GIN LANE

1750

HANOVER SQUARE, HAUSNUMMER SIEBZEHN. Ein Nachmittag Ende April, Frühling liegt in der Luft. In dem schönen vierstöckigen Haus schickt sich Lady St. James gerade an, ihr Bad zu nehmen. Zwei livrierte Diener haben das metallene Hüftbad gebracht und es in Myladys Zimmer gestellt. Daraufhin sind sie noch dreimal mit riesigen Eimern voll heißem Wasser erschienen. Die Zofe Ihrer Ladyschaft prüft mit dem Finger die Wassertemperatur.
Nun erhebt sich Mylady aus dem großen Bett mit dem aufgestickten Wappen; ihr Nachthemd ist ein Traum aus weißer Spitze mit blauen Schleifen. Ein zierlicher weißer Fuß berührt die Wasseroberfläche, der Spitzensaum wird ein wenig angehoben, und eine schlanke nackte Wade ist zu sehen. Die Zofe hilft Ihrer Ladyschaft, das Nachthemd auszuziehen. Und so steht sie nun schließlich nackt da – schlank, makellos, zart duftend – und gleitet in das Badewasser, das ihre Alabasterschultern umspült.
Die Zofe bedient sie aufmerksam. Zuerst Seife. Dann Badeöl, damit die Haut weich bleibt. Ein riesiges Badetuch wird bereitgehalten, als sie aus der Wanne steigt, doch sie will nicht abgerubbelt, nur sanft abgetupft werden. Puderquasten, Salben für ihre hübschen Füße, ein Hauch von Parfüm.
In einem langen Seidenkleid sitzt Mylady nun in einem Sessel und nippt an einer Tasse heißer Schokolade. Danach bringt die Zofe ein kleines Silberbecken mit Wasser und Zahnbürste, auf die sie ein wenig Pulver streut. Sorgfältig bürstet Ihre Ladyschaft sich die perlmutternen Zähne. Als nächstes kommt ein kleiner silberner Schaber, mit dem sie, während die Zofe einen Spiegel hält, die rosige Zunge von eventuellen Resten dunkler Schokolade oder weißen Pulvers reinigt. Die Gräfin von St. James trifft ihre Vorbereitungen zu einer amourösen Verabredung an diesem Abend, in diesem Haus.
Hanover Square, Hausnummer siebzehn. Es lag an einer Seite des großen Rechtecks mit Kopfsteinpflaster, das nach dem momentanen Königshaus benannt war; und welcher Name könnte besser passen, um einen Eindruck seiner aristokratischen Behaglichkeit zu vermitteln? Das deutsche Haus Hannover hatte vielleicht nur einen dürftigen dynastischen Anspruch auf die englische Krone, aber das Parlament hatte es gewählt. Die Hannoveraner sprachen zwar kaum Englisch, waren aber Protestanten; sie waren zwar dumm, aber ihre Herrschaft hatte Frieden und Wohlstand gebracht, und die Dynastie war gesichert. Vor fünf Jahren war der letzte Abkömmling der Stuarts, Bonnie Prince Charlie, in einer romantischen, aber hirnverbrannten Eskapade in Schottland gelandet, um einen großen Aufstand anzuführen. Doch die britischen Rotröcke waren dagegen aufmarschiert und hatten bei Culloden den Aufstand niedergeschlagen. Die Sache der Jakobiten, für die Prinz Charlies Anhänger sich eingesetzt hatten, war tot.
Zwar brauten sich im Ausland immer wieder Konflikte zusammen, da die verschiedenen europäischen Mächte unablässig nach Überlegenheit strebten, doch seit den Siegen Marlboroughs vor einer Generation hatte England keinen Grund zu Besorgnis mehr. Die immer ausgedehnteren englischen Kolonien, von Amerika bis zur Karibik, von Indien bis zum märchenhaften Orient, brachten mit ihrem florierenden Handel immer größeren Reichtum, während im Land verbesserte Anbaumethoden vielen Landbesitzern ein steigendes Einkommen bescherten.
Nur ein Ereignis hatte stattgefunden, das die Zuversicht der Engländer leicht erschütterte. 1720, im ersten großen Spekulationsfieber der neuen kapitalistischen Ordnung, schnellten die Börsenkurse in London zunächst nach oben und platzten dann im Skandal um die Südsee-Gesellschaft wie eine Seifenblase – als South Sea Bubble wurde diese Katastrophe bekannt. Große und Kleine, die in Schwindelgesellschaften spekuliert hatten im Glauben, daß die Aktienkurse nur steigen könnten, verloren alles. Doch das Wachstum der Nation war so vital, daß die Geschäfte zehn Jahre später schon wieder florierten.
Die Ausdehnung Londons über die Stadtmauern hinaus, begonnen unter den Stuarts, hatte sich fortgesetzt. In einem großen Bogen Richtung Westen waren Aristokraten, Gentlemen und Spekulanten geschäftig am Bauen. Der große Grundbesitz dieses neuen Gebietes war etwas ganz anderes als der Flickenteppich des alten London, in dem jedes Haus einem anderen Besitzer gehörte. Adlige mit Landbesitz konnten ganze Areale mit prachtvollen Plätzen und Straßen anlegen, die ihre Namen trugen: Grosvenor Square, Cavendish Square, Berkeley Square, Bond Street. Es waren jedoch nicht nur Einzelpersonen; Livreegesellschaften, Oxforder Colleges, Kirche und Krone besaßen Land im Westend. Die breiten, schönen Straßen und Plätze breiteten sich ins offene Gelände aus – Parks, Felder und Weiden begannen, wo die Gebäude endeten. Zum erstenmal in der Geschichte bekamen die Häuser Nummern. Die in Reihen, den terraces, angelegten Fassaden waren einfach und klassizistisch, und da in dieser Zeit die Könige des Hauses Hannover alle Georg hießen, wurde dieser Stil »georgianisch« genannt.
Es war ein klassizistisches Zeitalter. Die Adligen machten ihre obligatorische Bildungsreise durch Europa und kamen mit italienischen Gemälden und römischen Statuen für ihre Häuser zurück; Ladys und Gentlemen kürten im alten römischen Badeort Bath; große Schriftsteller wie Swift, Pope und Dr. Johnson gestalteten ihre Gedichte und Satiren nach dem Stil des augusteischen Rom. Ein Zeitalter der Vernunft, in dem die Menschen danach strebten, dieselbe zurückhaltende Würde und denselben Sinn für Ebenmaß zu erreichen wie die georgianischen Plätze, an denen sie wohnten. Vor allem aber war es ein Zeitalter der Eleganz. Und Eleganz war alles am Hanover Square, Hausnummer siebzehn.
Um ein Uhr überdachte Lady St. James ihre Pläne. Der Friseur Balthazar war gekommen. Seine Arbeit würde eine Stunde dauern, daher hatte sie die Zofe nach unten gehen lassen, damit sie mit den anderen weiblichen Dienstboten essen konnte. Die Frisur, die sich Balthazar für heute ausgedacht hatte, würde ihr Haar dreißig Zentimeter über ihren Kopf auftürmen, gekrönt von einem fest gedrehten Knoten und einem kleinen Perlendiadem, das zu der Perlenkette paßte, die sie um den Hals tragen wollte.
Neben ihr, auf einem vergoldeten französischen Sofa, war ihr Kleid ausgebreitet. Es war aus steifem Seidenbrokat mit einem prachtvollen Muster, ein dunkler Wald aus Blumen, hergestellt von den hugenottischen Seidenwebern in Spitalfields. Vor ihrem Rendezvous mußte Lady St. James zu einer Dinnerparty, dann zu einer Gesellschaft. Die vornehme Welt war ein unablässiger Reigen, und wer wie Lady St. James überallhin eingeladen wurde, hatte die Pflicht, sich sehen zu lassen. Die prächtigen Plätze und Häuser mußten belebt werden; die elegante Vorführung duldete keine Unterbrechung.
Doch danach, heute abend… Sie glaubte, daß sie den Dienstboten trauen konnte, und war stolz darauf, wie raffiniert sie in dieser Beziehung gewesen war. Normalerweise stellte der Hausherr das Personal ein, aber zu Beginn ihrer Ehe hatte sie Lord St. James davon überzeugt, er habe zuwenig Zeit dazu, und daher schuldeten ihr sowohl der Butler als auch die Haushälterin Loyalität. Die beiden Diener gehorchten dem Butler, aber sie bemühte sich auch, sie bei Laune zu halten, und den Mädchen schenkte sie Geld und Kleider. Köchin, Konditor und Kutscher waren Dienstboten ihres Mannes, aber beide Pferdeknechte waren in sie verliebt, weil sie ihnen manchmal ein wenig den Hals tätschelte, wenn sie ihr den Steigbügel hielten.
Wenn also an diesem Abend eine gewisse Person diskret das Haus betrat, während Seine Lordschaft fort war, und ins Zimmer Ihrer Ladyschaft ging, das Seine Lordschaft ohne ihre ausdrückliche Erlaubnis nicht betreten durfte – »Das ist das einzige, die einzige Höflichkeit, um die ich bitte«, hatte sie einmal melodramatisch gesagt –, konnte sie sicher sein, daß niemand durch Schlüssellöcher spähte oder auf Gängen lauschte.
Mehrere Minuten verstrichen, während Balthazar an ihrem Haar arbeitete. Nachdem sie ihre Pläne noch einmal durchdacht hatte, ließ sie ihren Blick zu einer Gestalt schweifen, die neben ihr saß. Er saß still auf einem kleinen Stuhl, immer in ihrer Reichweite, falls es sie belustigen sollte, ihn zur Kenntnis zu nehmen, was sie nun tat, indem sie ihm über den Kopf streichelte. Ein elfjähriger Junge mit rundem Gesicht, wie die Diener mit einem roten Rock bekleidet, sah sie aus großen, anbetungsvollen Augen an. Er hieß Pedro und war schwarz. Kein vornehmer Haushalt war vollständig ohne so ein hübsches, dunkelhäutiges Spielzeug. Pedro war Sklave.
Vor hundert Jahren war ein Schwarzer in London ein Gegenstand der Neugier, doch nun nicht mehr, dafür hatten die britischen Kolonien gesorgt. Nahezu fünfzigtausend Sklaven wurden jedes Jahr von Afrika verschifft, um auf den Zuckerplantagen Westindiens und den Tabakpflanzungen Virginias zu arbeiten, und sogar das puritanische Massachusetts war an dem Handel beteiligt. Solche Seetransporte gingen oft über England, und obwohl Bristol und Liverpool die größten Häfen für Sklavenschiffe waren, kam fast ein Viertel nach London, wo Negerjungen gerne als Spielzeug und Diener gekauft wurden.
Formal war Pedro ein Sklave, aber er lebte zusammen mit der Dienerschaft, und die Diener eines adligen Hauses lebten außerordentlich gut. Fein gekleidet, gut untergebracht, gut ernährt und einigermaßen gut bezahlt, stellten sie eine Elite dar. Vor allem Dienern ging es gut, da sie oft an andere ausgeliehen wurden. Die dichten Reihen von Lakaien bei einer Gesellschaft, selbst in großen herzoglichen Haushalten, waren zum größten Teil von adligen Freunden ausgeliehen; und Trinkgelder waren manchmal großzügig. Ein Diener in London, der sich beliebt zu machen verstand, konnte im Laufe der Zeit wahrscheinlich genug sparen, um ein eigenes Geschäft anzufangen. Darum hoffte auch Pedro, daß ihn Lady St. James vielleicht eines Tages freilassen und er es zu Wohlstand bringen würde; schwarze Butler oder Ladeninhaber waren nicht ungewöhnlich.
Lady St. James glaubte, daß alles und jeder in London zu kaufen war. Sklaven konnte man kaufen, schöne Häuser, Mode, gesellschaftliche Stellung – im georgianischen London vermengte sich altes Geld mit neuem. Selbst der Titel ihres Mannes war wie so viele andere einst gekauft worden. Die Stimmen zahlreicher Mitglieder des House of Commons wurden tagtäglich gekauft, versicherte ihr Gatte. Nur eine gewisse Person war anscheinend nicht käuflich: Captain Jack Meredith. Sie wünschte, sie könnte ihn kaufen, um ihn für sich zu haben.
Ihre Gedanken wurden von einem Klopfen an der Tür unterbrochen. Als Pedro öffnete, trat ihr Mann ein.
Der dritte Earl of St. James war nicht sehr guter Laune. Mit einer Geste entließ er Pedro und Balthazar; in der anderen Hand hielt er einen Stapel Rechnungen. Er sah weder gut noch schlecht aus. Er war nach seiner blonden, auf konventionelle Art hübschen Mutter geraten, und man konnte nur sagen, daß er langweilig aussah. Dumm war er keineswegs; seine Investitionen waren zwar vorsichtig, aber klug, der Landsitz in Bocton wurde gut geführt, und er war aktives Mitglied im House of Lords, auf der Seite der Whigs. Er hatte seine gepuderte Perücke auf und trug einen reichbestickten blauen Rock, zwischen dessen Schößen er den Ansatz eines respektablen Embonpoints zeigte. Noch zehn Jahre, und Lord St. James, nun Anfang Vierzig, würde vermutlich beeindruckend aussehen. Er hatte schöne, stets gut manikürte Hände, doch das Bündel Rechnungen war dick. Er verbeugte sich nur kurz vor seiner Frau.
»Sie werden zugeben, Madam, daß ich die meisten Ihrer Wünsche erfülle.«
Lady St. James beäugte ihn vorsichtig. Sie mußte aufpassen, was sie sagte. So hatte sie etwa gewollt, daß man das alte Herrenhaus aus der Zeit Jakobs I. in Bocton abriß; ein georgianischer Landsitz mit einer Säulenvorhalle würde auf dem Hügel über dem Wildpark imposant aussehen. Seine Lordschaft, vorsichtig wie stets, dachte noch darüber nach, während er ihr standhaft ausschlug, das ganze Stadthaus im Stil des französischen Rokoko umzugestalten. Als Trost war ihr bisher nur ein Salon mit chinesischer Tapete erlaubt worden. Tatsächlich war sie mittlerweile so sehr seinem Willen unterworfen, daß sie sich nur an einen vollkommenen Sieg erinnern konnte – sie hatte es geschafft, seinen Familiennamen zu ändern.
Es war eine feine Sache, Earl of St. James zu sein, und als einfache Miss Barham war die Aussicht, eine Gräfin zu werden, verlockend. Aber da war der Name Ducket. Die Hälfte der Gedenktafeln in London behauptete, der eine oder andere Ducket sei Alderman, Gildemitglied oder Kaufmann gewesen. Sie waren zwar Earls geworden, aber die Wurzeln der Familie lagen im Handel, und das fand die elegante junge Miss Barham erniedrigend.
