DER TOWER
1078
ALS WILHELM I. ENGLAND eroberte, ging er davon aus, daß sich
seine Gefolgsleute in England niederlassen und friedlich Seite an
Seite mit den Engländern leben würden, was ja schließlich auch
unter dem dänischen König Knut passiert war. Und obgleich er
Französisch sprach, war doch auch er, Wilhelm, ein
Nordländer.
Anfangs war all sein Tun auf Versöhnung ausgerichtet. England
durfte sein sächsisches Recht behalten, London seine Vorrechte, und
viele englische Adlige behielten in diesen Anfangsjahren ihren
Besitz, auch wenn ein paar Ländereien für die Gefolgsleute des
neuen Königs konfisziert wurden. Warum also waren diese verfluchten
Engländer so unvernünftig? Seit zwölf Jahren forderten sie den
normannischen König immer wieder heraus: Revolten in England,
Aufstände in Schottland, der Einmarsch der Dänen. Öfter als einmal
hatte es so ausgesehen, als würde Wilhelm sein neues Inselreich
verlieren. Und jedesmal stellte sich heraus, daß die
angelsächsischen Adligen, von denen er angenommen hatte, er könne
ihnen vertrauen, ein doppeltes Spiel spielten, und er sah sich
gezwungen, weitere Söldner aus dem Ausland ins Land zu bringen und
diese fremden Ritter mit Ländereien zu belohnen, die er den
sächsischen Verrätern abgenommen hatte. So war über ein gutes
Jahrzehnt hinweg der alte englische Adel durch Neuankömmlinge
ersetzt worden. Und zu Recht konnte der Eroberer behaupten: »Es ist
einzig und allein ihre Schuld!«
In diesen Jahren begann eine weitere Neuerung das Gesicht
Englands zu verändern. Anfangs war die normannische Burg in London
eher bescheiden gewesen: ein einfacher, solider Holzturm, auf einer
Anhöhe errichtet und von Palisaden umzäunt, ein schlichter
normannischer Burgfried. Solche Burgen waren bereits in Warwick,
York, Sarum und zahlreichen anderen englischen Boroughs entstanden.
Für London gab es nun ehrgeizigere Pläne: eine massive Burg aus
Stein, nicht aus Holz, die den Londonern die nüchterne Botschaft
vermitteln sollte, daß König Wilhelm der neue Herr im Lande
war.
Es war ein heißer Vormittag im August. Die
Arbeiter schwärmten wie Ameisen auf der Baustelle am Fluß herum.
Ralph Silversleeves stand mit einer Peitsche in der Hand herum. Ein
junger Arbeiter blickte hoffnungsvoll zu ihm auf und streckte ihm
ein kleines Ding entgegen. »Das hast du gemacht?«
Der junge Bursche nickte. Silversleeves starrte das Ding
nachdenklich an. Es war zweifellos bemerkenswert. Dann blickte er
wieder auf den Jungen. Es erfüllte ihn mit tiefer Befriedigung, daß
das Leben des Burschen völlig in seiner Hand lag.
Die Eroberung hatte Ralph viel Gutes gebracht. Sein Leben lang
war er in seiner Familie der Dummkopf gewesen. Zwar würde er eines
Tages die Hälfte des väterlichen Vermögens erben, doch das
Familiengeschäft sollte sein schlauer Bruder Henri übernehmen. Er
bewunderte Henri und wünschte sich stets, er könne so sein wie
dieser. Er war nutzlos, und die Leute lachten über ihn.
Mit der Ankunft König Wilhelms hatte sich sein Leben
verändert. Sein Vater hatte ihm eine Stellung bei einem so
bedeutenden Mann wie Geoffrey de Mandeville, dem unmittelbaren
Repräsentanten des Königs in London, verschafft, und nun konnte
sich Ralph zum erstenmal in seinem Leben wichtig vorkommen. Die
Tatsache, daß Mandeville ihn nur für weniger wichtige Aufgaben
einsetzte, bei denen es vor allem auf Brutalität ankam, störte ihn
nicht weiter. Er gehörte zur neuen Elite. Seit einem Jahr war er
der Aufseher an der Baustelle des Towers von London. »Also, Osric«,
sagte er nun kaltherzig, »was werden wir mit dir anstellen?«
Osric war ein schmächtiger Bursche. Er war erst sechzehn, doch
sein hartes Leben und die Verstümmelung, die man ihm beigebracht
hatte, ließen ihn alterslos erscheinen. Seine kurzen Beine waren
krumm, seine Finger dick, seine ernsten Augen saßen in einem Kopf,
der viel zu groß für seinen Körper war. Er kam aus einem Dorf im
Westen Englands nahe der alten Siedlung Sarum. Nicht lange nach der
Eroberung war das Dorf in die Hände eines der mächtigsten Magnaten
des neuen Königs übergegangen. Unter den Hunderten von armen
Familien auf dem riesigen Grundbesitz wäre Osrics Familie nicht
weiter aufgefallen, und der reiche Adlige hätte nie von der
Existenz Osrics erfahren, wenn dieser nicht einmal unsinnigerweise
eine Falle aufgestellt hätte, die das Pferd eines Ritters stürzen
ließ, wobei dieser sich den Arm brach. Der Junge hätte dafür auch
mit dem Tod bestraft werden können, doch König Wilhelm hatte seinen
Gefolgsleuten befohlen, Milde walten zu lassen. Also hatten sie dem
jungen Osric nur die Nase aufgeschlitzt. Deshalb befand sich nun in
der Mitte seines ernsten Gesichts eine riesige rotblaue Narbe. Er
mußte durch den Mund atmen, und er haßte alle Normannen.
Der Magnat, der auch den stromaufwärts von London gelegenen
Herrensitz Chelsea erhalten hatte, schickte den Jungen dorthin. Ein
Jahr später verkaufte der Verwalter Osric an einen anderen
Magnaten, an Geoffrey de Mandeville. Der Junge wußte nicht genau,
ob er ein Leibeigener oder ein Sklave war, er wußte nur, daß Ralph
Silversleeves ihm die Ohren abschneiden würde, wenn er Ärger
machte. So wartete er also nervös, während der Aufseher über seine
Strafe nachsann. Die Sonne brannte auf sie herab.
Der Tower lag erhöht in einer inneren Umfriedung. Östlich
davon befand sich die alte römische Stadtmauer; an der West- und
der Nordseite waren die Erdwälle und Palisaden der alten Holzburg
an Ort und Stelle belassen worden. Innerhalb der Umfriedung gab es
mehrere Werkstätten, Lager und Ställe.
Am Flußufer waren drei große Holzflöße vertäut. Auf dem einen
lagen Kiesel, auf dem anderen rauher kentischer Kieselsandstein,
auf dem dritten feinerer, blasser Caenstein aus der Normandie.
Männer karrten die Steine vom Fluß zu den riesigen Grundmauern des
Towers hinauf. Der Hauptturm hatte einen Grundriß von gut dreißig
Quadratmetern. Die Ausgrabungen dafür waren nicht nur lang und
tief, auch die Breite war erstaunlich. An der Basis waren die
Mauern des neuen Towers über viereinhalb Meter breit.
Wie schwer doch diese Arbeit war! Monatelang karrte Osric nun
schon Steine den Hügel hinauf, bis sein schmaler Rücken fast zu
bersten drohte. Seine anfangs völlig wunden Hände waren inzwischen
mit einer dicken Hornhaut bedeckt. Nur eines machte sein Leben
erträglicher – die Zimmerleute zu beobachten.
An einer solchen Baustelle gab es für Zimmerer viel zu tun.
Man brauchte Holzrampen, Leitern und Gerüste, und später würde man
auch Balken und Holzböden herstellen. Wann immer Osric eine kleine
Verschnaufpause einlegen konnte, drückte er sich bei den Zimmerern
herum und beobachtete ihr Tun. In seiner Familie hatte es immer
Handwerker gegeben, und so fühlte er sich instinktiv zu solchen
Leuten hingezogen. Und die Zimmerer spürten wohl auch, daß er dafür
empfänglich war, und zeigten ihm manchen Trick ihres
Handwerks.
Er sehnte sich danach, mit den Zimmerern zu arbeiten. Diese
Sehnsucht hatte ihn auch zu einem mutigen Schritt beflügelt. Dank
eines freundlichen Zimmermanns hatte er drei Wochen lang mit
Holzresten geübt, bevor er etwas produzierte, auf das er stolz war.
Es war nur eine einfache Verbindung von zwei Holzstücken, doch sie
war perfekt geplant und gearbeitet. Und dies hatte er nun in Ralph
Silversleeves' Hände gelegt mit der Bitte: »Dürfte ich vielleicht
den Zimmerern helfen, Sir?«
Ralph drehte das Holz nachdenklich hin und her. Mandeville
würde zweifellos froh darüber sein, wenn dieser Leibeigene ein
guter Handwerker werden würde. Der untersetzte kleine Kerl mit
seinem großen Kopf und seiner zerschnittenen Nase taugte als
Hilfsarbeiter wahrlich nicht sehr viel. »Du denkst also, du
könntest ein Zimmerer werden?« fragte Ralph.
»O ja, Sir. Mein älterer Bruder ist ein ausgezeichneter
Handwerker. Sicher würde auch ich einer werden.«
Da huschte ein merkwürdiges Zucken, fast ein Ausdruck von
Schmerz, über das Gesicht des Aufsehers. Armer Osric. Er konnte
natürlich nicht wissen, daß er einen sehr wunden Punkt getroffen
hatte. Wenn ich niemals darauf hoffen kann, es meinem klugen
älteren Bruder gleichzutun, dachte Ralph, warum sollte dann dieser
elende kleine Kerl hoffen, es seinem gleichzutun? Mit grimmigem
Vergnügen sprach der großnasige Normanne sein Urteil aus: »Dein
Bruder ist ein Zimmerer, Osric. Aber du bist nur ein Lasttier, mein
Freund, und das sollst du auch bleiben!« Und scheinbar völlig
grundlos versetzte er dem armen Jungen noch einen Peitschenhieb
mitten ins Gesicht, bevor er ihn zurück zu seiner Arbeit
schickte.
Die zwei Männer saßen sich gegenüber an einem Tisch. Eine
Zeitlang sprach keiner der beiden ein Wort; beide dachten über die
Gefährlichkeit ihres Tuns nach, und jeder der beiden hätte auch
sagen können: »Wenn sie uns erwischen, töten sie uns.«
Barnikel hatte dieses Treffen in seinem Haus nahe der kleinen
Kirche All Hallows, die über dem nun wachsenden Tower stand,
anberaumt. Zum erstenmal in den zehn Jahren ihres subversiven Tuns
mußte er zugeben, daß er sich Sorgen machte. Er hatte sein Problem
erklärt, für das Alfred ihm gerade eine Lösung angeboten
hatte.
Wenn Alfred, der Waffenschmied, darüber nachdachte, erstaunte
es ihn immer wieder, wie leicht er sich in die Sache hatte
verwickeln lassen. Vor zehn Jahren hatte alles angefangen, in dem
Sommer, in dem überraschend Barnikels Frau gestorben war. Barnikels
sämtliche Freunde und Angehörige hatten sich eingestellt und ihm
abwechselnd Gesellschaft geleistet. Seine Kinder hatten auch den
jungen Lehrling dazu ermuntert. Dann hatte der Däne eines Abends
seinen riesigen Arm um Alfreds Schultern gelegt und in sein Ohr
geflüstert: »Würdest du mir einen kleinen Gefallen tun? Aber es
könnte auch gefährlich sein.« Alfred hatte kaum darüber
nachgedacht. Schließlich stand er bei dem Dänen in einer großen
Schuld. »Natürlich«, hatte er rasch erwidert. »Dein Meister, der
Waffenschmied, wird dir erklären, was du zu tun hast«, hatte
Barnikel gesagt.
Die Lage war damals oft sehr angespannt. König Wilhelm war
sich seines Landes keinesfalls sicher. Mandeville in London war
nervös und verhängte häufig Ausgangssperren. Die Waffenschmiede
hatte viel zu tun, um den Bedürfhissen der normannischen Garnison
nachzukommen. Oft, nachdem das Einläuten der Ausgangssperre das
Ende der Arbeit verkündet hatte, schufteten Alfred und sein Meister
alleine weiter.
Eines Herbstabends hatte der Meister zu Alfred gesagt: »Ich
habe noch etwas zu erledigen, und zwar für Barnikel. Aber du mußt
nicht bleiben.«
Alfred hatte verstanden. »Ich bleibe«, hatte er nur
gesagt.
Nach dieser schicksalsträchtigen Nacht blieben der Meister und
sein Lehrling oft noch bis spät in die Nacht in der Werkstatt. Da
ihre Arbeit nach außen hin für Mandeville bestimmt war, schöpfte
niemand Verdacht. Dennoch waren sie vorsichtig, verriegelten stets
die Tür und hatten ihre offiziellen Aufträge immer griffbereit, so
daß sie die illegalen Waffen rasch verstecken und sich die
regulären vornehmen konnten, falls sie jemals bei ihrem Tun ertappt
würden.
Für Alfred war es eine wunderbare Möglichkeit, seine
Fertigkeiten zu vervollkommnen. Es gab inzwischen kaum noch etwas,
was er nicht konnte. Helme, Schwerter, Schilde und Speerköpfe
stellte er dutzendweise her. Nur eines fragte er sich immer wieder,
wenn der Meister und er die Waffen, die sie angefertigt hatten,
unter dem Fußboden versteckten. Für wen waren diese Waffen
eigentlich bestimmt?
Eines Nachts kam Barnikel mit einem Packpferd und nahm die
Waffen mit. Bald darauf brach ein großer Aufstand im Norden und
Osten Britanniens aus, die Dänen kamen zur Unterstützung, und in
Ostanglien führte ein wackerer englischer Adliger, der Than
Hereward, eine Revolte an. König Wilhelm schlug die Aufstände
erbarmungslos nieder und verwüstete einen Großteil des Nordens.
Vier Jahre später versuchten es die Dänen eine weiteres Mal, und in
diesem Jahr hatte auch der Sohn Wilhelms mit Aufständischen in der
Normandie zu kämpfen.
Alfred bemerkte, daß die Forderung nach Waffen nie zu dem
Zeitpunkt, in dem der Aufstand ausbrach, sondern viele Monate
vorher eintraf. Doch dies hätte ihn nicht zu überraschen brauchen.
Das weitverzweigte nordische Netzwerk – die Wikingersiedlungen,
verbunden durch Handelswege von der Arktis bis zum Mittelmeer – war
nach wie vor sehr aktiv. Hinter der Themsemündung lagen die
vielbesegelten nördlichen Gewässer, und es verging kaum ein Monat,
in dem nicht eine neue geflüsterte Botschaft über das Meer
weitergereicht wurde. Der Wikingerhändler Barnikel war nach wie vor
stets bestens informiert.
In den letzten drei Monaten hatten sie Speere, Schwerter und
eine riesige Anzahl von Pfeilspitzen angefertigt. Für wen waren sie
bestimmt? Trieb sich der Than Hereward noch immer in den Wäldern
herum, wie viele glaubten? Rüsteten die Norweger gerade ihre
Langschiffe? Niemand wußte Genaueres, aber der König errichtete
seinen Tower nun aus Stein, und Mandeville, so sagten die Leute,
hatte Spione in allen Ecken der Stadt. Niemand verdächtigte den
Waffenschmied, aber natürlich machte sich Barnikel diesmal doch
große Sorgen.
Alfred war inzwischen selbst Meisterschmied und sollte
demnächst in die Fußstapfen seines alten Meisters treten. Vor vier
Jahren hatte er geheiratet, und nun waren schon drei Kinder da. Er
mußte vorsichtig sein. Falls Barnikel recht hatte, falls König
Wilhelm tatsächlich bei einem Aufstand vertrieben und vielleicht
sogar durch einen dänischen König ersetzt werden würde, dann würde
ihre heimliche Arbeit zweifellos bestens belohnt werden. Aber falls
er nicht recht hatte…
»Das Problem sind die Packpferde. Es gibt zu viele Spione. Wir
brauchen ein anderes Transportmittel«, erklärte Barnikel.
An dieser Stelle hatte Alfred seinen Vorschlag geäußert. Der
Däne hatte darüber nachgedacht, und nun nickte er. »Das könnte
funktionieren«, meinte er. »Aber wir brauchen einen guten,
vertrauenswürdigen Zimmerer.«
Zwei Tage später ging Hilda an einem stillen Sommerabend den
Hügel von St. Paul's hinab und durch das Ludgate hindurch aus der
Stadt hinaus.
Der Tower war nicht die einzige neue Burg des Eroberers in
London. Hier an der Westseite der Stadt wurden ebenfalls zwei neue,
wenn auch kleinere Festungen neben dem Tor, das dem Fluß am
nächsten war, errichtet. Ihr düsteres Aussehen beeinträchtigte
Hildas Stimmung nicht. Sie lächelte, denn sie war unterwegs zu
ihrem Geliebten.
Zum Glück hatte sie ihren Mann nie geliebt. Deshalb war sie
nicht weiter enttäuscht gewesen, sie hatte ihn immer als das
gesehen, was er war. Henri Silversleeves war klug, und er arbeitete
schwer. Es mochte ihm zwar das strategische Geschick seines Vaters
abgehen, doch er war ein Meister darin, im entscheidenden
Augenblick das Richtige zu tun. Er verachtete Ralph, obwohl er es
gelernt hatte, ihm gegenüber höflich zu sein. »Ich sehe nicht ein,
warum Vater darauf besteht, daß er die Hälfte des Familienbesitzes
erbt«, hatte er einmal zu seiner Frau bemerkt. »Gott sei Dank hat
er wenigstens keine Kinder.« Hilda wußte, daß Henris ganze
Leidenschaft dem Vermögen der Silversleeves galt. Und er handhabte
das Geschäft so meisterhaft, daß sein Vater inzwischen häufig auf
seinem Landgut etwa eine Tagesreise nördlich von London nahe
Hatefield weilte.
Für Hildas Familie hatte die Heirat ihren Zweck erfüllt. Als
der Eroberer die meisten Güter in Kent beschlagnahmte, verlor
Leofric zwar Bocton, doch dank Silversleeves war er immerhin
schuldenfrei und hatte ein solides Vermögen ansammeln können, das
in die Hände ihres Bruders Edward übergehen würde. Ja, dachte sie,
sie hatte richtig gehandelt. Sie lebte in einem herrlichen
Steinhaus in der Nähe von St. Paul's. Sie hatte Henri bereits zwei
Kinder geschenkt, einen Jungen und ein Mädchen. Er war ein
aufmerksamer Vater und Ehemann. Er hätte sogar ein ausgezeichneter
Ehemann sein können, wenn nicht sein Herz aus Stein gewesen
wäre.
»Du hast wirklich eine hervorragende Stellung«, hatte Leofric
zu ihr gesagt. Und das stimmte auch. Sie hatte sogar den König
kennengelernt, denn die Familie Silversleeves war mehrmals in die
Halle des Königs in Westminster eingeladen worden, wo er an
Pfingsten hofhielt. Der beleibte, vitale König Wilhelm mit seinem
großen Schnauzbart und seinen durchdringenden Augen hatte sie in
Französisch angesprochen, was sie inzwischen dank ihres Gatten ganz
ordentlich beherrschte, und war so erfreut über ihre Antworten, daß
er sich an seinen gesamten Hof wandte und meinte: »Hier haben wir
einen jungen Normannen mit seiner englischen Ehefrau, die beweisen,
daß beide Völker friedlich zusammenleben können.«
Im darauffolgenden Jahr war es jedoch zu einem weniger
glücklichen Vorfall gekommen. Ihr Vater hatte eine recht
pragmatische Einstellung dem König gegenüber. »Er gefällt mir zwar
nicht, aber er wird uns wahrscheinlich erhalten bleiben, also
müssen wir das Beste daraus machen.« Als er erfuhr, daß der König
ein paar Jagdfalken haben wollte, hatte Leofric keine Mühen und
Kosten gescheut, um ein wunderbares Paar zu finden, und als Hilda
und ihr Mann wieder am Hof eingeladen wurden, gab er ihr die Vögel
mit und sagte ihr, sie solle sie Wilhelm als ein Geschenk von ihm
überreichen.
