GIN LANE
1750
HANOVER SQUARE, HAUSNUMMER SIEBZEHN. Ein Nachmittag Ende
April, Frühling liegt in der Luft. In dem schönen vierstöckigen
Haus schickt sich Lady St. James gerade an, ihr Bad zu nehmen. Zwei
livrierte Diener haben das metallene Hüftbad gebracht und es in
Myladys Zimmer gestellt. Daraufhin sind sie noch dreimal mit
riesigen Eimern voll heißem Wasser erschienen. Die Zofe Ihrer
Ladyschaft prüft mit dem Finger die Wassertemperatur.
Nun erhebt sich Mylady aus dem großen Bett mit dem
aufgestickten Wappen; ihr Nachthemd ist ein Traum aus weißer Spitze
mit blauen Schleifen. Ein zierlicher weißer Fuß berührt die
Wasseroberfläche, der Spitzensaum wird ein wenig angehoben, und
eine schlanke nackte Wade ist zu sehen. Die Zofe hilft Ihrer
Ladyschaft, das Nachthemd auszuziehen. Und so steht sie nun
schließlich nackt da – schlank, makellos, zart duftend – und
gleitet in das Badewasser, das ihre Alabasterschultern
umspült.
Die Zofe bedient sie aufmerksam. Zuerst Seife. Dann Badeöl,
damit die Haut weich bleibt. Ein riesiges Badetuch wird
bereitgehalten, als sie aus der Wanne steigt, doch sie will nicht
abgerubbelt, nur sanft abgetupft werden. Puderquasten, Salben für
ihre hübschen Füße, ein Hauch von Parfüm.
In einem langen Seidenkleid sitzt Mylady nun in einem Sessel
und nippt an einer Tasse heißer Schokolade. Danach bringt die Zofe
ein kleines Silberbecken mit Wasser und Zahnbürste, auf die sie ein
wenig Pulver streut. Sorgfältig bürstet Ihre Ladyschaft sich die
perlmutternen Zähne. Als nächstes kommt ein kleiner silberner
Schaber, mit dem sie, während die Zofe einen Spiegel hält, die
rosige Zunge von eventuellen Resten dunkler Schokolade oder weißen
Pulvers reinigt. Die Gräfin von St. James trifft ihre
Vorbereitungen zu einer amourösen Verabredung an diesem Abend, in
diesem Haus.
Hanover Square, Hausnummer siebzehn. Es lag an einer Seite des
großen Rechtecks mit Kopfsteinpflaster, das nach dem momentanen
Königshaus benannt war; und welcher Name könnte besser passen, um
einen Eindruck seiner aristokratischen Behaglichkeit zu vermitteln?
Das deutsche Haus Hannover hatte vielleicht nur einen dürftigen
dynastischen Anspruch auf die englische Krone, aber das Parlament
hatte es gewählt. Die Hannoveraner sprachen zwar kaum Englisch,
waren aber Protestanten; sie waren zwar dumm, aber ihre Herrschaft
hatte Frieden und Wohlstand gebracht, und die Dynastie war
gesichert. Vor fünf Jahren war der letzte Abkömmling der Stuarts,
Bonnie Prince Charlie, in einer romantischen, aber hirnverbrannten
Eskapade in Schottland gelandet, um einen großen Aufstand
anzuführen. Doch die britischen Rotröcke waren dagegen
aufmarschiert und hatten bei Culloden den Aufstand
niedergeschlagen. Die Sache der Jakobiten, für die Prinz Charlies
Anhänger sich eingesetzt hatten, war tot.
Zwar brauten sich im Ausland immer wieder Konflikte zusammen,
da die verschiedenen europäischen Mächte unablässig nach
Überlegenheit strebten, doch seit den Siegen Marlboroughs vor einer
Generation hatte England keinen Grund zu Besorgnis mehr. Die immer
ausgedehnteren englischen Kolonien, von Amerika bis zur Karibik,
von Indien bis zum märchenhaften Orient, brachten mit ihrem
florierenden Handel immer größeren Reichtum, während im Land
verbesserte Anbaumethoden vielen Landbesitzern ein steigendes
Einkommen bescherten.
Nur ein Ereignis hatte stattgefunden, das die Zuversicht der
Engländer leicht erschütterte. 1720, im ersten großen
Spekulationsfieber der neuen kapitalistischen Ordnung, schnellten
die Börsenkurse in London zunächst nach oben und platzten dann im
Skandal um die Südsee-Gesellschaft wie eine Seifenblase – als
South Sea Bubble wurde diese Katastrophe bekannt. Große und
Kleine, die in Schwindelgesellschaften spekuliert hatten im
Glauben, daß die Aktienkurse nur steigen könnten, verloren alles.
Doch das Wachstum der Nation war so vital, daß die Geschäfte zehn
Jahre später schon wieder florierten.
Die Ausdehnung Londons über die Stadtmauern hinaus, begonnen
unter den Stuarts, hatte sich fortgesetzt. In einem großen Bogen
Richtung Westen waren Aristokraten, Gentlemen und Spekulanten
geschäftig am Bauen. Der große Grundbesitz dieses neuen Gebietes
war etwas ganz anderes als der Flickenteppich des alten London, in
dem jedes Haus einem anderen Besitzer gehörte. Adlige mit
Landbesitz konnten ganze Areale mit prachtvollen Plätzen und
Straßen anlegen, die ihre Namen trugen: Grosvenor Square, Cavendish
Square, Berkeley Square, Bond Street. Es waren jedoch nicht nur
Einzelpersonen; Livreegesellschaften, Oxforder Colleges, Kirche und
Krone besaßen Land im Westend. Die breiten, schönen Straßen und
Plätze breiteten sich ins offene Gelände aus – Parks, Felder und
Weiden begannen, wo die Gebäude endeten. Zum erstenmal in der
Geschichte bekamen die Häuser Nummern. Die in Reihen, den
terraces, angelegten Fassaden waren einfach und
klassizistisch, und da in dieser Zeit die Könige des Hauses
Hannover alle Georg hießen, wurde dieser Stil »georgianisch«
genannt.
Es war ein klassizistisches Zeitalter. Die Adligen machten
ihre obligatorische Bildungsreise durch Europa und kamen mit
italienischen Gemälden und römischen Statuen für ihre Häuser
zurück; Ladys und Gentlemen kürten im alten römischen Badeort Bath;
große Schriftsteller wie Swift, Pope und Dr. Johnson gestalteten
ihre Gedichte und Satiren nach dem Stil des augusteischen Rom. Ein
Zeitalter der Vernunft, in dem die Menschen danach strebten,
dieselbe zurückhaltende Würde und denselben Sinn für Ebenmaß zu
erreichen wie die georgianischen Plätze, an denen sie wohnten. Vor
allem aber war es ein Zeitalter der Eleganz. Und Eleganz war alles
am Hanover Square, Hausnummer siebzehn.
Um ein Uhr überdachte Lady St. James ihre
Pläne. Der Friseur Balthazar war gekommen. Seine Arbeit würde eine
Stunde dauern, daher hatte sie die Zofe nach unten gehen lassen,
damit sie mit den anderen weiblichen Dienstboten essen konnte. Die
Frisur, die sich Balthazar für heute ausgedacht hatte, würde ihr
Haar dreißig Zentimeter über ihren Kopf auftürmen, gekrönt von
einem fest gedrehten Knoten und einem kleinen Perlendiadem, das zu
der Perlenkette paßte, die sie um den Hals tragen wollte.
Neben ihr, auf einem vergoldeten französischen Sofa, war ihr
Kleid ausgebreitet. Es war aus steifem Seidenbrokat mit einem
prachtvollen Muster, ein dunkler Wald aus Blumen, hergestellt von
den hugenottischen Seidenwebern in Spitalfields. Vor ihrem
Rendezvous mußte Lady St. James zu einer Dinnerparty, dann zu einer
Gesellschaft. Die vornehme Welt war ein unablässiger Reigen, und
wer wie Lady St. James überallhin eingeladen wurde, hatte die
Pflicht, sich sehen zu lassen. Die prächtigen Plätze und Häuser
mußten belebt werden; die elegante Vorführung duldete keine
Unterbrechung.
Doch danach, heute abend… Sie glaubte, daß sie den Dienstboten
trauen konnte, und war stolz darauf, wie raffiniert sie in dieser
Beziehung gewesen war. Normalerweise stellte der Hausherr das
Personal ein, aber zu Beginn ihrer Ehe hatte sie Lord St. James
davon überzeugt, er habe zuwenig Zeit dazu, und daher schuldeten
ihr sowohl der Butler als auch die Haushälterin Loyalität. Die
beiden Diener gehorchten dem Butler, aber sie bemühte sich auch,
sie bei Laune zu halten, und den Mädchen schenkte sie Geld und
Kleider. Köchin, Konditor und Kutscher waren Dienstboten ihres
Mannes, aber beide Pferdeknechte waren in sie verliebt, weil sie
ihnen manchmal ein wenig den Hals tätschelte, wenn sie ihr den
Steigbügel hielten.
Wenn also an diesem Abend eine gewisse Person diskret das Haus
betrat, während Seine Lordschaft fort war, und ins Zimmer Ihrer
Ladyschaft ging, das Seine Lordschaft ohne ihre ausdrückliche
Erlaubnis nicht betreten durfte – »Das ist das einzige, die einzige
Höflichkeit, um die ich bitte«, hatte sie einmal melodramatisch
gesagt –, konnte sie sicher sein, daß niemand durch Schlüssellöcher
spähte oder auf Gängen lauschte.
Mehrere Minuten verstrichen, während Balthazar an ihrem Haar
arbeitete. Nachdem sie ihre Pläne noch einmal durchdacht hatte,
ließ sie ihren Blick zu einer Gestalt schweifen, die neben ihr saß.
Er saß still auf einem kleinen Stuhl, immer in ihrer Reichweite,
falls es sie belustigen sollte, ihn zur Kenntnis zu nehmen, was sie
nun tat, indem sie ihm über den Kopf streichelte. Ein elfjähriger
Junge mit rundem Gesicht, wie die Diener mit einem roten Rock
bekleidet, sah sie aus großen, anbetungsvollen Augen an. Er hieß
Pedro und war schwarz. Kein vornehmer Haushalt war vollständig ohne
so ein hübsches, dunkelhäutiges Spielzeug. Pedro war Sklave.
Vor hundert Jahren war ein Schwarzer in London ein Gegenstand
der Neugier, doch nun nicht mehr, dafür hatten die britischen
Kolonien gesorgt. Nahezu fünfzigtausend Sklaven wurden jedes Jahr
von Afrika verschifft, um auf den Zuckerplantagen Westindiens und
den Tabakpflanzungen Virginias zu arbeiten, und sogar das
puritanische Massachusetts war an dem Handel beteiligt. Solche
Seetransporte gingen oft über England, und obwohl Bristol und
Liverpool die größten Häfen für Sklavenschiffe waren, kam fast ein
Viertel nach London, wo Negerjungen gerne als Spielzeug und Diener
gekauft wurden.
Formal war Pedro ein Sklave, aber er lebte zusammen mit der
Dienerschaft, und die Diener eines adligen Hauses lebten
außerordentlich gut. Fein gekleidet, gut untergebracht, gut ernährt
und einigermaßen gut bezahlt, stellten sie eine Elite dar. Vor
allem Dienern ging es gut, da sie oft an andere ausgeliehen wurden.
Die dichten Reihen von Lakaien bei einer Gesellschaft, selbst in
großen herzoglichen Haushalten, waren zum größten Teil von adligen
Freunden ausgeliehen; und Trinkgelder waren manchmal großzügig. Ein
Diener in London, der sich beliebt zu machen verstand, konnte im
Laufe der Zeit wahrscheinlich genug sparen, um ein eigenes Geschäft
anzufangen. Darum hoffte auch Pedro, daß ihn Lady St. James
vielleicht eines Tages freilassen und er es zu Wohlstand bringen
würde; schwarze Butler oder Ladeninhaber waren nicht
ungewöhnlich.
Lady St. James glaubte, daß alles und jeder in London zu
kaufen war. Sklaven konnte man kaufen, schöne Häuser, Mode,
gesellschaftliche Stellung – im georgianischen London vermengte
sich altes Geld mit neuem. Selbst der Titel ihres Mannes war wie so
viele andere einst gekauft worden. Die Stimmen zahlreicher
Mitglieder des House of Commons wurden tagtäglich gekauft,
versicherte ihr Gatte. Nur eine gewisse Person war anscheinend
nicht käuflich: Captain Jack Meredith. Sie wünschte, sie könnte ihn
kaufen, um ihn für sich zu haben.
Ihre Gedanken wurden von einem Klopfen an der Tür
unterbrochen. Als Pedro öffnete, trat ihr Mann ein.
Der dritte Earl of St. James war nicht sehr guter Laune. Mit
einer Geste entließ er Pedro und Balthazar; in der anderen Hand
hielt er einen Stapel Rechnungen. Er sah weder gut noch schlecht
aus. Er war nach seiner blonden, auf konventionelle Art hübschen
Mutter geraten, und man konnte nur sagen, daß er langweilig aussah.
Dumm war er keineswegs; seine Investitionen waren zwar vorsichtig,
aber klug, der Landsitz in Bocton wurde gut geführt, und er war
aktives Mitglied im House of Lords, auf der Seite der Whigs. Er
hatte seine gepuderte Perücke auf und trug einen reichbestickten
blauen Rock, zwischen dessen Schößen er den Ansatz eines
respektablen Embonpoints zeigte. Noch zehn Jahre, und Lord St.
James, nun Anfang Vierzig, würde vermutlich beeindruckend aussehen.
Er hatte schöne, stets gut manikürte Hände, doch das Bündel
Rechnungen war dick. Er verbeugte sich nur kurz vor seiner
Frau.
»Sie werden zugeben, Madam, daß ich die meisten Ihrer Wünsche
erfülle.«
Lady St. James beäugte ihn vorsichtig. Sie mußte aufpassen,
was sie sagte. So hatte sie etwa gewollt, daß man das alte
Herrenhaus aus der Zeit Jakobs I. in Bocton abriß; ein
georgianischer Landsitz mit einer Säulenvorhalle würde auf dem
Hügel über dem Wildpark imposant aussehen. Seine Lordschaft,
vorsichtig wie stets, dachte noch darüber nach, während er ihr
standhaft ausschlug, das ganze Stadthaus im Stil des französischen
Rokoko umzugestalten. Als Trost war ihr bisher nur ein Salon mit
chinesischer Tapete erlaubt worden. Tatsächlich war sie
mittlerweile so sehr seinem Willen unterworfen, daß sie sich nur an
einen vollkommenen Sieg erinnern konnte – sie hatte es geschafft,
seinen Familiennamen zu ändern.
Es war eine feine Sache, Earl of St. James zu sein, und als
einfache Miss Barham war die Aussicht, eine Gräfin zu werden,
verlockend. Aber da war der Name Ducket. Die Hälfte der
Gedenktafeln in London behauptete, der eine oder andere Ducket sei
Alderman, Gildemitglied oder Kaufmann gewesen. Sie waren zwar Earls
geworden, aber die Wurzeln der Familie lagen im Handel, und das
fand die elegante junge Miss Barham erniedrigend.