Die Geschichte ist eine Magd der Mode. Am Ende des StuartZeitalters wurden die jüngeren Söhne des niederen Adels immer noch Mercer und Draper, nun jedoch vermieden sie das und bevorzugten statt dessen die Armee oder die Kirche, worauf ihre Großväter sicher herabgesehen hätten. Zur Not konnten sie auch Rechtsanwälte werden. Aus der Geschichte kannte man den feudalen Ritter oder den römischen Senator, an deren Beispiel man sich mehr und mehr orientierte, bis die englischen Oberschichten Mitte des achtzehnten Jahrhunderts wirklich an den Spruch glaubten: »Gentlemen treiben weder Handel noch Gewerbe.« Dieser historische Unsinn sollte das Leben der Menschen über zweihundert Jahre lang bestimmen.
Ihre handeltreibenden Vorfahren wurden vergessen oder unterschlagen. Man machte eine einzige Konzession an den gesunden Menschenverstand: Ein Gentleman konnte eine Frau aus dem Kaufmannsstand heiraten. Selbst in den snobistischsten Jahren des Jahrhunderts georgianischer Eleganz heirateten Gentlemen und Adlige die Tochter von Kaufleuten. Ihre französischen oder deutschen Pendants wären entsetzt gewesen, doch darum scherten sie sich nicht. In England zählte nur die männliche Linie.
Die männliche Linie des Hauses St. James trug den Kaufmannsnamen Ducket, und das war für Miss Barham kaum zu ertragen. Daher änderte der junge Earl, der zu dieser Zeit sehr von ihr geblendet war – sie war die Schönheit jedes Balls –, die Schreibweise zu dem zwar unwahrscheinlichen, aber französisch aussehenden de Quette. Ihren Freunden erzählte sie, das sei die ältere Form des Namens, der mit der Zeit verfälscht worden sei; und bald war allgemein anerkannt, daß der Familienname des Earls aus der Zeit der normannischen Eroberung stamme. Manche Vorfahren werden geboren, andere werden gemacht; die de Quettes waren nicht die einzigen, die ihren Namen ein wenig frisierten. »Obwohl man ihn ausspricht wie Ducket«, erklärte sie. Das war das letzte Mal, dachte sie traurig, daß er wirklich versucht hatte, sie zufriedenzustellen.
»Diese Rechnungen sind hoch, Madam.«
»Stecken wir in Schwierigkeiten?« fragte sie unschuldig. »Bitte sagen Sie mir nicht, Mylord, daß wir ruiniert sind.«
»Nicht ganz«, erwiderte er trocken. Er wußte, daß sie argwöhnte, er sei reicher, als er zugab, und tatsächlich vergrößerten der blühende Kolonialhandel und verbesserte Anbaumethoden Jahr für Jahr sein bereits hohes Einkommen. Selbst die Kosten des Londoner Hauses wurden verringert, da der größte Teil des Fleisches und der Bodenerzeugnisse einmal wöchentlich von dem Landsitz in Kent gebracht wurden. »Wenn wir nicht ruiniert sind, so deshalb, weil ich im Rahmen meines Einkommens lebe«, erklärte er stets. »Madam, ich habe hier Rechnungen von Händlern, die sich auf dreihundert Pfund belaufen.«
»Vielleicht müssen wir sie nicht alle bezahlen«, schlug Lady St. James vor.
Lord St. James begann sie aufzuzählen. Hutmacher, Modistin, der Teehändler Twining, Schuhmacher, Schneiderin, zwei Parfumhändler, der Bäcker Fleming und sogar ein Buchhändler.
»Die Schneiderin muß bezahlt werden«, bestimmte sie; sie würde nie wieder eine so gute finden. Doch die Rechnung des Bäckers verärgerte sie. Sie hatte eine große Gesellschaft gegeben und beschlossen, den Saal mit Kuchen zu dekorieren, doch das war kein Erfolg gewesen. »Geben Sie mir die Rechnung des Bäckers«, rief sie. »Ich werde sie dem Kerl in den Rachen stopfen.«
»Ich möchte noch eine andere Sache besprechen, Madam. Die Familie de Quette. Ich bin der dritte Earl, und ich habe immer noch keinen Erben. Etwas muß getan werden. Wann, Madam?«
»Bald. Im Moment ist so viel zu tun. Werden wir im Sommer nicht in Bocton sein?« Sie brachte ein Lächeln zustande. »In Bocton, William.« Doch obwohl Lady St. James lächelte, fiel es ihr schwer, selbst das bißchen Ermutigung auszustrahlen, das in ihrem eigenen Interesse nötig war. Eine Frau mochte ihrem Mann ausweichen, konnte sich ihm aber nicht absolut verweigern. Lord St. James sah ganz gut aus, aber sie begehrte Jack Meredith. Und solange der in London war, fand sie ihren Ehemann unerträglich.
»Sie haben mir schon einmal einen Erben geschenkt«, erinnerte er sie.
»Ich weiß. Der arme kleine George.«
Das war eine Tabuzone, etwas, über das sonst nicht gesprochen wurde. Der Tod des Säuglings vor sieben Jahren. Selbst jetzt kannte St. James nicht die Wahrheit, und für Ihre Ladyschaft, die damals völlig am Boden zerstört war, war dies das Thema, über das nie gesprochen werden durfte. Lord St. James hatte soeben diese Regel gebrochen. »Bis zum Sommer ist es noch lange«, sagte er schroff und zog sich zurück.
Lady St. James blieb allein sitzen und dachte an diese furchtbare Nacht vor sieben Jahren. Die Geburt hatte lange gedauert, und danach lag sie erschöpft da, froh, daß es vorbei war. Sie war nicht gerne schwanger gewesen; schrecklich, so dick und plump zu sein. Doch dann hatte sie zumindest das Gefühl, etwas vollbracht zu haben. Das Kind war ein Junge; nach seinem Großvater sollte er George genannt werden. Für sie zählte vor allem, daß er Erbe eines Earls war, der vom Augenblick seiner Geburt an einen Titel trug: der kleine Lord Bocton. Als sie das Kind schreien hörte, hatte sie der Kinderschwester gesagt, sie solle es ihr bringen. Lächelnd hatte sie den Säugling hochgehalten, um ihn im Kerzenlicht zu betrachten. Und dann hatte sie ein entsetztes Gesicht gezogen.
Sie hatte erwartet, das Kind werde hübsch sein, zumindest blond, wie die Eltern, doch das kleine Geschöpf hatte dunkles Haar und eine weiße Strähne in der Mitte. Und als sie die winzige Faust des Babys öffnete, schrie sie auf. Das Kind hatte feine Schwimmhäute zwischen den Fingern.
»Das ist nicht meines!« hatte sie gekreischt. »Sie haben mir ein anderes Kind gebracht.«
»Nein, Ihre Ladyschaft«, beteuerte die Kinderschwester. »Es ist Ihres.«
»Hexe! Diebin! Das kann nicht sein.« Aber da war der Arzt hereingekommen und hatte ihr versichert, genau so sei das Kind zur Welt gekommen.
Wie konnte sie so ein Ding ihren Freunden zeigen? Grauen ergriff sie, Grauen vor dem Kind, vor sich selbst, vor ihrem Mann, der schuld war, daß sie so ein Ding bekam. »Bringt es fort«, hatte sie gerufen und hatte sich wieder in die Kissen fallen lassen.
Bald darauf hatte Lord St. James in den Norden Englands reisen müssen, und zu dieser Zeit hatte sie bereits ihren Plan. Das Gespräch mit der Amme hatte sie auf die Idee gebracht. Natürlich war es undenkbar, daß eine Gräfin ihr Kind selbst stillte. Man hatte eine dralle junge Frau gefunden, die einen Monat vor Lady St. James ein Kind gebären sollte. Die Frau hatte beiläufig erwähnt:
»Ich habe immer viel Milch, Mylady, genug, um auch Ihr Kind zu nähren. Und wenn meines stirbt, bekommt das Ihre alles.«
»Sterben denn so viele Säuglinge?« hatte die Gräfin gefragt.
»O ja, Mylady. In London jeden Tag eine ganze Menge.« Selbst die Reichen waren gefährdet; irgendein Fieber konnte das Kind dahinraffen. Bei den Armen in ihren überfüllten, unhygienischen Wohnungen erlebte nicht einmal jedes dritte Kind das Alter von sechs Jahren. Ausgesetzte Säuglinge, tot oder im Sterben, waren ein normaler, trauriger Anblick. Diese Information, zusammen mit anderen Erkundigungen, die Lady St. James eingezogen hatte, war die Grundlage ihres Plans.
Sie brauchte noch eine Komplizin, doch das war nicht schwierig. Die heruntergekommene Frau, die sie in einem dunklen Eck von Covent Garden ausgewählt hatte, wußte nicht, wer die fremde, in einen Umhang gehüllte Lady war, doch fünf Pfund, zusammen mit dem Versprechen, weitere zehn Pfund zu bekommen, wenn alles erledigt war, genügten bei weitem, ihre Mitarbeit zu sichern, ohne daß sie irgendwelche Fragen stellte.
Die Dienstboten am Hanover Square waren erstaunt, als Ihre Ladyschaft zwei Tage nach der Abreise des Lords plötzlich von Angst ergriffen wurde. Das Kind sei krank, erklärte sie, es müsse an der Amme liegen. Die Frau wurde entlassen, Ziegenmilch mußte besorgt werden. Man bot an, die Säuglingsschwester oder den Arzt zu holen. Sie erwog es, entschied dann aber: »Ich traue keinem.« Eines Tages im Morgengrauen hörte man sie dann schreien. Außer sich eilte Ihre Ladyschaft die Treppe herunter, das Kind, eingehüllt in ein Tuch, auf dem Arm. Sie erteilte Befehle: In einer Stunde müsse die schnelle Kutsche bereit sein. Sie würde nach Bocton fahren. Nach Bocton, das sie nie gemocht hatte, und um diese Morgenstunde! Sie würde nur den Kutscher und einen Pferdeknecht mitnehmen. »Landluft«, rief sie, »dann wird das Baby wieder gesund werden.« Dann rannte sie mit dem Baby hinaus auf den Platz und verschwand für fast eine Stunde.
Sie fuhren wie die Wahnsinnigen. Über die London Bridge, durch Southwark, auf die alte Straße nach Kent, die hinauf nach Blackheath und über den Shooter's Hill führt; Stunde um Stunde, mit nur je einem Halt in Dartford und Rochester, um die Pferde zu wechseln. Es war bereits dunkel an diesem Tag im März, als sie endlich den bewaldeten Park von Bocton erreichten, wo die erstaunte Haushälterin hastig das Zimmer für Ihre Ladyschaft herrichten mußte, in das sie sich sofort mit dem Kind zurückzog.
Ein höchst erstaunter Arzt aus Rochester, der am nächsten Morgen gerufen wurde, erklärte: »Dieses Kind ist seit mindestens einem Tag tot.« Aber Lady St. James war nun völlig geistesverwirrt und beharrte verzweifelt darauf, daß das Baby wieder gesund werden würde, da es nun Landluft habe, und der Arzt hatte den kleinen Leichnam stillschweigend mitgenommen. Zehn Tage später, als Lord St. James aus dem Norden zurückkam, fand er seinen Erben begraben auf dem kleinen Friedhof neben dem Wildpark in Bocton und seine Frau fast wahnsinnig vor Kummer.
Das war die trübe Erinnerung, die Ihre Ladyschaft überfiel, als sie allein in ihrem Zimmer am Hanover Square saß. Für ihr Kind, das sie gegen das tote eingetauscht hatte, empfand sie nichts. Als die Frau aus Covent Garden sie gefragt hatte, was sie damit tun solle, hatte sie gezischt: »Tun Sie, was Sie wollen, solange es mir nur nie mehr vor Augen kommt.« Ich habe das Kind nicht umgebracht, sagte sie sich. Sie hoffte nur, daß es tot war. Doch das war lange her. Ihre Zofe kam ins Zimmer, um Ihrer Ladyschaft in das prächtige Kleid zu helfen.
Isaac Fleming konnte es sich erlauben, glücklich zu sein. Seine Rechnung für Lady St. James hatte nicht weniger als dreißig Pfund betragen: und da die enorme Kuchenmenge, die sie bestellt hatte, von bester Qualität gewesen war, hoffte er auf ein einträgliches Geschäft. Isaac Fleming nahm an, daß die Aristokratie ihre Rechnungen stets bezahlte. Er wünschte sich ein Erkerfenster für seine Ladenfront. Zur Zeit seines Großvaters, als die Familie noch im Kurzwarengeschäft tätig war, hatte es solche Dinge noch nicht gegeben. Nach dem großen Brand waren die hölzernen Verkaufsstände des alten London allmählich durch in Reihen angelegte, aus Ziegel gebaute Läden ersetzt worden, zumeist recht einfach eingerichtet – eine schlichte Verkaufstheke, die Waren auf Regalbrettern, ein sandbestreuter Holzboden. In letzter Zeit hatte sich das verändert.
Als Junge ging Isaac oft hinaus aus Ludgate, die Fleet Street entlang, die gleich nach der alten Kirche St. Clement-Danes in eine breite Fahrbahn mündete, die Strand genannt wurde. Es war eine vornehme Gegend, wo es solche Wonnen gab wie das griechische Kaffeehaus, das »New Church Chop House« und andere beliebte Gaststätten, in denen sich Rechtsanwälte und Gentlemen trafen. Am meisten Gefallen fand er jedoch an einem kleinen Laden, in den er jedesmal hineinging, wenn er vorbeikam: Twining's Tea Shop. Dort wurde nur Tee verkauft, aber auf elegante Art. Große bemalte Gefäße standen im Schaufenster; die Fässer im Laden waren alle mit schmuckvollen Etiketten versehen, auf der Theke standen neben Maßen und Gewichten mehrere Teebüchsen mit schönen Einlegearbeiten. »Wenn ich erwachsen bin, will ich einen solchen Laden haben«, sagte er zu seinem Vater.