Als die Diener ihres Mannes die zwei schweren Käfige
hereintrugen, rief der König hocherfreut: »Ich habe nie schönere
Vögel gesehen. Woher habt Ihr sie?« Bevor sie die Frage beantworten
konnte, trat Henri vor und meinte schamlos: »Ich habe weit und
breit nach ihnen gesucht, Sire.« Und dann lächelte er seine Frau
frech an.
Sie konnte ihrem Mann natürlich nicht vor dem König
widersprechen. Doch es durchzuckte sie ein kalter Schmerz, und sie
fühlte, wie etwas in ihr starb. Vielleicht hätte sie ihm ja
verziehen, wenn er sie nicht obendrein noch angelächelt hätte,
überlegte sie später. Doch nun ging sie zu ihrem Geliebten und
spürte Henri gegenüber nichts außer einem Pflichtgefühl.
Auf der anderen Seite der Holzbrücke über den Fleet, wo früher
einmal eine heilige Quelle gewesen war, stand nun eine kleine
Steinkirche, die einer keltischen Heiligen gewidmet war, die oft
mit solchen Wasserstellen in Verbindung gebracht wurde: St. Bridget
oder auch St. Bride, wie sie in diesem Fall hieß. Hier an der
kleinen Kirche St. Bride gegenüber von Ludgate wartete er geduldig
auf sie.
Barnikel von Billingsgate war verliebt. Die Eroberung Englands
hatte den Dänen schwer getroffen. Seine Ländereien in Essex waren
von den Normannen konfisziert worden. Aber er hatte es geschafft,
sein Geschäft in London zu behalten, und zu seiner Überraschung
hatte Silversleeves ihm sogar gewissenhaft Leofrics alte Schulden
abbezahlt. Sein jüngster Sohn, der eigentlich das Sachsenmädchen
hätte heiraten sollen, hatte eine ausgezeichnete Ehe geschlossen.
Der Junge lebte bei seinem Schwiegervater, dessen Geschäft er zu
gegebener Zeit übernehmen sollte. Doch dann war plötzlich seine
Frau gestorben, und dem Dänen war darüber fast das Herz zerbrochen.
Nur zwei Dinge hielten ihn am Leben – sein geheimer Kampf gegen die
normannischen Eroberer und seine Beziehung zu Hilda.
Anfangs waren sich beide mit großer Zurückhaltung begegnet,
denn beide bedauerten es, daß ihre Familien sich so entzweit
hatten. Doch nachdem Barnikels Sohn geheiratet hatte, fühlten sie
sich weniger befangen, wenn sie sich auf dem West Cheap trafen, und
hielten oft inne, um ein paar freundliche Worte zu wechseln.
Barnikel hatte sich angewöhnt, über den Fleet zu spazieren, wenn er
vermutete, daß auch sie in dieser Gegend einen Spaziergang machte.
Lange hatte er sich eingeredet, seine Gefühle zu ihr seien rein
väterlicher Natur. Nur einmal, etwa vor fünf Jahren, hatte er es
gewagt weiterzugehen. Sie hatte an diesem Tag sehr müde und traurig
gewirkt, und er hatte sie gefragt: »Wirst du von deinem Mann
schlecht behandelt?«
Sie hatte nur traurig gelächelt. »Das nicht. Aber was würdest
du denn dagegen tun?«
Der Däne war instinktiv etwas näher an sie herangetreten und
hatte mit fester Stimme gemeint: »Ich würde dich ihm
wegnehmen!«
Daraufhin hatte sie nur den Kopf geschüttelt und gemurmelt:
»Wenn du solche Sachen sagst, können wir uns nicht mehr treffen!«
Daraufhin hatte er nie mehr derartige Vorstöße gewagt.
Und so verbrachten sie Jahr für Jahr als keusche Liebende.
Hilda wußte, daß sie von ihrem Mann nur sehr begrenzt geliebt
wurde, und konnte es durchaus mit ihrer Ehe vereinbaren, von einem
älteren, klügeren Mann auf diese Art geschätzt zu werden. Barnikel
wiederum stellte fest, daß die Rolle des glühenden Verehrers, der
vielleicht nicht ganz ohne Hoffnung war, ihm eine ganz besondere
Freude bereitete.
Nun kam er eifrig auf sie zu, und gemeinsam gingen sie nach
Westen Richtung Aldwych, wo auch der alte Friedhof seiner
Wikingervorfahren, St. Clement Danes, lag.
Die Grundmauern des riesigen Towers wuchsen, der Grundriß des
Inneren war bereits deutlich erkennbar. Die linke Hälfte umfaßte
eine große Halle. Die rechte Seite war zweigeteilt: Die hinteren
zwei Drittel des Raums sollten einen langen, rechteckigen Saal
bilden, das vordere Drittel würde einen kleineren Saal ergeben. In
dieser Ecke sollte auch die Kapelle stehen.
Gundulf, ein berühmter normannischer Mönch und Architekt, der
vor kurzem nach England gekommen und im nahen Kent zum Bischof von
Rochester gekürt worden war, hatte die Oberaufsicht über dieses
stattliche Projekt. Er hatte sich auf dem europäischen Kontinent
ein umfangreiches Wissen über den Burgenbau angeeignet, und König
Wilhelm hatte ihm bereits mehrere andere Projekte übertragen. Der
große Tower von London hatte ein nahezu identisches Gegenstück in
Essex in der Ortschaft Colchester.
Im untersten Stockwerk sollten die Keller liegen; an der dem
Fluß zugewandten Seite des Gebäudes lag dieses Geschoß mehr oder
weniger ebenerdig, doch da der Boden leicht anstieg, lag es an der
hinteren Wand nahezu völlig unter der Erde. Die Steine wurden in
verschiedenen Lagen gesetzt: Zuerst kam der Kieselsandstein aus
Kent, dann eine Schicht Kiesel zur Verstärkung, dann wieder
Kieselsandstein. Alles wurde mit Mörtel verbunden. Die alten
römischen Ziegel aus der Umgebung wurden herangeschafft, und Osric
mußte mit den anderen diese Scherben zu Pulver zermahlen, um daraus
den Mörtel herzustellen. Mit diesen römischen Ziegeln verlieh der
Mörtel der Mauer einen rötlichen Schimmer, und einer der Arbeiter
bemerkte grimmig: »Seht mal, der Tower wird mit englischem Blut
errichtet!«
Als die Kellerwände immer höher wurden, fiel Osric auf, daß
man zwar von einem großen Raum in den nächsten gelangen konnte, es
jedoch kein Tor in der Außenmauer gab. In den Keller gelangte man
nur über eine einzige Wendeltreppe, die in einem Erker in der
nordöstlichen Ecke lag. Und es gab auch nur zwei Fenster, zwei sehr
schmale, sichelförmige Schlitze oben in der Westmauer, aus denen
kein Mensch würde herein- noch herausklettern können.
Im Boden des Hauptraums gab es ein großes Loch. Da Osric einer
der kleinsten unter den Arbeitern war, hatte Ralph ihn auserkoren,
in dieses Loch hineinzuklettern und es zu vertiefen. »Grabe, bis du
auf Wasser stößt!« hatte er befohlen. Die Burg des Königs brauchte
natürlich eine eigene, sichere Wasserstelle innerhalb ihrer
mächtigen Mauern. Tag für Tag wurde Osric, ausgerüstet mit Pickel
und Schaufel, in das Loch abgeseilt; das Erdreich, das er ausgrub,
wurde mit einem Eimer an die Oberfläche befördert. Endlich stieß er
auf Wasser. Der Brunnen war zwölf Meter tief.
Dann fiel Ralph eine neue Schikane ein. »Osric, weil du so gut
Löcher graben kannst, habe ich noch etwas für dich zu tun«, meinte
er. »Der Tunnel, das ist der richtige Ort für dich.«
Jedes große, befestigte Gebäude mußte natürlich auch einen
Abfluß haben. Der Tunnel begann in einer Ecke unterhalb eines Lochs
im Boden unweit des Brunnens und sollte unter der Erde etwa fünfzig
Meter weit sanft nach unten abfallen, bis er die Themse erreichte.
Bei Ebbe würde dieser Abfluß einigermaßen trocken sein, bei Flut
würde das Wasser der Themse den Abfluß überschwemmen und ausspülen.
Es war ein niedriger, enger Raum, gerade groß genug, daß ein paar
kleine Burschen wie Osric gebückt ihre Pickel einsetzen konnten.
Jeden Tag stieg er nach unten und schaufelte stundenlang Erde in
bereitgestellte Säcke, die, sobald sie voll waren, durch den Tunnel
hindurch an die Oberfläche gezerrt wurden. Zimmerer klemmten
Stützbalken ein, um die Decke am Einsturz zu hindern. Osric kam
sich vor wie ein Maulwurf unter der Erde, und sein Rücken schmerzte
unablässig. Nach einer Woche im Tunnel machte er einen zweiten
Vorstoß Richtung Freiheit.
Bischof Gundulf von Rochester war ein
großer Mann mit einer Glatze und einem fleischigen Gesicht. Seinen
Körper wie auch seine Art zu reden hätten am besten als abgerundet
beschrieben werden können, aber er bewegte sich flott, was auf
seinen raschen Verstand hinwies, der ihn zu einem ausgezeichneten
Verwalter machte. Falls er an diesem Spätnachmittag im August
Unwillen verspürte, wie er da so vor dem dümmlichen Aufseher stand,
so zeigte sich nichts davon auf seinem Gesicht. Er hatte eben den
Plan des Londoner Towers geändert.
Ralph Silversleeves konnte es kaum fassen. Konnte es denn wahr
sein, daß der fette Bischof diese immense Steinmasse entfernt haben
und von vorn anfangen wollte?
Die Änderung hatte einen einfachen Grund. Das Gegenstück der
Burg in Colchester hatte einen halbkreisförmigen Vorsprung nach
Osten. Der Architekt des Londoner Towers hatte bemerkt, wie gut
dieser Vorsprung aussah, und beschlossen, dasselbe auch hier zu
tun. »Dort wird die Apsis der königlichen Kapelle entstehen«, sagte
Gundulf. »Es wird eine sehr edle Konstruktion werden.«
»Es wird die Arbeit um einige Wochen, wohl sogar um Monate
verlängern! Und es stecken fünfundzwanzig Floßladungen Steine
drin!« entgegnete Ralph erbost.
»Der König ist sehr darauf bedacht, daß die Arbeit rasch
vonstatten geht«, erwiderte der Bischof höflich, jedoch
bestimmt.
»Unmöglich«, grunzte Ralph. Er haßte es, von klugen Männern
gemaßregelt zu werden.
Gundulf seufzte. »Ich bemerkte erst kürzlich dem König
gegenüber, wie hervorragend Ihr Eure große Aufgabe meistert«,
meinte er. »Und ich werde bald wieder mit dem König
sprechen.«
Da selbst Ralph nicht umhinkonnte, die unterschwellige Drohung
Gundulfs zu bemerken, zuckte er verdrossen die Schultern. »Wie Ihr
wollt«, murmelte er.
»Ich werde dem König berichten«, meinte der Bischof
abschließend, um dem widerspenstigen Kerl eins auszuwischen, »daß
Ihr die neue Aufgabe in exakt dem Zeitraum bewältigen werdet, der
vorgesehen war. Der König wird hocherfreut sein.«
Osric hatte den stattlichen Bischof schon
früher ein paarmal gesehen, wenn Gundulf die Arbeiten inspizierte.
Wie viele Leute in hohen Stellungen hatte sich auch der Bischof
einen Mantel munterer Höflichkeit zugelegt. Wenn er auf der
Baustelle herumspazierte, kostete ihn ein höfliches Nicken, selbst
den Leibeigenen gegenüber, gar nichts.
Deshalb hatte sich der kleine Leibeigene, der so schwer in dem
dunklen Tunnel schuften mußte, einen Plan zurechtgelegt. Sein
ganzer Instinkt, ja sogar ein körperlich spürbares Sehnen in seinen
Fingerspitzen ließen ihn wissen, daß er ein Handwerker sein sollte.
Bischof Gundulf war ein Mann Gottes, und er wirkte freundlich.
Sicherlich konnte selbst ein einfacher Leibeigener wie Osric sich
einem Mann Gottes anvertrauen.
Er hatte schon lange auf einen günstigen Zeitpunkt gewartet.
Eben hatte er seine Tunnelschicht beendet, da sah er den Bischof
vor der Baustelle stehen und beschloß, die Gelegenheit zu
ergreifen. Er flitzte zur Zimmererwerkstatt hinüber, holte sein
Holzwerk und trat schüchtern vor den großen Mann.
Überrascht blickte Bischof Gundulf auf die ernste kleine
Gestalt, die da, von oben bis unten mit Lehm beschmiert, vor ihm
stand und ihm ein Holzstück entgegenstreckte. Freundlich fragte er:
»Was willst du, mein Sohn?«
»Dies habe ich hergestellt«, erklärte Osric. »Ich will nämlich
Zimmerer werden.«
Gundulf fiel es nicht schwer, den Rest der Geschichte zu
erraten. Die Arbeit war gut, das sah er. Vielleicht sollte er den
Jungen wirklich zu den Zimmerern schicken und herausfinden lassen,
ob sie ihn gebrauchen konnten. Da hörte er einen Wutschrei hinter
sich.
Es war Ralph. In dem Moment, in dem er die beiden gesehen
hatte, war ihm klar gewesen, was Osric im Sinn hatte. Er war
bereits zutiefst erzürnt über den veränderten Bauplan, da war der
Anblick des verdammten kleinen Leibeigenen, der sich hinter seinem
Rücken an Gundulf herangemacht hatte, mehr, als er ertragen
konnte.
»Er sagt, daß er Zimmerer werden will«, stellte Gundulf milde
fest.
»Niemals«, entgegnete Ralph. »Wir können ihm kein Messer oder
sonstige scharfe Werkzeuge anvertrauen. Er arbeitet hier als
Handlanger, weil er versucht hat, einen Ritter des Königs zu töten.
Deshalb hat man ihm auch die Nase aufgeschlitzt. Er ist
gefährlich!«
Gundulf seufzte. Er schenkte dem Aufseher keinen Glauben, aber
andererseits hatte er ihm für heute genug Ärger verursacht. »Wie
Ihr meint«, sagte er schulterzuckend.
Osric verstand nicht, was sie sagten, da sie sich in
normannischem Französisch miteinander unterhielten, doch er spürte,
daß die letzte Hoffnung seines jungen Lebens zerronnen war. Ralph
zerrte ihn am Ohr zurück zum Tunneleingang. »Du glaubst also, daß
du hinter meinem Rücken klammheimlich Zimmerer werden kannst?«
kreischte er. »Dann sieh dich mal um! Diese Erde, diese Steine
wirst du für den Rest deines Lebens herausbuddeln und wegkarren,
kleiner Zimmerer, bis dir das Rückgrat bricht. Dieser Tower ist
dein Leben, Osric, und ich werde dafür sorgen, daß du bis zu deinem
Tod daran arbeitest!« Damit stieß er ihn in den Tunnel zurück und
befahl ihm, eine weitere Schicht zu arbeiten.
Ralph Silversleeves achtete nicht auf die herumstehenden
Leute, unter denen sich auch Alfred, der Waffenschmied, befand.
Alfred hatte den Auftrag, die großen Eisengitter über dem Abfluß
und dem Brunnen herzustellen, und nun wollte er Maß nehmen.
Er hatte gesehen und gehört, wie Ralph mit dem ernsten kleinen
Burschen umgesprungen war. Nachdem Ralph weg war, ging er zum
Tunneleingang.
Am Boden lag das kleine Beispiel für Osrics Handwerkskunst,
das ihm aus der Hand gefallen war. Alfred hob es nachdenklich
auf.
An diesem Abend führte er ein langes Gespräch mit Osric, und
anschließend berichtete er seinem Freund, dem Dänen: »Ich glaube,
ich habe denjenigen gefunden, den wir brauchen.«
»Kann man ihm vertrauen?«
»Ich denke schon. Er sinnt nämlich auf Rache.«
Rache ist süß. Der Plan war zwar nicht ungefährlich, doch
Osric war zuversichtlich. Heimlich schlich er sich nachts aus der
Unterkunft der Arbeiter zu dem nahe gelegenen Haus des Dänen. Dort
arbeiteten er und Alfred dann in einem an der Rückseite des Hauses
gelegenen Lagerraum.
Ihre Aufgabe bestand darin, einen großen Karren so umzubauen,
daß darin Waffen versteckt werden konnten, und Osric war
tatsächlich etwas Geschickteres eingefallen, als einfach einen
doppelten Boden herzustellen; danach wurde schließlich bei einer
Kontrolle immer als erstes gesucht. Er hatte sich die soliden
Balken vorgenommen, aus denen der Rahmen des Karrens bestand. Diese
hatte er ausgehöhlt und dabei ihr äußeres Erscheinungsbild mit
hölzernen Riegeln und verschiebbaren Verkleidungen bestmöglichst
beibehalten. Nun konnte eine beachtliche Menge an Schwertern,
Speerköpfen und Pfeilspitzen in diesen Balken verstaut werden, ohne
daß man von außen etwas bemerkte.
»Der Karren selbst besteht aus Waffen!« rief Barnikel erfreut
und drückte den kleinen Zimmerer so fest an sich, daß Osric fast
die Luft ausging.
In der nächsten Woche sollte die erste Ladung transportiert
werden.
Zwei Tage darauf lief Hilda zufällig Ralph über den Weg, und
zwar auf dem Hügel vom Ludgate nach St. Paul's. Hilda hatte
ausgesprochen schlechte Laune. Der Grund dafür war eine
Stickerei.
In König Wilhelms England wurde das wahrscheinlich größte,
berühmteste Stickkunstwerk aller Zeiten geschaffen. Der Teppich von
Bayeux, wie dieses außergewöhnliche Werk heißen sollte, wurde nicht
gewebt, sondern gestickt, und zwar mit farbiger Wolle auf Leinen,
wie es die Angelsachsen seit langer Zeit zu tun pflegten. Er war
nur fünfzig Zentimeter breit, doch erstaunliche siebenundsiebzig
Meter lang. Darauf abgebildet waren um die sechshundert Menschen,
siebenunddreißig Schiffe, ebenso viele Bäume und siebenhundert
Tiere. Mit diesem Kunstwerk sollte die ruhmreiche normannische
Eroberung gefeiert werden – wohl das erste bekannte Beispiel für
Staatspropaganda.
Die stilisierten Figuren zeigten in vielen verschiedenen
Szenen die Version des normannischen Königs von den Ereignissen,
die zur Eroberung geführt hatten, und lieferten einen detaillierten
Bericht von der Schlacht bei Hastings. Das Werk war von Odo, dem
Halbbruder des Königs, in Auftrag gegeben worden. Er war zwar
Bischof der normannischen Stadt Bayeux, doch auch Soldat und
Administrator und ebenso skrupellos wie der König. Englische
Frauen, überwiegend aus Kent, stickten die einzelnen Teile dieses
Werkes, die am Schluß zusammengenäht wurden.