Die Geschichte ist eine Magd der Mode. Am Ende des
StuartZeitalters wurden die jüngeren Söhne des niederen Adels immer
noch Mercer und Draper, nun jedoch vermieden sie das und
bevorzugten statt dessen die Armee oder die Kirche, worauf ihre
Großväter sicher herabgesehen hätten. Zur Not konnten sie auch
Rechtsanwälte werden. Aus der Geschichte kannte man den feudalen
Ritter oder den römischen Senator, an deren Beispiel man sich mehr
und mehr orientierte, bis die englischen Oberschichten Mitte des
achtzehnten Jahrhunderts wirklich an den Spruch glaubten:
»Gentlemen treiben weder Handel noch Gewerbe.« Dieser historische
Unsinn sollte das Leben der Menschen über zweihundert Jahre lang
bestimmen.
Ihre handeltreibenden Vorfahren wurden vergessen oder
unterschlagen. Man machte eine einzige Konzession an den gesunden
Menschenverstand: Ein Gentleman konnte eine Frau aus dem
Kaufmannsstand heiraten. Selbst in den snobistischsten Jahren des
Jahrhunderts georgianischer Eleganz heirateten Gentlemen und Adlige
die Tochter von Kaufleuten. Ihre französischen oder deutschen
Pendants wären entsetzt gewesen, doch darum scherten sie sich
nicht. In England zählte nur die männliche Linie.
Die männliche Linie des Hauses St. James trug den
Kaufmannsnamen Ducket, und das war für Miss Barham kaum zu
ertragen. Daher änderte der junge Earl, der zu dieser Zeit sehr von
ihr geblendet war – sie war die Schönheit jedes Balls –, die
Schreibweise zu dem zwar unwahrscheinlichen, aber französisch
aussehenden de Quette. Ihren Freunden erzählte sie, das sei die
ältere Form des Namens, der mit der Zeit verfälscht worden sei; und
bald war allgemein anerkannt, daß der Familienname des Earls aus
der Zeit der normannischen Eroberung stamme. Manche Vorfahren
werden geboren, andere werden gemacht; die de Quettes waren nicht
die einzigen, die ihren Namen ein wenig frisierten. »Obwohl man ihn
ausspricht wie Ducket«, erklärte sie. Das war das letzte Mal,
dachte sie traurig, daß er wirklich versucht hatte, sie
zufriedenzustellen.
»Diese Rechnungen sind hoch, Madam.«
»Stecken wir in Schwierigkeiten?« fragte sie unschuldig.
»Bitte sagen Sie mir nicht, Mylord, daß wir ruiniert sind.«
»Nicht ganz«, erwiderte er trocken. Er wußte, daß sie
argwöhnte, er sei reicher, als er zugab, und tatsächlich
vergrößerten der blühende Kolonialhandel und verbesserte
Anbaumethoden Jahr für Jahr sein bereits hohes Einkommen. Selbst
die Kosten des Londoner Hauses wurden verringert, da der größte
Teil des Fleisches und der Bodenerzeugnisse einmal wöchentlich von
dem Landsitz in Kent gebracht wurden. »Wenn wir nicht ruiniert
sind, so deshalb, weil ich im Rahmen meines Einkommens lebe«,
erklärte er stets. »Madam, ich habe hier Rechnungen von Händlern,
die sich auf dreihundert Pfund belaufen.«
»Vielleicht müssen wir sie nicht alle bezahlen«, schlug Lady
St. James vor.
Lord St. James begann sie aufzuzählen. Hutmacher, Modistin,
der Teehändler Twining, Schuhmacher, Schneiderin, zwei
Parfumhändler, der Bäcker Fleming und sogar ein Buchhändler.
»Die Schneiderin muß bezahlt werden«, bestimmte sie; sie würde
nie wieder eine so gute finden. Doch die Rechnung des Bäckers
verärgerte sie. Sie hatte eine große Gesellschaft gegeben und
beschlossen, den Saal mit Kuchen zu dekorieren, doch das war kein
Erfolg gewesen. »Geben Sie mir die Rechnung des Bäckers«, rief sie.
»Ich werde sie dem Kerl in den Rachen stopfen.«
»Ich möchte noch eine andere Sache besprechen, Madam. Die
Familie de Quette. Ich bin der dritte Earl, und ich habe immer noch
keinen Erben. Etwas muß getan werden. Wann, Madam?«
»Bald. Im Moment ist so viel zu tun. Werden wir im Sommer
nicht in Bocton sein?« Sie brachte ein Lächeln zustande. »In
Bocton, William.« Doch obwohl Lady St. James lächelte, fiel es ihr
schwer, selbst das bißchen Ermutigung auszustrahlen, das in ihrem
eigenen Interesse nötig war. Eine Frau mochte ihrem Mann
ausweichen, konnte sich ihm aber nicht absolut verweigern. Lord St.
James sah ganz gut aus, aber sie begehrte Jack Meredith. Und
solange der in London war, fand sie ihren Ehemann
unerträglich.
»Sie haben mir schon einmal einen Erben geschenkt«, erinnerte
er sie.
»Ich weiß. Der arme kleine George.«
Das war eine Tabuzone, etwas, über das sonst nicht gesprochen
wurde. Der Tod des Säuglings vor sieben Jahren. Selbst jetzt kannte
St. James nicht die Wahrheit, und für Ihre Ladyschaft, die damals
völlig am Boden zerstört war, war dies das Thema, über das nie
gesprochen werden durfte. Lord St. James hatte soeben diese Regel
gebrochen. »Bis zum Sommer ist es noch lange«, sagte er schroff und
zog sich zurück.
Lady St. James blieb allein sitzen und dachte an diese
furchtbare Nacht vor sieben Jahren. Die Geburt hatte lange
gedauert, und danach lag sie erschöpft da, froh, daß es vorbei war.
Sie war nicht gerne schwanger gewesen; schrecklich, so dick und
plump zu sein. Doch dann hatte sie zumindest das Gefühl, etwas
vollbracht zu haben. Das Kind war ein Junge; nach seinem Großvater
sollte er George genannt werden. Für sie zählte vor allem, daß er
Erbe eines Earls war, der vom Augenblick seiner Geburt an einen
Titel trug: der kleine Lord Bocton. Als sie das Kind schreien
hörte, hatte sie der Kinderschwester gesagt, sie solle es ihr
bringen. Lächelnd hatte sie den Säugling hochgehalten, um ihn im
Kerzenlicht zu betrachten. Und dann hatte sie ein entsetztes
Gesicht gezogen.
Sie hatte erwartet, das Kind werde hübsch sein, zumindest
blond, wie die Eltern, doch das kleine Geschöpf hatte dunkles Haar
und eine weiße Strähne in der Mitte. Und als sie die winzige Faust
des Babys öffnete, schrie sie auf. Das Kind hatte feine
Schwimmhäute zwischen den Fingern.
»Das ist nicht meines!« hatte sie gekreischt. »Sie haben mir
ein anderes Kind gebracht.«
»Nein, Ihre Ladyschaft«, beteuerte die Kinderschwester. »Es
ist Ihres.«
»Hexe! Diebin! Das kann nicht sein.« Aber da war der Arzt
hereingekommen und hatte ihr versichert, genau so sei das Kind zur
Welt gekommen.
Wie konnte sie so ein Ding ihren Freunden zeigen? Grauen
ergriff sie, Grauen vor dem Kind, vor sich selbst, vor ihrem Mann,
der schuld war, daß sie so ein Ding bekam. »Bringt es fort«, hatte
sie gerufen und hatte sich wieder in die Kissen fallen
lassen.
Bald darauf hatte Lord St. James in den Norden Englands reisen
müssen, und zu dieser Zeit hatte sie bereits ihren Plan. Das
Gespräch mit der Amme hatte sie auf die Idee gebracht. Natürlich
war es undenkbar, daß eine Gräfin ihr Kind selbst stillte. Man
hatte eine dralle junge Frau gefunden, die einen Monat vor Lady St.
James ein Kind gebären sollte. Die Frau hatte beiläufig
erwähnt:
»Ich habe immer viel Milch, Mylady, genug, um auch Ihr Kind zu
nähren. Und wenn meines stirbt, bekommt das Ihre alles.«
»Sterben denn so viele Säuglinge?« hatte die Gräfin
gefragt.
»O ja, Mylady. In London jeden Tag eine ganze Menge.« Selbst
die Reichen waren gefährdet; irgendein Fieber konnte das Kind
dahinraffen. Bei den Armen in ihren überfüllten, unhygienischen
Wohnungen erlebte nicht einmal jedes dritte Kind das Alter von
sechs Jahren. Ausgesetzte Säuglinge, tot oder im Sterben, waren ein
normaler, trauriger Anblick. Diese Information, zusammen mit
anderen Erkundigungen, die Lady St. James eingezogen hatte, war die
Grundlage ihres Plans.
Sie brauchte noch eine Komplizin, doch das war nicht
schwierig. Die heruntergekommene Frau, die sie in einem dunklen Eck
von Covent Garden ausgewählt hatte, wußte nicht, wer die fremde, in
einen Umhang gehüllte Lady war, doch fünf Pfund, zusammen mit dem
Versprechen, weitere zehn Pfund zu bekommen, wenn alles erledigt
war, genügten bei weitem, ihre Mitarbeit zu sichern, ohne daß sie
irgendwelche Fragen stellte.
Die Dienstboten am Hanover Square waren erstaunt, als Ihre
Ladyschaft zwei Tage nach der Abreise des Lords plötzlich von Angst
ergriffen wurde. Das Kind sei krank, erklärte sie, es müsse an der
Amme liegen. Die Frau wurde entlassen, Ziegenmilch mußte besorgt
werden. Man bot an, die Säuglingsschwester oder den Arzt zu holen.
Sie erwog es, entschied dann aber: »Ich traue keinem.« Eines Tages
im Morgengrauen hörte man sie dann schreien. Außer sich eilte Ihre
Ladyschaft die Treppe herunter, das Kind, eingehüllt in ein Tuch,
auf dem Arm. Sie erteilte Befehle: In einer Stunde müsse die
schnelle Kutsche bereit sein. Sie würde nach Bocton fahren. Nach
Bocton, das sie nie gemocht hatte, und um diese Morgenstunde! Sie
würde nur den Kutscher und einen Pferdeknecht mitnehmen.
»Landluft«, rief sie, »dann wird das Baby wieder gesund werden.«
Dann rannte sie mit dem Baby hinaus auf den Platz und verschwand
für fast eine Stunde.
Sie fuhren wie die Wahnsinnigen. Über die London Bridge, durch
Southwark, auf die alte Straße nach Kent, die hinauf nach
Blackheath und über den Shooter's Hill führt; Stunde um Stunde, mit
nur je einem Halt in Dartford und Rochester, um die Pferde zu
wechseln. Es war bereits dunkel an diesem Tag im März, als sie
endlich den bewaldeten Park von Bocton erreichten, wo die erstaunte
Haushälterin hastig das Zimmer für Ihre Ladyschaft herrichten
mußte, in das sie sich sofort mit dem Kind zurückzog.
Ein höchst erstaunter Arzt aus Rochester, der am nächsten
Morgen gerufen wurde, erklärte: »Dieses Kind ist seit mindestens
einem Tag tot.« Aber Lady St. James war nun völlig geistesverwirrt
und beharrte verzweifelt darauf, daß das Baby wieder gesund werden
würde, da es nun Landluft habe, und der Arzt hatte den kleinen
Leichnam stillschweigend mitgenommen. Zehn Tage später, als Lord
St. James aus dem Norden zurückkam, fand er seinen Erben begraben
auf dem kleinen Friedhof neben dem Wildpark in Bocton und seine
Frau fast wahnsinnig vor Kummer.
Das war die trübe Erinnerung, die Ihre Ladyschaft überfiel,
als sie allein in ihrem Zimmer am Hanover Square saß. Für ihr Kind,
das sie gegen das tote eingetauscht hatte, empfand sie nichts. Als
die Frau aus Covent Garden sie gefragt hatte, was sie damit tun
solle, hatte sie gezischt: »Tun Sie, was Sie wollen, solange es mir
nur nie mehr vor Augen kommt.« Ich habe das Kind nicht umgebracht,
sagte sie sich. Sie hoffte nur, daß es tot war. Doch das war lange
her. Ihre Zofe kam ins Zimmer, um Ihrer Ladyschaft in das prächtige
Kleid zu helfen.
Isaac Fleming konnte es sich erlauben, glücklich zu sein.
Seine Rechnung für Lady St. James hatte nicht weniger als dreißig
Pfund betragen: und da die enorme Kuchenmenge, die sie bestellt
hatte, von bester Qualität gewesen war, hoffte er auf ein
einträgliches Geschäft. Isaac Fleming nahm an, daß die Aristokratie
ihre Rechnungen stets bezahlte. Er wünschte sich ein Erkerfenster
für seine Ladenfront. Zur Zeit seines Großvaters, als die Familie
noch im Kurzwarengeschäft tätig war, hatte es solche Dinge noch
nicht gegeben. Nach dem großen Brand waren die hölzernen
Verkaufsstände des alten London allmählich durch in Reihen
angelegte, aus Ziegel gebaute Läden ersetzt worden, zumeist recht
einfach eingerichtet – eine schlichte Verkaufstheke, die Waren auf
Regalbrettern, ein sandbestreuter Holzboden. In letzter Zeit hatte
sich das verändert.
Als Junge ging Isaac oft hinaus aus Ludgate, die Fleet Street
entlang, die gleich nach der alten Kirche St. Clement-Danes in eine
breite Fahrbahn mündete, die Strand genannt wurde. Es war eine
vornehme Gegend, wo es solche Wonnen gab wie das griechische
Kaffeehaus, das »New Church Chop House« und andere beliebte
Gaststätten, in denen sich Rechtsanwälte und Gentlemen trafen. Am
meisten Gefallen fand er jedoch an einem kleinen Laden, in den er
jedesmal hineinging, wenn er vorbeikam: Twining's Tea Shop. Dort
wurde nur Tee verkauft, aber auf elegante Art. Große bemalte Gefäße
standen im Schaufenster; die Fässer im Laden waren alle mit
schmuckvollen Etiketten versehen, auf der Theke standen neben Maßen
und Gewichten mehrere Teebüchsen mit schönen Einlegearbeiten. »Wenn
ich erwachsen bin, will ich einen solchen Laden haben«, sagte er zu
seinem Vater.
Da er ein paar Jahre später bei einem einfachen Bäcker um eine
Lehrstelle bat, hatte Isaacs Vater gedacht, er würde wohl kaum ein
so elegantes Geschäft brauchen, aber er hatte nicht mit der
Initiative des Jungen gerechnet. Als er neben der »Old Cheshire
Cheese Tavern« in der Fleet Street seinen eigenen kleinen Laden
hatte, begann Isaac Kuchen zu backen, und das machte er sehr gut.