Da er ein paar Jahre später bei einem einfachen Bäcker um eine Lehrstelle bat, hatte Isaacs Vater gedacht, er würde wohl kaum ein so elegantes Geschäft brauchen, aber er hatte nicht mit der Initiative des Jungen gerechnet. Als er neben der »Old Cheshire Cheese Tavern« in der Fleet Street seinen eigenen kleinen Laden hatte, begann Isaac Kuchen zu backen, und das machte er sehr gut. Nach ein paar Jahren brachte der Kuchenverkauf schon mehr als die Hälfte seines Umsatzes ein. Eines Tages, sagte Isaac zu seinem Vater, würde er diese entscheidende Viertelmeile weiter hinaufziehen können, so daß er neben Twining's Tea Shop käme. Insgeheim hoffte er, ganz mit dem Brotbacken aufhören zu können, nur noch Kuchen zu machen und ein Geschäft am Piccadilly zu eröffnen.
Der Piccadilly war die elegante Welt schlechthin. Zwischen dem Hof von St. James und Pall Mall im Süden und den prächtigen neuen Erschließungsgebieten wie Grosvenor und Hanover Square im Norden gelegen, war Piccadilly ein Ort für die beste Gesellschaft. Und dort, gleich bei dem kleinen Markt an der St.-James-Kirche stand ein so prachtvolles Geschäft, das alles andere in London so weit übertraf: Fortnum and Mason. Die beiden Freunde hatten das Geschäft 1707 gegründet, nachdem sich Fortnum, Diener am Königshof, aus seiner Stellung zurückgezogen hatte. Es war erstaunlich, was man dort alles kaufen konnte: alle Arten von Lebensmitteln, fremdartige Delikatessen – Hirschhornsalz und andere Seltenheiten, exotische Süßigkeiten, importiert von der Ostindiengesellschaft. Am beeindruckendsten war die Ladeneinrichtung – wunderbar dekorierte Schaufenster, strahlendes Licht, Tische, die hergerichtet waren wie in einem eleganten Salon eines adligen Stadtpalastes. Es mußte ein Vermögen gekostet haben. So ein Geschäft lag weit außerhalb Isaacs Möglichkeiten. Doch eines Tages würde er seinen Laden in Sichtweite haben, und dieselbe illustre Gesellschaft, die Fortnum's frequentierte, würde sein bescheidenes Konditorschaufenster sehen. Es war ein Traum, aber vielleicht doch nicht unerreichbar.
Der erste Schritt zu diesem fernen Ziel war die Verschönerung seines bisherigen Ladens. Erstens brauchte er ein neues Schild. Die einfachen Geschäfte hatten immer noch die alten Schilder vor ihrer Tür, die modischen neuen Lieferanten jedoch ließen ihre Namen auf geschmackvolle Tafeln über dem Fenster schreiben, manchmal sogar in Gold. Und zweitens brauchte er ein Erkerfenster. Es sah nicht nur elegant aus. Die gewonnene Fläche ermöglichte es auch, eine größere Menge an Waren zu präsentieren. An diesem Tag hatte Isaac schließlich die Entscheidung getroffen. Die bescheidene Bäckerei in der Fleet Street sollte eine neue Fassade mit Erkerfenster bekommen.
»Können wir uns das leisten?« fragte seine Frau ein wenig nervös.
»Vergiß nicht«, antwortete er, und sein schmales, hohlwangiges Gesicht leuchtete bei der Aussicht, »die Gräfin St. James schuldet mir dreißig Pfund.«
Nicht nur Londons prächtigstes Geschäft lag am Piccadilly. Um fünf Uhr nachmittags gesellte sich die von zwei Laufburschen getragene Sänfte mit der eleganten Gestalt von Lady St. James zu hundert anderen und einer Reihe wappengeschmückter Kutschen, die durch das Eingangsportal zu den Kolonnaden des Innenhofs eines stattlichen palladianischen Palais strömten, das in klassizistischer Geschlossenheit hinter der nördlichen Straßenseite lag: Burlington House.
An den eleganten Plätzen des Westends standen sehr große Häuser, doch es gab einige Adlige, zumeist Herzöge, die so reich waren, daß sie sich eigene kleine Paläste leisten konnten. Einer davon war Lord Burlington. Obwohl die Burlingtons ihre auserlesene italienische Villa in dem westlichen Dorf Chiswick vorzogen, wurde das große Palais am Piccadilly doch hin und wieder für große Gesellschaften benutzt.
Jedermann, der etwas darstellte, war da: Adlige, Politiker und, da die Burlingtons Kunstmäzene waren, auch ein paar Leute aus der Welt der Kunst und der Literatur: Fielding, dessen Roman Tom Jones im letzten Jahr alle Welt so belustigt hatte, war mit seinem halbblinden Bruder John gekommen; der Maler Joshua Reynolds, sogar der Schauspieler Garrick. Lady St. James bewegte sich elegant von Gruppe zu Gruppe, sprach hier und da ein paar Worte und sorgte dafür, daß sie gesehen wurde. Aber die ganze Zeit suchte sie insgeheim nur nach ihm. Er hatte gesagt, daß er hiersein würde. Er war auch da.
Wenn Lady St. James vor dem Beginn ihrer Affäre in Captain Jack Meredith' Nähe kam, errötete sie immer wie ein Kind. Er hatte sie aus der Fassung gebracht. Wenn sie nun auf ihn zukam, war es anders. Zuerst verspürte sie Herzflattern, dann zitterte sie ein wenig, dann wurde ihr kribbelnd warm. Es begann in ihren Brüsten, die so köstlich dekolletiert waren, konzentrierte sich in der Körpermitte, schoß ihr dann in den Unterleib und durchströmte sie mit solchem Leben, daß es fast schrecklich war.
Sein bestickter Rock war burgunderrot und paßte gut zu seinen braunen Augen. Im Augenblick stand er allein, die große, schlanke Gestalt einem der hohen Fenster zugewandt. Er spürte ihre Anwesenheit, als sie näher kam, achtete darauf, sich nicht sofort zu ihr umzudrehen, und als er sie schließlich anlächelte, bemerkte sie die attraktive, männliche Linie seiner Wange. Sie blieben ein wenig entfernt voneinander stehen und sprachen leise.
»Du wirst kommen?«
»Um acht. Bist du sicher, daß er nicht da sein wird?«
»Sicher. Er ist jetzt im House of Lords, und später geht er aus zum Essen und Kartenspielen. Bis acht Uhr dann.«
Sie nickte ihm kurz zu und schritt weiter, als habe sie kaum Notiz von ihm genommen. Aber ihr Herz vollführte einen Freudentanz.
In »Seven Dials« gab es Austern zum Abendessen. Harry Dogget blickte auf die schnatternden Kinder, die alle wie Straßengören aussahen, was sie auch waren. Die beiden siebenjährigen Jungen, Sam und Sep, waren barfuß und rauchten lange Pfeifen, was im georgianischen London nichts Ungewöhnliches war.
»Schon wieder Austern?« Die Kinder nickten und deuteten ein wenig nervös zur Treppe. Dogget verdrehte die Augen. Alle wußten, was das bedeutete. Wie zur Antwort ertönte aus dem oberen Zimmer nun ein gedämpftes Poltern, dann kündigten knarzende Dielenbretter die bevorstehende Ankunft Mrs. Doggets an.
Harry Dogget seufzte. Aber es hätte noch schlimmer kommen können, dachte er. Zumindest machten sich die Kinder gut, und eines sagte er sich immer wieder: »Sie sind alle Cockneys, das ist sicher.«
Harry Dogget war ein Cockney und stolz darauf. Man war sich nicht einig, woher das Wort kam; manche meinten, es bedeute »faules Ei«, andere meinten, es bedeute »Idiot«. Auch konnte niemand sagen, warum oder wann man begonnen hatte, die Londoner so zu bezeichnen. Nur in einem war man sich einig: Um als vollwertiges Mitglied dieser angesehenen Gesellschaft zu gelten, mußte man in Hörweite der großen Glocke von St. Mary-le-Bow geboren sein. Zugegebenermaßen trug der Wind diesen Klang über einige Entfernung. Die meisten Bewohner Southwarks am anderen Flußufer behaupteten, Cockneys zu sein, und auch die Bewohner von Spitalfields, östlich des Towers, zählten sich in der Regel zu den Cockneys – es sei denn, sie wollten lieber als Hugenotten gelten. Im Westen, entlang Fleet Street und Strand nach Charing Cross, Covent Garden und Seven Dials, nickten Männer wie Harry Dogget, wenn sie an einem ruhigen Sonntagabend das Geläute der alten Glocke hörten, und meinten: »Ich bin ein echter Cockney.«
Es war auch nicht erstaunlich, daß die Londoner Cockneys für ihren pfiffigen Verstand bekannt waren. Hatten im Hafen von London nicht Angelsachsen, Wikinger, Normannen, Italiener, Flamen, Waliser und weiß Gott noch was für Völker seit Jahrhunderten dank ihrer Gerissenheit überlebt? Schlitzohrige Markthändler, lärmende Fährmänner, Wirtshausinhaber, Theaterbesucher, geprägt von der deftigen, hintergründigen und vulgären Sprache Chaucers und Shakespeares – von Geburt an tauchte das einfache Volk von London in ein Meer von Sprachwitz und Ausdrucksreichtum ein. Die schlagfertigen Cockneys liebten Wortspiele und Reimereien – »Bein und Pantoffeln« etwa bedeutete »Schwein und Kartoffeln«; »Bleib mir vom Leib!« hieß: »Hier kommt dein Weib!«.
Mrs. Dogget stolperte die Treppe herunter. Sie war rot im Gesicht, aber nicht aufgrund irgendeiner Anstrengung. Mrs. Doggets Problem war der Gin – auch »Mutters Ruin« genannt, aber es war eher der Ruin der Familie. Viele Familien in London litten darunter. Der klare Schnaps war äußerst billig in der Herstellung, und als der holländische König Wilhelm dieses Getränk, das in seiner Heimat so beliebt war, eingeführt hatte, waren die ärmeren Schichten in den Städten bald so süchtig geworden, daß es mittlerweile der größte Fluch der Zeit war. »Ein bißchen Trost«, nannte Mrs. Dogget es, wenn sie zu trinken anfing, und es schien, daß es nichts gab, was sie davon abhalten konnte.
Sie war eine kleine, rundliche Frau. Dogget sprach sie in bestimmtem Ton, aber nicht unfreundlich an.
»Schon wieder Austern?« Der Fangertrag aus der Themsemündung war so enorm, daß Austern zu den billigsten Waren auf dem Markt gehörten.
»Ich habe dir heute morgen einen Shilling gegeben«, meinte Dogget. »Du kannst das nicht alles vertrunken haben, altes Mädchen.«
»Ich habe nur Tuppence ausgegeben«, brummte Mrs. Dogget stirnrunzelnd.
»Wer hat dann das Geld?« fragte er, und alle Kinder schüttelten die Köpfe. Hätte er jedoch genauer hingesehen, wäre ihm vielleicht aufgefallen, daß sich die beiden Siebenjährigen komplizenhaft zulächelten. Sam und Sep wußten es sehr gut, hatten aber nicht die Absicht, etwas zu sagen.
Seven Dials war ein seltsamer Stadtteil. Sieben Straßen, keine von Bedeutung, stießen hier aufeinander. Im Mittelpunkt der Kreuzung stand eine steinerne dorische Säule, umgeben von einem Geländer. Auf der Säule war eine Uhr mit sieben identischen Zifferblättern, die jeweils in eine der sieben kleinen Straßen zeigten. Nur wenig östlich von Covent Garden, wo nun jeden Tag ein Blumenmarkt abgehalten wurde, und nur fünf Gehminuten vom Piccadilly entfernt, hätte es eigentlich eine respektable Gegend sein müssen. Doch die sieben Straßen besaßen nicht den moralischen Charakter ihrer Nachbarn und versanken alle zusammen im Sumpf des Lasters. Wollte man den billigsten Gin finden, kam man nach Seven Dials; manche nannten die Gegend auch Gin Lane. Suchte man weibliche Gesellschaft, nicht zu unattraktiv und nicht krank, ging man zu der Uhr und traf auf dem Weg ein Dutzend Frauen, die keine richtigen Prostituierten waren, sondern Arbeiterfrauen, die sich nebenbei etwas verdienen wollten. Wollte man sich die Taschen ausrauben lassen, brauchte man nur eine der sieben Straßen entlangzugehen, und irgend jemand würde einem sicher den Gefallen tun.
Für Sam und Sep jedoch war Seven Dials ein freundlicher Ort. Sie waren hier geboren, jeder kannte sie. Selbst jene, die einen aggressiven Charakter oder gefährliche Gewohnheiten hatten, würden Sam und Sep kaum behelligen, denn ihr Vater war immerhin Harry Dogget – ein Mann von einiger Bedeutung.
Es hatte in London immer Straßenverkäufer gegeben, Männer und Frauen, die mit ihren Körben oder Karren von Haus zu Haus zogen, doch nun waren es mehr denn je, da die Bevölkerung stetig wuchs und die alten Holzbuden zunehmend in richtige Geschäfte umgewandelt wurden.
Arme Leute gingen nicht in die neuen Läden. Alles war dort teurer, und kaum ein Ladeninhaber hatte dieses zerlumpte Volk gern in seinem Geschäft, da es die bessere Kundschaft vergraulte. Daher machten die einfachen Straßenhändler ihre Runden, und die Luft hallte wider von ihrem Geschrei: »Heiße Pasteten!« – »Kauft meine fetten Hühner!« Der Muffinverkäufer läutete mit seiner Glocke. Es war ein unglaublicher Lärm. Die Fürsten dieser Cockney-Händler waren jene, die einen eigenen bunt bemalten Karren und einen eigenen Esel besaßen, der ihn zog; zu diesen gehörte Harry Dogget. Er verkaufte Fisch, Obst und Gemüse, je nach Tag und Jahreszeit. Die größten dieser Händler waren die inoffiziellen Herrscher ihres Gebiets, sorgten für Ordnung bei den kleinen Hausierern und vererbten ihre Machtstellung von Generation zu Generation. Obwohl Dogget noch ein klein wenig unter dieser Elite stand, war mit ihm nicht zu spaßen. Ehrlich beim Geschäft, klein, aber kräftig, stets zu einem Scherz bereit, allgemein beliebt – auch bei den Frauen –, immer ein rotes Halstuch umgebunden, wäre Harry Dogget ein glücklicher Mann gewesen, wäre da nicht Mrs. Dogget. »Nicht, daß sie soviel kostet«, erklärte er, »aber sie bringt auch nichts herein.«
Alles hatte er versucht, um sie vom Gin abzubringen. Gewöhnliche Arbeiten, etwa für andere zu waschen, waren liegengeblieben. Eines Frühjahrs hatte er versucht, sie eine Woche lang nach Chelsea und Fulham zu bringen, wo Leute aus dem West Country und sogar aus Irland in den riesigen Gärtnereien Mr. Gunters arbeiteten. Doch sie hatte es geschafft, sich Gin zu besorgen, und war betrunken in ein Gewächshaus gefallen. Dann hatte ein Freund aus der BullBrauerei in Southwark vorgeschlagen, Mrs. Dogget und die Kinder sollten den Sommer über in den großen Hopfengärten von Bocton in Kent beim Hopfenzupfen helfen – doch Mrs. Dogget hatte sich geweigert.
