HAMPTON COURT
1533
SIE HÄTTE NICHT in den Garten gehen sollen. Sie hätte
vorbeigehen sollen, als sie das Geflüster hörte. Hatte ihr Bruder
sie nicht vor solchen Dingen gewarnt? Ein schwüler
Augustnachmittag; klarer blauer Himmel. Umgeben von einem Wildpark,
einige Meilen flußaufwärts von London, lag der riesige, ziegelrote
Tudorpalast Hampton Court in der warmen Sonne. Von den Grünflächen
vor dem Palast konnte sie das ferne Lachen der Höflinge hören.
Zwischen den Bäumen des Parks äste graziles Rotwild.
Sie war ans Flußufer gegangen, weil sie allein sein wollte,
und erst jetzt, als sie an der Hecke vorbeikam, hörte sie das
Gewisper.
Susan Bull war achtundzwanzig. Ihre regelmäßigen Züge paßten
in ein Zeitalter, das blasse, ovale Gesichter bewunderte. Viele
meinten, ihr Haar sei das Schönste an ihr. Wenn sie es nicht
hochsteckte, umrahmte es glatt ihre Wangen und lockte sich ein
wenig an den Schultern, doch vor allem an die Farbe erinnerte sich
jeder – ein dunkles, sattes Braun mit warmen, kastanienroten
Lichtern, die es strahlend schimmern ließen. Ihre Augen waren von
derselben Farbe. Insgeheim war sie aber vor allem stolz darauf, daß
sie nach der Geburt von vier Kindern immer noch ihre schlanke Figur
hatte. Ihre Kleidung war einfach, aber elegant: eine gestärkte
weiße Haube, unter der ihr Haar adrett zusammengebunden war, und
ein hellbraunes Seidenkleid. Das einfache goldene Kreuz, das sie an
einer Kette um den Hals trug, wies darauf hin, daß ihr Glaube ihr
viel bedeutete, obwohl viele Damen bei Hof nach außen hin ähnliche
Frömmigkeit bekundeten, weil es gerade Mode war.
Sie hatte nicht hierherkommen wollen. Die Leute bei Hofe
schienen ihr stets verschlagen, und sie verabscheute jegliche
Falschheit. Aber sie hatte es für ihre Pflicht gehalten. Thomas
hatte das alles eingefädelt.
Thomas und Peter, ihre beiden Brüder; verblüffend, wie
verschieden sie waren. Thomas, der Jüngste der Familie: begabt,
brillant, charmant, eigenwillig. Sie liebte ihn, aber nicht ganz
vorbehaltlos. Und Peter, der tröstliche, zuverlässige Peter. Obwohl
er ihr Halbbruder aus erster Ehe war, fühlte sie sich ihm näher.
Peter, der Älteste der Familie Meredith, hatte die Stelle des
Vaters eingenommen, als dieser jung gestorben war. Peter war das
Gewissen der Familie. Es hatte sie nicht überrascht, als er den
Priesterstand wählte.
Es gab in London keinen besseren Gemeindepfarrer als Pater
Peter Meredith. Seinen Gläubigen im Kirchsprengel war die
tröstliche Erscheinung des großen, mit vierzig Jahren fast schon
glatzköpfigen und liebenswert rundlichen Priesters vertraut und
angenehm. Er war ein kluger Mann, und hätte er in seiner Jugend
nicht ein wenig zur Faulheit geneigt, wäre vielleicht ein
glänzender Gelehrter aus ihm geworden. Seine Pfarrei St.
Lawrence-Silversleeves war keine Stelle für jemanden mit Ehrgeiz.
Dennoch war er zufrieden. Er hatte die kleine Kirche mit ihrem
dunklen Lettner restaurieren lassen, und während seiner Amtszeit
hatte sie zwei schöne neue Buntglasfenster bekommen. Er kannte
jedes seiner Pfarrkinder mit Namen; die Frauen mochten seine
herzliche Art, weil sie wußten, daß er sich an das Gelübde des
Zölibats hielt, und er konnte mit den Männern trinken, dabei aber
doch eine freundliche Würde wahren. Seine Predigten waren einfach,
seine Gespräche nüchtern und bodenständig. Er war ein gediegener
katholischer Priester.
Doch im letzten Jahr war er ernstlich erkrankt und hatte den
Entschluß gefaßt, sich in das große Kloster Charterhouse in London
zurückzuziehen; zuvor hatte er eine Pilgerfahrt nach Rom
angetreten. Dort war er noch immer. Um Rat über diese heutige
Angelegenheit zu bekommen, hatte sie ihm schreiben müssen. Zum
zwanzigsten Mal hatte sie heute vormittag seine Antwort gelesen:
»Ich kann dir nur raten, deinem Gewissen zu folgen. Dein Glaube ist
stark. Bete also, und du wirst wissen, was du tun sollst.« Sie
hatte gebetet. Und dann war sie hierhergekommen.
Irgendwo im großen Labyrinth von Hampton Court war ihr Gatte
Rowland. Eine Stunde war es her, daß Thomas ihn hineingeführt hatte
– zu der wichtigsten Begegnung seines Lebens. Sie hatte ihn noch
nie so am Rande seiner Belastbarkeit erlebt. Drei Tage lang hatte
er immer wieder Anfälle von Übelkeit gehabt und so totenbleich
ausgesehen, daß Susan, wäre sie nicht an seine angespannte, nervöse
Konstitution gewöhnt, womöglich gedacht hätte, er sei wirklich
krank. Er tat es für sie und für die Kinder, aber auch für sich
selbst. Vielleicht wünschte sie deshalb so sehr, daß er Erfolg
hatte.
Ihr Gatte war das größte Geschenk, das Peter ihr gemacht
hatte. Peter hatte Rowland kennengelernt und ihn mit einer
Botschaft zu ihr gesandt: Das ist er. »Hol's der Teufel«,
hatte Thomas gemurrt. »Der eine sieht auch noch genauso aus wie der
andere.« Und es stimmte; Peter und Rowland, beide stämmig gebaut
und früh ihr Haar verlierend, glichen sich sehr. Doch trotz dieser
oberflächlichen Ähnlichkeit bestand ein wesentlicher Unterschied.
Der Mönch war der ältere und klügere der beiden, doch Rowland hatte
einen stillen Ehrgeiz, der Peter fehlte. Nun hatte Rowland seine
Chance. Wenn das Gespräch, das Thomas verabredet hatte, erfolgreich
war, bedeutete das ein Betätigungsfeld für seine Gaben und eine
Erleichterung ihrer endlosen Geldsorgen. Es muß richtig sein, sagte
sie sich, wenn sie an die Kinder dachte. Und es gab noch einen
weiteren Trost. Was auch immer sie vom höfischen Leben halten
mochte, so wußte sie doch, daß Höfe ein notwendiges Übel waren und
die Höflinge nur Diener. Dahinter stand die entscheidende Gestalt,
der sie verpflichtet waren: der Freund ihres Vaters, der Wohltäter
ihres Bruders, der Mann, den zu lieben und dem zu vertrauen man sie
ihr ganzes Leben lang gelehrt hatte, König Heinrich, Englands
frommer König, Oberhaupt des Hauses Tudor.
Die Dynastie der Plantagenets hatte sich in den furchtbaren
Familienfehden zwischen Johann von Gents Haus Lancaster und dem
rivalisierenden Haus York, die als die Rosenkriege in die
Geschichte eingehen sollten, aufgerieben. Dabei waren so viele
königliche Prinzen umgekommen, daß eine bisher unbekannte Familie
aus Wales, die zufällig in das alte Königshaus eingeheiratet hatte,
aufsteigen konnte. Als Heinrichs Vater vor fünfzig Jahren Richard
III. den letzten Herrscher des Hauses Plantagenet, bei der Schlacht
von Bosworth geschlagen hatte, war die Tudor-Dynastie auf dem Thron
etabliert worden.
Susan konnte sich immer noch daran erinnern, wie ihr Vater
sie, ein Jahr vor seinem Tod – sie war damals fünf-, zum Hof
mitgenommen hatte. Während sie durch die große Halle schritten, war
die prachtvollste Gestalt, die sie je gesehen hatte, auf sie
zugekommen. Groß, die breite Brust in einem juwelengeschmückten
Waffenrock mit mächtigen runden Schulterpolstern, war Heinrich ein
majestätischer Riese. Seine engsitzenden Kniehosen zeigten die
kräftigen Beine eines Athleten, im Schritt einen bauschigen
Hosenbeutel, ausgepolstert, um die Geschlechtsteile zu betonen. Ihr
Herz hatte einen Schlag lang ausgesetzt, als plötzlich ein Paar
gewaltiger Arme sie gepackt und hochgehoben hatte, so daß sie in
sein schönes Gesicht mit den weit auseinanderstehenden fröhlichen
Augen und einem akkurat gestutzten rotbraunen Bart blicken
konnte.
»Das ist also Sein kleines Mädchen«, hatte der mächtige
Monarch gelächelt, als er sie an sich gezogen und ihr einen Kuß
gegeben hatte.
Kein Fürst in Europa entfaltete größere Pracht als Heinrich
von England. England mochte klein sein – mit weniger als drei
Millionen war die Bevölkerung Englands nur ein Fünftel so groß wie
die des inzwischen vereinigten Königreichs Frankreich –, doch
diesen Mangel glich Heinrich mit seinem luxuriösen Lebensstil aus.
Er war ein Renaissancefürst par excellence: athletischer
Sportsmann, begabter Musiker mit gelegentlichem Hang zum Gelehrten
und unermüdlicher Baumeister von Palästen. Bei Flodden hatte seine
Armee die Schotten vernichtend geschlagen; mit einem prachtvollen
Umzug auf dem Field of the Cloth of Gold, einem Turnierfeld
mit goldenen Zelten in der Nähe von Calais, hatte er den Frieden
mit dem französischen König besiegelt. Doch eines war am
wichtigsten. Zu einer Zeit, da sich die Christenheit in der größten
Bedrängnis seit tausend Jahren befand, war Heinrich von England
fromm.
In die Frühzeit von Heinrichs Regentschaft fiel Martin Luthers
religiöses Aufbegehren in Deutschland. Wie zuvor bei den englischen
Lollarden, Anhängern des Theologen Wyclif, waren die ursprünglichen
lutherischen Forderungen nach einer Kirchenreform bald zu einer
massiven Kampfansage an die katholische Doktrin geworden. Es
dauerte nicht lange, und die Protestanten leugneten das Wunder der
Messe und die Notwendigkeit des Bischofsamtes; sogar die Ehe von
Priestern wurde bejaht. Und unerhörterweise gab es regierende
Fürsten, die solchen Ansichten wohlwollend gegenüberstanden. Nicht
jedoch König Heinrich. Als deutsche Kaufleute lutherische
Flugschriften nach London schmuggeln wollten, erstickte er diesen
Versuch im Keim. Tyndales Übersetzung des Neuen Testaments wurde
öffentlich in der St.-Paul's-Kathedrale verbrannt. Der gelehrte
König hatte selbst eine so großartige Schrift zur Widerlegung des
Ketzers Luther verfaßt, daß der dankbare Papst ihm einen neuen
Titel verlieh: Verteidiger des Glaubens.
Was Heinrichs jüngste Meinungsverschiedenheiten mit dem Papst
hinsichtlich seiner Ehegattin betraf, hatte Susan wie viele
gläubige Engländer großes Mitleid mit ihrem König. »Ich bin nicht
bereit, ihn jetzt schon zu verurteilen«, sagte sie.
Der Park vor dem Hampton Court, der große Obstgarten, war ein
typisches Beispiel für solche Anlagen um einen Palast – ein
kunstvolles Ensemble streng architektonisch angelegter Gärten,
Pavillons, Lauben und lauschiger Plätzchen, die der prunkliebende
König Heinrich mit verschiedensten Wappentieren, Sonnenuhren und
anderen Ornamenten aus bemaltem Holz oder Stein geschmückt hatte.
Es war Zufall, daß Susan das Gewisper hörte, als sie an einer hohen
grünen Hecke, die einen der Gärten umschloß, vorbeikam.
Daniel Dogget stand an der Landungsbrücke
von Hampton Court, blickte auf seine sitzende Frau und ihren
kleinen, stämmigen Bruder hinab und dachte nach. Dan Dogget war ein
Riese. Mehr als zwei Jahrhunderte waren vergangen, seit Barnikel
von Billingsgate die Schwestern Dogget am Flußufer besucht und eine
der beiden geschwängert hatte. Das Kind erbte die Statur der
Barnikels, aber Teint, Haarfarbe und Namen der Schwestern.
Abgesehen von ihrer Größe und dem ein wenig veränderten Namen waren
seine Kinder von ihren Vettern der alten Familie Ducket kaum zu
unterscheiden; doch zur Zeit des Schwarzen Todes, als Bull den
kleinen Geoffrey Ducket aufgenommen hatte, war es vor allem der
Familienzweig Dogget, der überlebte. Dan Dogget war etwa einen
Meter neunzig groß, von schwerem Knochenbau, aber mager, mit einer
dichten schwarzen Haarmähne, die über der Stirn eine weiße Strähne
hatte. Er war der stärkste Fährmann auf der Themse und konnte eine
über die Brust gespannte Kette sprengen. Bereits mit zwölf Jahren
hatte er mit den Männern mitrudern dürfen; als er zwanzig war,
wollte sich keiner mehr mit ihm anlegen, nicht einmal in den
Wirtshäusern am Ufer, wo es hart zuging.
»Was hast du nun vor?« fragte der kleine Mann erneut. »Deine
Schwierigkeit, Daniel, liegt darin, daß du zu viele Verpflichtungen
hast.« Dogget erwiderte nichts. Er hing zärtlich an seiner
rundlichen Frau und den gemeinsamen Kindern, er half der Familie
seiner Schwester, und nun, nachdem Carpenters Frau bei der Geburt
des vierten Kindes gestorben war, hatte er seine eigene Frau mit
den Kindern flußaufwärts von Southwark nach Hampton Court gebracht,
wo Carpenter arbeitete. »Sie können bei dir wohnen, bis wir eine
Lösung finden«, bot er an, und Carpenter war natürlich dankbar.
Aber da war auch noch sein Vater.
Vor einem Jahr hatte er den alten Mann bei sich in Southwark
aufgenommen – und er hatte es bereut. Nach Will Doggets jüngster
Eskapade im Zustand der Trunkenheit hatte Dan zugegeben: »Ich werde
nicht mehr mit ihm fertig.« Aber er konnte den alten Mann auch
nicht einfach hinauswerfen. Er hatte es bei seiner Schwester
versucht, doch auch sie wollte ihn nicht aufnehmen. Wie immer eine
Lösung aussehen mochte, man konnte sicher sein, daß es Geld kosten
würde. Und wenn er nicht stehlen wollte, gab es nur eine
Möglichkeit, dieses Geld zu bekommen. Sein Blick glitt über die
Barken, die am Ufer vertäut waren. War eine von ihnen vielleicht
die Antwort?
Obwohl ganz unterschiedlich groß, waren alle Passagierboote
auf der Themse nach demselben Grundmuster gebaut. Ihre Konstruktion
entsprach im wesentlichen den Langschiffen der Wikinger, mit einem
flachen Kiel und Planken, die überlappend wie Ziegel in langen,
schnittigen Linien angeordnet waren. Das Bootsinnere war in zwei
Abschnitte geteilt: vorne die Ruderbänke, hinten die Passagiere. Es
gab die ganz einfachen Ruderboote, die breiten, flachen Fährboote
mit einem oder zwei Ruderern. Dann gab es längere Barken mit
mehreren Ruderpaaren und in der Regel einem Baldachin über den
Passagieren. Diese hatten häufig auch ein Steuer mit Steuermann.
Und schließlich fuhren auf dem Fluß auch die mächtigen Kähne der
großen Schiffahrtsgesellschaften der Stadt mit eigenen
Deckaufbauten für die Passagiere, wundervoll geschnitzten
Schiffsschnäbeln und mindestens einem Dutzend Ruderpaaren, so etwa
die vergoldete Barke des Lord-Mayor von London, die an der Spitze
der jährlichen Flußprozession über die Themse glitt.
Daniel liebte sein Leben als Fährmann. Körperlich mochte die
Arbeit schwer sein, aber dafür war er gebaut. Wenn er spürte, wie
die Ruderblätter geschmeidig ins Wasser tauchten, wenn er den
Geruch der Flußalgen schnupperte, während das Boot sich schaukelnd
bewegte, erfüllte ihn eine Zufriedenheit, die nicht übertroffen
werden konnte. Wie gut er den Fluß kannte – jedes Ufer, jede
Biegung, von Greenwich bis Hampton Court.
Arbeit gab es genug. Da die London Bridge immer noch die
einzige Straße war, die über die Themse führte, so daß sich der
Verkehr häufig staute, fuhren stets schnelle Fährboote über den
Fluß in die Innenstadt und nach Westminster. Für längere Fahrten
war die Wasserstraße zwar nicht schneller, aber bequemer. Nicht
wenige Höflinge, die morgens in Hampton Court sein mußten,
streckten sich auf den Kissen in einer der vornehmen Barken aus und
ließen sich von in prachtvolle Livreen gekleideten Fährmännern
während einer warmen Sommernacht flußaufwärts rudern. Es war viel
angenehmer, als im Morgengrauen über die von zahlreichen Furchen
durchzogene King's Road zu fahren, die an Chelsea vorbei zum
königlichen Palast führte. Die Fährmänner wurden gut bezahlt, vor
allem wenn man die Trinkgelder hinzurechnete.
Könnte er nur eine Anstellung auf einer der Prunkbarken
finden, dachte Dogget, würde er sehr viel mehr verdienen. Doch um
die guten Stellen zu bekommen, selbst in der bescheidenen Gilde der
Fährmänner, mußte man gute Beziehungen haben.
Die beiden Männer waren fröhlich, als sie
durch den großen Hof schritten. Rowland Bull lachte erleichtert.
Das Gespräch war besser verlaufen, als er es sich vorgestellt
hatte. Für einen gewissenhaften Anwalt war es immerhin keine
Kleinigkeit, vom Lordkanzler von England persönlich zu hören: »Wir
wollen Eure Dienste in Anspruch nehmen.« Rowland Bull, Sohn des
bescheidenen Brauers Bull aus Southwark, wurde im Zentrum des
Königreichs gebraucht. Er war geschmeichelt. Und die Einkünfte –
sie waren höher, als er sich hatte träumen lassen. Zwar hegte er
Zweifel wegen der Weltlichkeit des Hofes, doch wenn er an seine
kleine Familie dachte, schien es ihm, als müsse es Gottes Wille
sein. Er wandte sich an seinen Schwager. »Das alles verdanke ich
dir.«
Es war schwer, Thomas Meredith nicht zu mögen. Schlank und
attraktiv, in Haarfarbe und Teint seiner Schwester sehr ähnlich,
war er die weltliche Hoffnung der Familie. Die Merediths waren
Waliser und wie andere Waliser Familien mit den Tudors nach England
gekommen. Thomas' Großvater hatte bei Bosworth gekämpft, und sein
Vater hätte am Hofe aufsteigen können, wäre er nicht gestorben, als
Thomas und Susan noch Kinder waren. König Heinrich hatte dann dem
jungen Thomas einen Posten bei dem mächtigen königlichen Minister
Thomas Cromwell gegeben, und dort arbeitete er mit großem Erfolg.
Er hatte in Cambridge und an den Inns of Court studiert, er sang
und tanzte gut, er focht und schoß mit dem Bogen, er spielte sogar
mit dem Herrscher das königliche Spiel Tennis. Mit seinen
sechsundzwanzig Jahren war er ganz und gar bezaubernd.
Wenn Rowland Bull die Einflüsse zusammenfassen wollte, die ihn
so weit gebracht hatten, fiel ihm das nicht schwer: Bücher und die
Merediths. Die Bücher waren leicht zu erklären. Ein Mitglied der
Mercer-Gilde namens Caxton hatte aus Flandern die ersten
Druckerpressen nach England gebracht und eine Werkstatt in
Westminster eröffnet, kurz vor dem Ende der Rosenkriege. Bald
erschien eine Flut gedruckter Bücher. Anstelle von Buchmalereien
zierten Caxtons Bücher oft lebendige schwarzweiße Holzschnitte, und
im Vergleich zu den alten handgeschriebenen Manuskripten waren sie
billig. Rowland hatte sich in Chaucer, in die Geschichten um König
Artus und eine Reihe von Predigten und religiösen Flugschriften
vergraben. Diese Liebe zu Büchern war es, die ihn von der Brauerei
wegführte, zu einem armen Gelehrten in Oxford machte und ihn
schließlich die Rechte studieren ließ. Und es waren auch die
Bücher, die ihn als jungen Mann ein Leben als Ordensmann in
Erwägung ziehen ließen.
