DER EROBERER
1066
AM SECHSTEN JANUAR, dem Fest der Heiligen Drei Könige im Jahr
des Herrn 1066, versammelten sich die bedeutendsten Männer des
angelsächsischen Königreichs von England auf der kleinen Insel
Thorney in der Nähe des Hafens von London, um außergewöhnlichen
Ereignissen beizuwohnen: Stigand, der sächsische Erzbischof von
Canterbury; der Witan, der Königliche Rat; die Großen von London.
Sie hatten zwei Wochen lang Wache gehalten.
Sie trafen sich an einem höchst bemerkenswerten Ort. Seit
vielen Generationen lebte eine bescheidene Mönchsgemeinschaft auf
der kleinen Insel an der alten Furt. Ihre erste Kirche, die dem
Heiligen Petrus geweiht war, war gerade groß genug für sie und ihre
kleine Gemeinde gewesen. Doch nun stand ein neues Gebäude am Fluß.
So etwas hatte es seit der Römerzeit in England nie mehr gegeben.
Die neue, in einer Kreuzform und aus hellem Stein gebaute Kirche
war auf einem breiten, von Mauern umgebenen Platz errichtet und
stellte nun selbst die nicht weit von ihr entfernte alte St.
Paul'sKathedrale in den Schatten. Weil das Kloster auf Thorney im
Westen von London lag, war es als West Minster bekannt, und deshalb
wurde diese neue, herausragende Örtlichkeit Westminsterabtei
genannt.
Am Weihnachtsmorgen, also vor zwölf Tagen, hatte der
gebrechliche, weißbärtige König Eduard, dessen Lebenswerk die Abtei
war, stolz darüber gewacht, wie der Erzbischof das neue Gebäude
konsekrierte. Für sein frommes Werk sollte er als Eduard der
Bekenner bekannt werden. Nun hatte seine Wache ein Ende. Sein
Lebenswerk war fertiggestellt, und er konnte sich zur ewigen Ruhe
begeben. An diesem Morgen wurde König Eduard in seiner Abtei
beigesetzt, und als die großen Männer aus der Kirche heraustraten,
wußten sie, daß die Augen der gesamten Christenheit auf ihnen
ruhten.
Vom päpstlichen Hof in Rom bis hin zu den Fjorden in
Skandinavien war es ein offenes Geheimnis gewesen, daß der
englische König im Sterben lag. Er hatte keinen Sohn. In diesem
Augenblick stellte man sich an jedem Hof in der nördlichen Welt
eine einzige Frage: Wer wird die Krone übernehmen?
Die verhüllte Gestalt beobachtete die zwei
Männer, die, ihre schweren Umhänge fest um sich gewickelt, draußen
im Schutz der großen Abtei standen, still und unbemerkt. Es hieß,
daß nichts ihre Freundschaft erschüttern könne, aber er glaubte
dies nicht. Feindschaften dauern an, Freundschaften sind
anfälliger, vor allem in solchen Zeiten.
Ein leichter Schneefall hatte eingesetzt, als die Mitglieder
des Witan sich auf den Weg zu der langen, niedrigen Halle am
Flußufer machten, in der König Eduard residiert hatte und wo nun
der neue König gewählt werden sollte. Knapp zwei Meilen entfernt
konnte man jenseits des Sumpfgebietes, das sich an der großen
Flußbiegung zu beiden Seiten des Ufers erstreckte, durch die
fallenden Schneeflocken hindurch gerade noch die Stadtmauern
Londons und das lange Holzdach der sächsischen St.
Paul's-Kathedrale ausmachen.
Der stämmige Mann zur Linken war in den Vierzigern. Sein
dichter, blonder Bart machte sein schütter werdendes Haupthaar
wett. Wie sein Vorfahre Cerdic, der vom alten Handelsstützpunkt
aus, der inzwischen Aldwych hieß, Sklaven verschifft hatte, hatte
auch er eine breite Brust, ein rundes, germanisches Gesicht und
harte blaue Augen. Er wirkte sehr beherrscht und stand in dem Ruf,
extrem bedächtig zu sein, was manche für eine Tilgend, andere für
einen Nachteil hielten. Niemand hatte es je erlebt, daß er sein
Wort brach. Seine einzige Schwäche war ein Rückenleiden, das er
sich bei einem Reitunfall zugezogen hatte, doch nur diejenigen, die
ihm nahestanden, wußten, daß er oft unter Schmerzen litt. Sein Name
war Leofric, und er war Kaufmann in London.