Manchmal fragte sich Harry, ob es seine Schuld war. Hatten seine Frauengeschichten sie zum Trinken gebracht? Doch das glaubte er nicht; trotz all ihrer Fehler war sie dabei immer gelassen geblieben. Wie auch immer, es bedeutete, daß Harry nie richtig vorankommen würde, und so warnte er seine Kinder: »Ihr müßt lernen, für euch selbst zu sorgen.«
Genau das taten Sep und Sam. Sep machte sich manchmal Sorgen, weil Sam stahl. »Die Bow Street Runners werden dich erwischen«, warnte er.
Im Jahr zuvor hatte Henry Fielding, der nicht nur Werke wie Tom Jones verfaßte, sondern auch Richter war, den ersten Versuch zum Aufbau einer Londoner Polizei gemacht, deren Quartier in der Bow Street bei Covent Garden lag. Sam lachte seinen Bruder jedoch nur aus. Die beiden Jungen waren nicht identisch wie eineiige Zwillinge, einander aber sehr ähnlich, mit der gleichen weißen Haarsträhne und den feinen Schwimmhäuten zwischen den Fingern. Sam war der fröhlichere der beiden. Wie die anderen Kinder hatten sie stets etwas zu tun. Der älteste Junge half dem Vater mit dem Karren; die Mädchen kümmerten sich um den Haushalt oder gingen in Stellung, die Zwillinge arbeiteten zusammen, übernahmen hier und da eine Arbeit, erledigten Botengänge – alles, womit sie ein wenig Geld verdienen konnten, das sie sorgfältig vor ihrer Mutter versteckten. Der waghalsigere Sam hatte sich nun regelrecht auf eine kriminelle Laufbahn verlegt – mit einer gerissenen Methode.
Seit achtzehn Jahren war das Theater in Covent Garden das prächtigste von ganz London. Kamen die Zuschauer nach der Vorstellung bei Dunkelheit heraus, warteten nicht nur zahlreiche Mietsänften, sondern auch Fackelträger, die den Gentlemen, die lieber zu Fuß gingen, ihre Dienste anboten. Und so mancher Herr, der beschloß, den fröhlichen kleinen Jungen, der unter den Leuten herumstand, auf dem Heimweg zu beschützen, und ein paar Minuten später bei Seven Dials ausgeraubt wurde, wäre erstaunt gewesen zu sehen, wie der anscheinend während des Überfalls so verängstigte Sam am nächsten Morgen seinen Anteil von dem Straßenräuber abholte.
»Die Runners machen sich wegen mir keine Arbeit«, versicherte er Sep. »Und beweisen können sie auch nichts.«
Bei anderen Diebstählen machte Sep jedoch gern mit – wenn sie Mrs. Dogget Geld klauten. Das war gar nicht richtig stehlen, waren sie sich einig. Sie wußten, wo das Geld hinging, wenn sie es nicht nahmen. Hätte man sie gefragt, wozu sie das Geld brauchten, hätte zumindest Sam genau antworten können. Er wollte ein Händler mit einem eigenen Karren werden wie sein Vater, und da dessen Karren sein älterer Bruder erben würde, brauchte er Geld, um sich einen zu kaufen. Bis zum Alter von fünf Jahren hatte Sep dasselbe Ziel gehabt, bevor er dann eine aufregende Entdeckung gemacht hatte.
Eine Reihe von festlichen Ereignissen unterteilte das Jahr im georgianischen England, die meisten seit Jahrhunderten, doch während Harry Doggets Kindheit war eine neue Attraktion hinzugekommen: ein Bootsrennen Anfang August. Sechs Boote, jedes von einem einzigen Fährmann von der London Bridge flußaufwärts nach Chelsea gerudert, wetteiferten miteinander um den Preis eines reichverzierten Wappens und einer massiven Silberspange. Gründer der Veranstaltung war ein Schauspieler und Theaterleiter namens Thomas Dogget, und das vor allem fand Sep wunderbar. Sein eigener Familienname. Und dieses Dogget's Coat and Badge Race wurde von ganz London besucht.
»Hat das etwas mit uns zu tun?« hatte der fünfjährige Sep seinen Vater gefragt, als er das erste Mal mitgenommen wurde.
»'türlich. Mein alter Onkel Tom«, hatte der Händler fröhlich geschwindelt.
Harry hatte nicht die leiseste Ahnung, ob Thomas Dogget auch nur entfernt mit seiner Familie verwandt war, aber es belustigte ihn, den Jungen vor Stolz erröten zu sehen. Von diesem Augenblick an hatten der Fluß und die Fährmänner für Sep eine vollkommen neue Bedeutung erhalten. Straßenhändler mit eigenem Karren zu sein war prima, aber konnte man es vergleichen mit der Herrlichkeit des Flußlebens, wo die Doggets seinem Gefühl nach wirklich hingehörten? Er träumte nur noch davon, einer von diesen bunt gekleideten Männern auf dem Wasser zu werden. Und als er sich eines Tages seinem Vater anvertraute, wurde er von Harry ermutigt.
»Du könntest zugleich Feuerwehrmann sein«, erklärte er.
Die Versicherungsgesellschaften hatten Feuerwehren gegründet. Man hatte erkannt, daß der einfachste Weg, Ansprüche gering zu halten, darin bestand, Brände so rasch wie möglich zu löschen, und so hatte sich jede Gesellschaft einen eigenen Wagen mit Wasserfässern, Eimern und sogar primitiven Pumpen und Schläuchen angeschafft. Als Feuerwehrmänner heuerten die Versicherungsgesellschaften die Fährmänner auf der Themse an, die stets zu allem bereit waren. Oft sah Sep die farbig gekleideten Feuerwehrleute mit ihren Löschzügen durch die Straßen sausen.
Mit sieben Jahren wußte Sep, wohin er gehörte, nämlich in den Schoß der berühmten Familie Dogget; er wußte, daß er Feuerwehrmann werden würde, und er wußte bereits fast alles, was es über das Leben auf den Londoner Straßen und seine eigene Stellung zu wissen gab. Es gab nur eines, was er nicht wußte.
An einem frühen Morgen vor sieben Jahren hatte Harry Dogget seinen Karren auf die schmutzige Straße bei Seven Dials gezogen. Eine Woche zuvor war sein Sohn Sam geboren worden und würde Mrs. Dogget, die noch mehr zu trinken begonnen hatte, beschäftigen. Harry pfiff fröhlich, als er sich der Säule mit den sieben Zifferblättern näherte und das kleine Bündel bemerkte. Es lag hinter dem Geländer um die Säule und schrie.
Harry seufzte. Ein solches Bündel wie dieses war nichts Ungewöhnliches. Ungewollte Kinder waren an einem Ort wie Seven Dials ein Berufsrisiko, und was sollte ein lediges Mädchen auch tun? Vor kurzem hatte ein gewisser Captain Coram ein Heim für uneheliche Kinder gegründet, doch um ihr Kind dort unterzubringen, mußte die Mutter selbst kommen und sich rechtfertigen. Und selbst dann waren es so viele, daß man per Los entscheiden mußte, welche Kinder aufgenommen wurden. Harry brachte es nicht übers Herz, einfach vorbeizugehen. Das Kind war kein Neugeborenes, aber noch keinen Monat alt. Ein Junge, der ganz gesund wirkte. Harry runzelte die Stirn. Das Baby hatte eine kleine weiße Strähne im Haar, wie Sam. Und die Finger – noch ein. Kind mit feinen Schwimmhäuten? Konnte das Zufall sein?
Harry Dogget rief sich seine Seitensprünge ins Gedächtnis. Die Frau des Schusters. Aber er hatte sie seither oft gesehen, und sie war nicht schwanger gewesen. Das Mädchen aus der Bäckerei – nein. Die junge Frau, die er auf dem Obst- und Blumenmarkt in Covent Garden kennengelernt hatte. Zwei- oder dreimal hatten sie sich zusammen davongestohlen, vor zehn Monaten etwa. Dann war sie verschwunden. Hatte sie das Kind hierhergelegt? Noch einmal betrachtete er den Säugling genau, das Haar, die Finger, dann hob er ihn auf.
Er sprach offen mit seiner Frau, sagte ihr alles. Sie seufzte und sah sich das Kind an. »Er sieht genau wie Sam aus«, stimmte sie zu.
»Ich hab's nicht fertiggebracht, ihn da liegen zu lassen.«
»Freilich nicht.« Sie grinste. »Ich muß Zwillinge gekriegt haben, Harry. Hab's bloß nicht gemerkt.« Und von da an hatte Sam einen Zwillingsbruder. Die anderen Kinder waren zuerst ein bißchen erstaunt, vergaßen es aber bald. Als Harry das Kind ein paar Tage später zum Vikar brachte und es taufen ließ, dankte der Geistliche der Fügung Gottes, die dem Kind ein Zuhause gegeben hatte. »Warum nennen Sie ihn nicht Septimus?« schlug er lachend vor, da Harry sich keinen Namen überlegt hatte. »Das heißt auf lateinisch ›der Siebte‹ – und Sie haben ihn doch bei Seven Dials gefunden!«
Die Familie Dogget kürzte den Namen sogleich auf Sep ab, und Sam und Sep wuchsen zusammen auf. Harrys Zuneigung zu Mrs. Dogget war von diesem Vorfall an für immer besiegelt.
An diesem Abend kam Captain Jack Meredith kurz vor acht Uhr aus dem White's Club in der St. James Street und schritt den Piccadilly hinauf. In den letzten Jahren waren einige der vornehmeren Kaffeehäuser zu Gentlemen-Clubs mit beschränkter Mitgliederzahl geworden, und White's war einer der exklusivsten. In den meisten dieser Clubs wurde gespielt, und im White's waren die Einsätze hoch.
Captain Meredith war zweifellos eine elegante Erscheinung, doch er war ein Spieler. Sein Großvater, ein Geistlicher wie der alte Edmund, hatte ein hübsches Vermögen auf die Seite gebracht. Sein Vater hatte unter Marlborough gedient und eine wohlhabende Witwe geheiratet, so daß Jack nach seinem Tod ein reicher junger Mann war. Reich genug, um an einem Abend fünftausend Pfund beim Kartenspiel verlieren zu können. Auch ein zweites Mal. Aber nicht ein drittes Mal, wie es geschehen war. Der elegante Captain Jack Meredith hatte ein Haus in der Jermyn Street, wo die Dienstboten seit sechs Wochen keinen Lohn erhalten hatten, und verschiedenen Händlern schuldete er insgesamt über tausend Pfund. Auf seinen Rang als Captain im Regiment – denn in der britischen Armee wurden Offizierspatente gekauft und verkauft – hatte er bei einem Geldverleiher in der Nähe der Lombard Street bereits eine Hypothek aufgenommen.
Nur ein Freund, zynisches Mitglied im selben Club, wußte um den wahren Zustand von Captain Jacks Finanzen, und sein Rat war schonungslos offen: »Wir brauchen ein Opfer, das du schröpfen kannst. Irgendeinen jungen Burschen, der gerade von seinem Landsitz gekommen ist und gegenüber uns eleganten Männern von Welt renommieren will. Komm jeden Tag in den Club, und ich halte die Augen offen.« Hätten sie an diesem Tag ihr Opferlamm gefunden, wäre Meredith sogar bereit gewesen, seine Verabredung mit Lady St. James zu versäumen.
Als er nun den Piccadilly hinaufschritt, konnte niemand erraten, wie schlecht es um seine Finanzen stand. Captain Meredith hatte ein bemerkenswertes Talent, sich ganz auf das zu konzentrieren, was er im Augenblick tat. Er war ein wunderbarer Liebhaber, aber auch einer der besten Fechter in London. Und ein guter Offizier. Er kümmerte sich um seine Leute, war auch einem derben Scherz nicht abgeneigt und konnte fast jeden im Regiment im Boxkampf besiegen.
Seine Beziehung zu Lady St. James war anders als seine sonstigen Liebschaften. Manchmal war er geradezu von ihr besessen. Wenn er im White's saß, dachte er an ihren Körper und malte sich aus, wie er sie auf hunderterlei Art besitzen könnte. Das hatte er schon mit vielen Frauen erlebt, und immer war er ihrer schließlich überdrüssig geworden. Bei Lady St. James war es, als fände er jedesmal eine ganz neue Frau, und das lag nicht an ihrem Körper, sondern an ihrer Persönlichkeit. Ihre Verwandlungsfähigkeit und ihr Erfindungsreichtum schienen groß genug, um ihn jahrelang zu faszinieren, vielleicht sogar ein ganzes Leben.
Captain Meredith gehörte in die St. James Street. Das Bewußtsein, daß seine Vorfahren mit dem ersten Hof der Tudors nach England gekommen waren, sein Club, seine Verbindungen, sein Verhältnis zu einer Gräfin – all das war sein Leben. Um diesen Standard aufrechtzuerhalten, war er zu allem bereit, auch dazu, jemanden zu töten, wenn es nötig war, und das konnte er sogar rechtfertigen. Waren das nicht die alten Regeln der adligen Ritter? Die Spielregeln. Viele Männer in den Clubs von St. James hätten ihm beigepflichtet.
Er war gerade um das Eck von Piccadilly gebogen, als drei Männer aus der Dunkelheit traten und ihn ergriffen. Zwei hielten ihm die Arme hinter dem Rücken fest, der andere stellte sich vor ihn. »Captain Meredith? Sie sind verhaftet, Sir. Wegen Verschuldung.«
Langsam öffnete sich die Tür. Lady St. James fühlte ein leises Beben. Endlich. Er war gekommen. Es war bereits halb neun, und sie hatte befürchtet, er habe seine Meinung geändert. Sie hatte sich sorgfältig hergerichtet. Das lose Seidenkleid ließ ihre Schultern frei; ihr Haar wurde nur von einem Schildpattkamm gehalten, der sich bei der richtigen Berührung lösen würde.
Die Tür öffnete sich, und Lord St. James trat ein. »Sie?« Bestürzt starrte sie ihn an, unfähig, ihre Enttäuschung zu verbergen.
