HAMPTON COURT

1533

SIE HÄTTE NICHT in den Garten gehen sollen. Sie hätte vorbeigehen sollen, als sie das Geflüster hörte. Hatte ihr Bruder sie nicht vor solchen Dingen gewarnt? Ein schwüler Augustnachmittag; klarer blauer Himmel. Umgeben von einem Wildpark, einige Meilen flußaufwärts von London, lag der riesige, ziegelrote Tudorpalast Hampton Court in der warmen Sonne. Von den Grünflächen vor dem Palast konnte sie das ferne Lachen der Höflinge hören. Zwischen den Bäumen des Parks äste graziles Rotwild.
Sie war ans Flußufer gegangen, weil sie allein sein wollte, und erst jetzt, als sie an der Hecke vorbeikam, hörte sie das Gewisper.
Susan Bull war achtundzwanzig. Ihre regelmäßigen Züge paßten in ein Zeitalter, das blasse, ovale Gesichter bewunderte. Viele meinten, ihr Haar sei das Schönste an ihr. Wenn sie es nicht hochsteckte, umrahmte es glatt ihre Wangen und lockte sich ein wenig an den Schultern, doch vor allem an die Farbe erinnerte sich jeder – ein dunkles, sattes Braun mit warmen, kastanienroten Lichtern, die es strahlend schimmern ließen. Ihre Augen waren von derselben Farbe. Insgeheim war sie aber vor allem stolz darauf, daß sie nach der Geburt von vier Kindern immer noch ihre schlanke Figur hatte. Ihre Kleidung war einfach, aber elegant: eine gestärkte weiße Haube, unter der ihr Haar adrett zusammengebunden war, und ein hellbraunes Seidenkleid. Das einfache goldene Kreuz, das sie an einer Kette um den Hals trug, wies darauf hin, daß ihr Glaube ihr viel bedeutete, obwohl viele Damen bei Hof nach außen hin ähnliche Frömmigkeit bekundeten, weil es gerade Mode war.
Sie hatte nicht hierherkommen wollen. Die Leute bei Hofe schienen ihr stets verschlagen, und sie verabscheute jegliche Falschheit. Aber sie hatte es für ihre Pflicht gehalten. Thomas hatte das alles eingefädelt.
Thomas und Peter, ihre beiden Brüder; verblüffend, wie verschieden sie waren. Thomas, der Jüngste der Familie: begabt, brillant, charmant, eigenwillig. Sie liebte ihn, aber nicht ganz vorbehaltlos. Und Peter, der tröstliche, zuverlässige Peter. Obwohl er ihr Halbbruder aus erster Ehe war, fühlte sie sich ihm näher. Peter, der Älteste der Familie Meredith, hatte die Stelle des Vaters eingenommen, als dieser jung gestorben war. Peter war das Gewissen der Familie. Es hatte sie nicht überrascht, als er den Priesterstand wählte.
Es gab in London keinen besseren Gemeindepfarrer als Pater Peter Meredith. Seinen Gläubigen im Kirchsprengel war die tröstliche Erscheinung des großen, mit vierzig Jahren fast schon glatzköpfigen und liebenswert rundlichen Priesters vertraut und angenehm. Er war ein kluger Mann, und hätte er in seiner Jugend nicht ein wenig zur Faulheit geneigt, wäre vielleicht ein glänzender Gelehrter aus ihm geworden. Seine Pfarrei St. Lawrence-Silversleeves war keine Stelle für jemanden mit Ehrgeiz. Dennoch war er zufrieden. Er hatte die kleine Kirche mit ihrem dunklen Lettner restaurieren lassen, und während seiner Amtszeit hatte sie zwei schöne neue Buntglasfenster bekommen. Er kannte jedes seiner Pfarrkinder mit Namen; die Frauen mochten seine herzliche Art, weil sie wußten, daß er sich an das Gelübde des Zölibats hielt, und er konnte mit den Männern trinken, dabei aber doch eine freundliche Würde wahren. Seine Predigten waren einfach, seine Gespräche nüchtern und bodenständig. Er war ein gediegener katholischer Priester.
Doch im letzten Jahr war er ernstlich erkrankt und hatte den Entschluß gefaßt, sich in das große Kloster Charterhouse in London zurückzuziehen; zuvor hatte er eine Pilgerfahrt nach Rom angetreten. Dort war er noch immer. Um Rat über diese heutige Angelegenheit zu bekommen, hatte sie ihm schreiben müssen. Zum zwanzigsten Mal hatte sie heute vormittag seine Antwort gelesen: »Ich kann dir nur raten, deinem Gewissen zu folgen. Dein Glaube ist stark. Bete also, und du wirst wissen, was du tun sollst.« Sie hatte gebetet. Und dann war sie hierhergekommen.
Irgendwo im großen Labyrinth von Hampton Court war ihr Gatte Rowland. Eine Stunde war es her, daß Thomas ihn hineingeführt hatte – zu der wichtigsten Begegnung seines Lebens. Sie hatte ihn noch nie so am Rande seiner Belastbarkeit erlebt. Drei Tage lang hatte er immer wieder Anfälle von Übelkeit gehabt und so totenbleich ausgesehen, daß Susan, wäre sie nicht an seine angespannte, nervöse Konstitution gewöhnt, womöglich gedacht hätte, er sei wirklich krank. Er tat es für sie und für die Kinder, aber auch für sich selbst. Vielleicht wünschte sie deshalb so sehr, daß er Erfolg hatte.
Ihr Gatte war das größte Geschenk, das Peter ihr gemacht hatte. Peter hatte Rowland kennengelernt und ihn mit einer Botschaft zu ihr gesandt: Das ist er. »Hol's der Teufel«, hatte Thomas gemurrt. »Der eine sieht auch noch genauso aus wie der andere.« Und es stimmte; Peter und Rowland, beide stämmig gebaut und früh ihr Haar verlierend, glichen sich sehr. Doch trotz dieser oberflächlichen Ähnlichkeit bestand ein wesentlicher Unterschied. Der Mönch war der ältere und klügere der beiden, doch Rowland hatte einen stillen Ehrgeiz, der Peter fehlte. Nun hatte Rowland seine Chance. Wenn das Gespräch, das Thomas verabredet hatte, erfolgreich war, bedeutete das ein Betätigungsfeld für seine Gaben und eine Erleichterung ihrer endlosen Geldsorgen. Es muß richtig sein, sagte sie sich, wenn sie an die Kinder dachte. Und es gab noch einen weiteren Trost. Was auch immer sie vom höfischen Leben halten mochte, so wußte sie doch, daß Höfe ein notwendiges Übel waren und die Höflinge nur Diener. Dahinter stand die entscheidende Gestalt, der sie verpflichtet waren: der Freund ihres Vaters, der Wohltäter ihres Bruders, der Mann, den zu lieben und dem zu vertrauen man sie ihr ganzes Leben lang gelehrt hatte, König Heinrich, Englands frommer König, Oberhaupt des Hauses Tudor.
Die Dynastie der Plantagenets hatte sich in den furchtbaren Familienfehden zwischen Johann von Gents Haus Lancaster und dem rivalisierenden Haus York, die als die Rosenkriege in die Geschichte eingehen sollten, aufgerieben. Dabei waren so viele königliche Prinzen umgekommen, daß eine bisher unbekannte Familie aus Wales, die zufällig in das alte Königshaus eingeheiratet hatte, aufsteigen konnte. Als Heinrichs Vater vor fünfzig Jahren Richard III. den letzten Herrscher des Hauses Plantagenet, bei der Schlacht von Bosworth geschlagen hatte, war die Tudor-Dynastie auf dem Thron etabliert worden.
Susan konnte sich immer noch daran erinnern, wie ihr Vater sie, ein Jahr vor seinem Tod – sie war damals fünf-, zum Hof mitgenommen hatte. Während sie durch die große Halle schritten, war die prachtvollste Gestalt, die sie je gesehen hatte, auf sie zugekommen. Groß, die breite Brust in einem juwelengeschmückten Waffenrock mit mächtigen runden Schulterpolstern, war Heinrich ein majestätischer Riese. Seine engsitzenden Kniehosen zeigten die kräftigen Beine eines Athleten, im Schritt einen bauschigen Hosenbeutel, ausgepolstert, um die Geschlechtsteile zu betonen. Ihr Herz hatte einen Schlag lang ausgesetzt, als plötzlich ein Paar gewaltiger Arme sie gepackt und hochgehoben hatte, so daß sie in sein schönes Gesicht mit den weit auseinanderstehenden fröhlichen Augen und einem akkurat gestutzten rotbraunen Bart blicken konnte.
»Das ist also Sein kleines Mädchen«, hatte der mächtige Monarch gelächelt, als er sie an sich gezogen und ihr einen Kuß gegeben hatte.
Kein Fürst in Europa entfaltete größere Pracht als Heinrich von England. England mochte klein sein – mit weniger als drei Millionen war die Bevölkerung Englands nur ein Fünftel so groß wie die des inzwischen vereinigten Königreichs Frankreich –, doch diesen Mangel glich Heinrich mit seinem luxuriösen Lebensstil aus. Er war ein Renaissancefürst par excellence: athletischer Sportsmann, begabter Musiker mit gelegentlichem Hang zum Gelehrten und unermüdlicher Baumeister von Palästen. Bei Flodden hatte seine Armee die Schotten vernichtend geschlagen; mit einem prachtvollen Umzug auf dem Field of the Cloth of Gold, einem Turnierfeld mit goldenen Zelten in der Nähe von Calais, hatte er den Frieden mit dem französischen König besiegelt. Doch eines war am wichtigsten. Zu einer Zeit, da sich die Christenheit in der größten Bedrängnis seit tausend Jahren befand, war Heinrich von England fromm.
In die Frühzeit von Heinrichs Regentschaft fiel Martin Luthers religiöses Aufbegehren in Deutschland. Wie zuvor bei den englischen Lollarden, Anhängern des Theologen Wyclif, waren die ursprünglichen lutherischen Forderungen nach einer Kirchenreform bald zu einer massiven Kampfansage an die katholische Doktrin geworden. Es dauerte nicht lange, und die Protestanten leugneten das Wunder der Messe und die Notwendigkeit des Bischofsamtes; sogar die Ehe von Priestern wurde bejaht. Und unerhörterweise gab es regierende Fürsten, die solchen Ansichten wohlwollend gegenüberstanden. Nicht jedoch König Heinrich. Als deutsche Kaufleute lutherische Flugschriften nach London schmuggeln wollten, erstickte er diesen Versuch im Keim. Tyndales Übersetzung des Neuen Testaments wurde öffentlich in der St.-Paul's-Kathedrale verbrannt. Der gelehrte König hatte selbst eine so großartige Schrift zur Widerlegung des Ketzers Luther verfaßt, daß der dankbare Papst ihm einen neuen Titel verlieh: Verteidiger des Glaubens.
Was Heinrichs jüngste Meinungsverschiedenheiten mit dem Papst hinsichtlich seiner Ehegattin betraf, hatte Susan wie viele gläubige Engländer großes Mitleid mit ihrem König. »Ich bin nicht bereit, ihn jetzt schon zu verurteilen«, sagte sie.
Der Park vor dem Hampton Court, der große Obstgarten, war ein typisches Beispiel für solche Anlagen um einen Palast – ein kunstvolles Ensemble streng architektonisch angelegter Gärten, Pavillons, Lauben und lauschiger Plätzchen, die der prunkliebende König Heinrich mit verschiedensten Wappentieren, Sonnenuhren und anderen Ornamenten aus bemaltem Holz oder Stein geschmückt hatte. Es war Zufall, daß Susan das Gewisper hörte, als sie an einer hohen grünen Hecke, die einen der Gärten umschloß, vorbeikam.
Daniel Dogget stand an der Landungsbrücke von Hampton Court, blickte auf seine sitzende Frau und ihren kleinen, stämmigen Bruder hinab und dachte nach. Dan Dogget war ein Riese. Mehr als zwei Jahrhunderte waren vergangen, seit Barnikel von Billingsgate die Schwestern Dogget am Flußufer besucht und eine der beiden geschwängert hatte. Das Kind erbte die Statur der Barnikels, aber Teint, Haarfarbe und Namen der Schwestern. Abgesehen von ihrer Größe und dem ein wenig veränderten Namen waren seine Kinder von ihren Vettern der alten Familie Ducket kaum zu unterscheiden; doch zur Zeit des Schwarzen Todes, als Bull den kleinen Geoffrey Ducket aufgenommen hatte, war es vor allem der Familienzweig Dogget, der überlebte. Dan Dogget war etwa einen Meter neunzig groß, von schwerem Knochenbau, aber mager, mit einer dichten schwarzen Haarmähne, die über der Stirn eine weiße Strähne hatte. Er war der stärkste Fährmann auf der Themse und konnte eine über die Brust gespannte Kette sprengen. Bereits mit zwölf Jahren hatte er mit den Männern mitrudern dürfen; als er zwanzig war, wollte sich keiner mehr mit ihm anlegen, nicht einmal in den Wirtshäusern am Ufer, wo es hart zuging.
»Was hast du nun vor?« fragte der kleine Mann erneut. »Deine Schwierigkeit, Daniel, liegt darin, daß du zu viele Verpflichtungen hast.« Dogget erwiderte nichts. Er hing zärtlich an seiner rundlichen Frau und den gemeinsamen Kindern, er half der Familie seiner Schwester, und nun, nachdem Carpenters Frau bei der Geburt des vierten Kindes gestorben war, hatte er seine eigene Frau mit den Kindern flußaufwärts von Southwark nach Hampton Court gebracht, wo Carpenter arbeitete. »Sie können bei dir wohnen, bis wir eine Lösung finden«, bot er an, und Carpenter war natürlich dankbar. Aber da war auch noch sein Vater.
Vor einem Jahr hatte er den alten Mann bei sich in Southwark aufgenommen – und er hatte es bereut. Nach Will Doggets jüngster Eskapade im Zustand der Trunkenheit hatte Dan zugegeben: »Ich werde nicht mehr mit ihm fertig.« Aber er konnte den alten Mann auch nicht einfach hinauswerfen. Er hatte es bei seiner Schwester versucht, doch auch sie wollte ihn nicht aufnehmen. Wie immer eine Lösung aussehen mochte, man konnte sicher sein, daß es Geld kosten würde. Und wenn er nicht stehlen wollte, gab es nur eine Möglichkeit, dieses Geld zu bekommen. Sein Blick glitt über die Barken, die am Ufer vertäut waren. War eine von ihnen vielleicht die Antwort?
Obwohl ganz unterschiedlich groß, waren alle Passagierboote auf der Themse nach demselben Grundmuster gebaut. Ihre Konstruktion entsprach im wesentlichen den Langschiffen der Wikinger, mit einem flachen Kiel und Planken, die überlappend wie Ziegel in langen, schnittigen Linien angeordnet waren. Das Bootsinnere war in zwei Abschnitte geteilt: vorne die Ruderbänke, hinten die Passagiere. Es gab die ganz einfachen Ruderboote, die breiten, flachen Fährboote mit einem oder zwei Ruderern. Dann gab es längere Barken mit mehreren Ruderpaaren und in der Regel einem Baldachin über den Passagieren. Diese hatten häufig auch ein Steuer mit Steuermann. Und schließlich fuhren auf dem Fluß auch die mächtigen Kähne der großen Schiffahrtsgesellschaften der Stadt mit eigenen Deckaufbauten für die Passagiere, wundervoll geschnitzten Schiffsschnäbeln und mindestens einem Dutzend Ruderpaaren, so etwa die vergoldete Barke des Lord-Mayor von London, die an der Spitze der jährlichen Flußprozession über die Themse glitt.
Daniel liebte sein Leben als Fährmann. Körperlich mochte die Arbeit schwer sein, aber dafür war er gebaut. Wenn er spürte, wie die Ruderblätter geschmeidig ins Wasser tauchten, wenn er den Geruch der Flußalgen schnupperte, während das Boot sich schaukelnd bewegte, erfüllte ihn eine Zufriedenheit, die nicht übertroffen werden konnte. Wie gut er den Fluß kannte – jedes Ufer, jede Biegung, von Greenwich bis Hampton Court.
Arbeit gab es genug. Da die London Bridge immer noch die einzige Straße war, die über die Themse führte, so daß sich der Verkehr häufig staute, fuhren stets schnelle Fährboote über den Fluß in die Innenstadt und nach Westminster. Für längere Fahrten war die Wasserstraße zwar nicht schneller, aber bequemer. Nicht wenige Höflinge, die morgens in Hampton Court sein mußten, streckten sich auf den Kissen in einer der vornehmen Barken aus und ließen sich von in prachtvolle Livreen gekleideten Fährmännern während einer warmen Sommernacht flußaufwärts rudern. Es war viel angenehmer, als im Morgengrauen über die von zahlreichen Furchen durchzogene King's Road zu fahren, die an Chelsea vorbei zum königlichen Palast führte. Die Fährmänner wurden gut bezahlt, vor allem wenn man die Trinkgelder hinzurechnete.
Könnte er nur eine Anstellung auf einer der Prunkbarken finden, dachte Dogget, würde er sehr viel mehr verdienen. Doch um die guten Stellen zu bekommen, selbst in der bescheidenen Gilde der Fährmänner, mußte man gute Beziehungen haben.
Die beiden Männer waren fröhlich, als sie durch den großen Hof schritten. Rowland Bull lachte erleichtert. Das Gespräch war besser verlaufen, als er es sich vorgestellt hatte. Für einen gewissenhaften Anwalt war es immerhin keine Kleinigkeit, vom Lordkanzler von England persönlich zu hören: »Wir wollen Eure Dienste in Anspruch nehmen.« Rowland Bull, Sohn des bescheidenen Brauers Bull aus Southwark, wurde im Zentrum des Königreichs gebraucht. Er war geschmeichelt. Und die Einkünfte – sie waren höher, als er sich hatte träumen lassen. Zwar hegte er Zweifel wegen der Weltlichkeit des Hofes, doch wenn er an seine kleine Familie dachte, schien es ihm, als müsse es Gottes Wille sein. Er wandte sich an seinen Schwager. »Das alles verdanke ich dir.«
Es war schwer, Thomas Meredith nicht zu mögen. Schlank und attraktiv, in Haarfarbe und Teint seiner Schwester sehr ähnlich, war er die weltliche Hoffnung der Familie. Die Merediths waren Waliser und wie andere Waliser Familien mit den Tudors nach England gekommen. Thomas' Großvater hatte bei Bosworth gekämpft, und sein Vater hätte am Hofe aufsteigen können, wäre er nicht gestorben, als Thomas und Susan noch Kinder waren. König Heinrich hatte dann dem jungen Thomas einen Posten bei dem mächtigen königlichen Minister Thomas Cromwell gegeben, und dort arbeitete er mit großem Erfolg. Er hatte in Cambridge und an den Inns of Court studiert, er sang und tanzte gut, er focht und schoß mit dem Bogen, er spielte sogar mit dem Herrscher das königliche Spiel Tennis. Mit seinen sechsundzwanzig Jahren war er ganz und gar bezaubernd.
Wenn Rowland Bull die Einflüsse zusammenfassen wollte, die ihn so weit gebracht hatten, fiel ihm das nicht schwer: Bücher und die Merediths. Die Bücher waren leicht zu erklären. Ein Mitglied der Mercer-Gilde namens Caxton hatte aus Flandern die ersten Druckerpressen nach England gebracht und eine Werkstatt in Westminster eröffnet, kurz vor dem Ende der Rosenkriege. Bald erschien eine Flut gedruckter Bücher. Anstelle von Buchmalereien zierten Caxtons Bücher oft lebendige schwarzweiße Holzschnitte, und im Vergleich zu den alten handgeschriebenen Manuskripten waren sie billig. Rowland hatte sich in Chaucer, in die Geschichten um König Artus und eine Reihe von Predigten und religiösen Flugschriften vergraben. Diese Liebe zu Büchern war es, die ihn von der Brauerei wegführte, zu einem armen Gelehrten in Oxford machte und ihn schließlich die Rechte studieren ließ. Und es waren auch die Bücher, die ihn als jungen Mann ein Leben als Ordensmann in Erwägung ziehen ließen.
