DER BLITZKRIEG

1940

MORGEN

»ICH MUSS EIN GLÜCKSKIND SEIN.« Eigentlich hätte Charlie Dogget vor ein paar Stunden tot sein müssen.
Die Sonne war bereits aufgegangen, der Himmel war hellblau. Als sie über die Tower Bridge fuhren, sah Charlie Dutzende Seemöwen, die über dem Fluß kreisten und die Luft mit ihren Schreien erfüllten. Er und die anderen Feuerwehrmänner hatten die Helme abgenommen, froh, nach der langen, heißen Nachtschicht die kühle Morgenluft auf dem Gesicht zu spüren. Hinter ihnen stieg nach einer weiteren Nacht von Hitlers Blitzkrieg immer noch Rauch über dem Eastend und der City auf – und was Charlie betraf, hatten sie ein Wunder erlebt.
Aber für den fröhlichen Cockney mit der weißen Strähne im Haar war immer alles gut ausgegangen. Selbst während der harten Zeit im Eastend hatte er das Leben immer heiter genommen. Etwa die Geschichte mit seinem Vater und seiner Tante Jenny. »Deine reiche Tante Jenny will uns nicht mehr kennen«, sagte sein Vater immer. »Hat uns nicht einmal zu ihrer Hochzeit eingeladen.« Aber sie schickte Geschenke zu Weihnachten, und für Charlie war allein schon ihre Existenz ein Ansporn. Wenn ein Familienmitglied aus dem Eastend heraus- und in der Welt vorankommen konnte, dann würde er das auch schaffen.
Er verstand, warum sein Vater und die meisten Männer, die er kannte, verbittert waren. Es gab nicht genügend feste Arbeitsstellen in den Docks, und selbst wenn man eine hatte, war sie nicht sicher. Sein Vater war einmal entlassen worden, nur weil er einen Vorarbeiter schief angesehen hatte.
Wenn man bestimmte Fachkenntnisse besaß, konnte man natürlich weit besser leben. Charlies bester Freund war Gipsarbeiter. Ein Onkel im selben Fach hatte ihm die Lehrstelle vermittelt. Der Junge hatte sich gut angestellt und lebte nun außerhalb des Eastends. Aber Charlie hatte nie genügend Geduld für so etwas gehabt. »Ich versuch's in den Docks«, sagte er. »Dann kommst du nie da raus«, hatte sein Freund eingewandt. Aber da täuschte er sich.
Charlies Heirat mit Ruth – was hatte es da für einen Krach gegeben! Daß sein Vater in Whitechapel jüdische Freunde hatte, war eine Sache, aber etwas ganz anderes war es, als er sich in Ruth verliebte. Manche seiner Freunde warnten ihn: »Sie sind immer noch Fremde, Charlie.« Aber die eigentliche Schwierigkeit lag bei Ruths Vater. »Er nennt mich einen Dieb«, berichtete Charlie. »Sagt, daß ich Ruth von ihrem Glauben fortstehle.« – »Er hat ganz recht«, meinte Charlies Vater. »Du mischst dich in Kreise ein, in denen du nichts zu suchen hast.«
»Ruth scheint nichts dagegen zu haben«, erwiderte Charlie.
Als sie heirateten, löste Ruths Familie jede Verbindung zu ihr. Selbst ihre Freundinnen aus der Kindheit ließen sie im Stich. »Ich will hier fort, Charlie«, meinte Ruth. Charlies Freund, der Gipsarbeiter, vermittelte ihnen bei einem Bekannten eine Unterkunft in Battersea, drei Zimmer im Obergeschoß eines Hauses, das dort stand, wo vor einer Generation noch die Lavendelfelder gewesen waren. Charlie war unsicher, wie es sein würde, in eine Gegend zu ziehen, wo ihn niemand kannte, und Ruth hatte noch nie in einer Gegend gelebt, wo es keine jüdische Gemeinde gab, doch als blonde, blauäugige Mrs. Dogget fügte sie sich gut ein.
Wieder einmal hatte Charlie das Gefühl, daß er auf die Füße gefallen war. Ruth fand eine Stelle in einer nahe gelegenen Klavierfabrik, und er bekam Arbeit bei den städtischen Busbetrieben. Nach zwei Jahren gelang es ihm, in der sichersten Gegend des Viertels ein hübsches, kleines Haus zu mieten. Die Shaftesbury-Siedlung war eine gut geführte Genossenschaft von Arbeiterhäusern, die der Philanthrop Lord Shaftesbury für respektable Arbeiter und Handwerker errichtet hatte. Als das erste Kind geboren wurde, sah die Lage für Charlie rosig aus.
Im allgemeinen war die Lage der Arbeiter jedoch nicht so gut. Die Gewerkschaften hatten viel für die Arbeiterklasse getan, und ihre Vertretung, die Labour Party, hatte im Parlament nun so viele Abgeordnete, daß sie sogar die Regierung bilden konnte. Aber in den schwierigen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg herrschte hohe Arbeitslosigkeit, und das Geld war knapp. Manche hatten auf eine völlig Veränderung hin zu einem sozialistischen Staat gehofft, und Charlie hatte einmal eine wundervolle Rede von einem Mitglied der sozialistischen Fabier-Gesellschaft namens Carpenter gehört. Aber wie die meisten Londoner Arbeiter war Charlie eher skeptisch. »Ich bin nicht so für eine Revolution«, meinte er, »aber ich hätte gerne höhere Löhne und bessere Bedingungen für die Arbeiter.«
Nur einmal hatte er an einem Streik teilgenommen, dem großen Generalstreik im Jahr 1926. Alle Gewerkschaften hatten sich mit den Bergarbeitern solidarisiert, die unter übelsten Bedingungen arbeiten mußten. Damals war er Busfahrer auf der Linie 137, die von der Londoner Stadtmitte nach Crystal Palace ging. Am Tag vor dem Streik waren zwei Brüder in seinem Bus dorthin gefahren, der eine Schneider, der andere Angestellter. »Wenn ihr streikt, dann gehen wir zu Fuß zur Arbeit«, sagten sie zu ihm. »Uns haltet ihr nicht auf.« Wenn schon die Schneider und Angestellten gegen die Streikenden waren, dachte Charlie, würde man wohl nicht weit kommen. Smarte junge Leute aus der Oberschicht trugen auch einiges dazu bei, den Generalstreik zu brechen, der keine zehn Tage anhielt.
Langsam jedoch gab es Verbesserungen. Moderne Fabriken wie Hoover oder die Ford-Motorenwerke östlich von London brachten der Hauptstadt Arbeitsplätze und stabile Löhne. Die Häuser wurden elektrifiziert, Landstraßen geteert, und es gab immer mehr Autos. Nach und nach kam der Fortschritt.
An diesem Septembermorgen bogen die Feuerwehrmänner am südlichen Ende der Tower Bridge ab und fuhren die Themse entlang. Das Gefährt, wie die meisten Feuerwehrautos während des Blitzkrieges, war ein Taxi. In Form und Größe waren diese Fahrzeuge eine motorisierte Version der alten Pferdedroschken – sehr wendig und innen geräumig. Aufgerüstet mit Leitern auf dem Dach und einem angehängten Pumpenwagen kurvten sie voll einsatzfähig durch die brennenden Straßen. Die Londoner Feuerwehr hatte Freiwillige wie Charlie intensiv geschult, so daß bei Kriegsbeginn eine Reihe von ihnen sofort als Vollzeitkräfte zu drei Pfund pro Woche übernommen wurden. Zu Beginn hatte es Schwierigkeiten gegeben. Charlie und die übrigen Rekrutierten waren eine Weile in einem alten Gebäude bei Vauxhall stationiert, wo sie alle Läuse und Krätze bekamen. Demoralisierender war in den ersten Kriegsmonaten die Andeutung, die Feuerwehrmänner hätten sich nur deshalb freiwillig gemeldet, um sich vor der Armee zu drücken, und viele gingen daraufhin tatsächlich zur Armee. Doch in den letzten Tagen hatten die verachteten Feuerwehrmänner ihre Chance bekommen zu zeigen, was sie konnten. Denn im Dezember 1940, ein Jahr nach der offiziellen Kriegserklärung, begann Hitler seine berüchtigte Offensive, um England in die Knie zu zwingen: den Blitzkrieg gegen London.