»Das ist mein Haus. Haben Sie jemand anderen erwartet?«
»Nein.« Sie rang um Fassung. »Sie klopfen sonst immer.«
»Verzeihung«, erwiderte er trocken.
Ein Klopfen an der Tür ließ Lady St. James erblassen, doch es war nur ihre Zofe, die leise eintrat. Brauchte Ihre Ladyschaft noch etwas? Sie sah ihrer Herrin bedeutungsvoll in die Augen. »Ich glaube nicht.« Lady St. James sah ihren Gatten an. »Sie gehen nicht mehr aus?« Er schüttelte den Kopf, und sie lächelte ihre Zofe an. »Sie können gehen.« Die Zofe nickte. Wenn Captain Meredith in der Nähe des Hauses auftauchte, würde er gewarnt werden. Insgeheim seufzte Lady St. James erleichtert auf. Die Zofe verließ das Zimmer.
»Sie wollten sich zurückziehen?«
»Ja.« Sie wandte sich ab. »Ich bin sehr müde.«
Abgesehen von der Enttäuschung, daß sie Jack für diesen Abend verloren hatte, bewirkte die Gegenwart ihres Mannes in ihrem Schlafzimmer stets diese Reaktion.
»Es tut mir leid, daß Sie müde sind. Wir haben heute vormittag darüber gesprochen, daß ich einen Erben brauche.«
»Wir haben gesagt, im Sommer…« Ihre Stimme klang matt.
»Aber ich will nicht so lange warten.«
Er zog seinen Rock aus, hängte ihn über den Stuhl und wandte sich wieder ihr zu. Sein Blick ruhte auf ihrer bloßen Schulter und wanderte dann weiter zu ihren Brüsten.
Sie hatte Geschick darin erworben, Kontakt zu vermeiden, ohne sich ihm direkt zu verweigern. Manchmal jedoch kehrte sie ihre Taktik um und erschien höchst verführerisch vor ihm, damit er immer noch glaubte, in ihr eine Ehefrau zu haben, die Ansprüche an ihn stellte. Ein- oder zweimal im letzten Jahr hatte sie, wenn sie es für notwendig hielt, die Augen geschlossen und versucht, sich einzureden, es sei Jack Meredith.
Heute abend jedoch war sie darauf eingestellt gewesen, daß Jack zu ihr kam. Ihre Behauptung, sie sei müde, hatte ihr Mann ignoriert. Hatte er einen Verdacht? Einen Augenblick später wurden ihre Zweifel zerstreut.
»Lady St. James«, teilte er ihr kühl mit, »ich habe beschlossen, daß Ihr Verhalten mir gegenüber anders werden muß. Sie werden nicht länger von mir verlangen, daß ich frage, ob ich dieses Zimmer betreten darf. Ich werde kommen, wann es mir beliebt.«
»Und wann haben Sie das beschlossen, Mylord?«
»Heute morgen«, erwiderte er. »Sie haben mir gesagt, ich solle auf meinen Erben warten. Ich habe bereits viel zu lange gewartet.« Er verzog das Gesicht zu einem Grinsen. »Ihr Ehegelöbnis beinhaltet auch das Wort ›gehorchen‹. Ich denke, es ist nun an der Zeit.«
Lady St. James hatte die Antwort auf ihre Frage. Es war das Grinsen. Ein Mann, der einen Verdacht gegen seine Frau hat, der darum kämpft, seine Frau zurückzugewinnen, grinst nicht so selbstgefällig, dachte sie. Ärger durchzuckte sie, und sie fühlte Verachtung für den Mann, der vor ihr stand.
Lord St. James knöpfte seine lange Weste auf.
»Nein! Nicht jetzt, ich bitte Sie.« Warum konnte sie nach Jahren kunstfertiger Tricks keinen Ausweg finden oder aber anmutig nachgeben? Lady St. James verstand sich selbst nicht. Vielleicht war es die Bestürzung darüber, daß Meredith nicht aufgetaucht war, zusammen mit dem selbstzufriedenen Grinsen ihres Mannes – doch diesmal hatte sie die Situation nicht unter Kontrolle. »Ich habe meine Monatsregel«, log sie errötend.
»Wirklich? Wir werden sehen.« Kühl legte er die Weste über den Rock. Dann drehte er sich um und packte sie am Handgelenk. »Sie gehören mir.«
Sie versuchte, sich loszureißen, doch er ergriff mit der freien Hand ihr anderes Handgelenk und bog ihre Arme weit auseinander, bis ihr Busen gegen seine Brust gedrückt wurde. Ihr wurde bewußt, wieviel stärker er war als sie. In ihrer Erniedrigung vergaß sie sogar ihre Eleganz und riß das Knie hoch, um es ihm in die Leistengegend zu stoßen. Gerade noch rechtzeitig wich er aus, so daß sie ihn nur am Schenkel traf, doch sie spürte, wie eine Welle der Wut durch seinen Körper ging. Er ließ ein Handgelenk los und schlug ihr kräftig ins Gesicht. Dann packte er sie, hob sie hoch und warf sie aufs Bett; einen Augenblick später war er über ihr. »Jetzt werde ich dir zeigen, wer der Herr ist«, keuchte er.
Trotz des Schmerzes erinnerte sie sich vor allem an sein Gesicht. Hinter seiner höflichen Maske erschienen Züge, die sie noch nie erblickt hatte. Grob, hart, unnachgiebig; das Gesicht der alten Bulls.
Es war keine Vergewaltigung, aus dem einfachen Grund, weil es Gesetz und Brauch war, daß ein solches Wort nicht verwendet werden konnte, wenn das Opfer die Ehefrau war. Roh riß er ihr das Kleid herunter, öffnete seine Hosenklappe und stieß mit solcher Wut in sie hinein, daß sie aufschrie; wieder und wieder.
Es tat weh. Auch ihr Gesicht schmerzte nach dem Schlag, und sie schmeckte Blut im Mund. Ebenso furchtbar wie der Schmerz war das Gefühl, geschändet und erniedrigt zu werden. Sie versuchte, zu kratzen und zu beißen und um sich zu schlagen, doch der große, schwere Mann über ihr hatte sie vollkommen in seiner Gewalt. Ihr Titel, ihr Haus, ihr Geld und nun auch ihr Körper, alles gehörte ihm, er war der Herr.
»Von nun an wirst du mir zu Willen sein, wann ich es sage und wie ich es will«, erklärte er kalt, als er fertig war. Dann verließ er das Zimmer.
Captain Jack Meredith saß auf der kleinen Holzbank in einer Zelle und zitterte vor Kälte. Im Licht eines tropfenden Kerzenstummels sah man fast jeden Riß in der alten Steinmauer. Seit zwei Stunden grübelte er über seine Lage nach und kam stets zum gleichen Schluß. Es gab keinen Ausweg.
Er war im Clink.
Es gab mehrere Gefängnisse für Schuldner; das nächstgelegene, in dem ein Platz frei war, war das Clink gewesen.
Es war im georgianischen London keine Kleinigkeit, Schulden zu haben. Wenn die Gläubiger ein Urteil erwirkten, konnte man ohne Vorwarnung aufgegriffen und ins Gefängnis geworfen werden, und dort blieb man, bis die Schuld bezahlt war, manchmal für immer. Was konnte man im Gefängnis für ein Leben erwarten? Gerade diese Frage beschäftigte Jack Meredith, als er das Geräusch eines großen Schlüssels hörte, der sich im Schloß drehte. Der Mann, der die schwere Tür aufsperrte, hatte eine Laterne. Zuerst sah Jack die Nasenspitze. Als die Nase halb zur Tür herein war, wurde ihre einschüchternde Größe offensichtlich, und schließlich war der ganze riesige Vorsprung sichtbar, und dahinter zwei melancholische Augen. Die Perücke war so schmutzig, als habe man damit den Fußboden gewischt. Ein gebückter Mann stand vor dem Captain.
»Ebenezer Silversleeves, Sir, zu Ihren Diensten. Ich bin der Aufseher des Clink.«
Wie viele solcher Posten war auch dieser ererbt. Vor Ebenezer hatten sein Vater und Großvater ihre schäbige Amtsgewalt über das kleine Gefängnis ausgeübt. Als er nun sagte, er stehe Meredith zu Diensten, meinte er das auch, denn der Captain war genau die Art von Häftling, die er mochte.
Wie in vielen Gefängnissen waren die Regeln des Clink einfach. Wenn man Brot und Wasser mochte, bekam man es. Wollte man etwas anderes, bezahlte man Ebenezer dafür. »Ach je, Sir«, war stets seine Einleitung. »Ein Gentleman wie Sie sollte nicht hier sein.« Er habe nebenan in den Überresten des alten Bischofspalastes ein ganz geräumiges Zimmer, erklärte er dann, das weit angemessener sei und das der Herr für ein oder zwei Shilling pro Tag haben könne. Natürlich werde der Gentleman auch ein anständiges Essen wollen, eine Flasche Wein. In ein oder zwei Tagen könne er es fast so bequem haben wie zu Hause, gegen ein Entgelt natürlich.
Wie sollte ein verschuldeter Gentleman für solche Dinge bezahlen? Es war verblüffend, was Silversleeves arrangieren konnte. Wie katastrophal die Finanzlage der feinen Herren auch sein mochte, sie hatten doch zumeist Wertgegenstände bei sich. Eine goldene Uhr, einen Ring – Silversleeves verkaufte alles und brachte im Nu den größten Teil des Erlöses. Er konnte sogar jemanden in das Haus des Schuldners schicken, der den Gläubigern diskret kleinere Wertsachen vor der Nase wegschnappte. Gentlemen hatten zumeist auch Freunde, die zwar vielleicht nicht die Schulden bezahlten, aber oft für ein wenig Komfort während der Haft aufkamen. Der feine Rock konnte verkauft und durch einen einfacheren ersetzt werden, so daß man vom Erlös eine Weile leben konnte. Wenn auch die Perücke und die Kleider, die man auf dem Leib trug, verkauft waren, und alle Freunde sich still davongemacht hatten, gab es immer noch die dunkle Zelle und eine Diät aus Wasser und Brot, so lange man das überlebte.
Als Captain Meredith seinem Aufseher mitteilte, daß er im Augenblick kein Geld habe, war dieser keineswegs abgeschreckt. Kaum hatte Meredith seine Taschen ausgeleert, erspähte der hilfsbereite Ebenezer eine Metallscheibe. Es war eine Theatermarke, die den Besitzer zum Eintritt in das Theater von Covent Garden berechtigte. »Dafür könnte ich ein paar Pfund bekommen«, erklärte er und fragte, ob der Gentleman Verbindung zu seinen Freunden aufnehmen wolle.
Meredith seufzte. Seit einer Stunde hatte er mit diesem Problem gekämpft. Sobald er das tat, war seine Erniedrigung öffentlich, und seine Chance auf ein Kartenspiel war dahin. Einen Brief jedoch mußte er schreiben, an Lady St. James. Die Frage war, wieviel er ihr mitteilen sollte? »Können Sie es einrichten, daß ein Brief diskret überbracht wird?« fragte er.
Es hatte gerade elf Uhr geschlagen, als der Mann, der darauf gewartet hatte, daß Lord St. James ausging, an die Tür von Hanover Square 17 trat, kurz darauf in das Zimmer Ihrer Ladyschaft vorgelassen wurde und ihr den Brief übergab. Respektvoll wartete er, ob er eine Antwort mitnehmen solle.
Lady St. James saß auf der Chaiselongue, ein Kissen im Rücken und eine Decke über den Knien. Unter ihren Augen waren dunkle Ringe. Nachdem ihr Mann sie am Abend zuvor verlassen hatte, hatte sie nicht nach ihrer Zofe gerufen, sondern sich selbst aus dem Krug auf dem Nachttisch ein Becken voll Wasser gefüllt und versucht, jede Spur ihres Mannes abzuwaschen. Dann hatte sie sich hingesetzt, zugedeckt und die Nacht so verbracht. Einmal hatte sie ganz leise geweint; mehrmals hatte sie Anfälle von Schüttelfrost. Sie fühlte sich körperlich und seelisch verletzt, doch allmählich erholte sie sich.
Wenn ihr Mann dachte, sie würde sich unterwerfen, täuschte er sich. Doch was konnte sie tun? Ihn verlassen? Dann hätte sie fast kein Geld. Einen reichen Beschützer und Liebhaber finden? Leichter gesagt als getan, selbst für eine Schönheit der feinen Gesellschaft. Würde Captain Meredith mit ihr fliehen? Sie nahm an, er könnte es sich leisten, war aber nicht sicher, ob er es tun würde. Eines aber wußte sie: Sie würde es nicht einfach hinnehmen. Ihr Schock und ihre Verletztheit hatten sich in brennende Wut verwandelt. Als der Morgen kam, hatte sie ihren Zorn unter Kontrolle, doch er war tödlich. »Ich werde ihn vernichten wie eine Schlange«, schwor sie.
Captain Jack Meredith' Brief brachte sie auf einen Gedanken. »Sagen Sie ihm, er solle sich ein paar Stunden gedulden«, beschied sie den Boten aus dem Clink. »Vielleicht kann ich ihm helfen.«
Auch Sam Dogget hatte einen Gedanken. Anfang Mai war eine fröhliche Zeit. Am 1. Mai wurden die Maibäume aufgestellt. Lehrlinge zogen ihr Festtagsgewand an, Milchmädchen trugen Girlanden, und auf den Straßen hörte man Pfeifen, Trommeln und Leierkasten. Seit undenklichen Zeiten wurde nördlich von St. James ein großer Markt abgehalten, der unter dem alten Namen Mayfair bekannt war.