Nach ein paar Jahren brachte der Kuchenverkauf schon mehr als die
Hälfte seines Umsatzes ein. Eines Tages, sagte Isaac zu seinem
Vater, würde er diese entscheidende Viertelmeile weiter
hinaufziehen können, so daß er neben Twining's Tea Shop käme.
Insgeheim hoffte er, ganz mit dem Brotbacken aufhören zu können,
nur noch Kuchen zu machen und ein Geschäft am Piccadilly zu
eröffnen.
Der Piccadilly war die elegante Welt schlechthin. Zwischen dem
Hof von St. James und Pall Mall im Süden und den prächtigen neuen
Erschließungsgebieten wie Grosvenor und Hanover Square im Norden
gelegen, war Piccadilly ein Ort für die beste Gesellschaft. Und
dort, gleich bei dem kleinen Markt an der St.-James-Kirche stand
ein so prachtvolles Geschäft, das alles andere in London so weit
übertraf: Fortnum and Mason. Die beiden Freunde hatten das Geschäft
1707 gegründet, nachdem sich Fortnum, Diener am Königshof, aus
seiner Stellung zurückgezogen hatte. Es war erstaunlich, was man
dort alles kaufen konnte: alle Arten von Lebensmitteln, fremdartige
Delikatessen – Hirschhornsalz und andere Seltenheiten, exotische
Süßigkeiten, importiert von der Ostindiengesellschaft. Am
beeindruckendsten war die Ladeneinrichtung – wunderbar dekorierte
Schaufenster, strahlendes Licht, Tische, die hergerichtet waren wie
in einem eleganten Salon eines adligen Stadtpalastes. Es mußte ein
Vermögen gekostet haben. So ein Geschäft lag weit außerhalb Isaacs
Möglichkeiten. Doch eines Tages würde er seinen Laden in Sichtweite
haben, und dieselbe illustre Gesellschaft, die Fortnum's
frequentierte, würde sein bescheidenes Konditorschaufenster sehen.
Es war ein Traum, aber vielleicht doch nicht unerreichbar.
Der erste Schritt zu diesem fernen Ziel war die Verschönerung
seines bisherigen Ladens. Erstens brauchte er ein neues Schild. Die
einfachen Geschäfte hatten immer noch die alten Schilder vor ihrer
Tür, die modischen neuen Lieferanten jedoch ließen ihre Namen auf
geschmackvolle Tafeln über dem Fenster schreiben, manchmal sogar in
Gold. Und zweitens brauchte er ein Erkerfenster. Es sah nicht nur
elegant aus. Die gewonnene Fläche ermöglichte es auch, eine größere
Menge an Waren zu präsentieren. An diesem Tag hatte Isaac
schließlich die Entscheidung getroffen. Die bescheidene Bäckerei in
der Fleet Street sollte eine neue Fassade mit Erkerfenster
bekommen.
»Können wir uns das leisten?« fragte seine Frau ein wenig
nervös.
»Vergiß nicht«, antwortete er, und sein schmales, hohlwangiges
Gesicht leuchtete bei der Aussicht, »die Gräfin St. James schuldet
mir dreißig Pfund.«
Nicht nur Londons prächtigstes Geschäft lag
am Piccadilly. Um fünf Uhr nachmittags gesellte sich die von zwei
Laufburschen getragene Sänfte mit der eleganten Gestalt von Lady
St. James zu hundert anderen und einer Reihe wappengeschmückter
Kutschen, die durch das Eingangsportal zu den Kolonnaden des
Innenhofs eines stattlichen palladianischen Palais strömten, das in
klassizistischer Geschlossenheit hinter der nördlichen Straßenseite
lag: Burlington House.
An den eleganten Plätzen des Westends standen sehr große
Häuser, doch es gab einige Adlige, zumeist Herzöge, die so reich
waren, daß sie sich eigene kleine Paläste leisten konnten. Einer
davon war Lord Burlington. Obwohl die Burlingtons ihre auserlesene
italienische Villa in dem westlichen Dorf Chiswick vorzogen, wurde
das große Palais am Piccadilly doch hin und wieder für große
Gesellschaften benutzt.
Jedermann, der etwas darstellte, war da: Adlige, Politiker
und, da die Burlingtons Kunstmäzene waren, auch ein paar Leute aus
der Welt der Kunst und der Literatur: Fielding, dessen Roman Tom
Jones im letzten Jahr alle Welt so belustigt hatte, war mit
seinem halbblinden Bruder John gekommen; der Maler Joshua Reynolds,
sogar der Schauspieler Garrick. Lady St. James bewegte sich elegant
von Gruppe zu Gruppe, sprach hier und da ein paar Worte und sorgte
dafür, daß sie gesehen wurde. Aber die ganze Zeit suchte sie
insgeheim nur nach ihm. Er hatte gesagt, daß er hiersein würde. Er
war auch da.
Wenn Lady St. James vor dem Beginn ihrer Affäre in Captain
Jack Meredith' Nähe kam, errötete sie immer wie ein Kind. Er hatte
sie aus der Fassung gebracht. Wenn sie nun auf ihn zukam, war es
anders. Zuerst verspürte sie Herzflattern, dann zitterte sie ein
wenig, dann wurde ihr kribbelnd warm. Es begann in ihren Brüsten,
die so köstlich dekolletiert waren, konzentrierte sich in der
Körpermitte, schoß ihr dann in den Unterleib und durchströmte sie
mit solchem Leben, daß es fast schrecklich war.
Sein bestickter Rock war burgunderrot und paßte gut zu seinen
braunen Augen. Im Augenblick stand er allein, die große, schlanke
Gestalt einem der hohen Fenster zugewandt. Er spürte ihre
Anwesenheit, als sie näher kam, achtete darauf, sich nicht sofort
zu ihr umzudrehen, und als er sie schließlich anlächelte, bemerkte
sie die attraktive, männliche Linie seiner Wange. Sie blieben ein
wenig entfernt voneinander stehen und sprachen leise.
»Du wirst kommen?«
»Um acht. Bist du sicher, daß er nicht da sein wird?«
»Sicher. Er ist jetzt im House of Lords, und später geht er
aus zum Essen und Kartenspielen. Bis acht Uhr dann.«
Sie nickte ihm kurz zu und schritt weiter, als habe sie kaum
Notiz von ihm genommen. Aber ihr Herz vollführte einen
Freudentanz.
In »Seven Dials« gab es Austern zum
Abendessen. Harry Dogget blickte auf die schnatternden Kinder, die
alle wie Straßengören aussahen, was sie auch waren. Die beiden
siebenjährigen Jungen, Sam und Sep, waren barfuß und rauchten lange
Pfeifen, was im georgianischen London nichts Ungewöhnliches
war.
»Schon wieder Austern?« Die Kinder nickten und deuteten ein
wenig nervös zur Treppe. Dogget verdrehte die Augen. Alle wußten,
was das bedeutete. Wie zur Antwort ertönte aus dem oberen Zimmer
nun ein gedämpftes Poltern, dann kündigten knarzende Dielenbretter
die bevorstehende Ankunft Mrs. Doggets an.
Harry Dogget seufzte. Aber es hätte noch schlimmer kommen
können, dachte er. Zumindest machten sich die Kinder gut, und eines
sagte er sich immer wieder: »Sie sind alle Cockneys, das ist
sicher.«
Harry Dogget war ein Cockney und stolz darauf. Man war sich
nicht einig, woher das Wort kam; manche meinten, es bedeute »faules
Ei«, andere meinten, es bedeute »Idiot«. Auch konnte niemand sagen,
warum oder wann man begonnen hatte, die Londoner so zu bezeichnen.
Nur in einem war man sich einig: Um als vollwertiges Mitglied
dieser angesehenen Gesellschaft zu gelten, mußte man in Hörweite
der großen Glocke von St. Mary-le-Bow geboren sein.
Zugegebenermaßen trug der Wind diesen Klang über einige Entfernung.
Die meisten Bewohner Southwarks am anderen Flußufer behaupteten,
Cockneys zu sein, und auch die Bewohner von Spitalfields, östlich
des Towers, zählten sich in der Regel zu den Cockneys – es sei
denn, sie wollten lieber als Hugenotten gelten. Im Westen, entlang
Fleet Street und Strand nach Charing Cross, Covent Garden und Seven
Dials, nickten Männer wie Harry Dogget, wenn sie an einem ruhigen
Sonntagabend das Geläute der alten Glocke hörten, und meinten: »Ich
bin ein echter Cockney.«
Es war auch nicht erstaunlich, daß die Londoner Cockneys für
ihren pfiffigen Verstand bekannt waren. Hatten im Hafen von London
nicht Angelsachsen, Wikinger, Normannen, Italiener, Flamen, Waliser
und weiß Gott noch was für Völker seit Jahrhunderten dank ihrer
Gerissenheit überlebt? Schlitzohrige Markthändler, lärmende
Fährmänner, Wirtshausinhaber, Theaterbesucher, geprägt von der
deftigen, hintergründigen und vulgären Sprache Chaucers und
Shakespeares – von Geburt an tauchte das einfache Volk von London
in ein Meer von Sprachwitz und Ausdrucksreichtum ein. Die
schlagfertigen Cockneys liebten Wortspiele und Reimereien – »Bein
und Pantoffeln« etwa bedeutete »Schwein und Kartoffeln«; »Bleib mir
vom Leib!« hieß: »Hier kommt dein Weib!«.
Mrs. Dogget stolperte die Treppe herunter. Sie war rot im
Gesicht, aber nicht aufgrund irgendeiner Anstrengung. Mrs. Doggets
Problem war der Gin – auch »Mutters Ruin« genannt, aber es war eher
der Ruin der Familie. Viele Familien in London litten darunter. Der
klare Schnaps war äußerst billig in der Herstellung, und als der
holländische König Wilhelm dieses Getränk, das in seiner Heimat so
beliebt war, eingeführt hatte, waren die ärmeren Schichten in den
Städten bald so süchtig geworden, daß es mittlerweile der größte
Fluch der Zeit war. »Ein bißchen Trost«, nannte Mrs. Dogget es,
wenn sie zu trinken anfing, und es schien, daß es nichts gab, was
sie davon abhalten konnte.
Sie war eine kleine, rundliche Frau. Dogget sprach sie in
bestimmtem Ton, aber nicht unfreundlich an.
»Schon wieder Austern?« Der Fangertrag aus der Themsemündung
war so enorm, daß Austern zu den billigsten Waren auf dem Markt
gehörten.
»Ich habe dir heute morgen einen Shilling gegeben«, meinte
Dogget. »Du kannst das nicht alles vertrunken haben, altes
Mädchen.«
»Ich habe nur Tuppence ausgegeben«, brummte Mrs. Dogget
stirnrunzelnd.
»Wer hat dann das Geld?« fragte er, und alle Kinder
schüttelten die Köpfe. Hätte er jedoch genauer hingesehen, wäre ihm
vielleicht aufgefallen, daß sich die beiden Siebenjährigen
komplizenhaft zulächelten. Sam und Sep wußten es sehr gut, hatten
aber nicht die Absicht, etwas zu sagen.
Seven Dials war ein seltsamer Stadtteil. Sieben Straßen, keine
von Bedeutung, stießen hier aufeinander. Im Mittelpunkt der
Kreuzung stand eine steinerne dorische Säule, umgeben von einem
Geländer. Auf der Säule war eine Uhr mit sieben identischen
Zifferblättern, die jeweils in eine der sieben kleinen Straßen
zeigten. Nur wenig östlich von Covent Garden, wo nun jeden Tag ein
Blumenmarkt abgehalten wurde, und nur fünf Gehminuten vom
Piccadilly entfernt, hätte es eigentlich eine respektable Gegend
sein müssen. Doch die sieben Straßen besaßen nicht den moralischen
Charakter ihrer Nachbarn und versanken alle zusammen im Sumpf des
Lasters. Wollte man den billigsten Gin finden, kam man nach Seven
Dials; manche nannten die Gegend auch Gin Lane. Suchte man
weibliche Gesellschaft, nicht zu unattraktiv und nicht krank, ging
man zu der Uhr und traf auf dem Weg ein Dutzend Frauen, die keine
richtigen Prostituierten waren, sondern Arbeiterfrauen, die sich
nebenbei etwas verdienen wollten. Wollte man sich die Taschen
ausrauben lassen, brauchte man nur eine der sieben Straßen
entlangzugehen, und irgend jemand würde einem sicher den Gefallen
tun.
Für Sam und Sep jedoch war Seven Dials ein freundlicher Ort.
Sie waren hier geboren, jeder kannte sie. Selbst jene, die einen
aggressiven Charakter oder gefährliche Gewohnheiten hatten, würden
Sam und Sep kaum behelligen, denn ihr Vater war immerhin Harry
Dogget – ein Mann von einiger Bedeutung.
Es hatte in London immer Straßenverkäufer gegeben, Männer und
Frauen, die mit ihren Körben oder Karren von Haus zu Haus zogen,
doch nun waren es mehr denn je, da die Bevölkerung stetig wuchs und
die alten Holzbuden zunehmend in richtige Geschäfte umgewandelt
wurden.
Arme Leute gingen nicht in die neuen Läden. Alles war dort
teurer, und kaum ein Ladeninhaber hatte dieses zerlumpte Volk gern
in seinem Geschäft, da es die bessere Kundschaft vergraulte. Daher
machten die einfachen Straßenhändler ihre Runden, und die Luft
hallte wider von ihrem Geschrei: »Heiße Pasteten!« – »Kauft meine
fetten Hühner!« Der Muffinverkäufer läutete mit seiner Glocke. Es
war ein unglaublicher Lärm. Die Fürsten dieser Cockney-Händler
waren jene, die einen eigenen bunt bemalten Karren und einen
eigenen Esel besaßen, der ihn zog; zu diesen gehörte Harry Dogget.
Er verkaufte Fisch, Obst und Gemüse, je nach Tag und Jahreszeit.
Die größten dieser Händler waren die inoffiziellen Herrscher ihres
Gebiets, sorgten für Ordnung bei den kleinen Hausierern und
vererbten ihre Machtstellung von Generation zu Generation. Obwohl
Dogget noch ein klein wenig unter dieser Elite stand, war mit ihm
nicht zu spaßen. Ehrlich beim Geschäft, klein, aber kräftig, stets
zu einem Scherz bereit, allgemein beliebt – auch bei den Frauen –,
immer ein rotes Halstuch umgebunden, wäre Harry Dogget ein
glücklicher Mann gewesen, wäre da nicht Mrs. Dogget. »Nicht, daß
sie soviel kostet«, erklärte er, »aber sie bringt auch nichts
herein.«
Alles hatte er versucht, um sie vom Gin abzubringen.
Gewöhnliche Arbeiten, etwa für andere zu waschen, waren
liegengeblieben. Eines Frühjahrs hatte er versucht, sie eine Woche
lang nach Chelsea und Fulham zu bringen, wo Leute aus dem West
Country und sogar aus Irland in den riesigen Gärtnereien Mr.