Hilda hatte guten Grund, erzürnt zu sein. Sie hatte nicht
mitarbeiten wollen, doch Henri hatte sie gezwungen, sich zu den
Damen zu gesellen, die sich immer in der Königshalle in Westminster
trafen, um an dem Projekt zu arbeiten. »Bischof Odo wird sich
darüber freuen!« hatte er gesagt, obwohl es doch Odo war, dem halb
Kent übereignet worden war, und einer von Odos Rittern, der nun auf
ihrem alten Familiensitz in Bocton saß. Henri wußte dies, aber es
war ihm gleichgültig. Die Stickerei erinnerte sie immer wieder
schmerzlich an den Verlust ihres alten Heims und an die langen
Jahre, die sie sich ihrem kalten, zynischen Gatten untergeordnet
hatte.
Als sie an diesem Morgen von den Damen in Westminster
zurückkehrte, war Hilda noch immer wütend. Und dann sah sie
Ralph.
Er war aufgeregt. Seine normalerweise stumpfen Augen glänzten,
als er sich, ohne daß sie ihn darum gebeten hätte, zu ihr gesellte.
»Soll ich dir ein Geheimnis verraten?« fing er an.
Manchmal tat er ihr leid, zum Teil schon deshalb, weil Henri
ihn verachtete, zum Teil auch deshalb, weil er noch immer keine
Frau gefunden hatte. Gelegentlich stattete er den am Südufer
lebenden Huren einen Besuch ab, doch selbst diese Damen, so hieß
es, waren nicht besonders begeistert über seine dumpfen
Aufmerksamkeiten. Ab und zu hatte sie ihrem Mann vorgeschlagen,
eine Frau für ihn zu suchen, doch Henri hatte nur gemeint: »Dann
werden sie Erben haben, mit denen wir teilen müssen. Ich kümmere
mich um das Vermögen der Familie. Und ich beabsichtige, länger zu
leben als er.«
Ralph mochte Hilda. »Ich bin nicht so blöd, wie Henri immer
denkt«, hatte er ihr einmal anvertraut. Nun konnte er der
Gelegenheit nicht widerstehen, sie zu beeindrucken. »Ich habe einen
wichtigen Auftrag erhalten!« prahlte er.
Das Gespräch zwischen Ralph und Mandeville war kurz, aber
bedeutungsvoll gewesen. Der große Magnat war stets bestens
informiert; nur wenig, was in Südostengland vorging, entging seiner
Aufmerksamkeit. Ralph erfuhr, daß man befürchtete, daß es auf dem
Land zu neuen Unruhen kommen könnte. »Bei dem Aufstand vor drei
Jahren«, hatte Mandeville ihm mitgeteilt, »müssen sie unserer
Meinung nach Waffen aus London erhalten haben. Dem wollen wir ein
Ende setzen.«
Mandeville hatte beschlossen, daß er für die kleine Operation,
die ihm vorschwebte, einen Mann brauchte, der mißtrauisch, nicht
besonders klug und skrupellos war. »Ihr werdet eine hervorragende
Gelegenheit haben zu zeigen, was in Euch steckt. Ihr werdet
geduldig sein müssen, und Ihr werdet Spione brauchen.«
»Ich werde jeden Karren, der London verläßt, in Stücke
zerlegen«, rief Ralph.
»Eben dies werdet Ihr nicht tun«, erwiderte Mandeville. »Ihr
sollt vielmehr nachlässiger sein bei der Begutachtung der Güter,
die die Stadt verlassen. Der Trick besteht ja gerade darin, daß
sich die Burschen in Sicherheit wiegen. Laßt Posten im Wald
aufstellen und jegliche verdächtige Ladung heimlich verfolgen. Ich
will, daß sie uns direkt zu den Rebellen führen. Und vor allem sagt
niemandem etwas davon! Habt Ihr das verstanden?«
Ralph hatte verstanden. Eine Vertrauensstellung. Eine geheime
Mission. Mit stolzgeschwellter Brust flanierte Ralph durch die
Stadt. Als er nun Hilda sah, auf die er gern einen guten Eindruck
machen wollte, beschloß er sofort: »Dir kann ich es ja erzählen, du
gehörst zur Familie.«
Als Hilda nun auf sein Gesicht blickte, das dem ihres Mannes
so ähnelte, wenngleich es brutalere Züge aufwies, dachte sie nur an
die Engländer, ihre Leute, denen er eine Falle stellen und die er
zweifellos auch umbringen würde, und verspürte eine starke
Abneigung. Sie merkte, daß ihr alle immer verhaßter wurden, Henri,
Ralph, die Normannen, deren Herrschaft. Natürlich konnte sie nichts
dagegen tun, nichts bis auf eines.
»Da kannst du ja wirklich stolz sein«, sagte sie und wandte
sich von Ralph ab.
Sie sollte in der nächsten Woche zum Landsitz ihres
Schwiegervaters nach Hatefield aufbrechen und dort einen Monat
bleiben. Es war eine Aussicht, auf die sie sich nicht besonders
freute, und deshalb hatte sie noch für diesen Abend einen
Spaziergang mit Barnikel vereinbart, denn sie wußte, es würde für
eine Weile der letzte sein.
So trafen sie sich also bei St. Bride's und begannen ihren
üblichen Weg Richtung Aldwych, und sie vertraute ihm leise alles
an, was Ralph ihr erzählt hatte. »Ich weiß, daß du kein
Normannenfreund bist«, setzte sie abschließend hinzu. »Würdest du
also diejenigen warnen, die gewarnt werden sollten, falls du weißt,
um welche Leute es sich dabei handelt?«
Da sah sie, wie verstört Barnikel ob dieser Neuigkeiten war,
und erriet sofort, daß er tiefer in die Sache verwickelt war, als
sie gedacht hatte. Sie legte eine Hand auf seinen Arm und fragte
ihn leise: »Kann ich irgend etwas tun, um dir zu helfen?«
Zehn Tage nach seinem Treffen mit
Mandeville ritt Ralph Silversleeves zusammen mit einem Dutzend
bewaffneter Männer äußerst frustriert aus dem Wald von Middlesex
heraus Richtung Süden. Er kam von einem Treffen mit seinen Leuten.
Seine Spione hatten nichts gefunden. »Vielleicht sind sie gewarnt
worden«, hatte einer von ihnen gemeint. Und ein weiterer hatte ihn
gefragt: »Seid Ihr sicher, daß Ihr das Richtige tut?« Diesen
Burschen hatte er in seiner Wut geohrfeigt.
Er ritt zurück mit dem untrüglichen Gefühl, daß man sich einen
Scherz mit ihm erlaubt hatte. Selbst seinen eigenen Spionen
gegenüber keimte Argwohn in ihm auf.
Dann sah er den Karren. An diesem Wagen war offensichtlich
etwas faul. Er war groß und mit einer Plane bedeckt. Er schien eine
schwere Ladung zu transportieren. Neben dem Wagenlenker saß eine
mit einer Kapuze verhüllte Gestalt.
Ralph vergaß völlig, was Mandeville ihm aufgetragen hatte. Er
ritt geradewegs zu diesem Karren hin und brüllte: »Bleibt stehen
und zeigt Euch, Ihr Verräter!«
Die geheimnisvolle Gestalt streifte ihre Kapuze ab und
bedachte ihn mit einem verächtlichen Blick. Es war Hilda. »Idiot!«
schrie sie, so daß alle es hören konnten. »Henri hat immer gesagt,
daß du ein Dummkopf bist.« Dann schlug sie die Plane zurück, so daß
alle die harmlose Ladung sehen konnten. »Wein«, rief sie laut. »Ein
Geschenk deines Bruders an deinen Vater. Ich bringe ihn nach
Hatefield.« Und sie holte mit der Peitsche aus, als wolle sie ihm
einen Hieb ins Gesicht versetzen, und zwar so überzeugend, daß
Ralph hastig zurückwich.
Die Männer lachten. Gedemütigt und wütend schrie Ralph sie an,
ihm zu folgen, und ohne einen Blick zurück ritt er rasch Richtung
London davon.
Fünf Wochen später erlaubte es sich
Barnikel, neben der Kirche St. Bride, wo sie ganz allein zu sein
schienen, einen züchtigen Kuß auf die Stirn seiner neuen
Mitverschwörerin zu drücken. Danach machten sie sich zufrieden auf
ihren Spaziergang am Flußufer. Keiner der beiden merkte, daß sie
heimlich verfolgt wurden.
1081
Alfred war inzwischen der Meister der Waffenschmiede. Die
weiße Haarsträhne in seiner Stirn fiel kaum mehr auf, weil sein
übriges Haar ergraut war. Er war ein stattlicher Mann, der seine
Lehrlinge mit autoritätsgebietender Stimme anleitete und auch bei
seiner Frau und seinen Kindern das Heft fest in der Hand
hatte.
Nie vergaß er den Tag, an dem Barnikel ihn halb verhungert, am
London Stone kauernd, gefunden hatte, und deshalb tat er alles, was
in seinen Kräften stand, um seinem Freund Osric zu helfen; er
wollte das Gute, das ihm widerfahren war, auch an andere
weitergeben. Seine Familie sorgte dafür, daß Osric mindestens
einmal pro Woche eine anständige Mahlzeit bekam, und Alfred hatte
sogar mehrmals angeboten, ihm seine Freiheit zu erkaufen. Aber
Ralph hatte sich immer dagegengestellt.
Ralphs Haß auf den Leibeigenen hatte sich inzwischen zu einer
Gewohnheit gefestigt. Osric war ein lebendiges Ding, dem er weh tun
konnte, wann immer er wollte. Nichts verschaffte ihm größeres
Vergnügen, als Osrics Freiheitsbestrebungen zu vereiteln. »Keine
Sorge«, versprach er ihm zynisch, »ich werde dich nie gehen
lassen.«
Mit zwanzig lernte Osric Dorkes kennen. Das kleine, zierliche
Mädchen war sechzehn. Sein langes, dunkles Haar war in der Mitte
gescheitelt, das Gesicht war blaß bis auf die roten Lippen, was
darauf hinwies, daß die Vorfahren wohl Kelten, vielleicht auch
Römer waren.
Osric erzählte niemandem von dem Mädchen. Die Arbeiter hausten
in ein paar Holzhütten neben der alten Römermauer unten am
Flußufer. Manche, wie Osric, konnten nichts ihr eigen nennen bis
auf den Strohsack, auf dem sie schliefen. Andere, die Frauen
gefunden hatten, errichteten sich aus Holzabfällen und Strohballen
einen kleinen privaten Raum, so daß in manchen Ecken ganze Familien
hausten. Manche der Arbeiter waren Leibeigene; sie waren von ihren
Herren, die dem König einen Dienst schuldeten, hierhergeschickt
worden. Einige von ihnen wiesen wie Osric Verstümmelungen auf, die
darauf schließen ließen, daß sie sich irgendeines Vergehens
schuldig gemacht hatten. Es herrschte wenig Disziplin unter den
Arbeitern. Ralph kümmerte sich kaum darum, was zwischen ihnen
vorging, solange sie nur arbeiteten.
Dorkes' Vater war Koch gewesen, und zu seinen Lebzeiten hatten
sie stets gut gegessen. Doch vor zwei Jahren war er gestorben, und
von da an war ihr Leben schwer geworden. Die Mutter, die
Gelegenheitsarbeiten verrichtete, war kränklich, ihre Hände von
Gicht geschwollen. Das Mädchen tat, was es konnte, um ihr das Leben
zu erleichtern.
Dorkes war Osric zum erstenmal im Dezember aufgefallen. Die
Arbeiter mußten zwar bei jedem Wetter am Tower schuften, doch
dieser Winter war besonders hart, und zwei Wochen vor Weihnachten
kam plötzlich der Befehl, die Arbeit einzustellen. »Wenn es so kalt
ist«, erklärte der Vorarbeiter, »gefriert der feuchte Mörtel und
bekommt Sprünge.« Am nächsten Tag wurden viele Leibeigene in ihre
Dörfer heimgeschickt, während die Zurückgebliebenen den Auftrag
erhielten, die Mauern vor dem Frost zu schützen – eine ziemlich
stinkende Arbeit, denn das Material, mit dem die Mauern bedeckt
werden sollten, bestand aus aufgewärmtem Dung, vermischt mit
Stroh.
Trotz der Kälte wollte sich Osric am Ende eines solchen
Arbeitstages gründlich reinigen, und deshalb ging er oft hinunter
zur Themse und sprang mit all seinen Kleidern ins Wasser, bevor er
in seine Hütte zurückeilte, wo er sich am Kohlenbecken trocknen
konnte. Bei so einer Gelegenheit merkte er, daß es noch einen
anderen Menschen im Lager gab, der im Morgengrauen und am Abend zum
Fluß hinunterging, um sich zu waschen – Dorkes. Sie war sehr sauber
und sehr still – dies war das erste, was Osric an ihr auffiel.
Körperlich schien sie nicht sehr weit entwickelt zu sein. Eine
kleine Maus, dachte er und lächelte sie an, wenn er ihr zufällig
begegnete.
Seit seinem Auftrag für Alfred und Barnikel vor drei Jahren
hatte es keine weiteren derartigen Abenteuer gegeben. Bis auf einen
Aufruhr im Norden war es in England ruhig geblieben. Osrics Leben
war erträglich. Natürlich bestand ein Großteil seines Tages nach
wie vor aus reiner Schufterei, doch er hatte auch einen neuen
Zeitvertreib gefunden. Er hatte es sich angewöhnt, Holzabfälle zu
sammeln oder die Zimmerer zu bitten, ihm Reste zu überlassen.
Abends setzte er sich dann neben das Kohlenbecken und schnitzte an
diesen Holzstücken herum, bis daraus eine kleine Figur, ein
Spielzeug oder ähnliches entstand. Bald nannten ihn die Zimmerer
und Schreiner liebevoll »kleiner Künstler«.
Die großen Kellerräume des Towers waren inzwischen
fertiggestellt; riesige Querbalken und ein Bretterboden bedeckten
sie bis auf die südöstliche Ecke, in der es ein Steingewölbe gab.
Vor der Wendeltreppe, die zum Keller hinunterführte, gab es bereits
ein massives, mit Eisenbeschlägen versehenes Eichentor, das man mit
einem großen, von Alfred gefertigten Schlüssel abschließen konnte.
»Dort unten werden die Waffen der gesamten Garnison gelagert
werden«, hatte der Vorarbeiter Osric erklärt.
Die Wände des Hauptgeschosses wuchsen rasch. Wie bei
normannischen Festungen üblich, führte eine breite, hölzerne
Außentreppe zum Haupteingang. Die Wände waren fast so dick wie die
Kellerwände, aber es gab zahlreiche Erker, die zu schmalen Fenstern
und anderen Öffnungen führten. Zwei davon faszinierten Osric
besonders. Der erste maß etwa drei Meter im Durchmesser und befand
sich an der Westwand der Haupthalle. Man konnte in ihn hineingehen
wie in einen kleinen Raum, und wenn man nach oben blickte, sah man,
daß er etwa vier Meter hochgemauert war und daß knapp unterhalb des
oberen Randes ein kleines Loch in der Wand nach draußen
führte.
»Wofür ist das denn?« wollte Osric wissen.
Die Maurer lachten. »Für das Feuer«, erklärten sie ihm. »Die
Halle des Königs wird sich genau über diesem Raum befinden, und
statt eines Kohlenbeckens in der Mitte, von dem Rauch durch die
Bodenbretter nach oben dringen würde, will er diese Feuerstellen.
In Frankreich haben sie auch solche, und im Ostzimmer soll es noch
so ein Ding geben.«
Und so kam es, daß das Königreich England im Tower von London
die ersten gemauerten Feuerstellen erhielt. Diese Feuerstellen
hatten jedoch noch immer keinen richtigen Kamin; der Rauch zog
durch ein Loch in der Wand ins Freie ab.
Noch zwei andere kleine Räume an der Nordseite kamen Osric
seltsam vor. Es gab jeweils einen kleinen Gang, der zur Außenseite
der Wand führte, wo in einer Nische eine Steinbank mit einem Loch
stand. Durch das Loch hindurch blickte Osric in einen kurzen,
steilen Schacht, der hinaus ins Freie führte, und von dieser Stelle
aus ging es gut sechs Meter hinab. »Die Franzosen nennen es
Garderobe«, erklärte der Maurer. »Unten an den Schacht fügen
wir noch eine Holzrinne an, und so kommt dann alles in die darunter
liegende Grube.«
An einem warmen Juniabend saßen ein paar
ziemlich betrunkene Männer am Flußufer, als Dorkes zum Fluß
hinabging, um sich rasch Arme und Gesicht zu waschen. Als sie an
den Männern vorbeikam, hielt einer von ihnen sie fest und rief:
»Ich habe eine Maus gefangen! Gib uns einen Kuß!«
Dorkes wußte nicht, wie sie mit den Betrunkenen umgehen
sollte. Sie schüttelte den Kopf und versuchte, sich loszureißen.
Der Mann grabschte nach ihren kleinen Brüsten. Doch da traf ihn
etwas.
Es war Osric, der sich, ohne zu zögern, so heftig auf den
Burschen stürzte, daß der Mann zu Boden ging, obwohl Osric nur halb
so groß war wie er. Kurz dachte Osric zwar, der Mann würde ihn in
den Fluß werfen, doch statt dessen hub ein schallendes Gelächter
an. »Unser kleiner Künstler ist ja ein richtiger Kämpfer! Osric,
wir wußten gar nicht, daß sie dein Mädchen ist.« Von diesem Tag an
pflegte der Witz die Runde zu machen: »Wie geht's deinem Mädchen,
Osric?«
Nach diesem Vorfall sah er Dorkes mit anderen Augen. Manchmal
beobachtete er sie, wenn sie frühmorgens zum Fluß hinabging, um
sich zu waschen. Da es inzwischen sommerlich warm war, trug sie nur
ein dünnes Gewand, wenn sie in den Fluß stieg, so daß Osric die
Formen ihres Körpers ziemlich gut erkennen konnte, wenn sie wieder
herauskam. Sie hatte kleine, wohlgeformte Brüste.
Abends, wenn sie mit ihrer Mutter am Feuer saß, setzte er sich
gern in ihre Nähe und betrachtete ihr Gesicht. Was ihm anfangs nur
blaß und unauffällig vorgekommen war, wurde plötzlich wunderschön.
Und noch etwas anderes sah er bei diesen Gelegenheiten. Sie mochte
vielleicht ängstlich sein, doch für ihre Mutter trat sie stets mit
stiller Entschlossenheit ein. Dorkes erledigte kleinere Dienste für
diverse Leute, wofür sie mit Lebensmitteln bezahlt wurde, und
rettete damit sich und die Mutter vor dem Verhungern.
Seit er sie verteidigt hatte, war sie stets freundlich zu ihm.
Oft plauderten sie ein wenig oder machten einen kleinen
Spaziergang. Dorkes wußte, daß die Männer ihn wegen ihr aufzogen,
doch es schien ihr nichts auszumachen. Eines Abends im Juli
beobachtete er sie wieder einmal, und plötzlich überkam ihn eine
Welle von beschützender Zuneigung. Von diesem Tag an dachte er,
sein ganzes Leben würde einen neuen Sinn bekommen, wenn er nur mit
ihr zusammenleben könnte. Dieser Gedanke war so aufregend, daß
selbst die elenden Hütten, in denen sie hausten, ihm in einem
neuen, warmen Licht erschienen.
Doch dann sah Ralph Silversleeves die beiden einmal zusammen.
Er pflegte frühmorgens die Baustelle abzulaufen, bevor die Arbeiten
begannen. Er traf die zwei jungen Menschen, die gerade vom Fluß
heraufkamen. Ralph hatte die Männer Witze über Osric und das
Mädchen machen hören, doch er hatte es stets höchst
unwahrscheinlich gefunden, daß ein Mädchen ein Auge auf Osric
werfen könnte. Als er die beiden nun so sah, fragte er sich, ob es
tatsächlich stimmte, daß dieser elende Osric ein Mädchen hatte, wo
er, Ralph, keines hatte. Von Eifersucht überwältigt sagte er:
»Warum läßt du dieses hübsche Mädchen nicht in Ruhe, Osric? Du bist
so häßlich, daß sie sich ja richtig schämen muß mit dir!« Damit
ging er davon.