Neuer, aber sehr sehenswert war der Umzug der Kaminkehrer, die dank der vielen prächtigen neuen Häuser nun eine eigene Zunft bildeten. Sam und Sep standen am Grosvenor Square und sahen dem Umzug zu, als Sam seine Idee hatte. Die Kaminkehrer waren ein lustiger Trupp. Am Werktag schmutzig und verrußt, waren sie am l. Mai sauber geschrubbt und trugen leuchtendweiße Hemden und Hosen. Jeder Kaminkehrer hatte einen oder zwei kleine Jungen bei sich, manche nicht älter als fünf oder sechs Jahre, die den Kamin hinaufklettern mußten, wenn der langstielige Besen nicht um eine Biegung kam. Eine schmutzige Arbeit; manchmal mußten sie, halb vom Ruß erstickt, an die zehn Meter in dem schwarzen Tunnel hinaufklettern. War der Kaminkehrer ihr Vater, ging es ihnen meist nicht allzu schlecht, doch waren sie Waisen oder von ihrer armen Familie zur Arbeit geschickt worden, behandelte man sie manchmal sehr roh. Doch oft hatte ein Hausbesitzer oder sogar einer der Dienstboten Mitleid mit den kleinen Kerlen und steckte ihnen eine Münze oder etwas zu essen zu. Wenn man schlau war, hatte Sam gehört, konnte man damit Geld verdienen. Und noch etwas fiel ihm ein. Die Kaminkehrer kamen in alle großen Häuser, in jedes Zimmer. Er grinste. »Sep, ich glaube, ich weiß, wie wir ein bißchen Geld machen können.«
Das komfortabelste Zimmer im Clink war eine große Verbesserung. Ein anständiges Bett stand darin, ein Schreibtisch, auf dem Boden lag ein Teppich, und es hatte ein schmales Fenster, das auf einen überwucherten kleinen Garten blickte. Jack Meredith fühlte sich gleich wohler. Die Botschaft von Lady St. James war zwar nicht sehr klar, aber ermutigend. Mittags brachte Silversleeves ihm das Essen: Huhn, Gebäck, eine Flasche Claret und außerdem eine Zeitschrift, den Spectator, in dem Meredith nach dem Essen eine Stunde las, bis es an der Tür klopfte und Besuch angekündigt wurde. Obwohl er im Grunde erwartete, Lady St. James zu sehen, war das Gesicht der Besucherin so verdeckt unter einem Hut und einem Seidenschal, daß er nicht sicher war. Erst als die Tür sich hinter ihr schloß, enthüllte sie ihr Gesicht, und Meredith erschrak.
Lady St. James hatte ihrem Aussehen große Sorgfalt gewidmet. Ihre Zofe hatte die Wange, auf die ihr Mann ihr die Ohrfeige gegeben hatte, mit einem nassen Tuch geschlagen, so daß nun eine Gesichtsseite schrecklich angeschwollen war. Außerdem hatte Ihre Ladyschaft sich niedergekniet und die andere Gesichtshälfte gegen den Bettpfosten gerammt, so daß sie nun auch ein blaues Auge hatte. An Entschlossenheit mangelte es ihr nicht.
Der Captain sprang auf und betrachtete sie entsetzt. »Wer hat dir das angetan? St. James? Mein Gott! Wie? Warum?«
Sie zuckte die Achseln und gab zu verstehen, daß sie sich setzen mußte.
Dann erzählte sie, wie ihr Mann sie angegriffen hatte, wobei sie kaum lügen mußte.
»Dieser Lump!« rief er. »Das lasse ich nicht länger zu!«
»Du bist im Gefängnis«, erinnerte sie ihn. »Du kannst nichts tun. Aber«, fügte sie leise hinzu, »würdest du mir wirklich helfen, Jack?«
Er spürte eine Welle von Beschützerinstinkt, als er sie ansah.
»Wenn du mich nicht rettest, Jack, bin ich ein Leben lang zu so etwas verdammt. Es gibt vielleicht einen Weg, uns beiden zu helfen. Doch zu einem bestimmten Preis. Und da ich nicht weiß, ob du mich wirklich liebst, weiß ich auch nicht, ob du bereit bist, ihn zu bezahlen.«
»Was?«
Sie seufzte. »Ich kann das nicht allein durchstehen, Jack, und ich will es auch nicht. Wenn ich weiterlebe, dann will ich es nur mit dir.«
Jack Meredith begriff, daß sie ihm einen Handel anbot. Doch sie war eine schöne Frau in Bedrängnis.
»Ich bin für immer dein«, antwortete er. Sie unterbreitete ihm ihren Plan.
Fleming starrte auf den Belag der Fleet Street und schüttelte den Kopf. Das Pflaster hatte er vergessen. Die Straßen von London waren sehr unterschiedlich. Es gab keinen öffentlichen Straßenbau; Anwohner und Geschäftsinhaber waren verantwortlich für den Belag, jeder mußte für den Abschnitt vor seinem Haus bezahlen. Die Wege und Gassen in armen Vierteln sahen wie Müllhalden aus, während die Anwohner der großen Straßen oft auf der besten Bepflasterung bestanden. Fleming hatte gerade erfahren, wieviel er bezahlen mußte.
»Fünfzig Pfund! Das neue Schaufenster wird warten müssen«, seufzte er. »Und außerdem habe ich das Geld nicht.«
»Du mußt zu Lady St. James gehen«, meinte seine Frau. »Sie schuldet dir dreißig Pfund.«
»Das werde ich wohl tun müssen.« Er belästigte eine solch vornehme Lady ungern und hatte Angst, sie zu verärgern.
Gegen vier Uhr kam er an den Hanover Square, schwitzend unter seinem besten braunen Rock und Hut. Beklommen schritt er auf die Eingangstür zu und läutete die Glocke. Ein Diener öffnete, doch bevor Fleming überhaupt fragen konnte, ob ihre Ladyschaft zu Hause sei, beschied ihm der livrierte Bedienstete, zum Hintereingang zu gehen, und schlug ihm die Tür vor der Nase zu.
Dort erklärte man ihm etwas freundlicher, daß Lord und Lady St. James beide nicht zu Hause seien. »Lassen Sie Ihre Rechnung da, und gehen Sie wieder«, riet man ihm.
Deshalb war er jedoch nicht gekommen, und daher kehrte er zurück auf den Platz und stellte sich neben einen Stand, an dem Mietsänften warteten, um Hausnummer siebzehn zu beobachten. Eine halbe Stunde später hielt eine elegante Kutsche mit dem Wappen der de Quettes vor der Tür, und Fleming eilte auf sie zu. Der Pferdeknecht war bereits am Schlag der Kutsche, ließ die Stufen herunter und streckte den Arm aus, um der Insassin herauszuhelfen. Die Dame hatte das Gesicht hinter einem Seidenschal verborgen, doch Fleming war sicher, daß es Lady St. James war. Er vollführte seine schönste Verbeugung.
»Lady St. James? Fleming, der Bäcker.« Die Lady zeigte kein Zeichen des Erkennens, und der Pferdeknecht verscheuchte ihn mit einer gebieterischen Armbewegung. »Fort mit Ihnen.«
»Ich bin Fleming, Mylady«, versuchte der Bäcker es noch einmal und hielt ihr seine Rechnung hin.
Lady St. James schrak vor ihm zurück. Die Peitsche des Kutschers knallte neben seinem Ohr, laut wie eine Pistole, und erschreckte ihn so, daß er torkelte und auf dem Kopfsteinpflaster ausrutschte. Er wollte sich irgendwo festhalten, erwischte etwas Weiches – Lady St. James' Seidenschal. Eine Sekunde später sah er ihr Gesicht und keuchte auf.
Lady St. James versuchte nicht, ihr geschwollenes, blaugeflecktes Gesicht zu verbergen, sondern beschloß, ihm die Meinung zu sagen. »Wie können Sie es wagen, an mich heranzutreten, Sie gewöhnlicher, kleiner Händler? Wollen Sie mich auf der Straße belästigen? Ihre Rechnung ist ohnehin schändlich. Kein Mensch wollte Ihre gräßlichen Kuchen anrühren. Sie können sicher sein, daß niemand aus der vornehmen Gesellschaft sie je wieder kaufen wird. Und wenn ich noch einmal von Ihnen höre, werde ich Sie wegen tätlichen Angriffs verhaften lassen.« Sie rauschte ins Haus, und der Kutscher versetzte Fleming einen Peitschenhieb über die Beine, daß er aufschrie.
Traurig stolperte der arme Bäcker den Piccadilly hinunter. Man hatte ihn geschlagen und erniedrigt; seine Hoffnung auf ein neues Schaufenster war dahin. Dreißig Pfund waren weg. Und wie sollte er das Straßenpflaster bezahlen? Als er an Fortnum and Mason vorbeikam, setzte er sich hin und weinte.
Eine sternenhelle Nacht auf dem Wasser; es hätte in Venedig sein können. Wie eine Gondel glitt das Boot die dunkle Themse hinauf. Die hochgewachsene Gestalt, die elegant auf dem Passagiersitz saß, trug einen Dreispitz, einen Domino – einen schwarzen Seidenumhang mit Kapuze nach italienischer Art – und eine weiße Maske über dem Gesicht, die ihr ein geisterhaftes Aussehen verlieh.
Diese venezianische Maskerade war seit einer Generation sehr in Mode. Bei fast allen Gesellschaften in London war eine Verkleidung gefordert, von den großen Bällen, bei denen phantastische Kostüme ein Muß waren, bis zu den normalen Theaterabenden, wo man in den Logen eine ganze Reihe von Ladys und Gentlemen mit Masken sehen konnte. Denn was war das Leben der eleganten Welt ohne Theater, Künstelei und einen kleinen Schauder von Geheimnis?
Langsam fuhr das Boot um die große Flußbiegung. Rechts ragten die vertrauten alten Gebäude des Whitehall-Palastes am Ufer auf.
Während Jack Meredith daran dachte, was er heute abend tun mußte, behielt er einen kühlen Kopf. Offiziell war er noch im Clink, doch für ein kleines Entgegenkommen erlaubte Silversleeves seinen Gentlemen schon einmal einen kurzen Urlaub, wenn sie versprachen wiederzukommen, und Lady St. James hatte ihm fünf Guineen gegeben. Was die Moral der Sache anbelangte, hatte Meredith wenig Skrupel. Er verachtete St. James, und außerdem wollte er sich an die Spielregeln halten.
Bald sah er jenseits des Lambeth Palace am südlichen Ufer die Lichter seines Ziels, die wie eine Perlenschnur am Ufer glitzerten. Fünf Minuten später stieg er bei den Vergnügungsgärten von Vauxhall aus. Der Eingang zu den Gärten führte durch den Torweg eines großen georgianischen Gebäudes, und unmittelbar danach blickte er auf eine lange Allee, die von Hunderten von Lampen beleuchtet war. Rechts davon sah er die Umrisse des Musikpavillons; links stand eine prächtige, sechzehneckige Rotunde, in der Tänze und Gesellschaften veranstaltet wurden, ganz in der Nähe der Logen, in denen die Besucher Konzerten lauschen konnten. Diese Logen, ausgeschmückt mit Wandvertäfelungen, die von Hogarth, dem jungen Gainsborough und anderen bemalt worden waren, gehörten zu Meredith' Lieblingsplätzen. Heute abend jedoch machte er sich auf die Suche nach seinem Opfer.
Es war ein Abend, an dem Masken getragen wurden. Manche trugen nur eine schwarze Halbmaske, die die obere Gesichtshälfte verdeckte; ein oder zwei Frauen hatten sich für Schleier entschieden. In der Regel erkannten sich die Angehörigen der Gesellschaft, aber nicht immer. Meredith warf einen Blick in die Rotunde, sah Lord St. James dort aber nicht und schritt die lange Allee entlang, auf der eine Reihe von Paaren herumspazierten. Seitlich davon waren dunklere, baumgesäumte Gassen, in denen man sich manchmal zu Begegnungen heimlicherer Art traf. Schließlich sah Meredith Lord St. James in einer Gruppe von Gentlemen, die sich in einer halbrunden Laube lachend unterhielten. Meredith gesellte sich dazu, gab aber vor, Lord St. James hinter seiner Maske nicht zu erkennen. Es wurde über Politik gesprochen, doch nach einer Weile ging man zu Klatsch über, und in einem passenden Augenblick warf Meredith ein: »Es heißt, der letzte Skandal betrifft Lord St. James.«
Stille kehrte ein. Einer der Gentleman blickte auf den Earl und fragte dann: »Und was soll das bitte sein, Sir?« – »Es heißt, Gentlemen, der Earl schlage seine Frau. Der Witz ist, daß er nicht weiß, warum, denn in Wahrheit hat er sich über mehr zu beklagen, als er ahnt.« Meredith lachte unverschämt. »Wie jene, die wie ich ihre Gunst genossen haben, sehr wohl wissen!«
Gut gemacht, dachte er. Wollte der Earl seine Ehre bewahren, hatte er keine Alternative. St. James nahm seine Maske ab. »Kann ich den Namen des Schurken erfahren, an den ich mich wende?«
Auch Meredith nahm seine Maske ab. »Captain Meredith, Mylord. Zu Ihren Diensten«, antwortete er steif.
»Meine Freunde werden Sie aufsuchen.«
»Ich werde in einer Stunde in meinem Haus in der Jermyn Street sein«, erwiderte Jack, verbeugte sich und kehrte auf dem Absatz um.
Der Geforderte hatte das Recht auf die Wahl der Waffen. Als an diesem Abend die beiden Sekundanten des Earls erschienen, erklärte Meredith: »Ich wähle Degen.« Er hatte bereits seine eigenen Sekundanten aus dem Club geholt, und es wurde vereinbart, daß die Angelegenheit in der Morgendämmerung geklärt werden solle.
Lord St. James erwartete eigentlich, daß seine Frau schlief, als er zurückkam, daher war er überrascht, daß nicht nur ihre Zimmertür offen war, sondern sie auch auf ihn wartete. Den ganzen Weg von Vauxhall zurück hatte er sich gefragt, ob er eine Rechtfertigung fordern oder ohne ein Wort zu dem Duell gehen sollte. Noch etwas lag ihm auf dem Herzen. Sollte er umkommen, würde der gesamte Besitz der St. James an sie fallen, denn da er keinen Sohn hatte, gab es sonst keine Erben. Wollte er wirklich sein ganzes Vermögen einer untreuen Frau hinterlassen? Aber wie sollte er mitten in der Nacht sein Testament ändern? Lady St. James winkte ihn in ihr Zimmer und schloß die Tür.
Ihr Gesicht war nicht mehr geschwollen; Schminke und Puder hatten das blaue Auge fast überdeckt. Und zu seinem Erstaunen schien sie eine Versöhnung zu wünschen. »Mylord«, begann sie leise, »Sie haben mich gestern abend sehr schlecht behandelt. Ich habe den ganzen Tag auf ein Wort der Entschuldigung gewartet, aber keines kam. Ich weiß jedoch, daß ich Ihnen Ursache gegeben habe. Statt meinen Gatten habe ich die Gesellschaft geliebt. Ich habe mein Vergnügen über meine Pflicht gestellt, Ihnen Kinder zu gebären, und es tut mir leid. Können wir uns nicht versöhnen?«
St. James sah sie nachdenklich an. »Ich muß Ihnen etwas sagen, Mylady. Eine gewisse Person hat mir mitgeteilt, er sei Ihr Liebhaber gewesen. Natürlich habe ich meine und Ihre Ehre verteidigt. Was haben Sie dazu zu sagen?«
Wenn es möglich ist, mit einem einzigen Gesichtsausdruck Schrecken, Unglauben und Unschuld gleichzeitig zu zeigen, so beherrschte Lady St. James diese Kunst. »Wer kann so etwas sagen?« keuchte sie.
