentlichen Mahlzeiten mit dem Waffenschmied und seiner Familie recht lustig zu. Alfred hatte sich neben der Waffenschmiede ein neues Haus gebaut, das aus einem großen Hauptraum mit einem Dachgeschoß bestand, in dem es einen Raum für ihn und seine Frau und einen zweiten für die sechs Kinder gab. Die Lehrlinge schliefen in einem Nebengebäude im Hinterhof.
Alfreds Frau hatte ein heiteres, gemütliches Wesen. Sie war die Tochter eines Metzgers und leitete ihren lebhaften Haushalt mit der Zuversicht einer Frau, die einen liebevollen Ehemann und die Kinder hat, die sie sich immer gewünscht hat. Osric kam meist recht vergnügt im Haus an, oft brachte er ein kleines Spielzeug mit, das er geschnitzt hatte, um den Kindern eine Freude zu machen.
Gegen Ende des Sommers fiel Alfreds Frau auf, daß Osric sehr abwesend wirkte und kaum etwas aß. Als er dann im Herbst leichenblaß zu ihnen kam, kaum ein Wort sagte und kaum einen Bissen herunterbrachte, begann sie sich ernstlich Sorgen zu machen. Sie versuchte immer wieder vergeblich, etwas aus ihm herauszubekommen. »Was auch immer es ist«, sagte sie zu Alfred, »es muß etwas Schlimmes sein. Frag doch mal beim Tower nach! Versuche herauszufinden, was passiert ist!«
Ein paar Tage darauf lieferte Alfred ihr den gewünschten Bericht. »Man erzählt sich, daß es da ein Mädchen gibt, mit dem er sich angefreundet hat. Ein recht hübsches Ding. Ich habe mich sogar mit ihr unterhalten, und sie hat mir gesagt, daß sie einfach nur befreundet seien.«
Seine Frau schüttelte den Kopf. »Ich rede wohl besser mal selbst mit dem Mädchen«, meinte sie.
Um so überraschter war sie über Osrics Verhalten, als er am nächsten Abend zum Essen zu ihnen kam. Irgend etwas, irgendein Geheimnis schien ihn in Aufregung versetzt zu haben. Niemand hatte ihn jemals so viel essen sehen wie an diesem Abend. Er aß doppelt so viel wie die heißhungrigen Lehrlinge. »Willst du dich für etwas Besonderes stärken?« fragte Alfred ihn.
»Ja, ich brauche heute abend soviel Essen, wie ich in mich reinbekommen kann«, erwiderte Osric, verschwieg jedoch den Grund dafür. Zufrieden verabschiedete er sich schließlich und lag dann noch eine ganze Weile lächelnd auf seinem Strohsack, während er über seinen Plan nachdachte.
Am nächsten Morgen war das Flußufer nebelverhangen, als Ralph seine übliche Runde drehte. Er grunzte mißmutig. Zwar hatte er am Vorabend den Damen am Südufer einen Besuch abgestattet, doch abgesehen von der rein körperlichen Entspannung verschafften ihm diese Besuche zunehmend weniger Befriedigung, und so war er ziemlich schlechtgelaunt im Morgengrauen über die Brücke zurückgegangen. Und noch etwas störte ihn: Wo war seine Peitsche abgeblieben? Sie war vor zwei Tagen auf geheimnisvolle Weise verschwunden. Er hatte sie nur kurz abgelegt, und obwohl er schreckliche Drohungen ausgestoßen hatte, schien keiner der Arbeiter am Tower etwas von ihr zu wissen. Er hatte sich so an das Gefühl gewöhnt, sie in der Hand zu halten, daß er sich ohne sie unwohl fühlte.
Er machte sich nicht die Mühe, das Schlafquartier zu besuchen, sondern stolzierte wie üblich nur um den düsteren Tower herum. Da sah er plötzlich seine Peitsche. Sie lag neben der Wand auf dem Boden. Wahrscheinlich hatte der Dieb Angst bekommen und wollte sie ihm auf diese Weise zurückgeben. Er ging zu der Stelle, an der sie lag, und bückte sich, um sie aufzuheben.
Osric hatte fast eine ganze Stunde gewartet. Er wußte, daß sein Plan gefährlich war, aber er hatte eigentlich nichts zu verlieren. Dorkes wollte ihn nicht haben. Die Zukunft barg nichts mehr für ihn, auf das er sich freuen konnte. Konnte er sich da nicht wenigstens die – wenn auch noch so kleine – Befriedigung gönnen, dem Aufseher, der ihn immer wieder so schikanierte, einen Streich zu spielen? So kauerte er nun auf seinem Aussichtspunkt und kalkulierte sorgfältigst den Moment, in dem der Aufseher seine verdiente Abreibung bekommen sollte.
Osrics Bemühungen am Abend zuvor waren nicht vergeblich gewesen. Er hatte sich den Bauch so vollgeschlagen, daß er schon Angst gehabt hatte, er würde platzen. Die weiche, warme Ausscheidung, die er nun von sich gab und die auf der Nordseite des Towers von der Latrine herabglitt, auf der er kauerte, war mit Sicherheit bei weitem umfangreicher als alles, was er bisher produziert hatte. Und da sie so lange festgehalten worden war, gelangte sie nun in wunderbarer Dichte nach draußen – weich, voll, an einem Stück glitt sie auf ihr Ziel zu. Osric spähte durch das Rohr hindurch und sah zu seiner großen Freude, daß seine Fracht genau auf dem Kopf des Aufsehers gelandet war.
Von unten kam ein Schreckensschrei, und dann, als Ralph mit der Hand nachgefühlt hatte und sah und roch, was sich daran befand, ein Schrei des Entsetzens. Doch als er schließlich in die Öffnung über ihm hinaufspähte, war der Übeltäter längst verschwunden.
Wutschnaubend stürmte der Normanne um das Gebäude herum und die Treppe hinauf. Er raste zur Latrine, dann von der Halle in die Kammer, in die Krypta, selbst in die dunkle Schatzkammer. Er fand nichts. Er wollte die Suche fortsetzen, doch da kam ihm ein schrecklicher Gedanke. Bald würden die ersten Steinmetzen im Tower eintreffen und ihn in diesem Zustand sehen, stinkend und mit Exkrementen verschmiert. Er würde zum Gespött des ganzen Towers, ja, von ganz London werden. Mit einem Schrei der Verzweiflung floh er aus dem Gebäude und verschwand im Morgennebel in Richtung Stadt.
Osric wartete. Er war in den großen Kamin hineingeklettert und saß dort nun gute drei Meter hoch mit gespreizten Beinen in der Dunkelheit des Rauchabzugs. Er hörte Ralphs Schreie und lächelte zufrieden. Nachdem Ralphs Schritte sich entfernt hatten, wartete er noch ein Weilchen, dann kletterte er wieder herunter.
Ein paar Tage später wurde Dorkes zu ihrer Überraschung von der Frau des Waffenschmieds angesprochen. Anfangs, als sie gemeinsam Richtung Billingsgate liefen, war das Mädchen noch sehr zurückhaltend, doch allmählich ließ es sich von der Wärme und dem Verständnis der älteren Frau einnehmen und öffnete sich ihr ein wenig, bis es ihr schließlich alles gestand.
Ruhig und freundlich erklärte die Frau, daß sie und ihr Mann Freunde von Osric seien, daß Alfred schon mehrmals versucht hatte, Osric aus der Leibeigenschaft freizukaufen. Dann machte sie ein Angebot: »Wir sorgen für deine Mutter. Wenn Ralph nichts dagegen hat, nehmen wir sie in unser Haus auf.«
»Aber…« Das Mädchen zögerte. »Wenn ich Kinder habe und wenn Osric…«
»Wenn Osric etwas passiert? Dann sorgen wir auch für die Kinder, wir lassen sie schon nicht verhungern.« Alfreds Frau lächelte. »Mein Mann ist ein Meisterschmied. Er genießt hier ein ziemlich hohes Ansehen.«
Auf dem Rückweg wußte Dorkes gar nicht, was sie denken oder sagen sollte. Endlich sagte sie nur: »Danke!«
Ein paar Tage später sah Osric verwundert, wie sich ihm im weichen Lichtschein des Kohlenbeckens eine kleine, blasse Gestalt näherte.
Ein Jahr verstrich, bevor Dorkes' Mutter in das Haus des Waffenschmieds aufgenommen wurde. In dieser Zeit wurde das Hauptgeschoß des Towers fertiggestellt, und die riesigen Eichenbalken für die Decke wurden vorbereitet. Osric und Dorkes hatten sich im Schlafquartier soviel Privatraum wie möglich geschaffen und lebten nun dort zusammen. Es hatte keine Hochzeitszeremonie, keine offizielle Anerkennung ihrer Verbindung gegeben; bei den Mitbewohnern galt Dorkes einfach als die Frau des jungen Osric und er als ihr Mann, und kurz nachdem die Mutter weggezogen war, eröffnete Dorkes Osric, daß sie schwanger war.
Alfred fand, daß er und seine Frau etwas Gutes getan hatten und daß das Leben im normannischen London alles in allem durchaus erträglich war. Oder hätte sein können. Denn es gab ein quälendes Problem, das sie alle zu verschlingen drohte, wenn es ihm nicht gelang, eine Lösung dafür zu finden.
An einem späten Augustmorgen im Jahr des Herrn 1083 stand Leofric der Händler vor seinem Haus und starrte auf zwei Dinge, die seine Aufmerksamkeit so fesselten, daß er seinen Blick ständig zwischen ihnen hin- und herwandern ließ.
Das erste war die zur Hälfte fertiggestellte Kirche. Der Eroberer hatte nicht nur Burgen in England eingeführt, sondern auch kontinentale Kirchen. Schließlich hatte er ja dem Papst versprochen, im Gegenzug für seinen Segen die englische Kirche zu reformieren. Er hatte den sächsischen Erzbischof von Canterbury abgesetzt und an seiner Stelle Lanfranc, einen normannischen Priester von bestem Ruf, eingesetzt. Lanfranc machte sich sogleich daran, in seiner neuen Gemeinde aufzuräumen.
Vor einigen Jahren hatte es am West Cheap gebrannt. Leofrics Haus war von den Flammen verschont geblieben, aber die kleine sächsische Kirche St. Mary am oberen Ende des Wegs war völlig abgebrannt. Nun hatte Erzbischof Lanfranc befohlen, sie wieder aufzubauen, und zwar als seine persönliche Kirche in London. Auf dem halben Weg zum Cheap hinter den Buden der Seidenhändler, Stoff- und Schleifenverkäufer entstand nun eine kleine, hübsche Kirche, einfach, stabil und aus Stein. Die Krypta war bereits fertig. Sie hatte ein Hauptschiff und zwei Seitenschiffe. Das Auffälligste an diesem Bau, das die Londoner sehr beeindruckte, waren die stabilen Bögen dieser kleinen Kirche in dem imposanten normannischen Stil, wie sie bereits in der Westminsterabtei zu finden waren; aufgrund dieser Bögen hatte die Kirche bereits einen Namen, den sie für immer behalten sollte: St. Mary-leBow.
Kaum ein Tag verstrich, ohne daß Leofric den Fortschritt an diesem schönen neuen Bauwerk beobachtete. Es mochte zwar ein normannischer Bau sein, der sich da gleich vor seiner Türschwelle erhob, doch er gefiel ihm.