»Ich ignoriere ihn immer!« flüsterte Dorkes.
Doch Osric trafen die Worte des Normannen so schwer, daß er
gar nichts mehr sagen konnte. Wenn sie mich nur lieben könnte!
dachte er. Er würde sie beschützen. Er würde sein Leben für sie
geben. Mit solchen Gedanken verstrichen die nächsten drei
Wochen.
Die Maurer arbeiteten inzwischen an der zukünftigen Krypta der
Kapelle. Es war ein etwa fünfzehn Meter langer Raum, der in die
östliche Apsis hineinragte. Sie hatten bereits angefangen, das
Gewölbe zu bauen. Osric sah gerne dabei zu. Zuerst errichteten die
Zimmerer große, halbkreisförmige Holzbögen, die auf Gerüste
aufgestellt wurden, so daß sie wie eine Reihe von Buckelbrücken
aussahen. Dann kletterten die Steinmetzen hoch und verlegten die
keilförmig zugehauenen Steine. Das breite Ende kam nach oben, so
daß jeder Bogen in sich stabil war.
Eines Morgens grummelten die Steinmetzen über eine weitere
verfluchte Änderung. Die Wand zwischen der Krypta und der Kammer
auf der Ostseite des Towers war fast vier Meter dick. Nachdem die
Steinmetzen einen schmalen Eingang von der Krypta aus in diese
Mauer geschnitten hatten, sollten Osric und drei Männer nun eine
Kammer aushöhlen, indem sie die Kieselfüllung herauskratzten. Die
Zimmerer stützten das Ganze mit Balken ab, und so gruben die vier
tagelang, bis sie eine verborgene Kammer von etwa drei Metern
Durchmesser geschaffen hatten.
»Dies hier wird die Schatzkammer«, erklärte Ralph den
Arbeitern. Der Raum sollte mit einer starken Eichentür versehen
werden.
An einem trüben Sonntagmorgen im Herbst
gestand Osric Dorkes seine Liebe. An der alten Römermauer neben dem
Tower gab es Stufen, die zu den Zinnen hinaufführten, und die
beiden waren dort hinaufgeklettert, um den Ausblick zu genießen.
Plötzlich überkam Osric eine derart heftige Sehnsucht nach ihrer
kleinen, blassen Gestalt, daß er sanft einen Arm um ihre Taille
legte. Doch Dorkes entzog sich ihm. »Bitte, laß das!«
»Ich dachte, vielleicht…«, stammelte er.
Sie schüttelte den Kopf. »Osric, du bist immer sehr nett zu
mir, aber… ich liebe dich nicht.«
Er nickte. In seinem Hals stieg bittere Verzweiflung auf. »Ist
es wegen…?« Wegen meines Gesichts, wollte er sagen, brachte den
Satz jedoch nicht zu Ende.
»Geh bitte«, sagte sie nur.
Osric hatte verstanden. Er schleppte sich in seine Hütte und
sank auf seinen Strohsack, wo er lange sitzen blieb und leise
weinte.
Doch Dorkes hatte ein ganz anderes Problem. Sie hatte zwar
sein verstümmeltes Gesicht bemerkt, doch sie dachte kaum daran. Sie
bewunderte seinen Mut und mochte seine nette Art. Aber was nützte
dies schon? Selbst der ärmste Leibeigene in einem Dorf hatte eine
Hütte, in der er lebte, und ein Stück Land, das er bearbeitete.
Osric hatte nur einen Strohsack, auf dem er schlief. Was würde ihm
sein Leben bringen? Er würde weiterhin Steine für Ralph
Silversleeves schleppen müssen, der ihn haßte. Und was hatte sie
vorzuweisen? Eine kranke Mutter, um die sie sich kümmern mußte. Wie
sollte sie das anstellen, wenn sie einen Mann hatte? Osric konnte
sich nicht um sie kümmern. Und außerdem hatte sie genug mitbekommen
von den Paarungen, die hier in den Hütten stattfanden, von den
zerlumpten, halbverhungerten Kindern, die im Heu und draußen im
Dreck herumkrabbelten. »Sie leben doch wie Ungeziefer!« hatte ihre
Mutter einmal gesagt. Deshalb war sie vorsichtig mit Osric, sehr
darauf bedacht, nett zu ihm zu sein, ohne allzuviel Hoffnung in ihm
zu erwecken. An diesem Morgen hatte sie das getan, was sie tun
mußte – sie hatte ihn abgewiesen. Nun starrte sie auf die starken,
stetig wachsenden Mauern des Towers und verfluchte das Schicksal,
das sie in dieses grimmige Gefängnis gesteckt hatte.
Vor allem durfte Osric nie ihr Geheimnis erraten – daß sie ihn
liebte.
Von diesem Tag an lächelten sich Osric und Dorkes zwar
weiterhin an, wenn sie sich begegneten, sprachen jedoch kaum mehr
miteinander. Beide behielten ihre Gefühle für sich.
Alfreds Frau war die erste, die die Veränderung an Osric
bemerkte. Normalerweise ging es bei seinen wöchentlichen Mahlzeiten
mit dem Waffenschmied und seiner Familie recht lustig zu. Alfred
hatte sich neben der Waffenschmiede ein neues Haus gebaut, das aus
einem großen Hauptraum mit einem Dachgeschoß bestand, in dem es
einen Raum für ihn und seine Frau und einen zweiten für die sechs
Kinder gab. Die Lehrlinge schliefen in einem Nebengebäude im
Hinterhof.
Alfreds Frau hatte ein heiteres, gemütliches Wesen. Sie war
die Tochter eines Metzgers und leitete ihren lebhaften Haushalt mit
der Zuversicht einer Frau, die einen liebevollen Ehemann und die
Kinder hat, die sie sich immer gewünscht hat. Osric kam meist recht
vergnügt im Haus an, oft brachte er ein kleines Spielzeug mit, das
er geschnitzt hatte, um den Kindern eine Freude zu machen.
Gegen Ende des Sommers fiel Alfreds Frau auf, daß Osric sehr
abwesend wirkte und kaum etwas aß. Als er dann im Herbst
leichenblaß zu ihnen kam, kaum ein Wort sagte und kaum einen Bissen
herunterbrachte, begann sie sich ernstlich Sorgen zu machen. Sie
versuchte immer wieder vergeblich, etwas aus ihm herauszubekommen.
»Was auch immer es ist«, sagte sie zu Alfred, »es muß etwas
Schlimmes sein. Frag doch mal beim Tower nach! Versuche
herauszufinden, was passiert ist!«
Ein paar Tage darauf lieferte Alfred ihr den gewünschten
Bericht. »Man erzählt sich, daß es da ein Mädchen gibt, mit dem er
sich angefreundet hat. Ein recht hübsches Ding. Ich habe mich sogar
mit ihr unterhalten, und sie hat mir gesagt, daß sie einfach nur
befreundet seien.«
Seine Frau schüttelte den Kopf. »Ich rede wohl besser mal
selbst mit dem Mädchen«, meinte sie.
Um so überraschter war sie über Osrics Verhalten, als er am
nächsten Abend zum Essen zu ihnen kam. Irgend etwas, irgendein
Geheimnis schien ihn in Aufregung versetzt zu haben. Niemand hatte
ihn jemals so viel essen sehen wie an diesem Abend. Er aß doppelt
so viel wie die heißhungrigen Lehrlinge. »Willst du dich für etwas
Besonderes stärken?« fragte Alfred ihn.
»Ja, ich brauche heute abend soviel Essen, wie ich in mich
reinbekommen kann«, erwiderte Osric, verschwieg jedoch den Grund
dafür. Zufrieden verabschiedete er sich schließlich und lag dann
noch eine ganze Weile lächelnd auf seinem Strohsack, während er
über seinen Plan nachdachte.
Am nächsten Morgen war das Flußufer nebelverhangen, als Ralph
seine übliche Runde drehte. Er grunzte mißmutig. Zwar hatte er am
Vorabend den Damen am Südufer einen Besuch abgestattet, doch
abgesehen von der rein körperlichen Entspannung verschafften ihm
diese Besuche zunehmend weniger Befriedigung, und so war er
ziemlich schlechtgelaunt im Morgengrauen über die Brücke
zurückgegangen. Und noch etwas störte ihn: Wo war seine Peitsche
abgeblieben? Sie war vor zwei Tagen auf geheimnisvolle Weise
verschwunden. Er hatte sie nur kurz abgelegt, und obwohl er
schreckliche Drohungen ausgestoßen hatte, schien keiner der
Arbeiter am Tower etwas von ihr zu wissen. Er hatte sich so an das
Gefühl gewöhnt, sie in der Hand zu halten, daß er sich ohne sie
unwohl fühlte.
Er machte sich nicht die Mühe, das Schlafquartier zu besuchen,
sondern stolzierte wie üblich nur um den düsteren Tower herum. Da
sah er plötzlich seine Peitsche. Sie lag neben der Wand auf dem
Boden. Wahrscheinlich hatte der Dieb Angst bekommen und wollte sie
ihm auf diese Weise zurückgeben. Er ging zu der Stelle, an der sie
lag, und bückte sich, um sie aufzuheben.
Osric hatte fast eine ganze Stunde gewartet. Er wußte, daß
sein Plan gefährlich war, aber er hatte eigentlich nichts zu
verlieren. Dorkes wollte ihn nicht haben. Die Zukunft barg nichts
mehr für ihn, auf das er sich freuen konnte. Konnte er sich da
nicht wenigstens die – wenn auch noch so kleine – Befriedigung
gönnen, dem Aufseher, der ihn immer wieder so schikanierte, einen
Streich zu spielen? So kauerte er nun auf seinem Aussichtspunkt und
kalkulierte sorgfältigst den Moment, in dem der Aufseher seine
verdiente Abreibung bekommen sollte.
Osrics Bemühungen am Abend zuvor waren nicht vergeblich
gewesen. Er hatte sich den Bauch so vollgeschlagen, daß er schon
Angst gehabt hatte, er würde platzen. Die weiche, warme
Ausscheidung, die er nun von sich gab und die auf der Nordseite des
Towers von der Latrine herabglitt, auf der er kauerte, war mit
Sicherheit bei weitem umfangreicher als alles, was er bisher
produziert hatte. Und da sie so lange festgehalten worden war,
gelangte sie nun in wunderbarer Dichte nach draußen – weich, voll,
an einem Stück glitt sie auf ihr Ziel zu. Osric spähte durch das
Rohr hindurch und sah zu seiner großen Freude, daß seine Fracht
genau auf dem Kopf des Aufsehers gelandet war.
Von unten kam ein Schreckensschrei, und dann, als Ralph mit
der Hand nachgefühlt hatte und sah und roch, was sich daran befand,
ein Schrei des Entsetzens. Doch als er schließlich in die Öffnung
über ihm hinaufspähte, war der Übeltäter längst verschwunden.
Wutschnaubend stürmte der Normanne um das Gebäude herum und
die Treppe hinauf. Er raste zur Latrine, dann von der Halle in die
Kammer, in die Krypta, selbst in die dunkle Schatzkammer. Er fand
nichts. Er wollte die Suche fortsetzen, doch da kam ihm ein
schrecklicher Gedanke. Bald würden die ersten Steinmetzen im Tower
eintreffen und ihn in diesem Zustand sehen, stinkend und mit
Exkrementen verschmiert. Er würde zum Gespött des ganzen Towers,
ja, von ganz London werden. Mit einem Schrei der Verzweiflung floh
er aus dem Gebäude und verschwand im Morgennebel in Richtung
Stadt.
Osric wartete. Er war in den großen Kamin hineingeklettert und
saß dort nun gute drei Meter hoch mit gespreizten Beinen in der
Dunkelheit des Rauchabzugs. Er hörte Ralphs Schreie und lächelte
zufrieden. Nachdem Ralphs Schritte sich entfernt hatten, wartete er
noch ein Weilchen, dann kletterte er wieder herunter.
Ein paar Tage später wurde Dorkes zu ihrer Überraschung von
der Frau des Waffenschmieds angesprochen. Anfangs, als sie
gemeinsam Richtung Billingsgate liefen, war das Mädchen noch sehr
zurückhaltend, doch allmählich ließ es sich von der Wärme und dem
Verständnis der älteren Frau einnehmen und öffnete sich ihr ein
wenig, bis es ihr schließlich alles gestand.
Ruhig und freundlich erklärte die Frau, daß sie und ihr Mann
Freunde von Osric seien, daß Alfred schon mehrmals versucht hatte,
Osric aus der Leibeigenschaft freizukaufen. Dann machte sie ein
Angebot: »Wir sorgen für deine Mutter. Wenn Ralph nichts dagegen
hat, nehmen wir sie in unser Haus auf.«
»Aber…« Das Mädchen zögerte. »Wenn ich Kinder habe und wenn
Osric…«
»Wenn Osric etwas passiert? Dann sorgen wir auch für die
Kinder, wir lassen sie schon nicht verhungern.« Alfreds Frau
lächelte. »Mein Mann ist ein Meisterschmied. Er genießt hier ein
ziemlich hohes Ansehen.«
Auf dem Rückweg wußte Dorkes gar nicht, was sie denken oder
sagen sollte. Endlich sagte sie nur: »Danke!«
Ein paar Tage später sah Osric verwundert, wie sich ihm im
weichen Lichtschein des Kohlenbeckens eine kleine, blasse Gestalt
näherte.
Ein Jahr verstrich, bevor Dorkes' Mutter in
das Haus des Waffenschmieds aufgenommen wurde. In dieser Zeit wurde
das Hauptgeschoß des Towers fertiggestellt, und die riesigen
Eichenbalken für die Decke wurden vorbereitet. Osric und Dorkes
hatten sich im Schlafquartier soviel Privatraum wie möglich
geschaffen und lebten nun dort zusammen. Es hatte keine
Hochzeitszeremonie, keine offizielle Anerkennung ihrer Verbindung
gegeben; bei den Mitbewohnern galt Dorkes einfach als die Frau des
jungen Osric und er als ihr Mann, und kurz nachdem die Mutter
weggezogen war, eröffnete Dorkes Osric, daß sie schwanger
war.
Alfred fand, daß er und seine Frau etwas Gutes getan hatten
und daß das Leben im normannischen London alles in allem durchaus
erträglich war. Oder hätte sein können. Denn es gab ein quälendes
Problem, das sie alle zu verschlingen drohte, wenn es ihm nicht
gelang, eine Lösung dafür zu finden.
An einem späten Augustmorgen im Jahr des
Herrn 1083 stand Leofric der Händler vor seinem Haus und starrte
auf zwei Dinge, die seine Aufmerksamkeit so fesselten, daß er
seinen Blick ständig zwischen ihnen hin- und herwandern ließ.
Das erste war die zur Hälfte fertiggestellte Kirche. Der
Eroberer hatte nicht nur Burgen in England eingeführt, sondern auch
kontinentale Kirchen. Schließlich hatte er ja dem Papst
versprochen, im Gegenzug für seinen Segen die englische Kirche zu
reformieren. Er hatte den sächsischen Erzbischof von Canterbury
abgesetzt und an seiner Stelle Lanfranc, einen normannischen
Priester von bestem Ruf, eingesetzt. Lanfranc machte sich sogleich
daran, in seiner neuen Gemeinde aufzuräumen.
Vor einigen Jahren hatte es am West Cheap gebrannt. Leofrics
Haus war von den Flammen verschont geblieben, aber die kleine
sächsische Kirche St. Mary am oberen Ende des Wegs war völlig
abgebrannt. Nun hatte Erzbischof Lanfranc befohlen, sie wieder
aufzubauen, und zwar als seine persönliche Kirche in London. Auf
dem halben Weg zum Cheap hinter den Buden der Seidenhändler, Stoff-
und Schleifenverkäufer entstand nun eine kleine, hübsche Kirche,
einfach, stabil und aus Stein. Die Krypta war bereits fertig. Sie
hatte ein Hauptschiff und zwei Seitenschiffe. Das Auffälligste an
diesem Bau, das die Londoner sehr beeindruckte, waren die stabilen
Bögen dieser kleinen Kirche in dem imposanten normannischen Stil,
wie sie bereits in der Westminsterabtei zu finden waren; aufgrund
dieser Bögen hatte die Kirche bereits einen Namen, den sie für
immer behalten sollte: St. Mary-leBow.
Kaum ein Tag verstrich, ohne daß Leofric den Fortschritt an
diesem schönen neuen Bauwerk beobachtete. Es mochte zwar ein
normannischer Bau sein, der sich da gleich vor seiner Türschwelle
erhob, doch er gefiel ihm.
Der andere Anblick, der Leofric heute fesselte, wurde von
Augenblick zu Augenblick merkwürdiger. An der Nordseite des Cheap
befand sich eine schmale Gasse, die Ironmonger Lane. An dieser Ecke
drückte sich nun schon seit geraumer Zeit eine seltsame Gestalt
herum. Der Mann hatte sich seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen
und die Schultern eingezogen in dem vergeblichen Versuch, seine
Größe und wahrscheinlich auch seine Identität zu verbergen. Unter
der Kapuze lugte das Ende eines großen, roten Bartes hervor. Was
hatte er dort zu suchen? An der Ironmonger Lane lag ein neues
Quartier, das unter dem Namen seiner jüngsten Bewohner bekannt war,
der Juden.
Wilhelm hatte nicht nur seine Ritter nach England mitgebracht,
sondern auch die normannischen Juden. Sie genossen den besonderen
Schutz des Königs und hatten sich darauf spezialisiert, Kredite zu
gewähren, denn die meisten anderen Berufe blieben ihnen verwehrt.
Natürlich waren die Kaufleute von London vertraut mit den
Grundzügen der Geldwirtschaft. Kredite und ihre Begleiter, die
Zinsen, hatte es auch in London schon lange gegeben. Leofric,
Barnikel und Silversleeves hatten alle schon einmal Kredite
aufgenommen und sich zu Zinsen oder einem Äquivalent verpflichtet.
Doch diese Spezialistengemeinschaft war etwas Neues in der
angeldänischen Stadt.
Warum also trieb sich Barnikel dort herum? Nicht nur seine
Kleidung, auch sein Verhalten war wirklich sonderbar. Erst ging er
ein paar Schritte die Gasse hinauf, dann hielt er inne, drehte sich
um, schlurfte wieder zurück, wandte sich erneut um, machte nach ein
paar Schritten wieder kehrt. Leofric sah seinem Freund eine Weile
zu, bevor er sich anschickte, zu ihm hinzugehen. Doch
offensichtlich hatte nun auch Barnikel ihn bemerkt, denn er machte
sich flink in Richtung der Geflügelstände davon und verschwand
hinter ein paar Buden. Was war nur mit ihm los?
Einen Tag nach diesem Vorfall ging Hilda mit Barnikel Richtung
St. Clement Danes spazieren. Ihr Leben war in ruhigen Bahnen
verlaufen. Sie hatte ein weiteres Kind bekommen und sich mit ihrem
Schicksal abgefunden, soweit eine enttäuschte Frau dies tun kann.
Die keuschen Begegnungen mit dem Dänen waren wahrscheinlich ihre
größte Freude.
Doch vor einer Weile hatte sie an ihrem Freund eine
Veränderung bemerkt. Plötzlich wirkte er älter. Die grauen Haare in
seinem roten Bart schienen stärker aufzufallen; ein leichtes
Zittern in seiner Hand ließ sie wissen, daß er manchmal zuviel
trank.
Da ihr Vater ihr von der merkwürdigen Szene im Judenviertel
berichtet hatte, fragte sie ihren alten Freund nun vorsichtig, ob
denn alles in Ordnung sei. Anfangs wollte er nicht darüber
sprechen, doch als sie bei dem kleinen, inzwischen verfallenen Pier
in Aldwych angekommen waren, setzte er sich auf einen Stein,
blickte traurig auf die Themse und gestand ihr schließlich
alles.