Leofrics Begleiter wirkte im Vergleich zu ihm wie ein Riese.
Hrothgar der Däne überragte seinen sächsischen Freund um einiges.
Er hatte einen dichten, roten Haarschopf und einen ebenso dichten
und fast einen Meter langen, roten Bart. Dieser riesige
Wikingernachfahre konnte mit jeder Hand einen erwachsenen Mann
hochheben. Er war berühmt für seine periodischen Wutanfälle, bei
denen sein Gesicht so rot wurde wie seine Haare. Wenn er mit der
Faust auf den Tisch schlug, erblaßten starke Männer; wenn er ein
tiefes Brüllen ausstieß, wurden die Türen aller nahe gelegenen
Häuser geschlossen. Dennoch achteten die Nachbarn den reichen,
mächtigen Edelmann sehr, was wohl auf seine Vorfahren
zurückzuführen war. Vor zwei Jahrhunderten hatte sich sein
Ururgroßvater den Ruf eines furchterregenden Wikingerkriegers
verdient, der jedoch Kinder stets verschonte. Sein Befehl,
»Bairn ni kell« – tötet keine Kinder! – war so bekannt, daß
ihm daraus ein Spitzname erwachsen war. Fünf Generationen später
hießen seine Nachfahren noch immer Bar-ni-kel. Da er auf dem
östlichen der zwei Londoner Hügel lebte und an der am Fuß dieses
Hügels liegenden Anlegestelle Billingsgate seinen Handel
abwickelte, war er bekannt als Barnikel von Billingsgate.
Der grüne Umhang des Sachsen war gesäumt mit rotem
Eichhörnchenfell, Barnikels blauer Umhang mit teurem Hermelin vom
Wikingerstaat Rußland, was deutlich zeigte, wie reich er war. Und
wenn der Sachse dem reichen Dänen eine gewisse Summe schuldete, was
war dies schon unter Freunden? Im nächsten Jahr sollte der Sohn des
Nordmanns Leofrics Tochter heiraten.
Barnikel fand an kaum etwas größeren Gefallen. Wann immer sein
Blick auf das Mädchen fiel, wurden seine Züge weicher, und ein
Lächeln zeigte sich auf seinem riesigen Gesicht. »Du hast Glück,
daß ich sie für dich ausgesucht habe«, sagte er seinem Sohn immer
wieder äußerst zufrieden. Sie war zwar ein schüchternes Mädchen,
doch sie hatte ein angenehmes Lächeln und sanfte, nachdenkliche
Augen. Obwohl sie erst vierzehn war, konnte sie einen Haushalt
leiten; sie konnte lesen und verstand fast ebensoviel vom Geschäft
seines Vaters wie dieser, wie er seinem Freund einmal gestanden
hatte. Bereits jetzt fühlte sich der riesige, rotbärtige Däne ihr
gegenüber wie ein Vater. »Und was Leofrics Schulden betrifft, so
werde ich sie ihm bei der Hochzeit erlassen«, vertraute er seiner
Frau an. »Doch sag ihm noch nichts davon!«
Der Witan hatte sich zu seiner Sitzung begeben, und die beiden
Männer warteten, wobei sie von einem Fuß auf den anderen traten, um
die Kälte zu vertreiben. Die verhüllte Gestalt beobachtete sie
nachdenklich. Er wußte, daß für die beiden Männer an diesem Tag
viel auf dem Spiel stand, doch der Sachse schwebte wohl in der
größeren Gefahr, was ihm durchaus gelegen kam. Er hatte Leofric am
Vortag eine Nachricht zukommen lassen, auf die der Sachse bis jetzt
noch nicht reagiert hatte. Doch bald würde er dies tun müssen. »Und
dann«, murmelte die Gestalt, »wird er mir gehören.«
Ein Sachse und ein Däne, und dennoch hätten sowohl Leofric als
auch Barnikel ohne Zögern behauptet, Engländer zu sein, wenn man
sie nach ihrem Vaterland gefragt hätte. Um das zu verstehen und
auch das Wesen der Wahl, vor der der Witan an diesem
schicksalsträchtigen Januarmorgen des Jahres 1066 stand, muß man
sich die Entwicklung in der nördlichen Welt vor Augen führen.