Der andere Anblick, der Leofric heute fesselte, wurde von Augenblick zu Augenblick merkwürdiger. An der Nordseite des Cheap befand sich eine schmale Gasse, die Ironmonger Lane. An dieser Ecke drückte sich nun schon seit geraumer Zeit eine seltsame Gestalt herum. Der Mann hatte sich seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen und die Schultern eingezogen in dem vergeblichen Versuch, seine Größe und wahrscheinlich auch seine Identität zu verbergen. Unter der Kapuze lugte das Ende eines großen, roten Bartes hervor. Was hatte er dort zu suchen? An der Ironmonger Lane lag ein neues Quartier, das unter dem Namen seiner jüngsten Bewohner bekannt war, der Juden.
Wilhelm hatte nicht nur seine Ritter nach England mitgebracht, sondern auch die normannischen Juden. Sie genossen den besonderen Schutz des Königs und hatten sich darauf spezialisiert, Kredite zu gewähren, denn die meisten anderen Berufe blieben ihnen verwehrt. Natürlich waren die Kaufleute von London vertraut mit den Grundzügen der Geldwirtschaft. Kredite und ihre Begleiter, die Zinsen, hatte es auch in London schon lange gegeben. Leofric, Barnikel und Silversleeves hatten alle schon einmal Kredite aufgenommen und sich zu Zinsen oder einem Äquivalent verpflichtet. Doch diese Spezialistengemeinschaft war etwas Neues in der angeldänischen Stadt.
Warum also trieb sich Barnikel dort herum? Nicht nur seine Kleidung, auch sein Verhalten war wirklich sonderbar. Erst ging er ein paar Schritte die Gasse hinauf, dann hielt er inne, drehte sich um, schlurfte wieder zurück, wandte sich erneut um, machte nach ein paar Schritten wieder kehrt. Leofric sah seinem Freund eine Weile zu, bevor er sich anschickte, zu ihm hinzugehen. Doch offensichtlich hatte nun auch Barnikel ihn bemerkt, denn er machte sich flink in Richtung der Geflügelstände davon und verschwand hinter ein paar Buden. Was war nur mit ihm los?
Einen Tag nach diesem Vorfall ging Hilda mit Barnikel Richtung St. Clement Danes spazieren. Ihr Leben war in ruhigen Bahnen verlaufen. Sie hatte ein weiteres Kind bekommen und sich mit ihrem Schicksal abgefunden, soweit eine enttäuschte Frau dies tun kann. Die keuschen Begegnungen mit dem Dänen waren wahrscheinlich ihre größte Freude.
Doch vor einer Weile hatte sie an ihrem Freund eine Veränderung bemerkt. Plötzlich wirkte er älter. Die grauen Haare in seinem roten Bart schienen stärker aufzufallen; ein leichtes Zittern in seiner Hand ließ sie wissen, daß er manchmal zuviel trank.
Da ihr Vater ihr von der merkwürdigen Szene im Judenviertel berichtet hatte, fragte sie ihren alten Freund nun vorsichtig, ob denn alles in Ordnung sei. Anfangs wollte er nicht darüber sprechen, doch als sie bei dem kleinen, inzwischen verfallenen Pier in Aldwych angekommen waren, setzte er sich auf einen Stein, blickte traurig auf die Themse und gestand ihr schließlich alles.
Er stand vor einem ständig wachsenden Schuldenberg. Seit der Eroberung litten viele dänische Händler unter der Konkurrenz der Normannen. Vor kurzem waren den Londonern hohe Steuern auferlegt worden, mit denen König Wilhelm seine Burgen finanzierte. Barnikel brauchte Geld. »Ich muß also demnächst zu den Juden gehen«, sagte er düster. »Ich habe zwar oft genug Geld verliehen, aber mir niemals welches leihen müssen.«
»Aber Silversleeves schuldet dir doch Geld?« fragte sie.
Er nickte. »Dafür zahlt er die Zinsen.«
»Warum forderst du es nicht zurück?« wollte sie wissen.
»Dann weiß der Normanne, daß ich es brauche. Dann sieht er mich zu Kreuze kriechen. Niemals! Lieber gehe ich zu den Juden«, antwortete er heftig und sprang auf.
Hilda wunderte sich wieder einmal über die Eitelkeit der Männer, doch dann fiel ihr ein, wie ihrem Freund vielleicht zu helfen war. An diesem Abend besuchte sie ihren Vater und schlug ihm vor: »Geh zu Silversleeves. Sag ihm nicht, daß Barnikel Probleme hat oder daß ich mit dir gesprochen habe. Sag ihm nur, daß die Schuld auf deinem Gewissen lastet, und bitte ihn, sie zurückzuzahlen.«
Leofric nickte nachdenklich. »Du magst Barnikel, nicht wahr?«
»Ja«, sagte sie nur.
»Es tut mir leid, daß ich dich mit Henri verheiratet habe«, sagte Leofric leise.
»Das glaube ich dir nicht«, erwiderte seine Tochter trocken. »Aber tu bitte dennoch, um was ich dich gebeten habe!« Damit ging sie nach Hause.
Am Ende des Jahres 1083 machte sich König Wilhelm von England immer mehr Sorgen um sein Inselkönigreich, denn die Nordmänner schienen eine umfangreiche Verschwörung zu planen. Der Ursprung lag in Dänemark, wo ein neuer König, ein weiterer Knut, es kaum erwarten konnte, sich in ein neues Wikingerabenteuer zu stürzen. Seine Gesandten hatten bereits mit den Rivalen des normannischen Eroberers, dem neidischen König von Frankreich und dem säbelrasselnden König von Norwegen, Verhandlungen aufgenommen.
Selbst auf seine eigene Familie konnte der Eroberer sich nicht verlassen. Sein Sohn Robert hatte bereits einmal, unterstützt vom französischen König, versucht, zu rebellieren, und vor kurzem hatte sich Wilhelm gezwungen gesehen, seinen Halbbruder Odo, den kämpferischen Bischof von Bayeux, wegen Verdachts auf Verrat in den Kerker zu werfen.
Solche Gerüchte gaben Barnikel natürlich Auftrieb. »In ein oder zwei Jahren könnten wir wieder einen Knut auf dem Thron von England haben«, meinte er begeistert zu Alfred. Warum war dieser bloß so zurückhaltend?
Schon seit geraumer Zeit machte sich Alfred Gedanken über seine Beziehung zu dem Dänen. Seit ihrem letzten Waffentransport waren fünf Jahre vergangen, fünf Jahre, in denen Alfred sich als Waffenschmied im Tower Vertrauen erworben hatte. Er hatte für Ralph ein Kettenhemd und für Mandeville persönlich ein Schwert angefertigt. Er hatte seine Kinder großgezogen und in Sicherheit gelebt.
Alle paar Monate war Barnikel zu ihm gekommen und hatte ihn um Waffen gebeten. Niemals viele auf einmal, immer nur so viele, wie er, ohne Argwohn zu erregen, herstellen und an diversen Stellen unter dem Boden der Werkstatt verstecken konnte. Alfred hatte dem Dänen aus Loyalität heraus gedient. Doch als seine Familie immer umfangreicher wurde, kam er diesen Aufträgen immer zögernder nach. Und als er vor einem Monat einmal nachgesehen hatte, wie viele Waffen tatsächlich unter seinem Fußboden lagerten, war er sehr erschrocken. Wenn nun die Normannen seine Waffenschmiede durchsuchten und diese Waffen fanden?
»Ich habe Angst«, gestand er Barnikel. »Und ich glaube auch, daß es allmählich eine Zeitverschwendung ist. Die meisten Engländer haben Wilhelm inzwischen akzeptiert. Wahrscheinlich würden sie nicht einmal für die Dänen kämpfen.«
Barnikel schnaubte zwar vor Wut, konnte es jedoch nicht leugnen. Natürlich würde sich London mit jedem König arrangieren, doch bei mehreren der kleineren Aufstände in den letzten zehn Jahren hatten die Engländer auf dem Land tatsächlich Seite an Seite mit den verhaßten Normannen gekämpft, und zwar aus dem einfachen Grund, weil solche Aufstände eine Bedrohung für die Ernte darstellten.
»Du bist ein Verräter!« stellte Barnikel wütend fest.
»Und was sind dann deine Kinder?« gab ihm Alfred zurück.
Dies war ein harter Schlag, der den Dänen schwer traf. Alfred wußte, daß die erwachsenen Söhne des Dänen wenig Neigung zeigten, bei den geheimen Aktivitäten ihres Vaters mitzuwirken. »Wenn der König von Dänemark eintrifft, dann werden wir Dänen sein«, hatte der jüngste Sohn ihm unlängst erklärt, »aber nicht früher.« Diese Einstellung war zwar vernünftig, doch Alfred wußte, daß Barnikel darüber zutiefst enttäuscht war.
Nun sah Alfred, daß der alte Mann sehr verletzt war, und vielleicht willigte er aus diesem Grund ein, das zu tun, was Barnikel von ihm verlangte. Aber er tat es mit großen Vorbehalten.
Im Dezember dieses Jahres wurde Barnikel höflich zu einem Treffen mit Silversleeves gebeten, was ihn sehr überraschte. Der langnasige Normanne hatte es inzwischen zu großem Reichtum und Ansehen gebracht. Vor seinem Eingang stand ein bewaffneter Wachposten. Zwei Angestellte arbeiteten an einem Tisch in seiner großen, steinernen Halle. Er selbst war ein Kanoniker von St. Paul's. Erzbischof Lanfranc persönlich hatte ihm seine Aufwartung gemacht, und obgleich dieser strenge Reformator den klerikalen Kaufmann sogleich als das erkannt hatte, was er war, war er doch zu klug, um mehr gegen den großzügigen Kanoniker und Stiftsherrn von St. LawrenceSilversleeves zu unternehmen, als ihn zu ermahnen.
Nachdem der Normanne Barnikel ausgesprochen höflich begrüßt hatte, bat er ihn, Platz zu nehmen, und trug dann mit ernster Stimme sein Anliegen vor. »Es hat mir lange auf der Seele gelegen, Hrothgar Barnikel, daß ich Euch eine gewisse Summe schulde, die ich von Leofric übernommen habe. Lange schon wollte ich diese Schuld tilgen, doch es handelte sich ja um eine beträchtliche Summe. Aber nun, glaube ich, bin ich in der Lage, Euch die Summe voll zurückzuzahlen, wenn Ihr denn mein Angebot annehmen wollt.«
Eine Weile fiel Barnikel vor Überraschung nichts ein. Die Schuld in voller Höhe zurückerstattet? Er dachte an seinen demütigenden Besuch im Judenviertel. Bislang hatte selbst er, der doch vor keiner Schlacht zurückschreckte, nicht den Mut aufgebracht, ein weiteres Mal dorthin zu gehen. »An was habt Ihr denn gedacht?« fragte er schließlich.
Silversleeves hob eine Pergamentrolle vom Boden auf und strich sie auf dem Tisch glatt. »Ein Anwesen, das eben in meine Hände gelangt ist«, sagte er. »Vielleicht kennt Ihr es ja. Deeping heißt es.« Barnikel kannte es tatsächlich. Es lag an der Ostküste, etwa fünfzehn Meilen entfernt von den Ländereien, die er bei der Eroberung verloren hatte. Obwohl er persönlich nie dort gewesen war, wußte er, daß das Land an diesem Küstenabschnitt sehr fruchtbar war, und die sächsische Aufstellung wies darauf hin, daß dieses Anwesen vielleicht sogar mehr wert war als die fragliche Schuld.