Alles übrige hatten die Merediths bewirkt. Es war Peter, der Mann, den er mehr als alle anderen respektierte, der ihm sagte: »Es gibt auch andere Arten, Gott zu dienen, als im heiligen Orden.« Als Rowland befürchtete, er könne das religiöse Gelübde der Keuschheit nicht einhalten, hatte Peter lächelnd bemerkt: »Wie der Apostel Paulus sagt: ›Es ist besser zu heiraten, als sich in Begierde zu verzehren.‹« Durch Peter hatte er Susan gefunden, und mit ihr ein Glück, das er nie für sich zu erhoffen gewagt hatte. Und wenn er sich hin und wieder noch nach einem Ordensleben sehnte, so war dies das einzige Geheimnis, das er vor seiner Frau hatte. Und heute schuldete er Thomas Meredith seinen Dank.
An diesem Augustnachmittag gab es bedeutendere Neuigkeiten, die tuschelnd im Palast verbreitet wurden. Als sie durch einen massiven Torbogen aus dem Hof schritten, stupste Thomas seinen Schwager. »Sieh nach oben«, bemerkte er mit einem Grinsen.
Der Bogen war prächtig. Obwohl die Rosenkriege das vorherige Jahrhundert verfinstert hatten, konnte sich eine prachtvolle Architektur entwickeln – die Spätgotik feierte in England ihren Höhepunkt. Die Reihen von Spitzbogen wichen einem klaren Gefüge einfacher, eleganter Pfeiler, die nicht mehr Mauern, sondern hohe Glaswände umschlossen; die Decke, nun fast flach, erstreckte sich in einem anmutigen Fächergewölbe, einem filigranen Spitzengewebe aus Stein. In den Kapellen von Windsor oder im King's College in Cambridge konnte man die herrlichsten Beispiele dieser Architektur bewundern.
Auch der Torbogen, durch den sie schritten, hatte ein Fächergewölbe, und zwischen diesem feingliedrigen Maßwerk sahen Thomas und Rowland die liebevoll ineinander verschlungenen Initialen, die England in diesem Sommer Hoffnung bringen sollten: H&A. Heinrich und Anna. Anna Boleyn.
Als Heinrich nach zwei Jahrzehnten liebevoller Ehe mit der Spanierin Katharina von Aragon außer der kränkelnden Tochter Maria immer noch keinen legitimen Erben hatte, machte er sich verständlicherweise Sorgen. Was sollte aus der Dynastie der Tudors werden? Noch nie hatte eine Frau England regiert – würde sich das Land nicht in Chaos auflösen, so wie es während der Rosenkriege gewesen war?
Doch eine Möglichkeit gab es. War Katharina nicht, wenn auch nur kurz, die Frau seines älteren Bruders Arthur gewesen, den ein früher Tod hinweggerafft hatte? War Heinrichs Ehe also nicht verboten? Und dann lernte er Anna Boleyn kennen.
Die Boleyns waren eine Londoner Familie; Annas Großvater war Lord-Mayor gewesen. Zwei glänzende Eheschließungen hatten die frühere Kaufmannsfamilie mit dem Hochadel verbunden, und nach einem Aufenthalt am französischen Hof war Anna eine bestrickend elegante und geistreiche Person. Bald hatte Heinrich sich in sie verliebt und überlegte, ob diese bezaubernde junge Frau ihm einen gesunden Erben schenken würde. Sowohl sein Begehren als auch die Erfordernisse des Staates hatten ihn zu einer Entscheidung veranlaßt: »Auf meiner Ehe mit Katharina lag ein Fluch. Ich werde den Papst um die Annullierung bitten.«
Das war nicht so unerhört, wie es schien. Die Kirche war nicht ohne Erbarmen: Manchmal fand man Gründe, um Paare zu erlösen, die in einer unerträglichen Ehe gefangen waren. Auch der Laienstand manipulierte die Regeln: So heiratete etwa ein Aristokrat eine Cousine innerhalb des verbotenen Verwandtschaftsgrades und war sich damit sicher, daß die Ehe annulliert werden konnte; andere machten beim Ehegelübde absichtlich Fehler und hielten sich so ein Hintertürchen offen, damit die Ehe für ungültig erklärt werden konnte. Und der Papst hatte erkennbar den Wunsch, Englands getreuem König dabei zu helfen, eine geordnete Erbfolge aufzubauen.
Es war Pech, daß der Papst, gerade als Heinrich ihn um Hilfe bat, faktisch Gefangener eines anderen und noch mächtigeren katholischen Monarchen war: Karls V. Heiliger Römischer Kaiser Deutscher Nation und Oberhaupt der einflußreichen Habsburgerdynastie, dessen Tante keine andere war als Katharina. »Eine Annullierung würde Habsburg beleidigen«, erklärte er; und als Heinrichs Boten kamen, erhielt der Papst den Befehl, nein zu sagen.
Die folgenden Verhandlungen waren zum Teil eine Tragödie, zum Teil eine Farce. Heinrichs Minister, der große Kardinal Wolsey, scheiterte daran. Als Heinrich drängte, machte der Papst Ausflüchte. Diskret legte er nahe, Heinrich solle sich ohne seine Billigung scheiden lassen und erneut heiraten – in der Hoffnung, die Ehe könne später für gültig erklärt werden. »Das hätte keinen Sinn«, erklärte Heinrich. »Die Ehe und die Erben müssen unmißverständlich legitim sein.« Um dem Papst Angst einzujagen, befahl Heinrich der Kirche Englands, ihm die Gerichtshöfe zu unterstellen, und unterband ihre Steuerzahlungen an Rom. Doch der Pontifex maximus war immer noch hilflos in den eisernen Klauen der Habsburger gefangen.
Im Januar 1533 wurde die Zeit schließlich knapp: Anna war schwanger. Mit der Hilfe eines neuen Erzbischofs, Thomas Cranmer, der Heinrich recht gab, schritt der König zur Tat. Cranmer, allein auf die Autorität der englischen Kirche gestützt, annullierte die Ehe mit Katharina und traute den König und Anna Boleyn. Viele protestierten. Der alte Bischof von Rochester, John Fisher, weigerte sich, die Ehe zu sanktionieren. Thomas Morus, früherer Lordkanzler, schwieg mißbilligend. Eine religiöse Fanatikerin, die heilige Maid von Kent, prophezeite den Tod des gottlosen Königs und wurde wegen Hochverrats verhaftet. Der Papst, der Cranmer im Amt bestätigt hatte, zögerte zu erklären, ob er der neuen Eheschließung zustimmte oder nicht.
Was sollte ein frommes, gebildetes Ehepaar wie Rowland und Susan Bull davon halten? Ihr vorbildlicher katholischer König war vom Papst abgefallen. Sie verstanden die politischen Interessen, die im Spiel waren. Der Glaube als solcher war eigentlich nicht betroffen. »Am Ende wird es eine Lösung geben«, erklärte Rowland. Vor allem nach der wunderbaren Neuigkeit dieses Tages, dachte er, als er mit Thomas Meredith durch den Torbogen schritt. Die Astrologen hatten es vorhergesagt, und gerade an diesem Morgen hatten die Ärzte eindeutig erklärt, das ungeborene Kind sei ein Junge. England würde endlich einen Erben haben. So eilte Rowland Bull voller Glück im Herzen hinaus, um seine Frau zu suchen.
Der Garten schien sehr still zu sein, als Susan Bull ihn betrat. Sie war einige Schritte gegangen, als sie den Mann und die Frau sah. Sie waren rechts von ihr in einer Laube, und sie blickten sie an. Die Frau – eindeutig eine Hofdame. Ihr blaues Seidenkleid war bis über die Taille nach oben geschlagen; die weißen Strümpfe bis unter die Knie heruntergerollt. Ihre Beine umschlangen die Lenden eines großen Mannes, der sie festhielt. Der Mann war vollständig angezogen, nur die leuchtendfarbige Klappe seines Hosenbeutels war geöffnet. Ein praktischer Aspekt dieses Teils der Männertracht.
König Heinrich VII. von England hatte das an diesem Nachmittag praktisch gefunden. Leider hatte er sich, als er so in flagranti ertappt wurde, automatisch zurückgezogen, so daß Susan Bull nun auf den König in seiner Nacktheit starrte. Und er starrte sie an. Sie war so bestürzt, daß sie sich nicht von der Stelle rührte. Die Frau, die von ihr erwartete, daß sie sich diskret entfernte, hatte ihre Stellung nicht verändert, ließ nun aber mit einem verärgerten Blick die Beine sinken, während König Heinrich sich ruhig zu ihr umwandte. Was sollte sie tun? Es schien zu spät, um einfach davonzulaufen. Sollte sie einen Knicks machen? Sie fühlte sich wie gelähmt. Und dann sprach König Heinrich.
»Nun, Mistress. Heute hat Sie den König gesehen.«
Sie begriff, daß dies der Augenblick war, um etwas Amüsantes zu sagen, damit die Sache auf elegante Weise abgetan war. Sie zermarterte sich das Hirn, doch ihr fiel nichts ein. Schlimmer: Gedankenlos hatte sie ihre Augen wandern lassen. Und während ihr Blick weiter nach unten glitt und sie sich an den Ruf des Königs als Liebhaber erinnerte, ertappte sie sich bei dem Gedanken: Er ist nicht anders als mein Mann. Tatsächlich eher kleiner. Und noch etwas bemerkte sie. Heinrichs Hemd war teilweise aufgegangen. Die prächtige Gestalt, an die sie sich erinnerte, als er sie als Kind hochgehoben hatte, war noch erkennbar, doch die Zeit war nicht spurlos an Heinrich vorübergegangen; die fünfundachtzig Zentimeter, die seine Taille während der Blüte seiner Jahre gehabt hatte, waren nun auf fast einen Meter vierzig angewachsen, und der dicke, haarige, überhängende Bauch, auf den sie einen Blick erhaschte, wirkte nicht sehr reizvoll. Sie blickte in sein Gesicht.
Heinrich grinste. Diese Art von Blick kannte sie. Die meisten Fürsten hatten Mätressen; das war zu erwarten. Doch dies war etwas anderes. Nach all den Schwierigkeiten, dem Beiseiteschieben seiner treuen Gattin, dem Problem mit dem Papst, der Eheschließung mit Anna – und nun, da der entscheidende Erbe demnächst geboren werden würde und seine neue Königin wahrscheinlich keine hundert Meter entfernt war, frönte dieser übergewichtige König einer flüchtigen Leidenschaft, in einem Garten, wo jedermann ihn sehen konnte. Sein Blick war das gierige Grinsen eines Lüstlings. Der heroische, fromme König, den sie verehrt hatte, war plötzlich ein Schatten; sie erkannte, daß er nur vulgär war. Sie fühlte sich abgestoßen.
Heinrich sah es. Gelassen befestigte er den Hosenbeutel, während die Dame mit geübter Schnelligkeit ihr Kleid in Ordnung brachte. Als Heinrich wieder aufsah, war das Grinsen verschwunden. Er starrte Susan an. »Wir kennen diese Dame nicht«, erklärte er und fügte laut hinzu: »Aber Wir mögen sie nicht!« Susan spürte, wie ihr kalt wurde.
»Wie heißt Sie?«
Hatte sie eben die Laufbahn ihres Mannes ruiniert, bevor sie überhaupt begonnen hatte? »Susan Bull, Sire.« Sie sah, wie er die Stirn runzelte. Er hatte ein ausgezeichnetes Gedächtnis, doch der Name Bull schien ihm nichts zu bedeuten. »Und Ihr Mädchenname?« fragte er.
»Meredith, Sire.« Hatte sie ihren Bruder ebenfalls zugrunde gerichtet?
»Thomas Meredith ist Ihr Bruder?« Sie nickte. »Ihr Vater war unser Freund. Ist Sie unsere Freundin?« Sie sank in einen tiefen Knicks. »Mein Leben lang war ich die Freundin Ihrer Majestät«, erwiderte sie. »Sorge Sie dafür, daß Sie es bleibt«, erklärte Heinrich und bedeutete ihr, daß sie sich zurückziehen solle. Doch dann beschloß er plötzlich, das Gespräch weiterzuführen. »Es war nicht recht, daß Sie uns auf eine solche Weise überrascht hat«, bemerkte er ernst. Es war ein milder, aber doch bestimmter Tadel. Susan wurde klar, daß der Vorfall im Gedächtnis des Königs von diesem Moment an als durch sie und keinesfalls durch ihn verschuldet gespeichert werden würde. Sie begann sich zu entfernen.
Als sie gerade den Eingang des Gartens erreicht hatte, drehte sie sich um, und da sie ihn ihrer Untertanentreue versichern wollte, stieß sie hervor: »Ich habe nichts gesehen, Sire.« Im selben Augenblick, als sie das sagte, erkannte sie ihren Fehler. Mit ihren unbesonnenen Worten hatte sie ihm zu verstehen gegeben, daß er etwas zu verbergen hatte, daß sie, wenn auch nur für einen Augenblick, eine moralische Überlegenheit über ihn gehabt hatte. Das war eine Impertinenz; und es war gefährlich. Er blickte finster und winkte sie fort; jämmerlich verwirrt wich sie zurück und wünschte, der Boden von Hampton Court würde sie verschlingen. Während sie davonging, zitterte sie, denn in diesem furchtbaren Augenblick hatte sie entdeckt, daß sich hinter dem Pomp und der frommen Fassade im Zentrum des Königreichs eine abscheuliche Verderbtheit verbarg.
Dan Dogget versuchte gefaßt auszusehen; doch unter den gegebenen Umständen war das nicht einfach. Es war ein bewölkter Septembertag; ein schneidender Wind wehte über die Hafenanlagen von Greenwich, und das graugrüne Wasser der Themse war bewegt. Nichts hatte sich in den letzten Wochen verändert. Margaret und die Kinder hatten sich in Hampton Court gut eingelebt, aber er hatte immer noch keinen Platz für seinen aufsässigen alten Vater gefunden.
Sechs Wochen war es her, daß er Meredith zusammen mit zwei Familienmitgliedern eines Augustabends von Hampton Court nach Hause gerudert hatte. Er hatte sofort vermutet, daß Meredith ein Mann mit Zukunft war. Am Ende der Fahrt hatte er seine Dienste erneut angeboten, und schon bald war er Merediths regelmäßiger Bootsführer geworden. Er hatte das Boot frisch gestrichen und darauf geachtet, daß er bei jeder Gelegenheit adrett gekleidet war; und der junge Mann schien mit dem Arrangement zufrieden. Vor einer Woche hatte Meredith beiläufig bemerkt, es wundere ihn, daß ein so gutaussehender Bursche nicht auf einer der eleganteren Barken arbeite. Während der Fahrt von Chelsea in die Stadt hatte Dan seine mißliche Lage erklärt. Meredith hatte nichts gesagt, aber zwei Tage später hatte er auf dem Weg von Greenwich nach Westminster erklärt: »Und wenn ich Euch helfen könnte, braver Mann, wie würdet Ihr mir dienen?«
»Sir«, erwiderte Dan eifrig, »ich würde alles tun, was Ihr verlangt. Aber ich glaube«, fügte er bedauernd hinzu, »daß Ihr mir nicht helfen könnte, eine Prunkbarke zu bekommen.« Der junge Höfling lächelte. »Mein Herr«, erwiderte er, »ist Minister Cromwell.« Mit seinem eckigen Kinn und dem mürrischen Blick war dieser Mann gedrungen wie ein Felsblock; jedermann wußte, daß es Thomas Cromwell war, der England für den König regierte. Dan war nicht klar gewesen, welch gute Beziehungen der junge Mann hatte. Als Meredith heute morgen beiläufig bemerkte: »Heute habe ich vielleicht Neuigkeiten für Euch«, ließ er den Fährmann aufgeregt zurück.
Wenn Dan Dogget die beiden großen Tudorpaläste an der Themse betrachtete, zwischen denen er seinem Beruf nachging, schienen sie ihm wie zwei verschiedene Welten. Hampton, fast zwanzig Meilen flußaufwärts inmitten seiner üppigen Wiesen und Wälder gelegen, machte den Eindruck, weit im Landesinneren zu sein. Aber sobald er am Tower vorbeikam und in die breite Windung des Flusses nach Osten einbog, holte er stets tief Atem und meinte eine salzige Brise zu riechen; dann war er auf dem Weg zum offenen Meer, wo alles möglich war.
In dieser erfrischenden Luft lag der Palast von Greenwich. Neben dem alten Weiler erstreckten sich die braunen Ziegelmauern und Türme des Palastes entlang des Wassers. Er hatte einen großen Turnierhof – denn obwohl schwere Rüstungen seit den Rosenkriegen aufgrund verbesserter Feuerwaffen veraltet waren, hatte Heinrich eine Vorliebe für den gefährlichen, prunkvollen Turniersport, an dem er selbst teilnahm. An der Ostseite des Palastes befand sich eine riesige Waffenkammer, ein wenig weiter flußaufwärts lag Deptford, die neue Werft der Tudors, in der Hochseeschiffe ausgestattet wurden.
Thomas Meredith' Laufbahn machte gute Fortschritte. Dank einer jüngst geschlossenen Freundschaft mit dem neuen, noch jungen Erzbischof Cranmer hatte man ihm heute bei der Taufe des königlichen Säuglings in der Kapelle des GreenwichPalastes einen bevorzugten Platz zugewiesen. Zusammen mit mehreren anderen Höflingen stand Thomas mit einem Handtuch am Taufbecken, um den nackten Säugling aufzunehmen. Cranmer war Taufpate. Man gab dem Kind einen klangvollen und königlichen Namen: Elisabeth.
Die Geburt des ungeduldig erwarteten Erben war eine unangenehme Überraschung gewesen: Es war ein Mädchen. Königin Anna Boleyn war peinlich berührt; der Hof war bestürzt; Heinrich machte die beste Miene, die ihm möglich war. Das Kind war kräftig, und es würden weitere kommen. In der Zwischenzeit galt der Säugling in den Augen der Kirche von England als Thronerbe, da Cranmer Prinzessin Maria durch die Annullierung der ersten Ehe des Königs formal für unehelich erklärt hatte. Der Papst hatte immer noch keine Entscheidung über die beiden Ehe des Königs bekanntgegeben.
Meredith lächelte, als er unter dem erwartungsvollen Blick des Fährmanns auf das Fährboot zuging. Ohne ein Wort nahm er seinen Sitz ein, und Dogget legte ab. »Nun, guter Mann, sucht Ihr immer noch ein Boot?« fragte Meredith.
»Ja, Sir. Aber was für eines?«
»Nun, die Prunkbarke des Königs«, antwortete der Höfling.
Dogget starrte mit offenem Mund auf Meredith. Der König reiste ständig den Fluß auf und ab; Greenwich war seine Lieblingsresidenz, und gelegentlich fuhr er nach Richmond und Hampton Court. »Vielleicht finde ich auch eine Unterkunft für Euren Vater«, fuhr Meredith fort.
Hätte man Meredith gefragt, warum er, ein junger Mann, der bereits mit den größten Männern des Königreichs befreundet war, sich um einen einfachen Fährmann kümmerte, hätte er geantwortet, es sei der Instinkt eines Höflings, daß man nie zu viele Freunde haben konnte. Wer weiß, welchen Dienst ihm dieser Bursche irgendwann in der Zukunft als Gegenleistung erweisen konnte? Die Kunst bestand darin, Dutzende solcher Leute, an die man sich im Notfall wenden konnte, an jedem nur denkbaren Ort zu haben.
»Ich stehe tief in Eurer Schuld«, erklärte Dogget voller Scheu.