Alles übrige hatten die Merediths bewirkt. Es war Peter, der
Mann, den er mehr als alle anderen respektierte, der ihm sagte: »Es
gibt auch andere Arten, Gott zu dienen, als im heiligen Orden.« Als
Rowland befürchtete, er könne das religiöse Gelübde der Keuschheit
nicht einhalten, hatte Peter lächelnd bemerkt: »Wie der Apostel
Paulus sagt: ›Es ist besser zu heiraten, als sich in Begierde zu
verzehren.‹« Durch Peter hatte er Susan gefunden, und mit ihr ein
Glück, das er nie für sich zu erhoffen gewagt hatte. Und wenn er
sich hin und wieder noch nach einem Ordensleben sehnte, so war dies
das einzige Geheimnis, das er vor seiner Frau hatte. Und heute
schuldete er Thomas Meredith seinen Dank.
An diesem Augustnachmittag gab es bedeutendere Neuigkeiten,
die tuschelnd im Palast verbreitet wurden. Als sie durch einen
massiven Torbogen aus dem Hof schritten, stupste Thomas seinen
Schwager. »Sieh nach oben«, bemerkte er mit einem Grinsen.
Der Bogen war prächtig. Obwohl die Rosenkriege das vorherige
Jahrhundert verfinstert hatten, konnte sich eine prachtvolle
Architektur entwickeln – die Spätgotik feierte in England ihren
Höhepunkt. Die Reihen von Spitzbogen wichen einem klaren Gefüge
einfacher, eleganter Pfeiler, die nicht mehr Mauern, sondern hohe
Glaswände umschlossen; die Decke, nun fast flach, erstreckte sich
in einem anmutigen Fächergewölbe, einem filigranen Spitzengewebe
aus Stein. In den Kapellen von Windsor oder im King's College in
Cambridge konnte man die herrlichsten Beispiele dieser Architektur
bewundern.
Auch der Torbogen, durch den sie schritten, hatte ein
Fächergewölbe, und zwischen diesem feingliedrigen Maßwerk sahen
Thomas und Rowland die liebevoll ineinander verschlungenen
Initialen, die England in diesem Sommer Hoffnung bringen sollten:
H&A. Heinrich und Anna. Anna Boleyn.
Als Heinrich nach zwei Jahrzehnten liebevoller Ehe mit der
Spanierin Katharina von Aragon außer der kränkelnden Tochter Maria
immer noch keinen legitimen Erben hatte, machte er sich
verständlicherweise Sorgen. Was sollte aus der Dynastie der Tudors
werden? Noch nie hatte eine Frau England regiert – würde sich das
Land nicht in Chaos auflösen, so wie es während der Rosenkriege
gewesen war?
Doch eine Möglichkeit gab es. War Katharina nicht, wenn auch
nur kurz, die Frau seines älteren Bruders Arthur gewesen, den ein
früher Tod hinweggerafft hatte? War Heinrichs Ehe also nicht
verboten? Und dann lernte er Anna Boleyn kennen.
Die Boleyns waren eine Londoner Familie; Annas Großvater war
Lord-Mayor gewesen. Zwei glänzende Eheschließungen hatten die
frühere Kaufmannsfamilie mit dem Hochadel verbunden, und nach einem
Aufenthalt am französischen Hof war Anna eine bestrickend elegante
und geistreiche Person. Bald hatte Heinrich sich in sie verliebt
und überlegte, ob diese bezaubernde junge Frau ihm einen gesunden
Erben schenken würde. Sowohl sein Begehren als auch die
Erfordernisse des Staates hatten ihn zu einer Entscheidung
veranlaßt: »Auf meiner Ehe mit Katharina lag ein Fluch. Ich werde
den Papst um die Annullierung bitten.«
Das war nicht so unerhört, wie es schien. Die Kirche war nicht
ohne Erbarmen: Manchmal fand man Gründe, um Paare zu erlösen, die
in einer unerträglichen Ehe gefangen waren. Auch der Laienstand
manipulierte die Regeln: So heiratete etwa ein Aristokrat eine
Cousine innerhalb des verbotenen Verwandtschaftsgrades und war sich
damit sicher, daß die Ehe annulliert werden konnte; andere machten
beim Ehegelübde absichtlich Fehler und hielten sich so ein
Hintertürchen offen, damit die Ehe für ungültig erklärt werden
konnte. Und der Papst hatte erkennbar den Wunsch, Englands getreuem
König dabei zu helfen, eine geordnete Erbfolge aufzubauen.
Es war Pech, daß der Papst, gerade als Heinrich ihn um Hilfe
bat, faktisch Gefangener eines anderen und noch mächtigeren
katholischen Monarchen war: Karls V. Heiliger Römischer Kaiser
Deutscher Nation und Oberhaupt der einflußreichen
Habsburgerdynastie, dessen Tante keine andere war als Katharina.
»Eine Annullierung würde Habsburg beleidigen«, erklärte er; und als
Heinrichs Boten kamen, erhielt der Papst den Befehl, nein zu
sagen.
Die folgenden Verhandlungen waren zum Teil eine Tragödie, zum
Teil eine Farce. Heinrichs Minister, der große Kardinal Wolsey,
scheiterte daran. Als Heinrich drängte, machte der Papst
Ausflüchte. Diskret legte er nahe, Heinrich solle sich ohne seine
Billigung scheiden lassen und erneut heiraten – in der Hoffnung,
die Ehe könne später für gültig erklärt werden. »Das hätte keinen
Sinn«, erklärte Heinrich. »Die Ehe und die Erben müssen
unmißverständlich legitim sein.« Um dem Papst Angst einzujagen,
befahl Heinrich der Kirche Englands, ihm die Gerichtshöfe zu
unterstellen, und unterband ihre Steuerzahlungen an Rom. Doch der
Pontifex maximus war immer noch hilflos in den eisernen Klauen der
Habsburger gefangen.
Im Januar 1533 wurde die Zeit schließlich knapp: Anna war
schwanger. Mit der Hilfe eines neuen Erzbischofs, Thomas Cranmer,
der Heinrich recht gab, schritt der König zur Tat. Cranmer, allein
auf die Autorität der englischen Kirche gestützt, annullierte die
Ehe mit Katharina und traute den König und Anna Boleyn. Viele
protestierten. Der alte Bischof von Rochester, John Fisher,
weigerte sich, die Ehe zu sanktionieren. Thomas Morus, früherer
Lordkanzler, schwieg mißbilligend. Eine religiöse Fanatikerin, die
heilige Maid von Kent, prophezeite den Tod des gottlosen Königs und
wurde wegen Hochverrats verhaftet. Der Papst, der Cranmer im Amt
bestätigt hatte, zögerte zu erklären, ob er der neuen Eheschließung
zustimmte oder nicht.
Was sollte ein frommes, gebildetes Ehepaar wie Rowland und
Susan Bull davon halten? Ihr vorbildlicher katholischer König war
vom Papst abgefallen. Sie verstanden die politischen Interessen,
die im Spiel waren. Der Glaube als solcher war eigentlich nicht
betroffen. »Am Ende wird es eine Lösung geben«, erklärte Rowland.
Vor allem nach der wunderbaren Neuigkeit dieses Tages, dachte er,
als er mit Thomas Meredith durch den Torbogen schritt. Die
Astrologen hatten es vorhergesagt, und gerade an diesem Morgen
hatten die Ärzte eindeutig erklärt, das ungeborene Kind sei ein
Junge. England würde endlich einen Erben haben. So eilte Rowland
Bull voller Glück im Herzen hinaus, um seine Frau zu suchen.
Der Garten schien sehr still zu sein, als Susan Bull ihn
betrat. Sie war einige Schritte gegangen, als sie den Mann und die
Frau sah. Sie waren rechts von ihr in einer Laube, und sie blickten
sie an. Die Frau – eindeutig eine Hofdame. Ihr blaues Seidenkleid
war bis über die Taille nach oben geschlagen; die weißen Strümpfe
bis unter die Knie heruntergerollt. Ihre Beine umschlangen die
Lenden eines großen Mannes, der sie festhielt. Der Mann war
vollständig angezogen, nur die leuchtendfarbige Klappe seines
Hosenbeutels war geöffnet. Ein praktischer Aspekt dieses Teils der
Männertracht.
König Heinrich VII. von England hatte das an diesem Nachmittag
praktisch gefunden. Leider hatte er sich, als er so in flagranti
ertappt wurde, automatisch zurückgezogen, so daß Susan Bull nun auf
den König in seiner Nacktheit starrte. Und er starrte sie an. Sie
war so bestürzt, daß sie sich nicht von der Stelle rührte. Die
Frau, die von ihr erwartete, daß sie sich diskret entfernte, hatte
ihre Stellung nicht verändert, ließ nun aber mit einem verärgerten
Blick die Beine sinken, während König Heinrich sich ruhig zu ihr
umwandte. Was sollte sie tun? Es schien zu spät, um einfach
davonzulaufen. Sollte sie einen Knicks machen? Sie fühlte sich wie
gelähmt. Und dann sprach König Heinrich.
»Nun, Mistress. Heute hat Sie den König gesehen.«
Sie begriff, daß dies der Augenblick war, um etwas Amüsantes
zu sagen, damit die Sache auf elegante Weise abgetan war. Sie
zermarterte sich das Hirn, doch ihr fiel nichts ein. Schlimmer:
Gedankenlos hatte sie ihre Augen wandern lassen. Und während ihr
Blick weiter nach unten glitt und sie sich an den Ruf des Königs
als Liebhaber erinnerte, ertappte sie sich bei dem Gedanken: Er ist
nicht anders als mein Mann. Tatsächlich eher kleiner. Und noch
etwas bemerkte sie. Heinrichs Hemd war teilweise aufgegangen. Die
prächtige Gestalt, an die sie sich erinnerte, als er sie als Kind
hochgehoben hatte, war noch erkennbar, doch die Zeit war nicht
spurlos an Heinrich vorübergegangen; die fünfundachtzig Zentimeter,
die seine Taille während der Blüte seiner Jahre gehabt hatte, waren
nun auf fast einen Meter vierzig angewachsen, und der dicke,
haarige, überhängende Bauch, auf den sie einen Blick erhaschte,
wirkte nicht sehr reizvoll. Sie blickte in sein Gesicht.
Heinrich grinste. Diese Art von Blick kannte sie. Die meisten
Fürsten hatten Mätressen; das war zu erwarten. Doch dies war etwas
anderes. Nach all den Schwierigkeiten, dem Beiseiteschieben seiner
treuen Gattin, dem Problem mit dem Papst, der Eheschließung mit
Anna – und nun, da der entscheidende Erbe demnächst geboren werden
würde und seine neue Königin wahrscheinlich keine hundert Meter
entfernt war, frönte dieser übergewichtige König einer flüchtigen
Leidenschaft, in einem Garten, wo jedermann ihn sehen konnte. Sein
Blick war das gierige Grinsen eines Lüstlings. Der heroische,
fromme König, den sie verehrt hatte, war plötzlich ein Schatten;
sie erkannte, daß er nur vulgär war. Sie fühlte sich
abgestoßen.
Heinrich sah es. Gelassen befestigte er den Hosenbeutel,
während die Dame mit geübter Schnelligkeit ihr Kleid in Ordnung
brachte. Als Heinrich wieder aufsah, war das Grinsen verschwunden.
Er starrte Susan an. »Wir kennen diese Dame nicht«, erklärte er und
fügte laut hinzu: »Aber Wir mögen sie nicht!« Susan spürte, wie ihr
kalt wurde.
»Wie heißt Sie?«
Hatte sie eben die Laufbahn ihres Mannes ruiniert, bevor sie
überhaupt begonnen hatte? »Susan Bull, Sire.« Sie sah, wie er die
Stirn runzelte. Er hatte ein ausgezeichnetes Gedächtnis, doch der
Name Bull schien ihm nichts zu bedeuten. »Und Ihr Mädchenname?«
fragte er.
»Meredith, Sire.« Hatte sie ihren Bruder ebenfalls zugrunde
gerichtet?
»Thomas Meredith ist Ihr Bruder?« Sie nickte. »Ihr Vater war
unser Freund. Ist Sie unsere Freundin?« Sie sank in einen tiefen
Knicks. »Mein Leben lang war ich die Freundin Ihrer Majestät«,
erwiderte sie. »Sorge Sie dafür, daß Sie es bleibt«, erklärte
Heinrich und bedeutete ihr, daß sie sich zurückziehen solle. Doch
dann beschloß er plötzlich, das Gespräch weiterzuführen. »Es war
nicht recht, daß Sie uns auf eine solche Weise überrascht hat«,
bemerkte er ernst. Es war ein milder, aber doch bestimmter Tadel.
Susan wurde klar, daß der Vorfall im Gedächtnis des Königs von
diesem Moment an als durch sie und keinesfalls durch ihn
verschuldet gespeichert werden würde. Sie begann sich zu
entfernen.
Als sie gerade den Eingang des Gartens erreicht hatte, drehte
sie sich um, und da sie ihn ihrer Untertanentreue versichern
wollte, stieß sie hervor: »Ich habe nichts gesehen, Sire.« Im
selben Augenblick, als sie das sagte, erkannte sie ihren Fehler.
Mit ihren unbesonnenen Worten hatte sie ihm zu verstehen gegeben,
daß er etwas zu verbergen hatte, daß sie, wenn auch nur für einen
Augenblick, eine moralische Überlegenheit über ihn gehabt hatte.
Das war eine Impertinenz; und es war gefährlich. Er blickte finster
und winkte sie fort; jämmerlich verwirrt wich sie zurück und
wünschte, der Boden von Hampton Court würde sie verschlingen.
Während sie davonging, zitterte sie, denn in diesem furchtbaren
Augenblick hatte sie entdeckt, daß sich hinter dem Pomp und der
frommen Fassade im Zentrum des Königreichs eine abscheuliche
Verderbtheit verbarg.
Dan Dogget versuchte gefaßt auszusehen;
doch unter den gegebenen Umständen war das nicht einfach. Es war
ein bewölkter Septembertag; ein schneidender Wind wehte über die
Hafenanlagen von Greenwich, und das graugrüne Wasser der Themse war
bewegt. Nichts hatte sich in den letzten Wochen verändert. Margaret
und die Kinder hatten sich in Hampton Court gut eingelebt, aber er
hatte immer noch keinen Platz für seinen aufsässigen alten Vater
gefunden.
Sechs Wochen war es her, daß er Meredith zusammen mit zwei
Familienmitgliedern eines Augustabends von Hampton Court nach Hause
gerudert hatte. Er hatte sofort vermutet, daß Meredith ein Mann mit
Zukunft war. Am Ende der Fahrt hatte er seine Dienste erneut
angeboten, und schon bald war er Merediths regelmäßiger Bootsführer
geworden. Er hatte das Boot frisch gestrichen und darauf geachtet,
daß er bei jeder Gelegenheit adrett gekleidet war; und der junge
Mann schien mit dem Arrangement zufrieden. Vor einer Woche hatte
Meredith beiläufig bemerkt, es wundere ihn, daß ein so
gutaussehender Bursche nicht auf einer der eleganteren Barken
arbeite. Während der Fahrt von Chelsea in die Stadt hatte Dan seine
mißliche Lage erklärt. Meredith hatte nichts gesagt, aber zwei Tage
später hatte er auf dem Weg von Greenwich nach Westminster erklärt:
»Und wenn ich Euch helfen könnte, braver Mann, wie würdet Ihr mir
dienen?«
»Sir«, erwiderte Dan eifrig, »ich würde alles tun, was Ihr
verlangt. Aber ich glaube«, fügte er bedauernd hinzu, »daß Ihr mir
nicht helfen könnte, eine Prunkbarke zu bekommen.« Der junge
Höfling lächelte. »Mein Herr«, erwiderte er, »ist Minister
Cromwell.« Mit seinem eckigen Kinn und dem mürrischen Blick war
dieser Mann gedrungen wie ein Felsblock; jedermann wußte, daß es
Thomas Cromwell war, der England für den König regierte. Dan war
nicht klar gewesen, welch gute Beziehungen der junge Mann hatte.
Als Meredith heute morgen beiläufig bemerkte: »Heute habe ich
vielleicht Neuigkeiten für Euch«, ließ er den Fährmann aufgeregt
zurück.
Wenn Dan Dogget die beiden großen Tudorpaläste an der Themse
betrachtete, zwischen denen er seinem Beruf nachging, schienen sie
ihm wie zwei verschiedene Welten. Hampton, fast zwanzig Meilen
flußaufwärts inmitten seiner üppigen Wiesen und Wälder gelegen,
machte den Eindruck, weit im Landesinneren zu sein. Aber sobald er
am Tower vorbeikam und in die breite Windung des Flusses nach Osten
einbog, holte er stets tief Atem und meinte eine salzige Brise zu
riechen; dann war er auf dem Weg zum offenen Meer, wo alles möglich
war.
In dieser erfrischenden Luft lag der Palast von Greenwich.
Neben dem alten Weiler erstreckten sich die braunen Ziegelmauern
und Türme des Palastes entlang des Wassers. Er hatte einen großen
Turnierhof – denn obwohl schwere Rüstungen seit den Rosenkriegen
aufgrund verbesserter Feuerwaffen veraltet waren, hatte Heinrich
eine Vorliebe für den gefährlichen, prunkvollen Turniersport, an
dem er selbst teilnahm. An der Ostseite des Palastes befand sich
eine riesige Waffenkammer, ein wenig weiter flußaufwärts lag
Deptford, die neue Werft der Tudors, in der Hochseeschiffe
ausgestattet wurden.
Thomas Meredith' Laufbahn machte gute Fortschritte. Dank einer
jüngst geschlossenen Freundschaft mit dem neuen, noch jungen
Erzbischof Cranmer hatte man ihm heute bei der Taufe des
königlichen Säuglings in der Kapelle des GreenwichPalastes einen
bevorzugten Platz zugewiesen. Zusammen mit mehreren anderen
Höflingen stand Thomas mit einem Handtuch am Taufbecken, um den
nackten Säugling aufzunehmen. Cranmer war Taufpate. Man gab dem
Kind einen klangvollen und königlichen Namen: Elisabeth.
Die Geburt des ungeduldig erwarteten Erben war eine
unangenehme Überraschung gewesen: Es war ein Mädchen. Königin Anna
Boleyn war peinlich berührt; der Hof war bestürzt; Heinrich machte
die beste Miene, die ihm möglich war. Das Kind war kräftig, und es
würden weitere kommen. In der Zwischenzeit galt der Säugling in den
Augen der Kirche von England als Thronerbe, da Cranmer Prinzessin
Maria durch die Annullierung der ersten Ehe des Königs formal für
unehelich erklärt hatte. Der Papst hatte immer noch keine
Entscheidung über die beiden Ehe des Königs bekanntgegeben.
Meredith lächelte, als er unter dem erwartungsvollen Blick des
Fährmanns auf das Fährboot zuging. Ohne ein Wort nahm er seinen
Sitz ein, und Dogget legte ab. »Nun, guter Mann, sucht Ihr immer
noch ein Boot?« fragte Meredith.
»Ja, Sir. Aber was für eines?«
»Nun, die Prunkbarke des Königs«, antwortete der
Höfling.
Dogget starrte mit offenem Mund auf Meredith. Der König reiste
ständig den Fluß auf und ab; Greenwich war seine Lieblingsresidenz,
und gelegentlich fuhr er nach Richmond und Hampton Court.
»Vielleicht finde ich auch eine Unterkunft für Euren Vater«, fuhr
Meredith fort.
Hätte man Meredith gefragt, warum er, ein junger Mann, der
bereits mit den größten Männern des Königreichs befreundet war,
sich um einen einfachen Fährmann kümmerte, hätte er geantwortet, es
sei der Instinkt eines Höflings, daß man nie zu viele Freunde haben
konnte. Wer weiß, welchen Dienst ihm dieser Bursche irgendwann in
der Zukunft als Gegenleistung erweisen konnte? Die Kunst bestand
darin, Dutzende solcher Leute, an die man sich im Notfall wenden
konnte, an jedem nur denkbaren Ort zu haben.
»Ich stehe tief in Eurer Schuld«, erklärte Dogget voller
Scheu.