In den vier Jahrhunderten seit Augustins Mission in Britannien
hatten sich die zahlreichen angelsächsischen Königreiche langsam zu
einer Einheit zusammengefunden, die England hieß, auch wenn das
keltische Schottland und Wales an dieser Entwicklung nicht
beteiligt waren. Und dann war England unter der Herrschaft König
Alfreds vor zwei Jahrhunderten beinahe zerstört worden.
Der Einfall der furchterregenden Wikinger in die nördliche
Welt dauerte mehrere Jahrhunderte. Diese Nordmänner – Schweden,
Norweger und Dänen – sind von manchen als Händler, von anderen als
Forscher oder Piraten bezeichnet worden, und alle diese
Bezeichnungen trafen zu. Sie durchpflügten die Weltmeere auf ihren
Langbooten und gründeten Kolonien in Rußland, in Irland, der
Normandie, am Mittelmeer und sogar in Amerika. Von der Arktis bis
nach Italien handelten sie mit Fellen, Gold und allem anderen, was
ihnen in die Hände fiel. Diese Abenteurer mit ihren durchdringenden
blauen Augen, flammenden Bärten, riesigen Schwertern und mächtigen
Streitäxten tranken heftig, schworen sich gegenseitig Treueeide und
trugen vielsagende Namen wie etwa Ragnar Langhaar oder Schlächter
von Tostig dem Stolzen.
Die Wikinger, die im neunten Jahrhundert über England
hinwegfegten, waren überwiegend Dänen. Sie drangen in das ummauerte
Handelszentrum London ein und brannten es nieder. Ohne die
heldenhaften Kämpfe des Königs Alfred hätten sie die ganze Insel
eingenommen. Selbst nach König Alfreds Siegen kontrollierten sie
noch immer den größten Teil des englischen Gebietes nördlich der
Themse.
In dem Gebiet, in dem sie sich niederließen, dem sogenannten
Danelaw, mußte die englische Bevölkerung nach dänischen Gesetzen
leben. Doch dies war nicht so schlimm. Die Dänen waren ein
nordisches Volk, ihre Sprache ähnelte dem Angelsächsischen. Sie
wurden sogar Christen. Und während im sächsischen Süden die ärmeren
Bauern zu Leibeigenen wurden, führten die freiheitsliebenden Dänen
ein offenes Leben, in dem die Bauern unabhängig waren und niemandem
gehörten. Nachdem Alfreds Nachfolger langsam die Herrschaft über
Danelaw zurückerlangt und England vereinigt hatten, pflegten die
Leute im Süden schulterzuckend zu sagen: »Mit einem aus dem Norden
kann man sich nicht streiten. Dort oben sind sie unabhängig.«
Doch in der unruhigen Welt des Nordens herrschte selten
Frieden, und kurz vor dem Jahr 1000 fielen die Dänen erneut auf der
reichen Insel ein. Diesmal hatten sie mehr Glück. Der englische
Führer war Alfreds unfähiger Nachfolger Ethelred mit dem Beinamen
»der Unberatene«, der ihnen Jahr für Jahr Tribut, das sogenannte
Danegeld, zahlte. Er starb 1016, sein Sohn Edmund Ironside wurde
von dem dänischen König Knut entscheidend geschlagen, worauf ihm
die Angelsachsen die Königskrone anboten.