»Denkt in Ruhe darüber nach, wenn Ihr wollt«, sagte Silversleeves. »Ich habe bereits einen Vertrag aufsetzen lassen, falls Ihr daran interessiert seid.«
Barnikel stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. »Ich nehme es«, sagte er. Und von da an schien es wieder aufwärtszugehen mit ihm.
Im Winter 1084 wurde eine weitere große Steuer erhoben, die schwer auf London lastete, doch auch auf dem Land wurde kein Dorf verschont. Die Spannungen wuchsen. An der Ostküste wurden zusätzliche Verteidigungen aufgestellt. Berichten zufolge würde die riesige dänische Flotte im nächsten Sommer bereit sein, in See zu stechen. Im Frühjahr 1085 hörte man überall in London: »König Wilhelm läßt eine Extraarmee von Söldnern aus der Normandie herbringen.« In der Stadt herrschte eine strenge Ausgangssperre. Eines Tages warnte Hilda Barnikel auf einem ihrer Spaziergänge: »Ralph stellt in jeder Straße Spione auf.«
Doch dies trug nur dazu bei, daß Barnikel die Herausforderung um so mehr genoß. Er kannte fünfzig bis sechzig Männer, die wahrscheinlich bereit waren zu handeln. Einige dieser Männer stammten aus Kent, wo die Gier Odos die normannische Herrschaft in Verruf gebracht hatte; andere waren dänische Händler wie er, die seit der Eroberung unter dem wachsenden Einfluß der kontinentalen Kaufleute litten; wieder andere waren enteignete Sachsen, die ihr Land zurückzugewinnen hofften. Jetzt heißt es nur noch, den günstigsten Zeitpunkt abzuwarten, dachte Barnikel höchst zufrieden. Doch im Mai wurden seine Pläne vereitelt, und zwar auf völlig unerwartete Weise.
Für Osric waren es glückliche Zeiten. Sein erstes Kind, ein gesundes Mädchen, machte ihm viel Freude. Dank Alfred und seiner Familie mangelte es dem Kind nie an Kleidung oder Nahrung. »Und eines Tages bekommen wir ja vielleicht auch noch einen Jungen«, sagte er zu Dorkes.
Die sich verschärfende politische Krise in England hatte sein Leben jedoch auch noch auf andere Weise verbessert. Die Arbeiten am Tower gingen zügig voran, so daß Ralph auch anderes für Mandeville erledigen konnte und seine Bauaufsicht meist nur aus der täglichen Stippvisite bestand.
Das obere und letzte Stockwerk des Towers sollte das prunkvollste werden. Es war eigentlich ein doppeltes Stockwerk. Viele Jahrhunderte später sollte ein Zwischenboden eingezogen werden, doch die ursprünglichen Wände waren fast zwölf Meter hoch. In der Westhälfte gab es eine große Halle, in der östlichen das königliche Gemach. In sechs Metern Höhe gab es an den Außenwänden beider Räume eine Galerie, auf der man herumspazieren und durch kleine Fenster auf die Themse oder durch die normannischen Rundbögen auf die großen darunter liegenden Räume blicken konnte. Es gab noch einige Latrinen und im Ostzimmer eine weitere Feuerstelle, obgleich der riesige Hauptsaal im traditionellen Stil durch große Kohlenbecken in seiner Mitte geheizt werden sollte.
Am edelsten in ihrer Schlichtheit war die Kapelle im südöstlichen Teil. An der östlichen Wand lag die abgerundete Apsis. Der Innenraum war von einer doppelten Reihe massiver Rundpfeiler unterteilt, durch die ein kurzes Hauptschiff und zwei Seitenschiffe entstanden, und im oberen Bereich gab es eine Galerie mit großen Bogenöffnungen. Die Fenster waren gerade breit genug, um den blaßgrauen Stein in ein angenehmes Licht zu tauchen. Sie war dem Heiligen Johannes geweiht.
Die Hauptbögen standen kurz vor der Fertigstellung, da erreichte Osric eines Abends im Frühling die unerwartete Nachricht, daß Barnikel ihn sehen wollte.
Zwei Leute standen dem Dänen im Weg. Der erste war Ralph Silversleeves. Im Zuge der Vorbereitungen auf die erwartete Invasion hatte König Wilhelm nicht nur Söldner vom Kontinent kommen lassen, sondern auch Mandeville damit beauftragt, die Londoner vorzubereiten, was für Ralph eine neue Aufgabe bedeutete. Seine Leute gingen von Haus zu Haus und sammelten Waffen ein. Den Besitzern dieser Waffen wurde eine schreckliche Strafe in Aussicht gestellt, falls sie noch weitere Waffen versteckt hielten. Die Normannen arbeiteten rasch. Vielleicht war Barnikels große Streitaxt die einzige Waffe, die ihnen entging, doch Barnikel bestand zum Entsetzen seiner Familie hartnäckig darauf, sie versteckt zu halten.
Da viele der Waffen in schlechtem Zustand waren, wurden sie zu den Waffenschmieden gebracht, in deren Werkstätten Wachen darauf achteten, daß nichts verschwand. Danach sollten sie in ein sicheres Lager geschafft werden. »Und dann werde ich auch noch die Waffenschmieden durchsuchen lassen, um sicherzugehen, daß sie wirklich nichts versteckt haben«, prahlte Ralph eines Abends bei seiner Familie.
»Und wo willst du diese ganzen Waffen aufbewahren?« fragte Hilda.
Ralph grinste. »Im Tower«, erwiderte er.
Damit würde der Tower zum erstenmal benutzt werden. Während der Bauarbeiten war die Londoner Garnison weiterhin auf die Festungen am Ludgate und an anderen Orten verteilt, doch der große Keller, der vom übrigen Tower abgetrennt war, konnte schon gut als Lager dienen. Ralph hatte bereits ein weiteres mächtiges Tor als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme am Fuß der Wendeltreppe anbringen lassen, und auch für dieses hatte Alfred ein starkes Schloß hergestellt.
Am nächsten Tag informierte Hilda Barnikel. Dieser und Alfred wurden natürlich unruhig bei der Aussicht, daß die Waffenschmieden durchsucht werden sollten, doch schließlich war es die Frau des Waffenschmieds, die die Krise verschärfte. Sie war einmal ziemlich spät in der Nacht in die Waffenschmiede gekommen und hatte ihren Mann dabei ertappt, wie er gerade ein Schwert in einem Versteck unter dem Boden verbergen wollte. Nach dem ersten Schreck hatte sie ihn dazu gebracht, ihr alles zu gestehen, und dann hatte sie ihm ein Ultimatum gestellt: »Wie kannst du nur uns alle derart gefährden? Du mußt sofort aufhören, Barnikel zu helfen. Und die Waffen müssen weg, sonst gehe ich!«
Obwohl Alfred insgeheim erleichtert war, daß er nun endlich eine Entschuldigung hatte, um diesem gefährlichen Treiben ein Ende zu setzen, blieb doch noch ein großes Problem: »Ralphs Leute halten Wache vor meiner Schmiede. Seine Spione sind überall. Wie sollen wir die Waffen rausschmuggeln, und wo sollen wir sie verstecken?«
Schließlich fiel Barnikel Osric und die geniale Art und Weise ein, wie sie die Waffen vor einigen Jahren aus London herausgeschmuggelt hatten, und er schlug vor, den kleinen Zimmerer zu fragen. »Vielleicht fällt ihm ja wieder etwas Kluges ein!«
Und Osric hatte tatsächlich einen Vorschlag. Der Däne schnappte erst einmal nach Luft, dann brach er in ein brüllendes Gelächter aus, schließlich rief er, nach Luft japsend: »Das ist so irrwitzig, daß es vielleicht tatsächlich funktionieren könnte!«
Das Klopfgeräusch von Hammer und Meißel hallte in dem riesigen, dunklen Kellergewölbe wider. Klopf. Klopf. Manchmal hielt Osric die Luft an; hoffentlich dämmten die dicken Wände des Towers diese kurzen, scharfen Laute! Leise kratzte er den Mörtel weg. Vorsichtig holte er einen Stein heraus und dies alles im Licht einer kleinen Öllampe in dem rabenschwarzen Keller unter der Krypta.
Der Einfall war ihm gekommen, als er an die Schatzkammer dachte, die er vor drei Jahren gemacht hatte. »Die Wand neben der Krypta ist fast vier Meter dick«, erklärte er Barnikel. »Wenn es also dort genug Platz gab für die Schatzkammer, dann muß auch in der direkt darunter liegenden Kellerwand genug Platz sein.« Nach sorgfältigen Berechnungen hatten Barnikel und Alfred ihm erklärt, daß sie einen etwa zwei mal drei Meter großen Raum benötigten, um alle illegalen Waffen unterzubringen, die sie hatten. Ob er das fertigbringen könnte? »Ich brauche eine Woche dafür«, hatte er erwidert.
Osric fiel es nicht schwer, nachts in den leeren Tower hineinzuschlüpfen. Alfred hatte ihm Schlüssel für die Kellertüren gegeben. Doch er hatte nicht viel Zeit. Sobald man damit anfangen würde, die offiziellen Waffen im Keller zu lagern, würde Ralph Wachposten vor den Türen aufstellen. Deshalb arbeitete Osric die ganze Nacht hindurch bis kurz vor Morgengrauen. Erst entfernte er die Steine, dann begann er in der weicheren Kiesfüllung zu graben. Den Kies schaufelte er in einen Sack, den er aus dem Keller unter der Krypta in das große Westzimmer und von dort aus zum Brunnen schleppte, in den er den Sack entleerte. Am Ende jeder Nacht setzte er die Steine wieder an ihre alten Stellen ein und festigte sie mit einer dünnen Schicht neuen Mörtels, säuberte dann noch sorgfältig den Boden und schlich sich schließlich wieder davon. Nach einer Woche war eine kleine Geheimkammer in der Kellerwand entstanden, gerade groß genug, daß er darin stehen konnte.
Nur eines war noch zu tun. In der letzten Nacht ging er zu dem großen westlichen Keller. In der Ecke lag das stabile Eisengitter über dem Abfluß. Zur Instandhaltung und Reinigung des Abflusses konnte man dieses Gitter öffnen und schließen. Mit dem Schlüssel, den Alfred ihm gegeben hatte, öffnete Osric das Gitter und seilte sich in das Abflußrohr ab. Gebückt kroch er durch den etwa fünfzig Meter langen Gang, bis er am Flußufer angelangt war. Auch vor diesem Loch ins Freie befand sich ein dickes Eisengitter.
Es war Ebbe, so daß der Gang nahezu trocken war. Die dicken Stäbe dieses Gitters ließen sich jedoch nicht mit einem Schlüssel öffnen, so daß Osric den Rest der Nacht damit zubrachte, die Steine um das Gitter herum zu lockern, bis er es endlich aufbekam. Dann befestigte er es wieder sorgsam, wenn auch mit dünnem Mörtel, so daß er es mit gezielten Hammerschlägen von beiden Seiten problemlos würde aufbrechen können. Schließlich kroch er in den Keller zurück, verschloß das vor dem dortigen Zugang liegende Gitter und ging. Von nun an konnte er vom Fluß aus durch den schmalen Gang in den Tower gelangen.
Drei Tage später wurden die konfiszierten Waffen unter scharfer Bewachung aus den Waffenschmieden in den Tower geschafft. Als die Karren bei Alfred vorfuhren, war dieser noch nicht fertig, so daß den Karrenlenkern nichts anderes übrigblieb, als wieder wegzufahren und später noch einmal wiederzukommen. Erst am Ende dieses Tages war Alfred soweit, daß die Waffen, die sorgfältig in Wachstuch gewickelt waren, auf die Karren verladen werden konnten. Die Wächter bemerkten, daß es sich um eine größere Menge von Waffen handelte, als man erwartet hatte. So rasch wie möglich fuhren sie, begleitet von Alfred, zu dem großen Lager.