Eine Woche später hielt Meredith sein Wort. Zu dieser Zeit
wurde wohl in ganz London kein Ort mehr respektiert als das große
Kloster mit seinen grauen Mauern, das ein wenig östlich des alten
St. Bartholomew's Hospital außerhalb der Stadtmauer lag. Neben den
Gemeinschaftsgebäuden befand sich ein großer Hof, umgeben von
kleinen Häusern mit jeweils einem eigenen kleinen Garten. Jedes
Häuschen war die Zelle eines Mönches. Die Bewohner, die Kartäuser,
waren nicht der älteste Orden, aber anders als die meisten anderen
Orden waren sie nie in einen Skandal verwickelt. Ihre Regeln waren
streng. Außer an Sonntagen herrschte Schweigegebot. Ohne die
Erlaubnis des Priors gingen die Mönche nicht aus; sie waren über
jeden Vorwurf erhaben. Dies war das Charterhouse.
An diesem sonnigen Tag bildete sich außerhalb seines Torwegs
eine seltsame kleine Prozession, angeführt von Thomas Meredith.
Hinter ihm ging ein Paar, das bis vor kurzem einen Verkaufsstand in
der nahen Straße gehabt hatte – ein einträgliches kleines
Unternehmen, das Kruzifixe, Rosenkränze und eine prächtige Sammlung
bunt bemalter Gipsfiguren verkaufte. Der Mann, Fleming war sein
Name, war mittelgroß und hatte ein hohlwangiges Gesicht; seine
Frau, ebenso groß wie er und korpulent, pries den Höfling und die
Mönche für ihre wunderbare Güte gegenüber ihrem Vater. Ganz am
Schluß, fest am Arm gehalten von Daniel, der jetzt die Livree der
königlichen Fährmänner trug, kam Will Dogget. Seine Haltung war
mittlerweile etwas krumm, und obwohl er ein sauberes Hemd und eine
saubere Jacke trug, wirkte der alte Mann ein wenig unsolide, so,
als könne er, nachdem er ein Leben lang fröhlich das getan hatte,
was er wollte, jeden Augenblick Reißaus nehmen und wieder seinem
Vergnügen nachjagen. Doch nun sollte er im Charterhouse
wohnen.
Es gab kein Kloster in London, von dem nicht eine gewisse Zahl
von Menschen abhängig war. Ruinierte Adlige, die ein stilles Leben
in möblierten Mönchszellen führten; Witwen, die sich um die Wäsche
kümmerten oder die Kreuzgänge fegten; und schließlich die Rotten
hungriger Menschen, die jeden Tag an der Klosterpforte ein Essen
bekamen.
Obwohl sein Bruder Peter noch nicht in das Londoner
Charterhouse zurückgekehrt war, kannte Thomas Meredith dort einige
Mönche, so daß er um einen Platz für den alten Mann bitten konnte.
Er sollte zusammen mit zwei anderen alten Männern in einer Zelle
schlafen und im Garten arbeiten.
»Benimm dich nun gut«, ermahnte Dan seinen Vater. »Wenn man
dich hier hinauswirft, nehme ich dich nicht zurück zu mir.« Bevor
er das Haus verließ, trat er zu Meredith und verbeugte sich vor
ihm. »Wie kann ich Euch das vergelten, Sir?«
Meredith lächelte. »Mir wird etwas einfallen«, erwiderte
er.
Auch für Susan begann eine glückliche Zeit.
Im Spätsommer bezogen sie und Rowland ein kleines Haus in Chelsea.
Ein reizendes Haus, gebaut aus Ziegeln, mit Eichenbalken und einem
ziegelgedeckten Dach. Das obere Geschoß hatte zwei Zimmer und eine
Dachstube; außerdem waren Nebengebäude vorhanden, und ein hübscher
Garten führte hinab zum Ufer des Flusses.
Während der ersten Wochen, in denen Rowland für den
Lordkanzler arbeitete, hatte sie oft an ihr Zusammentreffen mit dem
König gedacht. War es ein Fehler gewesen, es Rowland zu
verheimlichen? Im Laufe der Zeit legten sich ihre Ängste
allmählich. Wenn Rowland von Westminster heimkam, erzählte er stets
nur, wie freundlich man ihn dort behandelte. Das Haus war
wunderbar, und ihr neues Einkommen verlieh ihr ein Gefühl des
Behagens, das sie zuvor nie gekannt hatte. Auch die Kinder waren
glücklich. Allmählich begann sie die ganze Sache aus dem Gedächtnis
zu streichen.
Ihre älteste Tochter Jane, nur zehn Jahre alt, war ihre größte
Hilfe im Haushalt; doch jeden Tag ließ Susan sie drei Stunden mit
ihren Büchern arbeiten, während die beiden kleinen Mädchen
spielten. Jane beherrschte Latein bereits ganz gut.
Am meisten liebte sie es, den kleinen Jonathan zu beobachten.
Die Mädchen waren alle blond, er jedoch mit seinem dunklen Haar und
dem blassen, konzentrierten Gesicht war deutlich eine achtjährige
Ausgabe seines Vaters. Er ging in Westminster zur Schule. Oft nahm
sein Vater ihn morgens mit, und sie sah ihnen nach, wie sie Hand in
Hand die Straße entlanggingen oder wie Rowland, wenn er das Pferd
nahm, den Jungen vor sich auf den Sattel setzte. Dann überkam sie
manchmal eine solche Welle von Glück und Zuneigung, daß sie einen
Kloß im Hals spürte.
Peter war immer noch fort, und seine Gesellschaft und seinen
klugen Rat vermißte sie sehr. Doch ihr Bruder Thomas begann seinen
Platz einzunehmen. Rowland brachte ihn oft mit nach Hause, wo er
gerne mit den Kindern spielte. Manchmal, wenn sie zu dritt vor dem
Feuer saßen, sprachen sie über Religion. Susan spürte, daß hinter
Thomas' unbekümmertem Tonfall und all seiner Weltlichkeit ein
Bedürfnis nach einem einfachen Glauben steckte, das sie zuvor nicht
bemerkt hatte, und sie mochte ihn dafür um so lieber. Manche seiner
Ansichten über die Nachlässigkeit und den Aberglauben, die sich in
der Kirche breitgemacht hatten, konnte sie fast teilen. Obwohl er
manchmal zu weit ging.
»Ich kann nicht verstehen, mit welchem Recht wir den Gläubigen
eine englische Bibel vorenthalten«, sagte er etwa. »Ich weiß,
Rowland, du wirst auf die Lollarden verweisen und sagen, daß das
Volk, wenn es sich selbst überlassen wird, in die Irre geht. Aber
ich kann dir nicht zustimmen.«
»Luther hat als Reformator begonnen und als Ketzer geendet.
Dazu kommt es, wenn Menschen sich gegen die Weisheit und Autorität
von Jahrhunderten auflehnen«, antwortete Rowland.
»Die Reformatoren wollen, daß jedermann vollkommen ist«,
klagte Susan. »Doch Gott belohnt uns alle dafür, daß wir unser
Bestes tun.«
»Auf die eine oder andere Weise wird eine Reform kommen,
Schwester«, antwortete Thomas. »Es muß sein.«
»Zumindest eines ist sicher«, lächelte Rowland. »Wenn es nach
König Heinrich geht, wird es in England keine Protestanten geben.
Er verabscheut sie.«
Wie froh Thomas Meredith auch war, den Menschen, die ihm
nahestanden, Freude zu bereiten, so beschäftigte ihn doch eine
Zusammenkunft ganz anderer Art, die zwei Tage vor der königlichen
Taufe stattgefunden hatte. Ein streng vertrauliches Treffen mit
Cromwell, seinem Dienstherrn.
Der königliche Minister faszinierte Meredith. Nichts wies
darauf hin, daß der engste Ratgeber des Königs der Sohn eines
bescheidenen Brauers war. Er war nicht wie Bull durch seine
Gelehrsamkeit aufgestiegen, sondern durch seine skrupellose Art,
alle Angelegenheiten anzupacken. Trotzdem hatte er sich eine Art
geheimnisvoller Zurückhaltung bewahrt, hinter der sich vielleicht
eine bestimmte Überzeugung verbarg. Nur sehr wenige Menschen,
dachte Meredith, bekamen auch nur einen flüchtigen Eindruck
davon.
Sie befanden sich allein in einem Raum im oberen Geschoß, als
der königliche Minister ihm zuflüsterte, er habe Neuigkeiten aus
Rom. »Der Papst wird den König exkommunizieren«, teilte Cromwell
dem jungen Mann mit. Thomas zeigte sich besorgt, doch Cromwell
zuckte nur die Achseln. »Nach allem, was Heinrich getan hat, bleibt
dem Papst nichts anderes übrig, um sein Gesicht zu wahren. Aber
trotzdem sagt Seine Heiligkeit immer noch nicht, wer seiner Meinung
nach Heinrichs legitime Gattin ist.« Es lag auf der Hand, daß der
Minister mit dieser Mitteilung eine bestimmte Absicht verfolgte.
Meredith spürte den Blick aus Cromwells kleinen Augen wie
Stechzirkel auf sich gerichtet. »Sagt mir, was Ihr von dieser
Neuigkeit haltet«, fragte Cromwell.
»Ich bedaure es, wenn irgendein Mensch, und sei es der Papst,
nicht mit meinem Herrn, dem König, übereinstimmt.«
»Gut. Ihr wart in Cambridge?« Thomas nickte. »Ein Freund von
Cranmer?« Dem Minister entging nichts. Thomas bejahte, und Cromwell
schien zufrieden. »Sagt mir, diese Nachricht, der König werde
exkommuniziert – ist sie gut oder schlecht?«
»Vielleicht ist es eine gute Nachricht«, antwortete
Meredith.
Cromwell knurrte, und beide Männer wußten, daß dies eine
Herausforderung war. Der Minister hatte ihm sein Vertrauen bekundet
und auf das Geheimnis angespielt, das sie wohl seit langem teilten,
obwohl sie es nie laut ausgesprochen hatten. Das Geheimnis, das
Meredith seiner Familie nicht eröffnen konnte; das Geheimnis, das
Cromwell dem König nicht eröffnen konnte.
1534
Während dieses ersten Jahres in Chelsea war
Susans Seelenfrieden nur einmal bedroht, und mit dieser Sache war
sie recht gut fertig geworden. Im April kam ein Bote vom
Charterhouse mit einem Brief von Peter aus Rom, in dem er erklärte,
er könne erst in einigen Monaten nach London zurückkehren, da er in
Italien krank geworden sei. Traurige Nachrichten, doch sie wurden
aus ihren Gedanken verscheucht, als ihr Gatte während des
Nachmittags betrübt auf ihr Haus zugeritten kam, begleitet von
Thomas, der ungewöhnlich ernst aussah. Sie lief hinaus, um sie zu
begrüßen.
»Was ist? Gibt es Schwierigkeiten?« fragte sie Rowland.
»Nein«, antwortete Thomas. »Aber morgen vielleicht.«
Da Susan entschlossen war, ihre Kinder in einer Atmosphäre des
Friedens großzuziehen, hielt sie sich absichtlich von allen
weltlichen Angelegenheiten fern. Die politischen Ereignisse der
letzten Monate bedauerte sie zwar, doch sie waren ihr nicht
besorgniserregend erschienen. Der Papst war schließlich gezwungen
worden, zwischen der mächtigen Habsburgermonarchie und dem
englischen König zu wählen, und hatte widerwillig Heinrichs
Exkommunikation verkündet. Im März hatte er bedauernd erklärt, die
spanische Katharina und nicht Anna Boleyn sei die legitime Frau des
Königs. Heinrich war darauf gefaßt; sein Minister Cromwell legte
dem Parlament ein bereits aufgesetztes Erbfolgegesetz vor, das
rasch verabschiedet wurde. Zugleich sollte ein Eid abgelegt werden,
der Annas Kinder als rechtmäßige Erben erklärte, mit einer
Präambel, die dem Papst die Autorität aberkannte, an diesen
Festsetzungen etwas zu ändern.
»Wir können keinen Zweifel an der Erbfolge dulden«, erklärte
Heinrich. »Meine Untertanen müssen alle den Eid leisten.« In London
sollten die Ratsherren jedem Bürger den Eid vorlegen und dann in
Greenwich Bericht erstatten; anderswo sollten sich Cromwells Beamte
darum kümmern.
Susan hielt die Angelegenheit für unangenehm, aber notwendig.
Besser eine klare Erbfolge als ein Streit um die Krone, meinte sie,
und so dachten die meisten. Die Londoner mochten vielleicht murren,
aber soweit sie wußte, weigerte sich niemand, dem Gesetz des Königs
zu gehorchen. Daher war es ein Schock für sie, als Rowland, kaum
daß die beiden Männer eingetreten waren, ausrief: »Es ist der Eid.
Drei Männer haben ihn verweigert. Man hat sie in den Tower
gebracht. Ich soll ihn morgen ablegen.«
»Und er glaubt«, fügte Thomas hinzu, »daß er ihn ebenfalls
verweigern sollte.«
Susan fühlte sich plötzlich schwach. »Wer sind die drei
Männer?« fragte sie. Ein gewisser Doktor Wilson, sagten sie ihr;
sie hatte nie von ihm gehört.
Und auch der alte Bischof Fisher. Da er der einzige Bischof
war, der sich geweigert hatte, Heinrichs neue Ehe zu sanktionieren,
konnte der fromme alte Mann seine Meinung nun kaum ändern. Doch der
dritte Name ließ sie den Mut verlieren: »Sir Thomas Morus.« Sie
wußte, daß der frühere Kanzler, ein Gelehrter, Schriftsteller,
Rechtsanwalt und äußerst strenger Katholik, für Rowland ein Mann
war, den man bewundern und dem nach nachfolgen mußte. »Was wird mit
ihnen geschehen?« fragte sie.
»Laut Gesetz ist es nicht Hochverrat, den Eid zu verweigern«,
erwiderte Thomas. »Aber zweifellos werden sie eine Weile im Tower
sitzen. Jeder, der ihrem Beispiel folgt… vorbei ist es mit seiner
Position. Vorbei mit all diesem hier.« Er wies auf ihr geliebtes
Haus. »Auch für mich als Schwager ist es unangenehm.«
»Aber schließlich ist Morus Anwalt. Er muß seine Gründe
haben«, meinte Rowland. Susan schnaubte voll Abscheu. Denn so fromm
sie auch war, gab es doch in London einen Mann, gegen den sie eine
tiefe Abneigung gefaßt hatte, und das war Sir Thomas Morus.
Die Geschichte behandelt Sir Thomas Morus, nicht ohne Grund,
häufig freundlich. Doch zu seinen Lebzeiten war die Abneigung, die
Susan verspürte, wohl eher die Regel. In ihrem persönlichen Fall
gab es mehrere Gründe dafür. Seit er sich vor zwei Jahren
zurückgezogen hatte, verbrachte er die meiste Zeit in seinem Haus
am Fluß in Chelsea, kaum eine halbe Meile von ihrem eigenen
entfernt. Während Susan seine geschäftige Frau und andere
Mitglieder seiner umfangreichen Familie häufig sah, bekam man den
großen Mann, der eifrig schrieb, nur selten zu Gesicht. Und obwohl
Leute, die ihn kannten, sagten, er sei liebenswürdig und
geistreich, fand sie die bleiche Gestalt mit dem ergrauenden Haar
bei den wenigen Gelegenheiten, wenn sie ihm begegnete, recht
unnahbar, und zudem spürte sie, daß er eine geringe Meinung von
Frauen hatte. Doch ihre eigentliche Abneigung gegen ihn ging auf
seine Zeit als Kanzler zurück. Damals war eine beunruhigende Seite
seines Charakters offenkundig geworden.
Er empfand eine leidenschaftliche Abneigung gegen Ketzer.
Obwohl er nicht die heiligen Weihen empfangen hatte, ernannte er
sich mehr oder weniger selbst zum religiösen Wachhund des Königs.
Als leidenschaftlicher Anwalt gefiel es ihm, sowohl die Rolle des
Anklägers als auch die des Richters zu übernehmen. Hin und wieder
wurden Personen, die man der Häresie verdächtigte, zum Verhör, das
er oft selbst führte, nach Chelsea gebracht. Seine Integrität und
sein Intellekt wurden nie angezweifelt, doch Susan hielt ihn für
besessen. Anders als andere Länder hatte England glücklicherweise
kaum Ketzerverfolgungen erlebt. »Morus ist ein Eiferer«,
protestierte sie daher nun.
»Überleg doch«, warf Thomas ein. »Dieser Eid ist keine
Glaubensangelegenheit; er betrifft lediglich die Erbfolge. Und er
wurde vom Parlament verfügt. Willst du dich gegen das Parlament
stellen?« Das war die richtige Tonart in der Sache – die Tonart,
die Cromwell so umsichtig angeschlagen hatte.
Das englische Parlament war immer noch stark mittelalterlich
geprägt. Für einen mächtigen König wie Heinrich hatte es jedoch
einen besonderen Nutzen: Es konnte den königlichen Willen
bestätigen. Wenn das Oberhaus, in dem auch die Bischöfe und Äbte
saßen, und das Unterhaus sich gemeinsam äußerten, wer konnte dann
leugnen, daß dies die vereinte Stimme, weltlich und geistlich, des
ganzen Königreichs war?
»Aber es geht um die Präambel«, wandte Rowland ein. »Leugnet
sie nicht die Autorität des Papstes über das Sakrament der
Ehe?«
»Man kann dieser Ansicht sein«, räumte Thomas ein. Tatsächlich
war die Formulierung ein sorgfältig ausgearbeiteter Kompromiß
zwischen Cromwell und den Bischöfen, und die genaue Bedeutung war
absichtlich unklar. »Aber die Bischöfe akzeptieren sie. Und wir
alle wissen, daß die Sache aufgrund der unmöglichen Lage, in der
der König und der Papst sich befinden, notwendig ist.«
Das war ein gewichtiges Argument, und Susan sah, wie ihr Mann
zögerte. »Du mußt den Eid leisten«, erklärte sie fest. »Du kannst
nicht deine Laufbahn und deine Familie vernichten. Nicht
dafür.«
»Ich vermute, du hast recht.« Rowland nickte.
Hatte sie wirklich recht? fragte sich Susan. Oder sagte ihr
Instinkt ihr, daß Fisher und Morus den wesentlichen Kern der Sache
richtig erkannt hatten?
Obwohl Rowland, nachdem Thomas gegangen war, nach außen hin
ruhig schien, verriet ihr seine Blässe, daß sein Gewissen ihn
quälte. Und sie wünschte, sie könnte ihm etwas sagen, das seine
Seele zur Ruhe bringen würde.
Sie war froh, als früh am nächsten Morgen aus dem Dunst über
dem Fluß ein Boot auftauchte; ein paar Minuten später begrüßte sie
ihren Bruder an der Tür.
»Ich bin gestern abend im Charterhouse gewesen«, berichtete
Thomas.
»Sie leisten alle den Eid.« In Wahrheit hatten die strengen
Kartäuser nur unter großen Vorbehalten zugestimmt, doch er sah
keine Notwendigkeit, darauf näher einzugehen. »Wenn das
Charterhouse, in das Peter eintreten wird, das tun kann, dann
kannst du es auch.«
Rowlands Gesicht entspannte sich. Gott sei Dank, dachte Susan,
haben wir Thomas.
Als Dan Dogget sich eines schönen
Maimorgens zum Dienst meldete, bot er wie immer einen attraktiven
Anblick. Er trug eine rote Jacke mit Goldlitzen, eine weiße Hose,
glänzende schwarze Schuhe mit Silberschnallen und auf dem Kopf eine
kleine spitze Kappe aus schwarzem Samt: Die Sommerlivree der
königlichen Fährmänner stand seiner imposanten Gestalt sehr gut. Er
war bestürzt, als der Bootsmeister, kaum daß er am Hafen von
Greenwich angelegt hatte, zu ihm sagte: »Ihr habt heute frei,
Dogget. Ich habe hier eine Nachricht, daß Ihr zum Charterhouse
gehen sollt. Es scheint, daß es Ärger mit Eurem alten Herrn
gibt.«
Als Dan im Kloster ankam, wurde er vom Unterprior erwartet,
und auch seine Schwester war da. »Der Prior ist höchst verärgert«,
teilte ihm der Mann mit. Für die Mönche des Charterhouse war es ein
Ereignis gewesen; die Jüngeren hatten so etwas noch nie gesehen.
Ein volltrunkener Will Dogget war immer noch eine einprägsame
Gestalt. Er war in eine Schenke in der Nähe gegangen und hatte dort
ein paar Bekanntschaften geschlossen, die ihm etwas zu trinken
spendierten. Dort und in weiteren Wirtshäusern hatte er ein paar
Stunden lang gezecht. Nach mehr Alkohol, als er viele Monate lang
gehabt hatte, machte er sich auf den Rückweg ins Charterhouse. Es
war dunkel, und das große Außentor war geschlossen, als Will
angetaumelt kam. Als auf sein Gehämmer niemand öffnete, beschloß er
auszuprobieren, ob er das Klostertor eintreten konnte. Als ein
bestürzter junger Mönch schließlich herbeieilte, hatte der alte
Mann ein paar Strophen von Fährmannsliedern gegrölt, die man im
Charterhouse nie zuvor gehört hatte.