Er stand vor einem ständig wachsenden Schuldenberg. Seit der
Eroberung litten viele dänische Händler unter der Konkurrenz der
Normannen. Vor kurzem waren den Londonern hohe Steuern auferlegt
worden, mit denen König Wilhelm seine Burgen finanzierte. Barnikel
brauchte Geld. »Ich muß also demnächst zu den Juden gehen«, sagte
er düster. »Ich habe zwar oft genug Geld verliehen, aber mir
niemals welches leihen müssen.«
»Aber Silversleeves schuldet dir doch Geld?« fragte sie.
Er nickte. »Dafür zahlt er die Zinsen.«
»Warum forderst du es nicht zurück?« wollte sie wissen.
»Dann weiß der Normanne, daß ich es brauche. Dann sieht er
mich zu Kreuze kriechen. Niemals! Lieber gehe ich zu den Juden«,
antwortete er heftig und sprang auf.
Hilda wunderte sich wieder einmal über die Eitelkeit der
Männer, doch dann fiel ihr ein, wie ihrem Freund vielleicht zu
helfen war. An diesem Abend besuchte sie ihren Vater und schlug ihm
vor: »Geh zu Silversleeves. Sag ihm nicht, daß Barnikel Probleme
hat oder daß ich mit dir gesprochen habe. Sag ihm nur, daß die
Schuld auf deinem Gewissen lastet, und bitte ihn, sie
zurückzuzahlen.«
Leofric nickte nachdenklich. »Du magst Barnikel, nicht
wahr?«
»Ja«, sagte sie nur.
»Es tut mir leid, daß ich dich mit Henri verheiratet habe«,
sagte Leofric leise.
»Das glaube ich dir nicht«, erwiderte seine Tochter trocken.
»Aber tu bitte dennoch, um was ich dich gebeten habe!« Damit ging
sie nach Hause.
Am Ende des Jahres 1083 machte sich König Wilhelm von England
immer mehr Sorgen um sein Inselkönigreich, denn die Nordmänner
schienen eine umfangreiche Verschwörung zu planen. Der Ursprung lag
in Dänemark, wo ein neuer König, ein weiterer Knut, es kaum
erwarten konnte, sich in ein neues Wikingerabenteuer zu stürzen.
Seine Gesandten hatten bereits mit den Rivalen des normannischen
Eroberers, dem neidischen König von Frankreich und dem
säbelrasselnden König von Norwegen, Verhandlungen
aufgenommen.
Selbst auf seine eigene Familie konnte der Eroberer sich nicht
verlassen. Sein Sohn Robert hatte bereits einmal, unterstützt vom
französischen König, versucht, zu rebellieren, und vor kurzem hatte
sich Wilhelm gezwungen gesehen, seinen Halbbruder Odo, den
kämpferischen Bischof von Bayeux, wegen Verdachts auf Verrat in den
Kerker zu werfen.
Solche Gerüchte gaben Barnikel natürlich Auftrieb. »In ein
oder zwei Jahren könnten wir wieder einen Knut auf dem Thron von
England haben«, meinte er begeistert zu Alfred. Warum war dieser
bloß so zurückhaltend?
Schon seit geraumer Zeit machte sich Alfred Gedanken über
seine Beziehung zu dem Dänen. Seit ihrem letzten Waffentransport
waren fünf Jahre vergangen, fünf Jahre, in denen Alfred sich als
Waffenschmied im Tower Vertrauen erworben hatte. Er hatte für Ralph
ein Kettenhemd und für Mandeville persönlich ein Schwert
angefertigt. Er hatte seine Kinder großgezogen und in Sicherheit
gelebt.
Alle paar Monate war Barnikel zu ihm gekommen und hatte ihn um
Waffen gebeten. Niemals viele auf einmal, immer nur so viele, wie
er, ohne Argwohn zu erregen, herstellen und an diversen Stellen
unter dem Boden der Werkstatt verstecken konnte. Alfred hatte dem
Dänen aus Loyalität heraus gedient. Doch als seine Familie immer
umfangreicher wurde, kam er diesen Aufträgen immer zögernder nach.
Und als er vor einem Monat einmal nachgesehen hatte, wie viele
Waffen tatsächlich unter seinem Fußboden lagerten, war er sehr
erschrocken. Wenn nun die Normannen seine Waffenschmiede
durchsuchten und diese Waffen fanden?
»Ich habe Angst«, gestand er Barnikel. »Und ich glaube auch,
daß es allmählich eine Zeitverschwendung ist. Die meisten Engländer
haben Wilhelm inzwischen akzeptiert. Wahrscheinlich würden sie
nicht einmal für die Dänen kämpfen.«
Barnikel schnaubte zwar vor Wut, konnte es jedoch nicht
leugnen. Natürlich würde sich London mit jedem König arrangieren,
doch bei mehreren der kleineren Aufstände in den letzten zehn
Jahren hatten die Engländer auf dem Land tatsächlich Seite an Seite
mit den verhaßten Normannen gekämpft, und zwar aus dem einfachen
Grund, weil solche Aufstände eine Bedrohung für die Ernte
darstellten.
»Du bist ein Verräter!« stellte Barnikel wütend fest.
»Und was sind dann deine Kinder?« gab ihm Alfred zurück.
Dies war ein harter Schlag, der den Dänen schwer traf. Alfred
wußte, daß die erwachsenen Söhne des Dänen wenig Neigung zeigten,
bei den geheimen Aktivitäten ihres Vaters mitzuwirken. »Wenn der
König von Dänemark eintrifft, dann werden wir Dänen sein«, hatte
der jüngste Sohn ihm unlängst erklärt, »aber nicht früher.« Diese
Einstellung war zwar vernünftig, doch Alfred wußte, daß Barnikel
darüber zutiefst enttäuscht war.
Nun sah Alfred, daß der alte Mann sehr verletzt war, und
vielleicht willigte er aus diesem Grund ein, das zu tun, was
Barnikel von ihm verlangte. Aber er tat es mit großen
Vorbehalten.
Im Dezember dieses Jahres wurde Barnikel höflich zu einem
Treffen mit Silversleeves gebeten, was ihn sehr überraschte. Der
langnasige Normanne hatte es inzwischen zu großem Reichtum und
Ansehen gebracht. Vor seinem Eingang stand ein bewaffneter
Wachposten. Zwei Angestellte arbeiteten an einem Tisch in seiner
großen, steinernen Halle. Er selbst war ein Kanoniker von St.
Paul's. Erzbischof Lanfranc persönlich hatte ihm seine Aufwartung
gemacht, und obgleich dieser strenge Reformator den klerikalen
Kaufmann sogleich als das erkannt hatte, was er war, war er doch zu
klug, um mehr gegen den großzügigen Kanoniker und Stiftsherrn von
St. LawrenceSilversleeves zu unternehmen, als ihn zu
ermahnen.
Nachdem der Normanne Barnikel ausgesprochen höflich begrüßt
hatte, bat er ihn, Platz zu nehmen, und trug dann mit ernster
Stimme sein Anliegen vor. »Es hat mir lange auf der Seele gelegen,
Hrothgar Barnikel, daß ich Euch eine gewisse Summe schulde, die ich
von Leofric übernommen habe. Lange schon wollte ich diese Schuld
tilgen, doch es handelte sich ja um eine beträchtliche Summe. Aber
nun, glaube ich, bin ich in der Lage, Euch die Summe voll
zurückzuzahlen, wenn Ihr denn mein Angebot annehmen wollt.«
Eine Weile fiel Barnikel vor Überraschung nichts ein. Die
Schuld in voller Höhe zurückerstattet? Er dachte an seinen
demütigenden Besuch im Judenviertel. Bislang hatte selbst er, der
doch vor keiner Schlacht zurückschreckte, nicht den Mut
aufgebracht, ein weiteres Mal dorthin zu gehen. »An was habt Ihr
denn gedacht?« fragte er schließlich.
Silversleeves hob eine Pergamentrolle vom Boden auf und strich
sie auf dem Tisch glatt. »Ein Anwesen, das eben in meine Hände
gelangt ist«, sagte er. »Vielleicht kennt Ihr es ja. Deeping heißt
es.« Barnikel kannte es tatsächlich. Es lag an der Ostküste, etwa
fünfzehn Meilen entfernt von den Ländereien, die er bei der
Eroberung verloren hatte. Obwohl er persönlich nie dort gewesen
war, wußte er, daß das Land an diesem Küstenabschnitt sehr
fruchtbar war, und die sächsische Aufstellung wies darauf hin, daß
dieses Anwesen vielleicht sogar mehr wert war als die fragliche
Schuld.
»Denkt in Ruhe darüber nach, wenn Ihr wollt«, sagte
Silversleeves. »Ich habe bereits einen Vertrag aufsetzen lassen,
falls Ihr daran interessiert seid.«
Barnikel stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. »Ich nehme
es«, sagte er. Und von da an schien es wieder aufwärtszugehen mit
ihm.
Im Winter 1084 wurde eine weitere große
Steuer erhoben, die schwer auf London lastete, doch auch auf dem
Land wurde kein Dorf verschont. Die Spannungen wuchsen. An der
Ostküste wurden zusätzliche Verteidigungen aufgestellt. Berichten
zufolge würde die riesige dänische Flotte im nächsten Sommer bereit
sein, in See zu stechen. Im Frühjahr 1085 hörte man überall in
London: »König Wilhelm läßt eine Extraarmee von Söldnern aus der
Normandie herbringen.« In der Stadt herrschte eine strenge
Ausgangssperre. Eines Tages warnte Hilda Barnikel auf einem ihrer
Spaziergänge: »Ralph stellt in jeder Straße Spione auf.«
Doch dies trug nur dazu bei, daß Barnikel die Herausforderung
um so mehr genoß. Er kannte fünfzig bis sechzig Männer, die
wahrscheinlich bereit waren zu handeln. Einige dieser Männer
stammten aus Kent, wo die Gier Odos die normannische Herrschaft in
Verruf gebracht hatte; andere waren dänische Händler wie er, die
seit der Eroberung unter dem wachsenden Einfluß der kontinentalen
Kaufleute litten; wieder andere waren enteignete Sachsen, die ihr
Land zurückzugewinnen hofften. Jetzt heißt es nur noch, den
günstigsten Zeitpunkt abzuwarten, dachte Barnikel höchst zufrieden.
Doch im Mai wurden seine Pläne vereitelt, und zwar auf völlig
unerwartete Weise.
Für Osric waren es glückliche Zeiten. Sein
erstes Kind, ein gesundes Mädchen, machte ihm viel Freude. Dank
Alfred und seiner Familie mangelte es dem Kind nie an Kleidung oder
Nahrung. »Und eines Tages bekommen wir ja vielleicht auch noch
einen Jungen«, sagte er zu Dorkes.
Die sich verschärfende politische Krise in England hatte sein
Leben jedoch auch noch auf andere Weise verbessert. Die Arbeiten am
Tower gingen zügig voran, so daß Ralph auch anderes für Mandeville
erledigen konnte und seine Bauaufsicht meist nur aus der täglichen
Stippvisite bestand.
Das obere und letzte Stockwerk des Towers sollte das
prunkvollste werden. Es war eigentlich ein doppeltes Stockwerk.
Viele Jahrhunderte später sollte ein Zwischenboden eingezogen
werden, doch die ursprünglichen Wände waren fast zwölf Meter hoch.
In der Westhälfte gab es eine große Halle, in der östlichen das
königliche Gemach. In sechs Metern Höhe gab es an den Außenwänden
beider Räume eine Galerie, auf der man herumspazieren und durch
kleine Fenster auf die Themse oder durch die normannischen
Rundbögen auf die großen darunter liegenden Räume blicken konnte.
Es gab noch einige Latrinen und im Ostzimmer eine weitere
Feuerstelle, obgleich der riesige Hauptsaal im traditionellen Stil
durch große Kohlenbecken in seiner Mitte geheizt werden
sollte.
Am edelsten in ihrer Schlichtheit war die Kapelle im
südöstlichen Teil. An der östlichen Wand lag die abgerundete Apsis.
Der Innenraum war von einer doppelten Reihe massiver Rundpfeiler
unterteilt, durch die ein kurzes Hauptschiff und zwei Seitenschiffe
entstanden, und im oberen Bereich gab es eine Galerie mit großen
Bogenöffnungen. Die Fenster waren gerade breit genug, um den
blaßgrauen Stein in ein angenehmes Licht zu tauchen. Sie war dem
Heiligen Johannes geweiht.
Die Hauptbögen standen kurz vor der Fertigstellung, da
erreichte Osric eines Abends im Frühling die unerwartete Nachricht,
daß Barnikel ihn sehen wollte.
Zwei Leute standen dem Dänen im Weg. Der
erste war Ralph Silversleeves. Im Zuge der Vorbereitungen auf die
erwartete Invasion hatte König Wilhelm nicht nur Söldner vom
Kontinent kommen lassen, sondern auch Mandeville damit beauftragt,
die Londoner vorzubereiten, was für Ralph eine neue Aufgabe
bedeutete. Seine Leute gingen von Haus zu Haus und sammelten Waffen
ein. Den Besitzern dieser Waffen wurde eine schreckliche Strafe in
Aussicht gestellt, falls sie noch weitere Waffen versteckt hielten.
Die Normannen arbeiteten rasch. Vielleicht war Barnikels große
Streitaxt die einzige Waffe, die ihnen entging, doch Barnikel
bestand zum Entsetzen seiner Familie hartnäckig darauf, sie
versteckt zu halten.
Da viele der Waffen in schlechtem Zustand waren, wurden sie zu
den Waffenschmieden gebracht, in deren Werkstätten Wachen darauf
achteten, daß nichts verschwand. Danach sollten sie in ein sicheres
Lager geschafft werden. »Und dann werde ich auch noch die
Waffenschmieden durchsuchen lassen, um sicherzugehen, daß sie
wirklich nichts versteckt haben«, prahlte Ralph eines Abends bei
seiner Familie.
»Und wo willst du diese ganzen Waffen aufbewahren?« fragte
Hilda.
Ralph grinste. »Im Tower«, erwiderte er.
Damit würde der Tower zum erstenmal benutzt werden. Während
der Bauarbeiten war die Londoner Garnison weiterhin auf die
Festungen am Ludgate und an anderen Orten verteilt, doch der große
Keller, der vom übrigen Tower abgetrennt war, konnte schon gut als
Lager dienen. Ralph hatte bereits ein weiteres mächtiges Tor als
zusätzliche Sicherheitsmaßnahme am Fuß der Wendeltreppe anbringen
lassen, und auch für dieses hatte Alfred ein starkes Schloß
hergestellt.
Am nächsten Tag informierte Hilda Barnikel. Dieser und Alfred
wurden natürlich unruhig bei der Aussicht, daß die Waffenschmieden
durchsucht werden sollten, doch schließlich war es die Frau des
Waffenschmieds, die die Krise verschärfte. Sie war einmal ziemlich
spät in der Nacht in die Waffenschmiede gekommen und hatte ihren
Mann dabei ertappt, wie er gerade ein Schwert in einem Versteck
unter dem Boden verbergen wollte. Nach dem ersten Schreck hatte sie
ihn dazu gebracht, ihr alles zu gestehen, und dann hatte sie ihm
ein Ultimatum gestellt: »Wie kannst du nur uns alle derart
gefährden? Du mußt sofort aufhören, Barnikel zu helfen. Und die
Waffen müssen weg, sonst gehe ich!«
Obwohl Alfred insgeheim erleichtert war, daß er nun endlich
eine Entschuldigung hatte, um diesem gefährlichen Treiben ein Ende
zu setzen, blieb doch noch ein großes Problem: »Ralphs Leute halten
Wache vor meiner Schmiede. Seine Spione sind überall. Wie sollen
wir die Waffen rausschmuggeln, und wo sollen wir sie
verstecken?«
Schließlich fiel Barnikel Osric und die geniale Art und Weise
ein, wie sie die Waffen vor einigen Jahren aus London
herausgeschmuggelt hatten, und er schlug vor, den kleinen Zimmerer
zu fragen. »Vielleicht fällt ihm ja wieder etwas Kluges ein!«
Und Osric hatte tatsächlich einen Vorschlag. Der Däne
schnappte erst einmal nach Luft, dann brach er in ein brüllendes
Gelächter aus, schließlich rief er, nach Luft japsend: »Das ist so
irrwitzig, daß es vielleicht tatsächlich funktionieren
könnte!«
Das Klopfgeräusch von Hammer und Meißel
hallte in dem riesigen, dunklen Kellergewölbe wider. Klopf. Klopf.
Manchmal hielt Osric die Luft an; hoffentlich dämmten die dicken
Wände des Towers diese kurzen, scharfen Laute! Leise kratzte er den
Mörtel weg. Vorsichtig holte er einen Stein heraus und dies alles
im Licht einer kleinen Öllampe in dem rabenschwarzen Keller unter
der Krypta.
Der Einfall war ihm gekommen, als er an die Schatzkammer
dachte, die er vor drei Jahren gemacht hatte. »Die Wand neben der
Krypta ist fast vier Meter dick«, erklärte er Barnikel. »Wenn es
also dort genug Platz gab für die Schatzkammer, dann muß auch in
der direkt darunter liegenden Kellerwand genug Platz sein.« Nach
sorgfältigen Berechnungen hatten Barnikel und Alfred ihm erklärt,
daß sie einen etwa zwei mal drei Meter großen Raum benötigten, um
alle illegalen Waffen unterzubringen, die sie hatten. Ob er das
fertigbringen könnte? »Ich brauche eine Woche dafür«, hatte er
erwidert.
Osric fiel es nicht schwer, nachts in den leeren Tower
hineinzuschlüpfen. Alfred hatte ihm Schlüssel für die Kellertüren
gegeben. Doch er hatte nicht viel Zeit. Sobald man damit anfangen
würde, die offiziellen Waffen im Keller zu lagern, würde Ralph
Wachposten vor den Türen aufstellen. Deshalb arbeitete Osric die
ganze Nacht hindurch bis kurz vor Morgengrauen. Erst entfernte er
die Steine, dann begann er in der weicheren Kiesfüllung zu graben.
Den Kies schaufelte er in einen Sack, den er aus dem Keller unter
der Krypta in das große Westzimmer und von dort aus zum Brunnen
schleppte, in den er den Sack entleerte. Am Ende jeder Nacht setzte
er die Steine wieder an ihre alten Stellen ein und festigte sie mit
einer dünnen Schicht neuen Mörtels, säuberte dann noch sorgfältig
den Boden und schlich sich schließlich wieder davon. Nach einer
Woche war eine kleine Geheimkammer in der Kellerwand entstanden,
gerade groß genug, daß er darin stehen konnte.
Nur eines war noch zu tun. In der letzten Nacht ging er zu dem
großen westlichen Keller. In der Ecke lag das stabile Eisengitter
über dem Abfluß. Zur Instandhaltung und Reinigung des Abflusses
konnte man dieses Gitter öffnen und schließen. Mit dem Schlüssel,
den Alfred ihm gegeben hatte, öffnete Osric das Gitter und seilte
sich in das Abflußrohr ab. Gebückt kroch er durch den etwa fünfzig
Meter langen Gang, bis er am Flußufer angelangt war. Auch vor
diesem Loch ins Freie befand sich ein dickes Eisengitter.
Es war Ebbe, so daß der Gang nahezu trocken war. Die dicken
Stäbe dieses Gitters ließen sich jedoch nicht mit einem Schlüssel
öffnen, so daß Osric den Rest der Nacht damit zubrachte, die Steine
um das Gitter herum zu lockern, bis er es endlich aufbekam. Dann
befestigte er es wieder sorgsam, wenn auch mit dünnem Mörtel, so
daß er es mit gezielten Hammerschlägen von beiden Seiten problemlos
würde aufbrechen können. Schließlich kroch er in den Keller zurück,
verschloß das vor dem dortigen Zugang liegende Gitter und ging. Von
nun an konnte er vom Fluß aus durch den schmalen Gang in den Tower
gelangen.