Charlie erinnerte sich noch gut an den Ersten Weltkrieg. Es hatte einige Angriffe von Zeppelinen auf London gegeben, die damals alle entsetzten. Aber nichts hätte darauf vorbereiten können, was nun stattfand. Der Blitzkrieg war nicht einfach ein Angriff, er war ein Inferno. Nacht für Nacht regneten die Bomben auf die Docks herab. Zuckerraffinerien, Teerdestillieranlagen, über eine Million Tonnen Holz verbrannten und explodierten zu Flammenwällen, die von den Männern in den umfunktionierten Taxis kaum gelöscht werden konnten. Die schrecklichsten Brände dieses grausamen Septembers waren die Öltanks, die tagelang schwarzen Rauch in die Atmosphäre bliesen und fast hundert Meilen weit bis ins West Country gesehen werden konnten.
Als Charlie in der vergangenen Nacht auf dem Dach eines Öltanks war, hörte er die Warnrufe der Männer unten nicht. Er sah die Messerschmitt erst, als sie nur noch etwa fünfhundert Meter entfernt war und direkt auf ihn zuflog. Er tat das einzige, was er konnte, und richtete den Wasserschlauch auf den Piloten. Niemand wußte so recht, wie es sein konnte, daß Charlie noch da war, als der Kampfflieger ein paar Sekunden später wieder hoch in die Luft abdrehte.
»So etwas! Ich hab gedacht, die Leute meinen, man ist bei der Feuerwehr sicherer, als wenn man zur Armee geht«, bemerkte er, als er herunterkam. Aber auf dem Rückweg nach Battersea dachten ein paar seiner Freunde, daß jeder Mann nur ein bestimmtes Maß an Glück hatte, und Charlie schien in der letzten Nacht einiges davon aufgebraucht zu haben.

NACHMITTAG

»Ist etwas nicht in Ordnung?«
Normalerweise schlief Helen am Nachmittag eine Stunde, so daß ihre Mutter aufsah, als sie schon um zwei Uhr ins Wohnzimmer des Hauses am Eaton Place kam.
»Ich kann nicht schlafen.« Sie hatte Ringe unter den Augen.
»Dasselbe Problem wie neulich?« fragte Violet sanft.
Es war kaum erstaunlich, daß Helen, die inmitten von soviel Grauen und Tod einen Ambulanzwagen fuhr, gelegentlich von Todesahnungen gequält wurde. Die meiste Zeit, sagte sie ihrer Mutter, hatte sie zuviel zu tun, um darüber nachzudenken, aber manchmal suchten solche Vorstellungen sie heim.
»Du hast solche Gefühle schon öfter gehabt«, meinte Violet. »Und du bist immer noch hier.«
»Ich weiß. Ich glaube, ich mache einen Spaziergang.« Einen Augenblick später, als Violet die Tür zuschlagen hörte, seufzte sie auf. Sie hatte schon ein Kind verloren. Mußte sie noch ein zweites verlieren?
Henry. Henry, der ihr nie die Kampagnen verziehen hatte, um derentwillen er auf der Schule gelitten hatte; Henry, der Großvater Edward gegen sie unterstützt hatte, als er Helen während der achtzehn Monate, in denen Violet immer wieder im Gefängnis saß, mit nach Bocton genommen hatte. »Er gibt der Familie ein Zuhause«, hatte er bitter zu ihr gesagt. »Du nicht.« Trotzdem hatte Henry als einziger sie im Gefängnis besucht.
Über ein Vierteljahrhundert war seit dieser Zeit vergangen, doch Violet schien sie immer noch schmerzlich nahe. Dreimal war sie im Gefängnis gewesen. Erzürnt über die zynische Verachtung selbst von seiten der Liberalen, waren einige Aktive der Frauenbewegung nach und nach zu sorgfältig berechneten Ausschreitungen übergegangen. Mehrere Häuser, darunter das von Lloyd George, wurden in Brand gesetzt. Emily Wilding Davison warf sich bei einem Rennen sogar vor das Pferd des Königs und kam um. Eine Woche später wurde Violet bei einer Demonstration erneut verhaftet. Drei Monate Gefängnis, aber zusammen mit einem Dutzend anderer Frauen, die sie kannte. Welche Kameradschaftlichkeit hatten sie empfunden! Bald nach ihrer Freilassung wurden sie wieder verhaftet – sechs Frauen, entschlossen in ihrem Kampf gegen eine grausame Ungerechtigkeit.
Henry hatte sie besucht. Eine Woche später waren sie in Hungerstreik getreten. Sie hatte nie gewußt, wie wirklicher Hunger sich anfühlte. Und die furchtbare Zwangsernährung – die kräftigen Hände, die einem den zusammengebissenen Mund aufrissen; der grausame Schlauch, den man ihr in den Hals steckte, ihre erstickten Schreie, der brennende Schmerz in der Kehle, der blieb, bis sie wiederkamen. Beim dritten Mal war sie in Ohnmacht gefallen.
Als man sie schließlich, physisch gebrochen, aus dem Gefängnis entließ, war es ein Schock zu begreifen, daß das Land auf einen Krieg zuging. Deutschland mochte nun ein mächtiger Konkurrent Großbritanniens sein, aber man hatte immer gemeint, die beiden Länder seien geborene Freunde. Der englische König und der deutsche Kaiser waren Cousins. Deutschland mochte neiderfüllt und aggressiv sein, die politische Situation in Mitteleuropa ein Pulverfaß, aber irgendwie würde man schon alles wieder in Ordnung bringen. Wer hätte vorhersehen können, daß sich die europäischen Mächte in einem Durcheinander von Mißverständnissen und verfahrener Diplomatie in eine Situation manövrieren würden, in der sie gezwungen waren, einen Krieg zu erklären, den keiner wollte? Und wer hätte nicht gemeint, daß die ganze dumme Angelegenheit in ein paar Monaten vorbei sein würde?
Sie dachte an den Juli 1914, nur eine Woche, bevor der Krieg erklärt wurde. Henry sollte in diesem Herbst nach Oxford gehen, und zu diesem Zeitpunkt hatte niemand geglaubt, ein Krieg könne das verhindern. Seit Violets Freilassung gab es in der Familie einen Waffenstillstand. Ihr Vater war nun schon sehr alt, entsetzt über ihre Behandlung im Gefängnis, und wollte nur noch, daß die Familie in Frieden lebte. Sie waren alle vereint in Bocton, und Violet fuhr nur selten nach London. Einmal nahm sie alle drei Kinder mit ins Britische Museum. Aber ihr wurde der Eintritt verweigert.
»Es tut mir leid, Madam«, erklärte der Pförtner, »aber Ladys dürfen nicht hinein. Wegen dieser gräßlichen Suffragetten. Wir haben Angst, daß sie die Glasvitrinen einschlagen könnten.«
»Ich bürge für diese Lady«, bot Henry an, und so hatte der Pförtner sie nach einigem Zögern eingelassen.
Einen Monat später hatte sich Henry freiwillig gemeldet und war in Uniform. Was Senfgas anrichten konnte, erkannte Violet, als er 1915 nach der Schlacht von Ypern als Invalide entlassen wurde. »Ich sollte wohl froh sein, daß ich noch lebe«, hatte er bitter gesagt. Aber er war nur noch ein Schatten seiner selbst, grau und fast leblos. Und so war er während all der Jahre des Weltkriegs geblieben, während andere in der Sinnlosigkeit des Stellungskrieges ihr Leben ließen. Violet kannte am Ende kaum noch eine Familie, die niemanden verloren hatte.
Der Krieg brachte eine weitere große Veränderung. Es herrschte solche Männerknappheit in der Heimat, daß Frauen deren Arbeiten übernahmen. Sie arbeiteten in den Munitionsfabriken, bei der Eisenbahn, standen hinter Schaltern, bedienten die Telefonleitungen, schufteten und gruben. Die Suffragetten hatten ihre Kampagne während der Kriegszeit aufgegeben, und bald schien ihr Dienst an der Sache für sich zu sprechen. Als man sah, was die Frauen zustande brachten, schmolz selbst die Opposition der härtesten Konservativen dahin. Der alte Edward erkrankte und mußte für ein paar Tage ins Krankenhaus. »Alles ist von Frauen geleitet worden, Violet!« erzählte er danach. »Träger, Ambulanzfahrer, alles. Und gut haben sie es gemacht.« Da wußte sie, daß ihre Sache gesiegt hatte.