Die Herrschaft König Knuts, der kurz nach seiner
Thronbesteigung in Dänemark auch die englische Krone übernahm, war
lang und fruchtbar. Seine Stärke war gefürchtet, sein
bodenständiger Menschenverstand berühmt. Die dänische Familie der
Barnikels wurde an seinem Hof ebenso freundlich aufgenommen wie
Leofrics Großvater und viele andere Sachsen. Knut herrschte
unparteiisch über England und brachte dem Land Einheit, Frieden und
Wohlstand. Wenn sein Sohn nicht plötzlich gestorben wäre, kurz
nachdem er seine Nachfolge angetreten hatte, und deshalb der
englische Witan gezwungen war, den frommen Eduard aus der alten
angelsächsischen Linie zu wählen, wäre England vielleicht weiterhin
ein angeldänisches Königreich geblieben.
Nirgends war die Verbindung zwischen der sächsischen und der
dänischen Kultur erfolgreicher als in der wachsenden Hafenstadt,
die inzwischen London hieß. Aufgrund ihrer Lage an der alten Grenze
zwischen dem sächsischen und dem dänischen England war es nur
natürlich, daß die zwei Kulturen sich hier verbanden. Obwohl die
Versammlung aller Bürger, die dreimal im Jahr von der großen Glocke
zum alten Kreuz neben St. Paul's einberufen wurde, noch immer unter
dem sächsischen Begriff Folkmoot bekannt war, trug das
Gericht, in dem die Stadtväter den Handel und die Geschäfte der
Stadt regelten, einen dänischen Namen, Husting. Einige der kleinen
Holzkirchen waren sächsischen Heiligen, etwa Ethelburga, geweiht,
andere trugen skandinavische Namen wie Magnus oder Olaf. Auf dem
Weg nach Westminster lag eine ländliche Gemeinde ehemaliger
Wikingersiedler, die St. Clement Danes hieß.
An diesem kalten Wintermorgen einte Barnikel den Dänen und
Leofric den Sachsen ein gemeinsamer Wunsch: Sie wollten einen
englischen König.
Aufgrund seines frommen Namens könnte man annehmen, daß Eduard
der Bekenner sehr verehrt wurde. Dies war nicht der Fall. Abgesehen
von seinem kleinlichen Charakter war er auch noch ein Fremder. Zwar
stammte er aus einem sächsischen Geschlecht, war aber in einem
französischen Kloster erzogen worden und hatte eine Französin
geheiratet. Die Bürger und Adligen von London hatten sich zwar an
die bereits seit längerer Zeit etablierten Gemeinschaften von
französischen und deutschen Kaufleuten in der Stadt gewöhnt, jedoch
nie Gefallen an den Franzosen gefunden, die sehr zahlreich am
Königshof vertreten waren. Man mußte sich nur seine Abtei
anschauen. Sächsische Gebäude waren meist bescheidene, wenn auch
mit reichen Schnitzereien verzierte Holzbauten. Selbst die wenigen
Steinkirchen erweckten manchmal den Eindruck, als hätten sie
ursprünglich aus Holz erbaut werden sollen. Im Gegensatz dazu waren
die massiven Säulen und Rundbögen der Abtei in dem strengen
normannischen Stil des Festlands gehalten. Sie wirkten überhaupt
nicht englisch.
Der Witan hatte drei Männer zur Wahl. Nur einer, ein Neffe
König Eduards, war ein legitimer Nachfolger, aber er war noch sehr
jung und von einer ausländischen Mutter im Ausland aufgezogen
worden. Er hatte in England keine Anhänger. Dann war da noch
Harald, nicht von königlichem Blut, aber ein großer englischer
Adliger, ein ausgezeichneter Kommandant und sehr beliebt obendrein.
Der dritte war Wilhelm von der Normandie.
Vor vielen Generationen hatten die Wikinger die nördliche
Küstenregion Frankreichs kolonisiert. Sie hatten sich mit der dort
ansässigen Bevölkerung vermischt und sprachen inzwischen
Französisch, doch die Wanderlust ihrer Vorfahren lag auch ihnen
noch im Blut. Der letzte Herzog der Normandie hatte keinen
legitimen Erben, sondern nur einen unehelich geborenen Sohn, der
seine Nachfolge antrat. Wilhelm von der Normandie war skrupellos,
ehrgeizig und wurde wohl auch durch seinen Status der Illegitimität
getrieben. Er war ein furchterregender Gegner. Er heiratete in die
Familie der Ehefrau Eduards des Bekenners ein und sah nun die
Gelegenheit, dem kinderlosen Monarchen nachzufolgen und König zu
werden. Von der anderen Seite des Kanals aus behauptete er, daß
Eduard ihm den Thron versprochen habe.