Eine Woche später hielt Meredith sein Wort. Zu dieser Zeit wurde wohl in ganz London kein Ort mehr respektiert als das große Kloster mit seinen grauen Mauern, das ein wenig östlich des alten St. Bartholomew's Hospital außerhalb der Stadtmauer lag. Neben den Gemeinschaftsgebäuden befand sich ein großer Hof, umgeben von kleinen Häusern mit jeweils einem eigenen kleinen Garten. Jedes Häuschen war die Zelle eines Mönches. Die Bewohner, die Kartäuser, waren nicht der älteste Orden, aber anders als die meisten anderen Orden waren sie nie in einen Skandal verwickelt. Ihre Regeln waren streng. Außer an Sonntagen herrschte Schweigegebot. Ohne die Erlaubnis des Priors gingen die Mönche nicht aus; sie waren über jeden Vorwurf erhaben. Dies war das Charterhouse.
An diesem sonnigen Tag bildete sich außerhalb seines Torwegs eine seltsame kleine Prozession, angeführt von Thomas Meredith. Hinter ihm ging ein Paar, das bis vor kurzem einen Verkaufsstand in der nahen Straße gehabt hatte – ein einträgliches kleines Unternehmen, das Kruzifixe, Rosenkränze und eine prächtige Sammlung bunt bemalter Gipsfiguren verkaufte. Der Mann, Fleming war sein Name, war mittelgroß und hatte ein hohlwangiges Gesicht; seine Frau, ebenso groß wie er und korpulent, pries den Höfling und die Mönche für ihre wunderbare Güte gegenüber ihrem Vater. Ganz am Schluß, fest am Arm gehalten von Daniel, der jetzt die Livree der königlichen Fährmänner trug, kam Will Dogget. Seine Haltung war mittlerweile etwas krumm, und obwohl er ein sauberes Hemd und eine saubere Jacke trug, wirkte der alte Mann ein wenig unsolide, so, als könne er, nachdem er ein Leben lang fröhlich das getan hatte, was er wollte, jeden Augenblick Reißaus nehmen und wieder seinem Vergnügen nachjagen. Doch nun sollte er im Charterhouse wohnen.
Es gab kein Kloster in London, von dem nicht eine gewisse Zahl von Menschen abhängig war. Ruinierte Adlige, die ein stilles Leben in möblierten Mönchszellen führten; Witwen, die sich um die Wäsche kümmerten oder die Kreuzgänge fegten; und schließlich die Rotten hungriger Menschen, die jeden Tag an der Klosterpforte ein Essen bekamen.
Obwohl sein Bruder Peter noch nicht in das Londoner Charterhouse zurückgekehrt war, kannte Thomas Meredith dort einige Mönche, so daß er um einen Platz für den alten Mann bitten konnte. Er sollte zusammen mit zwei anderen alten Männern in einer Zelle schlafen und im Garten arbeiten.
»Benimm dich nun gut«, ermahnte Dan seinen Vater. »Wenn man dich hier hinauswirft, nehme ich dich nicht zurück zu mir.« Bevor er das Haus verließ, trat er zu Meredith und verbeugte sich vor ihm. »Wie kann ich Euch das vergelten, Sir?«
Meredith lächelte. »Mir wird etwas einfallen«, erwiderte er.
Auch für Susan begann eine glückliche Zeit. Im Spätsommer bezogen sie und Rowland ein kleines Haus in Chelsea. Ein reizendes Haus, gebaut aus Ziegeln, mit Eichenbalken und einem ziegelgedeckten Dach. Das obere Geschoß hatte zwei Zimmer und eine Dachstube; außerdem waren Nebengebäude vorhanden, und ein hübscher Garten führte hinab zum Ufer des Flusses.
Während der ersten Wochen, in denen Rowland für den Lordkanzler arbeitete, hatte sie oft an ihr Zusammentreffen mit dem König gedacht. War es ein Fehler gewesen, es Rowland zu verheimlichen? Im Laufe der Zeit legten sich ihre Ängste allmählich. Wenn Rowland von Westminster heimkam, erzählte er stets nur, wie freundlich man ihn dort behandelte. Das Haus war wunderbar, und ihr neues Einkommen verlieh ihr ein Gefühl des Behagens, das sie zuvor nie gekannt hatte. Auch die Kinder waren glücklich. Allmählich begann sie die ganze Sache aus dem Gedächtnis zu streichen.
Ihre älteste Tochter Jane, nur zehn Jahre alt, war ihre größte Hilfe im Haushalt; doch jeden Tag ließ Susan sie drei Stunden mit ihren Büchern arbeiten, während die beiden kleinen Mädchen spielten. Jane beherrschte Latein bereits ganz gut.
Am meisten liebte sie es, den kleinen Jonathan zu beobachten. Die Mädchen waren alle blond, er jedoch mit seinem dunklen Haar und dem blassen, konzentrierten Gesicht war deutlich eine achtjährige Ausgabe seines Vaters. Er ging in Westminster zur Schule. Oft nahm sein Vater ihn morgens mit, und sie sah ihnen nach, wie sie Hand in Hand die Straße entlanggingen oder wie Rowland, wenn er das Pferd nahm, den Jungen vor sich auf den Sattel setzte. Dann überkam sie manchmal eine solche Welle von Glück und Zuneigung, daß sie einen Kloß im Hals spürte.
Peter war immer noch fort, und seine Gesellschaft und seinen klugen Rat vermißte sie sehr. Doch ihr Bruder Thomas begann seinen Platz einzunehmen. Rowland brachte ihn oft mit nach Hause, wo er gerne mit den Kindern spielte. Manchmal, wenn sie zu dritt vor dem Feuer saßen, sprachen sie über Religion. Susan spürte, daß hinter Thomas' unbekümmertem Tonfall und all seiner Weltlichkeit ein Bedürfnis nach einem einfachen Glauben steckte, das sie zuvor nicht bemerkt hatte, und sie mochte ihn dafür um so lieber. Manche seiner Ansichten über die Nachlässigkeit und den Aberglauben, die sich in der Kirche breitgemacht hatten, konnte sie fast teilen. Obwohl er manchmal zu weit ging.
»Ich kann nicht verstehen, mit welchem Recht wir den Gläubigen eine englische Bibel vorenthalten«, sagte er etwa. »Ich weiß, Rowland, du wirst auf die Lollarden verweisen und sagen, daß das Volk, wenn es sich selbst überlassen wird, in die Irre geht. Aber ich kann dir nicht zustimmen.«
»Luther hat als Reformator begonnen und als Ketzer geendet. Dazu kommt es, wenn Menschen sich gegen die Weisheit und Autorität von Jahrhunderten auflehnen«, antwortete Rowland.
»Die Reformatoren wollen, daß jedermann vollkommen ist«, klagte Susan. »Doch Gott belohnt uns alle dafür, daß wir unser Bestes tun.«
»Auf die eine oder andere Weise wird eine Reform kommen, Schwester«, antwortete Thomas. »Es muß sein.«
»Zumindest eines ist sicher«, lächelte Rowland. »Wenn es nach König Heinrich geht, wird es in England keine Protestanten geben. Er verabscheut sie.«
Wie froh Thomas Meredith auch war, den Menschen, die ihm nahestanden, Freude zu bereiten, so beschäftigte ihn doch eine Zusammenkunft ganz anderer Art, die zwei Tage vor der königlichen Taufe stattgefunden hatte. Ein streng vertrauliches Treffen mit Cromwell, seinem Dienstherrn.
Der königliche Minister faszinierte Meredith. Nichts wies darauf hin, daß der engste Ratgeber des Königs der Sohn eines bescheidenen Brauers war. Er war nicht wie Bull durch seine Gelehrsamkeit aufgestiegen, sondern durch seine skrupellose Art, alle Angelegenheiten anzupacken. Trotzdem hatte er sich eine Art geheimnisvoller Zurückhaltung bewahrt, hinter der sich vielleicht eine bestimmte Überzeugung verbarg. Nur sehr wenige Menschen, dachte Meredith, bekamen auch nur einen flüchtigen Eindruck davon.
Sie befanden sich allein in einem Raum im oberen Geschoß, als der königliche Minister ihm zuflüsterte, er habe Neuigkeiten aus Rom. »Der Papst wird den König exkommunizieren«, teilte Cromwell dem jungen Mann mit. Thomas zeigte sich besorgt, doch Cromwell zuckte nur die Achseln. »Nach allem, was Heinrich getan hat, bleibt dem Papst nichts anderes übrig, um sein Gesicht zu wahren. Aber trotzdem sagt Seine Heiligkeit immer noch nicht, wer seiner Meinung nach Heinrichs legitime Gattin ist.« Es lag auf der Hand, daß der Minister mit dieser Mitteilung eine bestimmte Absicht verfolgte. Meredith spürte den Blick aus Cromwells kleinen Augen wie Stechzirkel auf sich gerichtet. »Sagt mir, was Ihr von dieser Neuigkeit haltet«, fragte Cromwell.
»Ich bedaure es, wenn irgendein Mensch, und sei es der Papst, nicht mit meinem Herrn, dem König, übereinstimmt.«
»Gut. Ihr wart in Cambridge?« Thomas nickte. »Ein Freund von Cranmer?« Dem Minister entging nichts. Thomas bejahte, und Cromwell schien zufrieden. »Sagt mir, diese Nachricht, der König werde exkommuniziert – ist sie gut oder schlecht?«
»Vielleicht ist es eine gute Nachricht«, antwortete Meredith.
Cromwell knurrte, und beide Männer wußten, daß dies eine Herausforderung war. Der Minister hatte ihm sein Vertrauen bekundet und auf das Geheimnis angespielt, das sie wohl seit langem teilten, obwohl sie es nie laut ausgesprochen hatten. Das Geheimnis, das Meredith seiner Familie nicht eröffnen konnte; das Geheimnis, das Cromwell dem König nicht eröffnen konnte.
1534
Während dieses ersten Jahres in Chelsea war Susans Seelenfrieden nur einmal bedroht, und mit dieser Sache war sie recht gut fertig geworden. Im April kam ein Bote vom Charterhouse mit einem Brief von Peter aus Rom, in dem er erklärte, er könne erst in einigen Monaten nach London zurückkehren, da er in Italien krank geworden sei. Traurige Nachrichten, doch sie wurden aus ihren Gedanken verscheucht, als ihr Gatte während des Nachmittags betrübt auf ihr Haus zugeritten kam, begleitet von Thomas, der ungewöhnlich ernst aussah. Sie lief hinaus, um sie zu begrüßen.
»Was ist? Gibt es Schwierigkeiten?« fragte sie Rowland.
»Nein«, antwortete Thomas. »Aber morgen vielleicht.«
Da Susan entschlossen war, ihre Kinder in einer Atmosphäre des Friedens großzuziehen, hielt sie sich absichtlich von allen weltlichen Angelegenheiten fern. Die politischen Ereignisse der letzten Monate bedauerte sie zwar, doch sie waren ihr nicht besorgniserregend erschienen. Der Papst war schließlich gezwungen worden, zwischen der mächtigen Habsburgermonarchie und dem englischen König zu wählen, und hatte widerwillig Heinrichs Exkommunikation verkündet. Im März hatte er bedauernd erklärt, die spanische Katharina und nicht Anna Boleyn sei die legitime Frau des Königs. Heinrich war darauf gefaßt; sein Minister Cromwell legte dem Parlament ein bereits aufgesetztes Erbfolgegesetz vor, das rasch verabschiedet wurde. Zugleich sollte ein Eid abgelegt werden, der Annas Kinder als rechtmäßige Erben erklärte, mit einer Präambel, die dem Papst die Autorität aberkannte, an diesen Festsetzungen etwas zu ändern.
»Wir können keinen Zweifel an der Erbfolge dulden«, erklärte Heinrich. »Meine Untertanen müssen alle den Eid leisten.« In London sollten die Ratsherren jedem Bürger den Eid vorlegen und dann in Greenwich Bericht erstatten; anderswo sollten sich Cromwells Beamte darum kümmern.
Susan hielt die Angelegenheit für unangenehm, aber notwendig. Besser eine klare Erbfolge als ein Streit um die Krone, meinte sie, und so dachten die meisten. Die Londoner mochten vielleicht murren, aber soweit sie wußte, weigerte sich niemand, dem Gesetz des Königs zu gehorchen. Daher war es ein Schock für sie, als Rowland, kaum daß die beiden Männer eingetreten waren, ausrief: »Es ist der Eid. Drei Männer haben ihn verweigert. Man hat sie in den Tower gebracht. Ich soll ihn morgen ablegen.«
»Und er glaubt«, fügte Thomas hinzu, »daß er ihn ebenfalls verweigern sollte.«
Susan fühlte sich plötzlich schwach. »Wer sind die drei Männer?« fragte sie. Ein gewisser Doktor Wilson, sagten sie ihr; sie hatte nie von ihm gehört.
Und auch der alte Bischof Fisher. Da er der einzige Bischof war, der sich geweigert hatte, Heinrichs neue Ehe zu sanktionieren, konnte der fromme alte Mann seine Meinung nun kaum ändern. Doch der dritte Name ließ sie den Mut verlieren: »Sir Thomas Morus.« Sie wußte, daß der frühere Kanzler, ein Gelehrter, Schriftsteller, Rechtsanwalt und äußerst strenger Katholik, für Rowland ein Mann war, den man bewundern und dem nach nachfolgen mußte. »Was wird mit ihnen geschehen?« fragte sie.
»Laut Gesetz ist es nicht Hochverrat, den Eid zu verweigern«, erwiderte Thomas. »Aber zweifellos werden sie eine Weile im Tower sitzen. Jeder, der ihrem Beispiel folgt… vorbei ist es mit seiner Position. Vorbei mit all diesem hier.« Er wies auf ihr geliebtes Haus. »Auch für mich als Schwager ist es unangenehm.«
»Aber schließlich ist Morus Anwalt. Er muß seine Gründe haben«, meinte Rowland. Susan schnaubte voll Abscheu. Denn so fromm sie auch war, gab es doch in London einen Mann, gegen den sie eine tiefe Abneigung gefaßt hatte, und das war Sir Thomas Morus.
Die Geschichte behandelt Sir Thomas Morus, nicht ohne Grund, häufig freundlich. Doch zu seinen Lebzeiten war die Abneigung, die Susan verspürte, wohl eher die Regel. In ihrem persönlichen Fall gab es mehrere Gründe dafür. Seit er sich vor zwei Jahren zurückgezogen hatte, verbrachte er die meiste Zeit in seinem Haus am Fluß in Chelsea, kaum eine halbe Meile von ihrem eigenen entfernt. Während Susan seine geschäftige Frau und andere Mitglieder seiner umfangreichen Familie häufig sah, bekam man den großen Mann, der eifrig schrieb, nur selten zu Gesicht. Und obwohl Leute, die ihn kannten, sagten, er sei liebenswürdig und geistreich, fand sie die bleiche Gestalt mit dem ergrauenden Haar bei den wenigen Gelegenheiten, wenn sie ihm begegnete, recht unnahbar, und zudem spürte sie, daß er eine geringe Meinung von Frauen hatte. Doch ihre eigentliche Abneigung gegen ihn ging auf seine Zeit als Kanzler zurück. Damals war eine beunruhigende Seite seines Charakters offenkundig geworden.
Er empfand eine leidenschaftliche Abneigung gegen Ketzer. Obwohl er nicht die heiligen Weihen empfangen hatte, ernannte er sich mehr oder weniger selbst zum religiösen Wachhund des Königs. Als leidenschaftlicher Anwalt gefiel es ihm, sowohl die Rolle des Anklägers als auch die des Richters zu übernehmen. Hin und wieder wurden Personen, die man der Häresie verdächtigte, zum Verhör, das er oft selbst führte, nach Chelsea gebracht. Seine Integrität und sein Intellekt wurden nie angezweifelt, doch Susan hielt ihn für besessen. Anders als andere Länder hatte England glücklicherweise kaum Ketzerverfolgungen erlebt. »Morus ist ein Eiferer«, protestierte sie daher nun.
»Überleg doch«, warf Thomas ein. »Dieser Eid ist keine Glaubensangelegenheit; er betrifft lediglich die Erbfolge. Und er wurde vom Parlament verfügt. Willst du dich gegen das Parlament stellen?« Das war die richtige Tonart in der Sache – die Tonart, die Cromwell so umsichtig angeschlagen hatte.
Das englische Parlament war immer noch stark mittelalterlich geprägt. Für einen mächtigen König wie Heinrich hatte es jedoch einen besonderen Nutzen: Es konnte den königlichen Willen bestätigen. Wenn das Oberhaus, in dem auch die Bischöfe und Äbte saßen, und das Unterhaus sich gemeinsam äußerten, wer konnte dann leugnen, daß dies die vereinte Stimme, weltlich und geistlich, des ganzen Königreichs war?
»Aber es geht um die Präambel«, wandte Rowland ein. »Leugnet sie nicht die Autorität des Papstes über das Sakrament der Ehe?«
»Man kann dieser Ansicht sein«, räumte Thomas ein. Tatsächlich war die Formulierung ein sorgfältig ausgearbeiteter Kompromiß zwischen Cromwell und den Bischöfen, und die genaue Bedeutung war absichtlich unklar. »Aber die Bischöfe akzeptieren sie. Und wir alle wissen, daß die Sache aufgrund der unmöglichen Lage, in der der König und der Papst sich befinden, notwendig ist.«
Das war ein gewichtiges Argument, und Susan sah, wie ihr Mann zögerte. »Du mußt den Eid leisten«, erklärte sie fest. »Du kannst nicht deine Laufbahn und deine Familie vernichten. Nicht dafür.«
»Ich vermute, du hast recht.« Rowland nickte.
Hatte sie wirklich recht? fragte sich Susan. Oder sagte ihr Instinkt ihr, daß Fisher und Morus den wesentlichen Kern der Sache richtig erkannt hatten?
Obwohl Rowland, nachdem Thomas gegangen war, nach außen hin ruhig schien, verriet ihr seine Blässe, daß sein Gewissen ihn quälte. Und sie wünschte, sie könnte ihm etwas sagen, das seine Seele zur Ruhe bringen würde.
Sie war froh, als früh am nächsten Morgen aus dem Dunst über dem Fluß ein Boot auftauchte; ein paar Minuten später begrüßte sie ihren Bruder an der Tür.
»Ich bin gestern abend im Charterhouse gewesen«, berichtete Thomas.
»Sie leisten alle den Eid.« In Wahrheit hatten die strengen Kartäuser nur unter großen Vorbehalten zugestimmt, doch er sah keine Notwendigkeit, darauf näher einzugehen. »Wenn das Charterhouse, in das Peter eintreten wird, das tun kann, dann kannst du es auch.«
Rowlands Gesicht entspannte sich. Gott sei Dank, dachte Susan, haben wir Thomas.
Als Dan Dogget sich eines schönen Maimorgens zum Dienst meldete, bot er wie immer einen attraktiven Anblick. Er trug eine rote Jacke mit Goldlitzen, eine weiße Hose, glänzende schwarze Schuhe mit Silberschnallen und auf dem Kopf eine kleine spitze Kappe aus schwarzem Samt: Die Sommerlivree der königlichen Fährmänner stand seiner imposanten Gestalt sehr gut. Er war bestürzt, als der Bootsmeister, kaum daß er am Hafen von Greenwich angelegt hatte, zu ihm sagte: »Ihr habt heute frei, Dogget. Ich habe hier eine Nachricht, daß Ihr zum Charterhouse gehen sollt. Es scheint, daß es Ärger mit Eurem alten Herrn gibt.«
Als Dan im Kloster ankam, wurde er vom Unterprior erwartet, und auch seine Schwester war da. »Der Prior ist höchst verärgert«, teilte ihm der Mann mit. Für die Mönche des Charterhouse war es ein Ereignis gewesen; die Jüngeren hatten so etwas noch nie gesehen. Ein volltrunkener Will Dogget war immer noch eine einprägsame Gestalt. Er war in eine Schenke in der Nähe gegangen und hatte dort ein paar Bekanntschaften geschlossen, die ihm etwas zu trinken spendierten. Dort und in weiteren Wirtshäusern hatte er ein paar Stunden lang gezecht. Nach mehr Alkohol, als er viele Monate lang gehabt hatte, machte er sich auf den Rückweg ins Charterhouse. Es war dunkel, und das große Außentor war geschlossen, als Will angetaumelt kam. Als auf sein Gehämmer niemand öffnete, beschloß er auszuprobieren, ob er das Klostertor eintreten konnte. Als ein bestürzter junger Mönch schließlich herbeieilte, hatte der alte Mann ein paar Strophen von Fährmannsliedern gegrölt, die man im Charterhouse nie zuvor gehört hatte.