Gunters arbeiteten. Doch sie hatte es geschafft, sich Gin zu
besorgen, und war betrunken in ein Gewächshaus gefallen. Dann hatte
ein Freund aus der BullBrauerei in Southwark vorgeschlagen, Mrs.
Dogget und die Kinder sollten den Sommer über in den großen
Hopfengärten von Bocton in Kent beim Hopfenzupfen helfen – doch
Mrs. Dogget hatte sich geweigert.
Manchmal fragte sich Harry, ob es seine Schuld war. Hatten
seine Frauengeschichten sie zum Trinken gebracht? Doch das glaubte
er nicht; trotz all ihrer Fehler war sie dabei immer gelassen
geblieben. Wie auch immer, es bedeutete, daß Harry nie richtig
vorankommen würde, und so warnte er seine Kinder: »Ihr müßt lernen,
für euch selbst zu sorgen.«
Genau das taten Sep und Sam. Sep machte sich manchmal Sorgen,
weil Sam stahl. »Die Bow Street Runners werden dich erwischen«,
warnte er.
Im Jahr zuvor hatte Henry Fielding, der nicht nur Werke wie
Tom Jones verfaßte, sondern auch Richter war, den ersten
Versuch zum Aufbau einer Londoner Polizei gemacht, deren Quartier
in der Bow Street bei Covent Garden lag. Sam lachte seinen Bruder
jedoch nur aus. Die beiden Jungen waren nicht identisch wie
eineiige Zwillinge, einander aber sehr ähnlich, mit der gleichen
weißen Haarsträhne und den feinen Schwimmhäuten zwischen den
Fingern. Sam war der fröhlichere der beiden. Wie die anderen Kinder
hatten sie stets etwas zu tun. Der älteste Junge half dem Vater mit
dem Karren; die Mädchen kümmerten sich um den Haushalt oder gingen
in Stellung, die Zwillinge arbeiteten zusammen, übernahmen hier und
da eine Arbeit, erledigten Botengänge – alles, womit sie ein wenig
Geld verdienen konnten, das sie sorgfältig vor ihrer Mutter
versteckten. Der waghalsigere Sam hatte sich nun regelrecht auf
eine kriminelle Laufbahn verlegt – mit einer gerissenen
Methode.
Seit achtzehn Jahren war das Theater in Covent Garden das
prächtigste von ganz London. Kamen die Zuschauer nach der
Vorstellung bei Dunkelheit heraus, warteten nicht nur zahlreiche
Mietsänften, sondern auch Fackelträger, die den Gentlemen, die
lieber zu Fuß gingen, ihre Dienste anboten. Und so mancher Herr,
der beschloß, den fröhlichen kleinen Jungen, der unter den Leuten
herumstand, auf dem Heimweg zu beschützen, und ein paar Minuten
später bei Seven Dials ausgeraubt wurde, wäre erstaunt gewesen zu
sehen, wie der anscheinend während des Überfalls so verängstigte
Sam am nächsten Morgen seinen Anteil von dem Straßenräuber
abholte.
»Die Runners machen sich wegen mir keine Arbeit«, versicherte
er Sep. »Und beweisen können sie auch nichts.«
Bei anderen Diebstählen machte Sep jedoch gern mit – wenn sie
Mrs. Dogget Geld klauten. Das war gar nicht richtig stehlen, waren
sie sich einig. Sie wußten, wo das Geld hinging, wenn sie es nicht
nahmen. Hätte man sie gefragt, wozu sie das Geld brauchten, hätte
zumindest Sam genau antworten können. Er wollte ein Händler mit
einem eigenen Karren werden wie sein Vater, und da dessen Karren
sein älterer Bruder erben würde, brauchte er Geld, um sich einen zu
kaufen. Bis zum Alter von fünf Jahren hatte Sep dasselbe Ziel
gehabt, bevor er dann eine aufregende Entdeckung gemacht
hatte.
Eine Reihe von festlichen Ereignissen unterteilte das Jahr im
georgianischen England, die meisten seit Jahrhunderten, doch
während Harry Doggets Kindheit war eine neue Attraktion
hinzugekommen: ein Bootsrennen Anfang August. Sechs Boote, jedes
von einem einzigen Fährmann von der London Bridge flußaufwärts nach
Chelsea gerudert, wetteiferten miteinander um den Preis eines
reichverzierten Wappens und einer massiven Silberspange. Gründer
der Veranstaltung war ein Schauspieler und Theaterleiter namens
Thomas Dogget, und das vor allem fand Sep wunderbar. Sein eigener
Familienname. Und dieses Dogget's Coat and Badge Race wurde von
ganz London besucht.
»Hat das etwas mit uns zu tun?« hatte der fünfjährige Sep
seinen Vater gefragt, als er das erste Mal mitgenommen wurde.
»'türlich. Mein alter Onkel Tom«, hatte der Händler fröhlich
geschwindelt.
Harry hatte nicht die leiseste Ahnung, ob Thomas Dogget auch
nur entfernt mit seiner Familie verwandt war, aber es belustigte
ihn, den Jungen vor Stolz erröten zu sehen. Von diesem Augenblick
an hatten der Fluß und die Fährmänner für Sep eine vollkommen neue
Bedeutung erhalten. Straßenhändler mit eigenem Karren zu sein war
prima, aber konnte man es vergleichen mit der Herrlichkeit des
Flußlebens, wo die Doggets seinem Gefühl nach wirklich hingehörten?
Er träumte nur noch davon, einer von diesen bunt gekleideten
Männern auf dem Wasser zu werden. Und als er sich eines Tages
seinem Vater anvertraute, wurde er von Harry ermutigt.
»Du könntest zugleich Feuerwehrmann sein«, erklärte er.
Die Versicherungsgesellschaften hatten Feuerwehren gegründet.
Man hatte erkannt, daß der einfachste Weg, Ansprüche gering zu
halten, darin bestand, Brände so rasch wie möglich zu löschen, und
so hatte sich jede Gesellschaft einen eigenen Wagen mit
Wasserfässern, Eimern und sogar primitiven Pumpen und Schläuchen
angeschafft. Als Feuerwehrmänner heuerten die
Versicherungsgesellschaften die Fährmänner auf der Themse an, die
stets zu allem bereit waren. Oft sah Sep die farbig gekleideten
Feuerwehrleute mit ihren Löschzügen durch die Straßen sausen.
Mit sieben Jahren wußte Sep, wohin er gehörte, nämlich in den
Schoß der berühmten Familie Dogget; er wußte, daß er Feuerwehrmann
werden würde, und er wußte bereits fast alles, was es über das
Leben auf den Londoner Straßen und seine eigene Stellung zu wissen
gab. Es gab nur eines, was er nicht wußte.
An einem frühen Morgen vor sieben Jahren hatte Harry Dogget
seinen Karren auf die schmutzige Straße bei Seven Dials gezogen.
Eine Woche zuvor war sein Sohn Sam geboren worden und würde Mrs.
Dogget, die noch mehr zu trinken begonnen hatte, beschäftigen.
Harry pfiff fröhlich, als er sich der Säule mit den sieben
Zifferblättern näherte und das kleine Bündel bemerkte. Es lag
hinter dem Geländer um die Säule und schrie.
Harry seufzte. Ein solches Bündel wie dieses war nichts
Ungewöhnliches. Ungewollte Kinder waren an einem Ort wie Seven
Dials ein Berufsrisiko, und was sollte ein lediges Mädchen auch
tun? Vor kurzem hatte ein gewisser Captain Coram ein Heim für
uneheliche Kinder gegründet, doch um ihr Kind dort unterzubringen,
mußte die Mutter selbst kommen und sich rechtfertigen. Und selbst
dann waren es so viele, daß man per Los entscheiden mußte, welche
Kinder aufgenommen wurden. Harry brachte es nicht übers Herz,
einfach vorbeizugehen. Das Kind war kein Neugeborenes, aber noch
keinen Monat alt. Ein Junge, der ganz gesund wirkte. Harry runzelte
die Stirn. Das Baby hatte eine kleine weiße Strähne im Haar, wie
Sam. Und die Finger – noch ein. Kind mit feinen Schwimmhäuten?
Konnte das Zufall sein?
Harry Dogget rief sich seine Seitensprünge ins Gedächtnis. Die
Frau des Schusters. Aber er hatte sie seither oft gesehen, und sie
war nicht schwanger gewesen. Das Mädchen aus der Bäckerei – nein.
Die junge Frau, die er auf dem Obst- und Blumenmarkt in Covent
Garden kennengelernt hatte. Zwei- oder dreimal hatten sie sich
zusammen davongestohlen, vor zehn Monaten etwa. Dann war sie
verschwunden. Hatte sie das Kind hierhergelegt? Noch einmal
betrachtete er den Säugling genau, das Haar, die Finger, dann hob
er ihn auf.
Er sprach offen mit seiner Frau, sagte ihr alles. Sie seufzte
und sah sich das Kind an. »Er sieht genau wie Sam aus«, stimmte sie
zu.
»Ich hab's nicht fertiggebracht, ihn da liegen zu
lassen.«
»Freilich nicht.« Sie grinste. »Ich muß Zwillinge gekriegt
haben, Harry. Hab's bloß nicht gemerkt.« Und von da an hatte Sam
einen Zwillingsbruder. Die anderen Kinder waren zuerst ein bißchen
erstaunt, vergaßen es aber bald. Als Harry das Kind ein paar Tage
später zum Vikar brachte und es taufen ließ, dankte der Geistliche
der Fügung Gottes, die dem Kind ein Zuhause gegeben hatte. »Warum
nennen Sie ihn nicht Septimus?« schlug er lachend vor, da Harry
sich keinen Namen überlegt hatte. »Das heißt auf lateinisch ›der
Siebte‹ – und Sie haben ihn doch bei Seven Dials gefunden!«
Die Familie Dogget kürzte den Namen sogleich auf Sep ab, und
Sam und Sep wuchsen zusammen auf. Harrys Zuneigung zu Mrs. Dogget
war von diesem Vorfall an für immer besiegelt.
An diesem Abend kam Captain Jack Meredith
kurz vor acht Uhr aus dem White's Club in der St. James Street und
schritt den Piccadilly hinauf. In den letzten Jahren waren einige
der vornehmeren Kaffeehäuser zu Gentlemen-Clubs mit beschränkter
Mitgliederzahl geworden, und White's war einer der exklusivsten. In
den meisten dieser Clubs wurde gespielt, und im White's waren die
Einsätze hoch.
Captain Meredith war zweifellos eine elegante Erscheinung,
doch er war ein Spieler. Sein Großvater, ein Geistlicher wie der
alte Edmund, hatte ein hübsches Vermögen auf die Seite gebracht.
Sein Vater hatte unter Marlborough gedient und eine wohlhabende
Witwe geheiratet, so daß Jack nach seinem Tod ein reicher junger
Mann war. Reich genug, um an einem Abend fünftausend Pfund beim
Kartenspiel verlieren zu können. Auch ein zweites Mal. Aber nicht
ein drittes Mal, wie es geschehen war. Der elegante Captain Jack
Meredith hatte ein Haus in der Jermyn Street, wo die Dienstboten
seit sechs Wochen keinen Lohn erhalten hatten, und verschiedenen
Händlern schuldete er insgesamt über tausend Pfund. Auf seinen Rang
als Captain im Regiment – denn in der britischen Armee wurden
Offizierspatente gekauft und verkauft – hatte er bei einem
Geldverleiher in der Nähe der Lombard Street bereits eine Hypothek
aufgenommen.
Nur ein Freund, zynisches Mitglied im selben Club, wußte um
den wahren Zustand von Captain Jacks Finanzen, und sein Rat war
schonungslos offen: »Wir brauchen ein Opfer, das du schröpfen
kannst. Irgendeinen jungen Burschen, der gerade von seinem Landsitz
gekommen ist und gegenüber uns eleganten Männern von Welt
renommieren will. Komm jeden Tag in den Club, und ich halte die
Augen offen.« Hätten sie an diesem Tag ihr Opferlamm gefunden, wäre
Meredith sogar bereit gewesen, seine Verabredung mit Lady St. James
zu versäumen.
Als er nun den Piccadilly hinaufschritt, konnte niemand
erraten, wie schlecht es um seine Finanzen stand. Captain Meredith
hatte ein bemerkenswertes Talent, sich ganz auf das zu
konzentrieren, was er im Augenblick tat. Er war ein wunderbarer
Liebhaber, aber auch einer der besten Fechter in London. Und ein
guter Offizier. Er kümmerte sich um seine Leute, war auch einem
derben Scherz nicht abgeneigt und konnte fast jeden im Regiment im
Boxkampf besiegen.
Seine Beziehung zu Lady St. James war anders als seine
sonstigen Liebschaften. Manchmal war er geradezu von ihr besessen.
Wenn er im White's saß, dachte er an ihren Körper und malte sich
aus, wie er sie auf hunderterlei Art besitzen könnte. Das hatte er
schon mit vielen Frauen erlebt, und immer war er ihrer schließlich
überdrüssig geworden. Bei Lady St. James war es, als fände er
jedesmal eine ganz neue Frau, und das lag nicht an ihrem Körper,
sondern an ihrer Persönlichkeit. Ihre Verwandlungsfähigkeit und ihr
Erfindungsreichtum schienen groß genug, um ihn jahrelang zu
faszinieren, vielleicht sogar ein ganzes Leben.
Captain Meredith gehörte in die St. James Street. Das
Bewußtsein, daß seine Vorfahren mit dem ersten Hof der Tudors nach
England gekommen waren, sein Club, seine Verbindungen, sein
Verhältnis zu einer Gräfin – all das war sein Leben. Um diesen
Standard aufrechtzuerhalten, war er zu allem bereit, auch dazu,
jemanden zu töten, wenn es nötig war, und das konnte er sogar
rechtfertigen. Waren das nicht die alten Regeln der adligen Ritter?
Die Spielregeln. Viele Männer in den Clubs von St. James hätten ihm
beigepflichtet.
Er war gerade um das Eck von Piccadilly gebogen, als drei
Männer aus der Dunkelheit traten und ihn ergriffen. Zwei hielten
ihm die Arme hinter dem Rücken fest, der andere stellte sich vor
ihn. »Captain Meredith? Sie sind verhaftet, Sir. Wegen
Verschuldung.«
Langsam öffnete sich die Tür. Lady St. James fühlte ein leises
Beben. Endlich. Er war gekommen. Es war bereits halb neun, und sie
hatte befürchtet, er habe seine Meinung geändert. Sie hatte sich
sorgfältig hergerichtet. Das lose Seidenkleid ließ ihre Schultern
frei; ihr Haar wurde nur von einem Schildpattkamm gehalten, der
sich bei der richtigen Berührung lösen würde.
Die Tür öffnete sich, und Lord St. James trat ein. »Sie?«
Bestürzt starrte sie ihn an, unfähig, ihre Enttäuschung zu
verbergen.