»So etwas können wir nicht zulassen«, erklärte der Unterprior.
Man hätte den alten Mann schon am Morgen hinausgeworfen, wenn seine
Tochter nicht bei allen Heiligen, deren Bilder sie verkaufte,
geschworen hätte, daß sie nichts für ihn tun könne.
Als Dan auf seinen Vater zukam, warf Will ihm einen halb
vorwurfsvollen, halb schuldbewußten Blick zu. »Tja«, seufzte er,
»deine Schwester will mich nicht aufnehmen. Die Mönche sagen, ich
muß wieder bei dir wohnen.«
»Das geht nicht«, erwiderte Dan fest. »Ich habe keinen Platz.«
Schließlich kam Hilfe vom Prior selbst. »Dieses Kloster leistet
ernsthafte Werke. Euer Vater kann nur unter der Bedingung bleiben,
daß er innerhalb unserer Pforten bleibt.«
Daß Rowland, obwohl seine Laufbahn und
seine Heirat ihm Eintritt in die vornehmen Kreise der Gesellschaft
verschafft hatten, sich nicht im geringsten seiner Familie von
Brauern schämte, war eine der Eigenschaften, die Susan an ihm
mochte: Alle paar Monate statteten sie der alten Brauerei in
Southwark einen Besuch ab. Bei einer dieser Gelegenheiten wurden
sie von Thomas begleitet, und nachdem sie ihm das weitläufige
Gelände gezeigt hatten, das die Brauerei nun umfaßte, begab sich
die Familie in das alte Gasthaus, in das »George«. Susan fühlte
sich recht heiter. Die Gefahr, die sie im April gespürt hatte, war
in den Hintergrund getreten. Ob gerne geleistet oder nicht, kaum
jemand hatte den Suprematseid verweigert; und obwohl Fisher, Morus
und Doktor Wilson immer noch im Tower gefangen waren, hatte man
doch nichts weiter gegen sie unternommen. Auch die Stimmung bei
Hofe war unbeschwerter. »Der König und Königin Anna sind glücklich
zusammen«, berichtete Thomas. »Jedermann ist sicher, daß es früher
oder später einen männlichen Thronfolger geben wird.« Rowlands
Gewissenskrise hatte sich gelegt, und er hatte Freude an seiner
Arbeit.
Sie waren eine fröhliche Gesellschaft, die drei Besucher,
Rowlands alter Vater und seine beiden Brüder. Susan fühlte sich
stets wohl bei den Bulls. Anders als Rowland, der mit seinem
dunklen und schon früh schütter werdenden Haar eher wie ein
keltischer Waliser aussah, waren seine Geschwister dem
ursprünglichen Familientypus nachgeraten, blond, blauäugig, mit
breiten sächsischen Gesichtern. Ihre Ansichten waren gediegen
konservativ; zwar fehlte ihnen Rowlands intellektuelle Begabung,
doch es war offenkundig, daß sie genauso stolz auf ihn waren wie er
auf sie.
Thomas war bester Laune. Lebhaft beschrieb er das fröhliche
Leben bei Hofe, die Turniere, die Kurzweil, die Musik. Rowlands
Vater erkundigte sich neugierig nach dem Maler Holbein, der viele
der größten Persönlichkeiten Englands porträtierte. »Cromwell ist
gern in Gesellschaft von Gelehrten, und Holbein speist oft mit
ihm«, erzählte Thomas. »Aber wißt ihr, wer sein engster Freund ist?
Erzbischof Cranmer!« Er lächelte Susan an. »Wir Hofleute sind nicht
alle so schlecht.«
Sie genossen ihr Beisammensein so sehr, daß sie alle ein wenig
angeheitert waren, als sie am Nachmittag schließlich beschlossen,
auf dem Fluß nach Chelsea zurückzukehren.
Zweifellos hatten die Tudors London ein schöneres Antlitz
gegeben. Als sie an der Mündung des Fleet vorbeikamen, die nun dank
verschiedener Eingriffe schmäler war, blickte Susan beifällig auf
die neue Wasserresidenz des Königs bei Blackfriars, und am anderen
Ufer des Fleet, das man über eine Brücke erreichte, auf den kleinen
Palast Bridewell, der für bedeutende Gäste aus dem Ausland bestimmt
war. Lächelnd betrachtete sie die Einfriedungen des Temple-Bezirks
und die grünen Rasenflächen vor den einzelnen großen Gebäuden, die
alle ihre eigenen Treppen hinunter zum Fluß hatten. Sicher, der
alte Savoy-Palast hatte seine frühere Pracht verloren – er hatte
sich nie mehr von den Zerstörungen durch Wat Tyler und seine
Rebellen vor über einem Jahrhundert erholt und beherbergte nun nur
noch ein bescheidenes Hospital für arme Leute. Aber als sie sich
Westminster näherten, ragte ein weiterer riesiger Gebäudekomplex
auf, der prächtige neue Palast, den König Heinrich Whitehall
nannte.
Als sie an Westminster vorbei waren und auf die Höhe des
erzbischöflichen Lambeth-Palastes am gegenüberliegenden Ufer kamen,
stupste Rowland sie an und deutete hinüber. An seinen Stufen hatte
eine Prachtbarke angelegt, und die Passagiere schritten gerade
durch das große, ziegelrote Pförtnerhaus zum Hauptgebäude.
»Dort geht Cranmer«, sagte er, und Susan beobachtete
neugierig, wie eine große, attraktive Gestalt aus dem Boot stieg.
Doch rasch wurde ihre Aufmerksamkeit von etwas anderem erfaßt. Als
die Männer der Besatzung eine Menge Gepäck ausluden, bemerkte sie,
daß vier von ihnen eine große Kiste trugen, die fast wie ein Sarg
aussah. »Glaubst du, daß jemand gestorben ist?« fragte sie.
Thomas begann zu lachen. »Das ist Cranmers kleines Geheimnis«,
murmelte er. Der Sarg wurde durch das Pförtnerhaus getragen. »Wenn
du mir versprichst, nichts zu verraten«, meinte er vertraulich,
»werde ich dir sagen, was in der Kiste ist. Mistress Cranmer. In
der Kiste ist seine Frau.«
Einen Augenblick lang verschlug es Susan die Sprache.
Natürlich sündigten Priester, aber daß der Erzbischof eine Frau
aushielt… »Cranmer hat eine Mätresse?« fragte sie.
»Keine Mätresse. Sie ist seine rechtlich angetraute Ehefrau.
Seine zweite. Sie wurden getraut, bevor er Erzbischof wurde.«
»Aber weiß König Heinrich davon?«
»Ja. Er billigt es nicht. Aber er mag Cranmer. Und er braucht
ihn, um die Heirat mit Anna Boleyn zu legitimieren. Er hat Cranmer
versprechen lassen, die Sache geheimzuhalten. Deshalb sieht man nie
etwas von Mistress Cranmer. Wenn er reist, wird sie in einer Kiste
transportiert.«
»Sie muß ein loses Weib sein«, erklärte Susan voller
Abscheu.
»Keineswegs«, erwiderte Thomas. »Äußerst respektabel. Cranmer
hat sie geheiratet, als er in Deutschland studierte. Ich glaube,
ihr Vater ist Pastor.«
»Deutschland?« Sie runzelte die Stirn. »Ein lutherischer
Pastor? Willst du sagen, daß diese Frau, die mit unserem Erzbischof
verheiratet ist, eine Lutherische ist? Und Cranmer? Ist er ein
heimlicher Ketzer?«
»Ein gemäßigter Reformator«, versicherte Thomas. »Nicht
mehr.«
»Und der König? Er steht doch nicht heimlich auf der Seite der
Protestanten?«
»Gütiger Himmel, nein!« rief Thomas.
Das Gespräch hatte ihn ernüchtert. Er sah sogar ein wenig
ängstlich aus.
»Und du, Thomas? Was bist du?« fragte Susan.
Er senkte den Blick und antwortete nicht.
Bei Thomas, wie bei vielen anderen, hatte die Konvertierung in
seiner Studentenzeit stattgefunden. Es war nicht ganz korrekt, den
radikalen Wandel in seinen Überzeugungen als Konvertierung zu
bezeichnen, da er nicht tatsächlich zu einem anderen Glauben
übergetreten war. Es war ein schleichender Prozeß. Zuerst war es
der Wunsch des Gelehrten, die Texte der Heiligen Schrift zu klären,
zudem die Verachtung des Verstandesmenschen für Götzenanbetung und
Aberglauben. Aber dahinter lag etwas weit Grundlegenderes und
Gefährlicheres, und zumindest für Thomas konnte die Inspiration zu
diesen anderen Ideen in einem Wort zusammengefaßt werden:
Cambridge.
Von den beiden Universitäten war Cambridge immer radikaler
gewesen als das traditionalistische Oxford. Und als die Männer von
Cambridge, angeregt durch den Renaissancegelehrten Erasmus, ihren
Blick auf den knarzenden alten Koloß der mittelalterlichen Kirche
richteten, wurden selbst die heiligsten Doktrinen kritisch geprüft.
Die zentrale Doktrin der Wandlung – das Meßwunder – wurde
angegriffen. Thomas wußte natürlich, daß Wyclif und die Lollarden
sie in Frage gestellt hatten. Nun leugneten häretische Protestanten
in Europa sie ab. Aber als er einen geachteten Gelehrten in
Cambridge hörte, war er erschüttert.
»Gewährt Gott wirklich jedem Priester zu jeder Zeit ein
Wunder?« hatte der Gelehrte gefragt. »Wie kann die Hostie zugleich
Brot und der Leib Christi sein? All dies ist unnötige Spekulation.
Mein Argument stützt sich auf das, was die Bibel tatsächlich sagt.
Nur in einem der vier Evangelien gebietet Unser Herr seinen
Aposteln, diesen Teil des Letzten Abendmahls zu wiederholen, und Er
sagt lediglich: ›Tut dies zu meinem Gedächtnis.‹ Es ist eine
Gedenkfeier. Warum haben wir dann ein Wunder erfunden?«
Als Thomas Meredith Cambridge verließ, war er nicht länger ein
gläubiger Katholik. Er gehörte zur großen Gruppe der Reformer.
Obwohl Cambridge ihr intellektueller Stützpunkt war, gab es auch um
den aufstrebenden Gelehrten Latimer in Oxford einen kleinen Kreis.
Es gab fortschrittliche Kirchenmänner wie Cranmer, einige führende
Londoner, adlige Sympathisanten am Hof, einschließlich einiger
Verwandten Anna Boleyns, und sogar, wie Thomas festgestellt hatte,
Minister Cromwell. Die Reformer waren die Elite. Die Mehrheit des
englischen Volkes hing an den alten, vertrauten Bräuchen.
»Ich bin nicht sicher, ob ich Lutheraner bin oder nicht«,
hatte Thomas Cromwell vor kurzem gestanden, »aber ich will den
Glauben grundlegend geläutert sehen.« Doch es gab einen einzigen
Mann in England, der die Religion des Volkes ändern konnte: der
König. Wie konnten die Reformer hoffen, den erklärten Verteidiger
des Glaubens in ihr Lager zu ziehen?
»Es ist eine Frage der Gelegenheit«, sagte Cromwell. »Wer
hätte das Ergebnis der Boleyn-Affäre vorhersehen können? Doch für
uns Reformer war es ein erstaunliches Geschenk, weil es den König
veranlaßt hat, mit Rom zu brechen. Darauf können wir bauen.«
»Der König mag zwar Cranmers Richtung tolerieren, weil er ihm
sympathisch ist«, wandte Thomas ein, »doch er scheint Ketzer noch
genauso zu verabscheuen wie früher.«
»Geduld«, brummte Cromwell. »Er kann beeinflußt werden. Ihr
wißt immer noch nichts über Fürsten. Wenn Ihr einen Fürsten
beeinflussen wollt, junger Mann, vergeßt Argumente. Studiert den
Mann. Heinrich liebt Macht, das ist seine Stärke. Er ist ungeheuer
eitel und will als Held dastehen, das ist seine Schwäche. Und er
braucht Geld, das ist sein Dilemma. Mit diesen drei Hebeln können
wir Berge versetzen. Vielleicht sind wir sogar imstande, die
Reformation des Glaubens nach England zu bringen.«
Als Thomas in das besorgte Gesicht seiner Schwester sah,
fragte er sich, was er sagen sollte. Er war ernüchtert genug, um zu
begreifen, daß er bereits zuviel gesagt hatte. Irgendwie mußte er
einen Rückzieher machen. »Ich bin kein Protestant«, versicherte er.
»Noch ist das sonst irgend jemand am Hof. Du machst dir zu viele
Sorgen.«
Doch sie hatte seine Augen gesehen und wußte, daß er sie
belog. Und obwohl sie nichts sagte, bereitete es ihr großen Schmerz
zu wissen, daß sie ihrem Bruder nicht länger trauen konnte, was für
zynische Intrigen auch immer am Hof ablaufen mochten.
Obwohl erschüttert und enttäuscht, ließ
Susan ihre Gedanken doch nicht von dieser Angelegenheit
beherrschen. Da sie immer schon den großen Palast von Greenwich
hatte sehen wollen, begleitete sie Thomas und Rowland, die an einem
Herbsttag, als König Heinrich abwesend war, dort zu tun hatten. Sie
genoß den Tag. Thomas führte sie durch den großen Palast an der
Wasserfront. Er besorgte sogar ein Zimmer innerhalb des Palastes,
in dem sie die Nacht verbringen konnten, bevor sie am nächsten
Morgen nach Chelsea zurückkehrten.
Kurz vor Sonnenaufgang stiegen sie zu dritt den breiten grünen
Hang hinter dem Palast von Greenwich hinauf. Man hatte wahrhaftig
eine wunderbare Aussicht. Im Westen lagen lange Streifen grauer
Wolken mit glänzenden Rändern über dem Horizont. Unter ihr fingen
die Türmchen des Palastes die ersten Sonnenstrahlen auf; links
konnte Susan ganz London sehen, wie es ausgebreitet dalag, und das
goldene Band der Themse. »Sieh nur!« rief Thomas und deutete auf
die Werft von Deptford ein wenig flußaufwärts.
Kein Monarch hatte mehr getan, um eine Flotte aufzubauen, als
Heinrich VIII. von England. Mehrere Schiffe waren erwähnenswert,
darunter die große, sechshundert Tonnen schwere Mary Rose.
Der Stolz seiner Flotte war die Heinrich von Gottes
Gnaden, das mächtigste englische Kriegsschiff, das je vom
Stapel gelaufen war. Dieses gewaltige Gefährt löste sich nun gerade
aus dem Mastenwald der Kaianlagen von Deptford und glitt in den
Fluß.
Während der Viermaster sich zur Strommitte bewegte, stand
Susan wie gebannt. Wie riesig er war. Great Harry nannten
die Seeleute das gewaltige Schiff liebevoll. Und dann entfaltete
die Great Harry plötzlich nicht die alltäglichen, sondern
die zeremoniellen, goldbemalten Segel. Die Sonnenstrahlen tauchten
Schiff und Takelage auf dem dunkel werdenden Fluß in ein
rotgoldenes Licht, so daß es schimmernd wie ein Märchenschiff
dahinglitt. Über eine Minute lang währte dieser Anblick, bis sich
Wolken vor die Sonne schoben. Gerade als die Sonne verschwand,
öffneten sich an der gesamten Längsseite des Schiffes zwei
Klappenreihen, und aus diesen dunklen Hohlräumen ragten die
Mündungen der Kanonen – das große Schiff verwandelte sich innerhalb
eines Augenblicks von einem goldenen Traumgebilde in eine finstere,
grausame Kriegsmaschine.
»Diese Kanonen könnten den Palast in Schutt und Asche legen«,
bemerkte Thomas.
»Großartig«, stimmte Rowland zu.
Doch das Kriegsschiff erfüllte Susan mit Furcht. Es erinnerte
sie an die andere Verwandlung, die sie im Sommer zuvor im Garten
des Königs miterlebt hatte. Es kam ihr vor, als seien das goldene
Traumschiff und das wuchtige Gefährt mit den bedrohlichen Kanonen
die zwei Gesichter des Königs. Sie erschauderte, sagte sich jedoch,
das komme nur von der nunmehr frischen Brise aus dem Osten.
Sie standen in einer Halle, deren dunkle
Holzvertäfelung sanft im Kerzenlicht schimmerte, als der junge Mann
zu Thomas trat. »Minister Cromwell braucht Euch«, murmelte er. »Es
ist beschlossen. Wir sollen sofort einen Entwurf für das neue
Gesetz verfassen.«
»Was für ein Gesetz?« fragte Susan. Der junge Mann lächelte.
»Ab heute abend wird es ohnehin kein Geheimnis mehr sein«, meinte
er, »also kann ich es Euch sagen. Es soll die Suprematsakte heißen.
Thomas kennt sich besser aus, aber die wesentlichen Bestimmungen
sind folgende.« Er begann zu erklären.
Zunächst war sich Susan nicht sicher, was der Zweck dieses
neuen Gesetzes war. Es wiederholte anscheinend nur alles, was
Heinrich während seiner Auseinandersetzung mit dem Papst bereits
getan hatte – die Aneignung der Einkünfte von Rom, die Bestimmungen
über die Thronfolge und vieles mehr.
Doch als der junge Mann weitersprach, riß sie die Augen vor
Überraschung weit auf. Mit seinem neuen Titel als oberstes Haupt
der Kirche beabsichtigte Heinrich nun nicht nur, alle Einkünfte zu
beschlagnahmen, Bischöfe und sogar Äbte zu ernennen, sondern auch
persönlich über jede Doktrin, jegliche Theologie und alle
geistlichen Dinge zu entscheiden. Keinem mittelalterlichen König
war dies bisher in den Sinn gekommen. Tatsächlich strebte er an,
König, Papst und Kirchenkonzil in einer Person zu sein. Es war
ungeheuerlich. Und indem er Cromwell zum Stellvertreter ernannte,
verlieh er ihm die Aufsicht über die gesamte Kirchengemeinschaft –
Priester, Abte und Bischöfe mußten sich für alles, was sie taten,
beim Minister des Königs verantworten.
»Heinrich stellt sich Gott gleich!« protestierte Rowland. »Das
bedeutet das Ende der Kirche, wie wir sie kennen.«
»Heinrich ist ein guter Katholik«, erwiderte Thomas
verteidigend. »Er wird die Kirche vor Ketzerei schützen.«
»Und wenn der König seine Meinung ändert? Wenn er beschließt,
die Form der Messe zu ändern? Wenn er plötzlich zum Lutheraner
wird?«
»Es soll noch ein zweites Gesetz geben, wissen Sie«, fuhr der
junge Mann fort. »Ein Gesetz wegen Hochverrats. Jeder, der Einwände
gegen die Suprematsakte hat, soll des Verrats schuldig sein. Das
bedeutet den Tod.«
Susan begann zu zittern. »Wir sind keine Verräter«, erklärte
sie. »Wir werden dem Gesetz gehorchen, wenn es verabschiedet wird.«
Rowland jedoch starrte zu Boden.
Susan wußte, wie Rowland sich fühlte, als das Suprematsgesetz
im Parlament auf den Weg gebracht wurde. Sie fühlte mit ihm, wußte
aber, daß sie es nicht zeigen durfte. Tatsächlich verteidigte sie
den König sogar und ergriff gegen Rowlands kritische Einwände
Partei für ihren Bruder, den sie im Verdacht hatte, ein Ketzer zu
sein.
»In der Praxis ändert sich nichts«, versicherte Thomas.
»Heinrich ist ein treuer Katholik, und zudem müssen selbst die
geringfügigsten Reformen von den Bischöfen und vom Parlament
verabschiedet werden. Dem Glauben droht keine Gefahr.«
Es gab im Parlament weniger Opposition, als Susan erwartet
hatte. Und als sie Cromwell bei der Amtsführung beobachtete,
begriff sie, warum sich das Parlament dem Willen des Königs
unterwarf. Es war Furcht.
Nur einen kleinen Trost gab es. Es war nicht die Rede davon,
jedermann zu zwingen, einen neuen Eid zu schwören. Wenn manche von
Heinrichs Untertanen das Gesetz ablehnten, konnten sie wenigstens
im stillen leiden.