Mehrere Männer halfen bei dem Transport der schweren Ladung in den Tower und die Wendeltreppe hinunter in den Keller, wo die Waffen an den Wänden gestapelt wurden. Als Alfred scheinbar beiläufig Osric aufforderte, beim Tragen zu helfen, achtete niemand weiter darauf. Selbst Ralph schöpfte keinen Verdacht. Warum sollte er auch, schließlich wurden die Waffen ja in den Tower gebracht.
Als die beiden Tore zum Keller wieder verriegelt wurden und eine Wache am Eingang postiert wurde, merkte niemand, daß Osric verschwunden war.
Er schuftete die ganze Nacht. Mit den Werkzeugen, die Alfred für ihn hereingeschmuggelt hatte, lockerte er die Steine vor dem Geheimversteck. Dann machte er sich daran, die Waffen in die geheime Kammer zu schaffen.
Alfred hatte alles bestens arrangiert. In jedem gerollten Wachstuch befand sich ein zweites, in das eine illegale Waffe eingewickelt war. Selbst nachdem die illegalen Waffen entfernt waren, schienen es also noch immer so viele Waffen zu sein wie vorher. Zwei Stunden vor Morgengrauen hatte Osric alles in dem Versteck untergebracht. Er legte die Steine zurück an ihre Stelle und befestigte sie wieder mit ein wenig Mörtel. Nun mußte er nur noch das Gitter über dem Abfluß entriegeln und hineinklettern, es hinter sich wieder verschließen und durch den Abfluß hindurch zum Flußufer gelangen.
Er verzögerte die Sache jedoch etwas. Zuerst warf er noch Staub auf die frischgemauerte Wand, um den feuchten Mörtel zu verbergen. Dann durchforstete er mit der Lampe in der Hand noch einmal sämtliche Ecken, um sicherzugehen, daß auch nichts auf seine Anwesenheit hinwies. Als er endlich zufrieden war, dämmerte es bereits. Er war gerade auf dem Weg zu dem westlichen Kellerraum, als er plötzlich hörte, wie die schwere Eichentür am Fuß der Treppe quietschend aufging.
Ralph hatte keinen Schlaf gefunden. Er war zu aufgeregt. Der König persönlich hatte bereits seine Zufriedenheit über die Waffenoperation geäußert, und nun hatte Ralph beschlossen, im frühen Morgengrauen sein Werk noch einmal zu begutachten.
Er hielt eine Fackel hoch und lief den großen Westkeller ab, in dem die Waffen lagerten. Zufrieden lächelnd blickte er auf sie. Dann sah er Osric, der schlafend, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, auf dem Boden kauerte. Was zum Teufel tat dieser Bursche hier? Ralph hielt die Fackelflamme an sein Gesicht, bis dieser blinzelnd aufwachte. Osric lächelte.
»Gott sei Dank seid Ihr gekommen, Sir!« sagte er. Offenbar war er in der vergangenen Nacht hier unten vergessen worden. »Ich habe immer wieder an die Tür gehämmert und geschrien«, erklärte er, »aber niemand ist gekommen. Ich bin die ganze Nacht hier unten gewesen.«
Argwöhnisch blickte Ralph sich um, dann inspizierte er Osric, der innerlich dem Herrgott dankte, daß er daran gedacht hatte, seine Werkzeuge und den Schlüssel zu dem Abflußgitter in den Brunnen zu werfen.
Ralph fand nichts Verdächtiges. Er dachte nach. Der Bursche sagte wohl die Wahrheit. Und weil er an diesem Morgen so guter Laune war, machte er sogar einen kleinen Witz. »Nun, Osric«, sagte er, »damit warst du wohl der allererste Gefangene im Tower!« Dann ließ er ihn gehen.
Im Juni wimmelte es in London von Söldnern. Jeden Tag wurde die Invasion erwartet. Die Stadt war so aufgeregt wie nie seit 1066. Es wurde Juli; dann August. Soldaten kamen und gingen. England wartete, doch noch immer zeigte sich kein Wikingerschiff.
Der Zusammenbruch der großen dänischen Expedition im Jahr 1085, die vielleicht tatsächlich das Ende der normannischen Herrschaft in England bedeutet hätte, ist nach wie vor ein historisches Rätsel. Die riesige Flotte war aufgestellt, der neue König Knut bereit zum Aufbruch. Doch dann kam es zu einem Streit. Um was es genau ging, wußte niemand mit Sicherheit zu sagen, sicher war nur, daß Knut im darauffolgenden Jahr ermordet wurde. Ob die Auseinandersetzung rein innenpolitischer Natur war oder ob sie von Agenten Wilhelms von England auf kluge Weise geschürt worden war, wird man nie genau wissen. Doch die Flotte stach nicht in See.
Der Herbst verstrich, und der Tower wuchs.
Barnikel schöpfte den Verdacht, daß er betrogen worden war. Kurz nach Michaeli hatte er den Ertrag aus seinen neuen Ländereien in Deeping eingefordert, und der Verwalter hatte ihm eine lächerliche Summe geschickt. Als er eine Erklärung verlangte, hatte ihm der Mann eine Nachricht zukommen lassen, aus der er überhaupt nicht schlau wurde.
»Entweder ist der Bursche ein Dummkopf, oder er hält mich für einen«, fluchte der Däne, und wenn nicht gerade ein heftiger Schneefall eingesetzt hätte, wäre er sofort aufgebrochen, um nach dem Rechten zu sehen. Sobald der Schnee zu Beginn des darauffolgenden Frühjahrs wich, machte er sich auf den Weg.
Er brauchte mehrere Tage. Zuerst mußte er die dichten Wälder hinter London durchqueren, dann die riesige, flache Wildnis von Ostanglien. An einem angenehmen Märzmorgen kam er schließlich in dem Küstenweiler Deeping an.
Er wollte seinen Augen kaum trauen, denn der Weiler und seine Wiesen waren nicht von fruchtbaren Feldern, sondern auf drei Seiten von dem salzigen Wasser der Nordsee umgeben.
»Das Meer ist dieses Jahr schon wieder weiter hereingekommen«, erklärte ihm der Verwalter. »In zwei Jahren wird das Dorf verschwunden sein. So wie hier sieht es die nächsten fünf Küstenmeilen aus. Dort drüben ist Ihr Anwesen, Sir!« Er deutete nach Osten. »Das Meer hat es verschluckt.«
»Dieser verdammte Silversleeves hat mich betrogen!« brüllte Barnikel. Aber er fragte sich auch, warum das Meer anstieg.
Das tat es gar nicht, beziehungsweise nur sehr gering. Zwar stieg der Meeresspiegel in der nördlichen Welt aufgrund des Weichens der letzten Eiszeit tatsächlich leicht an, doch der Grund für diese Überflutung war ein anderes Phänomen, das es bereits seit längerem gab: England neigte sich zur Seite, wodurch die Küste von Ostanglien unterging und der Wasserstand in der Themsemündung anstieg.
Barnikel fluchte lauthals auf das Meer und noch mehr auf den gerissenen Silversleeves. Doch er hatte einen Vertrag unterzeichnet und konnte nun nichts mehr daran ändern. Er war über den Tisch gezogen worden.
Und er wäre noch verwirrter gewesen, wenn er den eigentlichen Grund für sein Elend gekannt hätte.
Nachdem Silversleeves damals Leofrics Schulden an Becket, dem Kaufmann aus Caen übernommen hatte, arbeitete er an dem langen Prozeß weiter, der es ihm ermöglichen sollte, den gesamten Handel seines alten Rivalen mit London zu kontrollieren. Erst im letzten Winter, als Becket sechs Schiffsladungen als Außenstände zu verzeichnen hatte, stellte der gewitzte Kanoniker von St. Paul's plötzlich alle Zahlungen ein und verweigerte sämtliche Lieferungen. »Dies sollte sie alle bis Ostern ruiniert haben«, erklärte er Henri. Und weil Barnikel ihn vor zwanzig Jahren einmal beleidigt hatte, war er in diesen Prozeß einfach mit einbezogen worden.
Klüger, ärmer und um Jahre gealtert kehrte Barnikel bedrückt nach London zurück mit dem bleibenden Gefühl, daß die Normannen gewonnen hatten. In seinem Haus in Billingsgate angekommen, legte er sich drei Wochen lang ins Bett und trank Unmengen von Ale. Erst als es Hilda nach drei vergeblichen Versuchen endlich gelang, sich Zugang zu ihm zu verschaffen und ihm eine stärkende Brühe einzuflößen, kam er allmählich wieder zu sich.
1086 unternahm Wilhelm der Eroberer von England einen der bemerkenswertesten Verwaltungsakte aller Zeiten, zum Teil auch deshalb, weil er aufgrund der Panik des vergangenen Jahres zusätzliche finanzielle Mittel benötigte. Es war ein erstaunliches Zeugnis nicht nur für seine Gründlichkeit, sondern vor allem für seine Vorherrschaft über seine Vasallen. Kein anderer König im mittelalterlichen Europa hätte sich je an ein derartiges Vorhaben herangewagt.
Weihnachten 1085 gab Wilhelm die DomesdayUntersuchung in Auftrag. Das gesamte Land, Dorf für Dorf, sollte von seinen Beamten untersucht werden; jedes Feld, jedes Schlagholz sollte abgemessen und bewertet werden, jeder Freie, jeder Leibeigene und der gesamte Viehbestand sollten gezählt werden. »Er übersieht kein einziges Schwein«, sagten die Leute mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Verachtung. Am Ende hatte König Wilhelm die Grundlage für eine äußerst effiziente Besteuerung.
Er hatte natürlich auch Glück. Die meisten Feudalherren in Europa hätten derartige Ermittlungen nie zugelassen. In seinem eigenen Fürstentum, der Normandie, versuchte Wilhelm so etwas nie. Doch in England waren ihm die meisten Landbesitzer persönlich verbunden und deshalb gefügig.
An einem sonnigen Aprilmorgen kehrte Alfred in das Dorf in der Nähe von Windsor zurück, das er als Junge verlassen hatte. Er hatte schon länger vorgehabt, seine Familie zu besuchen, und war nun ziemlich aufgeregt.
In den Jahren nach der Eroberung hatte sein Vater die Pacht auf eine Reihe von Äckern erworben, für die er mit Geldleistungen bezahlte. Bei seinem Tod hatte er einige dieser Acker Alfred überlassen, der die Geldleistungen übernahm, während sein Bruder sich um die Bebauung des Landes kümmerte. Alfred hatte dadurch ein kleines Zusatzeinkommen und auch eine Verbindung zu seiner Familie. Da die Domesday-Beamten bald in die Gegend um Windsor kommen sollten, hatte er beschlossen, kurz heimzukehren und sicherzustellen, daß seine Ansprüche ordnungsgemäß festgehalten wurden.
Er stieß auf eine muntere, lebhafte Szene. Das große Feld war bereits gepflügt, die Samen waren eben gesät worden, und nun wurde es mit der Egge bearbeitet, bevor die Vögel die Samen auffressen konnten. Er sah die alte Schmiede mit ihrem Holzdach, den Amboß seines Vaters, roch den vertrauten Kohlengeruch. Nichts hatte sich verändert.