»Das ist mein Haus. Haben Sie jemand anderen erwartet?«
»Nein.« Sie rang um Fassung. »Sie klopfen sonst immer.«
»Verzeihung«, erwiderte er trocken.
Ein Klopfen an der Tür ließ Lady St. James erblassen, doch es
war nur ihre Zofe, die leise eintrat. Brauchte Ihre Ladyschaft noch
etwas? Sie sah ihrer Herrin bedeutungsvoll in die Augen. »Ich
glaube nicht.« Lady St. James sah ihren Gatten an. »Sie gehen nicht
mehr aus?« Er schüttelte den Kopf, und sie lächelte ihre Zofe an.
»Sie können gehen.« Die Zofe nickte. Wenn Captain Meredith in der
Nähe des Hauses auftauchte, würde er gewarnt werden. Insgeheim
seufzte Lady St. James erleichtert auf. Die Zofe verließ das
Zimmer.
»Sie wollten sich zurückziehen?«
»Ja.« Sie wandte sich ab. »Ich bin sehr müde.«
Abgesehen von der Enttäuschung, daß sie Jack für diesen Abend
verloren hatte, bewirkte die Gegenwart ihres Mannes in ihrem
Schlafzimmer stets diese Reaktion.
»Es tut mir leid, daß Sie müde sind. Wir haben heute vormittag
darüber gesprochen, daß ich einen Erben brauche.«
»Wir haben gesagt, im Sommer…« Ihre Stimme klang matt.
»Aber ich will nicht so lange warten.«
Er zog seinen Rock aus, hängte ihn über den Stuhl und wandte
sich wieder ihr zu. Sein Blick ruhte auf ihrer bloßen Schulter und
wanderte dann weiter zu ihren Brüsten.
Sie hatte Geschick darin erworben, Kontakt zu vermeiden, ohne
sich ihm direkt zu verweigern. Manchmal jedoch kehrte sie ihre
Taktik um und erschien höchst verführerisch vor ihm, damit er immer
noch glaubte, in ihr eine Ehefrau zu haben, die Ansprüche an ihn
stellte. Ein- oder zweimal im letzten Jahr hatte sie, wenn sie es
für notwendig hielt, die Augen geschlossen und versucht, sich
einzureden, es sei Jack Meredith.
Heute abend jedoch war sie darauf eingestellt gewesen, daß
Jack zu ihr kam. Ihre Behauptung, sie sei müde, hatte ihr Mann
ignoriert. Hatte er einen Verdacht? Einen Augenblick später wurden
ihre Zweifel zerstreut.
»Lady St. James«, teilte er ihr kühl mit, »ich habe
beschlossen, daß Ihr Verhalten mir gegenüber anders werden muß. Sie
werden nicht länger von mir verlangen, daß ich frage, ob ich dieses
Zimmer betreten darf. Ich werde kommen, wann es mir beliebt.«
»Und wann haben Sie das beschlossen, Mylord?«
»Heute morgen«, erwiderte er. »Sie haben mir gesagt, ich solle
auf meinen Erben warten. Ich habe bereits viel zu lange gewartet.«
Er verzog das Gesicht zu einem Grinsen. »Ihr Ehegelöbnis beinhaltet
auch das Wort ›gehorchen‹. Ich denke, es ist nun an der
Zeit.«
Lady St. James hatte die Antwort auf ihre Frage. Es war das
Grinsen. Ein Mann, der einen Verdacht gegen seine Frau hat, der
darum kämpft, seine Frau zurückzugewinnen, grinst nicht so
selbstgefällig, dachte sie. Ärger durchzuckte sie, und sie fühlte
Verachtung für den Mann, der vor ihr stand.
Lord St. James knöpfte seine lange Weste auf.
»Nein! Nicht jetzt, ich bitte Sie.« Warum konnte sie nach
Jahren kunstfertiger Tricks keinen Ausweg finden oder aber anmutig
nachgeben? Lady St. James verstand sich selbst nicht. Vielleicht
war es die Bestürzung darüber, daß Meredith nicht aufgetaucht war,
zusammen mit dem selbstzufriedenen Grinsen ihres Mannes – doch
diesmal hatte sie die Situation nicht unter Kontrolle. »Ich habe
meine Monatsregel«, log sie errötend.
»Wirklich? Wir werden sehen.« Kühl legte er die Weste über den
Rock. Dann drehte er sich um und packte sie am Handgelenk. »Sie
gehören mir.«
Sie versuchte, sich loszureißen, doch er ergriff mit der
freien Hand ihr anderes Handgelenk und bog ihre Arme weit
auseinander, bis ihr Busen gegen seine Brust gedrückt wurde. Ihr
wurde bewußt, wieviel stärker er war als sie. In ihrer Erniedrigung
vergaß sie sogar ihre Eleganz und riß das Knie hoch, um es ihm in
die Leistengegend zu stoßen. Gerade noch rechtzeitig wich er aus,
so daß sie ihn nur am Schenkel traf, doch sie spürte, wie eine
Welle der Wut durch seinen Körper ging. Er ließ ein Handgelenk los
und schlug ihr kräftig ins Gesicht. Dann packte er sie, hob sie
hoch und warf sie aufs Bett; einen Augenblick später war er über
ihr. »Jetzt werde ich dir zeigen, wer der Herr ist«, keuchte
er.
Trotz des Schmerzes erinnerte sie sich vor allem an sein
Gesicht. Hinter seiner höflichen Maske erschienen Züge, die sie
noch nie erblickt hatte. Grob, hart, unnachgiebig; das Gesicht der
alten Bulls.
Es war keine Vergewaltigung, aus dem einfachen Grund, weil es
Gesetz und Brauch war, daß ein solches Wort nicht verwendet werden
konnte, wenn das Opfer die Ehefrau war. Roh riß er ihr das Kleid
herunter, öffnete seine Hosenklappe und stieß mit solcher Wut in
sie hinein, daß sie aufschrie; wieder und wieder.
Es tat weh. Auch ihr Gesicht schmerzte nach dem Schlag, und
sie schmeckte Blut im Mund. Ebenso furchtbar wie der Schmerz war
das Gefühl, geschändet und erniedrigt zu werden. Sie versuchte, zu
kratzen und zu beißen und um sich zu schlagen, doch der große,
schwere Mann über ihr hatte sie vollkommen in seiner Gewalt. Ihr
Titel, ihr Haus, ihr Geld und nun auch ihr Körper, alles gehörte
ihm, er war der Herr.
»Von nun an wirst du mir zu Willen sein, wann ich es sage und
wie ich es will«, erklärte er kalt, als er fertig war. Dann verließ
er das Zimmer.
Captain Jack Meredith saß auf der kleinen
Holzbank in einer Zelle und zitterte vor Kälte. Im Licht eines
tropfenden Kerzenstummels sah man fast jeden Riß in der alten
Steinmauer. Seit zwei Stunden grübelte er über seine Lage nach und
kam stets zum gleichen Schluß. Es gab keinen Ausweg.
Er war im Clink.
Es gab mehrere Gefängnisse für Schuldner; das nächstgelegene,
in dem ein Platz frei war, war das Clink gewesen.
Es war im georgianischen London keine Kleinigkeit, Schulden zu
haben. Wenn die Gläubiger ein Urteil erwirkten, konnte man ohne
Vorwarnung aufgegriffen und ins Gefängnis geworfen werden, und dort
blieb man, bis die Schuld bezahlt war, manchmal für immer. Was
konnte man im Gefängnis für ein Leben erwarten? Gerade diese Frage
beschäftigte Jack Meredith, als er das Geräusch eines großen
Schlüssels hörte, der sich im Schloß drehte. Der Mann, der die
schwere Tür aufsperrte, hatte eine Laterne. Zuerst sah Jack die
Nasenspitze. Als die Nase halb zur Tür herein war, wurde ihre
einschüchternde Größe offensichtlich, und schließlich war der ganze
riesige Vorsprung sichtbar, und dahinter zwei melancholische Augen.
Die Perücke war so schmutzig, als habe man damit den Fußboden
gewischt. Ein gebückter Mann stand vor dem Captain.
»Ebenezer Silversleeves, Sir, zu Ihren Diensten. Ich bin der
Aufseher des Clink.«
Wie viele solcher Posten war auch dieser ererbt. Vor Ebenezer
hatten sein Vater und Großvater ihre schäbige Amtsgewalt über das
kleine Gefängnis ausgeübt. Als er nun sagte, er stehe Meredith zu
Diensten, meinte er das auch, denn der Captain war genau die Art
von Häftling, die er mochte.
Wie in vielen Gefängnissen waren die Regeln des Clink einfach.
Wenn man Brot und Wasser mochte, bekam man es. Wollte man etwas
anderes, bezahlte man Ebenezer dafür. »Ach je, Sir«, war stets
seine Einleitung. »Ein Gentleman wie Sie sollte nicht hier sein.«
Er habe nebenan in den Überresten des alten Bischofspalastes ein
ganz geräumiges Zimmer, erklärte er dann, das weit angemessener sei
und das der Herr für ein oder zwei Shilling pro Tag haben könne.
Natürlich werde der Gentleman auch ein anständiges Essen wollen,
eine Flasche Wein. In ein oder zwei Tagen könne er es fast so
bequem haben wie zu Hause, gegen ein Entgelt natürlich.
Wie sollte ein verschuldeter Gentleman für solche Dinge
bezahlen? Es war verblüffend, was Silversleeves arrangieren konnte.
Wie katastrophal die Finanzlage der feinen Herren auch sein mochte,
sie hatten doch zumeist Wertgegenstände bei sich. Eine goldene Uhr,
einen Ring – Silversleeves verkaufte alles und brachte im Nu den
größten Teil des Erlöses. Er konnte sogar jemanden in das Haus des
Schuldners schicken, der den Gläubigern diskret kleinere Wertsachen
vor der Nase wegschnappte. Gentlemen hatten zumeist auch Freunde,
die zwar vielleicht nicht die Schulden bezahlten, aber oft für ein
wenig Komfort während der Haft aufkamen. Der feine Rock konnte
verkauft und durch einen einfacheren ersetzt werden, so daß man vom
Erlös eine Weile leben konnte. Wenn auch die Perücke und die
Kleider, die man auf dem Leib trug, verkauft waren, und alle
Freunde sich still davongemacht hatten, gab es immer noch die
dunkle Zelle und eine Diät aus Wasser und Brot, so lange man das
überlebte.
Als Captain Meredith seinem Aufseher mitteilte, daß er im
Augenblick kein Geld habe, war dieser keineswegs abgeschreckt. Kaum
hatte Meredith seine Taschen ausgeleert, erspähte der hilfsbereite
Ebenezer eine Metallscheibe. Es war eine Theatermarke, die den
Besitzer zum Eintritt in das Theater von Covent Garden berechtigte.
»Dafür könnte ich ein paar Pfund bekommen«, erklärte er und fragte,
ob der Gentleman Verbindung zu seinen Freunden aufnehmen
wolle.
Meredith seufzte. Seit einer Stunde hatte er mit diesem
Problem gekämpft. Sobald er das tat, war seine Erniedrigung
öffentlich, und seine Chance auf ein Kartenspiel war dahin. Einen
Brief jedoch mußte er schreiben, an Lady St. James. Die Frage war,
wieviel er ihr mitteilen sollte? »Können Sie es einrichten, daß ein
Brief diskret überbracht wird?« fragte er.
Es hatte gerade elf Uhr geschlagen, als der Mann, der darauf
gewartet hatte, daß Lord St. James ausging, an die Tür von Hanover
Square 17 trat, kurz darauf in das Zimmer Ihrer Ladyschaft
vorgelassen wurde und ihr den Brief übergab. Respektvoll wartete
er, ob er eine Antwort mitnehmen solle.
Lady St. James saß auf der Chaiselongue, ein Kissen im Rücken
und eine Decke über den Knien. Unter ihren Augen waren dunkle
Ringe. Nachdem ihr Mann sie am Abend zuvor verlassen hatte, hatte
sie nicht nach ihrer Zofe gerufen, sondern sich selbst aus dem Krug
auf dem Nachttisch ein Becken voll Wasser gefüllt und versucht,
jede Spur ihres Mannes abzuwaschen. Dann hatte sie sich hingesetzt,
zugedeckt und die Nacht so verbracht. Einmal hatte sie ganz leise
geweint; mehrmals hatte sie Anfälle von Schüttelfrost. Sie fühlte
sich körperlich und seelisch verletzt, doch allmählich erholte sie
sich.
Wenn ihr Mann dachte, sie würde sich unterwerfen, täuschte er
sich. Doch was konnte sie tun? Ihn verlassen? Dann hätte sie fast
kein Geld. Einen reichen Beschützer und Liebhaber finden? Leichter
gesagt als getan, selbst für eine Schönheit der feinen
Gesellschaft. Würde Captain Meredith mit ihr fliehen? Sie nahm an,
er könnte es sich leisten, war aber nicht sicher, ob er es tun
würde. Eines aber wußte sie: Sie würde es nicht einfach hinnehmen.
Ihr Schock und ihre Verletztheit hatten sich in brennende Wut
verwandelt. Als der Morgen kam, hatte sie ihren Zorn unter
Kontrolle, doch er war tödlich. »Ich werde ihn vernichten wie eine
Schlange«, schwor sie.
Captain Jack Meredith' Brief brachte sie auf einen Gedanken.
»Sagen Sie ihm, er solle sich ein paar Stunden gedulden«, beschied
sie den Boten aus dem Clink. »Vielleicht kann ich ihm
helfen.«
Auch Sam Dogget hatte einen Gedanken.
Anfang Mai war eine fröhliche Zeit. Am 1. Mai wurden die Maibäume
aufgestellt. Lehrlinge zogen ihr Festtagsgewand an, Milchmädchen
trugen Girlanden, und auf den Straßen hörte man Pfeifen, Trommeln
und Leierkasten. Seit undenklichen Zeiten wurde nördlich von St.
James ein großer Markt abgehalten, der unter dem alten Namen
Mayfair bekannt war.
Neuer, aber sehr sehenswert war der Umzug der Kaminkehrer, die
dank der vielen prächtigen neuen Häuser nun eine eigene Zunft
bildeten. Sam und Sep standen am Grosvenor Square und sahen dem
Umzug zu, als Sam seine Idee hatte. Die Kaminkehrer waren ein
lustiger Trupp. Am Werktag schmutzig und verrußt, waren sie am l.
Mai sauber geschrubbt und trugen leuchtendweiße Hemden und Hosen.
Jeder Kaminkehrer hatte einen oder zwei kleine Jungen bei sich,
manche nicht älter als fünf oder sechs Jahre, die den Kamin
hinaufklettern mußten, wenn der langstielige Besen nicht um eine
Biegung kam. Eine schmutzige Arbeit; manchmal mußten sie, halb vom
Ruß erstickt, an die zehn Meter in dem schwarzen Tunnel
hinaufklettern. War der Kaminkehrer ihr Vater, ging es ihnen meist
nicht allzu schlecht, doch waren sie Waisen oder von ihrer armen
Familie zur Arbeit geschickt worden, behandelte man sie manchmal
sehr roh. Doch oft hatte ein Hausbesitzer oder sogar einer der
Dienstboten Mitleid mit den kleinen Kerlen und steckte ihnen eine
Münze oder etwas zu essen zu. Wenn man schlau war, hatte Sam
gehört, konnte man damit Geld verdienen. Und noch etwas fiel ihm
ein. Die Kaminkehrer kamen in alle großen Häuser, in jedes Zimmer.