»Sie haben es verdient«, erklärte Premierminister Asquith 1917, als den Frauen das Wahlrecht zugesprochen wurde. Im folgenden Jahr endete der Erste Weltkrieg – und damit das schreckliche Massensterben, dachte Violet.
Es läßt sich schwer sagen, ob die große Grippeepidemie Ende 1918 gefährlicher war als andere Grippen oder ob die Menschen nach dem langen Kriegstrauma einfach weniger Widerstandskräfte besaßen, aber sie verbreitete sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit über die ganze Welt. Die weltweite Zahl der Toten innerhalb eines halben Jahres war höher als die der Gefallenen im Krieg. In England schätzte man mehr als zweihunderttausend Tote. Einer davon war Henry.
Die Erinnerung an diesen Winter war seither zu einem grauen Nebel verblaßt, aus dem sich sein bleiches, zerfurchtes Gesicht deutlich abzeichnete, um sie zu quälen. Wieder und wieder über all die Jahre hinweg hatte Violet sich gefragt, ob sie die Demonstrationen nicht den anderen hätte überlassen sollen. Warum hatte sie dem Sohn, der nun tot war, solchen Schmerz bereitet? Während sie allein im Haus saß, kam es sie hart an, mit dem Gedanken fertig zu werden, den sie ihrer Tochter nicht anvertraut hatte. Nicht nur Helen hatte ihre Vorahnungen, sondern auch Violet.
Helen ging über den Sloane Square in die Sloane Street in Richtung Knightsbridge und Hyde Park. Es war immer noch seltsam, die vertrauten Straßen zu betrachten, an die sie sich noch als Debütantin erinnerte, und alle Fenster gegen Bombenangriffe verhängt, die Sandsäcke neben jeder Tür zu sehen. Als sie an der Pont Street vorbeikam, fing es ein wenig an zu tröpfeln, und bis sie sich Knightsbridge näherte, war es schon ein Schauer. Sie huschte links in das Hotel in der Basil Street, um den Regen abzuwarten, und sah aus dem Fenster.
Sie wollte nicht sterben. Sie hatte nicht das Gefühl, daß sie es verdiente. Hatte sie nicht zumindest ihr ganzes Leben lang versucht, sich einem Ziel zu widmen? Sie hatte immer gewußt, daß ihre Mutter recht hatte, einer Sache zu dienen, egal, was die anderen sagten. Als sie als Kind nach Bocton gebracht wurde, hatte ihr Großvater vorzugeben versucht, ihre Mutter sei irgendwie fortgerufen worden, aber Helen wußte von ihren Brüdern, daß ihre Mutter im Gefängnis war. Das hatte nichts an dem Respekt geändert, den sie für den alten Mann fühlte; abgesehen von seinem Zerwürfnis mit ihrer Mutter waren seine Ansichten wohl ganz vernünftig. Da er sonst niemanden hatte, mit dem er sprechen konnte, hatte er manchmal, wenn sie im Garten saßen, mit dem kleinen Mädchen über die Tagesfragen geredet. Selbst jetzt noch hörte sie seine Stimme. »Die Sozialisten sind die wahre Gefahr für uns alle, Helen, viel mehr als die Deutschen. Diesen Kampf wirst du erleben. Und nicht nur in England, sondern auf der ganzen Welt.«
Wäre er nicht vor Kriegsende gestorben, hätte er noch erlebt, wie richtig seine Worte waren. Die Bolschewiken. Die russische Revolution. Helen ging noch zur Schule, als der Zar und all seine Kinder getötet wurden. Als die Greuel des Krieges und das Elend der großen Grippeepidemie vorbei waren, sprach man bei jeder ernsthaften Unterhaltung von der bolschewistischen Gefahr. Konnte der Bolschewismus auch nach England kommen und alles zerstören, was sie liebte?
In gewisser Weise hatte in der englischen Gesellschaft bereits eine Revolution begonnen. Die von Lloyd George eingeführte Erbschaftsteuer hatte die Oberschicht schwer getroffen. Als Edward in Bocton starb, hatten sie eine große Summe zahlen müssen. Zahlreiche niedere und hohe Adlige waren zum Verkauf gezwungen. Die Regierungskoalition aus der Kriegszeit hatte weiterbestanden, mal stärker, mal schwächer, aber mit dem großen Unterschied, daß die von den Gewerkschaften unterstützte Labour Party enorm dazugewonnen hatte, als die Truppen, die das Wahlrecht noch nicht so lange besaßen, zurückkehrten und eine bessere Nachkriegsgesellschaft forderten. 1924 war Ramsay MacDonald, Vorsitzender der Labour Party, sogar kurzzeitig Premierminister und bildete eine Regierung. »Wenn es keine Revolution gibt, werden wir einfach so enteignet«, hatte Violet vorausgesagt.
Manche ignorierten das Ganze einfach. Der Krieg war vorbei. Für viele von Helens Freunden lag aber auch ein Hauch von Abenteuergeist in der Luft. Die Überlebenden waren froh, daß sie noch lebten, und andere, wie Helens Bruder Frederick, die noch zu jung zum Kämpfen gewesen waren, wollten sich selbst beweisen, indem sie etwas Gewagtes unternahmen.
Helen war Debütantin gewesen. Sie begriff, daß ihre Mutter nach dem Kummer um Henrys Tod entschlossen war, ihren beiden anderen Kindern eine schöne Zeit zu verschaffen. Sie hatte sich gefragt, ob ihre Vergangenheit als militante Suffragette die anderen Mütter gegen sie aufgebracht haben könnte, aber anscheinend war das alles vergessen. Außerdem betrachtete man den attraktiven Frederick Meredith als Gewinn für jede Gesellschaft, vor allem bei dem Männermangel nach dem Krieg. Natürlich hatte es die traditionellen Bälle gegeben, aber die Debütantinnen von 1920 waren weniger sittsam als die Generation ihrer Mütter. Junge Männer konnten sich Freiheiten herausnehmen, die zuvor fast undenkbar gewesen waren. Helen kannte kaum Mädchen, die »bis zum Letzten« gingen, aber das hieß nicht, daß sie nicht sehr weit gingen. Sie war hübsch – sie hatte das gute Aussehen ihres Vaters und war blond und blauäugig wie ihre Vorfahren der Familie Bull. Zudem war sie lebhaft und intelligent. Am Ende der Saison hatte sie drei Heiratsanträge, aber die jungen Männer reizten sie nicht. »Du hast dir ja auch einen interessanten Mann ausgesucht«, erklärte sie Violet.
Aber wo sollte sie einen finden? Da war der Franzose, den sie durch Frederick kennengelernt hatte. Frederick hatte zu fliegen begonnen und war mit ihr über den Ärmelkanal nach Frankreich geflogen, und dort war sie dem Mann begegnet. Er besaß ein Flugzeug und ein Schloß. Sie hatte einen wunderbaren Sommer verbracht, aber dann war es vorbei. Seither hatte es noch andere Männer gegeben. »Aber die interessanten Männer heiraten anscheinend nicht«, hatte sie ihrer Mutter traurig gestanden. Was sollte sie mit ihrem Leben anfangen?
»Du bist immer noch ein flapper, Helen«, neckte Frederick sie liebevoll. Flapper – so nannte man die lebenslustigen, unkonventionellen jungen Mädchen der zwanziger Jahre. »Immer auf der Suche nach Aufregung.«
»Warum nicht?« fragte sie. »Du doch offensichtlich auch.« Frederick, der eine Laufbahn beim Militär eingeschlagen hatte, war jeder Zoll der schneidige Husar. Aber Helen ging es nicht nur um Aufregung. Sie wollte sich einer Sache widmen.
Der Generalstreik von 1926 schien eine solche Gelegenheit zu bieten. »Das ist die Revolution, auf die diese Bolschewiken gewartet haben«, verkündete Violet. »Wir müssen sie schlagen.« Wie hatten sie in diesen aufregenden Tagen gearbeitet! Helen war Schaffnerin in einem Bus, den ein junger Mann aus Oxford fuhr. Sie hatten die Linie 137 vom Sloane Square zum Crystal Palace. Andere Leute steuerten die UBahn und verrichteten die übrigen öffentlichen Dienste. Gewalt gab es kaum, und der Streik wurde gebrochen. Das ganze Land lehnte die kommunistische Gefahr ab.