»So etwas können wir nicht zulassen«, erklärte der Unterprior. Man hätte den alten Mann schon am Morgen hinausgeworfen, wenn seine Tochter nicht bei allen Heiligen, deren Bilder sie verkaufte, geschworen hätte, daß sie nichts für ihn tun könne.
Als Dan auf seinen Vater zukam, warf Will ihm einen halb vorwurfsvollen, halb schuldbewußten Blick zu. »Tja«, seufzte er, »deine Schwester will mich nicht aufnehmen. Die Mönche sagen, ich muß wieder bei dir wohnen.«
»Das geht nicht«, erwiderte Dan fest. »Ich habe keinen Platz.« Schließlich kam Hilfe vom Prior selbst. »Dieses Kloster leistet ernsthafte Werke. Euer Vater kann nur unter der Bedingung bleiben, daß er innerhalb unserer Pforten bleibt.«
Daß Rowland, obwohl seine Laufbahn und seine Heirat ihm Eintritt in die vornehmen Kreise der Gesellschaft verschafft hatten, sich nicht im geringsten seiner Familie von Brauern schämte, war eine der Eigenschaften, die Susan an ihm mochte: Alle paar Monate statteten sie der alten Brauerei in Southwark einen Besuch ab. Bei einer dieser Gelegenheiten wurden sie von Thomas begleitet, und nachdem sie ihm das weitläufige Gelände gezeigt hatten, das die Brauerei nun umfaßte, begab sich die Familie in das alte Gasthaus, in das »George«. Susan fühlte sich recht heiter. Die Gefahr, die sie im April gespürt hatte, war in den Hintergrund getreten. Ob gerne geleistet oder nicht, kaum jemand hatte den Suprematseid verweigert; und obwohl Fisher, Morus und Doktor Wilson immer noch im Tower gefangen waren, hatte man doch nichts weiter gegen sie unternommen. Auch die Stimmung bei Hofe war unbeschwerter. »Der König und Königin Anna sind glücklich zusammen«, berichtete Thomas. »Jedermann ist sicher, daß es früher oder später einen männlichen Thronfolger geben wird.« Rowlands Gewissenskrise hatte sich gelegt, und er hatte Freude an seiner Arbeit.
Sie waren eine fröhliche Gesellschaft, die drei Besucher, Rowlands alter Vater und seine beiden Brüder. Susan fühlte sich stets wohl bei den Bulls. Anders als Rowland, der mit seinem dunklen und schon früh schütter werdenden Haar eher wie ein keltischer Waliser aussah, waren seine Geschwister dem ursprünglichen Familientypus nachgeraten, blond, blauäugig, mit breiten sächsischen Gesichtern. Ihre Ansichten waren gediegen konservativ; zwar fehlte ihnen Rowlands intellektuelle Begabung, doch es war offenkundig, daß sie genauso stolz auf ihn waren wie er auf sie.
Thomas war bester Laune. Lebhaft beschrieb er das fröhliche Leben bei Hofe, die Turniere, die Kurzweil, die Musik. Rowlands Vater erkundigte sich neugierig nach dem Maler Holbein, der viele der größten Persönlichkeiten Englands porträtierte. »Cromwell ist gern in Gesellschaft von Gelehrten, und Holbein speist oft mit ihm«, erzählte Thomas. »Aber wißt ihr, wer sein engster Freund ist? Erzbischof Cranmer!« Er lächelte Susan an. »Wir Hofleute sind nicht alle so schlecht.«
Sie genossen ihr Beisammensein so sehr, daß sie alle ein wenig angeheitert waren, als sie am Nachmittag schließlich beschlossen, auf dem Fluß nach Chelsea zurückzukehren.
Zweifellos hatten die Tudors London ein schöneres Antlitz gegeben. Als sie an der Mündung des Fleet vorbeikamen, die nun dank verschiedener Eingriffe schmäler war, blickte Susan beifällig auf die neue Wasserresidenz des Königs bei Blackfriars, und am anderen Ufer des Fleet, das man über eine Brücke erreichte, auf den kleinen Palast Bridewell, der für bedeutende Gäste aus dem Ausland bestimmt war. Lächelnd betrachtete sie die Einfriedungen des Temple-Bezirks und die grünen Rasenflächen vor den einzelnen großen Gebäuden, die alle ihre eigenen Treppen hinunter zum Fluß hatten. Sicher, der alte Savoy-Palast hatte seine frühere Pracht verloren – er hatte sich nie mehr von den Zerstörungen durch Wat Tyler und seine Rebellen vor über einem Jahrhundert erholt und beherbergte nun nur noch ein bescheidenes Hospital für arme Leute. Aber als sie sich Westminster näherten, ragte ein weiterer riesiger Gebäudekomplex auf, der prächtige neue Palast, den König Heinrich Whitehall nannte.
Als sie an Westminster vorbei waren und auf die Höhe des erzbischöflichen Lambeth-Palastes am gegenüberliegenden Ufer kamen, stupste Rowland sie an und deutete hinüber. An seinen Stufen hatte eine Prachtbarke angelegt, und die Passagiere schritten gerade durch das große, ziegelrote Pförtnerhaus zum Hauptgebäude.
»Dort geht Cranmer«, sagte er, und Susan beobachtete neugierig, wie eine große, attraktive Gestalt aus dem Boot stieg. Doch rasch wurde ihre Aufmerksamkeit von etwas anderem erfaßt. Als die Männer der Besatzung eine Menge Gepäck ausluden, bemerkte sie, daß vier von ihnen eine große Kiste trugen, die fast wie ein Sarg aussah. »Glaubst du, daß jemand gestorben ist?« fragte sie.
Thomas begann zu lachen. »Das ist Cranmers kleines Geheimnis«, murmelte er. Der Sarg wurde durch das Pförtnerhaus getragen. »Wenn du mir versprichst, nichts zu verraten«, meinte er vertraulich, »werde ich dir sagen, was in der Kiste ist. Mistress Cranmer. In der Kiste ist seine Frau.«
Einen Augenblick lang verschlug es Susan die Sprache. Natürlich sündigten Priester, aber daß der Erzbischof eine Frau aushielt… »Cranmer hat eine Mätresse?« fragte sie.
»Keine Mätresse. Sie ist seine rechtlich angetraute Ehefrau. Seine zweite. Sie wurden getraut, bevor er Erzbischof wurde.«
»Aber weiß König Heinrich davon?«
»Ja. Er billigt es nicht. Aber er mag Cranmer. Und er braucht ihn, um die Heirat mit Anna Boleyn zu legitimieren. Er hat Cranmer versprechen lassen, die Sache geheimzuhalten. Deshalb sieht man nie etwas von Mistress Cranmer. Wenn er reist, wird sie in einer Kiste transportiert.«
»Sie muß ein loses Weib sein«, erklärte Susan voller Abscheu.
»Keineswegs«, erwiderte Thomas. »Äußerst respektabel. Cranmer hat sie geheiratet, als er in Deutschland studierte. Ich glaube, ihr Vater ist Pastor.«
»Deutschland?« Sie runzelte die Stirn. »Ein lutherischer Pastor? Willst du sagen, daß diese Frau, die mit unserem Erzbischof verheiratet ist, eine Lutherische ist? Und Cranmer? Ist er ein heimlicher Ketzer?«
»Ein gemäßigter Reformator«, versicherte Thomas. »Nicht mehr.«
»Und der König? Er steht doch nicht heimlich auf der Seite der Protestanten?«
»Gütiger Himmel, nein!« rief Thomas.
Das Gespräch hatte ihn ernüchtert. Er sah sogar ein wenig ängstlich aus.
»Und du, Thomas? Was bist du?« fragte Susan.
Er senkte den Blick und antwortete nicht.
Bei Thomas, wie bei vielen anderen, hatte die Konvertierung in seiner Studentenzeit stattgefunden. Es war nicht ganz korrekt, den radikalen Wandel in seinen Überzeugungen als Konvertierung zu bezeichnen, da er nicht tatsächlich zu einem anderen Glauben übergetreten war. Es war ein schleichender Prozeß. Zuerst war es der Wunsch des Gelehrten, die Texte der Heiligen Schrift zu klären, zudem die Verachtung des Verstandesmenschen für Götzenanbetung und Aberglauben. Aber dahinter lag etwas weit Grundlegenderes und Gefährlicheres, und zumindest für Thomas konnte die Inspiration zu diesen anderen Ideen in einem Wort zusammengefaßt werden: Cambridge.
Von den beiden Universitäten war Cambridge immer radikaler gewesen als das traditionalistische Oxford. Und als die Männer von Cambridge, angeregt durch den Renaissancegelehrten Erasmus, ihren Blick auf den knarzenden alten Koloß der mittelalterlichen Kirche richteten, wurden selbst die heiligsten Doktrinen kritisch geprüft. Die zentrale Doktrin der Wandlung – das Meßwunder – wurde angegriffen. Thomas wußte natürlich, daß Wyclif und die Lollarden sie in Frage gestellt hatten. Nun leugneten häretische Protestanten in Europa sie ab. Aber als er einen geachteten Gelehrten in Cambridge hörte, war er erschüttert.
»Gewährt Gott wirklich jedem Priester zu jeder Zeit ein Wunder?« hatte der Gelehrte gefragt. »Wie kann die Hostie zugleich Brot und der Leib Christi sein? All dies ist unnötige Spekulation. Mein Argument stützt sich auf das, was die Bibel tatsächlich sagt. Nur in einem der vier Evangelien gebietet Unser Herr seinen Aposteln, diesen Teil des Letzten Abendmahls zu wiederholen, und Er sagt lediglich: ›Tut dies zu meinem Gedächtnis.‹ Es ist eine Gedenkfeier. Warum haben wir dann ein Wunder erfunden?«
Als Thomas Meredith Cambridge verließ, war er nicht länger ein gläubiger Katholik. Er gehörte zur großen Gruppe der Reformer. Obwohl Cambridge ihr intellektueller Stützpunkt war, gab es auch um den aufstrebenden Gelehrten Latimer in Oxford einen kleinen Kreis. Es gab fortschrittliche Kirchenmänner wie Cranmer, einige führende Londoner, adlige Sympathisanten am Hof, einschließlich einiger Verwandten Anna Boleyns, und sogar, wie Thomas festgestellt hatte, Minister Cromwell. Die Reformer waren die Elite. Die Mehrheit des englischen Volkes hing an den alten, vertrauten Bräuchen.
»Ich bin nicht sicher, ob ich Lutheraner bin oder nicht«, hatte Thomas Cromwell vor kurzem gestanden, »aber ich will den Glauben grundlegend geläutert sehen.« Doch es gab einen einzigen Mann in England, der die Religion des Volkes ändern konnte: der König. Wie konnten die Reformer hoffen, den erklärten Verteidiger des Glaubens in ihr Lager zu ziehen?
»Es ist eine Frage der Gelegenheit«, sagte Cromwell. »Wer hätte das Ergebnis der Boleyn-Affäre vorhersehen können? Doch für uns Reformer war es ein erstaunliches Geschenk, weil es den König veranlaßt hat, mit Rom zu brechen. Darauf können wir bauen.«
»Der König mag zwar Cranmers Richtung tolerieren, weil er ihm sympathisch ist«, wandte Thomas ein, »doch er scheint Ketzer noch genauso zu verabscheuen wie früher.«
»Geduld«, brummte Cromwell. »Er kann beeinflußt werden. Ihr wißt immer noch nichts über Fürsten. Wenn Ihr einen Fürsten beeinflussen wollt, junger Mann, vergeßt Argumente. Studiert den Mann. Heinrich liebt Macht, das ist seine Stärke. Er ist ungeheuer eitel und will als Held dastehen, das ist seine Schwäche. Und er braucht Geld, das ist sein Dilemma. Mit diesen drei Hebeln können wir Berge versetzen. Vielleicht sind wir sogar imstande, die Reformation des Glaubens nach England zu bringen.«
Als Thomas in das besorgte Gesicht seiner Schwester sah, fragte er sich, was er sagen sollte. Er war ernüchtert genug, um zu begreifen, daß er bereits zuviel gesagt hatte. Irgendwie mußte er einen Rückzieher machen. »Ich bin kein Protestant«, versicherte er. »Noch ist das sonst irgend jemand am Hof. Du machst dir zu viele Sorgen.«
Doch sie hatte seine Augen gesehen und wußte, daß er sie belog. Und obwohl sie nichts sagte, bereitete es ihr großen Schmerz zu wissen, daß sie ihrem Bruder nicht länger trauen konnte, was für zynische Intrigen auch immer am Hof ablaufen mochten.
Obwohl erschüttert und enttäuscht, ließ Susan ihre Gedanken doch nicht von dieser Angelegenheit beherrschen. Da sie immer schon den großen Palast von Greenwich hatte sehen wollen, begleitete sie Thomas und Rowland, die an einem Herbsttag, als König Heinrich abwesend war, dort zu tun hatten. Sie genoß den Tag. Thomas führte sie durch den großen Palast an der Wasserfront. Er besorgte sogar ein Zimmer innerhalb des Palastes, in dem sie die Nacht verbringen konnten, bevor sie am nächsten Morgen nach Chelsea zurückkehrten.
Kurz vor Sonnenaufgang stiegen sie zu dritt den breiten grünen Hang hinter dem Palast von Greenwich hinauf. Man hatte wahrhaftig eine wunderbare Aussicht. Im Westen lagen lange Streifen grauer Wolken mit glänzenden Rändern über dem Horizont. Unter ihr fingen die Türmchen des Palastes die ersten Sonnenstrahlen auf; links konnte Susan ganz London sehen, wie es ausgebreitet dalag, und das goldene Band der Themse. »Sieh nur!« rief Thomas und deutete auf die Werft von Deptford ein wenig flußaufwärts.
Kein Monarch hatte mehr getan, um eine Flotte aufzubauen, als Heinrich VIII. von England. Mehrere Schiffe waren erwähnenswert, darunter die große, sechshundert Tonnen schwere Mary Rose. Der Stolz seiner Flotte war die Heinrich von Gottes Gnaden, das mächtigste englische Kriegsschiff, das je vom Stapel gelaufen war. Dieses gewaltige Gefährt löste sich nun gerade aus dem Mastenwald der Kaianlagen von Deptford und glitt in den Fluß.
Während der Viermaster sich zur Strommitte bewegte, stand Susan wie gebannt. Wie riesig er war. Great Harry nannten die Seeleute das gewaltige Schiff liebevoll. Und dann entfaltete die Great Harry plötzlich nicht die alltäglichen, sondern die zeremoniellen, goldbemalten Segel. Die Sonnenstrahlen tauchten Schiff und Takelage auf dem dunkel werdenden Fluß in ein rotgoldenes Licht, so daß es schimmernd wie ein Märchenschiff dahinglitt. Über eine Minute lang währte dieser Anblick, bis sich Wolken vor die Sonne schoben. Gerade als die Sonne verschwand, öffneten sich an der gesamten Längsseite des Schiffes zwei Klappenreihen, und aus diesen dunklen Hohlräumen ragten die Mündungen der Kanonen – das große Schiff verwandelte sich innerhalb eines Augenblicks von einem goldenen Traumgebilde in eine finstere, grausame Kriegsmaschine.
»Diese Kanonen könnten den Palast in Schutt und Asche legen«, bemerkte Thomas.
»Großartig«, stimmte Rowland zu.
Doch das Kriegsschiff erfüllte Susan mit Furcht. Es erinnerte sie an die andere Verwandlung, die sie im Sommer zuvor im Garten des Königs miterlebt hatte. Es kam ihr vor, als seien das goldene Traumschiff und das wuchtige Gefährt mit den bedrohlichen Kanonen die zwei Gesichter des Königs. Sie erschauderte, sagte sich jedoch, das komme nur von der nunmehr frischen Brise aus dem Osten.
Sie standen in einer Halle, deren dunkle Holzvertäfelung sanft im Kerzenlicht schimmerte, als der junge Mann zu Thomas trat. »Minister Cromwell braucht Euch«, murmelte er. »Es ist beschlossen. Wir sollen sofort einen Entwurf für das neue Gesetz verfassen.«
»Was für ein Gesetz?« fragte Susan. Der junge Mann lächelte. »Ab heute abend wird es ohnehin kein Geheimnis mehr sein«, meinte er, »also kann ich es Euch sagen. Es soll die Suprematsakte heißen. Thomas kennt sich besser aus, aber die wesentlichen Bestimmungen sind folgende.« Er begann zu erklären.
Zunächst war sich Susan nicht sicher, was der Zweck dieses neuen Gesetzes war. Es wiederholte anscheinend nur alles, was Heinrich während seiner Auseinandersetzung mit dem Papst bereits getan hatte – die Aneignung der Einkünfte von Rom, die Bestimmungen über die Thronfolge und vieles mehr.
Doch als der junge Mann weitersprach, riß sie die Augen vor Überraschung weit auf. Mit seinem neuen Titel als oberstes Haupt der Kirche beabsichtigte Heinrich nun nicht nur, alle Einkünfte zu beschlagnahmen, Bischöfe und sogar Äbte zu ernennen, sondern auch persönlich über jede Doktrin, jegliche Theologie und alle geistlichen Dinge zu entscheiden. Keinem mittelalterlichen König war dies bisher in den Sinn gekommen. Tatsächlich strebte er an, König, Papst und Kirchenkonzil in einer Person zu sein. Es war ungeheuerlich. Und indem er Cromwell zum Stellvertreter ernannte, verlieh er ihm die Aufsicht über die gesamte Kirchengemeinschaft – Priester, Abte und Bischöfe mußten sich für alles, was sie taten, beim Minister des Königs verantworten.
»Heinrich stellt sich Gott gleich!« protestierte Rowland. »Das bedeutet das Ende der Kirche, wie wir sie kennen.«
»Heinrich ist ein guter Katholik«, erwiderte Thomas verteidigend. »Er wird die Kirche vor Ketzerei schützen.«
»Und wenn der König seine Meinung ändert? Wenn er beschließt, die Form der Messe zu ändern? Wenn er plötzlich zum Lutheraner wird?«
»Es soll noch ein zweites Gesetz geben, wissen Sie«, fuhr der junge Mann fort. »Ein Gesetz wegen Hochverrats. Jeder, der Einwände gegen die Suprematsakte hat, soll des Verrats schuldig sein. Das bedeutet den Tod.«
Susan begann zu zittern. »Wir sind keine Verräter«, erklärte sie. »Wir werden dem Gesetz gehorchen, wenn es verabschiedet wird.« Rowland jedoch starrte zu Boden.
Susan wußte, wie Rowland sich fühlte, als das Suprematsgesetz im Parlament auf den Weg gebracht wurde. Sie fühlte mit ihm, wußte aber, daß sie es nicht zeigen durfte. Tatsächlich verteidigte sie den König sogar und ergriff gegen Rowlands kritische Einwände Partei für ihren Bruder, den sie im Verdacht hatte, ein Ketzer zu sein.
»In der Praxis ändert sich nichts«, versicherte Thomas. »Heinrich ist ein treuer Katholik, und zudem müssen selbst die geringfügigsten Reformen von den Bischöfen und vom Parlament verabschiedet werden. Dem Glauben droht keine Gefahr.«
Es gab im Parlament weniger Opposition, als Susan erwartet hatte. Und als sie Cromwell bei der Amtsführung beobachtete, begriff sie, warum sich das Parlament dem Willen des Königs unterwarf. Es war Furcht.
Nur einen kleinen Trost gab es. Es war nicht die Rede davon, jedermann zu zwingen, einen neuen Eid zu schwören. Wenn manche von Heinrichs Untertanen das Gesetz ablehnten, konnten sie wenigstens im stillen leiden.