Der Witan hielt die Krone über den Kopf des neuen Königs. Beim
Krönungseid versprach der König Frieden, Ordnung und
Barmherzigkeit. Danach erbat der Bischof Gottes Segen und salbte
den König mit Öl. Erst dann wurden ihm die Krone König Alfreds und
das Zepter als Zeichen der Macht und das Kreuz als Zeichen der
Gerechtigkeit überreicht.
So fand nur wenige Stunden nach König Eduards Grablegung die
traditionelle englische Krönung zum erstenmal in der
Westminsterabtei statt. Als Leofric und Barnikel die stattliche
Gestalt mit dem braunen Bart und den klaren, blauen Augen
anblickten, die nun kühn auf dem Thron saß, keimte neue Hoffnung in
ihnen auf. Der sächsische König Harald würde sicher ein guter
Herrscher sein.
Als Barnikel von Billingsgate am Ende des
Gottesdienstes aus der Abtei heraustrat, machte er einen großen
Fehler.
Der verhüllte Mann, der Leofric und Barnikel beobachtet hatte,
stand in der Nähe des Eingangs. Seine Kapuze hatte er inzwischen
abgenommen. Eine sonderbare Figur. Sein schwarzer Umhang legte sich
um ihn wie die Schwingen eines Vogels. Sein Gesicht war
glattrasiert, sein Haupthaar kreisförmig und kurz geschnitten, wie
man es in der Normandie trug. Das Auffälligste an ihm war die Nase
in seinem blassen, ovalen Gesicht: nicht unbedingt breit, aber
lang; nicht spitz, sondern abgerundet; nicht rot, aber leicht
glänzend; eine dermaßen große Nase, daß sie nun, da er den Kopf
gesenkt hielt, in die Falten seines Umhangs hineinzuragen schien
wie der Schnabel eines Raben.
Als die Gemeinde heraustrat, sahen ihn auch die zwei Freunde.
Er verneigte sich. Leofric erwiderte seine Verbeugung kurz.
Doch Barnikel knurrte ihn verachtungsvoll an. »Wir haben Gott
sei Dank einen englischen König. Also steckt Eure große
französische Nase nicht in unsere Geschäfte!« Damit marschierte er
nach draußen, während Leofric leicht verlegen
hinterhertrottete.
Der sonderbare Mann blieb stumm. Er mochte es nicht, wenn
Leute etwas über seine Nase sagten.
Leofric musterte seine Tochter. Wie
unschuldig sie doch wirkte! Er hatte sich immer für einen guten
Vater gehalten. Wie konnte er ihr das nur antun?
Er saß auf einer groben Eichenbank. Vor ihm auf dem Tisch
rauchte eine Lampe, die mit Fett brannte. Die Halle war sehr
geräumig. Die Holzwände waren verputzt; an einer hing eine
Stickerei, die eine Jagdszene zeigte. Es gab drei kleine Fenster,
die mit geöltem Pergament bespannt waren. Auf dem Holzfußboden
lagen Binsen. In der Mitte stand ein großes Becken mit glimmenden
Holzkohlen, deren Rauch langsam zu dem strohgedeckten Dach
aufstieg. Unter dem Raum befand sich ein großer Keller, der als
Lager diente. Draußen war ein Hof angelegt, um den herum sich
einige Außengebäude gruppierten, auch ein kleiner Obstgarten fehlte
nicht. Sein Heim war eine improvisierte Version der alten
Heimstätte seines Vorfahren Cerdic drüben in Aldwych.
Wieder grübelte er über die Botschaft nach, die er am Vortag
erhalten hatte. Vielleicht gab es doch noch einen Ausweg, aber er
sah keinen. Er mußte das Schreckliche tun.
»Hilda!« rief er, und sie trat gehorsam neben ihn.
Draußen hatte es aufgehört zu schneien, doch noch immer hing
eine dichte Wolkendecke über der stillen Stadt.