Danach fand Helen eine Stelle als Sekretärin eines Abgeordneten. Es war harte Arbeit, aber es machte ihr Spaß, und sie hatte das Gefühl, etwas Nützliches zu tun. Aber wenn es um die größeren Fragen ging, fühlte sie sich zunehmend enttäuscht. Sie begeisterte sich für das Ziel des Völkerbunds, die Welt von Krieg zu befreien – und sah es scheitern. Sie beobachtete bewundernd, wie Amerika mit dem New Deal auf die Wirtschaftskrise reagierte. Doch von der Mutter der Parlamente kamen keine großen Initiativen für eine neue Welt. Unter dem populären, aber wenig inspirierenden Premierminister Baldwin schien es nur eine Strategie zu geben: das britische Empire aus allen Problemen herauszuhalten. Helens leidenschaftliche Natur rebellierte insgeheim. »Du hattest eine Sache, für die du gekämpft hast«, sagte sie zu ihrer Mutter. »Ich nicht.« Frederick verhalf ihr dazu.
Als Hitler in Deutschland an die Macht gekommen war, hatte Helen wie viele Menschen in der westlichen Welt gedacht, das sei wahrscheinlich eine gute Sache. »Seine Anhänger sind unerfreulich«, gab sie zu, »aber er ist anscheinend ein Bollwerk gegen das kommunistische Rußland.« Als er seine Herrschaft festigte und sich häßliche Gerüchte über die Art seines Regimes verbreiteten, reagierte sie mit Vorbehalt darauf. Als der politische Polterer Churchill, der immer noch enttäuscht darüber war, nicht mehr im Amt zu sein, seine Kampagne für eine Wiederbewaffnung begann, glaubte Helen ihrem Abgeordneten. »Churchill ist verrückt«, sagte dieser. »Deutschland kann zwanzig Jahre lang keinen Krieg führen.«
Während eines seiner Besuche in London belehrte Frederick sie eines Besseren. Er war als Militärattache zur britischen Botschaft in Polen geschickt worden, und seine Einschätzung war schonungslos. »Erstens, Churchill hat recht. Hitler rüstet auf und hat vor, Krieg zu führen. Zweitens ist das nur für die Engländer zu Hause eine Neuigkeit. Jede Botschaft in Europa weiß Bescheid. Jeder Militärattache, mich eingeschlossen, hat detaillierte Berichte geschrieben, die London geflissentlich ignoriert. Unser Attache in Berlin, ein hervorragender Mann, hat eben seine Stelle verloren, weil er von den deutschen Truppenbewegungen berichtet hat, die er gesehen hat. Diese Politiker, die das wissen, glauben entweder, die Öffentlichkeit könnte die Wahrheit nicht ertragen, oder sie haben sich eingeredet, sie hätten mit Hitler eine Übereinkunft getroffen. Es ist ein Skandal! Und daß Deutschland angeblich zwanzig Jahre lang keinen Krieg führen kann, basiert auf einem erstklassigen Bericht des Kriegsministeriums – geschrieben 1919.«
Danach begann Helen Informationen zu sammeln. Freunde in der Armee, ein Diplomat, den sie kannte, selbst ein paar Gleichgesinnte in Westminster nannten ihr Fakten, die die Vorwürfe ihres Bruders bestätigten. Sie und Violet stellten ein detailliertes Dossier zusammen. Manche ihrer Freunde hielten sie für ein wenig verrückt. Bei den anderen Sekretärinnen in Westminster wurde ihre Sache als »Helens Kreuzzug« bekannt, und sie fand bald heraus, daß manche von ihnen Verwandte im diplomatischen Corps hatten, die ähnlich dachten. »Ihr solltet genau wie ich mit eurem Chef darüber reden«, meinte Helen oft. »Immerhin sitzt er im Parlament, und ihr seht ihn jeden Tag.« Einmal versuchte sie sogar, mit dem Premierminister selbst zu sprechen. Als es 1936 zum Thronverzicht kam und jeder über den neuen König und Mrs. Simpson redete, zuckte Helen die Schultern. »Wenn Hitler eine Invasion plant, macht das wohl kaum etwas aus.«
»Sie hetzen die anderen Sekretärinnen auf«, sagte ihr Chef. »Ich verlange, daß Sie damit aufhören.«
»Ich kann nicht«, erwiderte sie. So verlor sie ihre Stelle und fand in Westminster auch keine neue. Sie beschloß zu reisen und verbrachte ein paar Monate auf dem Kontinent, vor allem in Deutschland. Sie wollte ein Buch darüber schreiben, aber schon einen Monat nach ihrer Rückkehr begann die große europäische Krise, und das Land ging auf einen Krieg zu, so wie sie befürchtet hatte. Bei Kriegsbeginn meldete sie sich freiwillig, um einen Krankenwagen zu fahren. Es war gefährlich, aber das machte ihr nichts aus. »Ich habe keine Familie, Mutter«, sagte sie. »Wenn schon jemand umkommen muß, kann es ebensogut ich sein.«
Nie zuvor hatte London so etwas wie Hitlers furchtbaren Blitzkrieg erlebt. Viele hatten prophezeit, ein Krieg mit modernen Waffen würde das Ende der Welt bedeuten, und Helen dachte, wenn er entsprechend lange anhielt, würde die ganze Hauptstadt eine Ruine sein. Aber darüber dachte sie nicht nach, wenn sie bei ihrer Arbeit war.
Als der Regen nachließ, trat sie wieder aus dem Hotel und beschloß, durch den Hyde Park an der Albert Hall vorbei in die Kensington Gardens zu gehen. Dieser Park mit seinen stillen Alleen und den weitläufigen Rasenflächen hatte in vieler Hinsicht seine Atmosphäre aus der Zeit der Stuarts und des achtzehnten Jahrhunderts bewahrt. Als Helen den kleinen Kensington-Palast aus Backstein erblickte, konnte sie sich fast vorstellen, daß jeden Augenblick eine Pferdekutsche aus der Anlage herausgerollt kam. Doch zu offensichtlich waren die profanen Spuren des Krieges im zwanzigsten Jahrhundert. Überall waren Gräben, daneben Flakgeschütze. Als sie zu dem offenen Gelände beim runden Teich in der Mitte der Gärten kam, sah sie am Himmel Dutzende von Sperrballons. Am unpassendsten wirkte ein großer Abschnitt der Rasenfläche, den man in ein riesiges Kohlfeld verwandelt hatte. »Graben für den Sieg!« hatte man den Londonern gesagt. Während des Krieges sorgte man für Lebensmittelvorräte, auch wenn man jeden Zentimeter des Parks zu einem Schrebergarten machen mußte. Es war Zeit zum Umkehren. Helen seufzte. Sie bedauerte es, daß sie das alles vielleicht nicht mehr sehen würde.
ABEND
Obwohl der riesige Kristallpalast vor vier Jahren abgebrannt war, nannte man das Viertel immer noch Crystal Palace. Von Percys und Jennys kleinem Garten blickte man über ganz London. Gemeinsam mit Herbert und Maisie sahen sie auf die ferne Silhouette von Hampstead. Der Himmel im Westen war rot, ein Omen für das, was kommen sollte. Von der Themsemündung im Osten her breitete sich die Dunkelheit aus. In der Metropole war strenge Verdunkelung angeordnet, das sonst übliche Funkeln von Millionen kleiner Lichter fehlte.
Sie waren nur zu viert. Herbert und Maisie hatten keine Kinder; Percys und Jennys Sohn war beim Militär, die Tochter war verheiratet und lebte in Kent. Obwohl Maisie und Jenny sich nie sehr nahe gekommen waren, hatten sie doch gelernt, sich zu vertragen, und heute nachmittag hatten sich die beiden Frauen Vom Winde verweht angesehen, um sich vom Krieg abzulenken. Am Abend zuvor hatten sie zusammen im Garten gestanden und zugesehen, wie die Flugzeuge wieder und wieder über London donnerten und rote Flammen zum Himmel schlugen, denen ganze Wolken glühender Asche nachstoben. In der letzten Nacht hatte es erneut das Eastend getroffen. Wo würden die Bomben heute einschlagen?