Und genau das tat Rowland. Mechanisch ging er seiner Arbeit nach, und als der Herbst in den Winter überging, versank er in stummer Trübsal. Selbst wenn sie allein in ihrem Schlafzimmer waren, blieb zwar noch die Zuneigung bestehen, doch alle Freude war dahin.
Wäre nur Peter hier, dachte Susan.


1535

Im Januar 1535 erhielt Minister Cromwell einen beunruhigenden Bericht aus Rom. Papst Klemens war vor einigen Monaten gestorben, und es gab ein neues Kirchenoberhaupt. Bevor der Geheimbericht eingetroffen war, hatte man kein Wort von ihm gehört.
»Er will Euch vom Thron absetzen«, erklärte Cromwell dem König.
Wie es schien, waren bereits Briefe an den König von Frankreich und an den Habsburger Kaiser gesandt worden. Sollte einer von ihnen, geschweige denn alle beiden Großmächte auf der Insel einfallen, dann bedeutete das für Heinrich trotz all seiner zur Schau gestellten Stärke größte Gefahr. Würden sie so etwas tun?
»Sie könnten in Versuchung geraten«, urteilte Heinrich, »wenn sie zu der Meinung kommen, das Land sei gespalten und das Volk würde sie begrüßen.«
»Was soll ich Eurem Wunsche nach tun?«
Der König lächelte. »Wir müssen ihnen ein für allemal zeigen, wer in England der Herr ist.«
An einem kalten, aber strahlenden Februartag kam Peter aus dem Charterhouse, um die Familie in Chelsea zu besuchen. Allein die Tatsache, daß Peter wieder in London war, hatte die Atmosphäre im Haus verändert. Susan spürte ein Gefühl der Sicherheit; Rowland schien fröhlicher. Und welche Zweifel sie auch immer wegen Thomas hegen mochte, so beschloß sie doch, sie zumindest bei dieser Gelegenheit beiseite zu schieben. »Wir veranstalten ein Familientreffen«, erklärte sie. »Thomas muß auch kommen.« Schon Tage zuvor bereitete sie im Haus geschäftig alles vor und sorgte dafür, daß alles blitzsauber war.
Im Mittelpunkt der Feier dieses Tages sollte das gemeinsame Familienmahl stehen, bei dem, wie in jeder englischen Familie, die es sich leisten konnte, der Ehrenplatz dem großen Braten zukam. »Ein Schwan«, hatte Rowland bestimmt. Wohlhabenden Londonern war es erlaubt, sich eigene Schwäne an der Themse zu halten, und seit dem letzten Jahr war er stolzer Besitzer einiger Vögel.
Peter kam mit dem Boot, und kaum war er auf die kleine Landungsbrücke gestiegen, hob er die Kinder nacheinander hoch. Er lächelte allen liebevoll zu, hakte seine Schwester unter und ging fröhlich mit ihr den Weg zum Haus hinauf.
Zu Mittag versammelten sie sich alle um den großen Eichentisch. Susan empfand inniges Glück, als Peter einen einfachen Segen für sie sprach und Rowland den großen Schwan tranchierte. Während des ganzen Mahls erfreute Peter sie mit seinen Schilderungen über Rom und die anderen Stätten des Glaubens und der Heiligtümer, die er besichtigt hatte, darunter Assisi in Italien und Chartres in Frankreich. Sie saßen lange bei Tisch und unterhielten sich ungezwungen. Trotz allem, was die Zyniker am Hof oder die heimlichen Ketzer tun mochten, fand Peter doch stets ruhige, weise Worte, und plötzlich schienen selbst der König und die Suprematsakte weniger bedeutsam.
Als es nachmittags dunkel wurde und sie die Kinder zum Spielen nach oben schickten, wandte Peter sich an Thomas und fragte mit einer Spur des Vorwurfs im Blick: »Nun, Thomas, ist das Gerücht, das wir im Charterhouse gehört haben, wahr?« Als er sah, daß Susan und Rowland nicht verstanden, erklärte er: »Der König und Minister Cromwell haben vor, sich eingehend mit uns zu befassen.«
Es war ein logischer Schritt, und Peter erklärte ihn ganz einfach. »Heinrich will sicherstellen, daß er absoluter Herr im eigenen Haus ist. Die Suprematsakte ist vom Parlament verabschiedet und von seinen Bischöfen akzeptiert worden. Aber es gibt immer noch ein paar Stacheln in seinem Fleisch, die ihn ärgern: Morus, Fisher und Wilson. Und es gibt die strengeren Klöster wie das Charterhouse und manche der Bettelorden, die den Eid im Frühjahr nur widerwillig geleistet haben. Da jede Abweichung nun Hochverrat ist, hatte Heinrich den klugen Gedanken, diese lästigen Leute so einzuschüchtern, daß sie einen Eid leisten, in dem wahrscheinlich all seine Ansprüche auf die Oberhoheit bestätigt werden.«
»Nur die Leute, die du erwähnst, werden zum Leisten eines Eides aufgefordert werden«, erwiderte Thomas. »Wir übrigen« – er blickte zu Rowland – »werden wohl in Ruhe gelassen.«
»Was wirst du tun, Peter?« fragte Susan.
»Ich werde tun, was mein Prior mir sagt. Er wird sich mit den Oberhäuptern der anderen Kartäuserklöster beraten, und ich vermute, er wird auch die Brüder befragen.«
»Wärest du Prior, Peter, wie würdest du entscheiden?« fragte Rowland.
»Ich? Ich würde mich weigern.«
»Das kannst du nicht ernst meinen!« rief Susan. »Das wäre Hochverrat!«
»Nein«, erwiderte er ruhig, »eigentlich nicht. Das Parlament kann über die Thronfolge entscheiden, aber es ist nicht zuständig dafür, das Verhältnis von Mensch und Gott zu ändern. Wenn sie darauf beharren, das Verrat zu nennen, kann ich es nicht ändern. Vergiß nicht, daß ich ein Gelübde vor einer höheren Autorität abgelegt habe.« Er sah sie freundlich an. »Man kommt nicht darum herum, weißt du. Heinrich versucht, das geistliche Oberhaupt zu werden, und das kann er nicht. Und was Cromwell betrifft – sollen die geistlichen Angelegenheiten der Kirche vom Lakaien des Königs geleitet werden? Natürlich kann ich das nicht akzeptieren.«
»Du würdest den Tod suchen?« fragte Thomas überrascht.
Sein Bruder zuckte nur die Achseln. »Suchen? Nein. Aber was soll ich eurer Ansicht nach tun? Diesen Unsinn schwören?« Er wandte sich an Susan und Rowland. »Das ist das Problem, wenn man Macht hat, so wie Thomas hier. Sie wollen, daß bestimmte Dinge getan werden, und früher oder später vergessen sie ihre Prinzipien. Aber eine Sache ist entweder richtig oder falsch.«
»Was sollte dann ein Mann wie ich tun?« fragte Rowland leise.
»Ich glaube«, antwortete Peter, »daß für die Laien keine Notwendigkeit besteht, sich einzumischen. Es sind die Mönche, die herausgefordert werden sollen, und es ist unsere Sache, darauf zu reagieren.«
»Aber wenn es falsch ist«, begann Rowland, »sollte doch bestimmt jeder Christ…«
»Wir werden gewarnt, nicht den Märtyrertod zu suchen«, entgegnete Peter sanft. »Das ist ein geistlicher Irrweg. Du bist Familienvater mit aller gottgegebenen Verantwortung. Ich würde es den Mönchen überlassen. Dafür sind wir da.«
Susan seufzte erleichtert.
»Und wenn man uns auffordert, den Eid zu leisten?« fragte Rowland. Peter sah ihn nachdenklich an. »Du hast Frau und Kinder. Ich kann dir nicht sagen, was du tun sollst.«
Die beiden Männer standen im großen Saal von Hampton Court, und Carpenter zeigte Dan Dogget stolz sein Werk. Es war ein außergewöhnliches Gebäude. Den Palast in Hampton hatte ursprünglich Wolsey erbauen lassen, und er war damals schon groß gewesen, doch Heinrich erweiterte ihn jedes Jahr, und der prächtigste Anbau war die neue Halle. Sie umfaßte eine gesamte Hofseite und war drei Stockwerke hoch. An einem Ende ließ ein großes Fenster durch sein buntes Glas angenehmes Licht herein. Das äußere Mauerwerk war bemalt, und sogar der Mörtel zwischen den Ziegeln war hellgrau hervorgehoben. Der Fußboden war aus roten Fliesen, an den Wänden hingen große Wandteppiche mit heraldischen Motiven. Am imposantesten war die mächtige Stichbalkendecke.
Die englischen Stichbalken waren nicht nur einfach eine Decke, sondern ein Charakteristikum. Diese gelungene Konstruktion aus dem Mittelalter hatte so großen Anklang gefunden, daß man sie jahrhundertelang beibehielt, auch wenn sie für die Stabilität nicht unbedingt notwendig war. Kunstvoll geschnitzt und bemalt, dabei massiv und solide, verkörperte diese Art von Decke alles, was den Engländern gefiel. Die Westminster Hall hatte eine große Stichbalkendecke; jede Zunft oder Gilde in London, die es sich leisten konnte, ließ sich eine solche zimmern, in den Colleges von Oxford und Cambridge prangten prachtvolle Exemplare. Bei einer hölzernen Stichbalkendecke erstreckten sich die Hauptbalken des Daches nicht über die gesamte Dachbreite, sondern waren zweigeteilt und ließen in der Mitte einen Raum frei, der durch spitzbogenförmig zulaufende Balken gefüllt war. So konnte ein großer Raum leicht überwölbt und ein schweres Dach getragen werden.
Acht dieser mächtigen Stichbalkenkonstruktionen aus Eiche gab es in der Halle, somit wurde das Dach in sieben Abschnitte geteilt. Den unteren Abschluß dieser Deckenkonstruktion bildete eine große hölzerne Konsole, die am oberen Ende der Stützbalken jeweils ein Pendant von gewaltigem Ausmaß hatte. Und sämtliche Balken waren mit kunstvollen Schnitzereien gestaltet. »Daran habe ich mitgearbeitet«, erklärte Carpenter stolz.
»Und was gibt es für Neuigkeiten von deinem Vater?« fragte der Handwerker seinen Schwager, als sie zusammen die Halle verließen. »Hat er sich an seinen Hausarrest gehalten?«
»Er hat sich wohl gebessert, wie ich höre«, konnte Dan ihm überraschenderweise sagen. Pater Meredith' Ankunft im Charterhouse schien diese Wunder verursacht zu haben. Vielleicht war es sein geistlicher Einfluß, vielleicht leistete er dem alten Mann auch nur Gesellschaft – innerhalb einer Woche hatte sich Will Dogget eng an den Priester angeschlossen. »Solange Pater Peter in der Nähe ist, wirkt der alte Mann vollkommen glücklich.«
»Hoffen wir, daß der Priester dort bleibt«, meinte Carpenter.
Außerhalb von Newgate, westlich des Holborn, stand eine einfache Steinkirche, die St. Etheldreda geweiht war, einer heiligen angelsächsischen Prinzessin in der Frühzeit des Christentums auf der Insel vor nahezu tausend Jahren. Während des Mittelalters hatten die Bischöfe von Ely ihren Londoner Sitz daneben gebaut, alles mit einer hohen Mauer umgeben und die Kirche als ihre Kapelle genutzt; doch sie war immer noch offen für jeden Gläubigen, der geistliche Erbauung innerhalb der alten grauen Mauern suchte.
An einem schönen Tag im Frühmärz erblickte Rowland Bull, der vom Charterhouse kam und auf seinem Weg nach Westminster die Chancery Lane entlanggehen wollte, das Dach von St. Etheldreda hinter der bischöflichen Mauer und beschloß, einer plötzlichen Eingebung folgend, hineinzugehen.
Frühling lag in der Luft, als er durch das Tor schritt. Die Bäume hatten die ersten grünen Knospen; neben dem Weg zur Kapelle blühten kleine Büschel weißer und violetter Krokusse und auf einer grasbewachsenen Böschung ein paar gelbe Osterglocken. St. Etheldreda bestand aus einer hübschen Kapelle mit einem prächtigen Fenster, das einen großen Teil der Westseite einnahm, und der Krypta, die ein paar Stufen unter dem Erdboden lag und oft für Messen genutzt wurde, obwohl sie kleiner war als die Kapelle oben.
Rowland fand die Krypta leer und trat ein. Links stand ein kleiner Altar, neben dem er das kleine rote Licht des Tabernakels mit der Hostie sah. Am anderen Ende, rechts von ihm, war in den oberen Teil der Mauer ein Fenster aus grünem Glas eingebaut, das der Krypta ihr sanftes Licht gab. Genau darunter war ein altes steinernes Taufbecken mit sächsischen Meißelarbeiten. In der Mitte des Raums standen ein paar Bänke mit Kniepolstern, und Rowland kniete nieder, um zu beten.
So viele Dinge lasteten ihm auf der Seele, und auch sein Treffen mit Peter hatte ihm keinen Trost gebracht. Die Mönche des Charterhouse beteten um Führung. Der Prior wollte Cromwell bitten, sie einen Eid schwören zu lassen, gegen den sie weniger einzuwenden hatten. »Aber er wird ablehnen«, hatte Peter prophezeit. Entweder würden die Kartäuser sich Heinrichs Willen beugen oder sich des Verrats schuldig machen. Es war schwer zu glauben – die frommen Mönche des Charterhouse sollten wie Verbrecher exekutiert werden? Konnte König Heinrich so etwas tun? »Sicher«, hatte Peter gesagt. »Wer sollte ihn davon abhalten?« Einen Verrätertod sterben? Das war schrecklich; nur wenige Glückliche bestiegen das Schafott, während die meisten auf die grausame mittelalterliche Art ums Leben gebracht wurden – zuerst aufgehängt, dann abgenommen, solange sie noch bei Bewußtsein waren; anschließend wurden ihnen die Eingeweide herausgeschnitten und die Gliedmaßen abgehackt.
Er versuchte, diese Vorstellung zu verscheuchen, und ließ den Blick durch die Krypta schweifen. Der christliche Glaube kann zum Märtyrertod führen, daran schien ihn das kleine rote Licht zu erinnern. War nicht der Glaube, an dem er so innig hing, auf Opfermut gegründet? Und nach dem Tod – ewiger Friede, sagte die rote Flamme, Erlösung! Er hoffte es. Aber wenn es dann doch nicht so war? Wenn ein Mann sein einziges Leben verlor und für nichts in die ewige Finsternis einging? Sein Blick blieb an dem alten Taufbecken haften. Wie friedvoll es aussah. Er dachte an sein kleines Haus in Chelsea, seine Bibliothek, an seine Frau und seine Kinder. Wie kostbar waren sie. Mit plötzlicher Deutlichkeit erkannte er, wie sehr er leben wollte. Lange Minuten blieb er in der Bank knien. »Herr, zeig mir den Weg«, murmelte er. Als er schließlich eine Antwort erhielt, war es die Erinnerung an Peters Worte: »Entweder etwas ist richtig, oder es ist falsch.« Eine Sache war entweder wahr oder falsch, schwarz oder weiß. Nicht der religiöse Gelehrte, sondern die Generationen angelsächsischer Bulls in ihm wußten das. Der Anspruch des Königs war eine Lüge. Entweder war er gläubiger Christ oder nicht.
Aber es blieben immer noch Susan und die Kinder und seine moralische Verpflichtung ihnen gegenüber. Auch das war ein Anspruch, der erfüllt werden mußte. Als Rowland schweigend aus der Kirche St. Etheldreda trat und durch den umfriedeten Garten hinausschritt, wußte er, was er tun mußte.
Es war dunkel draußen, die Kinder waren im Bett, und sie waren allein. Susan ließ sich alles noch einmal genau durch den Kopf gehen. »Du glaubst, die Mönche des Charterhouse werden den Eid verweigern?« Er nickte. »Aber du glaubst, daß der König nur beabsichtigt, den Eid von denen zu fordern, die sich ihm widersetzt haben, und meinst nicht, daß er ihn von dir verlangt.«
»Ich habe ihn geleistet. Warum sollte er mich behelligen?«
»Aber wenn er seine Meinung ändert und den Eid noch einmal fordert…«
»Wir müssen entscheiden, was ich tun soll.«
»Du bist zu mir gekommen, weil du für mich und für deine Kinder eine Verpflichtung trägst. Du bittest mich um Erlaubnis, den Eid zu verweigern? Du fragst mich, ob du dich exekutieren lassen darfst?«
»Ja«, sagte er ruhig und erwiderte ihren Blick voller Zuneigung.
Bei fast jedem anderen Mann, vermutete sie, wäre das eine Ausrede. Sag mir, daß ich nicht darf. Laß mich mit Würde ein Feigling sein. Und in diesem Augenblick wünschte sie, sie hätte einen geringeren Mann geheiratet. Aber sie wußte, daß Rowland es ernst meinte; das war ihr Dilemma. Tief im Herzen wußte sie, daß Rowland und Peter recht hatten. Und darin lag ihre Qual; zu wissen, daß er sie um ihres gemeinsamen Gottes willen ganz allein lassen würde. Und wenn sie ihre Zustimmung verweigerte, um ihre Familie zu retten, würde er es akzeptieren, ihr wahrscheinlich aber sein Leben lang nicht vergeben.
»Du mußt tun, was dein Gewissen dir sagt«, erwiderte sie. »Ich verbiete dir nichts.« Sie wandte das Gesicht ab, nicht nur, um ihre Tränen zu verbergen, sondern auch, weil sie es nicht ertragen konnte zu sehen, daß sie ihn glücklich gemacht hatte.
»Es wird nicht geschehen.« Thomas Meredith blieb fest. »Wenn er den König nicht gerade absichtlich herausfordern will, besteht keine Gefahr«, versicherte er Susan. »Ich sehe Cromwell jeden Tag. Ich weiß, was beabsichtigt ist. Der König will jene, die sich ihm widersetzt haben, gefügig machen. Wenn diese wenigen, wie die Mönche des Charterhouse, immer noch hartnäckig bleiben… Ich fürchte, es wird ihnen schlecht ergehen.«
»Armer Peter.«
»Ich kann ihm nicht helfen«, gab er traurig zurück. »Aber Rowland hat den ursprünglichen Eid geleistet wie jeder andere. Er steht unter keinerlei Verdacht. Will er sich laut äußern?«
»Nein.«
»Gut. Sollte sein Name je erwähnt werden, versichere ich Cromwell, daß er loyal ist. Vertrau deinem Bruder. Ich werde ihn beschützen.«
Morgen war der erste Mai. Die Nachmittagssonne war angenehm warm; Schlüssel- und Butterblumen blühten auf den Wiesen, als die vergoldete königliche Prachtbarke den Strom hinaufglitt.
Dan Dogget hatte in der letzten Zeit Glück gehabt, und alles dank Thomas Meredith. Dennoch war er nicht ganz frei von Sorgen. Er blickte auf die überdachte Kabine auf dem Achterschiff.
Die Vorhänge der Kabine waren zurückgezogen, da es warm war, und die Tür war offen, so daß Dan von seinem Platz inmitten der anderen Ruderer aus das Innere sehen konnte. Auf einer seidenbezogenen Bank saßen die beiden Männer: links der mächtige, bärtige König; rechts der blasse und eher düstere Minister Cromwell. Dan fragte sich, was sie als nächstes planten.
Nach den langen Monaten, in denen er in aller Stille jene bedroht hatte, die es wagten, sich ihm zu widersetzen, hatte König Heinrich mit präziser Treffsicherheit zugeschlagen. Nur drei Männer – der Prior des Londoner Charterhouse und die Prioren der anderen beiden Kartäuserklöster – wurden verhaftet, weil sie sich weigerten, auf die Suprematsakte zu schwören. Den übrigen Mönchen im Charterhouse hatte man den Eid noch nicht einmal vorgelegt. In einer nichtöffentlichen Verhandlung mit Cromwell als Vorsitzendem führte man den Prozeß gegen die drei Prioren. Cranmer verteidigte sie, die Geschworenen waren unwillig, sie zu verurteilen, aber Cromwell hatte ihre Einwände grob beiseite gefegt, und bis Mittag wußte es ganz London: »Man hat sie in den Tower gebracht; in fünf Tagen werden sie hingerichtet.«
Würde Heinrich auch die übrigen Mönche des Charterhouse verfolgen? Oder würden sie klein beigeben, wenn sie das Grauen sahen? Dan dachte an Peter Meredith und argwöhnte, daß sie das nicht tun würden. Was sollte dann aus dem alten Will werden? Mit einem Anflug böser Vorahnungen ruderte Dan Dogget den König nach Hampton Court.