Er grinste. »Sep, ich glaube, ich weiß, wie wir ein bißchen Geld
machen können.«
Das komfortabelste Zimmer im Clink war eine
große Verbesserung. Ein anständiges Bett stand darin, ein
Schreibtisch, auf dem Boden lag ein Teppich, und es hatte ein
schmales Fenster, das auf einen überwucherten kleinen Garten
blickte. Jack Meredith fühlte sich gleich wohler. Die Botschaft von
Lady St. James war zwar nicht sehr klar, aber ermutigend. Mittags
brachte Silversleeves ihm das Essen: Huhn, Gebäck, eine Flasche
Claret und außerdem eine Zeitschrift, den Spectator, in dem
Meredith nach dem Essen eine Stunde las, bis es an der Tür klopfte
und Besuch angekündigt wurde. Obwohl er im Grunde erwartete, Lady
St. James zu sehen, war das Gesicht der Besucherin so verdeckt
unter einem Hut und einem Seidenschal, daß er nicht sicher war.
Erst als die Tür sich hinter ihr schloß, enthüllte sie ihr Gesicht,
und Meredith erschrak.
Lady St. James hatte ihrem Aussehen große Sorgfalt gewidmet.
Ihre Zofe hatte die Wange, auf die ihr Mann ihr die Ohrfeige
gegeben hatte, mit einem nassen Tuch geschlagen, so daß nun eine
Gesichtsseite schrecklich angeschwollen war. Außerdem hatte Ihre
Ladyschaft sich niedergekniet und die andere Gesichtshälfte gegen
den Bettpfosten gerammt, so daß sie nun auch ein blaues Auge hatte.
An Entschlossenheit mangelte es ihr nicht.
Der Captain sprang auf und betrachtete sie entsetzt. »Wer hat
dir das angetan? St. James? Mein Gott! Wie? Warum?«
Sie zuckte die Achseln und gab zu verstehen, daß sie sich
setzen mußte.
Dann erzählte sie, wie ihr Mann sie angegriffen hatte, wobei
sie kaum lügen mußte.
»Dieser Lump!« rief er. »Das lasse ich nicht länger zu!«
»Du bist im Gefängnis«, erinnerte sie ihn. »Du kannst nichts
tun. Aber«, fügte sie leise hinzu, »würdest du mir wirklich helfen,
Jack?«
Er spürte eine Welle von Beschützerinstinkt, als er sie
ansah.
»Wenn du mich nicht rettest, Jack, bin ich ein Leben lang zu
so etwas verdammt. Es gibt vielleicht einen Weg, uns beiden zu
helfen. Doch zu einem bestimmten Preis. Und da ich nicht weiß, ob
du mich wirklich liebst, weiß ich auch nicht, ob du bereit bist,
ihn zu bezahlen.«
»Was?«
Sie seufzte. »Ich kann das nicht allein durchstehen, Jack, und
ich will es auch nicht. Wenn ich weiterlebe, dann will ich es nur
mit dir.«
Jack Meredith begriff, daß sie ihm einen Handel anbot. Doch
sie war eine schöne Frau in Bedrängnis.
»Ich bin für immer dein«, antwortete er. Sie unterbreitete ihm
ihren Plan.
Fleming starrte auf den Belag der Fleet
Street und schüttelte den Kopf. Das Pflaster hatte er vergessen.
Die Straßen von London waren sehr unterschiedlich. Es gab keinen
öffentlichen Straßenbau; Anwohner und Geschäftsinhaber waren
verantwortlich für den Belag, jeder mußte für den Abschnitt vor
seinem Haus bezahlen. Die Wege und Gassen in armen Vierteln sahen
wie Müllhalden aus, während die Anwohner der großen Straßen oft auf
der besten Bepflasterung bestanden. Fleming hatte gerade erfahren,
wieviel er bezahlen mußte.
»Fünfzig Pfund! Das neue Schaufenster wird warten müssen«,
seufzte er. »Und außerdem habe ich das Geld nicht.«
»Du mußt zu Lady St. James gehen«, meinte seine Frau. »Sie
schuldet dir dreißig Pfund.«
»Das werde ich wohl tun müssen.« Er belästigte eine solch
vornehme Lady ungern und hatte Angst, sie zu verärgern.
Gegen vier Uhr kam er an den Hanover Square, schwitzend unter
seinem besten braunen Rock und Hut. Beklommen schritt er auf die
Eingangstür zu und läutete die Glocke. Ein Diener öffnete, doch
bevor Fleming überhaupt fragen konnte, ob ihre Ladyschaft zu Hause
sei, beschied ihm der livrierte Bedienstete, zum Hintereingang zu
gehen, und schlug ihm die Tür vor der Nase zu.
Dort erklärte man ihm etwas freundlicher, daß Lord und Lady
St. James beide nicht zu Hause seien. »Lassen Sie Ihre Rechnung da,
und gehen Sie wieder«, riet man ihm.
Deshalb war er jedoch nicht gekommen, und daher kehrte er
zurück auf den Platz und stellte sich neben einen Stand, an dem
Mietsänften warteten, um Hausnummer siebzehn zu beobachten. Eine
halbe Stunde später hielt eine elegante Kutsche mit dem Wappen der
de Quettes vor der Tür, und Fleming eilte auf sie zu. Der
Pferdeknecht war bereits am Schlag der Kutsche, ließ die Stufen
herunter und streckte den Arm aus, um der Insassin herauszuhelfen.
Die Dame hatte das Gesicht hinter einem Seidenschal verborgen, doch
Fleming war sicher, daß es Lady St. James war. Er vollführte seine
schönste Verbeugung.
»Lady St. James? Fleming, der Bäcker.« Die Lady zeigte kein
Zeichen des Erkennens, und der Pferdeknecht verscheuchte ihn mit
einer gebieterischen Armbewegung. »Fort mit Ihnen.«
»Ich bin Fleming, Mylady«, versuchte der Bäcker es noch einmal
und hielt ihr seine Rechnung hin.
Lady St. James schrak vor ihm zurück. Die Peitsche des
Kutschers knallte neben seinem Ohr, laut wie eine Pistole, und
erschreckte ihn so, daß er torkelte und auf dem Kopfsteinpflaster
ausrutschte. Er wollte sich irgendwo festhalten, erwischte etwas
Weiches – Lady St. James' Seidenschal. Eine Sekunde später sah er
ihr Gesicht und keuchte auf.
Lady St. James versuchte nicht, ihr geschwollenes,
blaugeflecktes Gesicht zu verbergen, sondern beschloß, ihm die
Meinung zu sagen. »Wie können Sie es wagen, an mich heranzutreten,
Sie gewöhnlicher, kleiner Händler? Wollen Sie mich auf der Straße
belästigen? Ihre Rechnung ist ohnehin schändlich. Kein Mensch
wollte Ihre gräßlichen Kuchen anrühren. Sie können sicher sein, daß
niemand aus der vornehmen Gesellschaft sie je wieder kaufen wird.
Und wenn ich noch einmal von Ihnen höre, werde ich Sie wegen
tätlichen Angriffs verhaften lassen.« Sie rauschte ins Haus, und
der Kutscher versetzte Fleming einen Peitschenhieb über die Beine,
daß er aufschrie.
Traurig stolperte der arme Bäcker den Piccadilly hinunter. Man
hatte ihn geschlagen und erniedrigt; seine Hoffnung auf ein neues
Schaufenster war dahin. Dreißig Pfund waren weg. Und wie sollte er
das Straßenpflaster bezahlen? Als er an Fortnum and Mason
vorbeikam, setzte er sich hin und weinte.
Eine sternenhelle Nacht auf dem Wasser; es
hätte in Venedig sein können. Wie eine Gondel glitt das Boot die
dunkle Themse hinauf. Die hochgewachsene Gestalt, die elegant auf
dem Passagiersitz saß, trug einen Dreispitz, einen Domino – einen
schwarzen Seidenumhang mit Kapuze nach italienischer Art – und eine
weiße Maske über dem Gesicht, die ihr ein geisterhaftes Aussehen
verlieh.
Diese venezianische Maskerade war seit einer Generation sehr
in Mode. Bei fast allen Gesellschaften in London war eine
Verkleidung gefordert, von den großen Bällen, bei denen
phantastische Kostüme ein Muß waren, bis zu den normalen
Theaterabenden, wo man in den Logen eine ganze Reihe von Ladys und
Gentlemen mit Masken sehen konnte. Denn was war das Leben der
eleganten Welt ohne Theater, Künstelei und einen kleinen Schauder
von Geheimnis?
Langsam fuhr das Boot um die große Flußbiegung. Rechts ragten
die vertrauten alten Gebäude des Whitehall-Palastes am Ufer
auf.
Während Jack Meredith daran dachte, was er heute abend tun
mußte, behielt er einen kühlen Kopf. Offiziell war er noch im
Clink, doch für ein kleines Entgegenkommen erlaubte Silversleeves
seinen Gentlemen schon einmal einen kurzen Urlaub, wenn sie
versprachen wiederzukommen, und Lady St. James hatte ihm fünf
Guineen gegeben. Was die Moral der Sache anbelangte, hatte Meredith
wenig Skrupel. Er verachtete St. James, und außerdem wollte er sich
an die Spielregeln halten.
Bald sah er jenseits des Lambeth Palace am südlichen Ufer die
Lichter seines Ziels, die wie eine Perlenschnur am Ufer glitzerten.
Fünf Minuten später stieg er bei den Vergnügungsgärten von Vauxhall
aus. Der Eingang zu den Gärten führte durch den Torweg eines großen
georgianischen Gebäudes, und unmittelbar danach blickte er auf eine
lange Allee, die von Hunderten von Lampen beleuchtet war. Rechts
davon sah er die Umrisse des Musikpavillons; links stand eine
prächtige, sechzehneckige Rotunde, in der Tänze und Gesellschaften
veranstaltet wurden, ganz in der Nähe der Logen, in denen die
Besucher Konzerten lauschen konnten. Diese Logen, ausgeschmückt mit
Wandvertäfelungen, die von Hogarth, dem jungen Gainsborough und
anderen bemalt worden waren, gehörten zu Meredith'
Lieblingsplätzen. Heute abend jedoch machte er sich auf die Suche
nach seinem Opfer.
Es war ein Abend, an dem Masken getragen wurden. Manche trugen
nur eine schwarze Halbmaske, die die obere Gesichtshälfte
verdeckte; ein oder zwei Frauen hatten sich für Schleier
entschieden. In der Regel erkannten sich die Angehörigen der
Gesellschaft, aber nicht immer. Meredith warf einen Blick in die
Rotunde, sah Lord St. James dort aber nicht und schritt die lange
Allee entlang, auf der eine Reihe von Paaren herumspazierten.
Seitlich davon waren dunklere, baumgesäumte Gassen, in denen man
sich manchmal zu Begegnungen heimlicherer Art traf. Schließlich sah
Meredith Lord St. James in einer Gruppe von Gentlemen, die sich in
einer halbrunden Laube lachend unterhielten. Meredith gesellte sich
dazu, gab aber vor, Lord St. James hinter seiner Maske nicht zu
erkennen. Es wurde über Politik gesprochen, doch nach einer Weile
ging man zu Klatsch über, und in einem passenden Augenblick warf
Meredith ein: »Es heißt, der letzte Skandal betrifft Lord St.
James.«
Stille kehrte ein. Einer der Gentleman blickte auf den Earl
und fragte dann: »Und was soll das bitte sein, Sir?« – »Es heißt,
Gentlemen, der Earl schlage seine Frau. Der Witz ist, daß er nicht
weiß, warum, denn in Wahrheit hat er sich über mehr zu beklagen,
als er ahnt.« Meredith lachte unverschämt. »Wie jene, die wie ich
ihre Gunst genossen haben, sehr wohl wissen!«
Gut gemacht, dachte er. Wollte der Earl seine Ehre bewahren,
hatte er keine Alternative. St. James nahm seine Maske ab. »Kann
ich den Namen des Schurken erfahren, an den ich mich wende?«
Auch Meredith nahm seine Maske ab. »Captain Meredith, Mylord.
Zu Ihren Diensten«, antwortete er steif.
»Meine Freunde werden Sie aufsuchen.«
»Ich werde in einer Stunde in meinem Haus in der Jermyn Street
sein«, erwiderte Jack, verbeugte sich und kehrte auf dem Absatz
um.
Der Geforderte hatte das Recht auf die Wahl der Waffen. Als an
diesem Abend die beiden Sekundanten des Earls erschienen, erklärte
Meredith: »Ich wähle Degen.« Er hatte bereits seine eigenen
Sekundanten aus dem Club geholt, und es wurde vereinbart, daß die
Angelegenheit in der Morgendämmerung geklärt werden solle.
Lord St. James erwartete eigentlich, daß seine Frau schlief,
als er zurückkam, daher war er überrascht, daß nicht nur ihre
Zimmertür offen war, sondern sie auch auf ihn wartete. Den ganzen
Weg von Vauxhall zurück hatte er sich gefragt, ob er eine
Rechtfertigung fordern oder ohne ein Wort zu dem Duell gehen
sollte. Noch etwas lag ihm auf dem Herzen. Sollte er umkommen,
würde der gesamte Besitz der St. James an sie fallen, denn da er
keinen Sohn hatte, gab es sonst keine Erben. Wollte er wirklich
sein ganzes Vermögen einer untreuen Frau hinterlassen? Aber wie
sollte er mitten in der Nacht sein Testament ändern? Lady St. James
winkte ihn in ihr Zimmer und schloß die Tür.
Ihr Gesicht war nicht mehr geschwollen; Schminke und Puder
hatten das blaue Auge fast überdeckt. Und zu seinem Erstaunen
schien sie eine Versöhnung zu wünschen. »Mylord«, begann sie leise,
»Sie haben mich gestern abend sehr schlecht behandelt. Ich habe den
ganzen Tag auf ein Wort der Entschuldigung gewartet, aber keines
kam. Ich weiß jedoch, daß ich Ihnen Ursache gegeben habe. Statt
meinen Gatten habe ich die Gesellschaft geliebt. Ich habe mein
Vergnügen über meine Pflicht gestellt, Ihnen Kinder zu gebären, und
es tut mir leid. Können wir uns nicht versöhnen?«
St. James sah sie nachdenklich an. »Ich muß Ihnen etwas sagen,
Mylady. Eine gewisse Person hat mir mitgeteilt, er sei Ihr
Liebhaber gewesen. Natürlich habe ich meine und Ihre Ehre
verteidigt. Was haben Sie dazu zu sagen?«
Wenn es möglich ist, mit einem einzigen Gesichtsausdruck
Schrecken, Unglauben und Unschuld gleichzeitig zu zeigen, so
beherrschte Lady St. James diese Kunst. »Wer kann so etwas sagen?«
keuchte sie.