»Wir müssen los«, sagte Percy. Er und Herbert, beide nun über sechzig, halfen nachts bei der kleinen Feuerwache in der Nähe aus. Maisie hätte ihren Mann lieber im Haus gehabt. »Aber es ist gut für sie, wenn sie zusammen sind«, munterte Jenny sie auf.
Genau um sechs Uhr war Charlie wieder unterwegs. Bevor er ging, hatte es jedoch Streit gegeben. Der Anlaß war jedesmal derselbe, seit die drei größeren Kinder evakuiert waren und Ruth sich geweigert hatte, Charlie zu verlassen. Er machte sich immer Sorgen, wo sie und das Baby hingehen sollten. Die eine Möglichkeit war der öffentliche Luftschutzraum. In der Innenstadt war das die U-Bahn oder ein anderer Keller. Aber in Battersea war das einfach ein umfunktioniertes, durch Sandsäcke geschütztes Gebäude, wo man gemeinsam die Gefahr teilte. Ein direkter Treffer genügte, und man starb gemeinsam. Die zweite Möglichkeit war ein kleiner Privatbunker. Diese sogenannten Anderson-Bunker bestanden aus einer halbkreisförmigen Röhre aus Wellblech, gerade hoch genug, daß man gebückt hineingehen konnte. Man konnte sie halb in den Garten eingraben, mit Sandsäcken befestigen und mit Erde zuschütten. Solange eine Bombe nicht direkt darauf fiel, hatte man bei einem Luftangriff recht gute Überlebenschancen.
Der kleine Hintergarten der Doggets war für den Kriegszustand hergerichtet. Zuerst hatte der Rasen einem Gemüsebeet weichen müssen. Daneben stand ein kleiner Stall mit drei Hühnern, die für Eier sorgten. Dahinter war der Schutzraum. Ruth haßte ihn. »Ich ertrage es einfach nicht, in dem kleinen Ding eingesperrt zu sein«, beschwerte sie sich. Blieb also noch die dritte Möglichkeit: unter der Haustreppe. Charlie hatte die Hintertür und das Fenster mit Sandsäcken geschützt, so sicher es nur ging. Trotzdem versuchte er sie jeden Abend zu überreden, in den Anderson-Bunker zu gehen.
»Ich kann nicht länger herumstehen und streiten«, sagte er schließlich. In Uniform, mit Helm und Stiefeln machte sich Charlie Dogget auf zu seiner gefährlichen Nachtarbeit.
Neville Silversleeves war ein Mann, der von Natur aus Verantwortung übernahm. Es kam ganz von selbst; man bat ihn, bestimmte Aufgaben zu übernehmen, und er erledigte sie immer gut. Schon in jungen Jahren war er seinem Vater als Leiter der angesehenen Anwaltskanzlei Odstock, Alderbury und Silversleeves nachgefolgt. Er war groß, hatte schütteres schwarzes Haar und eine sehr lange Nase. Als gutes Mitglied der Kirchengemeinde, dessen Kanzlei Arbeiten für die Diözese übernommen hatte, war er Stabträger von St. Paul's und einer der Luftschutzwarte in der City und in Holborn. In den letzten Monaten waren diese Luftschutzwarte in ganz London sehr unbeliebt geworden, weil sie so unbarmherzig auf der Einhaltung der Verdunkelung bestanden – eine Vorschrift, die aufgrund der unkorrekten Information, selbst eine brennende Zigarette könne von einem deutschen Bomber in fast zweitausend Meter Höhe gesehen werden, streng befolgt wurde. In der City selbst wohnten nur wenige Menschen, aber da so viele Banken, Büros und Kirchen geschützt werden mußten, trugen die Luftschutzwarte große Verantwortung und waren durch Bomben und Brände sehr gefährdet.
An diesem Abend hatte Neville Silversleeves Dienst.
Die Feuerwache der beiden Fleming-Brüder lag im Abschnitt 84, am äußeren Rand, der noch in die Zuständigkeit der Londoner Region fiel, in einem evakuierten Schulhaus. Als Ausrüstung dienten vier Taxis mit Leitern, drei Pumpenanhänger, ein Lastwagen und zwei Motorräder. Die Mannschaft traf kurz nach sechs ein, aber es konnte Stunden dauern, bis man sie rief, um die überlasteten Trupps im Zentrum zu unterstützen. Zwei Frauen bedienten die Telefone. Außer dem hauptamtlichen Leiter der Wache, einem festangestellten Feuerwehrmann, waren sie alle Freiwillige des Auxiliary Fire Service, kurz AFS genannt. Percy und Herbert waren Ersatzmänner, und Percy übernahm zumeist den Küchendienst. Im großen Klassenzimmer hatten die Männer eine Dartscheibe aufgehängt, und Herbert machte sich beliebt, wenn er auf dem alten Klavier, das dort stand, populäre RevueSchlager spielte. Das einzige Problem, meinte Percy, war das Essen. Unglücklicherweise war die Verwaltung des AFS in der Frage der Vorräte nicht besonders effizient. Percy hatte nur etwas Reis, Kohl und ein wenig Corned beef, das eine etwas komische Farbe hatte. Es gab nichts zu tun, als den Reis zu kochen und auf das erste Brummen der deutschen Flugzeuge zu warten, wenn sie auf ihrem Weg ins Zentrum Londons vorbeiflogen, manchmal direkt über ihnen.
Es war schon lange dunkel, und Herbert spielte eine RevueNummer, als Percy, der an die Tür gegangen war und hinaussah, das Geräusch eines nahenden Motors hörte, zwei Scheinwerfer sah und dann etwas Großes, Feuerrotes, das ihn erbeben ließ.
Admiral Sir William Barnikel war einen Meter neunzig groß, sein Brustkorb ließ an den Bug eines Schlachtschiffes denken, und er hatte einen üppig wuchernden roten Vollbart. »Mein Großvater Jonas war ein gewöhnlicher Kapitän«, gab er bescheiden zu, »und davor waren alle Vorfahren einfache Fischhändler.« Als Barnikel Offizier wurde, zeigte er umwerfende Führungsqualitäten. Die Behörden waren ein kalkuliertes Risiko eingegangen, als sie dem Admiral die Leitung eines großen Teils des London Auxiliary Fire Service übertrugen. »Er ist nicht immer diplomatisch«, meinten manche Bürokraten. »Wir brauchen keinen Diplomaten«, hatte Churchill selbst gesagt, »sondern einen Mann, der die Kampfmoral hebt.« Und so hatte man Admiral Barnikels Mut und sein gewaltiges Temperament auf den AFS losgelassen.
Diesen dichten roten Bart sah Percy nun auf sich zukommen, als der Admiral unangekündigt auftauchte, wie es seine Gewohnheit war, um den kleinen Außenposten seines großen Gebiets zu inspizieren. Die Feuerwehrmänner machten alle die Runde mit dem Admiral. »Mehr Sandsäcke an diese Tür«, befahl er jovial. »Spielen Sie uns was vor!« dröhnte er, als er das Klavier sah. Herbert schmetterte Nellie Dean, und Barnikel stimmte lauthals ein. »Gut gemacht. Aber ist dieses Klavier richtig gestimmt?«
»Nicht ganz«, gab Herbert zu.
»Stimmen Sie es, Mann!« bellte Barnikel. Er überprüfte ihre Uniformen und Stiefel, donnerte mit der Faust auf einen Helm mit einem Sprung, bis er zerbarst, holte einen neuen aus seinem Auto und marschierte in die Küche. »Wer ist hier zuständig?« fragte er.
Percy meinte nervös, das sei wohl er.
Nachdem Barnikel einen Blick voller Abscheu auf den Reis und den Kohl geworfen hatte, nahm er mit der Gabel eine Scheibe des grünlichen Corned beef, beäugte es und roch daran. Dann nahm er einen Bissen, kaute und spuckte ihn aus. »Das ist hinüber!« brüllte er. »Das ist das Essen, das man Ihnen für Ihre Männer gegeben hat? Himmel, ihr werdet alle Vergiftungen haben!« Er verbog die Gabel so wild, daß er fast einen Knoten hineinmachte, packte die Blechschale mit dem Corned beef, marschierte damit hinaus und schleuderte sie über das Dach der Station. Dann ging er ans Telefon, rief das Hauptquartier an und befahl, ordentliches Essen in einen Dienstwagen zu packen und sofort nach Crystal Palace zu bringen. Er wandte sich an Percy. »Ihr Name?«
»Fleming, Sir.«
»Fleming, wenn man Ihnen je wieder so einen Fraß gibt, rufen Sie das Hauptquartier an und verlangen mich persönlich. Wenn jemand Probleme macht, sagen Sie, daß ich es Ihnen befohlen habe. Verstanden?«
»O ja, Sir«, erwiderte Percy. »Ich habe verstanden!«
»Gut. Das nächste Mal, wenn ich komme, esse ich mit euch zu Abend.« Nach einem kurzen Gespräch unter vier Augen mit dem Dienstleiter brauste der Admiral davon, um einem anderen ahnungslosen Außenposten Mut zu machen.