Und genau das tat Rowland. Mechanisch ging er seiner Arbeit
nach, und als der Herbst in den Winter überging, versank er in
stummer Trübsal. Selbst wenn sie allein in ihrem Schlafzimmer
waren, blieb zwar noch die Zuneigung bestehen, doch alle Freude war
dahin.
Wäre nur Peter hier, dachte Susan.
1535
Im Januar 1535 erhielt Minister Cromwell einen beunruhigenden
Bericht aus Rom. Papst Klemens war vor einigen Monaten gestorben,
und es gab ein neues Kirchenoberhaupt. Bevor der Geheimbericht
eingetroffen war, hatte man kein Wort von ihm gehört.
»Er will Euch vom Thron absetzen«, erklärte Cromwell dem
König.
Wie es schien, waren bereits Briefe an den König von
Frankreich und an den Habsburger Kaiser gesandt worden. Sollte
einer von ihnen, geschweige denn alle beiden Großmächte auf der
Insel einfallen, dann bedeutete das für Heinrich trotz all seiner
zur Schau gestellten Stärke größte Gefahr. Würden sie so etwas
tun?
»Sie könnten in Versuchung geraten«, urteilte Heinrich, »wenn
sie zu der Meinung kommen, das Land sei gespalten und das Volk
würde sie begrüßen.«
»Was soll ich Eurem Wunsche nach tun?«
Der König lächelte. »Wir müssen ihnen ein für allemal zeigen,
wer in England der Herr ist.«
An einem kalten, aber strahlenden
Februartag kam Peter aus dem Charterhouse, um die Familie in
Chelsea zu besuchen. Allein die Tatsache, daß Peter wieder in
London war, hatte die Atmosphäre im Haus verändert. Susan spürte
ein Gefühl der Sicherheit; Rowland schien fröhlicher. Und welche
Zweifel sie auch immer wegen Thomas hegen mochte, so beschloß sie
doch, sie zumindest bei dieser Gelegenheit beiseite zu schieben.
»Wir veranstalten ein Familientreffen«, erklärte sie. »Thomas muß
auch kommen.« Schon Tage zuvor bereitete sie im Haus geschäftig
alles vor und sorgte dafür, daß alles blitzsauber war.
Im Mittelpunkt der Feier dieses Tages sollte das gemeinsame
Familienmahl stehen, bei dem, wie in jeder englischen Familie, die
es sich leisten konnte, der Ehrenplatz dem großen Braten zukam.
»Ein Schwan«, hatte Rowland bestimmt. Wohlhabenden Londonern war es
erlaubt, sich eigene Schwäne an der Themse zu halten, und seit dem
letzten Jahr war er stolzer Besitzer einiger Vögel.
Peter kam mit dem Boot, und kaum war er auf die kleine
Landungsbrücke gestiegen, hob er die Kinder nacheinander hoch. Er
lächelte allen liebevoll zu, hakte seine Schwester unter und ging
fröhlich mit ihr den Weg zum Haus hinauf.
Zu Mittag versammelten sie sich alle um den großen
Eichentisch. Susan empfand inniges Glück, als Peter einen einfachen
Segen für sie sprach und Rowland den großen Schwan tranchierte.
Während des ganzen Mahls erfreute Peter sie mit seinen
Schilderungen über Rom und die anderen Stätten des Glaubens und der
Heiligtümer, die er besichtigt hatte, darunter Assisi in Italien
und Chartres in Frankreich. Sie saßen lange bei Tisch und
unterhielten sich ungezwungen. Trotz allem, was die Zyniker am Hof
oder die heimlichen Ketzer tun mochten, fand Peter doch stets
ruhige, weise Worte, und plötzlich schienen selbst der König und
die Suprematsakte weniger bedeutsam.
Als es nachmittags dunkel wurde und sie die Kinder zum Spielen
nach oben schickten, wandte Peter sich an Thomas und fragte mit
einer Spur des Vorwurfs im Blick: »Nun, Thomas, ist das Gerücht,
das wir im Charterhouse gehört haben, wahr?« Als er sah, daß Susan
und Rowland nicht verstanden, erklärte er: »Der König und Minister
Cromwell haben vor, sich eingehend mit uns zu befassen.«
Es war ein logischer Schritt, und Peter erklärte ihn ganz
einfach. »Heinrich will sicherstellen, daß er absoluter Herr im
eigenen Haus ist. Die Suprematsakte ist vom Parlament verabschiedet
und von seinen Bischöfen akzeptiert worden. Aber es gibt immer noch
ein paar Stacheln in seinem Fleisch, die ihn ärgern: Morus, Fisher
und Wilson. Und es gibt die strengeren Klöster wie das Charterhouse
und manche der Bettelorden, die den Eid im Frühjahr nur widerwillig
geleistet haben. Da jede Abweichung nun Hochverrat ist, hatte
Heinrich den klugen Gedanken, diese lästigen Leute so
einzuschüchtern, daß sie einen Eid leisten, in dem wahrscheinlich
all seine Ansprüche auf die Oberhoheit bestätigt werden.«
»Nur die Leute, die du erwähnst, werden zum Leisten eines
Eides aufgefordert werden«, erwiderte Thomas. »Wir übrigen« – er
blickte zu Rowland – »werden wohl in Ruhe gelassen.«
»Was wirst du tun, Peter?« fragte Susan.
»Ich werde tun, was mein Prior mir sagt. Er wird sich mit den
Oberhäuptern der anderen Kartäuserklöster beraten, und ich vermute,
er wird auch die Brüder befragen.«
»Wärest du Prior, Peter, wie würdest du entscheiden?« fragte
Rowland.
»Ich? Ich würde mich weigern.«
»Das kannst du nicht ernst meinen!« rief Susan. »Das wäre
Hochverrat!«
»Nein«, erwiderte er ruhig, »eigentlich nicht. Das Parlament
kann über die Thronfolge entscheiden, aber es ist nicht zuständig
dafür, das Verhältnis von Mensch und Gott zu ändern. Wenn sie
darauf beharren, das Verrat zu nennen, kann ich es nicht ändern.
Vergiß nicht, daß ich ein Gelübde vor einer höheren Autorität
abgelegt habe.« Er sah sie freundlich an. »Man kommt nicht darum
herum, weißt du. Heinrich versucht, das geistliche Oberhaupt zu
werden, und das kann er nicht. Und was Cromwell betrifft – sollen
die geistlichen Angelegenheiten der Kirche vom Lakaien des Königs
geleitet werden? Natürlich kann ich das nicht akzeptieren.«
»Du würdest den Tod suchen?« fragte Thomas überrascht.
Sein Bruder zuckte nur die Achseln. »Suchen? Nein. Aber was
soll ich eurer Ansicht nach tun? Diesen Unsinn schwören?« Er wandte
sich an Susan und Rowland. »Das ist das Problem, wenn man Macht
hat, so wie Thomas hier. Sie wollen, daß bestimmte Dinge getan
werden, und früher oder später vergessen sie ihre Prinzipien. Aber
eine Sache ist entweder richtig oder falsch.«
»Was sollte dann ein Mann wie ich tun?« fragte Rowland
leise.
»Ich glaube«, antwortete Peter, »daß für die Laien keine
Notwendigkeit besteht, sich einzumischen. Es sind die Mönche, die
herausgefordert werden sollen, und es ist unsere Sache, darauf zu
reagieren.«
»Aber wenn es falsch ist«, begann Rowland, »sollte doch
bestimmt jeder Christ…«
»Wir werden gewarnt, nicht den Märtyrertod zu suchen«,
entgegnete Peter sanft. »Das ist ein geistlicher Irrweg. Du bist
Familienvater mit aller gottgegebenen Verantwortung. Ich würde es
den Mönchen überlassen. Dafür sind wir da.«
Susan seufzte erleichtert.
»Und wenn man uns auffordert, den Eid zu leisten?« fragte
Rowland. Peter sah ihn nachdenklich an. »Du hast Frau und Kinder.
Ich kann dir nicht sagen, was du tun sollst.«
Die beiden Männer standen im großen Saal von Hampton Court,
und Carpenter zeigte Dan Dogget stolz sein Werk. Es war ein
außergewöhnliches Gebäude. Den Palast in Hampton hatte ursprünglich
Wolsey erbauen lassen, und er war damals schon groß gewesen, doch
Heinrich erweiterte ihn jedes Jahr, und der prächtigste Anbau war
die neue Halle. Sie umfaßte eine gesamte Hofseite und war drei
Stockwerke hoch. An einem Ende ließ ein großes Fenster durch sein
buntes Glas angenehmes Licht herein. Das äußere Mauerwerk war
bemalt, und sogar der Mörtel zwischen den Ziegeln war hellgrau
hervorgehoben. Der Fußboden war aus roten Fliesen, an den Wänden
hingen große Wandteppiche mit heraldischen Motiven. Am
imposantesten war die mächtige Stichbalkendecke.
Die englischen Stichbalken waren nicht nur einfach eine Decke,
sondern ein Charakteristikum. Diese gelungene Konstruktion aus dem
Mittelalter hatte so großen Anklang gefunden, daß man sie
jahrhundertelang beibehielt, auch wenn sie für die Stabilität nicht
unbedingt notwendig war. Kunstvoll geschnitzt und bemalt, dabei
massiv und solide, verkörperte diese Art von Decke alles, was den
Engländern gefiel. Die Westminster Hall hatte eine große
Stichbalkendecke; jede Zunft oder Gilde in London, die es sich
leisten konnte, ließ sich eine solche zimmern, in den Colleges von
Oxford und Cambridge prangten prachtvolle Exemplare. Bei einer
hölzernen Stichbalkendecke erstreckten sich die Hauptbalken des
Daches nicht über die gesamte Dachbreite, sondern waren zweigeteilt
und ließen in der Mitte einen Raum frei, der durch spitzbogenförmig
zulaufende Balken gefüllt war. So konnte ein großer Raum leicht
überwölbt und ein schweres Dach getragen werden.
Acht dieser mächtigen Stichbalkenkonstruktionen aus Eiche gab
es in der Halle, somit wurde das Dach in sieben Abschnitte geteilt.
Den unteren Abschluß dieser Deckenkonstruktion bildete eine große
hölzerne Konsole, die am oberen Ende der Stützbalken jeweils ein
Pendant von gewaltigem Ausmaß hatte. Und sämtliche Balken waren mit
kunstvollen Schnitzereien gestaltet. »Daran habe ich
mitgearbeitet«, erklärte Carpenter stolz.
»Und was gibt es für Neuigkeiten von deinem Vater?« fragte der
Handwerker seinen Schwager, als sie zusammen die Halle verließen.
»Hat er sich an seinen Hausarrest gehalten?«
»Er hat sich wohl gebessert, wie ich höre«, konnte Dan ihm
überraschenderweise sagen. Pater Meredith' Ankunft im Charterhouse
schien diese Wunder verursacht zu haben. Vielleicht war es sein
geistlicher Einfluß, vielleicht leistete er dem alten Mann auch nur
Gesellschaft – innerhalb einer Woche hatte sich Will Dogget eng an
den Priester angeschlossen. »Solange Pater Peter in der Nähe ist,
wirkt der alte Mann vollkommen glücklich.«
»Hoffen wir, daß der Priester dort bleibt«, meinte
Carpenter.
Außerhalb von Newgate, westlich des
Holborn, stand eine einfache Steinkirche, die St. Etheldreda
geweiht war, einer heiligen angelsächsischen Prinzessin in der
Frühzeit des Christentums auf der Insel vor nahezu tausend Jahren.
Während des Mittelalters hatten die Bischöfe von Ely ihren Londoner
Sitz daneben gebaut, alles mit einer hohen Mauer umgeben und die
Kirche als ihre Kapelle genutzt; doch sie war immer noch offen für
jeden Gläubigen, der geistliche Erbauung innerhalb der alten grauen
Mauern suchte.
An einem schönen Tag im Frühmärz erblickte Rowland Bull, der
vom Charterhouse kam und auf seinem Weg nach Westminster die
Chancery Lane entlanggehen wollte, das Dach von St. Etheldreda
hinter der bischöflichen Mauer und beschloß, einer plötzlichen
Eingebung folgend, hineinzugehen.
Frühling lag in der Luft, als er durch das Tor schritt. Die
Bäume hatten die ersten grünen Knospen; neben dem Weg zur Kapelle
blühten kleine Büschel weißer und violetter Krokusse und auf einer
grasbewachsenen Böschung ein paar gelbe Osterglocken. St.
Etheldreda bestand aus einer hübschen Kapelle mit einem prächtigen
Fenster, das einen großen Teil der Westseite einnahm, und der
Krypta, die ein paar Stufen unter dem Erdboden lag und oft für
Messen genutzt wurde, obwohl sie kleiner war als die Kapelle
oben.
Rowland fand die Krypta leer und trat ein. Links stand ein
kleiner Altar, neben dem er das kleine rote Licht des Tabernakels
mit der Hostie sah. Am anderen Ende, rechts von ihm, war in den
oberen Teil der Mauer ein Fenster aus grünem Glas eingebaut, das
der Krypta ihr sanftes Licht gab. Genau darunter war ein altes
steinernes Taufbecken mit sächsischen Meißelarbeiten. In der Mitte
des Raums standen ein paar Bänke mit Kniepolstern, und Rowland
kniete nieder, um zu beten.
So viele Dinge lasteten ihm auf der Seele, und auch sein
Treffen mit Peter hatte ihm keinen Trost gebracht. Die Mönche des
Charterhouse beteten um Führung. Der Prior wollte Cromwell bitten,
sie einen Eid schwören zu lassen, gegen den sie weniger einzuwenden
hatten. »Aber er wird ablehnen«, hatte Peter prophezeit. Entweder
würden die Kartäuser sich Heinrichs Willen beugen oder sich des
Verrats schuldig machen. Es war schwer zu glauben – die frommen
Mönche des Charterhouse sollten wie Verbrecher exekutiert werden?
Konnte König Heinrich so etwas tun? »Sicher«, hatte Peter gesagt.
»Wer sollte ihn davon abhalten?« Einen Verrätertod sterben? Das war
schrecklich; nur wenige Glückliche bestiegen das Schafott, während
die meisten auf die grausame mittelalterliche Art ums Leben
gebracht wurden – zuerst aufgehängt, dann abgenommen, solange sie
noch bei Bewußtsein waren; anschließend wurden ihnen die Eingeweide
herausgeschnitten und die Gliedmaßen abgehackt.
Er versuchte, diese Vorstellung zu verscheuchen, und ließ den
Blick durch die Krypta schweifen. Der christliche Glaube kann zum
Märtyrertod führen, daran schien ihn das kleine rote Licht zu
erinnern. War nicht der Glaube, an dem er so innig hing, auf
Opfermut gegründet? Und nach dem Tod – ewiger Friede, sagte die
rote Flamme, Erlösung! Er hoffte es. Aber wenn es dann doch nicht
so war? Wenn ein Mann sein einziges Leben verlor und für nichts in
die ewige Finsternis einging? Sein Blick blieb an dem alten
Taufbecken haften. Wie friedvoll es aussah. Er dachte an sein
kleines Haus in Chelsea, seine Bibliothek, an seine Frau und seine
Kinder. Wie kostbar waren sie. Mit plötzlicher Deutlichkeit
erkannte er, wie sehr er leben wollte. Lange Minuten blieb er in
der Bank knien. »Herr, zeig mir den Weg«, murmelte er. Als er
schließlich eine Antwort erhielt, war es die Erinnerung an Peters
Worte: »Entweder etwas ist richtig, oder es ist falsch.« Eine Sache
war entweder wahr oder falsch, schwarz oder weiß. Nicht der
religiöse Gelehrte, sondern die Generationen angelsächsischer Bulls
in ihm wußten das. Der Anspruch des Königs war eine Lüge. Entweder
war er gläubiger Christ oder nicht.
Aber es blieben immer noch Susan und die Kinder und seine
moralische Verpflichtung ihnen gegenüber. Auch das war ein
Anspruch, der erfüllt werden mußte. Als Rowland schweigend aus der
Kirche St. Etheldreda trat und durch den umfriedeten Garten
hinausschritt, wußte er, was er tun mußte.
Es war dunkel draußen, die Kinder waren im Bett, und sie waren
allein. Susan ließ sich alles noch einmal genau durch den Kopf
gehen. »Du glaubst, die Mönche des Charterhouse werden den Eid
verweigern?« Er nickte. »Aber du glaubst, daß der König nur
beabsichtigt, den Eid von denen zu fordern, die sich ihm widersetzt
haben, und meinst nicht, daß er ihn von dir verlangt.«
»Ich habe ihn geleistet. Warum sollte er mich
behelligen?«
»Aber wenn er seine Meinung ändert und den Eid noch einmal
fordert…«
»Wir müssen entscheiden, was ich tun soll.«
»Du bist zu mir gekommen, weil du für mich und für deine
Kinder eine Verpflichtung trägst. Du bittest mich um Erlaubnis, den
Eid zu verweigern? Du fragst mich, ob du dich exekutieren lassen
darfst?«
»Ja«, sagte er ruhig und erwiderte ihren Blick voller
Zuneigung.
Bei fast jedem anderen Mann, vermutete sie, wäre das eine
Ausrede. Sag mir, daß ich nicht darf. Laß mich mit Würde ein
Feigling sein. Und in diesem Augenblick wünschte sie, sie hätte
einen geringeren Mann geheiratet. Aber sie wußte, daß Rowland es
ernst meinte; das war ihr Dilemma. Tief im Herzen wußte sie, daß
Rowland und Peter recht hatten. Und darin lag ihre Qual; zu wissen,
daß er sie um ihres gemeinsamen Gottes willen ganz allein lassen
würde. Und wenn sie ihre Zustimmung verweigerte, um ihre Familie zu
retten, würde er es akzeptieren, ihr wahrscheinlich aber sein Leben
lang nicht vergeben.
»Du mußt tun, was dein Gewissen dir sagt«, erwiderte sie. »Ich
verbiete dir nichts.« Sie wandte das Gesicht ab, nicht nur, um ihre
Tränen zu verbergen, sondern auch, weil sie es nicht ertragen
konnte zu sehen, daß sie ihn glücklich gemacht hatte.
»Es wird nicht geschehen.« Thomas Meredith
blieb fest. »Wenn er den König nicht gerade absichtlich
herausfordern will, besteht keine Gefahr«, versicherte er Susan.
»Ich sehe Cromwell jeden Tag. Ich weiß, was beabsichtigt ist. Der
König will jene, die sich ihm widersetzt haben, gefügig machen.
Wenn diese wenigen, wie die Mönche des Charterhouse, immer noch
hartnäckig bleiben… Ich fürchte, es wird ihnen schlecht
ergehen.«
»Armer Peter.«
»Ich kann ihm nicht helfen«, gab er traurig zurück. »Aber
Rowland hat den ursprünglichen Eid geleistet wie jeder andere. Er
steht unter keinerlei Verdacht. Will er sich laut äußern?«
»Nein.«
»Gut. Sollte sein Name je erwähnt werden, versichere ich
Cromwell, daß er loyal ist. Vertrau deinem Bruder. Ich werde ihn
beschützen.«
Morgen war der erste Mai. Die
Nachmittagssonne war angenehm warm; Schlüssel- und Butterblumen
blühten auf den Wiesen, als die vergoldete königliche Prachtbarke
den Strom hinaufglitt.
Dan Dogget hatte in der letzten Zeit Glück gehabt, und alles
dank Thomas Meredith. Dennoch war er nicht ganz frei von Sorgen. Er
blickte auf die überdachte Kabine auf dem Achterschiff.
Die Vorhänge der Kabine waren zurückgezogen, da es warm war,
und die Tür war offen, so daß Dan von seinem Platz inmitten der
anderen Ruderer aus das Innere sehen konnte. Auf einer
seidenbezogenen Bank saßen die beiden Männer: links der mächtige,
bärtige König; rechts der blasse und eher düstere Minister
Cromwell. Dan fragte sich, was sie als nächstes planten.
Nach den langen Monaten, in denen er in aller Stille jene
bedroht hatte, die es wagten, sich ihm zu widersetzen, hatte König
Heinrich mit präziser Treffsicherheit zugeschlagen. Nur drei Männer
– der Prior des Londoner Charterhouse und die Prioren der anderen
beiden Kartäuserklöster – wurden verhaftet, weil sie sich
weigerten, auf die Suprematsakte zu schwören. Den übrigen Mönchen
im Charterhouse hatte man den Eid noch nicht einmal vorgelegt. In
einer nichtöffentlichen Verhandlung mit Cromwell als Vorsitzendem
führte man den Prozeß gegen die drei Prioren. Cranmer verteidigte
sie, die Geschworenen waren unwillig, sie zu verurteilen, aber
Cromwell hatte ihre Einwände grob beiseite gefegt, und bis Mittag
wußte es ganz London: »Man hat sie in den Tower gebracht; in fünf
Tagen werden sie hingerichtet.«
Würde Heinrich auch die übrigen Mönche des Charterhouse
verfolgen? Oder würden sie klein beigeben, wenn sie das Grauen
sahen? Dan dachte an Peter Meredith und argwöhnte, daß sie das
nicht tun würden. Was sollte dann aus dem alten Will werden? Mit
einem Anflug böser Vorahnungen ruderte Dan Dogget den König nach
Hampton Court.