»Captain Meredith«, antwortete er kühl.
»Jack Meredith? Mein Liebhaber? Und Sie wollen sagen, daß Sie
sich duellieren werden? Lieber Gott! Dieser arme, wohlmeinende
Narr.« Sie seufzte. »Oh, William. Das ist alles meine
Schuld.«
»Sie meinen, er war Ihr Liebhaber?«
»Gütiger Himmel, nein. Ich hatte keine Liebhaber. Jack
Meredith tut so, als sei er ein Lebemann, aber die Wahrheit ist
anders. Insgeheim ist er ein warmherziger Mann, der mir vor langer
Zeit seine unglückliche Liebe gestanden hat. Er ist ein Freund
geworden. Und als Sie mich gestern abend so grausam behandelt haben
und ich nicht wußte, was ich tun sollte, habe ich mir bei ihm Rat
geholt. Er war sehr zornig, William. Aber ich wußte nicht, daß er
Sie angreifen würde.«
»Warum sagt er mir dann, daß er Ihr Liebhaber war?«
»Ich vermute, damit Sie ihn forderten. Er denkt wohl, er müsse
mich verteidigen. Sie glauben ihm doch wohl nicht?« Lord St. James
zuckte die Achseln. »Überlegen Sie doch, William«, fuhr sie fort.
»Meredith ist ganz sicher ein Gentleman. Können Sie sich
vorstellen, daß er so etwas, wenn es wahr wäre, vor einer Gruppe
von Fremden ausposaunen würde?« Das stimmte, wie St. James zugeben
mußte.
»William«, rief sie, »dieses dumme Duell muß abgesagt
werden.«
»Ich wurde in der Öffentlichkeit beleidigt. Ich wäre das
Gespött ganz Londons!«
»Der Ehre kann doch mit einem kleinen Stich Genüge getan
werden, nicht wahr?« schlug sie vor. »Ein Tropfen Blut würde
genügen?«
»Vermutlich schon.« Viele Duelle führten nur zu einer kleinen
Verwundung, wonach die beiden Sekundantenpaare den Kampf hastig
beendeten; nur selten war der Ausgang tödlich.
»Dann bitte ich Sie«, rief sie, »töten Sie ihn nicht, denn er
hat es sicher nicht verdient. Ich schreibe ihm, daß wir uns
versöhnt haben und daß er keinen Grund hat, mich auf so närrische
Art zu verteidigen.« Sie küßte ihn. »Ich habe Sie nie betrogen, und
ich werde es nie tun. Legen Sie sich nun zur Ruhe, während ich
meinen Brief schreibe.«
Kurz darauf trug ein Diener ihre versiegelte Botschaft in die
Jermyn Street.
Meredith brauchte nur fünf Minuten, um den Hyde Park zu
erreichen. Seit Jahrhunderten hatte der alte Wildpark gleich
westlich von Mayfair den Mönchen von Westminster gehört, bis König
Heinrich die Klöster aufgelöst hatte. Die Stuarts hatten den Park
der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, und die lange Straße, die
ihn umgab, die route de roi, heute Rotten Row, war nun ein
eleganter Ort, wo sich Ladys gerne in ihrer Kutsche sehen ließen.
Eine weitere reizende Neuerung war hinzugekommen, als man den
kleinen Fluß Westbourne zu einem anmutig geschwungenen See
aufstaute, den man die Serpentine nannte. In der Morgendämmerung
dienten die alten Eichen und stillen Lichtungen einem ganz
besonderen Zweck: Hier wurden Duelle ausgetragen.
Das Gesetz behandelte Duelle milde. Es war keine Rede von
Mord, da per definitionem beide Parteien zustimmten. Tötete man
seinen Gegner bei einem Duell, riskierte man eine Geldbuße oder
vielleicht eine nominelle Gefängnisstrafe von drei Monaten, das war
alles.
Sieben Männer waren anwesend. Die beiden Duellanten, jeder mit
zwei Sekundanten, und ein Arzt. Die Kutschen blieben ein wenig
entfernt stehen. Die Sekundanten hatten eine schlecht einsehbare
Senke gewählt, die zudem von Eichen abgeschirmt wurde. Keine
Menschenseele war im Park, nur der Morgenchor der Vögel erfüllte
die Luft. Die Sekundanten hatten die Degen bereits überprüft. St.
James nahm seinen Umhang ab; darunter trug er ein Leinenhemd mit
weiten Ärmeln.
Als die beiden Männer sich mit gesenkten Degen höflich
voreinander verbeugten, berührten die ersten Sonnenstrahlen gerade
die Wipfel der Eichen. St. James war ein guter Fechter, aber
Meredith war weit besser. Dennoch überraschte es Jack, daß sein
Gegner ihn nicht besonders zu bedrängen schien, und er argwöhnte
eine List. Daher wartete er vorsichtig fast eine Minute lang, bis
er seine Chance sah, und mit einem einzigen raschen Ausfall stieß
er seinen Degen St. James direkt ins Herz.
Die Sekundanten schrien auf; der Arzt eilte herbei. Doch der
Earl war tot. »Mein Gott, Sir, war das nötig?« rief der Arzt.
Meredith zuckte nur die Achseln. Das war seine Abmachung mit
Lady St. James gewesen. Und die Nachricht, die er mitten in der
Nacht von ihr erhalten hatte, war ein weiterer Grund dafür, daß er
seine Meinung nicht änderte, als er seinem Gegner gegenüberstand.
»Um Gottes willen, gib acht, Jack«, hatte sie geschrieben. »Er hat
vor, dich umzubringen.«
Spät an diesem Abend, nachdem Jack Meredith seine Kerze
ausgeblasen hatte, öffnete sich die Tür zu seinem Zimmer im Clink
und eine Gestalt stahl sich leise herein. Er erkannte sie sofort an
ihrem Parfüm. Sie trat auf ihn zu und küßte ihn sanft auf die
Stirn. »Man darf uns ein Weilchen nicht zusammen sehen«, flüsterte
sie, »aber ich habe mich schon für dich eingesetzt. Da es St. James
war, der dich gefordert hat, und ich gesagt habe, daß es sein
Vorhaben war, dich umzubringen, wird man Nachsicht walten lassen.«
Sie ging zum Fenster, wo ein Stuhl stand, und er hörte, wie sie
sich auszog. Als sie zu seinem schmalen Bett kam, trug sie nur noch
ein kurzes Nachthemd, das aus grobem Material war, was ihn
erstaunte. Dann schlief Lady St. James, gekleidet in das Leinenhemd
mit den Blutflecken ihres Mannes, mit seinem Mörder und vollendete
so ihre Rache.
Das Unternehmen Kaminkehrer lief sehr gut. Als Partner hatten
sie einen geistig etwas beschränkten jungen Mann gefunden, dem sie
beibrachten, was er tun sollte. Mit einem von ihnen ging er in ein
Haus, schickte den Jungen mit ein paar Worten den Kamin hinauf und
ließ ihn dort oben, während er mit dem zweiten Jungen in das
nächste Haus ging und dasselbe tat. Darauf kehrte er zurück in das
erste Haus, wartete, bis jemand in der Nähe war, verfluchte Sam
oder Sep, weil es so lange dauerte, und drohte mit der Peitsche.
Der Junge duckte sich dann ängstlich und sah so mitleiderregend
aus, daß es kaum ein Haus gab, in dem er nicht ein Extratrinkgeld
bekam. Die Bezahlung teilten sie mit ihrem einfältigen Partner,
aber nicht das Trinkgeld, und so verdienten sie nicht
schlecht.
Doch es könnte noch besser gehen, meinte Sam. »Nimm nix, was
zu wertvoll ist oder gleich auffällt, wenn's weg ist. Bloß kleine
Sachen, die sie nich mal vermissen.« Eine Silbermünze hier und da,
ein Elfenbeinkamm, ein goldener Knopf – es läpperte sich zusammen.
Doch Seps Widerwillen war eine Prüfung für Sams Geduld. Sep
verstand es selbst nicht. Irgendein tiefer Instinkt in ihm schien
ihm zu sagen, daß man Eigentum respektieren mußte, vielleicht die
Stimme seiner Vorfahren, der Bulls, von denen er nichts wußte. Aber
er wollte es nicht tun. Erst nachdem er sich zwei Wochen lang Sams
Klagen angehört hatte, stimmte er zu. »Na gut. Wenn's sich
ergibt.«
»Prima«, antwortete sein Bruder. »Weil wir morgen in die
großen Häuser am Hanover Square gehen.«
Der Bäcker Isaac Fleming war nie in seinem
Leben erstaunter als eines Morgens Mitte Mai, als Lady St. James in
seinen Laden trat. Der Tod ihres Mannes, der in allen Londoner
Zeitungen gestanden hatte, schien ihr nicht nahegegangen zu sein;
sie lächelte sogar. »Ich brauche eine Hochzeitstorte«, bemerkte sie
beiläufig. Fleming verbeugte sich tief und fragte sich, was er tun
sollte.
Für Lady St. James verlief alles nach Plan. Die Richter hatten
Nachsicht walten lassen, und da Meredith kein Geld hatte, um eine
Buße zu bezahlen, und ohnehin schon im Gefängnis war, hatten sie
beschlossen, keine Anklage zu erheben und die Sache fallenzulassen.
Die Abmachung, die die Lady mit Jack Meredith getroffen hatte,
bestand aus zwei Teilen. Zuerst mußte er das Duell mit St. James
provozieren und ihn töten, und dann mußte er sie heiraten. Dafür
würde sie aus dem Vermögen, das ihr nun zur Verfügung stand, seine
Schulden bezahlen. »Und dann können wir für alle Zeit glücklich
leben.« Er hatte seinen Teil des Abkommens soweit erfüllt, doch
Lady St. James war vorsichtig. Sie legte den gesamten
Familienschmuck und eine beträchtliche Menge an Geld heimlich
beiseite. Sobald sie einmal verheiratet waren, würde das Geld unter
die Kontrolle ihres Mannes kommen, und sie hatte nicht die Absicht,
noch einmal von einem Mann abhängig zu sein. Und bevor sie
Meredith' Schulden bezahlte und ihn aus dem Gefängnis holte, würde
sie ihn heiraten. Dann würden sie England für ein Jahr verlassen,
durch Europa reisen und später wieder ihr normales Leben
aufnehmen.
Manche würden ihre rasche Heirat mit dem Mann, der ihren
Gatten umgebracht hatte, vielleicht schockierend finden, doch um
diese Leute hatte sie sich schon zu kümmern begonnen. Ihre Freunde
hatten Gerüchte über ihre grausame Behandlung durch St. James in
Umlauf gesetzt. Sie hatte durchblicken lassen, daß sie jahrelang
stillschweigend gelitten hatte. Sie konnte beruhigt heiraten.
Doch wie konnte man einen Mann heiraten, der im
Schuldengefängnis saß? Im London von 1750 war das kein
Problem.
Ein noch größeres Schuldengefängnis als das Clink oder das
Marshalsea war das Fleet. Seit den Zeiten der Plantagenets hatte
man hier Schuldner eingesperrt; kleine Händler, Rechts gelehrte,
Ritter und sogar Peers, vor allem jedoch fand man hier Angehörige
des Klerus. Und wie sollte ein Geistlicher für seinen Unterhalt
bezahlen oder sogar seine Gläubiger befriedigen? Nun, indem er das
tat, wozu er immer noch berechtigt war: Er führte Trauungen
durch.
Jedermann konnte im Fleet heiraten; es wurde kein Aufgebot
verlesen, es wurden keine Fragen gestellt. Man mochte bereits eine
Ehefrau haben, man mochte einen falschen Namen angeben – wenn man
die Gebühr bezahlte, wurde man von einem echten Priester getraut,
und die Ehe war gültig; eine »Fleet-Hochzeit« nannte man das.
Lady St. James hatte bereits Vereinbarungen mit einem der
ehrwürdigeren dieser geistlichen Gentlemen getroffen, der ins Clink
kommen und die Zeremonie dort abhalten würde. Erst danach würde sie
Jacks Schulden bezahlen und ihn aus dem Gefängnis holen.
Allerdings ärgerte es sie, daß es so kein gesellschaftlicher
Anlaß war. Irgendwie mußte es doch eine Möglichkeit geben, dieses
wichtige Ereignis mit einer Feier zu begehen. Sie erinnerte sich an
Fleming. Er hatte sie gesehen, als ihr Gesicht so geschwollen und
blaugeschlagen gewesen war. Damals war sie darüber erzürnt, aber
nun fiel ihr ein, daß er ein nützlicher Zeuge sein könnte. Während
sie darüber nachdachte, sah sie genau vor sich, was sie tun würde.
Eine kleine Gesellschaft, ein paar Tage nach der Trauung; ein paar
Freunde, eine Hochzeitstorte, etwas Besonderes – von Fleming. Und
ein Wörtchen zu ein oder zwei Freundinnen: »Ich nehme immer
Fleming. Er ist der Beste. Er hat mich einmal gesehen, wissen Sie,
nachdem St. James mich… Aber ich glaube, ich kann ihm trauen, daß
er den Mund hält.« Ihre Freundinnen würden im Nu in Flemings Laden
sein.
»Ich will eine Torte«, erklärte sie Fleming, »an die man sich
erinnern wird. Etwas Ungewöhnliches. Wenn ich zufrieden bin, werde
ich mich vielleicht sogar erweichen lassen und Sie empfehlen,
womöglich Ihre augenblickliche Rechnung bezahlen. Sagen wir,
insgesamt vierzig Pfund?«
»Das ist sehr großzügig, Eure Ladyschaft«, erwiderte er. »Wir
werden sehen, was wir machen können, damit es wirklich eine
Überraschung wird.«
»Und was soll das für eine Art von Torte sein?« fragte
Flemings Frau später.
»Ich habe keine Ahnung«, gestand er düster. »Und ich wette,
bezahlen wird sie mich auch nicht.«
Die Hochzeit von Captain Jack Meredith und
Lady St. James fand am folgenden Tag in aller Stille statt. Der
ältere Geistliche aus dem Fleet hielt die Trauung ab; Ebenezer
Silversleeves, in einem prachtvollen Rock, der einem früheren
Insassen gehört hatte, war Brautführer.
»Und nun, Jack«, erklärte die Braut nach der Zeremonie, »werde
ich deine Schulden bezahlen. Dann bist du draußen.«
Mrs. Meredith war an diesem Tag glücklicher als jemals zuvor,
dabei war Jack erst vor ein paar Stunden aus dem Gefängnis
gekommen. Sie hatte alles bekommen, was sie wollte; sie hatte nun
den Mann, den sie begehrte. In ihrem Zuhause sah sie nur Frieden
und Sicherheit. Selbst die kleine Gesellschaft, die sie für den
nächsten Tag geplant hatte, schien nicht mehr so wichtig; die Reise
nach Europa brauchte vielleicht kein ganzes Jahr zu dauern. Sie
konnte Jack in Bocton ganz für sich haben. Mit diesem Gedanken
hatte sie sich gerade beschäftigt, während sie sich zum Ausgehen
fertigmachte, als plötzlich ein Schrei die Stille des Hauses
störte, gefolgt von einem jämmerlichen Heulen.