Drei Tage später wurden die konfiszierten Waffen unter
scharfer Bewachung aus den Waffenschmieden in den Tower geschafft.
Als die Karren bei Alfred vorfuhren, war dieser noch nicht fertig,
so daß den Karrenlenkern nichts anderes übrigblieb, als wieder
wegzufahren und später noch einmal wiederzukommen. Erst am Ende
dieses Tages war Alfred soweit, daß die Waffen, die sorgfältig in
Wachstuch gewickelt waren, auf die Karren verladen werden konnten.
Die Wächter bemerkten, daß es sich um eine größere Menge von Waffen
handelte, als man erwartet hatte. So rasch wie möglich fuhren sie,
begleitet von Alfred, zu dem großen Lager.
Mehrere Männer halfen bei dem Transport der schweren Ladung in
den Tower und die Wendeltreppe hinunter in den Keller, wo die
Waffen an den Wänden gestapelt wurden. Als Alfred scheinbar
beiläufig Osric aufforderte, beim Tragen zu helfen, achtete niemand
weiter darauf. Selbst Ralph schöpfte keinen Verdacht. Warum sollte
er auch, schließlich wurden die Waffen ja in den Tower
gebracht.
Als die beiden Tore zum Keller wieder verriegelt wurden und
eine Wache am Eingang postiert wurde, merkte niemand, daß Osric
verschwunden war.
Er schuftete die ganze Nacht. Mit den Werkzeugen, die Alfred
für ihn hereingeschmuggelt hatte, lockerte er die Steine vor dem
Geheimversteck. Dann machte er sich daran, die Waffen in die
geheime Kammer zu schaffen.
Alfred hatte alles bestens arrangiert. In jedem gerollten
Wachstuch befand sich ein zweites, in das eine illegale Waffe
eingewickelt war. Selbst nachdem die illegalen Waffen entfernt
waren, schienen es also noch immer so viele Waffen zu sein wie
vorher. Zwei Stunden vor Morgengrauen hatte Osric alles in dem
Versteck untergebracht. Er legte die Steine zurück an ihre Stelle
und befestigte sie wieder mit ein wenig Mörtel. Nun mußte er nur
noch das Gitter über dem Abfluß entriegeln und hineinklettern, es
hinter sich wieder verschließen und durch den Abfluß hindurch zum
Flußufer gelangen.
Er verzögerte die Sache jedoch etwas. Zuerst warf er noch
Staub auf die frischgemauerte Wand, um den feuchten Mörtel zu
verbergen. Dann durchforstete er mit der Lampe in der Hand noch
einmal sämtliche Ecken, um sicherzugehen, daß auch nichts auf seine
Anwesenheit hinwies. Als er endlich zufrieden war, dämmerte es
bereits. Er war gerade auf dem Weg zu dem westlichen Kellerraum,
als er plötzlich hörte, wie die schwere Eichentür am Fuß der Treppe
quietschend aufging.
Ralph hatte keinen Schlaf gefunden. Er war zu aufgeregt. Der
König persönlich hatte bereits seine Zufriedenheit über die
Waffenoperation geäußert, und nun hatte Ralph beschlossen, im
frühen Morgengrauen sein Werk noch einmal zu begutachten.
Er hielt eine Fackel hoch und lief den großen Westkeller ab,
in dem die Waffen lagerten. Zufrieden lächelnd blickte er auf sie.
Dann sah er Osric, der schlafend, mit dem Rücken an die Wand
gelehnt, auf dem Boden kauerte. Was zum Teufel tat dieser Bursche
hier? Ralph hielt die Fackelflamme an sein Gesicht, bis dieser
blinzelnd aufwachte. Osric lächelte.
»Gott sei Dank seid Ihr gekommen, Sir!« sagte er. Offenbar war
er in der vergangenen Nacht hier unten vergessen worden. »Ich habe
immer wieder an die Tür gehämmert und geschrien«, erklärte er,
»aber niemand ist gekommen. Ich bin die ganze Nacht hier unten
gewesen.«
Argwöhnisch blickte Ralph sich um, dann inspizierte er Osric,
der innerlich dem Herrgott dankte, daß er daran gedacht hatte,
seine Werkzeuge und den Schlüssel zu dem Abflußgitter in den
Brunnen zu werfen.
Ralph fand nichts Verdächtiges. Er dachte nach. Der Bursche
sagte wohl die Wahrheit. Und weil er an diesem Morgen so guter
Laune war, machte er sogar einen kleinen Witz. »Nun, Osric«, sagte
er, »damit warst du wohl der allererste Gefangene im Tower!« Dann
ließ er ihn gehen.
Im Juni wimmelte es in London von Söldnern. Jeden Tag wurde
die Invasion erwartet. Die Stadt war so aufgeregt wie nie seit
1066. Es wurde Juli; dann August. Soldaten kamen und gingen.
England wartete, doch noch immer zeigte sich kein
Wikingerschiff.
Der Zusammenbruch der großen dänischen Expedition im Jahr
1085, die vielleicht tatsächlich das Ende der normannischen
Herrschaft in England bedeutet hätte, ist nach wie vor ein
historisches Rätsel. Die riesige Flotte war aufgestellt, der neue
König Knut bereit zum Aufbruch. Doch dann kam es zu einem Streit.
Um was es genau ging, wußte niemand mit Sicherheit zu sagen, sicher
war nur, daß Knut im darauffolgenden Jahr ermordet wurde. Ob die
Auseinandersetzung rein innenpolitischer Natur war oder ob sie von
Agenten Wilhelms von England auf kluge Weise geschürt worden war,
wird man nie genau wissen. Doch die Flotte stach nicht in
See.
Der Herbst verstrich, und der Tower
wuchs.
Barnikel schöpfte den Verdacht, daß er betrogen worden war.
Kurz nach Michaeli hatte er den Ertrag aus seinen neuen Ländereien
in Deeping eingefordert, und der Verwalter hatte ihm eine
lächerliche Summe geschickt. Als er eine Erklärung verlangte, hatte
ihm der Mann eine Nachricht zukommen lassen, aus der er überhaupt
nicht schlau wurde.
»Entweder ist der Bursche ein Dummkopf, oder er hält mich für
einen«, fluchte der Däne, und wenn nicht gerade ein heftiger
Schneefall eingesetzt hätte, wäre er sofort aufgebrochen, um nach
dem Rechten zu sehen. Sobald der Schnee zu Beginn des
darauffolgenden Frühjahrs wich, machte er sich auf den Weg.
Er brauchte mehrere Tage. Zuerst mußte er die dichten Wälder
hinter London durchqueren, dann die riesige, flache Wildnis von
Ostanglien. An einem angenehmen Märzmorgen kam er schließlich in
dem Küstenweiler Deeping an.
Er wollte seinen Augen kaum trauen, denn der Weiler und seine
Wiesen waren nicht von fruchtbaren Feldern, sondern auf drei Seiten
von dem salzigen Wasser der Nordsee umgeben.
»Das Meer ist dieses Jahr schon wieder weiter hereingekommen«,
erklärte ihm der Verwalter. »In zwei Jahren wird das Dorf
verschwunden sein. So wie hier sieht es die nächsten fünf
Küstenmeilen aus. Dort drüben ist Ihr Anwesen, Sir!« Er deutete
nach Osten. »Das Meer hat es verschluckt.«
»Dieser verdammte Silversleeves hat mich betrogen!« brüllte
Barnikel. Aber er fragte sich auch, warum das Meer anstieg.
Das tat es gar nicht, beziehungsweise nur sehr gering. Zwar
stieg der Meeresspiegel in der nördlichen Welt aufgrund des
Weichens der letzten Eiszeit tatsächlich leicht an, doch der Grund
für diese Überflutung war ein anderes Phänomen, das es bereits seit
längerem gab: England neigte sich zur Seite, wodurch die Küste von
Ostanglien unterging und der Wasserstand in der Themsemündung
anstieg.
Barnikel fluchte lauthals auf das Meer und noch mehr auf den
gerissenen Silversleeves. Doch er hatte einen Vertrag unterzeichnet
und konnte nun nichts mehr daran ändern. Er war über den Tisch
gezogen worden.
Und er wäre noch verwirrter gewesen, wenn er den eigentlichen
Grund für sein Elend gekannt hätte.
Nachdem Silversleeves damals Leofrics Schulden an Becket, dem
Kaufmann aus Caen übernommen hatte, arbeitete er an dem langen
Prozeß weiter, der es ihm ermöglichen sollte, den gesamten Handel
seines alten Rivalen mit London zu kontrollieren. Erst im letzten
Winter, als Becket sechs Schiffsladungen als Außenstände zu
verzeichnen hatte, stellte der gewitzte Kanoniker von St. Paul's
plötzlich alle Zahlungen ein und verweigerte sämtliche Lieferungen.
»Dies sollte sie alle bis Ostern ruiniert haben«, erklärte er
Henri. Und weil Barnikel ihn vor zwanzig Jahren einmal beleidigt
hatte, war er in diesen Prozeß einfach mit einbezogen worden.
Klüger, ärmer und um Jahre gealtert kehrte Barnikel bedrückt
nach London zurück mit dem bleibenden Gefühl, daß die Normannen
gewonnen hatten. In seinem Haus in Billingsgate angekommen, legte
er sich drei Wochen lang ins Bett und trank Unmengen von Ale. Erst
als es Hilda nach drei vergeblichen Versuchen endlich gelang, sich
Zugang zu ihm zu verschaffen und ihm eine stärkende Brühe
einzuflößen, kam er allmählich wieder zu sich.
1086 unternahm Wilhelm der Eroberer von
England einen der bemerkenswertesten Verwaltungsakte aller Zeiten,
zum Teil auch deshalb, weil er aufgrund der Panik des vergangenen
Jahres zusätzliche finanzielle Mittel benötigte. Es war ein
erstaunliches Zeugnis nicht nur für seine Gründlichkeit, sondern
vor allem für seine Vorherrschaft über seine Vasallen. Kein anderer
König im mittelalterlichen Europa hätte sich je an ein derartiges
Vorhaben herangewagt.
Weihnachten 1085 gab Wilhelm die DomesdayUntersuchung in
Auftrag. Das gesamte Land, Dorf für Dorf, sollte von seinen Beamten
untersucht werden; jedes Feld, jedes Schlagholz sollte abgemessen
und bewertet werden, jeder Freie, jeder Leibeigene und der gesamte
Viehbestand sollten gezählt werden. »Er übersieht kein einziges
Schwein«, sagten die Leute mit einer Mischung aus Ehrfurcht und
Verachtung. Am Ende hatte König Wilhelm die Grundlage für eine
äußerst effiziente Besteuerung.
Er hatte natürlich auch Glück. Die meisten Feudalherren in
Europa hätten derartige Ermittlungen nie zugelassen. In seinem
eigenen Fürstentum, der Normandie, versuchte Wilhelm so etwas nie.
Doch in England waren ihm die meisten Landbesitzer persönlich
verbunden und deshalb gefügig.
An einem sonnigen Aprilmorgen kehrte Alfred
in das Dorf in der Nähe von Windsor zurück, das er als Junge
verlassen hatte. Er hatte schon länger vorgehabt, seine Familie zu
besuchen, und war nun ziemlich aufgeregt.
In den Jahren nach der Eroberung hatte sein Vater die Pacht
auf eine Reihe von Äckern erworben, für die er mit Geldleistungen
bezahlte. Bei seinem Tod hatte er einige dieser Acker Alfred
überlassen, der die Geldleistungen übernahm, während sein Bruder
sich um die Bebauung des Landes kümmerte. Alfred hatte dadurch ein
kleines Zusatzeinkommen und auch eine Verbindung zu seiner Familie.
Da die Domesday-Beamten bald in die Gegend um Windsor kommen
sollten, hatte er beschlossen, kurz heimzukehren und
sicherzustellen, daß seine Ansprüche ordnungsgemäß festgehalten
wurden.
Er stieß auf eine muntere, lebhafte Szene. Das große Feld war
bereits gepflügt, die Samen waren eben gesät worden, und nun wurde
es mit der Egge bearbeitet, bevor die Vögel die Samen auffressen
konnten. Er sah die alte Schmiede mit ihrem Holzdach, den Amboß
seines Vaters, roch den vertrauten Kohlengeruch. Nichts hatte sich
verändert.
Doch obwohl sein Bruder und dessen Familie ihn herzlich
begrüßten, lag etwas in der Luft, das Alfred störte. Er hatte
jedoch keine Zeit, seinen Bruder danach zu fragen, denn eben trafen
die Vermesser ein. Es waren drei, zwei Franzosen und ein Londoner,
der bei der Übersetzung half. Der Gemeindevorsteher, der Verwalter
des Gutsherrn, führte sie herum.
Sie waren fast fertig, als sie bei der Schmiede ankamen. Einer
der Beamten entfernte sich mit dem Londoner, um die Wiese zu
inspizieren, der andere ging mit dem Gemeindevorsteher um die
Häuser herum. Sie begutachteten auch die Schmiede. Der Beamte
blickte fragend auf den Gemeindevorsteher, der auf Alfreds Bruder
deutete und meinte: »Ein guter Mann. Er leistet Dienste für sein
Land.« Alfred starrte seinen Bruder an. »Du zahlst doch
Geldleistungen!« Doch sein Bruder sagte nichts, und der Verwalter
machte sich eine Notiz auf seiner Schiefertafel.
»Und der da?« Nun blickten sie auf Alfred.
»Ich bin Alfred der Waffenschmied aus London. Ein freier
Bürger. Ich zahle Pacht.«
Der Verwalter bestätigte nickend die Pacht, und der Beamte
wollte es gerade aufschreiben, als sein Kollege nach ihm rief, weil
er ihm etwas auf der Wiese zeigen wollte. Alfred wandte sich an
seinen Bruder. »Was soll das heißen?« fragte er ihn. »Bist du ein
Leibeigener?«
Und dann kam es heraus. Es waren harte Zeiten, nicht genug
Arbeit für die Schmiede und zu viele Mäuler zu stopfen. Alfred
verstand. Freie Männer zahlten Pacht und Steuern an den König. Es
war nicht ungewöhnlich, daß ein freier Bauer, der diese Lasten
nicht tragen konnte, seinen Herrn mit Diensten bezahlte und sich
damit in die Leibeigenschaft begab. »Was macht es denn schon für
einen Unterschied?« fragte sein Bruder matt.
In seinem alltäglichen Leben wohl kaum einen. Aber das war
Alfred nicht wichtig. Wichtig war, daß sein Bruder aufgegeben
hatte. Dann blickte er auf die Frau seines Bruders und sah, was sie
dachte: Wenn dieser reiche Bruder aus London uns das Land, das er
hier hat und nicht braucht, überlassen würde, dann würde es uns
bessergehen.
In diesem Augenblick wurde Alfred plötzlich wütend. Die innere
Stimme, die ihn daran erinnerte, daß er vielleicht auch hungern
würde, wenn nicht Barnikel gewesen wäre, brachte er sofort zum
Schweigen. Als meine Chance kam, habe ich sie ergriffen, erinnerte
er sich. Er blickte seinen Bruder verächtlich an und sagte: »Ich
hoffe nur, daß unser Vater dich jetzt nicht sehen kann!«
Als der französische Landvermesser zurückkam, stellte er keine
weiteren Fragen. Nach einem schnellen Blick auf die anderen Häuser
schickte er sich zum Aufbruch an. Doch dann fiel ihm noch ein, daß
er ja etwas über diesen Burschen mit der weißen Haarsträhne hatte
notieren wollen. Was hatte dieser Kerl zu seinem Status gemeint?
»Diese verfluchten Engländer machen es einem wirklich nicht
leicht«, murmelte er. Denn obwohl die Domesday-Untersuchung so
gründlich war, waren die französischen Verwalter doch oft genug
erstaunt über das, was sie vorfanden. »Ist dieser Mann ein Sklave,
ein Leibeigener oder ein Freier?« fragten die ordentlichen Beamten,
die auch Lateinisch konnten. Oft genug erhielten sie auf diese
Frage einen Bericht über sonderbare, unbestimmte Vereinbarungen,
die im Lauf der Zeit und aus der Gewohnheit heraus entstanden
waren. Wie sollten sie nur diese angelsächsischen Unklarheiten in
die klaren Kategorien einfügen, die in ihren Dokumenten vorgesehen
waren? Bei solchen Unsicherheiten griffen sie auf eine allgemeine
Kategorie zurück, deren legaler Status absichtlich vage gehalten
war. Es war die des villanus – eine Art leibeigener
Zinsbauer, die weder Leibeigener noch freier Mann bedeutete,
sondern vor allem »Bauer«.
Der Beamte runzelte die Stirn. Er konnte sich einfach nicht
erinnern, was der Bursche mit der weißen Haarsträhne gesagt hatte,
doch er wußte noch, daß der Mann neben ihm ein Leibeigener war.
Also schrieb er seufzend villanus in seine Unterlagen. Und
so tauchte Alfred im großen Domesday-Book von England als kleiner,
namenloser Fehler auf. Damals schien es nicht weiter wichtig zu
sein.
1087
Im August 1086 kam es achtzig Meilen
westlich von London in der Burg Sarum zu einem großen,
symbolträchtigen Treffen. Dort wurden König Wilhelm die riesigen
Bände seines Domesday-Book überreicht, und die bedeutendsten Männer
seines Reiches machten ihm ihre Aufwartung. Eigentlich hätte es
eine Gelegenheit zum Feiern sein sollen, doch die Stimmung war
gedrückt. Der König wurde alt. Er war äußerst korpulent; wenn er
sich in den Sattel schwang, tat er es unter Stöhnen. Er hatte nach
wie vor zahllose Feinde, vor allem den neidischen König von
Frankreich. Als die großen Männer des Königreichs sahen, wie
gealtert und kränklich ihr König wirkte, überkamen sie düstere
Vorahnungen.
Zwar war Wilhelm nur von wenigen geliebt, doch von allen
gefürchtet. Zwar war er brutal, doch es herrschte Ordnung. Was
würde aus seinen normannischen Ländereien und seinem englischen
Königreich werden, wenn der große Eroberer nicht mehr da war? Sie
würden an seine Söhne übergehen. An den düsteren, launischen Robert
und an Wilhelm, der wegen seines roten Haares Rufus, der Rote,
genannt wurde, einem klugen, doch auch grausamen Burschen. Er war
noch nicht verheiratet, und es hieß, daß er sein Lager lieber mit
jungen Männern als mit Frauen teilte. Und dann gab es noch
Heinrich, den Jüngsten, der im Ruf stand, böse und unberechenbar zu
sein. Außerdem war da noch ihr ehrgeiziger Halbonkel, Bischof Odo
von Bayeux, der noch immer im Gefängnis saß, in das König Wilhelm
ihn gesteckt hatte.
Im Frühjahr des neuen Jahres brach im Westen Englands eine
Viehseuche aus, die sich rapide verbreitete. Schreckliche Stürme
drohten die Ernte zu ruinieren. Wieder einmal kämpfte König Wilhelm
auf dem Festland, und seine Verwalter versuchten bereits, neue
Steuern einzutreiben.
In London trafen sich die Kaufleute und dachten über ihre
Zukunft nach. Es fanden viele geheime Gespräche statt, und auch
Barnikel nahm an einigen von ihnen teil.