Er hätte nicht in den Garten gehen sollen.
Er hätte vorbeigehen sollen, als er das Lachen hörte. Thomas hatte
nicht gewußt, daß König Heinrich gekommen war.
Er hatte eifrig seine Pflichten erfüllt, und Cromwell hatte
ihn gelobt; von König Heinrich hatte er wenig gesehen. Er war froh,
daß nur wenige am Hof von der Ankunft seines Bruders Peter in dem
ärgerniserregenden Charterhouse wußten. Die Nachricht vom Ergebnis
der Verhandlung an diesem Tag hatte Hampton Court noch nicht
erreicht. Daher erschrak er, als er nun den König sah.
Nur ein paar Höflinge waren bei König Heinrich. Da er sich
nach der langen Fahrt auf dem Fluß die Beine vertreten wollte,
hatte er sie herbeizitiert, damit sie ihn und Cromwell begleiteten,
während sie durch den Obstgarten gingen. Nur einige Augenblicke
bevor Thomas kam, hatte er den Garten, der still hinter seinen
hohen Hecken lag, betreten.
Der König war leutselig gestimmt. In letzter Zeit hatte er
Ordnung in sein Leben gebracht. Zuerst einmal, was die Königin
betraf. Anna Boleyn war zwar manchmal launisch und eifersüchtig auf
seine anderen Liebschaften, doch da er kürzlich in der königlichen
Pflicht, einen Erben zu zeugen, einige Zeit mit ihr verbracht
hatte, war dieser häusliche Arger kuriert. Tatsächlich vermutete
er, daß sie bereits empfangen hatte. Und nun die Sache mit den
Mönchen. Er hatte den Höflingen gerade von den bevorstehenden
Hinrichtungen erzählt und sah hinter ihren artigen Gesichtern einen
Anflug von Furcht. Gut. Höflinge sollten Angst vor dem König haben.
Auf der Fahrt von London hierher hatte er auch überlegt, ob er den
Eid noch einmal weiteren Kreisen vorlegen sollte, um auch alle
seine anderen Gegner ausfindig zu machen, doch Cromwell hatte zu
Vorsicht geraten. »Je weniger wir umbringen müssen, desto eher
entsteht der Anschein, daß es nur wenige Gegner gibt«, hatte er
betont. Vermutlich stimmte das. Doch um Cromwell zu ärgern und um
die Höflinge zittern zu sehen, kam er noch einmal auf dieses Thema
zurück. »Seid Ihr sicher, Master Cromwell, daß wir den Eid nicht
noch einmal schwören lassen sollen? Möglicherweise lauern Verräter
sogar hier, in unserer Mitte.« Er lachte schallend, als er sah, wie
die Höflinge erbleichten. Und dann sah er Thomas Meredith.
Heinrich mochte Meredith. Er erinnerte sich an seinen Vater,
und Cromwell äußerte sich wohlwollend über seine Arbeit. Außerdem
erinnerte sich Heinrich daran, daß er den jungen Burschen beim
Tennis geschlagen hatte. Als er ihn nun sah, wie er schüchtern am
Garteneingang zögerte, winkte er ihm. »Kommt näher, Thomas
Meredith«, rief er lächelnd. »Wir sprechen gerade über
Verräter.«
Der junge Mann wurde totenbleich. Weshalb nun dies? Aus dem
Labyrinth von Heinrichs argwöhnischem Gedächtnis stieg eine
Erinnerung an eine andere Begegnung in ebendiesem Garten empor; der
vorwurfsvolle Blick einer jungen Frau, ein Anflug von Illoyalität
und Unverschämtheit. War das Mädchen nicht Meredith' Schwester
gewesen? »Erinnert mich, Thomas, an Eure übrige Familie«, sagte er
plötzlich.
Thomas starrte ihn an. Dachte der König an Peter? Er mußte
herausgefunden haben, daß er im Charterhouse war. Er hatte keine
Ahnung, daß König Heinrich genau in diesem Garten einmal Susan
begegnet war.
»Ich habe einen Bruder, Sire. Er war Priester, bis er krank
geworden ist und sich zurückgezogen hat.«
»Tatsächlich?« Heinrich hatte das nicht gewußt. »Und wo ist er
nun?«
»Im Charterhouse«, antwortete Thomas kläglich.
»Im Charterhouse? Ich hoffe, er teilt nicht deren Ansichten.
Der Prior wird sterben.« Heinrich blickte zu Cromwell.
»Meredith ist loyal, Sire.« Cromwells Antwort kam
unverzüglich, und Heinrich nickte. »Was hat Er noch für Angehörige,
Master Meredith?«
»Nur eine Schwester, Sire, verheiratet mit Rowland Bull,
Sire.«
»Bull?« Heinrich schien in seinem Gedächtnis zu kramen. »Im
Kanzleramt?« Thomas nickte, während König Heinrich auf die Hecke
starrte. Ja, das war die Frau mit dem vorwurfsvollen Blick. »Sind
Mistress Bull und ihr Gatte loyal?«
»Sie sind loyal, Eure Majestät«, erwiderte Thomas.
»Wir bezweifeln es nicht, Master Meredith.« Heinrich wandte
sich an seinen Minister. »Wir meinen also, Cromwell, daß Mistress
Bull und ihr Gatte den Eid ablegen sollen. Veranlaßt es für morgen
früh, vor Sonnenaufgang. Das ist Unser Wille.« Cromwell neigte den
Kopf. Plötzlich strahlte König Heinrich alle an. »Wir haben noch
eine bessere Idee. Unser getreuer Diener, Master Meredith, soll
selbst hingehen und sie den Eid sprechen lassen. Er soll darauf
bestehen, daß es getan wird. Wie ist das?« Und er lachte laut
auf.
»Er wird den Eid nicht leisten«,
wiederholte Susan dumpf. Sie und Thomas debattierten flüsternd.
Rowland, der noch nicht wußte, daß Thomas schon da war, war noch
oben; die Kinder schliefen. »Du hast versprochen, daß es nicht dazu
kommen würde«, warf sie ihm vor.
Thomas erklärte, wie er im Garten dem König begegnet war und
wie Heinrich unerwartet begonnen hatte, ihn nach seiner Familie zu
fragen. Susan wurde sehr plötzlich nachdenklich. »Dann war es meine
Schuld«, sagte sie schließlich.
Was meinte sie damit? Und vor allem, was sollten sie tun? »Ich
werde den Eid leisten«, sagte Susan. Er wußte, daß sie ebensowenig
davon hielt wie Rowland. Aber bestand nicht vielleicht die Chance,
daß Rowland, wenn er sie gehorchen sah, angesichts der
schrecklichen Folgen für seine Familie vielleicht doch den Eid
ablegen würde? Doch Susan verneinte mit leiser, tränenerstickter
Stimme. »Nein. Er wird es nicht tun.«
Das ließ Thomas nur eine Alternative. Er hatte sie schon am
Abend zuvor und während des ganzen Weges flußabwärts von Hampton
Court erwogen. Er hatte gebetet, daß es nicht nötig sein möge; das
Risiko war furchterregend, und vielleicht klappte es nicht einmal.
Aber als er nun seine Schwester anblickte und ihre Qual sah, meinte
er, daß er es versuchen mußte.
Die Sonne hatte bereits den Nebel bis zum Flußufer aufgelöst,
als Rowland den Eid ablegte. Er tat es ganz ruhig und lächelte dann
seiner Frau zu, die ihn erleichtert anblickte.
Thomas Meredith lächelte ebenfalls. »Ich bin froh«, sagte er.
Es war gar nicht so schwierig gewesen. Er hatte sich die größte
Mühe gegeben und Rowland die Worte so nachsprechen lassen, daß sein
Juristenverstand genau ihre Bedeutung erfassen konnte; und dann,
beruhigt, daß sein Glaube nicht gefährdet war, hatte Rowland den
Eid geschworen.
Thomas hatte den Eid verfälscht. Der Eid, den er seinen
Schwäger hatte schwören lassen, unterschied sich kaum von dem, den
er im Jahr zuvor im Hinblick auf die Erbfolge geleistet hatte. Nach
einer kurzen Erwähnung von Heinrichs Oberhoheit hatte er eine
entscheidende, rettende Klausel eingefügt: »Insoweit das Wort
Gottes es erlaubt.« Schon oft hatte die Kirche auf diese
altbewährte Klausel zurückgegriffen, wie sie beide wußten. Mit
dieser Einschränkung konnten gute Katholiken jede unangemessene
Interpretation ablehnen, die der König dem Eid künftig zuschreiben
wollte. Damit wurde Heinrichs Anspruch auf Oberhoheit im Grunde
bedeutungslos.
»Es wundert mich, daß der König diese Einschränkung erlaubt
hat«, bemerkte Rowland.
»Das ist ein besonderer Dispens«, log Thomas. »Jene, die sich
ihm öffentlich widersetzt haben, bekommen einen härteren Eid zu
schwören. Aber niemand will loyale Männer wie dich in Verlegenheit
bringen. Du darfst allerdings nicht darüber sprechen. Wenn irgend
jemand fragt, dann sag einfach nur, daß du den Eid geschworen
hast.« Und obwohl Rowland ein wenig die Stirn runzelte, erklärte er
sich bereit, sich daran zu halten.
»Ich muß nun gehen«, erklärte Thomas. »Ich muß dem König
Bericht erstatten.« Da sah er, wie Susan mit entsetztem
Gesichtsausdruck aus dem Fenster starrte.
Cromwell machte sich nicht die Mühe, an die Tür zu klopfen,
sondern trat geradewegs ein. Zwei Gehilfen blieben direkt vor der
Tür stehen, während zwei Soldaten beim Boot warteten.
»Ich habe ihn den Eid leisten lassen«, begann Thomas, doch
Cromwell schnitt ihm das Wort ab.
»Rowland Bull«, fragte er, »akzeptiert Ihr die Oberhoheit des
Königs in allen weltlichen und geistlichen Angelegenheiten?«
Rowland war sehr bleich. »Ja«, erwiderte er zögernd. »Insoweit
das Wort Gottes es erlaubt.«
»Kümmert Euch nicht um das Wort Gottes, Master Bull. Erkennt
Ihr König Heinrich ohne jede Einschränkung als Oberhoheit in
geistlichen Dingen an oder nicht? Ja oder nein?«
Eine qualvolle Pause folgte. »Ich kann nicht.«
»Wie ich mir dachte. Hochverrat. Ein ganz klarer Fall.
Verabschiedet Euch von Eurer Frau.« Seinen Helfern vor der Tür rief
Cromwell zu: »Bringt die Wachen.«
Dann wandte er sich an Thomas. »Narr«, murmelte er. »Dachtet
Ihr, Ihr könntet ihn mit einem Hintertürchen retten und dem König
dann sagen, er habe den Eid geleistet?« Thomas war zu erschrocken,
um etwas zu antworten. »Ist Euch nicht klar«, knurrte Cromwell,
»daß der König keinerlei Interesse an diesem Burschen hatte? Euch
wollte er auf die Probe stellen. Er wollte noch jemand anderen
schicken, der ihn danach den Eid ablegen lassen sollte, um Euch zu
überprüfen. Ich habe Euch gerade das Leben gerettet.« Er nickte
Susan kurz zu. »Ihr könnt Eurem Gatten ein wenig Kleidung mitgeben.
Er kommt jetzt mit uns in den Tower.«
Pater Peter Meredith empfing an diesem Tag zwei Besucher im
Charterhouse. Er war nicht ganz wohlauf, daher blieb er in seiner
Zelle, während der alte Will sie zu ihm brachte. Zuerst kam Susan.
Er meinte, in ihrer Stimme nicht nur Verzweiflung, sondern auch den
Anflug eines Vorwurfs zu hören. Ihre Bitte war einfach. Sie wollte,
daß er Rowland überreden solle, den Eid abzulegen. »Ist es nicht
ohnehin schon zu spät?« fragte Peter.
»Es muß immer noch eine offizielle Verhandlung mit
Geschworenen abgehalten werden. Wenn er sich nun unterwirft, würde
der König das vielleicht akzeptieren. Es ist unsere einzige
Chance.«
»Und du glaubst, meine Stimme könnte etwas bewirken?«
»Du bist der Mann, den er respektiert. Und er ist deiner
Meinung gefolgt, als er den Eid verweigert hat.«
»Ich glaube, er ist seinem Gewissen gefolgt.«
»Du verstehst nicht, was wirklich der Grund ist«, erwiderte
Susan. Und sie berichtete ihm von ihrer Begegnung mit dem König im
Garten und wie Thomas ihn zufällig am selben Ort getroffen hatte.
»Begreifst du«, fuhr sie fort, »diese zufälligen Begegnungen; und
die Tatsache, daß du Mönch im Charterhouse bist – in gewisser Weise
haben du und ich Rowland in diese Lage gebracht. Es war überhaupt
nie beabsichtigt, ihn den Eid schwören zu lassen.«
Peter seufzte. »Ich werde zu ihm gehen. Aber ich kann ihm
nicht zureden, sein Gewissen zu verleugnen.«
Sie war nicht getröstet, und ihre Abschiedsworte schmerzten
ihn. »Weißt du, was sie mit ihm machen werden?« Sie warf ihm einen
bitteren Blick zu. »Für dich ist es leichter.« Dann ging sie.
Leichter? Er bezweifelte es. Es ging das Gerücht, daß die drei
Prioren in ein paar Tagen hingerichtet werden sollten, und zwar
nicht mit einer gnädigen Enthauptung.
Abends kam Thomas.
Zunächst konnte sich Peter eines zornigen Gefühls nicht
erwehren. Sicher, Thomas sah äußerst besorgt aus, doch wie groß
auch sein Kummer um Rowland sein mochte, er war immer noch ein Mann
Cromwells.
»Zweifellos kommst du mit demselben Auftrag zu mir wie unsere
Schwester. Ein Bruder im Charterhouse und dann noch der Gatte
deiner Schwester, der den Eid verweigert – alles deiner Laufbahn
sicherlich nicht förderlich.«
Thomas schüttelte den Kopf. »Ich komme gerade vom Hof«, sagte
er.
»Selbst wenn Rowland jetzt den Eid leistet, wird der König es
nicht akzeptieren. Das Verdikt Hochverrat ist gefallen. Er wird ihn
vernichten.« Er setzte sich und vergrub das Gesicht in den Händen.
»Und es ist alles meine Schuld. Ich habe ihn an den Hof gebracht.
Ich habe ihm diesen Posten vermittelt.«
»Er ist für seinen Glauben eingetreten.«
»Ja«, stimmte Thomas zu. »Aber nur, weil der König aus einer
Laune heraus beschlossen hat, meine Treue auf die Probe zu stellen
– nicht seine.«
»Wenn er stirbt, wird er dennoch ein Märtyrer sein«, erklärte
Peter.
Doch nicht einmal hierin konnte Thomas ihm beipflichten. »Für
dich und Rowland ist es eine Verteidigung des Glaubens, doch ich
fürchte, man wird es nicht so ansehen. Wenn man die Mönche des
Charterhouse mit dem Tode bestraft, werden sie Märtyrer sein, und
ganz England wird es wissen. Aber Rowland ist nicht wichtig. Eines
Tages wird man ihn in aller Stille zusammen mit ein paar gemeinen
Verbrechern hinrichten – ein unbekannter Diener des Königs, der
Verrat begangen hat. Mehr wird man nicht wissen.«
»Gott wird es wissen!«
»Ja. Aber seiner Sache dienen die Mönche. Der arme Rowland ist
nur ein treuer Familienvater, der zufällig am falschen Ort war.« Er
seufzte. »Ich muß etwas beichten, Bruder. Ich bin heimlicher
Protestant.«
»Ich verstehe.« Peter versuchte seine Abscheu zu
verbergen.
»Dadurch und weil ich Cromwell diene, fühle ich mich doppelt
schuldig. Ich falle vom Glauben meiner Familie ab und bin die
Ursache für Rowlands Tod, so daß meine Schwester allein
zurückbleibt, zugrunde gerichtet, mit vier Kindern. Ich frage mich,
ob mein Leben ein Zehntel auch nur eines der euren wert ist? Ich
glaube nicht. Könnte ich an Rowlands Stelle sterben, würde ich es
tun.«
Peter sah, daß er es ernst meinte, und stellte fest, daß er
ihn trotz aller Fehler doch wieder lieben konnte. »Wenn du es nur
könntest«, antwortete er ohne jeglichen Groll. Aber es gab nun
nichts mehr, was irgend jemand für Rowland tun konnte.
In dieser Nacht schlief Peter wenig. Immer wieder wälzte er
sich auf seinem Bett hin und her, so daß Will Dogget, der es sich
angewöhnt hatte, vor der Tür seiner Zelle zu schlafen, öfter
hereinkam, um nach ihm zu sehen.
Peter dachte an Susan und ihre Kinder. Er dachte an den
grausamen Tod, der Rowland und zweifellos auch ihn erwartete, und
wie jeder Mensch zitterte er davor, obwohl er immer wieder
versuchte, Stärke im Gebet zu finden.
Er wußte nicht genau, um welche Stunde er aus seinem unruhigen
Schlaf mit einem neuen Einfall erwachte. Während er in die
Dunkelheit starrte, überdachte er ihn noch einmal sorgfältig und
kam zu dem Urteil, daß es gelingen könnte, wenn auch mit großen
Risiken für alle Beteiligten. Doch es bestand noch eine weitere
Schwierigkeit: War es ein Verbrechen, der Kirche Gottes auch nur
einen ihrer Märtyrer zu versagen? Als Priester stand Peter Meredith
vor einem entsetzlichen Dilemma – er wußte nicht, ob er richtig
oder falsch handelte. Doch eines war klar. Er lief Gefahr, nun
selbst seine unsterbliche Seele zu verlieren.
Nichtsdestoweniger weckte er kurz nach Morgengrauen den treuen
Will Dogget und sandte ihn fort, Thomas zu holen.
Thomas hörte stumm zu, bis Peter geendet hatte. »Es ist sehr
gefährlich für dich«, sagte der Priester.
»Das nehme ich in Kauf.«
»Wir brauchen einen starken Mann. Stärker als du oder
ich.«
»Das kann ich arrangieren. Aber der letzte Teil des Plans –
das kann ich nicht tun.«
»Du mußt«, erwiderte der Priester.
An diesem Nachmittag suchte Thomas Meredith Dan Dogget auf. Er
hatte eine Schuld einzufordern. »Ich habe Euch gesagt, daß mir
etwas einfallen würde«, sagte er ihm lächelnd.
Susan beobachtete Rowland, während er aus
dem Fenster starrte, und fragte sich, wie er so ruhig sein konnte.
Vor allem angesichts der Szene, die sich unten abspielte.
Zuerst war er nicht ruhig gewesen. Wie furchtbar war dieser
Maimorgen vor drei Tage gewesen, als sie sich dem Tower näherten.
Der Mut verließ ihn, als das Boot nicht auf den normalen
Anlegeplatz am alten Löwentor zusteuerte, sondern auf einen
schmalen dunklen Tunnel genau in der Mitte der dem Wasser
zugewandten Seite des Towers. Ein schweres Fallgitter ging
knirschend nach oben, um ihn einzulassen, als sie unter dem Kai
hindurchfuhren. Sie fuhren über eine tiefe Flußstelle, dann
öffneten sich langsam die beiden Flügel eines riesigen,
eisenvergitterten Schleusentores, als sie in ein schwach
erleuchtetes Hafenbecken unter einer großen Bastei einfuhren. Das
Verrätertor. Laß alle Hoffnung fahren, sagte man, wenn du auf
diesem Weg in den Tower kommst.
Ein paar Minuten später führte man ihn durch die hohe innere
Mauer in ein Zimmer, das in dem erweiterten Turm lag, der als
Blutturm bekannt war. Und so machte er die Bekanntschaft des Towers
von London, einer Welt für sich. Nach außen war der Tower in den
vergangenen Jahrhunderten kaum größer geworden, ausgenommen der
Kai, der weiter in den Fluß vorgedrungen war; doch innerhalb seiner
Mauern hatte man im Laufe der Jahrhunderte zahllose Anbauten
errichten lassen – eine Halle hier, eine neue Zimmerflucht da,
zusätzliche Mauern und Türmchen aus Ziegel oder Stein, um die stets
größer werdende Gemeinschaft, die hier lebte, unterzubringen.