Doch obwohl sein Bruder und dessen Familie ihn herzlich begrüßten, lag etwas in der Luft, das Alfred störte. Er hatte jedoch keine Zeit, seinen Bruder danach zu fragen, denn eben trafen die Vermesser ein. Es waren drei, zwei Franzosen und ein Londoner, der bei der Übersetzung half. Der Gemeindevorsteher, der Verwalter des Gutsherrn, führte sie herum.
Sie waren fast fertig, als sie bei der Schmiede ankamen. Einer der Beamten entfernte sich mit dem Londoner, um die Wiese zu inspizieren, der andere ging mit dem Gemeindevorsteher um die Häuser herum. Sie begutachteten auch die Schmiede. Der Beamte blickte fragend auf den Gemeindevorsteher, der auf Alfreds Bruder deutete und meinte: »Ein guter Mann. Er leistet Dienste für sein Land.« Alfred starrte seinen Bruder an. »Du zahlst doch Geldleistungen!« Doch sein Bruder sagte nichts, und der Verwalter machte sich eine Notiz auf seiner Schiefertafel.
»Und der da?« Nun blickten sie auf Alfred.
»Ich bin Alfred der Waffenschmied aus London. Ein freier Bürger. Ich zahle Pacht.«
Der Verwalter bestätigte nickend die Pacht, und der Beamte wollte es gerade aufschreiben, als sein Kollege nach ihm rief, weil er ihm etwas auf der Wiese zeigen wollte. Alfred wandte sich an seinen Bruder. »Was soll das heißen?« fragte er ihn. »Bist du ein Leibeigener?«
Und dann kam es heraus. Es waren harte Zeiten, nicht genug Arbeit für die Schmiede und zu viele Mäuler zu stopfen. Alfred verstand. Freie Männer zahlten Pacht und Steuern an den König. Es war nicht ungewöhnlich, daß ein freier Bauer, der diese Lasten nicht tragen konnte, seinen Herrn mit Diensten bezahlte und sich damit in die Leibeigenschaft begab. »Was macht es denn schon für einen Unterschied?« fragte sein Bruder matt.
In seinem alltäglichen Leben wohl kaum einen. Aber das war Alfred nicht wichtig. Wichtig war, daß sein Bruder aufgegeben hatte. Dann blickte er auf die Frau seines Bruders und sah, was sie dachte: Wenn dieser reiche Bruder aus London uns das Land, das er hier hat und nicht braucht, überlassen würde, dann würde es uns bessergehen.
In diesem Augenblick wurde Alfred plötzlich wütend. Die innere Stimme, die ihn daran erinnerte, daß er vielleicht auch hungern würde, wenn nicht Barnikel gewesen wäre, brachte er sofort zum Schweigen. Als meine Chance kam, habe ich sie ergriffen, erinnerte er sich. Er blickte seinen Bruder verächtlich an und sagte: »Ich hoffe nur, daß unser Vater dich jetzt nicht sehen kann!«
Als der französische Landvermesser zurückkam, stellte er keine weiteren Fragen. Nach einem schnellen Blick auf die anderen Häuser schickte er sich zum Aufbruch an. Doch dann fiel ihm noch ein, daß er ja etwas über diesen Burschen mit der weißen Haarsträhne hatte notieren wollen. Was hatte dieser Kerl zu seinem Status gemeint? »Diese verfluchten Engländer machen es einem wirklich nicht leicht«, murmelte er. Denn obwohl die Domesday-Untersuchung so gründlich war, waren die französischen Verwalter doch oft genug erstaunt über das, was sie vorfanden. »Ist dieser Mann ein Sklave, ein Leibeigener oder ein Freier?« fragten die ordentlichen Beamten, die auch Lateinisch konnten. Oft genug erhielten sie auf diese Frage einen Bericht über sonderbare, unbestimmte Vereinbarungen, die im Lauf der Zeit und aus der Gewohnheit heraus entstanden waren. Wie sollten sie nur diese angelsächsischen Unklarheiten in die klaren Kategorien einfügen, die in ihren Dokumenten vorgesehen waren? Bei solchen Unsicherheiten griffen sie auf eine allgemeine Kategorie zurück, deren legaler Status absichtlich vage gehalten war. Es war die des villanus – eine Art leibeigener Zinsbauer, die weder Leibeigener noch freier Mann bedeutete, sondern vor allem »Bauer«.
Der Beamte runzelte die Stirn. Er konnte sich einfach nicht erinnern, was der Bursche mit der weißen Haarsträhne gesagt hatte, doch er wußte noch, daß der Mann neben ihm ein Leibeigener war. Also schrieb er seufzend villanus in seine Unterlagen. Und so tauchte Alfred im großen Domesday-Book von England als kleiner, namenloser Fehler auf. Damals schien es nicht weiter wichtig zu sein.
1087
Im August 1086 kam es achtzig Meilen westlich von London in der Burg Sarum zu einem großen, symbolträchtigen Treffen. Dort wurden König Wilhelm die riesigen Bände seines Domesday-Book überreicht, und die bedeutendsten Männer seines Reiches machten ihm ihre Aufwartung. Eigentlich hätte es eine Gelegenheit zum Feiern sein sollen, doch die Stimmung war gedrückt. Der König wurde alt. Er war äußerst korpulent; wenn er sich in den Sattel schwang, tat er es unter Stöhnen. Er hatte nach wie vor zahllose Feinde, vor allem den neidischen König von Frankreich. Als die großen Männer des Königreichs sahen, wie gealtert und kränklich ihr König wirkte, überkamen sie düstere Vorahnungen.
Zwar war Wilhelm nur von wenigen geliebt, doch von allen gefürchtet. Zwar war er brutal, doch es herrschte Ordnung. Was würde aus seinen normannischen Ländereien und seinem englischen Königreich werden, wenn der große Eroberer nicht mehr da war? Sie würden an seine Söhne übergehen. An den düsteren, launischen Robert und an Wilhelm, der wegen seines roten Haares Rufus, der Rote, genannt wurde, einem klugen, doch auch grausamen Burschen. Er war noch nicht verheiratet, und es hieß, daß er sein Lager lieber mit jungen Männern als mit Frauen teilte. Und dann gab es noch Heinrich, den Jüngsten, der im Ruf stand, böse und unberechenbar zu sein. Außerdem war da noch ihr ehrgeiziger Halbonkel, Bischof Odo von Bayeux, der noch immer im Gefängnis saß, in das König Wilhelm ihn gesteckt hatte.
Im Frühjahr des neuen Jahres brach im Westen Englands eine Viehseuche aus, die sich rapide verbreitete. Schreckliche Stürme drohten die Ernte zu ruinieren. Wieder einmal kämpfte König Wilhelm auf dem Festland, und seine Verwalter versuchten bereits, neue Steuern einzutreiben.
In London trafen sich die Kaufleute und dachten über ihre Zukunft nach. Es fanden viele geheime Gespräche statt, und auch Barnikel nahm an einigen von ihnen teil.
Im Frühjahr 1087 erklärte Dorkes Osric, daß sie wieder schwanger war. Es war ihre dritte Schwangerschaft. Nach der ersten Tochter hatte sie eine weitere bekommen, die jedoch tot zur Welt gekommen war. Doch dieses gesunde Wesen, das sich da heftig in ihr regte, schien anders zu sein, und in seinem Herzen war sich Osric ganz sicher, daß er einen Sohn bekommen würde. Osric war erst Mitte Zwanzig, doch in jenen harten Zeiten hatte ein Arbeiter keine besonders lange Lebenserwartung. Ein reicher Kaufmann konnte in den Annehmlichkeiten seines Heims ein hohes Alter erreichen, doch Osric rechnete nicht damit, älter als vierzig zu werden. Er hatte bereits drei Zähne verloren. Vielleicht würde sein Sohn mit viel Glück schon einige Jahre alt sein, wenn der Vater starb; sein Sohn, der ein besseres Leben haben sollte. »Vielleicht hat er ja mehr Glück als ich und wird tatsächlich Zimmerer«, sagte er zu Dorkes.
»Und wie soll er heißen, wenn es ein Junge wird?« fragte sie.
Osric dachte kurz darüber nach, dann meinte er: »Er soll nach unserem größten englischen König Alfred heißen.«
In diesem Jahr ereignete sich auch etwas sehr Erstaunliches bei Ralph Silversleeves. Im August, als ein weiterer Sturm dafür gesorgt hatte, daß die Ernte nahezu völlig verwüstet war, verkündete er, daß er heiraten wolle. Er hatte im Mai ein Mädchen getroffen. Es war groß und blond, die Tochter eines wohlhabenden deutschen Kaufmanns, der an der Mündung des Walbrook in der Nähe des deutschen Kais wohnte. Sie hatte ein großes, flaches Gesicht, große, blaue Augen, große Hände, große Füße und einen großen Appetit, wie sie fröhlich jedem gestand, der es hören wollte. Da sie mit dreiundzwanzig noch unverheiratet war, hatte sie wohl oder übel beschlossen, Ralphs tölpelhafte Art nett zu finden.
Nichts hatte Ralph so viel Vergnügen bereitet wie die Freude auf dem Gesicht seines Vaters und der Ausdruck erstaunten Unglaubens auf dem seines Bruders, als er ihnen die Nachricht überbrachte.
An einer Kette um seinen Hals trug er stolz einen Talisman, den sie ihm gegeben hatte, einen sprungbereiten Löwen, und sie hatte ihm gesagt, daß er sie an ihn erinnerte. Sie wollten noch vor Weihnachten heiraten. Sie hieß Gertha.
Noch eine weitere wichtige Veränderung hatte sich in diesem Sommer bei der Familie Silversleeves zugetragen: Im Juni hatte Hilda bemerkt, daß ihr Mann sie betrog. Sie hatte schon länger den Verdacht gehegt, daß es andere Frauen gab, denn die Kluft zwischen ihnen wurde immer größer. Dann ging er eines Abends im Juni aus und sagte ihr, daß er die Nacht über wegbleiben würde. Da es ihrem Vater nicht sehr gutging, besuchte sich ihn in dem Haus ihrer Kindheit unter dem Hauszeichen des Bullen. Als Henri ein paar Abende danach wieder ausging, war sie sich sicher.
Nach den Stürmen, die die Ernte ruinierten, wurde es heiß und trocken. Die Hitze und die Trockenheit hielten bis spät in den September hinein an, und viele bekamen Angst vor einem Feuer. Am Ende des Sommers 1087 belagerte König Wilhelm eine französische Burg und wurde dabei verletzt. Die Wunde begann zu schwelen. Bald war klar, daß der König sich nicht davon erholen würde.
Seine Angehörigen versammelten sich um sein Sterbebett. Robert erhielt die Normandie, Wilhelm »Rufus« England, der junge Heinrich Geld. Odo, der Halbbruder des sterbenden Königs, wurde begnadigt. So waren die Weichen gestellt für eine Generation der Eifersucht, Intrige und Meuchelei. Einige Tage darauf, nach einer langen, heißen Reise über das Land zur Kirche seiner Vorfahren in Caen, explodierte der verwesende Leichnam Wilhelms des Eroberers, der so aufgebläht war, daß er nicht in einen Sarg hineingequetscht werden konnte, über den am Wegrand Stehenden. In der Zwischenzeit eilte Rufus so schnell er konnte zu seiner Krönung nach England.
Zwei Wochen später trafen sich einige Männer im Haus von Barnikel bei All Hallows. Als Barnikel hörte, was sie wollten, lächelte er. »Ich kann euch geben, was ihr braucht«, sagte er. Heimlich ließ er nach Osric rufen.