Charlie horchte: Das Brummen hatte begonnen. Bald wurde es zu einem Dröhnen, als die Heinkels und Dorniers Welle um Welle herüberkamen, eskortiert von surrenden Messerschmitts. Jetzt fing mit gewaltigem Krachen, Dröhnen und Rattern das Sperrfeuer an; Lichter blitzten am Nachthimmel auf, die Suchscheinwerfer schwenkten in der Dunkelheit vor und zurück. In den ersten Nächten war das Sperrfeuer eine Lärmübung, um den Londonern das Gefühl zu geben, daß sie verteidigt wurden, aber nun wurde der Einsatz effektiver, und manche der feindlichen Flieger wurden tatsächlich getroffen. Bald hörte Charlie das Dröhnen und Aufprallen der Sprengbomben, die herunterkrachten. Ein paar Minuten später läutete das Telefon mit der ersten Aufforderung. »Ein ernster Brand in der Nähe von Ludgate.«
Es gab zwei Kategorien schwerer Brände. Wenn es einen ganzen Block betraf, sprach man von einem Großbrand, anderenfalls von einem ernsten Brand. Aber auch bei einem ernsten Brand wurden mehr als dreißig Pumpen gebraucht, was hieß, daß die AFS-Taxis mit ihren Anhängern aus ganz London zusammenströmten, um die wenigen regulären Löschfahrzeuge zu unterstützen.
Charlies Mannschaft überquerte den Fluß über die Vauxhall Bridge, fuhr an den Houses of Parliament vorbei, Whitehall hinauf in die Strand. Dann reihte sie sich in eine Schlange ähnlicher Fahrzeuge ein, die sich langsam an den Häusern der Zeitungsverlage in der Fleet Street entlang Richtung St. Bride's bewegte. Es war ein gewaltiger Anblick. Eine einzelne Sprengbombe mußte getroffen und zwei Häuser ausgebrannt haben. Aber auch Magnesiumbrandbomben waren abgeworfen worden, und diese richteten den eigentlichen Schaden an; sie sprühten wie große Leuchtkugelfeuerwerke. Man konnte sie eigentlich mit dem Stiefel fortstoßen oder austreten, aber oft fielen sie so, daß man nicht herankam, so daß sich das Feuer festfressen konnte. Diesmal stand bereits ein halbes Dutzend Häuser in hellen Flammen. Das letzte Haus in der Reihe war noch nicht erfaßt, aber auf dem Dach war ein Brandkörper.
Sie waren nahe genug am Fluß, um das Wasser direkt von dort herauszupumpen. Ein Dutzend Schläuche waren bereits im Einsatz.
Während die anderen die Leiter ausfuhren, rannten Charlie und der Mannschaftsleiter das enge Treppenhaus hinauf. Auf dem Dach entdeckten sie den Brandkörper sofort neben dem Kamin. Charlie kletterte hinauf. Auf ein Zeichen seines Kameraden hin, daß niemand unten stand, visierte er die Bombe an, holte mit dem Stiefel aus und stieß sie vom Dach hinunter auf die Straße.
Sie waren schon fast wieder unten, als sie den Geruch bemerkten. Sie liefen weiter hinunter bis zum Keller, der wie viele in diesem Teil Londons unter mehreren Häusern entlangführte. Das Erdgeschoß des Nachbarhauses brannte. Herunterfallende Glutasche würde im Keller jeden Augenblick einen Großbrand verursachen. Der zu Kopf steigende Geruch war überwältigend. »Alkohol«, sagte Charlie. Im Erdgeschoß des Hauses nebenan war ein Spirituosengeschäft; der Dunst kam aus den zerbrochenen Flaschen. Man hörte, wie sie oben explodierten, und im Keller, wo sie in Kisten gelagert wurden, würde bald dasselbe passieren. »Das können wir nie alles retten«, flüsterte sein Kamerad. »Nein«, stimmte Charlie zu, »aber sieh dir das an.« Auf dem Boden stand eine offene Kiste voller Miniaturfläschchen. Die Stiefel der Feuerwehrmänner waren hoch und oben weit. Es war erstaunlich, wie viele Fläschchen hineinpaßten. »Charlie«, flüsterte der andere. »Du hast dauernd so ein Glück!«
Helen und ihre Begleiterin fuhren durch Moorgate. Auch wenn in der einen Straße das Inferno herrschte, konnte die nächste stockfinster sein. Zweimal mußten sie anhalten und vorsichtig um einen Bombenkrater herumfahren. Beim zweiten Mal hatten sie ihn gerade noch rechtzeitig gesehen. Sie waren nur zu zweit in der Ambulanz – ein stabiler alter Laster mit einer Bahre und einer kompletten Ausstattung mit Erste-HilfeMaterial. Es war eine große Verbesserung im Vergleich zu der Situation vor ein paar Monaten, als sie mit ihrem eigenen kleinen Morris fahren und sich selbst Scheren und Verbände besorgen mußten.
Ein paar Suchscheinwerfer strichen über den Himmel, das Dröhnen der Bomber war verebbt. Aber die Stille würde sicher nicht andauern. Auch wenn die englischen Spitfires im Einsatz waren, kehrten die meisten Nazi-Bomber zu ihrer Basis zurück und flogen mit neuer Munition einen zweiten Angriff. Das Mietshaus kam in Sicht. Ein einziges Löschgerät spritzte das Eck ab, wo eine Bombe einen Teil der Mauer abgerissen hatte, so daß das Innere wie bei einem Puppenhaus offenlag. Die Feuerwehrleute hatten eine alte Dame herausgetragen und auf eine Decke gelegt, bis die Ambulanz kam. Helen brauchte nur einen Augenblick, um festzustellen, daß ein Bein der Frau gebrochen war. Helen schiente das Bein und wollte sie gerade auf die Bahre legen, als sie sah, wie einer der Feuerwehrmänner nach oben blickte; das Heranbrummen der nächsten Bomberwelle war zu hören. »Sie sollten sich beeilen, Miss«, riet er.
Sie bückte sich, um das eine Ende der Bahre aufzuheben, bemerkte aber, daß die alte Frau dringend versuchte, etwas zu sagen. »Bitte, meine Liebe, wenn ich ins Krankenhaus muß«, bat sie, »könnten Sie mir helfen? Ich habe meine…«
Helen begriff. »Ihr Gebiß.« Sie wollten immer ihr Gebiß haben. Fast immer war es auf dem Kaminsims liegengeblieben, und immer hatte die Druckwelle es anderswohin geworfen. Wenn es möglich war, ging Helen stets hinein und suchte danach. Ihr Gebiß war der kleine Rest Würde, die sie noch hatten. »Welches Stockwerk?« seufzte sie.
»Der Angriff geht los«, rief der Feuerwehrmann.
»Eine Bombe trifft nie dasselbe Haus zweimal«, erwiderte sie ruhig, obwohl sie wußte, das es keinen Grund gab, warum das nicht passieren sollte. Als das Brummen zu einem Donnern wurde und am Himmel das Sperrfeuer losbrach, ging Helen in das Haus.
Die Vorahnung, die Violet beunruhigt hatte, richtete sich auf nichts Bestimmtes. Sie sah nicht Helen tot oder verletzt vor sich liegen, sondern es war ein allgemeines Gefühl, daß etwas Wichtiges zu Ende ging. Sie redete sich ein, es sei nichts, aber sie argwöhnte, daß Menschen, die an einen großen Wendepunkt in ihrem Leben kamen, übersinnliche Fähigkeiten entwickeln konnten. Nachdem Helen an diesem Abend gegangen war, hatte sich das Gefühl verstärkt. Erst nach der ersten Angriffswelle der Nacht kam Violet der Gedanke, es könne ihr eigenes Leben sein und nicht das Helens, das abriß. Auf Belgravia wurden nur wenige Bomben abgeworfen, die vermutlich auf den Buckingham-Palast zielten, aber natürlich war es möglich. Sie fragte sich, ob sie etwas tun solle. Sie war über siebzig. Hatte sie wirklich die Energie?