Er hätte nicht in den Garten gehen sollen. Er hätte vorbeigehen sollen, als er das Lachen hörte. Thomas hatte nicht gewußt, daß König Heinrich gekommen war.
Er hatte eifrig seine Pflichten erfüllt, und Cromwell hatte ihn gelobt; von König Heinrich hatte er wenig gesehen. Er war froh, daß nur wenige am Hof von der Ankunft seines Bruders Peter in dem ärgerniserregenden Charterhouse wußten. Die Nachricht vom Ergebnis der Verhandlung an diesem Tag hatte Hampton Court noch nicht erreicht. Daher erschrak er, als er nun den König sah.
Nur ein paar Höflinge waren bei König Heinrich. Da er sich nach der langen Fahrt auf dem Fluß die Beine vertreten wollte, hatte er sie herbeizitiert, damit sie ihn und Cromwell begleiteten, während sie durch den Obstgarten gingen. Nur einige Augenblicke bevor Thomas kam, hatte er den Garten, der still hinter seinen hohen Hecken lag, betreten.
Der König war leutselig gestimmt. In letzter Zeit hatte er Ordnung in sein Leben gebracht. Zuerst einmal, was die Königin betraf. Anna Boleyn war zwar manchmal launisch und eifersüchtig auf seine anderen Liebschaften, doch da er kürzlich in der königlichen Pflicht, einen Erben zu zeugen, einige Zeit mit ihr verbracht hatte, war dieser häusliche Arger kuriert. Tatsächlich vermutete er, daß sie bereits empfangen hatte. Und nun die Sache mit den Mönchen. Er hatte den Höflingen gerade von den bevorstehenden Hinrichtungen erzählt und sah hinter ihren artigen Gesichtern einen Anflug von Furcht. Gut. Höflinge sollten Angst vor dem König haben. Auf der Fahrt von London hierher hatte er auch überlegt, ob er den Eid noch einmal weiteren Kreisen vorlegen sollte, um auch alle seine anderen Gegner ausfindig zu machen, doch Cromwell hatte zu Vorsicht geraten. »Je weniger wir umbringen müssen, desto eher entsteht der Anschein, daß es nur wenige Gegner gibt«, hatte er betont. Vermutlich stimmte das. Doch um Cromwell zu ärgern und um die Höflinge zittern zu sehen, kam er noch einmal auf dieses Thema zurück. »Seid Ihr sicher, Master Cromwell, daß wir den Eid nicht noch einmal schwören lassen sollen? Möglicherweise lauern Verräter sogar hier, in unserer Mitte.« Er lachte schallend, als er sah, wie die Höflinge erbleichten. Und dann sah er Thomas Meredith.
Heinrich mochte Meredith. Er erinnerte sich an seinen Vater, und Cromwell äußerte sich wohlwollend über seine Arbeit. Außerdem erinnerte sich Heinrich daran, daß er den jungen Burschen beim Tennis geschlagen hatte. Als er ihn nun sah, wie er schüchtern am Garteneingang zögerte, winkte er ihm. »Kommt näher, Thomas Meredith«, rief er lächelnd. »Wir sprechen gerade über Verräter.«
Der junge Mann wurde totenbleich. Weshalb nun dies? Aus dem Labyrinth von Heinrichs argwöhnischem Gedächtnis stieg eine Erinnerung an eine andere Begegnung in ebendiesem Garten empor; der vorwurfsvolle Blick einer jungen Frau, ein Anflug von Illoyalität und Unverschämtheit. War das Mädchen nicht Meredith' Schwester gewesen? »Erinnert mich, Thomas, an Eure übrige Familie«, sagte er plötzlich.
Thomas starrte ihn an. Dachte der König an Peter? Er mußte herausgefunden haben, daß er im Charterhouse war. Er hatte keine Ahnung, daß König Heinrich genau in diesem Garten einmal Susan begegnet war.
»Ich habe einen Bruder, Sire. Er war Priester, bis er krank geworden ist und sich zurückgezogen hat.«
»Tatsächlich?« Heinrich hatte das nicht gewußt. »Und wo ist er nun?«
»Im Charterhouse«, antwortete Thomas kläglich.
»Im Charterhouse? Ich hoffe, er teilt nicht deren Ansichten. Der Prior wird sterben.« Heinrich blickte zu Cromwell.
»Meredith ist loyal, Sire.« Cromwells Antwort kam unverzüglich, und Heinrich nickte. »Was hat Er noch für Angehörige, Master Meredith?«
»Nur eine Schwester, Sire, verheiratet mit Rowland Bull, Sire.«
»Bull?« Heinrich schien in seinem Gedächtnis zu kramen. »Im Kanzleramt?« Thomas nickte, während König Heinrich auf die Hecke starrte. Ja, das war die Frau mit dem vorwurfsvollen Blick. »Sind Mistress Bull und ihr Gatte loyal?«
»Sie sind loyal, Eure Majestät«, erwiderte Thomas.
»Wir bezweifeln es nicht, Master Meredith.« Heinrich wandte sich an seinen Minister. »Wir meinen also, Cromwell, daß Mistress Bull und ihr Gatte den Eid ablegen sollen. Veranlaßt es für morgen früh, vor Sonnenaufgang. Das ist Unser Wille.« Cromwell neigte den Kopf. Plötzlich strahlte König Heinrich alle an. »Wir haben noch eine bessere Idee. Unser getreuer Diener, Master Meredith, soll selbst hingehen und sie den Eid sprechen lassen. Er soll darauf bestehen, daß es getan wird. Wie ist das?« Und er lachte laut auf.
»Er wird den Eid nicht leisten«, wiederholte Susan dumpf. Sie und Thomas debattierten flüsternd. Rowland, der noch nicht wußte, daß Thomas schon da war, war noch oben; die Kinder schliefen. »Du hast versprochen, daß es nicht dazu kommen würde«, warf sie ihm vor.
Thomas erklärte, wie er im Garten dem König begegnet war und wie Heinrich unerwartet begonnen hatte, ihn nach seiner Familie zu fragen. Susan wurde sehr plötzlich nachdenklich. »Dann war es meine Schuld«, sagte sie schließlich.
Was meinte sie damit? Und vor allem, was sollten sie tun? »Ich werde den Eid leisten«, sagte Susan. Er wußte, daß sie ebensowenig davon hielt wie Rowland. Aber bestand nicht vielleicht die Chance, daß Rowland, wenn er sie gehorchen sah, angesichts der schrecklichen Folgen für seine Familie vielleicht doch den Eid ablegen würde? Doch Susan verneinte mit leiser, tränenerstickter Stimme. »Nein. Er wird es nicht tun.«
Das ließ Thomas nur eine Alternative. Er hatte sie schon am Abend zuvor und während des ganzen Weges flußabwärts von Hampton Court erwogen. Er hatte gebetet, daß es nicht nötig sein möge; das Risiko war furchterregend, und vielleicht klappte es nicht einmal. Aber als er nun seine Schwester anblickte und ihre Qual sah, meinte er, daß er es versuchen mußte.
Die Sonne hatte bereits den Nebel bis zum Flußufer aufgelöst, als Rowland den Eid ablegte. Er tat es ganz ruhig und lächelte dann seiner Frau zu, die ihn erleichtert anblickte.
Thomas Meredith lächelte ebenfalls. »Ich bin froh«, sagte er. Es war gar nicht so schwierig gewesen. Er hatte sich die größte Mühe gegeben und Rowland die Worte so nachsprechen lassen, daß sein Juristenverstand genau ihre Bedeutung erfassen konnte; und dann, beruhigt, daß sein Glaube nicht gefährdet war, hatte Rowland den Eid geschworen.
Thomas hatte den Eid verfälscht. Der Eid, den er seinen Schwäger hatte schwören lassen, unterschied sich kaum von dem, den er im Jahr zuvor im Hinblick auf die Erbfolge geleistet hatte. Nach einer kurzen Erwähnung von Heinrichs Oberhoheit hatte er eine entscheidende, rettende Klausel eingefügt: »Insoweit das Wort Gottes es erlaubt.« Schon oft hatte die Kirche auf diese altbewährte Klausel zurückgegriffen, wie sie beide wußten. Mit dieser Einschränkung konnten gute Katholiken jede unangemessene Interpretation ablehnen, die der König dem Eid künftig zuschreiben wollte. Damit wurde Heinrichs Anspruch auf Oberhoheit im Grunde bedeutungslos.
»Es wundert mich, daß der König diese Einschränkung erlaubt hat«, bemerkte Rowland.
»Das ist ein besonderer Dispens«, log Thomas. »Jene, die sich ihm öffentlich widersetzt haben, bekommen einen härteren Eid zu schwören. Aber niemand will loyale Männer wie dich in Verlegenheit bringen. Du darfst allerdings nicht darüber sprechen. Wenn irgend jemand fragt, dann sag einfach nur, daß du den Eid geschworen hast.« Und obwohl Rowland ein wenig die Stirn runzelte, erklärte er sich bereit, sich daran zu halten.
»Ich muß nun gehen«, erklärte Thomas. »Ich muß dem König Bericht erstatten.« Da sah er, wie Susan mit entsetztem Gesichtsausdruck aus dem Fenster starrte.
Cromwell machte sich nicht die Mühe, an die Tür zu klopfen, sondern trat geradewegs ein. Zwei Gehilfen blieben direkt vor der Tür stehen, während zwei Soldaten beim Boot warteten.
»Ich habe ihn den Eid leisten lassen«, begann Thomas, doch Cromwell schnitt ihm das Wort ab.
»Rowland Bull«, fragte er, »akzeptiert Ihr die Oberhoheit des Königs in allen weltlichen und geistlichen Angelegenheiten?«
Rowland war sehr bleich. »Ja«, erwiderte er zögernd. »Insoweit das Wort Gottes es erlaubt.«
»Kümmert Euch nicht um das Wort Gottes, Master Bull. Erkennt Ihr König Heinrich ohne jede Einschränkung als Oberhoheit in geistlichen Dingen an oder nicht? Ja oder nein?«
Eine qualvolle Pause folgte. »Ich kann nicht.«
»Wie ich mir dachte. Hochverrat. Ein ganz klarer Fall. Verabschiedet Euch von Eurer Frau.« Seinen Helfern vor der Tür rief Cromwell zu: »Bringt die Wachen.«
Dann wandte er sich an Thomas. »Narr«, murmelte er. »Dachtet Ihr, Ihr könntet ihn mit einem Hintertürchen retten und dem König dann sagen, er habe den Eid geleistet?« Thomas war zu erschrocken, um etwas zu antworten. »Ist Euch nicht klar«, knurrte Cromwell, »daß der König keinerlei Interesse an diesem Burschen hatte? Euch wollte er auf die Probe stellen. Er wollte noch jemand anderen schicken, der ihn danach den Eid ablegen lassen sollte, um Euch zu überprüfen. Ich habe Euch gerade das Leben gerettet.« Er nickte Susan kurz zu. »Ihr könnt Eurem Gatten ein wenig Kleidung mitgeben. Er kommt jetzt mit uns in den Tower.«
Pater Peter Meredith empfing an diesem Tag zwei Besucher im Charterhouse. Er war nicht ganz wohlauf, daher blieb er in seiner Zelle, während der alte Will sie zu ihm brachte. Zuerst kam Susan. Er meinte, in ihrer Stimme nicht nur Verzweiflung, sondern auch den Anflug eines Vorwurfs zu hören. Ihre Bitte war einfach. Sie wollte, daß er Rowland überreden solle, den Eid abzulegen. »Ist es nicht ohnehin schon zu spät?« fragte Peter.
»Es muß immer noch eine offizielle Verhandlung mit Geschworenen abgehalten werden. Wenn er sich nun unterwirft, würde der König das vielleicht akzeptieren. Es ist unsere einzige Chance.«
»Und du glaubst, meine Stimme könnte etwas bewirken?«
»Du bist der Mann, den er respektiert. Und er ist deiner Meinung gefolgt, als er den Eid verweigert hat.«
»Ich glaube, er ist seinem Gewissen gefolgt.«
»Du verstehst nicht, was wirklich der Grund ist«, erwiderte Susan. Und sie berichtete ihm von ihrer Begegnung mit dem König im Garten und wie Thomas ihn zufällig am selben Ort getroffen hatte. »Begreifst du«, fuhr sie fort, »diese zufälligen Begegnungen; und die Tatsache, daß du Mönch im Charterhouse bist – in gewisser Weise haben du und ich Rowland in diese Lage gebracht. Es war überhaupt nie beabsichtigt, ihn den Eid schwören zu lassen.«
Peter seufzte. »Ich werde zu ihm gehen. Aber ich kann ihm nicht zureden, sein Gewissen zu verleugnen.«
Sie war nicht getröstet, und ihre Abschiedsworte schmerzten ihn. »Weißt du, was sie mit ihm machen werden?« Sie warf ihm einen bitteren Blick zu. »Für dich ist es leichter.« Dann ging sie.
Leichter? Er bezweifelte es. Es ging das Gerücht, daß die drei Prioren in ein paar Tagen hingerichtet werden sollten, und zwar nicht mit einer gnädigen Enthauptung.
Abends kam Thomas.
Zunächst konnte sich Peter eines zornigen Gefühls nicht erwehren. Sicher, Thomas sah äußerst besorgt aus, doch wie groß auch sein Kummer um Rowland sein mochte, er war immer noch ein Mann Cromwells.
»Zweifellos kommst du mit demselben Auftrag zu mir wie unsere Schwester. Ein Bruder im Charterhouse und dann noch der Gatte deiner Schwester, der den Eid verweigert – alles deiner Laufbahn sicherlich nicht förderlich.«
Thomas schüttelte den Kopf. »Ich komme gerade vom Hof«, sagte er.
»Selbst wenn Rowland jetzt den Eid leistet, wird der König es nicht akzeptieren. Das Verdikt Hochverrat ist gefallen. Er wird ihn vernichten.« Er setzte sich und vergrub das Gesicht in den Händen. »Und es ist alles meine Schuld. Ich habe ihn an den Hof gebracht. Ich habe ihm diesen Posten vermittelt.«
»Er ist für seinen Glauben eingetreten.«
»Ja«, stimmte Thomas zu. »Aber nur, weil der König aus einer Laune heraus beschlossen hat, meine Treue auf die Probe zu stellen – nicht seine.«
»Wenn er stirbt, wird er dennoch ein Märtyrer sein«, erklärte Peter.
Doch nicht einmal hierin konnte Thomas ihm beipflichten. »Für dich und Rowland ist es eine Verteidigung des Glaubens, doch ich fürchte, man wird es nicht so ansehen. Wenn man die Mönche des Charterhouse mit dem Tode bestraft, werden sie Märtyrer sein, und ganz England wird es wissen. Aber Rowland ist nicht wichtig. Eines Tages wird man ihn in aller Stille zusammen mit ein paar gemeinen Verbrechern hinrichten – ein unbekannter Diener des Königs, der Verrat begangen hat. Mehr wird man nicht wissen.«
»Gott wird es wissen!«
»Ja. Aber seiner Sache dienen die Mönche. Der arme Rowland ist nur ein treuer Familienvater, der zufällig am falschen Ort war.« Er seufzte. »Ich muß etwas beichten, Bruder. Ich bin heimlicher Protestant.«
»Ich verstehe.« Peter versuchte seine Abscheu zu verbergen.
»Dadurch und weil ich Cromwell diene, fühle ich mich doppelt schuldig. Ich falle vom Glauben meiner Familie ab und bin die Ursache für Rowlands Tod, so daß meine Schwester allein zurückbleibt, zugrunde gerichtet, mit vier Kindern. Ich frage mich, ob mein Leben ein Zehntel auch nur eines der euren wert ist? Ich glaube nicht. Könnte ich an Rowlands Stelle sterben, würde ich es tun.«
Peter sah, daß er es ernst meinte, und stellte fest, daß er ihn trotz aller Fehler doch wieder lieben konnte. »Wenn du es nur könntest«, antwortete er ohne jeglichen Groll. Aber es gab nun nichts mehr, was irgend jemand für Rowland tun konnte.
In dieser Nacht schlief Peter wenig. Immer wieder wälzte er sich auf seinem Bett hin und her, so daß Will Dogget, der es sich angewöhnt hatte, vor der Tür seiner Zelle zu schlafen, öfter hereinkam, um nach ihm zu sehen.
Peter dachte an Susan und ihre Kinder. Er dachte an den grausamen Tod, der Rowland und zweifellos auch ihn erwartete, und wie jeder Mensch zitterte er davor, obwohl er immer wieder versuchte, Stärke im Gebet zu finden.
Er wußte nicht genau, um welche Stunde er aus seinem unruhigen Schlaf mit einem neuen Einfall erwachte. Während er in die Dunkelheit starrte, überdachte er ihn noch einmal sorgfältig und kam zu dem Urteil, daß es gelingen könnte, wenn auch mit großen Risiken für alle Beteiligten. Doch es bestand noch eine weitere Schwierigkeit: War es ein Verbrechen, der Kirche Gottes auch nur einen ihrer Märtyrer zu versagen? Als Priester stand Peter Meredith vor einem entsetzlichen Dilemma – er wußte nicht, ob er richtig oder falsch handelte. Doch eines war klar. Er lief Gefahr, nun selbst seine unsterbliche Seele zu verlieren.
Nichtsdestoweniger weckte er kurz nach Morgengrauen den treuen Will Dogget und sandte ihn fort, Thomas zu holen.
Thomas hörte stumm zu, bis Peter geendet hatte. »Es ist sehr gefährlich für dich«, sagte der Priester.
»Das nehme ich in Kauf.«
»Wir brauchen einen starken Mann. Stärker als du oder ich.«
»Das kann ich arrangieren. Aber der letzte Teil des Plans – das kann ich nicht tun.«
»Du mußt«, erwiderte der Priester.
An diesem Nachmittag suchte Thomas Meredith Dan Dogget auf. Er hatte eine Schuld einzufordern. »Ich habe Euch gesagt, daß mir etwas einfallen würde«, sagte er ihm lächelnd.
Susan beobachtete Rowland, während er aus dem Fenster starrte, und fragte sich, wie er so ruhig sein konnte. Vor allem angesichts der Szene, die sich unten abspielte.
Zuerst war er nicht ruhig gewesen. Wie furchtbar war dieser Maimorgen vor drei Tage gewesen, als sie sich dem Tower näherten. Der Mut verließ ihn, als das Boot nicht auf den normalen Anlegeplatz am alten Löwentor zusteuerte, sondern auf einen schmalen dunklen Tunnel genau in der Mitte der dem Wasser zugewandten Seite des Towers. Ein schweres Fallgitter ging knirschend nach oben, um ihn einzulassen, als sie unter dem Kai hindurchfuhren. Sie fuhren über eine tiefe Flußstelle, dann öffneten sich langsam die beiden Flügel eines riesigen, eisenvergitterten Schleusentores, als sie in ein schwach erleuchtetes Hafenbecken unter einer großen Bastei einfuhren. Das Verrätertor. Laß alle Hoffnung fahren, sagte man, wenn du auf diesem Weg in den Tower kommst.
Ein paar Minuten später führte man ihn durch die hohe innere Mauer in ein Zimmer, das in dem erweiterten Turm lag, der als Blutturm bekannt war. Und so machte er die Bekanntschaft des Towers von London, einer Welt für sich. Nach außen war der Tower in den vergangenen Jahrhunderten kaum größer geworden, ausgenommen der Kai, der weiter in den Fluß vorgedrungen war; doch innerhalb seiner Mauern hatte man im Laufe der Jahrhunderte zahllose Anbauten errichten lassen – eine Halle hier, eine neue Zimmerflucht da, zusätzliche Mauern und Türmchen aus Ziegel oder Stein, um die stets größer werdende Gemeinschaft, die hier lebte, unterzubringen.