Jack ging zur Tür und verschwand im Gang. Eine Minute später
kam er grinsend wieder, einen rußschwarzen kleinen Straßenbengel
fest am Ohr haltend.
»Du liebe Güte, Jack«, rief sie, »bring dieses schmutzige Ding
nicht hier herein. Warum hältst du es fest?«
»Weil das ein gefährlicher Verbrecher ist«, erklärte er
augenzwinkernd. »Dein Diener hat ihn gerade erwischt, wie er einen
Shilling vom Küchentisch gestohlen hat. Er sollte eigentlich den
Kamin fegen.«
»Ich hab nie was geklaut«, rief der Junge.
»O doch.«
»Aber vorher nie, Sir. Ehrlich. Tun Sie mir bitte nix.« Der
Bengel begann zu weinen, und die Tränen zogen weiße Furchen über
sein schwarzes Gesicht. Er war ein mitleiderregender Anblick, wie
er zitternd vor Furcht an der Seite des Captains hing. Sogar der
arroganten Dame des Hauses tat er ein wenig leid.
»Wie heißt du, Junge?« fragte sie freundlicher. Keine Antwort.
»Weißt du nicht, daß Stehlen unrecht ist?« Der Kopf nickte voll
Überzeugung. »Sagt jemand dir, daß du es tun sollst?« fragte
Meredith. Ein unglückliches Nicken. »Wer?« Keine Antwort.
Als die beiden Erwachsenen einander achselzuckend ansahen, riß
sich der Junge plötzlich verzweifelt los und rannte auf den Gang.
Mit drei raschen Schritten und ausgestrecktem Arm faßte Meredith
ihn diesmal an der Hand, zog ihn wieder ins Zimmer und rief
erstaunt: »Das ist aber seltsam. Sieh dir das an.«
Er hielt die Hand des Jungen hoch, nahm die zweite und stellte
fest, daß sie genauso war. In diesem Augenblick bemerkte er auch,
daß im Haar des Jungen, aus dem der meiste Ruß nun herausgefallen
war, eine eigenartige weiße Stelle leuchtete. »Was für ein
komischer kleiner Kerl«, meinte er.
Mrs. Meredith war weiß wie ein Gespenst und starrte das Kind
an. »O mein Gott. Es kann nicht…«
Meredith war so verblüfft, daß er das Kind losließ, das nach
draußen verschwand und nicht mehr gesehen wurde.
Sie wollte nichts sagen. Weder mit Schmeicheleien noch mit
Zorn war etwas aus ihr herauszubringen. »Es hat etwas mit dem
Jungen zu tun, nicht wahr?« fragte er. »Soll ich ihn suchen?«
»Nein! Auf keinen Fall!« rief sie.
Was immer sie so erschreckt hatte, sie wollte nicht darüber
reden. Später sprach sie von anderen Dingen – von der Feier am
nächsten Tag, von ihrer Abreise auf den Kontinent –, doch blaß und
geistesabwesend. Etwas quälte sie, aber sie wollte es nicht einmal
mit ihm teilen.
Und dann kam die dunkle, stille Nacht. War es der Schock? War
es der geheime Tribut, den die letzten drei Wochen ihr abverlangt
hatten, als sie so kalt mit Leben und Tod gespielt hatte? Oder
hatte ihr Herz begonnen, sich zu öffnen und weicher zu werden, da
sie nun selbst Liebe gefunden hatte? Es war nicht nur Schuldgefühl,
das sie im Schlaf quälte, sondern Schmerz, Sehnsucht und
überwältigender Mutterinstinkt, der sie in den frühen Morgenstunden
immer wieder im Schlaf aufschreien ließ: »Das Kind. O mein Gott.
Mein verlorenes Kind.«
Als sie aufwachte, saß Meredith auf einem Stuhl neben dem
Bett. Sanft nahm er ihre Hand und fragte: »Was hast du mit dem Kind
gemacht? Leugne nicht. Du hast im Schlaf geredet.«
»Ich habe es fortgegeben«, gestand sie. »Aber das ist so lange
her. Jetzt kann man nichts mehr tun.«
»War es von St. James?«
Sie nickte. »Unser Sohn. Wir werden auch einen Sohn haben; er
wird den Besitz erben. Der andere war… du hast es ja selbst
gesehen. Er war… seine Hände…«
Aber nun wußte Jack Meredith, was er zu tun hatte.
»Ich habe den Vater umgebracht«, erklärte er. »Aber verdammt
will ich sein, wenn ich das Kind enterbe. Wenn du das Kind nicht
zurücknimmst, verlasse ich dich.«
»Du wirst es ohnehin nicht finden«, meinte sie.
Aber er brauchte nicht lange dazu. Obwohl die beiden Jungen
nach dem Desaster des vergangenen Tages beschlossen hatten, den
Hanover Square zu meiden, mußte Meredith nur in den Grosvenor
Square einbiegen, und schon sah er einen rußigen Bengel mit Besen,
der nach einem Blick auf ihn davonrannte. Der kleine Kerl rannte
die Audley Street hinunter, aber Meredith war schnell und hatte ihn
bald erwischt.
»Bring mich zu deinem Vater«, befahl er, und so gingen sie
zusammen in die Richtung von Seven Dials.
Sie fanden den Händler beim Blumenmarkt von Covent Garden. Er
stand neben seinem Karren. »Was ist los?« fragte er, als er
Meredith und den Jungen kommen sah.
»Ihr Junge hat gestern in einem Haus gestohlen«, antwortete
der Captain. »Aber das ist nicht der Grund, warum ich hier bin. Ich
will wissen, wie Sie zu diesem Jungen gekommen sind. Ist er als Ihr
Sohn geboren?«
»Glaube schon.« Dogget sah argwöhnisch drein. »Und wer sind
Sie wohl, Sir, daß Sie so was fragen?«
»Ich bin Captain Meredith«, erwiderte Jack, »und ich habe
Grund zu glauben, daß dieser Junge von einem Dienstmädchen
fortgegeben worden ist, das man aus einem gewissen Haus entlassen
hat. Das ist alles, was ich im Augenblick sagen kann.«
Harry Dogget wurde sehr nachdenklich. »Ich bin der Vater des
Jungen, seit er ein winziger Kerl war. Hab ihm ein gutes Zuhause
gegeben. Ich kann ihn nich einfach irgendwohin mitgehn
lassen.«
»Dann schauen Sie mich an«, sagte der Captain.
»Na gut, Sie sehn schon aus wie 'n richtiger Gentleman«,
stimmte Dogget zu. Dann erzählte er Meredith, wie er das Baby bei
Seven Dials gefunden hatte.
»Dann ist es zweifellos das vermißte Kind, wegen seiner Hände
und seines Haars. Bemerkenswert.« – »Ja«, pflichtete der Händler
ihm bei, das waren sie. Und so ließ Harry Dogget seinen Karren bei
einem anderen Händler zurück, begleitete Meredith und den Jungen
zum Hanover Square und pfiff, als er das Haus sah. »Und Sie sagen,
da soll er wohnen, nich als Dienstbote, sondern als einer von der
Familie?« Als Meredith bejahte, schüttelte er verblüfft den Kopf.
Er lehnte Meredith' Angebot hineinzukommen ab, sondern fragte:
»Kann ich ihn morgen noch mal besuchen kommen? Bloß damit ich seh,
ob's ihm gutgeht.« O ja, er konnte und sollte kommen.
So kam George, früher Lord Bocton und nun Earl von St. James,
zurück in sein Zuhause.
Für Isaac Fleming brachte die Morgendämmerung ein Gefühl
hoffnungslosen Versagens. Es ging um vierzig Pfund. Ob er sie bekam
oder nicht, hing von dieser einen Torte ab. Er dachte an ein
Schloß, ein Schiff, sogar an einen Löwen, aber nach kurzer Zeit
schien ihm das alles abgedroschen, kaum bemerkenswert. »Ich sollte
es aufgeben«, meinte er jämmerlich zu seiner Frau. Aber er brauchte
die vierzig Pfund. Die Rechnung für die Pflastersteine lag immer
noch unbezahlt da. »Ich bin am Ende«, murmelte er. Traurig ging er
nach unten, um den Ofen für das morgendliche Brotbacken
vorzubereiten. Nachdem er das erste Blech im Ofen hatte, ging er
nach draußen. Die Fleet Street war noch still. Im Osten warf die
Sonne einen hellen Schein auf den Himmel. In Richtung Ludgate, hoch
über den Häuserdächern, sah er den prachtvollen Spitzturm von St.
Bride's mit seinen fünf achteckigen Absätzen, die zum Himmel
strebten. St. Bride's, dachte er. Genau der richtige Name für eine
Kirche, wenn man heiratete. Und dann hatte er eine wunderbare
Idee.
Alle Gäste waren versammelt; nur zwei Dutzend ihrer liebsten
und in der Gesellschaft besonders tonangebenden Freunde. Alle
wußten, wie schlecht Mrs. Meredith von St. James behandelt worden
war, und waren voller Mitleid für sie. Sie wußten auch von Bäcker
Fleming, dessen Torte, obwohl sie noch nicht hereingebracht worden
war, etwas Besonderes zu sein versprach.
Doch das alles – das frühere Ehedrama und die plötzliche
Heirat – wurde von der jüngsten Enthüllung am Hanover Square Nummer
siebzehn in den Schatten gestellt – der Entdeckung des Erben.
Es war erstaunlich. Ein gottloses Dienstmädchen hatte das Kind
vertauscht, als die junge Frau völlig außer sich vor Sorge war, und
nun hatte man herausgefunden, daß das verlorene Kind
Kaminkehrerjunge war. Man war sich einig, daß die Geschichte wahr
sein mußte, denn es gab keinen überzeugenden Grund, warum die Lady
oder ihr neuer Gatte so etwas erfinden sollten. Man verlangte den
Jungen zu sehen, doch das wurde abgelehnt.
»Es ist zuviel für ihn«, erklärte seine Mutter. »Ich muß ihn
schützen.« Sie hatte darauf bestanden und Jack hatte zugestimmt,
daß der Straßenbengel – der kaum akzeptabel sprechen, geschweige
denn lesen und schreiben konnte – zumindest ein Jahr lang
abgeschlossen mit einem Hauslehrer leben sollte, bevor man ihn
herzeigen konnte.
Mrs. Meredith' gesellschaftlicher Triumph – der sie für eine
ganze Saison unsterblich machen sollte – wurde gekrönt von der
Ankunft der Hochzeitstorte, die von zwei Dienern hereingetragen
wurde. Isaac Flemings Idee war einfach, aber wirkungsvoll. Es war
nicht eine Torte, sondern es waren vier, jede ein wenig kleiner als
die vorige, umhüllt von hartem weißem Eis und übereinander in
Reihen angeordnet, die von kleinen Pfeilern aus Holz, ebenfalls mit
Eis überzogen, gestützt wurden. Es war eine Nachbildung des
Spitzturms von St. Bride's, so genau, wie das bei einer Torte nur
möglich war. So eine Torte hatte man noch nie zuvor gesehen. Die
Gäste begannen zu applaudieren, und die Gastgeberin war so angetan,
daß sie sich am nächsten Tag, bevor sie das Land verließ, beinahe
daran erinnert hätte, die Rechnung des Bäckers zu bezahlen.
In der Zwischenzeit standen Harry Dogget
und der neue Earl of St. James an der Straßenecke und unterhielten
sich.
»Alles in Ordnung?« fragte Harry.
»Bin ganz geplättet. Aber man muß furchtbar sauber sein, und
Schuhe muß ich anziehen. Im Sommer! Gräßlich. Und lesen und
schreiben muß ich lernen.«
»Wird dir nicht schaden.«
»Bloß eins, Dad.« Der Junge war nachdenklich. »Vor 'nem Jahr
ungefähr, als Mum betrunken war, hat sie was über mich und Sep
gesagt. Sie hat gesagt, du hast Sep bei Seven Dials
gefunden.«
»Vielleicht.«
»Na, wenn du ihn gefunden hast und nich mich, was mach ich
dann hier?«
»Schicksal«, antwortete Harry Dogget fröhlich. »Du bist eben
ins Haus und hast versucht, 'nen Shilling zu klauen, oder? Also
haben sie dich gefunden.«
»Aber ich bin dein Sohn, und Sep nich.«
»Nun«, meinte Harry mit untadeliger Logik, »das ist was, was
wir nicht wissen. Als ich ihn gefunden hab, hab ich gedacht, er ist
meiner. Sie sagen, daß sie einen wie ihn verloren haben. Vielleicht
gehört er in Wirklichkeit keinem von uns. Aber das macht jetzt nix.
Eins weiß ich jetzt, mein Sohn, du bist jetzt auf jeden Fall 'ne
Stufe raufgerutscht.«
»Ich bin ein Lord«, sagte der Junge. »Aber ich hab nich das
Gefühl, daß es richtig ist.«
»Schau«, erwiderte sein Vater fest, »streng deine Birne an.
Willst du dein ganzes Leben reich und versorgt sein? Dann halt den
Mund und sei froh. Willst du kein Lord sein?«
»So schlecht isses nich«, gab Sam zu. »Du solltest das Essen
sehen. Keine verdammte Auster in Sicht.«
»Na also«, erklärte sein Vater. »Ich wünsch dir ein schönes
Leben. Du weißt, wo du mich findest, wenn's Arger gibt.«
»Gut. Dad, sag Sep, er kann mein ganzes gespartes Geld haben.«
Sein Vater nickte. »Wiedersehen, Sam.« Er ging davon, eine lustige
Melodie pfeifend.
Als Mrs. Meredith, vormals Lady St. James,
im folgenden Jahr im Kindbett starb, gab es eine vornehme
Trauerfeier, die einen ganzen Tag lang dauerte. Ihr Ehemann
heiratete zwar wieder, blieb aber weiterhin Vormund des jungen Earl
of St. James, eine Verpflichtung, die er getreulich erfüllte und
wofür er lediglich eine völlig angemessene Entschädigung nahm. Der
junge Earl hing sehr an ihm. Die Leute, die sich noch an den alten
Earl erinnerten, bemerkten öfter, daß der Sohn ein weit amüsanterer
Kerl war als der Vater.
Sep Dogget, der eigentlich als Lord Bocton geboren war, wurde
als Feuerwehrmann glücklich, und da er nichts von seinem Erbe
wußte, vermißte er es nie.
Den größten Vorteil hatte vielleicht Isaac Fleming, dessen
Erfindung ihm Ruhm, Wohlstand und einen schönen Laden mit neuem
Schaufenster brachte – wenn auch immer noch in der Fleet
Street.