Das Corned beef konnte es nicht gewesen sein, da niemand es angerührt hatte, aber um Mitternacht war Feuerwehrmann Clark nicht in der Lage zu einem Einsatz. Mannschaft drei hatte daher einen Mann zuwenig. Als die Nachricht kam, daß die Brauerei Bull getroffen worden war, sah sich der Leiter der Feuerwache nach einem Ersatzmann um. Er hatte immer gezögert, ältere Männer wie die Flemings einzusetzen: Da beide über sechzig waren, gehörten sie eigentlich zur Home Guard. Aber ihm fehlte ein Mann, und er mußte einen Großbrand bekämpfen. Er sah Percy an. »Ich vermute, Sie würden nicht gerne mitkommen?« fragte er.
»Komm, Percy«, riefen die anderen. »Wir feiern eine Party in der Brauerei!«
Jetzt kamen die Brandbomben von allen Seiten herunter. Wieder und wieder hörte Charlie das Kreischen und den schrecklichen Aufprall der Sprengbomben. Eine fiel in Blackfriars, eine andere irgendwo in der Nähe der Guildhall. Das Dröhnen und Krachen war ohrenbetäubend. Nach Ludgate hatte man sie zum St. Bartholomew's Hospital geschickt. Auf ihrem Weg dorthin kamen sie am Gerichtshof Old Bailey vorbei, auf dessen hoher Kuppel die elegante Figur der Justitia seit dreißig Jahren beherrschend über diesem Viertel thronte. Charlie und sein Kamerad, die an die unzulässigen Fläschchen in ihren Stiefel dachten, grinsten einander an.
Der Brand bei St. Bartholomew's entpuppte sich als klein und war rasch gelöscht. Ein paar Minuten später schickte ein Meldefahrer sie hinter die St.-Paul's-Kathedrale. Ein Bürogebäude zwischen der Watling Street und St. Mary-leBow hatte Feuer gefangen.
Von all den Zerstörungswaffen, die während des Blitzkriegs vom Himmel fielen, waren die Landminen vielleicht die verheerendsten. Sie schwebten leise an einem Fallschirm herunter, fielen auf den Boden, ohne ein Loch zu reißen, und detonierten dann. Eine davon konnte leicht eine halbe Straße mit kleinen Häusern ausradieren. Und doch sah man häufig Leute, die nicht vor ihnen davonrannten, sondern auf sie zu. Der Grund war der seidene Fallschirm. Wenn man weit genug von der Mine fernblieb, um der Explosion zu entgehen, und danach schnell war, konnte man sich ein schönes Stück von der Seide abschneiden. Sie war sehr gut zum Schneidern von Hemden und Kleidern geeignet. Wieder einmal war in dieser Nacht das Glück auf Charlies Seite. Während sie in Deckung gingen, landete die Landmine auf dem offenen Gelände von Smithfield, wo sie keinen großen Schaden anrichtete. Innerhalb von drei Minuten war der Fallschirm im Kofferraum des umgebauten Taxis verschwunden, und Charlie und seine Leute fuhren weiter, um erneut ihr Leben zu riskieren.
Maisie konnte nie schlafen, bevor die Sirenen im Morgengrauen Entwarnung gaben. Sie wünschte, sie wäre die Nacht über bei Jenny geblieben. Kurz nach ein Uhr morgens schlüpfte sie aus dem Haus und ging zum Kamm des Hügels hinauf. Selbst wenn Jenny schlief, war die Vordertür nicht verschlossen. Als Maisie oben ankam, blieb sie stehen. Unter ihr pulsierte London im roten Licht wie von einer Schmelze, als habe sich die ganze flache Mulde in den Krater eines Vulkans verwandelt.
Genau in diesem Moment hörte sie hoch über sich das Brummen feindlicher Flieger. Dennoch hatte sie keine Angst, denn sie waren zweifellos zum Zentrum unterwegs. Ein Flakgeschütz donnerte zu spät los, und Maisie wollte sich gerade umwenden, um zu Jennys Haus zu gehen, als sie ein sirrendes Geräusch wahrnahm. Spitfires. Zuerst konnte sie die Umrisse des halben Dutzends Flugzeuge am schwarzen Nachthimmel kaum erkennen, aber sie sah die kleinen Blitze ihrer Geschütze. Die Messerschmitts aus dem feindlichen Geschwader schwärmten wie zornige Hornissen nach oben. Über Dulwich, weiter nach Clapham und zum Fluß zogen die Flugzeuge ihre Schleifen und spien einander ihre tödlichen Geschosse zu. Maisie sah zu, wie sie Richtung Vauxhall flogen und bemerkte, daß eine Spitfire und eine Messerschmitt sich aus dem Schwarm der anderen Flugzeuge abgesondert hatten und zurück über Crystal Palace flogen. Sie kreisten direkt über ihr, kaum zweihundert Meter hoch, dann stiegen sie wieder hoch in die Luft, nur um gleich wieder nach unten zu stoßen.
Ein Zweikampf zweier Kampfflieger. Fasziniert sah sie zu, wie die beiden Männer um ihr Leben kämpften. Wieder machten sie eine Schleife über dem Hügelkamm; der Deutsche flog direkt über sie hinweg. Sie wirbelte herum, als die Spitfire ihren Kreis vollendete und hinter der Messerschmitt herjagte. Sie sah und spürte nichts von dem plötzlichen Geschoßhagel, der ihren Hinterkopf traf und ihn platzen ließ wie eine kleine Kirsche.
Wenn es heiß wurde wie jetzt, mußte man vor dem Feuer das Gesicht nach unten halten, wußte Charlie. Die Hitze um sie herum war so groß, daß er widerstrebend die Fläschchen aus seinen Stiefeln herausgewühlt und in ein Schlagloch geworfen hatte, weil er befürchtete, sie könnten platzen und Feuer fangen. Die Hauptgefahr, neben herabfallenden Mauerteilen, stellte die Asche dar. Der brennende Staub konnte einem in die Augen fliegen und schmerzhafte Verletzungen verursachen. Charlie Dogget hatte vielleicht nichts dagegen, sich ein wenig harmlose Beute anzueignen, aber sobald er im Einsatz war, gab es in London keinen mutigeren Feuerwehrmann. Erst als er eine halbe Stunde ohne Unterbrechung direkt an der Feuerfront geschuftet hatte, sagte ihm der diensthabende Leiter, er solle eine Pause machen.
Von St.Mary-le-Bow her lagen Schläuche entlang der Straße. Charlie ging ihnen nach und wandte sich dann links Richtung Cheapside. Obwohl er das eigentlich nicht sollte, nahm er den Helm ab, um sich ein wenig abzukühlen. Von den beiden Gebäuden an der Ecke, die in der Nacht zuvor zerstört worden waren, war nur ein großer Krater geblieben, fast sieben Meter tief. Charlie setzte sich auf ein wenig Geröll an dessen Rand, holte ein paarmal tief Luft und blickte westwärts zu St. Paul's. Es war ein ehrfurchtgebietender Anblick. Irgendwie blieb Wrens mächtige Bleikuppel intakt. Um sie herum waren die brennenden Dächer wie ein rotes Meer, aus dem die gewaltige Kathedrale Londons mit der Gleichgültigkeit eines Felsens ragte. Es war, als erkläre das alte Gotteshaus, daß selbst Hitlers Blitzkrieg dem ehrwürdigen Denkmal, Herz und Seele der Stadt, nichts anhaben könne, dachte Charlie.
Dann blickte er in den Krater vor ihm. Er schien größer und tiefer als die meisten zu sein, aber sonst war nichts Besonderes daran. Die Bombe war direkt durch die Grundmauern der Häuser gegangen, und Charlie konnte auch Umrisse früherer Steinfundamente erkennen. Im flackernden Licht der Flammen glaubte er eine Art Fliesenboden zu erkennen. Eine kleine Explosion in der Nähe beleuchtete die Grube einen Augenblick lang ein wenig heller, und Charlie sah unten etwas glitzern. Er vergewisserte sich, daß niemand in der Nähe war, und kletterte vorsichtig nach unten. Das Glitzern schien unter dem Deckel einer Art Truhe hervorzukommen, auf der eine Menge Geröll lag. Charlie griff hinein, pfiff leise und zog vorsichtig wieder die Hand heraus. Die Münzen waren schwer und sahen nach Gold aus.