Es war eine bemerkenswerte Gemeinschaft. Abgesehen von der kleinen Armee von Arbeitern und Dienern, Köchen, Küchenjungen und Wäscherinnen, die man benötigte, um die Anlage zu versorgen, abgesehen vom Burghauptmann, dem stellvertretenden Burghauptmann und anderen ehemaligen Offizieren beherbergte der Tower die Münzanstalt und den Geschützmeister, dessen Waffengießereien am Kai lagen, während die Lager sicher innerhalb der Mauern untergebracht waren. Um alles noch lebendiger zu machen, hatte die unter den Tudors eingeführte, aus Adeligen bestehende königliche Leibgarde, die Yeoman Warders in ihren karmesinroten Uniformen, ihr Hauptquartier im Tower. Hier waren auch die königliche Menagerie exotischer Tiere und die Löwen, deren gelegentliches Brüllen man von der südwestlichen Ecke aus hören konnte, untergebracht. Und schließlich gab es die Raben auf dem Rasen, die mit ihrem düsteren Krächzen verkündeten, daß sie allein die wahren, angestammten Hüter des Ortes waren.
Gefangene gab es nur wenige, und sie entstammten fast ausschließlich der Oberschicht – Höflinge oder Gentlemen, die den Monarchen irgendwie beleidigt hatten. Manchmal, das stimmte, ließ man sie Qualen erleiden, obwohl die Streckbank oder andere Folterinstrumente in England selten angewandt wurden, häufiger jedoch waren sie in einem bescheidenen Komfort untergebracht, der sich für ihren Stand ziemte.
Er selbst wurde höflich empfangen. Der Burghauptmann des Towers, ein vornehmer Mann, stattete ihm einen kurzen Besuch ab. Sir Thomas Morus und Bischof Fisher waren im Bell Tower in der Nähe des Eingangs eingesperrt, erfuhr Rowland. Doktor Wilson und die drei Prioren befanden sich in anderen Gemächern. Danach brachte ihm die diensthabende Wache seine Mahlzeiten, doch ansonsten ließ man ihn mit seinen Gedanken allein.
Er versuchte ruhig zu bleiben. Aber wie konnte er das angesichts des Grauens, das ihn mit Sicherheit erwartete, und der Angst um seine Familie? Am Ende des ersten Tages hatte er sich zweimal übergeben müssen und war so aschfahl, daß man dem Burghauptmann sagte, er würde vielleicht sterben. An den nächsten beiden Tagen ging es ihm kaum besser, obwohl seine Frau und seine Kinder ihn besuchten. Doch nun, während er durch das Fenster zusah, was sich unten abspielte, war er zwar blaß, doch er wandte sich an Susan und bemerkte. »Komm und sieh dir dieses Wunder an.«
Man führte die drei Prioren aus ihren Zellen zum äußeren Tor. Von dort aus würde man sie quer durch London zum wartenden Galgen bringen. Sie wurden begleitet von dem Burghauptmann und einer Gruppe respektvoller Yeomen Warders, die offensichtlich entschlossen waren, ihnen vor dem Martyrium, das sie erwartete, einige letzte würdevolle Augenblicke zu sichern. Widerwillig trat Susan zu ihrem Gatten, um ihnen nachzusehen.
»Sieh nur, wie fromm und frohgemut sie gehen«, murmelte Rowland. »Die Lämmer Gottes. Ich glaube, das ist es, was Glaube wirklich bedeutet. Sie wissen, daß sie das Richtige tun. Das ist es, was Märtyrer uns hinterlassen. Ich vermute, sie sind in gewisser Weise die Felsen, auf denen die Kirche in Wahrheit aufgebaut ist.«
Am letzten Abend hatte Thomas ihm bei seinem Besuch noch einige andere Neuigkeiten mitgeteilt. »Nach den Hinrichtungen wird man direkt zum Charterhouse gehen und die übrigen Mönche den Eid leisten lassen.«
Peter. Auch er würde ihm also bald Gesellschaft leisten. Vielleicht, dachte Rowland, würde man sie gemeinsam aburteilen, vielleicht würden sie sogar gemeinsam sterben. Der Gedanke tröstete ihn und gab ihm Kraft.
Am 4. Mai 1535 wurde auf Befehl König Heinrichs VIII. dieses eifrigen Verteidigers des Glaubens, die Hinrichtung der drei Prioren vollzogen. Vor dem äußeren Tor des Towers wurden sie auf hölzerne Gestelle gesetzt und durch die Straßen gezogen. Es war ein weiter Weg, denn obwohl man den alten Platz in Smithfield immer noch für Hinrichtungen nutzte, war eine neue Stätte mittlerweile populärer geworden: die alte römische Straßenkreuzung eine Meile westlich von Holborn, wo einst ein marmorner Torbogen gestanden hatte und die nun nach einem kleinen Flüßchen, dem Tyburn, benannt war; den Galgen nannte man Tyburn Tree, den »Baum am Tyburn«.
Seit den Tagen, als der heilige Thomas Becket dem König der Plantagenets die Stirn geboten hatten, war es Brauch, jedem Geistlichen seine religiösen Weihen zu nehmen und ihn so dem Schutz der Kirche zu entziehen, bevor man ihn der weltlichen Obrigkeit zur Hinrichtung übergab. Nun war das nicht mehr nötig, denn Heinrich war ja Gottes weltlicher und geistlicher Stellvertreter auf Erden. »Sie tragen das Priestergewand«, stellten die Schaulustigen mit einem erschrockenen Aufstöhnen fest.
König Heinrich hatte beschlossen, aus diesem Ereignis in Tyburn, wo bereits eine große Menschenmenge wartete, ein Spektakel für den Hof zu machen. Nicht nur er war anwesend, sondern auch die Botschafter Frankreichs und Spaniens. Über vierzig berittene Höflinge, die alle Masken trugen, begleiteten den König.
Die drei Prioren traten vor diese adlige Gesellschaft. Am Fuße des Galgens erhielten sie noch einmal die Möglichkeit zu widerrufen, doch alle drei weigerten sich. Man legte ihnen die Schlinge um den Hals, zog sie hoch und hängte sie; während sie noch bei Bewußtsein waren, ließ man sie wieder herunter und schnitt sie aus. Man zerrte ihnen die Eingeweide aus dem Leib, schnitt ihnen das Herz heraus, hackte ihnen Arme, Beine und Köpfe ab und schwenkte sie über den Häuptern der Gaffer, damit die Menge sie sehen konnte. Mit dem Gemetzel an diesen ersten christlichen Märtyrern, die die Oberhoheit des Königs nicht anerkannten, proklamierte Heinrichs Kirche von England ihre neue Autorität.
Peter war bei den Hinrichtungen anwesend, dann machte er sich auf den Weg zurück ins Kloster. Kurz darauf erschienen einige Diener des Königs mit einem in ein Tuch eingeschlagenen Päckchen. Als sie es auswickelten, sahen die Mönche, daß es der abgetrennte Arm ihres Priors war. Die Männer des Königs nagelten ihn an die Klosterpforte. Kurz nach Mittag kamen die Bevollmächtigten, um von der Gemeinschaft den Eid zu fordern; alle Mönche wurden zusammengerufen. Die Bevollmächtigten, darunter eine Reihe von Geistlichen, erklärten ihnen, die Schicklichkeit erfordere treuen Gehorsam gegenüber ihrem König. Alle Mönche weigerten sich – außer einem. Zu ihrem großen Erstaunen trat Pater Peter Meredith, der müde und krank aussah und nach den grauenvollen Ereignissen des Morgens anscheinend den Mut verloren hatte, nach vorn und leistete als einziger den Eid.
Minister Cromwell teilte Thomas Meredith mit, was geschehen war; und eigentlich hätte Thomas froh sein sollen. »Nicht nur, daß er lebt«, meinte Cromwell, »es gereicht Euch auch zum Vorteil. Ich habe dem König gesagt, daß der einzige Loyale dort Euer Bruder war.« Er zog eine Grimasse. »Dennoch wird er vielleicht nicht mehr lange auf dieser Welt weilen. Man hat mir gesagt, daß er sehr krank sei.«
Und so fand Thomas Peter auch vor, als er ein paar Stunden später das Charterhouse aufsuchte. Er hatte sich in seine Zelle zurückgezogen, wo Will Dogget sich um ihn kümmerte. Es schien ihm sogar schwerzufallen, sich von seinem Bett zu erheben, und nach ein paar Worten verließ Thomas ihn.
Es war der andere Besuch, vor dem er sich fürchtete. Lange Zeit blieb er zögernd vor dem Haus in Chelsea stehen, und erst als eines der Kinder zufällig herausgerannt kam und ihn entdeckte, war er gezwungen einzutreten. Als er endlich mit Susan allein war, mußte er ihr die Neuigkeit mitteilen. »Peter hat den Eid abgelegt. Ich war im Charterhouse und habe ihn besucht.« Eine lange Weile blieb sie stumm.
»Du meinst«, erklärte sie schließlich, »nachdem er Rowland in den sicheren Tod geführt hat, ist er nun selbst abtrünnig geworden. Er läßt Rowland allein sterben?«
»Ich glaube, Peter schämt sich. Ich versuche ihn zu verstehen.«
Sie schüttelte langsam den Kopf. »Das ist nicht genug.« Nach einer weiteren langen Pause fügte sie mit kummervoller Stimme hinzu: »Ich will Peter nie wiedersehen.«
Dan Dogget betete nicht oft, aber nun wandte er sich verstohlen an Gott. Wenn diese seltsame Sache vorbei war, hatte er seine Schuld bei Meredith beglichen. »Laß es nur bald sein«, bat er.
Die Sonne ging schon fast unter, als sie aufbrachen. Pater Peter hatte sich nicht wohl genug gefühlt, um die Fahrt am Nachmittag zu wagen, doch vor einer Stunde schien er wieder zu Kräften gekommen zu sein, und auf Thomas' Anweisung hin hatte Dan den kleinen Wagen an die Klosterpforte gebracht. Die Atmosphäre im Charterhouse war angespannt. Seit den Hinrichtungen am Morgen zuvor hatten Heinrichs Geistliche die Mönche fast unablässig mit ihren Tiraden traktiert. Drei der ältesten Mönche waren vor kurzem fortgebracht worden, aber nicht in den Tower, sondern in ein gewöhnliches Gefängnis. Pater Peter befand sich in einer seltsamen Lage. Da er krank war, blieb er ohnehin abgeschieden in seiner Zelle, doch die übrigen Mönche wollten auch nichts mit ihm zu tun haben, und selbst die Leute des Königs hatten das Interesse an ihm verloren. Doch wie sehr Peter in der Gemeinschaft auch in Ungnade gefallen sein mochte, Will Dogget behandelte den ehemaligen Priester mit Ehrerbietung, und als Peter sich anschickte, auf den Wagen zu steigen, kniete er nieder und küßte ihm die Hand.
Langsam fuhr er die beiden Brüder Meredith durch die Stadt zu ihrer traurigen Aufgabe. Sie wollten in den Tower, um Rowland zu besuchen. Am äußeren Tor des Towers wurde ihnen sogleich Zutritt gewährt, da man Thomas als Gefolgsmann Minister Cromwells erkannte. Den Wagen mußten sie stehenlassen, und nun wurde Dan klar, wie sehr sie ihn gebraucht hatten. Während der Fahrt schienen Pater Peters Kräfte wieder abgenommen zu haben. Nur mühsam stieg er vom Wagen herunter, war kaum fähig zu gehen, und Dan und Thomas, jeder an einer Seite, mußten ihn stützen und ihm über das Kopfsteinpflaster helfen. Als sie den Blutturm erreichten, war Peter außer Atem. Nachdem sich Thomas bei dem respektvollen Wachmann ausgewiesen hatte, stiegen sie langsam die Wendeltreppe zu Rowlands Zelle hinauf.
Rowland Bull saß auf einer Bank, als sie eintraten, das letzte rote Leuchten des Sonnenuntergangs drang durch das schmale Fenster. Seine gestrige Ruhe war zum Teil dahin. Am Morgen hatte er sich wieder übergeben müssen. Er freute sich offenkundig, sie zu sehen.
Während Peter und Rowland leise miteinander sprachen, beobachtete Dan sie interessiert. Bruder Peter kannte er mittlerweile ein wenig, doch Rowland hatte er kaum je gesehen. Als er sie nun so nebeneinander betrachtete, bemerkte er überrascht, die ähnlich sich die beiden Männer waren; durch seine Krankheit hatte der zuvor dickere Peter abgenommen und war auch im Gesicht schmäler geworden, so daß er und Rowland Brüder hätten sein können. Hätte er es nicht besser gewußt, so hätte er vermutet, der frühere Gemeindepriester sei der Familienvater und der Rechtsgelehrte mit seinem asketischen Gesichtsausdruck der Mönch.
Schließlich entschloß sich Peter, die Neuigkeit mitzuteilen. »Ich habe den Eid geleistet.«
Rowland hatte es nicht gewußt. Er hatte in den letzten beiden Tagen niemanden gesehen außer einem Wachmann, der ihm Essen brachte. Ernst sah er Peter an. »War es für dich auch so schrecklich?«
»Willst du dasselbe tun?« fragte Thomas. »Ich glaube nicht, daß ich dich retten kann, aber da Peter es auch getan hat, stimmt das den König vielleicht milder.«
»Nein«, erwiderte Rowland. »Ich konnte ihn neulich nicht ablegen, und ich kann es jetzt auch nicht.«
Lächelnd zog Peter unter seiner Soutane ein Fläschchen Wein und drei Becher hervor. Ein wenig zittrig schenkte er ein und reichte Rowland und Thomas ihren Becher. »Laßt uns ein letztes Mal zusammen trinken.« Er sah Rowland an. »Denk in der Stunde deines Todes daran, daß du es bist, nicht ich, der eine Märtyrerkrone verdient hat.«
Sie tranken und sagten nichts mehr. Dann standen Peter und Thomas Meredith auf und taten das, wozu sie gekommen waren.
Es war bereits dunkel, als Dan und Thomas mit dem Mönch aufbrachen. Er konnte nun fast gar nicht mehr gehen, so daß sie auf dem Weg zurück zum Tor sein volles Gewicht trugen. Als die Wachen Thomas sahen, öffneten sie nicht nur das Tor, sondern halfen ihnen auch, den Mönch auf den Wagen zu heben. Dann fuhr Dan zurück zum Charterhouse, während Thomas sich wieder umwandte. »Ein trauriger Abend«, sagte er zu dem Yeoman Warder, der das Tor bewachte. »Ich werde noch ein wenig bei dem armen Bull sitzen. Er sieht fast ebenso krank aus wie der Mönch.«
An diesem Abend war im Tower alles still. Gefangene, Wächter und sogar die Raben schliefen. Die grauen Steinmauern und Türme ragten drohend in die Dunkelheit, kaum sichtbar im Sternenlicht – mit Ausnahme eines einzigen schwachen Kerzenschimmers, der aus dem Fenster einer Zelle drang, in der zwei Männer zusammen wachten. Als der Wärter einmal hereinkam, sah er Thomas brütend auf der Bank sitzen, während der Rechtsgelehrte am Fenster kniete und leise seine Gebete murmelte.
Während Thomas so wartete, dachte er noch einmal an das Gespräch, das er vor drei Tagen mit seinem Bruder geführt hatte. Peter hatte Seelenqualen durchlitten. »Ich verweigere der Kirche zwei Märtyrer, wenn wir das tun«, hatte er bekannt. »Vielleicht werde ich meine Seele verlieren.« Thomas überlegte, wie man wohl das Opfer eines Mannes nennen sollte, der nicht nur bereit war, sein Leben für seinen Freund hinzugeben, sondern auch seine unsterbliche Seele?
Die Gestalt am Fenster erhob sich, nickte Thomas zu und legte sich auf das Bett. Das war der Augenblick, den Thomas gefürchtet hatte. »Du mußt«, sagte die liegende Gestalt. Thomas trat an das Bett, nahm ein Laken, bedeckte damit das Gesicht des Liegenden und begann zu pressen. Und er erkannte es als Gnade Gottes, daß in diesem Augenblick eine andere Hand eingriff. Thomas rief die Wachen. Nach ein paar Minuten kamen zwei Yeoman Warders und wurden Zeugen der Geschehnisse.
Der Rechtsgelehrte auf dem Bett litt an einem schweren Schlaganfall. Er rang nach Atem, sein Gesicht war verfärbt, er versuchte, sich aufzusetzen, fiel jedoch zurück, der Mund stand offen, das Gesicht wirkte fremd in seinem Verfall. Einer der Yeomen trat zu ihm und wandte sich dann an Thomas. »Er ist tot.« Leiser fügte er hinzu: »Besser so, als das, was ihn erwartet hätte.« Er machte kehrt. »Ihr könnt nichts tun, Sir«, meinte er freundlich. »Wir werden dem Burghauptmann Mitteilung machen.« Rücksichtsvoll führte er die anderen Wächter hinaus, damit Thomas einen Augenblick allein sein konnte.
Und so hörte niemand, wie Thomas, als er den Leichnam berührte, flüsterte: »Gott segne dich, Peter.«
Es war Morgengrauen, als Rowland Bull erwachte. Langsam kam er zu Bewußtsein; sein Kopf fühlte sich schwer an. Er runzelte die Stirn. Warum trug er eine Mönchskutte? Er blickte um sich. Wo war er?
»Du bist im Charterhouse«, sagte Thomas leise. »Ich sollte dir wohl alles erklären.«
Es war eigentlich nicht schwierig gewesen. Der Schlaftrunk, den Peter ihm gegeben hatte, hatte schneller gewirkt als erwartet. Rowlands und Peters Kleidung zu vertauschen hatte nicht mehr als ein paar Minuten gedauert. Ein Leichtes war es auch gewesen, Peter aus dem Tower zu bringen. Die einzige Schwierigkeit hatten sie vorhergesehen – wie sollte man einen bewußtlosen Mann ins Charterhouse bringen? Diese kurze Strecke hatte Daniel Dogget ihn auf seinen starken Armen getragen.
»Du würdest staunen, wenn du wüßtest, wie ähnlich Peter dir gesehen hat, als er deine Kleider trug«, fuhr Thomas fort. »Und wenn ein Mann stirbt, verändert sich sein Aussehen ohnehin.«
»Peter ist tot?«
»Ich sollte ihn töten. Wir wollten es so aussehen lassen, als sei er im Schlaf gestorben, und es war gut, daß man dich bereits für krank gehalten hat. Aber dann, gerade als ich anfing, ihn zu ersticken… hat ihn Gott der Herr zu sich genommen. Ein Schlaganfall.«
»Aber was ist mit mir? Was soll ich tun?«
»Das ist Peters Botschaft, die ich dir überbringe. Er will, daß du lebst. Deine Familie braucht dich. Er ruft dir seine Worte ins Gedächtnis: Du hast die Märtyrerkrone bereits verdient, weil du bereit warst zu sterben. Doch er hat dich daran gehindert.«
»Daß er den Eid geleistet hat, ist also…?«
»Ist ein Teil des Plans. Pater Peter Meredith wird verschont, und du mußt nun seine Stelle einnehmen. Es wird nicht allzu schwer sein. Für die Mönche bist du ein Ausgestoßener, sie werden dich meiden. Die Beauftragten des Königs haben kein Interesse an dir, und außerdem hält man dich für schwerkrank. Bleib also in dieser Zelle. Will Dogget wird sich um dich kümmern. Nach einer Weile kann ich es wahrscheinlich einrichten, daß du anderswohin gehst.«
»Und Susan? Die Kinder?«
»Du mußt Geduld haben«, antwortete Thomas. »Um deiner und ihrer Sicherheit willen muß sie wirklich glauben, daß du tot bist. Später werden wir sehen, was man tun kann. Aber noch nicht gleich.«
»Du hast an alles gedacht.«
»Nicht ich. Peter.«
»Ich stehe in eurer Schuld. Ihr habt euer Leben aufs Spiel gesetzt.«
»Ich habe mich schuldig gefühlt«, erklärte Thomas. »Will Dogget hat es getan, weil Peter ihn darum gebeten hat; der alte Mann hat ihn geliebt. Und Daniel – sagen wir, er schuldete mit einen Gefallen.«
Rowland seufzte. »Ich nehme an, ich habe keine Wahl.«
»Peter hat dir noch eine Nachricht hinterlassen«, fügte Thomas hinzu. »›Sag ihm, er soll nur eine Zeitlang Mönch bleiben. Dann muß er zu seiner Frau zurückkehren‹, hat er mir aufgetragen. Verstehst du, was er damit meint?«
»Ja«, erwiderte Rowland langsam. »O ja.«
Zahlreiche Greueltaten begleiteten die Errichtung der neuen anglikanischen Kirche unter Heinrich VIII. doch eine Hinrichtung im Juni empörte das Volk ganz besonders. Den Anlaß dazu hatte der Papst gegeben. Der energische Pontifex, der die europäischen Monarchen weiterhin drängte, den abtrünnigen englischen König zu entthronen, ernannte Bischof Fisher, der immer noch zusammen mit Morus im Tower gefangen war, zum Kardinal. König Heinrichs Wut war grenzenlos. »Wenn der Papst einen Kardinalshut schickt«, gelobte er, »wird es keinen Kopf mehr geben, auf den man ihn setzen kann.« Am 23. Juni wurde der fromme, grauhaarige Bischof von Rochester, müde und gebrochen, auf den Rasen des Towers von London geführt und enthauptet.