Es war eine bemerkenswerte Gemeinschaft. Abgesehen von der
kleinen Armee von Arbeitern und Dienern, Köchen, Küchenjungen und
Wäscherinnen, die man benötigte, um die Anlage zu versorgen,
abgesehen vom Burghauptmann, dem stellvertretenden Burghauptmann
und anderen ehemaligen Offizieren beherbergte der Tower die
Münzanstalt und den Geschützmeister, dessen Waffengießereien am Kai
lagen, während die Lager sicher innerhalb der Mauern untergebracht
waren. Um alles noch lebendiger zu machen, hatte die unter den
Tudors eingeführte, aus Adeligen bestehende königliche Leibgarde,
die Yeoman Warders in ihren karmesinroten Uniformen, ihr
Hauptquartier im Tower. Hier waren auch die königliche Menagerie
exotischer Tiere und die Löwen, deren gelegentliches Brüllen man
von der südwestlichen Ecke aus hören konnte, untergebracht. Und
schließlich gab es die Raben auf dem Rasen, die mit ihrem düsteren
Krächzen verkündeten, daß sie allein die wahren, angestammten Hüter
des Ortes waren.
Gefangene gab es nur wenige, und sie entstammten fast
ausschließlich der Oberschicht – Höflinge oder Gentlemen, die den
Monarchen irgendwie beleidigt hatten. Manchmal, das stimmte, ließ
man sie Qualen erleiden, obwohl die Streckbank oder andere
Folterinstrumente in England selten angewandt wurden, häufiger
jedoch waren sie in einem bescheidenen Komfort untergebracht, der
sich für ihren Stand ziemte.
Er selbst wurde höflich empfangen. Der Burghauptmann des
Towers, ein vornehmer Mann, stattete ihm einen kurzen Besuch ab.
Sir Thomas Morus und Bischof Fisher waren im Bell Tower in der Nähe
des Eingangs eingesperrt, erfuhr Rowland. Doktor Wilson und die
drei Prioren befanden sich in anderen Gemächern. Danach brachte ihm
die diensthabende Wache seine Mahlzeiten, doch ansonsten ließ man
ihn mit seinen Gedanken allein.
Er versuchte ruhig zu bleiben. Aber wie konnte er das
angesichts des Grauens, das ihn mit Sicherheit erwartete, und der
Angst um seine Familie? Am Ende des ersten Tages hatte er sich
zweimal übergeben müssen und war so aschfahl, daß man dem
Burghauptmann sagte, er würde vielleicht sterben. An den nächsten
beiden Tagen ging es ihm kaum besser, obwohl seine Frau und seine
Kinder ihn besuchten. Doch nun, während er durch das Fenster zusah,
was sich unten abspielte, war er zwar blaß, doch er wandte sich an
Susan und bemerkte. »Komm und sieh dir dieses Wunder an.«
Man führte die drei Prioren aus ihren Zellen zum äußeren Tor.
Von dort aus würde man sie quer durch London zum wartenden Galgen
bringen. Sie wurden begleitet von dem Burghauptmann und einer
Gruppe respektvoller Yeomen Warders, die offensichtlich
entschlossen waren, ihnen vor dem Martyrium, das sie erwartete,
einige letzte würdevolle Augenblicke zu sichern. Widerwillig trat
Susan zu ihrem Gatten, um ihnen nachzusehen.
»Sieh nur, wie fromm und frohgemut sie gehen«, murmelte
Rowland. »Die Lämmer Gottes. Ich glaube, das ist es, was Glaube
wirklich bedeutet. Sie wissen, daß sie das Richtige tun. Das ist
es, was Märtyrer uns hinterlassen. Ich vermute, sie sind in
gewisser Weise die Felsen, auf denen die Kirche in Wahrheit
aufgebaut ist.«
Am letzten Abend hatte Thomas ihm bei seinem Besuch noch
einige andere Neuigkeiten mitgeteilt. »Nach den Hinrichtungen wird
man direkt zum Charterhouse gehen und die übrigen Mönche den Eid
leisten lassen.«
Peter. Auch er würde ihm also bald Gesellschaft leisten.
Vielleicht, dachte Rowland, würde man sie gemeinsam aburteilen,
vielleicht würden sie sogar gemeinsam sterben. Der Gedanke tröstete
ihn und gab ihm Kraft.
Am 4. Mai 1535 wurde auf Befehl König Heinrichs VIII. dieses
eifrigen Verteidigers des Glaubens, die Hinrichtung der drei
Prioren vollzogen. Vor dem äußeren Tor des Towers wurden sie auf
hölzerne Gestelle gesetzt und durch die Straßen gezogen. Es war ein
weiter Weg, denn obwohl man den alten Platz in Smithfield immer
noch für Hinrichtungen nutzte, war eine neue Stätte mittlerweile
populärer geworden: die alte römische Straßenkreuzung eine Meile
westlich von Holborn, wo einst ein marmorner Torbogen gestanden
hatte und die nun nach einem kleinen Flüßchen, dem Tyburn, benannt
war; den Galgen nannte man Tyburn Tree, den »Baum am Tyburn«.
Seit den Tagen, als der heilige Thomas Becket dem König der
Plantagenets die Stirn geboten hatten, war es Brauch, jedem
Geistlichen seine religiösen Weihen zu nehmen und ihn so dem Schutz
der Kirche zu entziehen, bevor man ihn der weltlichen Obrigkeit zur
Hinrichtung übergab. Nun war das nicht mehr nötig, denn Heinrich
war ja Gottes weltlicher und geistlicher Stellvertreter auf Erden.
»Sie tragen das Priestergewand«, stellten die Schaulustigen mit
einem erschrockenen Aufstöhnen fest.
König Heinrich hatte beschlossen, aus diesem Ereignis in
Tyburn, wo bereits eine große Menschenmenge wartete, ein Spektakel
für den Hof zu machen. Nicht nur er war anwesend, sondern auch die
Botschafter Frankreichs und Spaniens. Über vierzig berittene
Höflinge, die alle Masken trugen, begleiteten den König.
Die drei Prioren traten vor diese adlige Gesellschaft. Am Fuße
des Galgens erhielten sie noch einmal die Möglichkeit zu
widerrufen, doch alle drei weigerten sich. Man legte ihnen die
Schlinge um den Hals, zog sie hoch und hängte sie; während sie noch
bei Bewußtsein waren, ließ man sie wieder herunter und schnitt sie
aus. Man zerrte ihnen die Eingeweide aus dem Leib, schnitt ihnen
das Herz heraus, hackte ihnen Arme, Beine und Köpfe ab und
schwenkte sie über den Häuptern der Gaffer, damit die Menge sie
sehen konnte. Mit dem Gemetzel an diesen ersten christlichen
Märtyrern, die die Oberhoheit des Königs nicht anerkannten,
proklamierte Heinrichs Kirche von England ihre neue
Autorität.
Peter war bei den Hinrichtungen anwesend, dann machte er sich
auf den Weg zurück ins Kloster. Kurz darauf erschienen einige
Diener des Königs mit einem in ein Tuch eingeschlagenen Päckchen.
Als sie es auswickelten, sahen die Mönche, daß es der abgetrennte
Arm ihres Priors war. Die Männer des Königs nagelten ihn an die
Klosterpforte. Kurz nach Mittag kamen die Bevollmächtigten, um von
der Gemeinschaft den Eid zu fordern; alle Mönche wurden
zusammengerufen. Die Bevollmächtigten, darunter eine Reihe von
Geistlichen, erklärten ihnen, die Schicklichkeit erfordere treuen
Gehorsam gegenüber ihrem König. Alle Mönche weigerten sich – außer
einem. Zu ihrem großen Erstaunen trat Pater Peter Meredith, der
müde und krank aussah und nach den grauenvollen Ereignissen des
Morgens anscheinend den Mut verloren hatte, nach vorn und leistete
als einziger den Eid.
Minister Cromwell teilte Thomas Meredith mit, was geschehen
war; und eigentlich hätte Thomas froh sein sollen. »Nicht nur, daß
er lebt«, meinte Cromwell, »es gereicht Euch auch zum Vorteil. Ich
habe dem König gesagt, daß der einzige Loyale dort Euer Bruder
war.« Er zog eine Grimasse. »Dennoch wird er vielleicht nicht mehr
lange auf dieser Welt weilen. Man hat mir gesagt, daß er sehr krank
sei.«
Und so fand Thomas Peter auch vor, als er ein paar Stunden
später das Charterhouse aufsuchte. Er hatte sich in seine Zelle
zurückgezogen, wo Will Dogget sich um ihn kümmerte. Es schien ihm
sogar schwerzufallen, sich von seinem Bett zu erheben, und nach ein
paar Worten verließ Thomas ihn.
Es war der andere Besuch, vor dem er sich fürchtete. Lange
Zeit blieb er zögernd vor dem Haus in Chelsea stehen, und erst als
eines der Kinder zufällig herausgerannt kam und ihn entdeckte, war
er gezwungen einzutreten. Als er endlich mit Susan allein war,
mußte er ihr die Neuigkeit mitteilen. »Peter hat den Eid abgelegt.
Ich war im Charterhouse und habe ihn besucht.« Eine lange Weile
blieb sie stumm.
»Du meinst«, erklärte sie schließlich, »nachdem er Rowland in
den sicheren Tod geführt hat, ist er nun selbst abtrünnig geworden.
Er läßt Rowland allein sterben?«
»Ich glaube, Peter schämt sich. Ich versuche ihn zu
verstehen.«
Sie schüttelte langsam den Kopf. »Das ist nicht genug.« Nach
einer weiteren langen Pause fügte sie mit kummervoller Stimme
hinzu: »Ich will Peter nie wiedersehen.«
Dan Dogget betete nicht oft, aber nun
wandte er sich verstohlen an Gott. Wenn diese seltsame Sache vorbei
war, hatte er seine Schuld bei Meredith beglichen. »Laß es nur bald
sein«, bat er.
Die Sonne ging schon fast unter, als sie aufbrachen. Pater
Peter hatte sich nicht wohl genug gefühlt, um die Fahrt am
Nachmittag zu wagen, doch vor einer Stunde schien er wieder zu
Kräften gekommen zu sein, und auf Thomas' Anweisung hin hatte Dan
den kleinen Wagen an die Klosterpforte gebracht. Die Atmosphäre im
Charterhouse war angespannt. Seit den Hinrichtungen am Morgen zuvor
hatten Heinrichs Geistliche die Mönche fast unablässig mit ihren
Tiraden traktiert. Drei der ältesten Mönche waren vor kurzem
fortgebracht worden, aber nicht in den Tower, sondern in ein
gewöhnliches Gefängnis. Pater Peter befand sich in einer seltsamen
Lage. Da er krank war, blieb er ohnehin abgeschieden in seiner
Zelle, doch die übrigen Mönche wollten auch nichts mit ihm zu tun
haben, und selbst die Leute des Königs hatten das Interesse an ihm
verloren. Doch wie sehr Peter in der Gemeinschaft auch in Ungnade
gefallen sein mochte, Will Dogget behandelte den ehemaligen
Priester mit Ehrerbietung, und als Peter sich anschickte, auf den
Wagen zu steigen, kniete er nieder und küßte ihm die Hand.
Langsam fuhr er die beiden Brüder Meredith durch die Stadt zu
ihrer traurigen Aufgabe. Sie wollten in den Tower, um Rowland zu
besuchen. Am äußeren Tor des Towers wurde ihnen sogleich Zutritt
gewährt, da man Thomas als Gefolgsmann Minister Cromwells erkannte.
Den Wagen mußten sie stehenlassen, und nun wurde Dan klar, wie sehr
sie ihn gebraucht hatten. Während der Fahrt schienen Pater Peters
Kräfte wieder abgenommen zu haben. Nur mühsam stieg er vom Wagen
herunter, war kaum fähig zu gehen, und Dan und Thomas, jeder an
einer Seite, mußten ihn stützen und ihm über das Kopfsteinpflaster
helfen. Als sie den Blutturm erreichten, war Peter außer Atem.
Nachdem sich Thomas bei dem respektvollen Wachmann ausgewiesen
hatte, stiegen sie langsam die Wendeltreppe zu Rowlands Zelle
hinauf.
Rowland Bull saß auf einer Bank, als sie eintraten, das letzte
rote Leuchten des Sonnenuntergangs drang durch das schmale Fenster.
Seine gestrige Ruhe war zum Teil dahin. Am Morgen hatte er sich
wieder übergeben müssen. Er freute sich offenkundig, sie zu
sehen.
Während Peter und Rowland leise miteinander sprachen,
beobachtete Dan sie interessiert. Bruder Peter kannte er
mittlerweile ein wenig, doch Rowland hatte er kaum je gesehen. Als
er sie nun so nebeneinander betrachtete, bemerkte er überrascht,
die ähnlich sich die beiden Männer waren; durch seine Krankheit
hatte der zuvor dickere Peter abgenommen und war auch im Gesicht
schmäler geworden, so daß er und Rowland Brüder hätten sein können.
Hätte er es nicht besser gewußt, so hätte er vermutet, der frühere
Gemeindepriester sei der Familienvater und der Rechtsgelehrte mit
seinem asketischen Gesichtsausdruck der Mönch.
Schließlich entschloß sich Peter, die Neuigkeit mitzuteilen.
»Ich habe den Eid geleistet.«
Rowland hatte es nicht gewußt. Er hatte in den letzten beiden
Tagen niemanden gesehen außer einem Wachmann, der ihm Essen
brachte. Ernst sah er Peter an. »War es für dich auch so
schrecklich?«
»Willst du dasselbe tun?« fragte Thomas. »Ich glaube nicht,
daß ich dich retten kann, aber da Peter es auch getan hat, stimmt
das den König vielleicht milder.«
»Nein«, erwiderte Rowland. »Ich konnte ihn neulich nicht
ablegen, und ich kann es jetzt auch nicht.«
Lächelnd zog Peter unter seiner Soutane ein Fläschchen Wein
und drei Becher hervor. Ein wenig zittrig schenkte er ein und
reichte Rowland und Thomas ihren Becher. »Laßt uns ein letztes Mal
zusammen trinken.« Er sah Rowland an. »Denk in der Stunde deines
Todes daran, daß du es bist, nicht ich, der eine Märtyrerkrone
verdient hat.«
Sie tranken und sagten nichts mehr. Dann standen Peter und
Thomas Meredith auf und taten das, wozu sie gekommen waren.
Es war bereits dunkel, als Dan und Thomas mit dem Mönch
aufbrachen. Er konnte nun fast gar nicht mehr gehen, so daß sie auf
dem Weg zurück zum Tor sein volles Gewicht trugen. Als die Wachen
Thomas sahen, öffneten sie nicht nur das Tor, sondern halfen ihnen
auch, den Mönch auf den Wagen zu heben. Dann fuhr Dan zurück zum
Charterhouse, während Thomas sich wieder umwandte. »Ein trauriger
Abend«, sagte er zu dem Yeoman Warder, der das Tor bewachte. »Ich
werde noch ein wenig bei dem armen Bull sitzen. Er sieht fast
ebenso krank aus wie der Mönch.«
An diesem Abend war im Tower alles still. Gefangene, Wächter
und sogar die Raben schliefen. Die grauen Steinmauern und Türme
ragten drohend in die Dunkelheit, kaum sichtbar im Sternenlicht –
mit Ausnahme eines einzigen schwachen Kerzenschimmers, der aus dem
Fenster einer Zelle drang, in der zwei Männer zusammen wachten. Als
der Wärter einmal hereinkam, sah er Thomas brütend auf der Bank
sitzen, während der Rechtsgelehrte am Fenster kniete und leise
seine Gebete murmelte.
Während Thomas so wartete, dachte er noch einmal an das
Gespräch, das er vor drei Tagen mit seinem Bruder geführt hatte.
Peter hatte Seelenqualen durchlitten. »Ich verweigere der Kirche
zwei Märtyrer, wenn wir das tun«, hatte er bekannt. »Vielleicht
werde ich meine Seele verlieren.« Thomas überlegte, wie man wohl
das Opfer eines Mannes nennen sollte, der nicht nur bereit war,
sein Leben für seinen Freund hinzugeben, sondern auch seine
unsterbliche Seele?
Die Gestalt am Fenster erhob sich, nickte Thomas zu und legte
sich auf das Bett. Das war der Augenblick, den Thomas gefürchtet
hatte. »Du mußt«, sagte die liegende Gestalt. Thomas trat an das
Bett, nahm ein Laken, bedeckte damit das Gesicht des Liegenden und
begann zu pressen. Und er erkannte es als Gnade Gottes, daß in
diesem Augenblick eine andere Hand eingriff. Thomas rief die
Wachen. Nach ein paar Minuten kamen zwei Yeoman Warders und wurden
Zeugen der Geschehnisse.
Der Rechtsgelehrte auf dem Bett litt an einem schweren
Schlaganfall. Er rang nach Atem, sein Gesicht war verfärbt, er
versuchte, sich aufzusetzen, fiel jedoch zurück, der Mund stand
offen, das Gesicht wirkte fremd in seinem Verfall. Einer der Yeomen
trat zu ihm und wandte sich dann an Thomas. »Er ist tot.« Leiser
fügte er hinzu: »Besser so, als das, was ihn erwartet hätte.« Er
machte kehrt. »Ihr könnt nichts tun, Sir«, meinte er freundlich.
»Wir werden dem Burghauptmann Mitteilung machen.« Rücksichtsvoll
führte er die anderen Wächter hinaus, damit Thomas einen Augenblick
allein sein konnte.
Und so hörte niemand, wie Thomas, als er den Leichnam
berührte, flüsterte: »Gott segne dich, Peter.«
Es war Morgengrauen, als Rowland Bull erwachte. Langsam kam er
zu Bewußtsein; sein Kopf fühlte sich schwer an. Er runzelte die
Stirn. Warum trug er eine Mönchskutte? Er blickte um sich. Wo war
er?
»Du bist im Charterhouse«, sagte Thomas leise. »Ich sollte dir
wohl alles erklären.«
Es war eigentlich nicht schwierig gewesen. Der Schlaftrunk,
den Peter ihm gegeben hatte, hatte schneller gewirkt als erwartet.
Rowlands und Peters Kleidung zu vertauschen hatte nicht mehr als
ein paar Minuten gedauert. Ein Leichtes war es auch gewesen, Peter
aus dem Tower zu bringen. Die einzige Schwierigkeit hatten sie
vorhergesehen – wie sollte man einen bewußtlosen Mann ins
Charterhouse bringen? Diese kurze Strecke hatte Daniel Dogget ihn
auf seinen starken Armen getragen.
»Du würdest staunen, wenn du wüßtest, wie ähnlich Peter dir
gesehen hat, als er deine Kleider trug«, fuhr Thomas fort. »Und
wenn ein Mann stirbt, verändert sich sein Aussehen ohnehin.«
»Peter ist tot?«
»Ich sollte ihn töten. Wir wollten es so aussehen lassen, als
sei er im Schlaf gestorben, und es war gut, daß man dich bereits
für krank gehalten hat. Aber dann, gerade als ich anfing, ihn zu
ersticken… hat ihn Gott der Herr zu sich genommen. Ein
Schlaganfall.«
»Aber was ist mit mir? Was soll ich tun?«
»Das ist Peters Botschaft, die ich dir überbringe. Er will,
daß du lebst. Deine Familie braucht dich. Er ruft dir seine Worte
ins Gedächtnis: Du hast die Märtyrerkrone bereits verdient, weil du
bereit warst zu sterben. Doch er hat dich daran gehindert.«
»Daß er den Eid geleistet hat, ist also…?«
»Ist ein Teil des Plans. Pater Peter Meredith wird verschont,
und du mußt nun seine Stelle einnehmen. Es wird nicht allzu schwer
sein. Für die Mönche bist du ein Ausgestoßener, sie werden dich
meiden. Die Beauftragten des Königs haben kein Interesse an dir,
und außerdem hält man dich für schwerkrank. Bleib also in dieser
Zelle. Will Dogget wird sich um dich kümmern. Nach einer Weile kann
ich es wahrscheinlich einrichten, daß du anderswohin gehst.«
»Und Susan? Die Kinder?«
»Du mußt Geduld haben«, antwortete Thomas. »Um deiner und
ihrer Sicherheit willen muß sie wirklich glauben, daß du tot bist.