Ralph Silversleeves konnte sein Glück kaum fassen. Was für eine phantastische Gelegenheit, den neuen normannischen König zu beeindrucken! Mandeville hatte ihm die politische Lage erklärt. »Robert wird versuchen, Rufus England abzunehmen, weil er über ein ebenso großes Reich herrschen will wie sein Vater. Odo wird ihn wahrscheinlich unterstützen. Dazu wird er eine große Gruppe von Reitern aus Kent zur Verfügung stellen. Meines Wissens sind auch einige andere Barone bereit, sich ihnen anzuschließen, weil sie Rufus ablehnen. Und mit Sicherheit gibt es auch eine Gruppe in London, die bereit ist, sich auf ihre Seite zu schlagen, wenn sie glaubt, daß für sie dabei etwas herausspringt. Doch die meisten Sheriffs und der Landadel wollen den König von England, nicht den Herzog von der Normandie, als ihren Herrscher. Also unterstützen wir Rufus. Unsere Aufgabe ist es, London ruhig zu halten. Findet die Verschwörer und ihre Waffen! Rufus wird dankbar sein, wenn wir ihm etwas vorweisen können.«
Am nächsten Tag fiel ihm aus heiterem Himmel eine unerwartete Information in die Hände, die ihn dazu veranlaßte, ein Dutzend Spione herbeizurufen und zu erklären: »Wir werden den Verschwörern eine Falle stellen!«
Osric stand lächelnd am Flußufer. Eigentlich müßte alles klappen. Hinter ihm ragte der graue Tower in den Himmel. Das große königliche Stockwerk war fast fertig. Die ersten der gewaltigen Eichenstämme, die sich über das ganze Gebäude erstrecken und das Dach tragen sollten, waren bereits angekommen. Die Bäume, die den Anforderungen entsprachen, mußten von weit her auf dem Fluß nach London geschafft werden. Die Fertigstellung des Daches würde wohl weitere zwei Jahre in Anspruch nehmen.
Osric schaute sich um. Der Ort, an dem der Towerkanal in den Fluß führte, lag gut versteckt hinter ein paar Zimmererhütten. Barnikels Boot konnte bis vor das Gitter gelangen und ungesehen beladen werden. Das Gitter war schnell zu öffnen. Dann hieß es nur noch den Gang hindurch bis zu dem Gitter am anderen Ende kriechen, für das Alfred noch einmal einen Ersatzschlüssel bereitgestellt hatte. Während Barnikel auf dem Boot Wache hielt, würde er das Geheimversteck leeren und die Waffen herausbringen. Vor dem Morgengrauen würden sie schon auf ihrem Weg den Fluß hinab sein.
Für wen die Waffen bestimmt waren, fragte Osric nicht. Es reichte ihm, daß der Däne ihm gesagt hatte, daß er die Waffen brauchte. Das Unterfangen war nicht besonders riskant, und es war auf jeden Fall ein weiterer Schlag gegen den Normannenkönig. In der nächsten Nacht sollte es stattfinden.
An diesem Abend war Henri ausgegangen und hatte ausrichten lassen, daß er vielleicht die ganze Nacht wegbliebe. Hilda beschloß, die Nacht wieder einmal bei ihrem Vater zu verbringen. Nachdem sie ein Stündchen mit ihm geplaudert hatte, unternahm sie noch einen kleinen Spaziergang am West Cheap. Auf ihrem Rückweg vorbei an St. Mary-le-Bow sah sie das deutsche Mädchen, das ihr sofort zuwinkte. Hilda seufzte. Sie fand ihre zukünftige Schwägerin etwas anstrengend, auch wenn sie sonst nichts gegen sie einzuwenden hatte. Heute wirkte Gertha ganz besonders aufgeregt. Hilda fragte sie, wie es Ralph gehe.
»Sehr gut!« erhielt sie zur Antwort. »Ich komme gerade von ihm! Er ist wirklich schlau!« Gertha nahm Hilda bei der Hand und zog sie in den Schutz der Mauern von St. Mary-le-Bow. »Er hat mir gesagt, daß ich es keinem sagen darf, aber wir sind ja schließlich eine Familie. Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?« flüsterte sie ihrer zukünftigen Schwägerin ins Ohr. Es folgte eine sehr überraschende und interessante Information.
Über der kleinen Kirche von All Hallows tauchten gerade die ersten Sterne auf, als Hilda leise an die Tür von Barnikels strohgedecktem Heim klopfte.
Nachdenklich beobachtete sie ihn, während er die Lampen entzündete. Als er die schlechten Nachrichten erfuhr, wirkte er sehr alt und müde, was Hilda beunruhigte. Aber dann schien er sich wieder zu straffen. Sie blickte ihn halb mitleidig, halb bewundernd an. »Was wirst du nun tun?« fragte sie.
Ein armer Bauer in den Wäldern von Essex lieferte Ralph den entscheidenden Hinweis. Man hatte ein Schwert bei ihm gefunden und ihn zur Burg von Colchester geschafft. Man befragte ihn eingehend, wie er zu der Waffe gekommen sei. Nachdem man ihm seine Finger gebrochen hatte, redete er. Er besaß das Schwert schon seit damals, als er mit Than Herewards Männern im Wald gelebt hatte, also seit über fünfzehn Jahren.
Der Wachposten in Colchester brachte den Mann nach London und überließ ihn Ralph zum Verhör. Ralph bekam heraus, daß die Waffen aus London stammten, wo es einen Mann gab, dem die Rebellen vertrauten. Kurz bevor der Bursche starb, erinnerte er sich noch an eine Einzelheit. »Der Mann hatte einen roten Bart.«
Es gab viele Männer mit roten Bärten in der alten angeldänischen Stadt, und auch viele Normannen hatten rote Bärte. Doch als Ralph über alles nachdachte, was er wußte, fügten sich die Teile doch zu einem Muster: jemand, der die Normannen haßte; ein Mitglied der alten Verteidigungsgilde; ein Freund von Alfred, dem Waffenschmied. Schließlich schrie er wütend: »Man hat mich hintergangen!« Und dann meinte er grimmig lächelnd: »Jetzt werde ich sie alle zusammen fassen!« Dann stellte er seine Falle auf.
»Morgen bei Tagesanbruch will er kommen. Er will dieses Haus und dein Lager in Billingsgate sowie Alfreds Waffenschmiede durchsuchen. Wenn er Waffen findet, hat er euch. Wenn nicht, werden seine Spione euch strengstens überwachen«, hatte Hilda Barnikel besorgt mitgeteilt.
Der alte Däne hatte nachdenklich genickt. »Sie werden nichts finden. Wir werden unseren Plan nur ein klein wenig abändern müssen.« Und dann hatte er ihr von Osric und dem Geheimnis im Tower erzählt.
Ihr wurde klar, in welcher Gefahr der alte Mann und seine Freunde schwebten. »Warum tut ihr das alles?« wollte sie wissen.
Er erklärte ihr, daß Robert, wenn er denn König werden würde, ein riesiges Reich zu kontrollieren hätte. Und er war nicht der Mann, der sein Vater war. Die normannische Herrschaft würde schwach sein. Aber es gab ja noch Nachfahren der alten englischen Linie, ebenso wie König Haralds Familie. Barnikel erklärte ihr ausführlich, was vielleicht eintreten konnte, bis sie schließlich lächelnd den Kopf schüttelte.
»Du gibst wohl nie auf!«
»Ich bin zu alt, um aufzugeben. Wenn ein alter Mann aufgibt, stirbt er.«
»Fühlst du dich denn so alt?« fragte sie.
»Manchmal«, sagte er. »Aber nicht mit dir.« Und sie errötete, denn sie wußte, daß dies stimmte.
Im Kohlenbecken in der Mitte des Raumes glühte ein schwaches Feuer. Er stocherte ein wenig in den Kohlen herum und setzte sich dann auf einen großen Eichenstuhl daneben. Eine Weile sagten beide nichts und saßen einfach zufrieden nebeneinander. Nachdenklich nippte er an seinem Weinkelch.
Dieser Abend war wirklich sonderbar, dachte sie. Sie hatte alles getan, was sie tun konnte. Eigentlich sollte sie jetzt wieder gehen, doch sie wollte sich noch nicht verabschieden. Nach einer Weile beugte sie sich zu ihm hinüber und legte den Kopf an seine Brust. Anfangs bewegte er sich nicht. Doch dann spürte sie, wie er mit seiner großen Hand ihr Haar zu streicheln begann. Überrascht stellte sie fest, wie sanft und tröstlich sich dies anfühlte. Sie dachte über ihr Leben nach. Henris kaltes Bild tauchte vor ihr auf. Sie dachte darüber nach, daß sie lieber diesen älteren Mann geheiratet hätte, selbst in seinem jetzigen Alter, mit seiner erstaunlichen Tapferkeit und seinem großen, warmen Herzen. Und plötzlich überkam sie der Wunsch, ihm ihre Zuneigung zu zeigen, und sie küßte ihn auf die Lippen. Sie spürte, wie er bebte. Sie küßte ihn noch einmal. »Wenn du so weitermachst…« flüsterte er.
»Nur zu!« sagte sie glücklich, auch wenn sie über sich selbst erstaunt war.
Es war lange her, seit Barnikel eine Frau geliebt hatte, und er hatte angenommen, daß es ihm nicht mehr leichtfallen würde. Doch als er nun aufstand und die junge Frau, die er anfangs als Tochter und dann als Frau geliebt hatte, in die Arme nahm, schienen alle Zweifel zu schwinden.
Und Hilda, die zum erstenmal die sanften Zärtlichkeiten eines älteren Mannes spürte, der sie langsam und liebevoll in Leidenschaft versetzte, fand eine Wärme, die sie stark berührte.
Sie blieben bis in die frühen Morgenstunden beieinander, bis sie sich schließlich zum Haus ihres Vaters zurückstahl und in das Zimmer schlich, in dem er schlief. Barnikels große Liebe hatte sich nach einem Dutzend Jahren endlich erfüllt.
Im Morgengrauen schlich sich Hilda, wie von Barnikel gewünscht, aus dem Haus ihres Vaters, um zwei Leuten eine Botschaft zu überbringen, Alfred und Osric. Sowohl auf ihrem Weg zu Barnikels Haus als auch auf ihrem Rückweg wurde sie wie üblich unbemerkt verfolgt.
Am nächsten Vormittag besuchte Ralph Silversleeves in Begleitung von sechs bewaffneten Männern Barnikel in seinem Lager in Billingsgate. Höflich informierte der Normanne den Dänen, daß sie eine Durchsuchung vorhatten, und Barnikel ließ sie gewähren, auch wenn er unmutig die Schultern zuckte. Drei der Männer begaben sich zu seinem Haus neben All Hallows.
Sie waren gründlich. Zwei Stunden lang bemühten sie sich, doch gegen Mittag gaben sie auf. Ein Mann kam von Alfreds Waffenschmiede. Auch dort hatten sie nichts gefunden.
Doch bei Ralph wollte das Gefühl nicht weichen, daß man ihn hinters Licht geführt hatte. Unten am Kai sagte er zu seinen Männern: »Hier irgendwo müssen die Waffen sein. Wir geben nicht auf.« Zum Arger der Bootsleute begann er, ihre Fracht zu durchsuchen, und auch vier weitere kleinere Lagerhäuser wurden gründlich durchstöbert. Sie gingen den ganzen East Cheap ab und untersuchten die Karren und Buden. Wildentschlossen pflügte sich Ralph mit hochrotem Gesicht seinen Weg nach Osten Richtung Tower.