Zwei Wochen später folgte ihm der ehemalige Kanzler Thomas Morus auf das Schafott. Obwohl man wußte, daß der Beamte des Königs für seinen Glauben starb, betrachtete man sein Schicksal eher als politischen Sturz denn als religiöses Martyrium. Der unbedeutende Doktor Wilson blieb fast vergessen im Tower inhaftiert.
Drei der Mönche im Charterhouse wurden hingerichtet, die übrigen wurden ständigen Demütigungen unterworfen. In anderen Kartäuserklöstern legten die Mönche den Eid ab, und das Oberhaupt des Ordens in Frankreich sandte sogar eine Botschaft, sie sollten es ebenfalls tun. Kaum jemand nahm Notiz davon, als der feige Pater Peter Meredith auf Befehl des Stadthalters Cromwell aus dem Kloster geholt und in ein anderes Ordenshaus im Norden gebracht wurde. Will Dogget begleitete ihn.
Im Frühjahr 1536 kam es zu einem in zweifacher Hinsicht ironischen Ereignis. Königin Katharina, Heinrichs spanische Gattin, starb in Ostanglien. Hätte König Heinrich gewartet, wäre er frei gewesen für eine neue Heirat, ohne mit Rom brechen zu müssen. Zudem fiel Anna Boleyn, die zweite große Ursache der Ereignisse, nachdem auch sie nicht den erforderlichen männlichen Erben zur Welt gebracht hatte, in Ungnade und wurde hingerichtet. König Heinrich heiratete erneut, doch er führte die englische Kirche nicht zurück in den Schoß Roms. Es gefiel ihm, geistliches Oberhaupt zu sein, und zudem waren es beträchtliche Geldsummen, die er von der Kirche abzweigen konnte.
1538
An einem Morgen im Mai sahen sich die beiden Flemings über ihre kleine Bude hinweg düster an, dann blickten sie traurig auf das nun leerstehende Charterhouse, als wollten sie sagen: Du hast uns im Stich gelassen. Fleming und seine Frau bauten ihren Stand zum letztenmal ab; das Geschäft war vorbei. Cromwell war schuld daran, denn er hatte alle Klöster geschlossen.
Die Auflösung der Klöster war eine außergewöhnliche Maßnahme. Im Laufe der letzten beiden Jahre hatten Cromwell oder seine Leute die kleineren und dann auch die größeren Häuser im ganzen Land besichtigt. Manche wurden der Laxheit beschuldigt, andere wurden unter gar keinem Vorwand geschlossen. Der riesige, über Jahrhunderte angesammelte Landbesitz fiel auf diese Weise dem neuen geistlichen Oberhaupt der Kirche in die Hände. Zumeist verkaufte ihn Heinrich weiter, wobei er manchmal Freunden erlaubte, ihn zu günstigen Preisen zu erwerben. Etwa ein Viertel des Grundbesitzes in England wechselte den Besitzer, die größte Veränderung seit der normannischen Eroberung.
»Das hat auch die Finanzen des Königs umgestaltet«, bemerkte Cromwell befriedigt. Das Oberhaupt begann mit dem Bau von Nonsuch, einem weiteren riesigen Palast außerhalb Londons. Aber das war nicht alles. Die Gruppe der Reformer innerhalb der englischen Kirche hatte durch diese Befreiung von der Vergangenheit so an Stärke gewonnen, daß sie in diesem Frühjahr Heinrichs Erlaubnis erhielt, eine weitere Säuberung anzuschließen. »Wir müssen England vom papistischen Aberglauben befreien«, erklärten Cromwell und seine Freunde. Es wurde nicht alles entfernt, doch einige Wochen lang wurde im ganzen Land eine sorgfältige Auswahl von Bildern, Statuen und Reliquien vernichtet; man verbrannte Stücke des heiligen Kreuzes und schloß Heiligtümer. Sogar den juwelenbesetzten Reliquienschrein Thomas Beckets brach man auf und brachte das Gold und die Edelsteine in die königliche Schatzkammer.
All dieser Eifer hatte auch einen bedauerlichen Nebeneffekt, den selbst Cromwell eingestehen mußte. Die Klöster hatten zahllosen Armen Obhut und Trost geboten. Alte Männer wie Will Dogget hatten eine Bleibe gefunden, Hungrige waren an den Pforten gespeist worden. Nun gab es in London plötzlich Scharen von Bettlern, die von den Kirchsprengeln kaum mehr versorgt werden konnten. Die Aldermen wandten sich an Cromwell, der nicht anders konnte, als ihnen beizupflichten, daß etwas geschehen mußte.
Und da waren auch noch die Inhaber der Verkaufsstände. Was sollte aus den Leuten werden, die wie die Flemings vor den Pforten jedes Klosters in London mit all dem religiösen Kitsch und den Bildern gehandelt hatten, die man nun verurteilte? »Mit unserem Gewerbe ist es vorbei«, erklärte Mistress Fleming. Voll Bitterkeit bauten sie ihren Stand ab. Als sie ihren Handkarren nach Smithfield schoben, erwartete sie ein trauriger Anblick. Auf dem offenen Gelände war eine Menschenmenge zusammengeströmt. Ein seltsam aussehendes viereckiges Schafott war aufgebaut, unter das man Holz aufgeschichtet hatte. Die Gestalt eines älteren Mannes hing an Ketten an dem Gerüst, das Holz unter ihm wurde gerade angezündet. Nicht nur Statuen, Bilder und abergläubische Reliquien – auch einen alten Mann hatten die Reformatoren gefunden, den sie verbrannten.
Das Verbrechen Doktor Forests bestand darin, daß er der Beichtvater Königin Katharinas gewesen war. Halb vergessen hatte der nunmehr über Achtzigjährige einige Jahre im Gefängnis verbracht, bis irgend jemandem einfiel, daß man ihn verbrennen sollte, bevor er eines natürlichen Todes starb. Eine hochgewachsene, grimmige Gestalt mit grauem Bart rief dem alten Mann zu: »In welchem Glaubensstand wollt Ihr sterben, Doktor?«
Hugh Latimer, Gelehrter in Oxford und reformatorischer Prediger, war nun Bischof. Doktor Forest antwortete mutig: Selbst wenn die Engel beginnen würden, etwas anderes als die wahren Lehren der heiligen Kirche zu predigen, würde er ihnen nicht glauben. Auf diese Antwort hin gab Latimer zu verstehen, daß er verbrannt werden sollte. Doch statt des üblichen Feuers, in dem das Opfer schnell erstickte, entschied er, den alten Mann in Ketten über dem Scheiterhaufen hängen zu lassen, damit er unter stundenlangen Folterqualen einen langsamen Tod erlitt. Doch diesmal wurde es der Menge zuviel. Als die Flammen und der Rauch höher stiegen, stürmten ein paar kräftige Männer heran und stießen das Gerüst um, so daß der alte Mann nach ein oder zwei Minuten tot war.
Langsam gingen die Flemings weiter. »Welch ein Glück«, erklärte Mistress Fleming ihrem Mann, »daß mein Bruder Daniel auf der königlichen Barke gutes Geld verdient. Nun wird er für uns sorgen müssen.«
Zwanzig Meilen weiter östlich, in der alten Stadt Rochester in Kent, wo der Fluß Medway in die Themse fließt, wartete Susan. Thomas war vor einem Jahr auf den Gedanken gekommen, daß sie nach Rochester umziehen sollte, und sie war froh, in der alten Stadt eine angenehme Zuflucht gefunden zu haben, weit weg von den unglücklichen Szenen, die sie mit der Hauptstadt in Verbindung brachte. Auch die Kinder waren dort glücklich. In der einfachen Wohnung in der Nähe der Kathedrale hatte sie einen neuen Frieden gefunden.
Aber die Zusammenkunft am heutigen Vormittag stürzte sie in Zweifel. Thomas hatte darauf bestanden, und da er sich in den letzten Jahren so liebevoll um sie gekümmert hatte, war sie der Ansicht gewesen, es ihm nicht abschlagen zu können.
Er war vor ein paar Stunden hierher gekommen und hatte die Kinder zu einem langen Spaziergang abgeholt, so daß sie ihren Besucher allein empfangen konnte. Aber wollte sie Peter denn sehen? In den ersten Wochen nach Rowlands Tod hatte sie es nicht einmal ertragen können, Peters Namen zu hören. Als ihr zu Ohren kam, daß er London verlassen hatte und in den Norden gegangen war, war sie erleichtert. Ein- oder zweimal in den letzten beiden Jahren hatte sie überlegt, ihm zu schreiben, aber da sie nicht wußte, was sie ihm sagen sollte, hatte sie es gelassen. Und nun kam er zu Besuch. Alle Mönche in England waren nun heimatlos, da alle Klöster aufgelöst waren. Die meisten von ihnen erhielten eine Pension, manche waren Gemeindepfarrer geworden, manche hatten ihren Orden verlassen und sogar geheiratet.
»Ich werde ihn empfangen«, hatte sie Thomas schließlich gesagt, »aber ich kann ihn nicht bei mir aufnehmen.« Gegen Mitte des Vormittags klopfte es an der Tür; Schritte waren in dem kleinen Haus zu hören. Und dann sah sie ihren Gatten.
Wenige Menschen in Rochester schenkten der Familie Brown in den folgenden Jahren besonders Beachtung. Ihre Nachbarn erinnerten sich, daß Susan Brown eine fromme Witwe gewesen war, bevor sie wieder heiratete, und es hieß, ihr neuer Ehemann, Robert Brown, sei früher Mönch gewesen. Er war ein stiller Mann, seiner Frau und seinen Stiefkindern ergeben. Er wurde Lehrer an Rochesters alter Schule und schien glücklich mit seiner Arbeit und seiner Familie. Als er zehn Jahre nach seiner Ankunft in Rochester starb, war seine Frau so aus dem Gleichgewicht, daß der Priester hörte, wie sie ihn leise »Rowland« rief. Aber der Priester wußte, daß die Menschen im Kummer manchmal verwirrt waren.
In den folgenden Jahrzehnten lebte die Familie so unauffällig wir möglich. Die Mädchen heirateten; Jonathan wurde Lehrer. Insgeheim war ihr Glaube katholisch, aber nach allem, was geschehen war, hatte Susan ihnen geraten: »Was immer geschieht, behaltet eure Ansicht für euch. Seid still.«
Die letzten Jahre unter König Heinrich waren schlimm. Er wurde aufgedunsen und krank. Das Vermögen, das er der Kirche geraubt hatte, wurde für extravagante Paläste und sinnlose Abenteuer im Ausland verschwendet, mit denen er seine Ruhmsucht befriedigte. Frauen kamen und gingen. Selbst der raffinierte Cromwell fiel in Ungnade und wurde geköpft.
Schließlich war es dem König geglückt, mit der dritten seiner sechs Ehefrauen einen Erben zu zeugen. Der Junge Eduard war ein glänzender Kopf, aber kränklich, und bald war es klar, daß seine Erzieher, Cranmer und seine Leute, nach König Heinrichs Tod die Absicht hatten, den Kindkönig noch weiter vom katholischen Glauben zu entfernen. Doch selbst Susan war erstaunt, als sie feststellte, wie weit sie gehen wollten.
»Cranmers englisches Gebetbuch«, sagte sie zu ihrer Familie, »muß gar nicht so schlecht gewesen sein. Immerhin ist es größtenteils eine Übersetzung des lateinischen Ritus, und er hat eine schöne Sprache.« Die Lehren, die die Kirche Englands nun annahm, waren nicht länger nur die der Reformer, sondern ganz und gar protestantisch. »Das Wunder der Messe wird völlig abgeleugnet«, rief Susan. Priester durften heiraten. Aber noch schrecklicher waren in gewisser Weise die materiellen Zerstörungen, die die Protestanten forderten. Susan sah es eines Tages, als sie bei einem Besuch in London in Peters Kirche St. Lawrence-Silversleeves schlüpfte.
Man hatte die kleine Kirche ausgeräumt. Der dunkle alte Lettner, den ihr Bruder geliebt hatte, war fort, man hatte ihn verbrannt. Die Wände waren weiß getüncht; den Altar hatte man durch einen einfachen Tisch ersetzt. Selbst die neuen Buntglasfenster hatte man zerschlagen. Susan wußte, daß diese Verwüstungen überall passiert waren, doch hier in der Kirche ihres Bruders tat es ihr besonders weh.
Als der protestantische Kindkönig starb und seine Schwester Maria den Thron bestieg, jubelte Susan nicht voreilig. Sicher war Maria als Tochter der spanischen Königin Katharina eine fromme Katholikin und schwor, England zurück in die wahre Kirche Roms zu führen. »Doch sie hat ein halsstarriges Naturell«, urteilte Susan, »und ich fürchte, sie wird diese Sache falsch in Angriff nehmen.« Und genau das stellte sich heraus. Trotz der Proteste ihres Volks bestand sie darauf, König Philip von Spanien zu heiraten. Nach Ansicht vieler Engländer bedeutete Katholizismus von nun an nicht nur dem Papst, sondern auch einem ausländischen König unterworfen zu sein. Dann verbrannte man Protestanten; alle Führer der Reformer wurden verurteilt. Als man Cranmer verbrannte, tat er Susan leid; als der grausame Latimer den Scheiterhaufen bestieg, zuckte sie nur mit den Achseln. Bald nannten die Engländer ihre Königin »Blutige Maria«, und als sie nach fünf unglücklichen Jahren kinderlos starb, war Englands Religion immer noch eine offene Frage.
Nur noch eines von Heinrichs Kindern blieb übrig, Elisabeth, Tochter Anna Boleyns, und Susan war sicher, daß sie England nicht zu Rom zurückbringen konnte. Denn wenn der Papst in Rom das wahre Oberhaupt war, mußte die Heirat ihrer Mutter mit Heinrich ungültig gewesen sein. Sie selbst konnte dann nicht Englands legitime Thronfolgerin sein. Die Regelung von Glaubensfragen, die Elisabeth ausarbeitete, war daher vollkommen logisch. Die Frage der Messe wurde in so dunklen Formen beschrieben, daß man sie nach jeder Richtung interpretieren konnte; ein gewisses Maß religiöser Zeremonie wurde beibehalten. Die Autorität des Papstes wurde geleugnet, doch Elisabeth nannte sich taktvoll Oberste Leiterin der Kirche Englands, nicht Höchstes Oberhaupt. Den Katholiken konnte sie daher sagen: »Ich habe euch einen reformierten Katholizismus gegeben«, den Protestanten: »Der Papst wird nicht anerkannt.«
Damit zeigte Elisabeth Weisheit. Als sich ganz Europa in zwei riesige und zunehmend feindliche religiöse Lager spaltete, war die Position der englischen Königin nicht einfach. Während sie die katholischen Großmächte hinhielt und sogar Andeutungen machte, sie könne einen ihrer Fürsten heiraten und England zurück zu Rom bringen, sah sie sich in London und den anderen Städten einem zunehmend protestantischen Volk gegenüber, denn den Kaufleuten und Handwerkern, denen man nun einmal ihre englische Bibel und das Allgemeine Gebetbuch gegeben hatte, gefiel es, selbst zu denken. Zudem waren ihre Handelspartner in den Niederlanden, in Deutschland und sogar in Frankreich häufig ebenfalls Protestanten. Nach und nach gewannen die extremeren Formen des Protestantismus an Boden; Puritaner nannten sich diese Leute. Selbst wenn Elisabeth die Protestanten gehaßt hätte – dabei sympathisierte sie heimlich mit ihnen –, hätte sie diese Entwicklung nicht ohne Tyrannei und Blutvergießen aufhalten können.
So führten sie und ihr weiser Minister, der große Cecil, einen englischen Kompromiß ein. »Wir wollen nicht in die Herzen der Menschen sehen«, sagten sie. »Doch eine äußerliche Anpassung müssen wir fordern.« Das war eine humane und notwendige Politik. Als der Papst in Rom die Geduld mit der englischen Königin verlor und mit Exkommunikation drohte, wenn sie ihr Reich nicht in den Schoß der Kirche zurückführte, ertappte Susan sich dabei, wie sie ärgerlich sagte: »Ich wünschte, das ließe er sein.«
Nur eine Sache entlockte ihr einen Wutschrei – die Veröffentlichung eines dicken Buches im Jahre 1563, bekannt als das Buch der Märtyrer von John Fox. Sorgfältig geschrieben, um jedermanns Mitleid und Zorn zu erregen, schilderte es detailliert die Märtyrer Englands – wobei die Protestanten gemeint waren, die unter der Blutigen Maria umgekommen waren. Über die Katholiken, die vorher den Märtyrertod gestorben waren, verlor es kein Wort. Daß manche dieser Protestanten, wie etwa Latimer, Menschen verbrannt und gefoltert hatten, ließ man unter den Tisch fallen. Das Buch war ein immenser Verkaufserfolg, und bald schien es, als habe es nur die Protestantenverfolgungen der Katholiken gegeben.
»Das ist eine Lüge«, protestierte Susan. »Und ich fürchte, sie wird fortbestehen.« In der Tat kam es so. Das Buch der Märtyrer war dazu bestimmt, in den Familien gelesen zu werden, die Kinder zu warnen, und sollte über Generationen hinweg bestimmen, wie das englische Volk die katholische Kirche wahrnahm.
Doch Susan war entschlossen, in Frieden zu leben. Und Frieden war ihr auch beschieden, abgesehen von einer kleineren Störung. Spät im Leben nahm ihr Bruder Thomas nach einer langen Laufbahn bei Hofe, wo er niemals wirklich aufgestiegen war, eine Frau. Sie entstammte einer guten Familie und hatte ein wenig Vermögen, doch irgendein kleiner Charaktermakel, wie Susan argwöhnte, hatte sie am Heiraten gehindert. Sie schenkte Thomas einen Sohn, dann starb sie. Nicht lange danach erhielt Susan einen Brief von ihrem Bruder, der ihr mitteilte, auch er werde nicht mehr lange unter den Lebenden weilen und wolle seinen kleinen Sohn und Erben nach Rochester schicken, »wo ich weiß, daß Jonathan und du für ihn sorgen werdet«.
Und so hatte Susan in den letzten Jahren ihres Lebens eine neue Verantwortung, einen hübschen kleinen Kerl mit kastanienbraunem Haar und großem Charme, wie sie zugeben mußte. Er hieß Edmund. Doch manchmal fragte sie sich, ob er nicht ein wenig zu wild war.