Plötzlich fiel der Lichtstrahl einer starken Taschenlampe über den Rand des Kraters und Charlie sah, daß er tatsächlich eine Handvoll Gold hatte. Der metallische Deckel gehörte zu einem Behältnis, in dem eine Menge ähnlicher Münzen lagen, und daneben waren noch weitere Behältnisse. Ohne es zu wissen, hatte Charlie Dogget das gestohlene Gold gefunden, das römische Soldaten vor nahezu siebzehnhundert Jahren zurückgelassen hatten.
»Was machen Sie da?« Der Besitzer der Taschenlampe war ein großer Mann, der den Stahlhelm eines Luftschutzwarts trug und eine große Nase hatte. »Sie plündern! Das ist gegen das Gesetz«, sagte Neville Silversleeves.
»Nein, das ist ein Schatz, den ich berge. Ich bin dazu berechtigt«, konterte Charlie.
»Das Gebäude hier war Eigentum der Kirche. Sie sind zu gar nichts berechtigt. Kommen Sie sofort da heraus!«
»Wenn Sie mich fragen, geht jetzt wieder so ein verdammter Angriff los, und Sie sollten machen, daß Sie wegkommen!« Denn plötzlich kam von überallher der Lärm von Flakgeschützen, während über ihnen das Donnern herannahender Bomber zu hören war.
Charlie hatte nicht die Absicht, sich sein Gold nehmen zu lassen, und Silversleeves schien ebenso entschlossen zu sein, sicherzustellen, daß der Feuerwehrmann sich nicht damit aus dem Staub machte. Die Bombe schlug etwa hundert Meter hinter Silversleeves auf. Die Explosion war so gewaltig, daß Charlie fast zwanzig Sekunden lang überhaupt nichts erkennen konnte; dann stellte er fest, daß Silversleeves auf halber Höhe des Kraters lag, gegenüber der Stelle, wo er zuvor gestanden hatte. Charlie griff wieder nach den Münzen und begann, sie in seine Stiefel zu stopfen. Er hatte gerade die vierte Handvoll, als ihm klar wurde, daß er sterben würde.
Sprengstoffbomben produzierten kurz vor dem Aufprall ein pfeifendes Heulen. Charlie war mittlerweile fast ein Experte dafür, wo sie einschlagen würden, und als er das hohe Geräusch hörte, wußte er sofort, daß diese direkt auf ihn zukam. Verzweifelt machte er einen Satz hin zum Kraterrand. Behindert durch seine vom Gold schweren Stiefel fing er wie wahnsinnig an, nach oben zu krabbeln. Die Bombe schlug genau an der Stelle auf, wo er vor zwei Sekunden noch gestanden hatte. Charlie kletterte weiter, bis er oben war; die Bombe war noch nicht explodiert.
Zitternd saß Charlie am Kraterrand. Die achthundert Pfund schwere Bombe lag halb begraben in der Grube, wo das Gold war. Silversleeves lag immer noch bewußtlos da. Blindgänger waren nichts Ungewöhnliches, aber sie konnten jederzeit losgehen; Charlie stand langsam auf und fragte sich, was er tun sollte. Vermutlich sollte er Hilfe holen, damit man Silversleeves herausziehen konnte, aber da war natürlich auch das Gold. War es jetzt ganz unter der Bombe begraben, oder konnte er möglicherweise noch etwas herausholen? Wenn ich soviel Glück gehabt habe, daß mich die Messerschmitt letzte Nacht und die Bombe hier nicht erwischt haben, dachte er, wird's schon gutgehen. Er glitt wieder den Krater hinunter.
Einige andere Gebäude mußten in Brand gesetzt worden sein, weil hinter ihm plötzlich eine Flammenwand zum Himmel schoß. In ihrem Licht sah er eine Goldmünze neben der Bombe, sonst nichts. Ich weiß, was das ist, dachte er. Gott hat mein Leben verschont, mich aber auch vor der Versuchung bewahrt. Gerade als ich geglaubt habe, jetzt bin ich reich, geht Er her und begräbt alles unter achthundert Pfund Sprengstoff. Er wollte nach der einen Goldmünze greifen, als ein Brüllen von hinten ihn herumfahren ließ.
Am Rand des Kraters stand die mächtige Gestalt Admiral Barnikels mit dem feuerroten Bart und starrte in die Grube.
Mein Gott, dachte Charlie, er hat mich erwischt.
Aber Admiral Barnikel wußte nichts von Charlie und seinem Römergold. Als sein Auto an St. Paul's vorbeikam, hatte er nur gesehen, wie Silversleeves in den Bombentrichter geschleudert wurde, und nun meinte er, dieser mutige Feuerwehrmann klettere hinunter zu einer nicht explodierten Bombe, um den Luftschutzwart herauszuholen. »Gut gemacht, Mann!« donnerte er. »Bei Gott, Sie verdienen einen Orden! Halten Sie ihn fest. Ich komme!« Barnikel kletterte selbst in den Krater. Charlie nahm Silversleeves' lange Beine, Barnikel seine Arme, und so schleppten sie den Bewußtlosen hinauf zur Straße, wo der Admiral einen vorbeikommenden Krankenwagen anhielt und die beiden Frauen anwies, den Luftschutzwart ins St. Bartholomew's Hospital zu bringen. Einen Augenblick später war Helen mit Silversleeves unterwegs.
Der Admiral nahm Charlie mit zu seinem Auto. »Ich glaube, wir sollten uns auch davonmachen«, meinte er. »Man weiß nie, wann eins von diesen verfluchten Dingern losgeht.« Dreißig Sekunden später explodierte die Bombe.
Als der erschöpfte Percy am nächsten Morgen um neun von dem großen Brand in der Brauerei nach Hause kam, sagte Jenny ihm noch nichts von Maisie. »Er war die ganze Nacht draußen. Laß ihn schlafen«, hatte Herbert beharrt. Daher teilten die beiden Brüder ihren Kummer erst abends.
Als Helen Meredith nach Hause kam, stand ihr ein großer Schock bevor. Das Haus in Eaton Terrace war von einer Sprengbombe völlig zerstört worden. Ein Blick darauf sagte ihr, daß darin niemand überlebt haben konnte. Sie stand immer noch vor der Ruine, unfähig zu begreifen, was geschehen war, als ihre Mutter um die Ecke bog. »Es ist eigenartig«, erklärte Violet. »Plötzlich hatte ich dieses seltsame Gefühl, daß ich in Gefahr war, deswegen bin ich in den Schutzraum der U-Bahn am Sloane Square gegangen. Ich muß sagen, man könnte das zusammengepfercht nennen da unten. Aber habe ich nicht Glück gehabt?« Sie sah strahlend auf die verkohlten Reste ihres Hauses.
Bis vor kurzem hatte es beim Militär für besondere Tapferkeit das berühmte Viktoriakreuz gegeben, aber keine entsprechende Ehrung für Zivilpersonen. Das wurde nun durch die Einführung des Georgskreuzes und der Georgsmedaille geändert. Wenn es je irgendwelche Zweifel am Mut der Freiwilligen Hilfsfeuerwehr während des Blitzkrieges gegeben hatte, wurden diese nun gründlich ausgeräumt, als eine Reihe von Feuerwehrmännern das Georgskreuz verliehen bekamen. Einer davon, auf persönliche Empfehlung von Admiral Barnikel, war Charlie Dogget.
Für Charlie war es eher peinlich. Obwohl er viele Male einen Orden verdient hatte, wußte er, daß es diesmal unverdient war. Aber was sollte er sagen? Sogar Silversleeves, der sich an die Augenblicke vor der Explosion nicht erinnerte, hatte darauf bestanden, ihn persönlich aufzusuchen und ihm zu danken. Und er bekam einen Brief von seiner Tante Jenny, die es in der Zeitung gelesen hatte. Aus Neugierde war er noch einmal an die Stelle gegangen, aber es gab keine Spur von Gold. Die römischen Münzen, die er hatte, bewahrte er in einer kleinen Schachtel auf und gab sie später seinem Sohn.