Barnikel fand keine Ruhe. Er war den ganzen Nachmittag in seinem Haus gewesen. Die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen, und am Nachmittag hatte er sich sehr müde gefühlt. Doch nun hielt er es nicht länger in seinen vier Wänden aus. Er trat auf die Straße hinaus, um ein wenig frische Luft zu schnappen.
Die Budenbesitzer auf dem East Cheap räumten eben ihre Sachen weg, als er Richtung Candlewick Street schlenderte. Kurz vor dem Ende des Marktes sah er Alfred, der ruhig auf ihn zukam.
Beide Männer überlegten rasch. Wenn sie verfolgt wurden, war es klüger, keinen Verdacht zu erregen. Sie stellten sich deshalb beide darauf ein, mit nichts mehr als einem freundlichen Nicken aneinander vorbei zu laufen, und hätten dies auch getan, wenn nicht genau in diesem Moment eine kleine Gestalt zu ihnen hergelaufen wäre und sie beide aufgeregt an den Ärmeln gezerrt hätte.
Es war Osric. Er war fast eine Stunde lang in einer Wolke des Glücks auf dem Markt herumgelaufen. Hilda hatte ihm zwar im Morgengrauen gesagt, daß er Barnikel aus dem Weg gehen sollte, doch als er nun seine zwei Freunde beisammen sah, war er so aufgeregt, daß er alle Warnungen vergaß und zu ihnen rannte. »O Sir!« rief er, und sein rundes Gesicht strahlte vor Glück, »ich habe gute Neuigkeiten! Ich habe einen Sohn!«
Die beiden Männer hatten in ihrer eigenen mißlichen Lage die familiären Belange Osrics nahezu vergessen, doch nun umringten sie ihn lachend und umarmten ihn herzlich.
In dieser Nacht schien kein Mond, und eine dünne Wolkendecke, die von einem leichten Wind aus dem Westen herübergeweht wurde, verdeckte sogar die Sterne. Als das Boot den schwarzen Fluß hinaufglitt, schien nur das schwache Licht eines kleinen Feuers irgendwo auf dem Westhügel der Stadt.
Leise glitt das Boot an das sumpfige Ufer, genau an der Stelle, an der der Tower-Kanal in den Fluß führte. Osric war allein. Da Barnikel beobachtet wurde, hatte er es vorgezogen, daheim zu bleiben. Sorgfältig machte Osric das Boot an einem Pflock fest und schickte sich an, das Gitter zu lockern. Es dauerte nicht lange, da hatte er es geschafft. Vorsichtig kroch er durch den dunklen Tunnel in den schwarzen, geräumigen Bauch des Towers. Mit Hilfe eines Seils zog er sich zu dem Gitter am anderen Ende des Abflusses hoch, schloß es auf und machte sich auf seinen Weg durch den Keller.
Hilda saß auf ihrem Stuhl. In den Händen hielt sie eine Stickerei, doch sie konnte sich kaum darauf konzentrieren. Henri war früh an diesem Morgen heimgekehrt, aber abgesehen von einer höflichen Nachfrage nach dem Befinden ihres Vaters hatte er kaum das Wort an sie gerichtet. Den ganzen Tag lang hatte sie nervös gewartet, und nun versuchte sie zu sticken, während Henri mit seinem jüngsten Sohn Schach spielte.
Am West Cheap hatte es in der Dämmerung zu brennen begonnen, und das Feuer hatte sich auf mehrere Häuser ausgebreitet, doch da so etwas in London häufig vorkam, dachte sie kaum daran. Als etwa zwei Stunden nach Einbruch der Nacht Ralph bei ihnen vorbeikam, da machte ihr Herz einen Sprung vor Schreck.
Inzwischen wußte man schon in ganz London von seiner vergeblichen Durchsuchungsaktion, doch weder Henri noch Hilda sprachen ihn darauf an, und Ralph wirkte gar nicht mehr so wütend, sondern eher nachdenklich. Er holte sich einen Krug Wein und setzte sich auf die Bank Henri gegenüber, wo er schweigend ins Feuer starrte, bis er endlich meinte: »Ich habe ein Problem, Henri. Jemand spioniert mir nach. Du mußt wissen, daß ich heute beinahe einen großen Fang gemacht hätte: Waffen! Doch ich glaube, die Verschwörer haben einen Hinweis bekommen.«
»Von wem?«
»Von jemandem, der meine Pläne kennt.« Er starrte Hilda an. »Wer, glaubst du, könnte das sein?«
Hilda spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Sie legte die Hände in den Schoß und blickte ihn forschend an. War dies eine Finte, um sie in die Enge zu treiben? Doch warum sollte er sie verdächtigen? Rasend schnell überlegte sie die Möglichkeiten. »Ich habe keine Ahnung, Ralph«, sagte sie schließlich. Am liebsten wäre sie aufgestanden und hätte die beiden Brüder allein gelassen, doch sie wagte es nicht. Wer weiß, wie lange ihre Pein gedauert hätte, wenn es nicht zu einer unerwarteten Unterbrechung gekommen wäre.
Gertha betrat den Raum, das Gesicht von ihrem Abendspaziergang gerötet. Sie merkte offenbar nicht, welche Spannung in dem Raum herrschte, denn sie trat gleich auf Ralph zu und küßte ihn. Dann nahm sie seinen Talisman in ihre großen Händen und liebkoste ihn. »Das Feuer dort draußen wird immer größer«, sagte sie. »Und du hast den Rotbart also nicht verhaftet?«
Ralph grunzte nur. »Es ist etwas passiert.«
»Du wirst ihn schon noch zu fassen kriegen. Ich habe ihn übrigens heute abend am East Cheap gesehen, zusammen mit seinen beiden Freunden. Sie haben einander umarmt und gelacht.«
Ralphs Unterkiefer klappte nach unten. »Welche Freunde?«
»Der Mann, der Waffen macht. Alfred heißt er doch, oder? Und der kleine Mann mit dem runden Kopf, der keine Nase hat.« Sie lachte. »Vielleicht glauben sie, daß du sie nicht erwischen wirst, aber das wirst du schon noch tun.« Damit küßte sie ihn noch einmal auf den Kopf und verkündete: »Ich gehe jetzt zu meinem Vater.« Und weg war sie.
Eine Weile sagte niemand ein Wort. Hilda starrte auf ihre Stickerei. Die Gedanken in ihrem Kopf überschlugen sich. Wie war es nur dazu gekommen, daß das Mädchen die beiden Männer zusammen mit Osric sehen konnte?
Ralph saß unbewegt da und starrte ins Feuer. Nur in seinem Gesicht zuckte es, als habe er Schmerzen. Wie hatte er nur diese Verbindung übersehen können? Barnikel, der Freund von Alfred. Alfred, der Freund von Osric. Osric, der verdammte kleine Leibeigene, den er im Keller des Towers gefunden hatte. Der Towerkeller, in dem die Waffen gelagert waren. Der Keller, für den Alfred die Schlösser angefertigt hatte. Plötzlich sprang er auf und schrie: »Zum Teufel! Ich weiß, was sie getan haben! Ich weiß, wo sie die Waffen versteckt haben! Im Tower!« Und zu Hildas Entsetzen fügte er noch hinzu: »Und genau dorthin gehe ich jetzt!«
Gefolgt von Henri raste er aus dem Haus.
Auch Hilda beeilte sich. Vorbei am langen Schatten von St. Paul's rannte sie den Westhügel Richtung Walbrook hinunter. Sie wußte, daß Eile vonnöten war, und vielleicht war es ja auch schon zu spät, doch sie mußte es Barnikel mitteilen. Er würde wissen, was zu tun war.
Sie überquerte die kleine Walbrook-Brücke und hastete auf der Candlewick Street weiter. Am London Stone hielt sie kurz inne, um Atem zu holen und das Seitenstechen, das sie plagte, abklingen zu lassen. Sie beugte sich nach vorn, die Hände auf die Knie gestützt.
Plötzlich wurde sie von starken Händen umfaßt. Man hielt ihre Arme fest und warf ihr einen Umhang über den Kopf. Noch bevor sie Zeit hatte zu schreien, wurde sie schon in eine kleine Seitengasse gezerrt.
Die Aufgabe war leichter, als Osric gedacht hatte. Zuerst holte er die Waffen aus ihrem Versteck und schaffte sie zu dem Gitter. Er brauchte nur etwa eine halbe Stunde, bis er sie alle in den Abfluß abgeseilt hatte. Dann schleppte er sie nach und nach vor das Gitter am Flußufer, und nach zwei Stunden war er schließlich so weit, sie auf das Boot zu verladen. Doch als er nun hinaus in den Sumpf vor das Gitter trat, zuckte er entsetzt zusammen.
Das Feuer, das auf dem Westhügel ausgebrochen war, war zu einem riesigen, schrecklichen Brand angewachsen. Die Holzhäuser Londons waren trocken wie Zunder; die lodernden Flammen wurden vom Wind weiter angefacht. In dieser Nacht im Herbst 1087 verbreitete sich das große Feuer krachend und brüllend zum östlichen Hügel, an der Außenwand hinter dem Tower entlang bis hin zu All Hallows.
Als Osric aus dem Tunnel trat, fiel ihm als erstes das Geräusch auf, ein dumpfes, anhaltendes Brüllen, das aus der Stadt kam. Bei dem Boot angekommen, drehte er sich um und sah es. Zischend, krachend, Funkenexplosionen in die Luft jagend, baute sich das Feuer wie eine einzige Flamme um den Kamm des Abhangs über ihm auf und verschlang die Stadt. Vor diesem alles umgebenden Feuerring stand der große, schwarze Schatten des Towers. Es war ein eindrucksvoller Anblick, doch Osric hatte keine Zeit, länger hinzusehen. Er tauchte in den dunklen Tunnel zurück.
Ralph eilte den Hügel hinab. Unter sich sah er die massige Form des Towers, erleuchtet von den Flammen. Auf seinem Weg über den Westhügel blieb er stehen, um Leute anzuweisen, die versuchten, den Flammen Einhalt zu gebieten. Eine Kette von Männern aus der Garnison in Ludgate, die Wassereimer von Hand zu Hand reichten, versuchten, ein Haus zu retten, und Ralph übernahm kurz das Kommando. »Gießt Wasser auf die Dächer!« schrie er den Leuten zu. Doch das riesige, rote Ungeheuer flog zischend von einem strohgedeckten Dach zum nächsten. Schließlich merkte er, daß er hier nicht viel ausrichten konnte, und hastete weiter durch die Straßen, auf denen sich die entsetzten Menschen drängten. In seinem Rücken spürte er die Flammen. Schließlich erreichte er den großen, grimmigen Tower, stürmte die Holztreppe hinauf und trat durch den Haupteingang in den Saal, wo er nach der Wache rief.
Nichts rührte sich. Er rannte zur Kellertreppe. Dort brannte eine Fackel in einem eisernen Fackelhalter, aber auch dort stand keine Wache. Ralph fluchte. Zweifellos hatte sich der Bursche davongemacht, um das Feuer zu begaffen. Er nahm die Fackel, schloß die Tür auf und stieg die Wendeltreppe in den Keller hinab.
Im ersten Moment sah er nichts Auffälliges. Dann bemerkte er das geöffnete Abflußgitter. Das war es also! Er stellte sich mit gezücktem Schwert vor den Abfluß und erwartete, daß jemand heraufkommen würde, was jedoch nicht geschah. Schließlich befürchtete er, daß die Verschwörer schon auf der Flucht waren. Vorsichtig ließ er sich in den Abfluß hinab und kroch durch den Gang.