Obwohl Winchester im Westen noch immer der Hauptsitz der
sächsischen Könige war, war London ein geschäftiger Ort. Über
zehntausend Menschen – Händler, Handwerker und Kirchenleute –
lebten in der Stadt. König Alfred hatte nach und nach die römischen
Mauern der alten Stadt erneuert. Über die beiden Hügel hatten sich
zwei sächsische Dörfer ausgebreitet, die mit einem Straßennetz
verbunden waren und jeweils einen eigenen Markt hatten. Neue
Hafenanlagen waren entstanden, und eine neue Holzbrücke gab es
auch. In ihrer Nähe lag die Münzstätte. Doch mit den strohgedeckten
Holzhäusern, den Scheunen, Hallen, Holzkirchen und morastigen
Straßen wirkte das sächsische London nach wie vor wie ein großer
Marktfleck.
Es gab noch Erinnerungen an die römische Vergangenheit. Der
Straßenverlauf der unteren der beiden römischen Durchgangsstraßen,
die früher quer durch die Stadt geführt hatten, war noch erkennbar.
Die Straße führte durch das Westtor, das inzwischen Ludgate hieß,
in die Stadt hinein, überquerte den Westhügel unterhalb von St.
Paul's und endete am Flußabhang des Osthügels am East Cheap, dem
Markt im Osten. Die obere römische Durchgangsstraße war nicht mehr
so klar erkennbar. Sie führte am Newgate in die Stadt und verlief
oberhalb von St. Paul's und danach unterhalb des langen,
freistehenden Platzes von West Cheap weiter zum Gipfel des
Osthügels, bis sie sich schließlich zwischen ein paar Ställen
verlor, wo ein sächsischer Pfad nun hinauf zum östlichen Hügel
führte, der inzwischen aufgrund des hier angebauten Getreides
Cornhill hieß.
Vom großen Forum war nichts mehr übrig, vom Amphitheater nur
noch ein vager Grundriß erkennbar, in dem inzwischen ein paar
sächsische Häuser standen. Hier und da stieß man noch auf einen
verfallenen Rundbogen oder auf ein Stück Marmor. Das einzige
beeindruckende Gebäude der Stadt war der langgestreckte sächsische
Bau von St. Paul's mit seinem hohen Holzdach.
Auf dem Weg zum West Cheap führte auf der Südseite des Marktes
eine Gasse neben einer winzigen sächsischen Kirche, die St. Mary
geweiht war, hinunter zu einem alten Brunnen, neben dem ein
stattliches Haus stand, an dem zur Verzierung ein schweres Schild
hing, auf dem ein Stier abgebildet war. Niemand wußte mehr, wie das
Schild dorthin gekommen war, doch der hier lebende, reiche,
sächsische Kaufmann war allgemein als Leofric, der beim Bullen
wohnt, bekannt.
Hilda stand nun bescheiden vor ihm, in ein einfaches wollenes
Gewand gekleidet. Er lächelte. Wie alt war sie eigentlich? Ihre
Brüste begannen zu wachsen. Ihre mit Lederbändern befestigten
Strümpflinge ließen wohlgeformte Waden erkennen. Sie hatte eine
breite, glatte Stirn und blondes, feines Haar. Ihre blaßblauen
Augen strahlten eine stille Unschuld aus, die sehr anziehend
wirkte.
Das Problem für Vater und Tochter lag auf dem Tisch vor
Leofric. Es war ein kurzer Stock mit Einkerbungen von verschiedener
Breite und Tiefe, ein Kerbholz. Die Kerben zeigten Leofrics
Schulden und wiesen darauf hin, daß er kurz vor dem Ruin
stand.
Wie war es nur soweit gekommen? Wie andere große Londoner
Kaufleute hatte er sein Geschäft auf zwei Standbeine gestellt. Er
importierte französischen Wein und andere Waren durch einen
Kaufmann in der normannischen Stadt Caen, und er exportierte
englische Wolle an die großen Tuchhersteller von Flandern. Doch in
letzter Zeit waren seine Geschäfte zu umfangreich geworden.