»Captain Meredith«, antwortete er kühl.
»Jack Meredith? Mein Liebhaber? Und Sie wollen sagen, daß Sie sich duellieren werden? Lieber Gott! Dieser arme, wohlmeinende Narr.« Sie seufzte. »Oh, William. Das ist alles meine Schuld.«
»Sie meinen, er war Ihr Liebhaber?«
»Gütiger Himmel, nein. Ich hatte keine Liebhaber. Jack Meredith tut so, als sei er ein Lebemann, aber die Wahrheit ist anders. Insgeheim ist er ein warmherziger Mann, der mir vor langer Zeit seine unglückliche Liebe gestanden hat. Er ist ein Freund geworden. Und als Sie mich gestern abend so grausam behandelt haben und ich nicht wußte, was ich tun sollte, habe ich mir bei ihm Rat geholt. Er war sehr zornig, William. Aber ich wußte nicht, daß er Sie angreifen würde.«
»Warum sagt er mir dann, daß er Ihr Liebhaber war?«
»Ich vermute, damit Sie ihn forderten. Er denkt wohl, er müsse mich verteidigen. Sie glauben ihm doch wohl nicht?« Lord St. James zuckte die Achseln. »Überlegen Sie doch, William«, fuhr sie fort. »Meredith ist ganz sicher ein Gentleman. Können Sie sich vorstellen, daß er so etwas, wenn es wahr wäre, vor einer Gruppe von Fremden ausposaunen würde?« Das stimmte, wie St. James zugeben mußte.
»William«, rief sie, »dieses dumme Duell muß abgesagt werden.«
»Ich wurde in der Öffentlichkeit beleidigt. Ich wäre das Gespött ganz Londons!«
»Der Ehre kann doch mit einem kleinen Stich Genüge getan werden, nicht wahr?« schlug sie vor. »Ein Tropfen Blut würde genügen?«
»Vermutlich schon.« Viele Duelle führten nur zu einer kleinen Verwundung, wonach die beiden Sekundantenpaare den Kampf hastig beendeten; nur selten war der Ausgang tödlich.
»Dann bitte ich Sie«, rief sie, »töten Sie ihn nicht, denn er hat es sicher nicht verdient. Ich schreibe ihm, daß wir uns versöhnt haben und daß er keinen Grund hat, mich auf so närrische Art zu verteidigen.« Sie küßte ihn. »Ich habe Sie nie betrogen, und ich werde es nie tun. Legen Sie sich nun zur Ruhe, während ich meinen Brief schreibe.«
Kurz darauf trug ein Diener ihre versiegelte Botschaft in die Jermyn Street.
Meredith brauchte nur fünf Minuten, um den Hyde Park zu erreichen. Seit Jahrhunderten hatte der alte Wildpark gleich westlich von Mayfair den Mönchen von Westminster gehört, bis König Heinrich die Klöster aufgelöst hatte. Die Stuarts hatten den Park der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, und die lange Straße, die ihn umgab, die route de roi, heute Rotten Row, war nun ein eleganter Ort, wo sich Ladys gerne in ihrer Kutsche sehen ließen. Eine weitere reizende Neuerung war hinzugekommen, als man den kleinen Fluß Westbourne zu einem anmutig geschwungenen See aufstaute, den man die Serpentine nannte. In der Morgendämmerung dienten die alten Eichen und stillen Lichtungen einem ganz besonderen Zweck: Hier wurden Duelle ausgetragen.
Das Gesetz behandelte Duelle milde. Es war keine Rede von Mord, da per definitionem beide Parteien zustimmten. Tötete man seinen Gegner bei einem Duell, riskierte man eine Geldbuße oder vielleicht eine nominelle Gefängnisstrafe von drei Monaten, das war alles.
Sieben Männer waren anwesend. Die beiden Duellanten, jeder mit zwei Sekundanten, und ein Arzt. Die Kutschen blieben ein wenig entfernt stehen. Die Sekundanten hatten eine schlecht einsehbare Senke gewählt, die zudem von Eichen abgeschirmt wurde. Keine Menschenseele war im Park, nur der Morgenchor der Vögel erfüllte die Luft. Die Sekundanten hatten die Degen bereits überprüft. St. James nahm seinen Umhang ab; darunter trug er ein Leinenhemd mit weiten Ärmeln.
Als die beiden Männer sich mit gesenkten Degen höflich voreinander verbeugten, berührten die ersten Sonnenstrahlen gerade die Wipfel der Eichen. St. James war ein guter Fechter, aber Meredith war weit besser. Dennoch überraschte es Jack, daß sein Gegner ihn nicht besonders zu bedrängen schien, und er argwöhnte eine List. Daher wartete er vorsichtig fast eine Minute lang, bis er seine Chance sah, und mit einem einzigen raschen Ausfall stieß er seinen Degen St. James direkt ins Herz.
Die Sekundanten schrien auf; der Arzt eilte herbei. Doch der Earl war tot. »Mein Gott, Sir, war das nötig?« rief der Arzt.
Meredith zuckte nur die Achseln. Das war seine Abmachung mit Lady St. James gewesen. Und die Nachricht, die er mitten in der Nacht von ihr erhalten hatte, war ein weiterer Grund dafür, daß er seine Meinung nicht änderte, als er seinem Gegner gegenüberstand. »Um Gottes willen, gib acht, Jack«, hatte sie geschrieben. »Er hat vor, dich umzubringen.«
Spät an diesem Abend, nachdem Jack Meredith seine Kerze ausgeblasen hatte, öffnete sich die Tür zu seinem Zimmer im Clink und eine Gestalt stahl sich leise herein. Er erkannte sie sofort an ihrem Parfüm. Sie trat auf ihn zu und küßte ihn sanft auf die Stirn. »Man darf uns ein Weilchen nicht zusammen sehen«, flüsterte sie, »aber ich habe mich schon für dich eingesetzt. Da es St. James war, der dich gefordert hat, und ich gesagt habe, daß es sein Vorhaben war, dich umzubringen, wird man Nachsicht walten lassen.« Sie ging zum Fenster, wo ein Stuhl stand, und er hörte, wie sie sich auszog. Als sie zu seinem schmalen Bett kam, trug sie nur noch ein kurzes Nachthemd, das aus grobem Material war, was ihn erstaunte. Dann schlief Lady St. James, gekleidet in das Leinenhemd mit den Blutflecken ihres Mannes, mit seinem Mörder und vollendete so ihre Rache.
Das Unternehmen Kaminkehrer lief sehr gut. Als Partner hatten sie einen geistig etwas beschränkten jungen Mann gefunden, dem sie beibrachten, was er tun sollte. Mit einem von ihnen ging er in ein Haus, schickte den Jungen mit ein paar Worten den Kamin hinauf und ließ ihn dort oben, während er mit dem zweiten Jungen in das nächste Haus ging und dasselbe tat. Darauf kehrte er zurück in das erste Haus, wartete, bis jemand in der Nähe war, verfluchte Sam oder Sep, weil es so lange dauerte, und drohte mit der Peitsche. Der Junge duckte sich dann ängstlich und sah so mitleiderregend aus, daß es kaum ein Haus gab, in dem er nicht ein Extratrinkgeld bekam. Die Bezahlung teilten sie mit ihrem einfältigen Partner, aber nicht das Trinkgeld, und so verdienten sie nicht schlecht.
Doch es könnte noch besser gehen, meinte Sam. »Nimm nix, was zu wertvoll ist oder gleich auffällt, wenn's weg ist. Bloß kleine Sachen, die sie nich mal vermissen.« Eine Silbermünze hier und da, ein Elfenbeinkamm, ein goldener Knopf – es läpperte sich zusammen. Doch Seps Widerwillen war eine Prüfung für Sams Geduld. Sep verstand es selbst nicht. Irgendein tiefer Instinkt in ihm schien ihm zu sagen, daß man Eigentum respektieren mußte, vielleicht die Stimme seiner Vorfahren, der Bulls, von denen er nichts wußte. Aber er wollte es nicht tun. Erst nachdem er sich zwei Wochen lang Sams Klagen angehört hatte, stimmte er zu. »Na gut. Wenn's sich ergibt.«
»Prima«, antwortete sein Bruder. »Weil wir morgen in die großen Häuser am Hanover Square gehen.«
Der Bäcker Isaac Fleming war nie in seinem Leben erstaunter als eines Morgens Mitte Mai, als Lady St. James in seinen Laden trat. Der Tod ihres Mannes, der in allen Londoner Zeitungen gestanden hatte, schien ihr nicht nahegegangen zu sein; sie lächelte sogar. »Ich brauche eine Hochzeitstorte«, bemerkte sie beiläufig. Fleming verbeugte sich tief und fragte sich, was er tun sollte.
Für Lady St. James verlief alles nach Plan. Die Richter hatten Nachsicht walten lassen, und da Meredith kein Geld hatte, um eine Buße zu bezahlen, und ohnehin schon im Gefängnis war, hatten sie beschlossen, keine Anklage zu erheben und die Sache fallenzulassen. Die Abmachung, die die Lady mit Jack Meredith getroffen hatte, bestand aus zwei Teilen. Zuerst mußte er das Duell mit St. James provozieren und ihn töten, und dann mußte er sie heiraten. Dafür würde sie aus dem Vermögen, das ihr nun zur Verfügung stand, seine Schulden bezahlen. »Und dann können wir für alle Zeit glücklich leben.« Er hatte seinen Teil des Abkommens soweit erfüllt, doch Lady St. James war vorsichtig. Sie legte den gesamten Familienschmuck und eine beträchtliche Menge an Geld heimlich beiseite. Sobald sie einmal verheiratet waren, würde das Geld unter die Kontrolle ihres Mannes kommen, und sie hatte nicht die Absicht, noch einmal von einem Mann abhängig zu sein. Und bevor sie Meredith' Schulden bezahlte und ihn aus dem Gefängnis holte, würde sie ihn heiraten. Dann würden sie England für ein Jahr verlassen, durch Europa reisen und später wieder ihr normales Leben aufnehmen.
Manche würden ihre rasche Heirat mit dem Mann, der ihren Gatten umgebracht hatte, vielleicht schockierend finden, doch um diese Leute hatte sie sich schon zu kümmern begonnen. Ihre Freunde hatten Gerüchte über ihre grausame Behandlung durch St. James in Umlauf gesetzt. Sie hatte durchblicken lassen, daß sie jahrelang stillschweigend gelitten hatte. Sie konnte beruhigt heiraten.
Doch wie konnte man einen Mann heiraten, der im Schuldengefängnis saß? Im London von 1750 war das kein Problem.
Ein noch größeres Schuldengefängnis als das Clink oder das Marshalsea war das Fleet. Seit den Zeiten der Plantagenets hatte man hier Schuldner eingesperrt; kleine Händler, Rechts gelehrte, Ritter und sogar Peers, vor allem jedoch fand man hier Angehörige des Klerus. Und wie sollte ein Geistlicher für seinen Unterhalt bezahlen oder sogar seine Gläubiger befriedigen? Nun, indem er das tat, wozu er immer noch berechtigt war: Er führte Trauungen durch.
Jedermann konnte im Fleet heiraten; es wurde kein Aufgebot verlesen, es wurden keine Fragen gestellt. Man mochte bereits eine Ehefrau haben, man mochte einen falschen Namen angeben – wenn man die Gebühr bezahlte, wurde man von einem echten Priester getraut, und die Ehe war gültig; eine »Fleet-Hochzeit« nannte man das.
Lady St. James hatte bereits Vereinbarungen mit einem der ehrwürdigeren dieser geistlichen Gentlemen getroffen, der ins Clink kommen und die Zeremonie dort abhalten würde. Erst danach würde sie Jacks Schulden bezahlen und ihn aus dem Gefängnis holen.
Allerdings ärgerte es sie, daß es so kein gesellschaftlicher Anlaß war. Irgendwie mußte es doch eine Möglichkeit geben, dieses wichtige Ereignis mit einer Feier zu begehen. Sie erinnerte sich an Fleming. Er hatte sie gesehen, als ihr Gesicht so geschwollen und blaugeschlagen gewesen war. Damals war sie darüber erzürnt, aber nun fiel ihr ein, daß er ein nützlicher Zeuge sein könnte. Während sie darüber nachdachte, sah sie genau vor sich, was sie tun würde. Eine kleine Gesellschaft, ein paar Tage nach der Trauung; ein paar Freunde, eine Hochzeitstorte, etwas Besonderes – von Fleming. Und ein Wörtchen zu ein oder zwei Freundinnen: »Ich nehme immer Fleming. Er ist der Beste. Er hat mich einmal gesehen, wissen Sie, nachdem St. James mich… Aber ich glaube, ich kann ihm trauen, daß er den Mund hält.« Ihre Freundinnen würden im Nu in Flemings Laden sein.
»Ich will eine Torte«, erklärte sie Fleming, »an die man sich erinnern wird. Etwas Ungewöhnliches. Wenn ich zufrieden bin, werde ich mich vielleicht sogar erweichen lassen und Sie empfehlen, womöglich Ihre augenblickliche Rechnung bezahlen. Sagen wir, insgesamt vierzig Pfund?«
»Das ist sehr großzügig, Eure Ladyschaft«, erwiderte er. »Wir werden sehen, was wir machen können, damit es wirklich eine Überraschung wird.«
»Und was soll das für eine Art von Torte sein?« fragte Flemings Frau später.
»Ich habe keine Ahnung«, gestand er düster. »Und ich wette, bezahlen wird sie mich auch nicht.«
Die Hochzeit von Captain Jack Meredith und Lady St. James fand am folgenden Tag in aller Stille statt. Der ältere Geistliche aus dem Fleet hielt die Trauung ab; Ebenezer Silversleeves, in einem prachtvollen Rock, der einem früheren Insassen gehört hatte, war Brautführer.
»Und nun, Jack«, erklärte die Braut nach der Zeremonie, »werde ich deine Schulden bezahlen. Dann bist du draußen.«
Mrs. Meredith war an diesem Tag glücklicher als jemals zuvor, dabei war Jack erst vor ein paar Stunden aus dem Gefängnis gekommen. Sie hatte alles bekommen, was sie wollte; sie hatte nun den Mann, den sie begehrte. In ihrem Zuhause sah sie nur Frieden und Sicherheit. Selbst die kleine Gesellschaft, die sie für den nächsten Tag geplant hatte, schien nicht mehr so wichtig; die Reise nach Europa brauchte vielleicht kein ganzes Jahr zu dauern. Sie konnte Jack in Bocton ganz für sich haben. Mit diesem Gedanken hatte sie sich gerade beschäftigt, während sie sich zum Ausgehen fertigmachte, als plötzlich ein Schrei die Stille des Hauses störte, gefolgt von einem jämmerlichen Heulen.