Mehr als die Hälfte der Waffen war bereits verstaut. Bald würde er mit dem Verladen fertig sein. Osric bückte sich eben über das Boot und verstaute ein paar Speere, als er ein Geräusch hinter sich hörte und beim Umdrehen das vertraute, langnasige Gesicht Ralph Silversleeves' aus dem Gang auftauchen sah.
Der Normanne richtete sich auf und grinste. »Bist du allein, Osric?« fragte er und sah sich um. »Offensichtlich ja. Im Namen des Königs, du bist verhaftet!« Er richtete sein Schwert auf die Leibmitte seines Gegenübers. »Du hast wohl geglaubt, du könntest mich zusammen mit deinen Freunden betrügen, was?« zischte er.
Da beging Osric eine Dummheit. Er holte sich eine Waffe aus dem Boot und baute sich mit gespenstisch bleichem Gesicht vor dem Normannen auf, in der Hand einen Speer.
Ralph beeindruckte dies wenig. Der Leibeigene machte einen Schritt auf ihn zu, doch er trat nur zurück, ließ Osric wieder auf sich zukommen und trat abermals einen Schritt zurück, immer weiter weg von dem Boot und den Waffen.
Ralph sah den Haß in Osrics Augen, den aufgestauten Haß eines Mannes, der zwei Jahrzehnte lang unterdrückt worden war. Inzwischen war er ein paar Schritte oberhalb von Osric im Vorteil. Dank des flackernden roten Lichts hinter dem Tower war der glitzernde Speer deutlich zu erkennen. Osric sprang wieder auf ihn zu, doch da hackte Ralph mit einer einzigen, raschen Bewegung seines Schwertes den Speerkopf einfach ab, so daß Osric nur noch den Schaft in der Hand hielt. »Nun, mein Kleiner, willst du mich jetzt mit diesem Stock töten?« fragte er hämisch. Er brauchte den Leibeigenen lebendig, doch ein wenig wollte er sich noch an seinem Entsetzen weiden. Er hob sein Schwert. Wie verblüfft Osric aussah! War es das Schwert? Die Aussicht zu sterben? Die rote Feuerwand hinter dem Tower?
Aber es war nicht das Feuer und auch nicht das Schwert, weshalb Osric nun erstaunt nach Luft schnappte. Es waren ein großer, roter Bart und zwei funkelnde Augen, eine riesige Gestalt, die aus dem Schatten getreten war, die die mächtige Doppelaxt schwang und den Kopf des Normannen zerschmetterte und seinen Brustkorb zweiteilte. Barnikel war gekommen.
Eine halbe Stunde später bestatteten sie Ralphs Leichnam. Osric war ein passender Ort dafür eingefallen; sie wickelten die Leiche in Leinwand ein und zerrten sie durch den Gang hindurch bis zu dem Geheimversteck der Waffen. In diesen Raum stopften sie die Leiche, versiegelten die Wand und verließen den Ort auf demselben Weg, auf dem sie hergekommen waren. Die Abflußgitter verschlossen sie sorgfältig hinter sich.
Bald darauf lenkte Osric das Boot mit den Waffen in den Fluß hinein und hin zu dem Ort, wo andere Hände die Waffen verteilen sollten.
Barnikel lief in der Zwischenzeit zurück in die Stadt. Sein Haus bei All Hallows stand bereits in Flammen. Das Feuer hatte sich von den Buden in der Candlewick Street bis hin zum Cornhill ausgebreitet. Als Barnikel den Walbrook überquerte, hörte er, wie jemand schrie: »St. Paul's brennt. Die Kirche stürzt ein.« Bei dieser Nachricht bildete sich ein Grinsen auf dem Gesicht des Dänen. In der Hand hielt er nämlich Ralphs Talisman an seiner Kette, den sie der Leiche abgenommen hatten, und nun wußte er, wo er ihn loswerden konnte.
1097
Hilda saß in der Halle ihres Hauses neben St. Paul's und blickte auf ihr Leben zurück. Sie mußte sich eingestehen, daß sich in den letzten zehn Jahren alles zum Besten gewandt hatte. Osric war zwar inzwischen tot, doch manchmal sah sie seinen Sohn, der bei Alfred und seiner Familie lebte. Auch Barnikel war gestorben; einen Monat nach dem großen Feuer des Jahres 1087 hatte er unten am Billingsgate-Pier einen Schlaganfall erlitten. Im nachhinein war sie fast froh darüber, denn der Aufstand, der ein Jahr darauf in Kent und London ausbrach, wurde grausam niedergeschlagen.
Auch den alten Silversleeves gab es nicht mehr. An einem regnerischen Aprilabend vor zwei Monaten war ein Kaufmann mit einem Schreiben für den alten Mann an seiner Pforte aufgetaucht. Eine Stunde später trat ein Diener neben seinen Herrn, der stocksteif auf einem Stuhl saß und so aussah, als lese er noch immer den Brief, der auf dem Tisch vor ihm lag: Silversleeves war tot. Der Chorherr von St. Paul's wurde mit allen Ehren in St. Lawrence-Silversleeves bestattet, und drei Tage später zogen Hilda und Henri in sein Haus. In den darauffolgenden Wochen entdeckte Hilda erstaunt das volle Ausmaß des Reichtums, der ihnen hinterlassen worden war.
Im Reich herrschte Frieden, den Rufus' Herrschaft hatte sich gefestigt. Vor kurzem hatte er sich eine eigene große Halle neben der Abtei in Westminster errichten lassen. Er ließ auch die Festung am Ludgate verstärken. Und wenn Hilda vom Hof ihres Hauses hinaufblickte, konnte sie dort, wo in der schicksalsträchtigen Nacht die von den Sachsen errichtete St.Paul's-Kathedrale abgebrannt war, die Silhouetten einer großen, massiv aus Stein erbauten normannischen Kathedrale sehen. Bald sollte sie das gesamte Stadtbild prägen, so wie der Tower das Flußufer prägte.
Doch immer, wenn sie an das große Feuer dachte, begann sie auch, über bestimmte Rätsel nachzugrübeln.
In den verkohlten Überresten der alten Kathedrale hatte man Ralphs Talisman gefunden. Aber was hatte Ralph dort zu schaffen gehabt? Und wem hatten die geheimnisvollen Hände gehört, die sie zwei Stunden lang in jener Nacht festhielten, bevor sie sie ebenso überraschend nahe des Walbrook wieder freiließen?
Da ihre Kinder inzwischen erwachsen waren, waren Hilda und ihr Mann abends oft allein, und schon seit langem war es ihnen zur Gewohnheit geworden, sich höflich zu ignorieren. Hilda beschäftigte sich wieder einmal leise mit einer Stickerei, Henri saß am Schachbrett seines Vaters und spielte eine Partie gegen sich selbst.
An diesem Abend war Hilda ziemlich gereizt. Schuld daran, so dachte sie, war das Haus. Sie hatte sich nie wohl gefühlt in dieser strengen, steinernen Halle. Und so bedachte sie ihren Mann immer wieder mit einem mißbilligenden Blick, denn letztlich war ja er an allem schuld.
Henri spürte dies, bemerkte jedoch nur ruhig: »Du solltest versuchen, deine Gedanken zu verbergen.«
»Du hast doch keine Ahnung, was ich denke«, gab sie heftig zurück, widmete sich wieder ihrer Stickerei und fügte dann noch hinzu: »Du weißt überhaupt nichts von mir.«
Henri wandte sich wieder seinem Schachspiel zu, bemerkte jedoch noch mit einem süffisanten Lächeln: »Du ahnst gar nicht, wieviel ich von dir weiß.«
»Was denn zum Beispiel?« gab sie ihm sofort zurück.
»Zum Beispiel, daß du Barnikels Geliebte warst. Und daß du ihm bei seinem Verrat geholfen hast. Erinnerst du dich noch an die Nacht des großen Feuers? Die Nacht davor hast du mit Barnikel verbracht.«
Sie schnappte nach Luft. »Woher weißt du das?«
»Ich habe dich verfolgen lassen«, bemerkte er ruhig. »Ich habe dich jahrelang verfolgen lassen.«
»Warum?« Plötzlich fröstelte es sie.
»Weil du meine Frau bist«, erwiderte er schulterzuckend, als ob dies alles erklären würde.
Sie runzelte die Stirn. »Als es damals brannte, da packte mich plötzlich jemand…«
»Natürlich. Ich dachte, daß du zu Barnikel wolltest. Das war zu riskant. Du hättest verhaftet werden können.« Er machte eine kleine Pause. »Außerdem hat alles bestens funktioniert. Du hättest es gar nicht besser machen können.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Es war nicht gut, daß Ralph heiraten wollte.«
»Ralph? Er ist doch in St. Paul's gestorben.«
»Das glaube ich nicht. Ich glaube, er hat deinen Freund Barnikel am Tower getroffen.« Henri lächelte. »Mein Vater pflegte früher beim Schachspiel oft zu bemerken, daß ich keine besonders gute Strategie habe, aber dafür eine um so bessere Taktik. Damit hatte er recht. Du, meine Liebe, hast mir die Gelegenheit dazu gegeben. Als du Barnikel warnen wolltest, kam mir der Gedanke, Barnikel von meinen eigenen Männern die Botschaft überbringen zu lassen, nachdem sie dich aufgehalten hatten. Einer meiner Leute machte sich also auf den Weg. Er sagte, du habest ihn geschickt, und er solle Ralph am Tower töten. Dies hat er dann wohl getan, denn Ralph verschwand in jener Nacht.« Henri seufzte. »Entweder würde Ralph deinen Liebhaber verhaften, oder dein Liebhaber würde Ralph töten, dachte ich mir. Was auch immer passieren würde, es war ein guter Zug.«
»Dann hast also du Ralph getötet!«
»Nein, wahrscheinlich war es Barnikel.«
»Du bist ein Teufel!«
»Vielleicht. Aber denke bitte auch daran, daß Ralph nach einer Eheschließung sicher auch Kinder gehabt hätte, und dann wäre die Erbschaft deiner eigenen Kinder nur noch halb so groß.«
»Man sollte dich verhaften.«
»Ich habe kein Verbrechen begangen. Das kann man allerdings von dir nicht behaupten!«
Sie stand auf. Ihr war übel. Sie mußte heraus aus dieser abscheulichen, Halle. Schnell ging sie den Hügel zum Ludgate hinunter, überquerte den Fleet und lief an St. Bride's vorbei. Sie hielt nicht an, bis sie am alten Pier von Aldwych angekommen war. Dort setzte sie sich hin und starrte erst hinüber nach Westminster, dann zur anderen Seite des langen Flußlaufes hinauf zum Tower. Als sie nun an ihre reichen Kinder und an die vergangenen Jahre dachte, stellte sie plötzlich erstaunt fest, daß ihre Wut verflogen war. So also hatte sich die normannische Eroberung auf ihr Leben ausgewirkt.
Henri hatte inzwischen seine Partie beendet und ein Stück Pergament aus einer Schublade herausgeholt, das er eingehend betrachtete. Es war die Botschaft, die sein Vater kurz vor seinem Tod erhalten hatte. Als Henri sie nun wieder einmal las, kräuselten sich seine Lippen zu einem schwachen Lächeln. In dem Schreiben hieß es, daß die Familie Becket aus der normannischen Stadt Caen vorhatte, nach London umzuziehen.