Kleinere Schwankungen im Preis für Wein oder Wolle konnten
kritische Auswirkungen haben. Dazu kam, daß er eine Schiffsladung
Wolle auf See verloren hatte. Der Kredit von Barnikel hatte ihm
über dieses Problem hinweggeholfen, aber er schuldete Becket in
Caen noch das Geld für die letzte Schiffsladung Wein, und ihn mußte
er nun vertrösten.
Die Familie hatte immer an ihrem alten Sitz in Bocton in Kent
festgehalten. Viele erfolgreiche Kaufleute in London hatten solche
Ländereien; Barnikel etwa besaß ein großes Anwesen in Essex.
Momentan konnte Leofric sein Geschäft nur mit den Einkünften aus
seinem Landgut über Wasser halten. Und dies war gefährlich. Wenn
England angegriffen wurde und Harald verlieren sollte, dann würden
viele Landgüter einschließlich seines eigenen wahrscheinlich vom
Sieger konfisziert werden.
Leofric blickte hinüber in die Ecke, wo seine Frau und sein
Sohn im Schatten saßen. Wenn nur der kleine Edward schon zwanzig
wäre, alt genug, um eine gute Heirat zu machen und für sich selbst
aufzukommen, anstatt erst zehn! Wenn nur für die Tochter nicht eine
Mitgift bereitgestellt werden müßte! Wenn er nur nicht so viele
Schulden hätte! Wie sehr ihm der Junge bereits jetzt schon ähnelte.
Wie konnte er nur den Landsitz für seinen Sohn erhalten?
Und nun diese seltsame Botschaft. Wieviel wußte der langnasige
Normanne über seine Geschäfte? Und warum wollte dieser Kerl ihm
helfen? Leofric waren moralische Probleme unbekannt. Für den
Sachsen war eine Entscheidung entweder richtig oder falsch, nicht
anders, als seine Vorfahren mit solchen Dingen umgegangen waren,
und damit hatte sich die Sache. Aber das anstehende Problem war
nicht so leicht zu lösen. Konnte er ernsthaft erwägen, Hilda zu
opfern, um seinen Landsitz für seinen Sohn zu retten? Viele Männer
würden selbstverständlich so handeln. In ganz Europa waren Tochter
in allen Gesellschaftsschichten nur eine Art Schacherware.
»Ich brauche vielleicht deine Hilfe.« Damit fing er an. Er
sprach eine ganze Weile mit leiser Stimme, und sie hörte ihm ruhig
zu. Als er fertig war, erwiderte sie nur sanft: »Ich werde alles
tun, was Ihr wünscht, Vater, wenn ich Euch damit helfen
kann.«
Bedrückt dankte er ihr und schickte sie wieder weg. Nein,
beschloß er dann, er konnte es nicht tun. Es mußte einen anderen
Weg geben. In diesem Moment unterbrach die Stimme eines Nachbarn
seine Überlegungen. »Leofric, kommt nach draußen, und seht Euch das
an!«
Im Kerzenschein warf seine lange Nase einen Schatten auf das
karierte Brett vor ihm. Seine Gedanken kehrten zu den Ereignissen
dieses Nachmittags zurück. Er hatte seine Züge gut geplant, jede
Eventualität bedacht. Nun mußte er nur noch ein Weilchen warten.
Ein klein wenig Geduld konnte er sich gut leisten, schließlich
wartete er bereits seit fünfundzwanzig Jahren. »Du bist dran!«
meinte er, und der junge Mann ihm gegenüber griff nach seiner
Spielfigur.
Die zwei Söhne ähnelten ihrem Vater. Beide waren sie
schwermütig und mit dem harten Erbe der Familiennase belastet. Doch
Henri hatte, anders als der etwas größere, schwerfälligere Ralph,
auch den Verstand seines Vaters geerbt. Ralph trieb sich irgendwo
in der Stadt herum, wahrscheinlich in einer Spelunke. Henri machte
seinen Zug.
Die Halle, in der diese Schachpartie stattfand, war im
sächsischen London fast einzigartig, denn sie war aus Stein
errichtet. Sie lag unterhalb von St. Paul's, auf dem Gipfel des
steilen Hangs, der an der Themse endete. Dies war Londons nobelstes
Viertel, in dem viele bedeutende Kirchenleute und Edelmänner ihren
Wohnsitz hatten.