Im Frühjahr 1087 erklärte Dorkes Osric, daß sie wieder
schwanger war. Es war ihre dritte Schwangerschaft. Nach der ersten
Tochter hatte sie eine weitere bekommen, die jedoch tot zur Welt
gekommen war. Doch dieses gesunde Wesen, das sich da heftig in ihr
regte, schien anders zu sein, und in seinem Herzen war sich Osric
ganz sicher, daß er einen Sohn bekommen würde. Osric war erst Mitte
Zwanzig, doch in jenen harten Zeiten hatte ein Arbeiter keine
besonders lange Lebenserwartung. Ein reicher Kaufmann konnte in den
Annehmlichkeiten seines Heims ein hohes Alter erreichen, doch Osric
rechnete nicht damit, älter als vierzig zu werden. Er hatte bereits
drei Zähne verloren. Vielleicht würde sein Sohn mit viel Glück
schon einige Jahre alt sein, wenn der Vater starb; sein Sohn, der
ein besseres Leben haben sollte. »Vielleicht hat er ja mehr Glück
als ich und wird tatsächlich Zimmerer«, sagte er zu Dorkes.
»Und wie soll er heißen, wenn es ein Junge wird?« fragte
sie.
Osric dachte kurz darüber nach, dann meinte er: »Er soll nach
unserem größten englischen König Alfred heißen.«
In diesem Jahr ereignete sich auch etwas
sehr Erstaunliches bei Ralph Silversleeves. Im August, als ein
weiterer Sturm dafür gesorgt hatte, daß die Ernte nahezu völlig
verwüstet war, verkündete er, daß er heiraten wolle. Er hatte im
Mai ein Mädchen getroffen. Es war groß und blond, die Tochter eines
wohlhabenden deutschen Kaufmanns, der an der Mündung des Walbrook
in der Nähe des deutschen Kais wohnte. Sie hatte ein großes,
flaches Gesicht, große, blaue Augen, große Hände, große Füße und
einen großen Appetit, wie sie fröhlich jedem gestand, der es hören
wollte. Da sie mit dreiundzwanzig noch unverheiratet war, hatte sie
wohl oder übel beschlossen, Ralphs tölpelhafte Art nett zu
finden.
Nichts hatte Ralph so viel Vergnügen bereitet wie die Freude
auf dem Gesicht seines Vaters und der Ausdruck erstaunten
Unglaubens auf dem seines Bruders, als er ihnen die Nachricht
überbrachte.
An einer Kette um seinen Hals trug er stolz einen Talisman,
den sie ihm gegeben hatte, einen sprungbereiten Löwen, und sie
hatte ihm gesagt, daß er sie an ihn erinnerte. Sie wollten noch vor
Weihnachten heiraten. Sie hieß Gertha.
Noch eine weitere wichtige Veränderung hatte sich in diesem
Sommer bei der Familie Silversleeves zugetragen: Im Juni hatte
Hilda bemerkt, daß ihr Mann sie betrog. Sie hatte schon länger den
Verdacht gehegt, daß es andere Frauen gab, denn die Kluft zwischen
ihnen wurde immer größer. Dann ging er eines Abends im Juni aus und
sagte ihr, daß er die Nacht über wegbleiben würde. Da es ihrem
Vater nicht sehr gutging, besuchte sich ihn in dem Haus ihrer
Kindheit unter dem Hauszeichen des Bullen. Als Henri ein paar
Abende danach wieder ausging, war sie sich sicher.
Nach den Stürmen, die die Ernte ruinierten, wurde es heiß und
trocken. Die Hitze und die Trockenheit hielten bis spät in den
September hinein an, und viele bekamen Angst vor einem Feuer. Am
Ende des Sommers 1087 belagerte König Wilhelm eine französische
Burg und wurde dabei verletzt. Die Wunde begann zu schwelen. Bald
war klar, daß der König sich nicht davon erholen würde.
Seine Angehörigen versammelten sich um sein Sterbebett. Robert
erhielt die Normandie, Wilhelm »Rufus« England, der junge Heinrich
Geld. Odo, der Halbbruder des sterbenden Königs, wurde begnadigt.
So waren die Weichen gestellt für eine Generation der Eifersucht,
Intrige und Meuchelei. Einige Tage darauf, nach einer langen,
heißen Reise über das Land zur Kirche seiner Vorfahren in Caen,
explodierte der verwesende Leichnam Wilhelms des Eroberers, der so
aufgebläht war, daß er nicht in einen Sarg hineingequetscht werden
konnte, über den am Wegrand Stehenden. In der Zwischenzeit eilte
Rufus so schnell er konnte zu seiner Krönung nach England.
Zwei Wochen später trafen sich einige
Männer im Haus von Barnikel bei All Hallows. Als Barnikel hörte,
was sie wollten, lächelte er. »Ich kann euch geben, was ihr
braucht«, sagte er. Heimlich ließ er nach Osric rufen.
Ralph Silversleeves konnte sein Glück kaum fassen. Was für
eine phantastische Gelegenheit, den neuen normannischen König zu
beeindrucken! Mandeville hatte ihm die politische Lage erklärt.
»Robert wird versuchen, Rufus England abzunehmen, weil er über ein
ebenso großes Reich herrschen will wie sein Vater. Odo wird ihn
wahrscheinlich unterstützen. Dazu wird er eine große Gruppe von
Reitern aus Kent zur Verfügung stellen. Meines Wissens sind auch
einige andere Barone bereit, sich ihnen anzuschließen, weil sie
Rufus ablehnen. Und mit Sicherheit gibt es auch eine Gruppe in
London, die bereit ist, sich auf ihre Seite zu schlagen, wenn sie
glaubt, daß für sie dabei etwas herausspringt. Doch die meisten
Sheriffs und der Landadel wollen den König von England, nicht den
Herzog von der Normandie, als ihren Herrscher. Also unterstützen
wir Rufus. Unsere Aufgabe ist es, London ruhig zu halten. Findet
die Verschwörer und ihre Waffen! Rufus wird dankbar sein, wenn wir
ihm etwas vorweisen können.«
Am nächsten Tag fiel ihm aus heiterem Himmel eine unerwartete
Information in die Hände, die ihn dazu veranlaßte, ein Dutzend
Spione herbeizurufen und zu erklären: »Wir werden den Verschwörern
eine Falle stellen!«
Osric stand lächelnd am Flußufer. Eigentlich müßte alles
klappen. Hinter ihm ragte der graue Tower in den Himmel. Das große
königliche Stockwerk war fast fertig. Die ersten der gewaltigen
Eichenstämme, die sich über das ganze Gebäude erstrecken und das
Dach tragen sollten, waren bereits angekommen. Die Bäume, die den
Anforderungen entsprachen, mußten von weit her auf dem Fluß nach
London geschafft werden. Die Fertigstellung des Daches würde wohl
weitere zwei Jahre in Anspruch nehmen.
Osric schaute sich um. Der Ort, an dem der Towerkanal in den
Fluß führte, lag gut versteckt hinter ein paar Zimmererhütten.
Barnikels Boot konnte bis vor das Gitter gelangen und ungesehen
beladen werden. Das Gitter war schnell zu öffnen. Dann hieß es nur
noch den Gang hindurch bis zu dem Gitter am anderen Ende kriechen,
für das Alfred noch einmal einen Ersatzschlüssel bereitgestellt
hatte. Während Barnikel auf dem Boot Wache hielt, würde er das
Geheimversteck leeren und die Waffen herausbringen. Vor dem
Morgengrauen würden sie schon auf ihrem Weg den Fluß hinab
sein.
Für wen die Waffen bestimmt waren, fragte Osric nicht. Es
reichte ihm, daß der Däne ihm gesagt hatte, daß er die Waffen
brauchte. Das Unterfangen war nicht besonders riskant, und es war
auf jeden Fall ein weiterer Schlag gegen den Normannenkönig. In der
nächsten Nacht sollte es stattfinden.
An diesem Abend war Henri ausgegangen und
hatte ausrichten lassen, daß er vielleicht die ganze Nacht
wegbliebe. Hilda beschloß, die Nacht wieder einmal bei ihrem Vater
zu verbringen. Nachdem sie ein Stündchen mit ihm geplaudert hatte,
unternahm sie noch einen kleinen Spaziergang am West Cheap. Auf
ihrem Rückweg vorbei an St. Mary-le-Bow sah sie das deutsche
Mädchen, das ihr sofort zuwinkte. Hilda seufzte. Sie fand ihre
zukünftige Schwägerin etwas anstrengend, auch wenn sie sonst nichts
gegen sie einzuwenden hatte. Heute wirkte Gertha ganz besonders
aufgeregt. Hilda fragte sie, wie es Ralph gehe.
»Sehr gut!« erhielt sie zur Antwort. »Ich komme gerade von
ihm! Er ist wirklich schlau!« Gertha nahm Hilda bei der Hand und
zog sie in den Schutz der Mauern von St. Mary-le-Bow. »Er hat mir
gesagt, daß ich es keinem sagen darf, aber wir sind ja schließlich
eine Familie. Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?« flüsterte
sie ihrer zukünftigen Schwägerin ins Ohr. Es folgte eine sehr
überraschende und interessante Information.
Über der kleinen Kirche von All Hallows tauchten gerade die
ersten Sterne auf, als Hilda leise an die Tür von Barnikels
strohgedecktem Heim klopfte.
Nachdenklich beobachtete sie ihn, während er die Lampen
entzündete. Als er die schlechten Nachrichten erfuhr, wirkte er
sehr alt und müde, was Hilda beunruhigte. Aber dann schien er sich
wieder zu straffen. Sie blickte ihn halb mitleidig, halb bewundernd
an. »Was wirst du nun tun?« fragte sie.
Ein armer Bauer in den Wäldern von Essex lieferte Ralph den
entscheidenden Hinweis. Man hatte ein Schwert bei ihm gefunden und
ihn zur Burg von Colchester geschafft. Man befragte ihn eingehend,
wie er zu der Waffe gekommen sei. Nachdem man ihm seine Finger
gebrochen hatte, redete er. Er besaß das Schwert schon seit damals,
als er mit Than Herewards Männern im Wald gelebt hatte, also seit
über fünfzehn Jahren.
Der Wachposten in Colchester brachte den Mann nach London und
überließ ihn Ralph zum Verhör. Ralph bekam heraus, daß die Waffen
aus London stammten, wo es einen Mann gab, dem die Rebellen
vertrauten. Kurz bevor der Bursche starb, erinnerte er sich noch an
eine Einzelheit. »Der Mann hatte einen roten Bart.«
Es gab viele Männer mit roten Bärten in der alten
angeldänischen Stadt, und auch viele Normannen hatten rote Bärte.
Doch als Ralph über alles nachdachte, was er wußte, fügten sich die
Teile doch zu einem Muster: jemand, der die Normannen haßte; ein
Mitglied der alten Verteidigungsgilde; ein Freund von Alfred, dem
Waffenschmied. Schließlich schrie er wütend: »Man hat mich
hintergangen!« Und dann meinte er grimmig lächelnd: »Jetzt werde
ich sie alle zusammen fassen!« Dann stellte er seine Falle
auf.
»Morgen bei Tagesanbruch will er kommen. Er
will dieses Haus und dein Lager in Billingsgate sowie Alfreds
Waffenschmiede durchsuchen. Wenn er Waffen findet, hat er euch.
Wenn nicht, werden seine Spione euch strengstens überwachen«, hatte
Hilda Barnikel besorgt mitgeteilt.
Der alte Däne hatte nachdenklich genickt. »Sie werden nichts
finden. Wir werden unseren Plan nur ein klein wenig abändern
müssen.« Und dann hatte er ihr von Osric und dem Geheimnis im Tower
erzählt.
Ihr wurde klar, in welcher Gefahr der alte Mann und seine
Freunde schwebten. »Warum tut ihr das alles?« wollte sie
wissen.
Er erklärte ihr, daß Robert, wenn er denn König werden würde,
ein riesiges Reich zu kontrollieren hätte. Und er war nicht der
Mann, der sein Vater war. Die normannische Herrschaft würde schwach
sein. Aber es gab ja noch Nachfahren der alten englischen Linie,
ebenso wie König Haralds Familie. Barnikel erklärte ihr
ausführlich, was vielleicht eintreten konnte, bis sie schließlich
lächelnd den Kopf schüttelte.
»Du gibst wohl nie auf!«
»Ich bin zu alt, um aufzugeben. Wenn ein alter Mann aufgibt,
stirbt er.«
»Fühlst du dich denn so alt?« fragte sie.
»Manchmal«, sagte er. »Aber nicht mit dir.« Und sie errötete,
denn sie wußte, daß dies stimmte.
Im Kohlenbecken in der Mitte des Raumes glühte ein schwaches
Feuer. Er stocherte ein wenig in den Kohlen herum und setzte sich
dann auf einen großen Eichenstuhl daneben. Eine Weile sagten beide
nichts und saßen einfach zufrieden nebeneinander. Nachdenklich
nippte er an seinem Weinkelch.
Dieser Abend war wirklich sonderbar, dachte sie. Sie hatte
alles getan, was sie tun konnte. Eigentlich sollte sie jetzt wieder
gehen, doch sie wollte sich noch nicht verabschieden. Nach einer
Weile beugte sie sich zu ihm hinüber und legte den Kopf an seine
Brust. Anfangs bewegte er sich nicht. Doch dann spürte sie, wie er
mit seiner großen Hand ihr Haar zu streicheln begann. Überrascht
stellte sie fest, wie sanft und tröstlich sich dies anfühlte. Sie
dachte über ihr Leben nach. Henris kaltes Bild tauchte vor ihr auf.
Sie dachte darüber nach, daß sie lieber diesen älteren Mann
geheiratet hätte, selbst in seinem jetzigen Alter, mit seiner
erstaunlichen Tapferkeit und seinem großen, warmen Herzen. Und
plötzlich überkam sie der Wunsch, ihm ihre Zuneigung zu zeigen, und
sie küßte ihn auf die Lippen. Sie spürte, wie er bebte. Sie küßte
ihn noch einmal. »Wenn du so weitermachst…« flüsterte er.
»Nur zu!« sagte sie glücklich, auch wenn sie über sich selbst
erstaunt war.
Es war lange her, seit Barnikel eine Frau geliebt hatte, und
er hatte angenommen, daß es ihm nicht mehr leichtfallen würde. Doch
als er nun aufstand und die junge Frau, die er anfangs als Tochter
und dann als Frau geliebt hatte, in die Arme nahm, schienen alle
Zweifel zu schwinden.
Und Hilda, die zum erstenmal die sanften Zärtlichkeiten eines
älteren Mannes spürte, der sie langsam und liebevoll in
Leidenschaft versetzte, fand eine Wärme, die sie stark
berührte.
Sie blieben bis in die frühen Morgenstunden beieinander, bis
sie sich schließlich zum Haus ihres Vaters zurückstahl und in das
Zimmer schlich, in dem er schlief. Barnikels große Liebe hatte sich
nach einem Dutzend Jahren endlich erfüllt.
Im Morgengrauen schlich sich Hilda, wie von Barnikel
gewünscht, aus dem Haus ihres Vaters, um zwei Leuten eine Botschaft
zu überbringen, Alfred und Osric. Sowohl auf ihrem Weg zu Barnikels
Haus als auch auf ihrem Rückweg wurde sie wie üblich unbemerkt
verfolgt.
Am nächsten Vormittag besuchte Ralph
Silversleeves in Begleitung von sechs bewaffneten Männern Barnikel
in seinem Lager in Billingsgate. Höflich informierte der Normanne
den Dänen, daß sie eine Durchsuchung vorhatten, und Barnikel ließ
sie gewähren, auch wenn er unmutig die Schultern zuckte. Drei der
Männer begaben sich zu seinem Haus neben All Hallows.
Sie waren gründlich. Zwei Stunden lang bemühten sie sich, doch
gegen Mittag gaben sie auf. Ein Mann kam von Alfreds
Waffenschmiede. Auch dort hatten sie nichts gefunden.
Doch bei Ralph wollte das Gefühl nicht weichen, daß man ihn
hinters Licht geführt hatte. Unten am Kai sagte er zu seinen
Männern: »Hier irgendwo müssen die Waffen sein. Wir geben nicht
auf.« Zum Arger der Bootsleute begann er, ihre Fracht zu
durchsuchen, und auch vier weitere kleinere Lagerhäuser wurden
gründlich durchstöbert. Sie gingen den ganzen East Cheap ab und
untersuchten die Karren und Buden. Wildentschlossen pflügte sich
Ralph mit hochrotem Gesicht seinen Weg nach Osten Richtung
Tower.
Barnikel fand keine Ruhe. Er war den ganzen Nachmittag in
seinem Haus gewesen. Die Ereignisse der letzten vierundzwanzig
Stunden waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen, und am
Nachmittag hatte er sich sehr müde gefühlt. Doch nun hielt er es
nicht länger in seinen vier Wänden aus. Er trat auf die Straße
hinaus, um ein wenig frische Luft zu schnappen.
Die Budenbesitzer auf dem East Cheap räumten eben ihre Sachen
weg, als er Richtung Candlewick Street schlenderte. Kurz vor dem
Ende des Marktes sah er Alfred, der ruhig auf ihn zukam.
Beide Männer überlegten rasch. Wenn sie verfolgt wurden, war
es klüger, keinen Verdacht zu erregen. Sie stellten sich deshalb
beide darauf ein, mit nichts mehr als einem freundlichen Nicken
aneinander vorbei zu laufen, und hätten dies auch getan, wenn nicht
genau in diesem Moment eine kleine Gestalt zu ihnen hergelaufen
wäre und sie beide aufgeregt an den Ärmeln gezerrt hätte.
Es war Osric. Er war fast eine Stunde lang in einer Wolke des
Glücks auf dem Markt herumgelaufen. Hilda hatte ihm zwar im
Morgengrauen gesagt, daß er Barnikel aus dem Weg gehen sollte, doch
als er nun seine zwei Freunde beisammen sah, war er so aufgeregt,
daß er alle Warnungen vergaß und zu ihnen rannte. »O Sir!« rief er,
und sein rundes Gesicht strahlte vor Glück, »ich habe gute
Neuigkeiten! Ich habe einen Sohn!«
Die beiden Männer hatten in ihrer eigenen mißlichen Lage die
familiären Belange Osrics nahezu vergessen, doch nun umringten sie
ihn lachend und umarmten ihn herzlich.
In dieser Nacht schien kein Mond, und eine
dünne Wolkendecke, die von einem leichten Wind aus dem Westen
herübergeweht wurde, verdeckte sogar die Sterne. Als das Boot den
schwarzen Fluß hinaufglitt, schien nur das schwache Licht eines
kleinen Feuers irgendwo auf dem Westhügel der Stadt.
Leise glitt das Boot an das sumpfige Ufer, genau an der
Stelle, an der der Tower-Kanal in den Fluß führte. Osric war
allein. Da Barnikel beobachtet wurde, hatte er es vorgezogen,
daheim zu bleiben. Sorgfältig machte Osric das Boot an einem Pflock
fest und schickte sich an, das Gitter zu lockern. Es dauerte nicht
lange, da hatte er es geschafft. Vorsichtig kroch er durch den
dunklen Tunnel in den schwarzen, geräumigen Bauch des Towers. Mit
Hilfe eines Seils zog er sich zu dem Gitter am anderen Ende des
Abflusses hoch, schloß es auf und machte sich auf seinen Weg durch
den Keller.
Hilda saß auf ihrem Stuhl. In den Händen
hielt sie eine Stickerei, doch sie konnte sich kaum darauf
konzentrieren. Henri war früh an diesem Morgen heimgekehrt, aber
abgesehen von einer höflichen Nachfrage nach dem Befinden ihres
Vaters hatte er kaum das Wort an sie gerichtet. Den ganzen Tag lang
hatte sie nervös gewartet, und nun versuchte sie zu sticken,
während Henri mit seinem jüngsten Sohn Schach spielte.
Am West Cheap hatte es in der Dämmerung zu brennen begonnen,
und das Feuer hatte sich auf mehrere Häuser ausgebreitet, doch da
so etwas in London häufig vorkam, dachte sie kaum daran. Als etwa
zwei Stunden nach Einbruch der Nacht Ralph bei ihnen vorbeikam, da
machte ihr Herz einen Sprung vor Schreck.