Später werden wir sehen, was man tun kann. Aber noch nicht
gleich.«
»Du hast an alles gedacht.«
»Nicht ich. Peter.«
»Ich stehe in eurer Schuld. Ihr habt euer Leben aufs Spiel
gesetzt.«
»Ich habe mich schuldig gefühlt«, erklärte Thomas. »Will
Dogget hat es getan, weil Peter ihn darum gebeten hat; der alte
Mann hat ihn geliebt. Und Daniel – sagen wir, er schuldete mit
einen Gefallen.«
Rowland seufzte. »Ich nehme an, ich habe keine Wahl.«
»Peter hat dir noch eine Nachricht hinterlassen«, fügte Thomas
hinzu. »›Sag ihm, er soll nur eine Zeitlang Mönch bleiben. Dann muß
er zu seiner Frau zurückkehren‹, hat er mir aufgetragen. Verstehst
du, was er damit meint?«
»Ja«, erwiderte Rowland langsam. »O ja.«
Zahlreiche Greueltaten begleiteten die Errichtung der neuen
anglikanischen Kirche unter Heinrich VIII. doch eine Hinrichtung im
Juni empörte das Volk ganz besonders. Den Anlaß dazu hatte der
Papst gegeben. Der energische Pontifex, der die europäischen
Monarchen weiterhin drängte, den abtrünnigen englischen König zu
entthronen, ernannte Bischof Fisher, der immer noch zusammen mit
Morus im Tower gefangen war, zum Kardinal. König Heinrichs Wut war
grenzenlos. »Wenn der Papst einen Kardinalshut schickt«, gelobte
er, »wird es keinen Kopf mehr geben, auf den man ihn setzen kann.«
Am 23. Juni wurde der fromme, grauhaarige Bischof von Rochester,
müde und gebrochen, auf den Rasen des Towers von London geführt und
enthauptet.
Zwei Wochen später folgte ihm der ehemalige Kanzler Thomas
Morus auf das Schafott. Obwohl man wußte, daß der Beamte des Königs
für seinen Glauben starb, betrachtete man sein Schicksal eher als
politischen Sturz denn als religiöses Martyrium. Der unbedeutende
Doktor Wilson blieb fast vergessen im Tower inhaftiert.
Drei der Mönche im Charterhouse wurden hingerichtet, die
übrigen wurden ständigen Demütigungen unterworfen. In anderen
Kartäuserklöstern legten die Mönche den Eid ab, und das Oberhaupt
des Ordens in Frankreich sandte sogar eine Botschaft, sie sollten
es ebenfalls tun. Kaum jemand nahm Notiz davon, als der feige Pater
Peter Meredith auf Befehl des Stadthalters Cromwell aus dem Kloster
geholt und in ein anderes Ordenshaus im Norden gebracht wurde. Will
Dogget begleitete ihn.
Im Frühjahr 1536 kam es zu einem in zweifacher Hinsicht
ironischen Ereignis. Königin Katharina, Heinrichs spanische Gattin,
starb in Ostanglien. Hätte König Heinrich gewartet, wäre er frei
gewesen für eine neue Heirat, ohne mit Rom brechen zu müssen. Zudem
fiel Anna Boleyn, die zweite große Ursache der Ereignisse, nachdem
auch sie nicht den erforderlichen männlichen Erben zur Welt
gebracht hatte, in Ungnade und wurde hingerichtet. König Heinrich
heiratete erneut, doch er führte die englische Kirche nicht zurück
in den Schoß Roms. Es gefiel ihm, geistliches Oberhaupt zu sein,
und zudem waren es beträchtliche Geldsummen, die er von der Kirche
abzweigen konnte.
1538
An einem Morgen im Mai sahen sich die
beiden Flemings über ihre kleine Bude hinweg düster an, dann
blickten sie traurig auf das nun leerstehende Charterhouse, als
wollten sie sagen: Du hast uns im Stich gelassen. Fleming und seine
Frau bauten ihren Stand zum letztenmal ab; das Geschäft war vorbei.
Cromwell war schuld daran, denn er hatte alle Klöster
geschlossen.
Die Auflösung der Klöster war eine außergewöhnliche Maßnahme.
Im Laufe der letzten beiden Jahre hatten Cromwell oder seine Leute
die kleineren und dann auch die größeren Häuser im ganzen Land
besichtigt. Manche wurden der Laxheit beschuldigt, andere wurden
unter gar keinem Vorwand geschlossen. Der riesige, über
Jahrhunderte angesammelte Landbesitz fiel auf diese Weise dem neuen
geistlichen Oberhaupt der Kirche in die Hände. Zumeist verkaufte
ihn Heinrich weiter, wobei er manchmal Freunden erlaubte, ihn zu
günstigen Preisen zu erwerben. Etwa ein Viertel des Grundbesitzes
in England wechselte den Besitzer, die größte Veränderung seit der
normannischen Eroberung.
»Das hat auch die Finanzen des Königs umgestaltet«, bemerkte
Cromwell befriedigt. Das Oberhaupt begann mit dem Bau von Nonsuch,
einem weiteren riesigen Palast außerhalb Londons. Aber das war
nicht alles. Die Gruppe der Reformer innerhalb der englischen
Kirche hatte durch diese Befreiung von der Vergangenheit so an
Stärke gewonnen, daß sie in diesem Frühjahr Heinrichs Erlaubnis
erhielt, eine weitere Säuberung anzuschließen. »Wir müssen England
vom papistischen Aberglauben befreien«, erklärten Cromwell und
seine Freunde. Es wurde nicht alles entfernt, doch einige Wochen
lang wurde im ganzen Land eine sorgfältige Auswahl von Bildern,
Statuen und Reliquien vernichtet; man verbrannte Stücke des
heiligen Kreuzes und schloß Heiligtümer. Sogar den juwelenbesetzten
Reliquienschrein Thomas Beckets brach man auf und brachte das Gold
und die Edelsteine in die königliche Schatzkammer.
All dieser Eifer hatte auch einen bedauerlichen Nebeneffekt,
den selbst Cromwell eingestehen mußte. Die Klöster hatten zahllosen
Armen Obhut und Trost geboten. Alte Männer wie Will Dogget hatten
eine Bleibe gefunden, Hungrige waren an den Pforten gespeist
worden. Nun gab es in London plötzlich Scharen von Bettlern, die
von den Kirchsprengeln kaum mehr versorgt werden konnten. Die
Aldermen wandten sich an Cromwell, der nicht anders konnte, als
ihnen beizupflichten, daß etwas geschehen mußte.
Und da waren auch noch die Inhaber der Verkaufsstände. Was
sollte aus den Leuten werden, die wie die Flemings vor den Pforten
jedes Klosters in London mit all dem religiösen Kitsch und den
Bildern gehandelt hatten, die man nun verurteilte? »Mit unserem
Gewerbe ist es vorbei«, erklärte Mistress Fleming. Voll Bitterkeit
bauten sie ihren Stand ab. Als sie ihren Handkarren nach Smithfield
schoben, erwartete sie ein trauriger Anblick. Auf dem offenen
Gelände war eine Menschenmenge zusammengeströmt. Ein seltsam
aussehendes viereckiges Schafott war aufgebaut, unter das man Holz
aufgeschichtet hatte. Die Gestalt eines älteren Mannes hing an
Ketten an dem Gerüst, das Holz unter ihm wurde gerade angezündet.
Nicht nur Statuen, Bilder und abergläubische Reliquien – auch einen
alten Mann hatten die Reformatoren gefunden, den sie
verbrannten.
Das Verbrechen Doktor Forests bestand darin, daß er der
Beichtvater Königin Katharinas gewesen war. Halb vergessen hatte
der nunmehr über Achtzigjährige einige Jahre im Gefängnis
verbracht, bis irgend jemandem einfiel, daß man ihn verbrennen
sollte, bevor er eines natürlichen Todes starb. Eine
hochgewachsene, grimmige Gestalt mit grauem Bart rief dem alten
Mann zu: »In welchem Glaubensstand wollt Ihr sterben,
Doktor?«
Hugh Latimer, Gelehrter in Oxford und reformatorischer
Prediger, war nun Bischof. Doktor Forest antwortete mutig: Selbst
wenn die Engel beginnen würden, etwas anderes als die wahren Lehren
der heiligen Kirche zu predigen, würde er ihnen nicht glauben. Auf
diese Antwort hin gab Latimer zu verstehen, daß er verbrannt werden
sollte. Doch statt des üblichen Feuers, in dem das Opfer schnell
erstickte, entschied er, den alten Mann in Ketten über dem
Scheiterhaufen hängen zu lassen, damit er unter stundenlangen
Folterqualen einen langsamen Tod erlitt. Doch diesmal wurde es der
Menge zuviel. Als die Flammen und der Rauch höher stiegen, stürmten
ein paar kräftige Männer heran und stießen das Gerüst um, so daß
der alte Mann nach ein oder zwei Minuten tot war.
Langsam gingen die Flemings weiter. »Welch ein Glück«,
erklärte Mistress Fleming ihrem Mann, »daß mein Bruder Daniel auf
der königlichen Barke gutes Geld verdient. Nun wird er für uns
sorgen müssen.«
Zwanzig Meilen weiter östlich, in der alten Stadt Rochester in
Kent, wo der Fluß Medway in die Themse fließt, wartete Susan.
Thomas war vor einem Jahr auf den Gedanken gekommen, daß sie nach
Rochester umziehen sollte, und sie war froh, in der alten Stadt
eine angenehme Zuflucht gefunden zu haben, weit weg von den
unglücklichen Szenen, die sie mit der Hauptstadt in Verbindung
brachte. Auch die Kinder waren dort glücklich. In der einfachen
Wohnung in der Nähe der Kathedrale hatte sie einen neuen Frieden
gefunden.
Aber die Zusammenkunft am heutigen Vormittag stürzte sie in
Zweifel. Thomas hatte darauf bestanden, und da er sich in den
letzten Jahren so liebevoll um sie gekümmert hatte, war sie der
Ansicht gewesen, es ihm nicht abschlagen zu können.
Er war vor ein paar Stunden hierher gekommen und hatte die
Kinder zu einem langen Spaziergang abgeholt, so daß sie ihren
Besucher allein empfangen konnte. Aber wollte sie Peter denn sehen?
In den ersten Wochen nach Rowlands Tod hatte sie es nicht einmal
ertragen können, Peters Namen zu hören. Als ihr zu Ohren kam, daß
er London verlassen hatte und in den Norden gegangen war, war sie
erleichtert. Ein- oder zweimal in den letzten beiden Jahren hatte
sie überlegt, ihm zu schreiben, aber da sie nicht wußte, was sie
ihm sagen sollte, hatte sie es gelassen. Und nun kam er zu Besuch.
Alle Mönche in England waren nun heimatlos, da alle Klöster
aufgelöst waren. Die meisten von ihnen erhielten eine Pension,
manche waren Gemeindepfarrer geworden, manche hatten ihren Orden
verlassen und sogar geheiratet.
»Ich werde ihn empfangen«, hatte sie Thomas schließlich
gesagt, »aber ich kann ihn nicht bei mir aufnehmen.« Gegen Mitte
des Vormittags klopfte es an der Tür; Schritte waren in dem kleinen
Haus zu hören. Und dann sah sie ihren Gatten.
Wenige Menschen in Rochester schenkten der Familie Brown in
den folgenden Jahren besonders Beachtung. Ihre Nachbarn erinnerten
sich, daß Susan Brown eine fromme Witwe gewesen war, bevor sie
wieder heiratete, und es hieß, ihr neuer Ehemann, Robert Brown, sei
früher Mönch gewesen. Er war ein stiller Mann, seiner Frau und
seinen Stiefkindern ergeben. Er wurde Lehrer an Rochesters alter
Schule und schien glücklich mit seiner Arbeit und seiner Familie.
Als er zehn Jahre nach seiner Ankunft in Rochester starb, war seine
Frau so aus dem Gleichgewicht, daß der Priester hörte, wie sie ihn
leise »Rowland« rief. Aber der Priester wußte, daß die Menschen im
Kummer manchmal verwirrt waren.
In den folgenden Jahrzehnten lebte die Familie so unauffällig
wir möglich. Die Mädchen heirateten; Jonathan wurde Lehrer.
Insgeheim war ihr Glaube katholisch, aber nach allem, was geschehen
war, hatte Susan ihnen geraten: »Was immer geschieht, behaltet eure
Ansicht für euch. Seid still.«
Die letzten Jahre unter König Heinrich waren schlimm. Er wurde
aufgedunsen und krank. Das Vermögen, das er der Kirche geraubt
hatte, wurde für extravagante Paläste und sinnlose Abenteuer im
Ausland verschwendet, mit denen er seine Ruhmsucht befriedigte.
Frauen kamen und gingen. Selbst der raffinierte Cromwell fiel in
Ungnade und wurde geköpft.
Schließlich war es dem König geglückt, mit der dritten seiner
sechs Ehefrauen einen Erben zu zeugen. Der Junge Eduard war ein
glänzender Kopf, aber kränklich, und bald war es klar, daß seine
Erzieher, Cranmer und seine Leute, nach König Heinrichs Tod die
Absicht hatten, den Kindkönig noch weiter vom katholischen Glauben
zu entfernen. Doch selbst Susan war erstaunt, als sie feststellte,
wie weit sie gehen wollten.
»Cranmers englisches Gebetbuch«, sagte sie zu ihrer Familie,
»muß gar nicht so schlecht gewesen sein. Immerhin ist es
größtenteils eine Übersetzung des lateinischen Ritus, und er hat
eine schöne Sprache.« Die Lehren, die die Kirche Englands nun
annahm, waren nicht länger nur die der Reformer, sondern ganz und
gar protestantisch. »Das Wunder der Messe wird völlig abgeleugnet«,
rief Susan. Priester durften heiraten. Aber noch schrecklicher
waren in gewisser Weise die materiellen Zerstörungen, die die
Protestanten forderten. Susan sah es eines Tages, als sie bei einem
Besuch in London in Peters Kirche St. Lawrence-Silversleeves
schlüpfte.
Man hatte die kleine Kirche ausgeräumt. Der dunkle alte
Lettner, den ihr Bruder geliebt hatte, war fort, man hatte ihn
verbrannt. Die Wände waren weiß getüncht; den Altar hatte man durch
einen einfachen Tisch ersetzt. Selbst die neuen Buntglasfenster
hatte man zerschlagen. Susan wußte, daß diese Verwüstungen überall
passiert waren, doch hier in der Kirche ihres Bruders tat es ihr
besonders weh.
Als der protestantische Kindkönig starb und seine Schwester
Maria den Thron bestieg, jubelte Susan nicht voreilig. Sicher war
Maria als Tochter der spanischen Königin Katharina eine fromme
Katholikin und schwor, England zurück in die wahre Kirche Roms zu
führen. »Doch sie hat ein halsstarriges Naturell«, urteilte Susan,
»und ich fürchte, sie wird diese Sache falsch in Angriff nehmen.«
Und genau das stellte sich heraus. Trotz der Proteste ihres Volks
bestand sie darauf, König Philip von Spanien zu heiraten. Nach
Ansicht vieler Engländer bedeutete Katholizismus von nun an nicht
nur dem Papst, sondern auch einem ausländischen König unterworfen
zu sein. Dann verbrannte man Protestanten; alle Führer der Reformer
wurden verurteilt. Als man Cranmer verbrannte, tat er Susan leid;
als der grausame Latimer den Scheiterhaufen bestieg, zuckte sie nur
mit den Achseln. Bald nannten die Engländer ihre Königin »Blutige
Maria«, und als sie nach fünf unglücklichen Jahren kinderlos starb,
war Englands Religion immer noch eine offene Frage.
Nur noch eines von Heinrichs Kindern blieb übrig, Elisabeth,
Tochter Anna Boleyns, und Susan war sicher, daß sie England nicht
zu Rom zurückbringen konnte. Denn wenn der Papst in Rom das wahre
Oberhaupt war, mußte die Heirat ihrer Mutter mit Heinrich ungültig
gewesen sein. Sie selbst konnte dann nicht Englands legitime
Thronfolgerin sein. Die Regelung von Glaubensfragen, die Elisabeth
ausarbeitete, war daher vollkommen logisch. Die Frage der Messe
wurde in so dunklen Formen beschrieben, daß man sie nach jeder
Richtung interpretieren konnte; ein gewisses Maß religiöser
Zeremonie wurde beibehalten. Die Autorität des Papstes wurde
geleugnet, doch Elisabeth nannte sich taktvoll Oberste Leiterin der
Kirche Englands, nicht Höchstes Oberhaupt. Den Katholiken konnte
sie daher sagen: »Ich habe euch einen reformierten Katholizismus
gegeben«, den Protestanten: »Der Papst wird nicht anerkannt.«
Damit zeigte Elisabeth Weisheit. Als sich ganz Europa in zwei
riesige und zunehmend feindliche religiöse Lager spaltete, war die
Position der englischen Königin nicht einfach. Während sie die
katholischen Großmächte hinhielt und sogar Andeutungen machte, sie
könne einen ihrer Fürsten heiraten und England zurück zu Rom
bringen, sah sie sich in London und den anderen Städten einem
zunehmend protestantischen Volk gegenüber, denn den Kaufleuten und
Handwerkern, denen man nun einmal ihre englische Bibel und das
Allgemeine Gebetbuch gegeben hatte, gefiel es, selbst zu denken.
Zudem waren ihre Handelspartner in den Niederlanden, in Deutschland
und sogar in Frankreich häufig ebenfalls Protestanten. Nach und
nach gewannen die extremeren Formen des Protestantismus an Boden;
Puritaner nannten sich diese Leute. Selbst wenn Elisabeth die
Protestanten gehaßt hätte – dabei sympathisierte sie heimlich mit
ihnen –, hätte sie diese Entwicklung nicht ohne Tyrannei und
Blutvergießen aufhalten können.
So führten sie und ihr weiser Minister, der große Cecil, einen
englischen Kompromiß ein. »Wir wollen nicht in die Herzen der
Menschen sehen«, sagten sie. »Doch eine äußerliche Anpassung müssen
wir fordern.« Das war eine humane und notwendige Politik. Als der
Papst in Rom die Geduld mit der englischen Königin verlor und mit
Exkommunikation drohte, wenn sie ihr Reich nicht in den Schoß der
Kirche zurückführte, ertappte Susan sich dabei, wie sie ärgerlich
sagte: »Ich wünschte, das ließe er sein.«
Nur eine Sache entlockte ihr einen Wutschrei – die
Veröffentlichung eines dicken Buches im Jahre 1563, bekannt als das
Buch der Märtyrer von John Fox. Sorgfältig geschrieben, um
jedermanns Mitleid und Zorn zu erregen, schilderte es detailliert
die Märtyrer Englands – wobei die Protestanten gemeint waren, die
unter der Blutigen Maria umgekommen waren. Über die Katholiken, die
vorher den Märtyrertod gestorben waren, verlor es kein Wort. Daß
manche dieser Protestanten, wie etwa Latimer, Menschen verbrannt
und gefoltert hatten, ließ man unter den Tisch fallen. Das Buch war
ein immenser Verkaufserfolg, und bald schien es, als habe es nur
die Protestantenverfolgungen der Katholiken gegeben.
»Das ist eine Lüge«, protestierte Susan. »Und ich fürchte, sie
wird fortbestehen.« In der Tat kam es so. Das Buch der
Märtyrer war dazu bestimmt, in den Familien gelesen zu
werden, die Kinder zu warnen, und sollte über Generationen hinweg
bestimmen, wie das englische Volk die katholische Kirche
wahrnahm.
Doch Susan war entschlossen, in Frieden zu leben. Und Frieden
war ihr auch beschieden, abgesehen von einer kleineren Störung.
Spät im Leben nahm ihr Bruder Thomas nach einer langen Laufbahn bei
Hofe, wo er niemals wirklich aufgestiegen war, eine Frau. Sie
entstammte einer guten Familie und hatte ein wenig Vermögen, doch
irgendein kleiner Charaktermakel, wie Susan argwöhnte, hatte sie am
Heiraten gehindert. Sie schenkte Thomas einen Sohn, dann starb sie.
Nicht lange danach erhielt Susan einen Brief von ihrem Bruder, der
ihr mitteilte, auch er werde nicht mehr lange unter den Lebenden
weilen und wolle seinen kleinen Sohn und Erben nach Rochester
schicken, »wo ich weiß, daß Jonathan und du für ihn sorgen
werdet«.
Und so hatte Susan in den letzten Jahren ihres Lebens eine
neue Verantwortung, einen hübschen kleinen Kerl mit
kastanienbraunem Haar und großem Charme, wie sie zugeben mußte. Er
hieß Edmund. Doch manchmal fragte sie sich, ob er nicht ein wenig
zu wild war.