Jack ging zur Tür und verschwand im Gang. Eine Minute später kam er grinsend wieder, einen rußschwarzen kleinen Straßenbengel fest am Ohr haltend.
»Du liebe Güte, Jack«, rief sie, »bring dieses schmutzige Ding nicht hier herein. Warum hältst du es fest?«
»Weil das ein gefährlicher Verbrecher ist«, erklärte er augenzwinkernd. »Dein Diener hat ihn gerade erwischt, wie er einen Shilling vom Küchentisch gestohlen hat. Er sollte eigentlich den Kamin fegen.«
»Ich hab nie was geklaut«, rief der Junge.
»O doch.«
»Aber vorher nie, Sir. Ehrlich. Tun Sie mir bitte nix.« Der Bengel begann zu weinen, und die Tränen zogen weiße Furchen über sein schwarzes Gesicht. Er war ein mitleiderregender Anblick, wie er zitternd vor Furcht an der Seite des Captains hing. Sogar der arroganten Dame des Hauses tat er ein wenig leid.
»Wie heißt du, Junge?« fragte sie freundlicher. Keine Antwort. »Weißt du nicht, daß Stehlen unrecht ist?« Der Kopf nickte voll Überzeugung. »Sagt jemand dir, daß du es tun sollst?« fragte Meredith. Ein unglückliches Nicken. »Wer?« Keine Antwort.
Als die beiden Erwachsenen einander achselzuckend ansahen, riß sich der Junge plötzlich verzweifelt los und rannte auf den Gang. Mit drei raschen Schritten und ausgestrecktem Arm faßte Meredith ihn diesmal an der Hand, zog ihn wieder ins Zimmer und rief erstaunt: »Das ist aber seltsam. Sieh dir das an.«
Er hielt die Hand des Jungen hoch, nahm die zweite und stellte fest, daß sie genauso war. In diesem Augenblick bemerkte er auch, daß im Haar des Jungen, aus dem der meiste Ruß nun herausgefallen war, eine eigenartige weiße Stelle leuchtete. »Was für ein komischer kleiner Kerl«, meinte er.
Mrs. Meredith war weiß wie ein Gespenst und starrte das Kind an. »O mein Gott. Es kann nicht…«
Meredith war so verblüfft, daß er das Kind losließ, das nach draußen verschwand und nicht mehr gesehen wurde.
Sie wollte nichts sagen. Weder mit Schmeicheleien noch mit Zorn war etwas aus ihr herauszubringen. »Es hat etwas mit dem Jungen zu tun, nicht wahr?« fragte er. »Soll ich ihn suchen?«
»Nein! Auf keinen Fall!« rief sie.
Was immer sie so erschreckt hatte, sie wollte nicht darüber reden. Später sprach sie von anderen Dingen – von der Feier am nächsten Tag, von ihrer Abreise auf den Kontinent –, doch blaß und geistesabwesend. Etwas quälte sie, aber sie wollte es nicht einmal mit ihm teilen.
Und dann kam die dunkle, stille Nacht. War es der Schock? War es der geheime Tribut, den die letzten drei Wochen ihr abverlangt hatten, als sie so kalt mit Leben und Tod gespielt hatte? Oder hatte ihr Herz begonnen, sich zu öffnen und weicher zu werden, da sie nun selbst Liebe gefunden hatte? Es war nicht nur Schuldgefühl, das sie im Schlaf quälte, sondern Schmerz, Sehnsucht und überwältigender Mutterinstinkt, der sie in den frühen Morgenstunden immer wieder im Schlaf aufschreien ließ: »Das Kind. O mein Gott. Mein verlorenes Kind.«
Als sie aufwachte, saß Meredith auf einem Stuhl neben dem Bett. Sanft nahm er ihre Hand und fragte: »Was hast du mit dem Kind gemacht? Leugne nicht. Du hast im Schlaf geredet.«
»Ich habe es fortgegeben«, gestand sie. »Aber das ist so lange her. Jetzt kann man nichts mehr tun.«
»War es von St. James?«
Sie nickte. »Unser Sohn. Wir werden auch einen Sohn haben; er wird den Besitz erben. Der andere war… du hast es ja selbst gesehen. Er war… seine Hände…«
Aber nun wußte Jack Meredith, was er zu tun hatte.
»Ich habe den Vater umgebracht«, erklärte er. »Aber verdammt will ich sein, wenn ich das Kind enterbe. Wenn du das Kind nicht zurücknimmst, verlasse ich dich.«
»Du wirst es ohnehin nicht finden«, meinte sie.
Aber er brauchte nicht lange dazu. Obwohl die beiden Jungen nach dem Desaster des vergangenen Tages beschlossen hatten, den Hanover Square zu meiden, mußte Meredith nur in den Grosvenor Square einbiegen, und schon sah er einen rußigen Bengel mit Besen, der nach einem Blick auf ihn davonrannte. Der kleine Kerl rannte die Audley Street hinunter, aber Meredith war schnell und hatte ihn bald erwischt.
»Bring mich zu deinem Vater«, befahl er, und so gingen sie zusammen in die Richtung von Seven Dials.
Sie fanden den Händler beim Blumenmarkt von Covent Garden. Er stand neben seinem Karren. »Was ist los?« fragte er, als er Meredith und den Jungen kommen sah.
»Ihr Junge hat gestern in einem Haus gestohlen«, antwortete der Captain. »Aber das ist nicht der Grund, warum ich hier bin. Ich will wissen, wie Sie zu diesem Jungen gekommen sind. Ist er als Ihr Sohn geboren?«
»Glaube schon.« Dogget sah argwöhnisch drein. »Und wer sind Sie wohl, Sir, daß Sie so was fragen?«
»Ich bin Captain Meredith«, erwiderte Jack, »und ich habe Grund zu glauben, daß dieser Junge von einem Dienstmädchen fortgegeben worden ist, das man aus einem gewissen Haus entlassen hat. Das ist alles, was ich im Augenblick sagen kann.«
Harry Dogget wurde sehr nachdenklich. »Ich bin der Vater des Jungen, seit er ein winziger Kerl war. Hab ihm ein gutes Zuhause gegeben. Ich kann ihn nich einfach irgendwohin mitgehn lassen.«
»Dann schauen Sie mich an«, sagte der Captain.
»Na gut, Sie sehn schon aus wie 'n richtiger Gentleman«, stimmte Dogget zu. Dann erzählte er Meredith, wie er das Baby bei Seven Dials gefunden hatte.
»Dann ist es zweifellos das vermißte Kind, wegen seiner Hände und seines Haars. Bemerkenswert.« – »Ja«, pflichtete der Händler ihm bei, das waren sie. Und so ließ Harry Dogget seinen Karren bei einem anderen Händler zurück, begleitete Meredith und den Jungen zum Hanover Square und pfiff, als er das Haus sah. »Und Sie sagen, da soll er wohnen, nich als Dienstbote, sondern als einer von der Familie?« Als Meredith bejahte, schüttelte er verblüfft den Kopf. Er lehnte Meredith' Angebot hineinzukommen ab, sondern fragte: »Kann ich ihn morgen noch mal besuchen kommen? Bloß damit ich seh, ob's ihm gutgeht.« O ja, er konnte und sollte kommen.
So kam George, früher Lord Bocton und nun Earl von St. James, zurück in sein Zuhause.
Für Isaac Fleming brachte die Morgendämmerung ein Gefühl hoffnungslosen Versagens. Es ging um vierzig Pfund. Ob er sie bekam oder nicht, hing von dieser einen Torte ab. Er dachte an ein Schloß, ein Schiff, sogar an einen Löwen, aber nach kurzer Zeit schien ihm das alles abgedroschen, kaum bemerkenswert. »Ich sollte es aufgeben«, meinte er jämmerlich zu seiner Frau. Aber er brauchte die vierzig Pfund. Die Rechnung für die Pflastersteine lag immer noch unbezahlt da. »Ich bin am Ende«, murmelte er. Traurig ging er nach unten, um den Ofen für das morgendliche Brotbacken vorzubereiten. Nachdem er das erste Blech im Ofen hatte, ging er nach draußen. Die Fleet Street war noch still. Im Osten warf die Sonne einen hellen Schein auf den Himmel. In Richtung Ludgate, hoch über den Häuserdächern, sah er den prachtvollen Spitzturm von St. Bride's mit seinen fünf achteckigen Absätzen, die zum Himmel strebten. St. Bride's, dachte er. Genau der richtige Name für eine Kirche, wenn man heiratete. Und dann hatte er eine wunderbare Idee.
Alle Gäste waren versammelt; nur zwei Dutzend ihrer liebsten und in der Gesellschaft besonders tonangebenden Freunde. Alle wußten, wie schlecht Mrs. Meredith von St. James behandelt worden war, und waren voller Mitleid für sie. Sie wußten auch von Bäcker Fleming, dessen Torte, obwohl sie noch nicht hereingebracht worden war, etwas Besonderes zu sein versprach.
Doch das alles – das frühere Ehedrama und die plötzliche Heirat – wurde von der jüngsten Enthüllung am Hanover Square Nummer siebzehn in den Schatten gestellt – der Entdeckung des Erben.
Es war erstaunlich. Ein gottloses Dienstmädchen hatte das Kind vertauscht, als die junge Frau völlig außer sich vor Sorge war, und nun hatte man herausgefunden, daß das verlorene Kind Kaminkehrerjunge war. Man war sich einig, daß die Geschichte wahr sein mußte, denn es gab keinen überzeugenden Grund, warum die Lady oder ihr neuer Gatte so etwas erfinden sollten. Man verlangte den Jungen zu sehen, doch das wurde abgelehnt.
»Es ist zuviel für ihn«, erklärte seine Mutter. »Ich muß ihn schützen.« Sie hatte darauf bestanden und Jack hatte zugestimmt, daß der Straßenbengel – der kaum akzeptabel sprechen, geschweige denn lesen und schreiben konnte – zumindest ein Jahr lang abgeschlossen mit einem Hauslehrer leben sollte, bevor man ihn herzeigen konnte.
Mrs. Meredith' gesellschaftlicher Triumph – der sie für eine ganze Saison unsterblich machen sollte – wurde gekrönt von der Ankunft der Hochzeitstorte, die von zwei Dienern hereingetragen wurde. Isaac Flemings Idee war einfach, aber wirkungsvoll. Es war nicht eine Torte, sondern es waren vier, jede ein wenig kleiner als die vorige, umhüllt von hartem weißem Eis und übereinander in Reihen angeordnet, die von kleinen Pfeilern aus Holz, ebenfalls mit Eis überzogen, gestützt wurden. Es war eine Nachbildung des Spitzturms von St. Bride's, so genau, wie das bei einer Torte nur möglich war. So eine Torte hatte man noch nie zuvor gesehen. Die Gäste begannen zu applaudieren, und die Gastgeberin war so angetan, daß sie sich am nächsten Tag, bevor sie das Land verließ, beinahe daran erinnert hätte, die Rechnung des Bäckers zu bezahlen.
In der Zwischenzeit standen Harry Dogget und der neue Earl of St. James an der Straßenecke und unterhielten sich.
»Alles in Ordnung?« fragte Harry.
»Bin ganz geplättet. Aber man muß furchtbar sauber sein, und Schuhe muß ich anziehen. Im Sommer! Gräßlich. Und lesen und schreiben muß ich lernen.«
»Wird dir nicht schaden.«
»Bloß eins, Dad.« Der Junge war nachdenklich. »Vor 'nem Jahr ungefähr, als Mum betrunken war, hat sie was über mich und Sep gesagt. Sie hat gesagt, du hast Sep bei Seven Dials gefunden.«
»Vielleicht.«
»Na, wenn du ihn gefunden hast und nich mich, was mach ich dann hier?«
»Schicksal«, antwortete Harry Dogget fröhlich. »Du bist eben ins Haus und hast versucht, 'nen Shilling zu klauen, oder? Also haben sie dich gefunden.«
»Aber ich bin dein Sohn, und Sep nich.«
»Nun«, meinte Harry mit untadeliger Logik, »das ist was, was wir nicht wissen. Als ich ihn gefunden hab, hab ich gedacht, er ist meiner. Sie sagen, daß sie einen wie ihn verloren haben. Vielleicht gehört er in Wirklichkeit keinem von uns. Aber das macht jetzt nix. Eins weiß ich jetzt, mein Sohn, du bist jetzt auf jeden Fall 'ne Stufe raufgerutscht.«
»Ich bin ein Lord«, sagte der Junge. »Aber ich hab nich das Gefühl, daß es richtig ist.«
»Schau«, erwiderte sein Vater fest, »streng deine Birne an. Willst du dein ganzes Leben reich und versorgt sein? Dann halt den Mund und sei froh. Willst du kein Lord sein?«
»So schlecht isses nich«, gab Sam zu. »Du solltest das Essen sehen. Keine verdammte Auster in Sicht.«
»Na also«, erklärte sein Vater. »Ich wünsch dir ein schönes Leben. Du weißt, wo du mich findest, wenn's Arger gibt.«
»Gut. Dad, sag Sep, er kann mein ganzes gespartes Geld haben.« Sein Vater nickte. »Wiedersehen, Sam.« Er ging davon, eine lustige Melodie pfeifend.
Als Mrs. Meredith, vormals Lady St. James, im folgenden Jahr im Kindbett starb, gab es eine vornehme Trauerfeier, die einen ganzen Tag lang dauerte. Ihr Ehemann heiratete zwar wieder, blieb aber weiterhin Vormund des jungen Earl of St. James, eine Verpflichtung, die er getreulich erfüllte und wofür er lediglich eine völlig angemessene Entschädigung nahm. Der junge Earl hing sehr an ihm. Die Leute, die sich noch an den alten Earl erinnerten, bemerkten öfter, daß der Sohn ein weit amüsanterer Kerl war als der Vater.
Sep Dogget, der eigentlich als Lord Bocton geboren war, wurde als Feuerwehrmann glücklich, und da er nichts von seinem Erbe wußte, vermißte er es nie.
Den größten Vorteil hatte vielleicht Isaac Fleming, dessen Erfindung ihm Ruhm, Wohlstand und einen schönen Laden mit neuem Schaufenster brachte – wenn auch immer noch in der Fleet Street.