Inzwischen wußte man schon in ganz London von seiner
vergeblichen Durchsuchungsaktion, doch weder Henri noch Hilda
sprachen ihn darauf an, und Ralph wirkte gar nicht mehr so wütend,
sondern eher nachdenklich. Er holte sich einen Krug Wein und setzte
sich auf die Bank Henri gegenüber, wo er schweigend ins Feuer
starrte, bis er endlich meinte: »Ich habe ein Problem, Henri.
Jemand spioniert mir nach. Du mußt wissen, daß ich heute beinahe
einen großen Fang gemacht hätte: Waffen! Doch ich glaube, die
Verschwörer haben einen Hinweis bekommen.«
»Von wem?«
»Von jemandem, der meine Pläne kennt.« Er starrte Hilda an.
»Wer, glaubst du, könnte das sein?«
Hilda spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Sie legte
die Hände in den Schoß und blickte ihn forschend an. War dies eine
Finte, um sie in die Enge zu treiben? Doch warum sollte er sie
verdächtigen? Rasend schnell überlegte sie die Möglichkeiten. »Ich
habe keine Ahnung, Ralph«, sagte sie schließlich. Am liebsten wäre
sie aufgestanden und hätte die beiden Brüder allein gelassen, doch
sie wagte es nicht. Wer weiß, wie lange ihre Pein gedauert hätte,
wenn es nicht zu einer unerwarteten Unterbrechung gekommen
wäre.
Gertha betrat den Raum, das Gesicht von ihrem Abendspaziergang
gerötet. Sie merkte offenbar nicht, welche Spannung in dem Raum
herrschte, denn sie trat gleich auf Ralph zu und küßte ihn. Dann
nahm sie seinen Talisman in ihre großen Händen und liebkoste ihn.
»Das Feuer dort draußen wird immer größer«, sagte sie. »Und du hast
den Rotbart also nicht verhaftet?«
Ralph grunzte nur. »Es ist etwas passiert.«
»Du wirst ihn schon noch zu fassen kriegen. Ich habe ihn
übrigens heute abend am East Cheap gesehen, zusammen mit seinen
beiden Freunden. Sie haben einander umarmt und gelacht.«
Ralphs Unterkiefer klappte nach unten. »Welche Freunde?«
»Der Mann, der Waffen macht. Alfred heißt er doch, oder? Und
der kleine Mann mit dem runden Kopf, der keine Nase hat.« Sie
lachte. »Vielleicht glauben sie, daß du sie nicht erwischen wirst,
aber das wirst du schon noch tun.« Damit küßte sie ihn noch einmal
auf den Kopf und verkündete: »Ich gehe jetzt zu meinem Vater.« Und
weg war sie.
Eine Weile sagte niemand ein Wort. Hilda starrte auf ihre
Stickerei. Die Gedanken in ihrem Kopf überschlugen sich. Wie war es
nur dazu gekommen, daß das Mädchen die beiden Männer zusammen mit
Osric sehen konnte?
Ralph saß unbewegt da und starrte ins Feuer. Nur in seinem
Gesicht zuckte es, als habe er Schmerzen. Wie hatte er nur diese
Verbindung übersehen können? Barnikel, der Freund von Alfred.
Alfred, der Freund von Osric. Osric, der verdammte kleine
Leibeigene, den er im Keller des Towers gefunden hatte. Der
Towerkeller, in dem die Waffen gelagert waren. Der Keller, für den
Alfred die Schlösser angefertigt hatte. Plötzlich sprang er auf und
schrie: »Zum Teufel! Ich weiß, was sie getan haben! Ich weiß, wo
sie die Waffen versteckt haben! Im Tower!« Und zu Hildas Entsetzen
fügte er noch hinzu: »Und genau dorthin gehe ich jetzt!«
Gefolgt von Henri raste er aus dem Haus.
Auch Hilda beeilte sich. Vorbei am langen Schatten von St.
Paul's rannte sie den Westhügel Richtung Walbrook hinunter. Sie
wußte, daß Eile vonnöten war, und vielleicht war es ja auch schon
zu spät, doch sie mußte es Barnikel mitteilen. Er würde wissen, was
zu tun war.
Sie überquerte die kleine Walbrook-Brücke und hastete auf der
Candlewick Street weiter. Am London Stone hielt sie kurz inne, um
Atem zu holen und das Seitenstechen, das sie plagte, abklingen zu
lassen. Sie beugte sich nach vorn, die Hände auf die Knie
gestützt.
Plötzlich wurde sie von starken Händen umfaßt. Man hielt ihre
Arme fest und warf ihr einen Umhang über den Kopf. Noch bevor sie
Zeit hatte zu schreien, wurde sie schon in eine kleine Seitengasse
gezerrt.
Die Aufgabe war leichter, als Osric gedacht
hatte. Zuerst holte er die Waffen aus ihrem Versteck und schaffte
sie zu dem Gitter. Er brauchte nur etwa eine halbe Stunde, bis er
sie alle in den Abfluß abgeseilt hatte. Dann schleppte er sie nach
und nach vor das Gitter am Flußufer, und nach zwei Stunden war er
schließlich so weit, sie auf das Boot zu verladen. Doch als er nun
hinaus in den Sumpf vor das Gitter trat, zuckte er entsetzt
zusammen.
Das Feuer, das auf dem Westhügel ausgebrochen war, war zu
einem riesigen, schrecklichen Brand angewachsen. Die Holzhäuser
Londons waren trocken wie Zunder; die lodernden Flammen wurden vom
Wind weiter angefacht. In dieser Nacht im Herbst 1087 verbreitete
sich das große Feuer krachend und brüllend zum östlichen Hügel, an
der Außenwand hinter dem Tower entlang bis hin zu All
Hallows.
Als Osric aus dem Tunnel trat, fiel ihm als erstes das
Geräusch auf, ein dumpfes, anhaltendes Brüllen, das aus der Stadt
kam. Bei dem Boot angekommen, drehte er sich um und sah es.
Zischend, krachend, Funkenexplosionen in die Luft jagend, baute
sich das Feuer wie eine einzige Flamme um den Kamm des Abhangs über
ihm auf und verschlang die Stadt. Vor diesem alles umgebenden
Feuerring stand der große, schwarze Schatten des Towers. Es war ein
eindrucksvoller Anblick, doch Osric hatte keine Zeit, länger
hinzusehen. Er tauchte in den dunklen Tunnel zurück.
Ralph eilte den Hügel hinab. Unter sich sah er die massige
Form des Towers, erleuchtet von den Flammen. Auf seinem Weg über
den Westhügel blieb er stehen, um Leute anzuweisen, die versuchten,
den Flammen Einhalt zu gebieten. Eine Kette von Männern aus der
Garnison in Ludgate, die Wassereimer von Hand zu Hand reichten,
versuchten, ein Haus zu retten, und Ralph übernahm kurz das
Kommando. »Gießt Wasser auf die Dächer!« schrie er den Leuten zu.
Doch das riesige, rote Ungeheuer flog zischend von einem
strohgedeckten Dach zum nächsten. Schließlich merkte er, daß er
hier nicht viel ausrichten konnte, und hastete weiter durch die
Straßen, auf denen sich die entsetzten Menschen drängten. In seinem
Rücken spürte er die Flammen. Schließlich erreichte er den großen,
grimmigen Tower, stürmte die Holztreppe hinauf und trat durch den
Haupteingang in den Saal, wo er nach der Wache rief.
Nichts rührte sich. Er rannte zur Kellertreppe. Dort brannte
eine Fackel in einem eisernen Fackelhalter, aber auch dort stand
keine Wache. Ralph fluchte. Zweifellos hatte sich der Bursche
davongemacht, um das Feuer zu begaffen. Er nahm die Fackel, schloß
die Tür auf und stieg die Wendeltreppe in den Keller hinab.
Im ersten Moment sah er nichts Auffälliges. Dann bemerkte er
das geöffnete Abflußgitter. Das war es also! Er stellte sich mit
gezücktem Schwert vor den Abfluß und erwartete, daß jemand
heraufkommen würde, was jedoch nicht geschah. Schließlich
befürchtete er, daß die Verschwörer schon auf der Flucht waren.
Vorsichtig ließ er sich in den Abfluß hinab und kroch durch den
Gang.
Mehr als die Hälfte der Waffen war bereits verstaut. Bald
würde er mit dem Verladen fertig sein. Osric bückte sich eben über
das Boot und verstaute ein paar Speere, als er ein Geräusch hinter
sich hörte und beim Umdrehen das vertraute, langnasige Gesicht
Ralph Silversleeves' aus dem Gang auftauchen sah.
Der Normanne richtete sich auf und grinste. »Bist du allein,
Osric?« fragte er und sah sich um. »Offensichtlich ja. Im Namen des
Königs, du bist verhaftet!« Er richtete sein Schwert auf die
Leibmitte seines Gegenübers. »Du hast wohl geglaubt, du könntest
mich zusammen mit deinen Freunden betrügen, was?« zischte er.
Da beging Osric eine Dummheit. Er holte sich eine Waffe aus
dem Boot und baute sich mit gespenstisch bleichem Gesicht vor dem
Normannen auf, in der Hand einen Speer.
Ralph beeindruckte dies wenig. Der Leibeigene machte einen
Schritt auf ihn zu, doch er trat nur zurück, ließ Osric wieder auf
sich zukommen und trat abermals einen Schritt zurück, immer weiter
weg von dem Boot und den Waffen.
Ralph sah den Haß in Osrics Augen, den aufgestauten Haß eines
Mannes, der zwei Jahrzehnte lang unterdrückt worden war. Inzwischen
war er ein paar Schritte oberhalb von Osric im Vorteil. Dank des
flackernden roten Lichts hinter dem Tower war der glitzernde Speer
deutlich zu erkennen. Osric sprang wieder auf ihn zu, doch da
hackte Ralph mit einer einzigen, raschen Bewegung seines Schwertes
den Speerkopf einfach ab, so daß Osric nur noch den Schaft in der
Hand hielt. »Nun, mein Kleiner, willst du mich jetzt mit diesem
Stock töten?« fragte er hämisch. Er brauchte den Leibeigenen
lebendig, doch ein wenig wollte er sich noch an seinem Entsetzen
weiden. Er hob sein Schwert. Wie verblüfft Osric aussah! War es das
Schwert? Die Aussicht zu sterben? Die rote Feuerwand hinter dem
Tower?
Aber es war nicht das Feuer und auch nicht das Schwert,
weshalb Osric nun erstaunt nach Luft schnappte. Es waren ein
großer, roter Bart und zwei funkelnde Augen, eine riesige Gestalt,
die aus dem Schatten getreten war, die die mächtige Doppelaxt
schwang und den Kopf des Normannen zerschmetterte und seinen
Brustkorb zweiteilte. Barnikel war gekommen.
Eine halbe Stunde später bestatteten sie Ralphs Leichnam.
Osric war ein passender Ort dafür eingefallen; sie wickelten die
Leiche in Leinwand ein und zerrten sie durch den Gang hindurch bis
zu dem Geheimversteck der Waffen. In diesen Raum stopften sie die
Leiche, versiegelten die Wand und verließen den Ort auf demselben
Weg, auf dem sie hergekommen waren. Die Abflußgitter verschlossen
sie sorgfältig hinter sich.
Bald darauf lenkte Osric das Boot mit den Waffen in den Fluß
hinein und hin zu dem Ort, wo andere Hände die Waffen verteilen
sollten.
Barnikel lief in der Zwischenzeit zurück in die Stadt. Sein
Haus bei All Hallows stand bereits in Flammen. Das Feuer hatte sich
von den Buden in der Candlewick Street bis hin zum Cornhill
ausgebreitet. Als Barnikel den Walbrook überquerte, hörte er, wie
jemand schrie: »St. Paul's brennt. Die Kirche stürzt ein.« Bei
dieser Nachricht bildete sich ein Grinsen auf dem Gesicht des
Dänen. In der Hand hielt er nämlich Ralphs Talisman an seiner
Kette, den sie der Leiche abgenommen hatten, und nun wußte er, wo
er ihn loswerden konnte.
1097
Hilda saß in der Halle ihres Hauses neben
St. Paul's und blickte auf ihr Leben zurück. Sie mußte sich
eingestehen, daß sich in den letzten zehn Jahren alles zum Besten
gewandt hatte. Osric war zwar inzwischen tot, doch manchmal sah sie
seinen Sohn, der bei Alfred und seiner Familie lebte. Auch Barnikel
war gestorben; einen Monat nach dem großen Feuer des Jahres 1087
hatte er unten am Billingsgate-Pier einen Schlaganfall erlitten. Im
nachhinein war sie fast froh darüber, denn der Aufstand, der ein
Jahr darauf in Kent und London ausbrach, wurde grausam
niedergeschlagen.
Auch den alten Silversleeves gab es nicht mehr. An einem
regnerischen Aprilabend vor zwei Monaten war ein Kaufmann mit einem
Schreiben für den alten Mann an seiner Pforte aufgetaucht. Eine
Stunde später trat ein Diener neben seinen Herrn, der stocksteif
auf einem Stuhl saß und so aussah, als lese er noch immer den
Brief, der auf dem Tisch vor ihm lag: Silversleeves war tot. Der
Chorherr von St. Paul's wurde mit allen Ehren in St.
Lawrence-Silversleeves bestattet, und drei Tage später zogen Hilda
und Henri in sein Haus. In den darauffolgenden Wochen entdeckte
Hilda erstaunt das volle Ausmaß des Reichtums, der ihnen
hinterlassen worden war.
Im Reich herrschte Frieden, den Rufus' Herrschaft hatte sich
gefestigt. Vor kurzem hatte er sich eine eigene große Halle neben
der Abtei in Westminster errichten lassen. Er ließ auch die Festung
am Ludgate verstärken. Und wenn Hilda vom Hof ihres Hauses
hinaufblickte, konnte sie dort, wo in der schicksalsträchtigen
Nacht die von den Sachsen errichtete St.Paul's-Kathedrale
abgebrannt war, die Silhouetten einer großen, massiv aus Stein
erbauten normannischen Kathedrale sehen. Bald sollte sie das
gesamte Stadtbild prägen, so wie der Tower das Flußufer
prägte.
Doch immer, wenn sie an das große Feuer dachte, begann sie
auch, über bestimmte Rätsel nachzugrübeln.
In den verkohlten Überresten der alten Kathedrale hatte man
Ralphs Talisman gefunden. Aber was hatte Ralph dort zu schaffen
gehabt? Und wem hatten die geheimnisvollen Hände gehört, die sie
zwei Stunden lang in jener Nacht festhielten, bevor sie sie ebenso
überraschend nahe des Walbrook wieder freiließen?
Da ihre Kinder inzwischen erwachsen waren, waren Hilda und ihr
Mann abends oft allein, und schon seit langem war es ihnen zur
Gewohnheit geworden, sich höflich zu ignorieren. Hilda beschäftigte
sich wieder einmal leise mit einer Stickerei, Henri saß am
Schachbrett seines Vaters und spielte eine Partie gegen sich
selbst.
An diesem Abend war Hilda ziemlich gereizt. Schuld daran, so
dachte sie, war das Haus. Sie hatte sich nie wohl gefühlt in dieser
strengen, steinernen Halle. Und so bedachte sie ihren Mann immer
wieder mit einem mißbilligenden Blick, denn letztlich war ja er an
allem schuld.
Henri spürte dies, bemerkte jedoch nur ruhig: »Du solltest
versuchen, deine Gedanken zu verbergen.«
»Du hast doch keine Ahnung, was ich denke«, gab sie heftig
zurück, widmete sich wieder ihrer Stickerei und fügte dann noch
hinzu: »Du weißt überhaupt nichts von mir.«
Henri wandte sich wieder seinem Schachspiel zu, bemerkte
jedoch noch mit einem süffisanten Lächeln: »Du ahnst gar nicht,
wieviel ich von dir weiß.«
»Was denn zum Beispiel?« gab sie ihm sofort zurück.
»Zum Beispiel, daß du Barnikels Geliebte warst. Und daß du ihm
bei seinem Verrat geholfen hast. Erinnerst du dich noch an die
Nacht des großen Feuers? Die Nacht davor hast du mit Barnikel
verbracht.«
Sie schnappte nach Luft. »Woher weißt du das?«
»Ich habe dich verfolgen lassen«, bemerkte er ruhig. »Ich habe
dich jahrelang verfolgen lassen.«
»Warum?« Plötzlich fröstelte es sie.
»Weil du meine Frau bist«, erwiderte er schulterzuckend, als
ob dies alles erklären würde.
Sie runzelte die Stirn. »Als es damals brannte, da packte mich
plötzlich jemand…«
»Natürlich. Ich dachte, daß du zu Barnikel wolltest. Das war
zu riskant. Du hättest verhaftet werden können.« Er machte eine
kleine Pause. »Außerdem hat alles bestens funktioniert. Du hättest
es gar nicht besser machen können.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Es war nicht gut, daß Ralph heiraten wollte.«
»Ralph? Er ist doch in St. Paul's gestorben.«
»Das glaube ich nicht. Ich glaube, er hat deinen Freund
Barnikel am Tower getroffen.« Henri lächelte. »Mein Vater pflegte
früher beim Schachspiel oft zu bemerken, daß ich keine besonders
gute Strategie habe, aber dafür eine um so bessere Taktik. Damit
hatte er recht. Du, meine Liebe, hast mir die Gelegenheit dazu
gegeben. Als du Barnikel warnen wolltest, kam mir der Gedanke,
Barnikel von meinen eigenen Männern die Botschaft überbringen zu
lassen, nachdem sie dich aufgehalten hatten. Einer meiner Leute
machte sich also auf den Weg. Er sagte, du habest ihn geschickt,
und er solle Ralph am Tower töten. Dies hat er dann wohl getan,
denn Ralph verschwand in jener Nacht.« Henri seufzte. »Entweder
würde Ralph deinen Liebhaber verhaften, oder dein Liebhaber würde
Ralph töten, dachte ich mir. Was auch immer passieren würde, es war
ein guter Zug.«
»Dann hast also du Ralph getötet!«
»Nein, wahrscheinlich war es Barnikel.«
»Du bist ein Teufel!«
»Vielleicht. Aber denke bitte auch daran, daß Ralph nach einer
Eheschließung sicher auch Kinder gehabt hätte, und dann wäre die
Erbschaft deiner eigenen Kinder nur noch halb so groß.«
»Man sollte dich verhaften.«
»Ich habe kein Verbrechen begangen. Das kann man allerdings
von dir nicht behaupten!«
Sie stand auf. Ihr war übel. Sie mußte heraus aus dieser
abscheulichen, Halle. Schnell ging sie den Hügel zum Ludgate
hinunter, überquerte den Fleet und lief an St. Bride's vorbei. Sie
hielt nicht an, bis sie am alten Pier von Aldwych angekommen war.
Dort setzte sie sich hin und starrte erst hinüber nach Westminster,
dann zur anderen Seite des langen Flußlaufes hinauf zum Tower. Als
sie nun an ihre reichen Kinder und an die vergangenen Jahre dachte,
stellte sie plötzlich erstaunt fest, daß ihre Wut verflogen war. So
also hatte sich die normannische Eroberung auf ihr Leben
ausgewirkt.
Henri hatte inzwischen seine Partie beendet und ein Stück
Pergament aus einer Schublade herausgeholt, das er eingehend
betrachtete. Es war die Botschaft, die sein Vater kurz vor seinem
Tod erhalten hatte. Als Henri sie nun wieder einmal las, kräuselten
sich seine Lippen zu einem schwachen Lächeln. In dem Schreiben hieß
es, daß die Familie Becket aus der normannischen Stadt Caen
vorhatte, nach London umzuziehen.