Ein Vierteljahrhundert war verstrichen, seit er aus Caen, der
Stadt in der Normandie, in der seine Verwandten angesehene
Kaufleute waren, nach London gekommen war. So ein Umzug war nichts
Ungewöhnliches. An der Mündung des Baches, der zwischen den beiden
Hügeln der Stadt floß, gab es zwei befestigte Piers. An der
Ostseite lag der Pier der germanischen Kaufleute, an der Westseite
der der französisch sprechenden aus normannischen Orten wie Rouen
oder Caen. Diese Fremden, die sich vor allem im Weinhandel
betätigten, genossen viele gewerbliche Vorteile, und einige von
ihnen ließen sich für immer in London nieder und wurden zu
Vollbürgern der Stadt.
Wäre er geblieben, wenn er nicht in Caen das Mädchen verloren
hätte? Wahrscheinlich nicht. Er hatte sie von klein auf geliebt.
Was hatte er an ihr geliebt? Ihre kleine Stupsnase, die so anders
war als sein eigenes Ungetüm? Nach all den Jahren konnte er sich
nur noch an sie erinnern, wenn er an die kleine Nase dachte, doch
tief in seinem Inneren war auch noch eine Erinnerung an den
Schmerz. Und das Mädchen an Becket zu verlieren! Wann seine Familie
eigentlich angefangen hatte, diese Kaufmannsrivalen zu hassen,
wußte er nicht mehr genau, doch es war schon zu Lebzeiten seines
Großvaters so gewesen. Nicht nur, daß die anderen impulsiv,
lebhaft, klug und charmant waren; sie waren auch hart und
egoistisch bis ins Mark, und diese Charakterzüge hatte seine
Familie zu hassen gelernt.
Die Kleine war sein gewesen, bis er eines Tages zufällig Zeuge
wurde, wie ein junger Becket mit ihr sprach und beide lachten. »Wie
wollt Ihr ihn nur küssen, meine Liebe? Diese Nase ist doch ein
unüberwindliches Hindernis. Man muß sie zwar irgendwie bewundern,
wie einen Berg. Aber wißt Ihr denn nicht, daß seit Urzeiten keiner
aus dieser Familie jemals geküßt worden ist?«
Er hatte sich abgewandt. Fünfzehn war er damals gewesen. Am
darauffolgenden Tag hatte sie ihm die kalte Schulter gezeigt, und
ein Jahr später hatte sie den jungen Becket geheiratet. Von da an
hatte er seine Heimatstadt zu hassen begonnen.
Die Jahre unter Eduard dem Bekenner waren eine gute Zeit für
ihn gewesen. Er hatte in London geheiratet; seine Geschäfte
florierten, er hatte nützliche Freundschaften geschlossen und sich
um die St.-Paul's-Kathedrale verdient gemacht. Und er hatte sich
einen neuen Namen zugelegt.
Es war an einem Morgen kurz nach seiner Hochzeit passiert. Er
schlenderte an den Marktständen auf dem West Cheap entlang und
hielt an einem langen Tisch inne, an dem einige Silberschmiede
arbeiteten. Fasziniert beugte er sich über den Tisch, um ihnen
zuzusehen. Als er sich schließlich wieder abwandte, rief jemand
aus: »Seht mal den dort! Der muß aber reich sein. Er hat silberne
Ärmel.«
Silver sleeves. Er hatte eine Weile darüber nachgedacht und
schließlich beschlossen, diesen Namen anzunehmen, der sich nicht
auf seine Nase bezog und nach Wohlstand klang. Silversleeves, so
konnte nur ein Reicher heißen. »Und bald werde ich mir diesen Namen
verdient haben«, hatte er seiner Frau versprochen.
Er spielte gerne Schach mit Henri. Der Sohn war zwar kein so
gerissener Stratege wie sein Vater, aber er war ein meisterhafter
Taktiker, dem immer wieder überraschende Lösungen einfielen.
Silversleeves hatte zwar auch versucht, seinem jüngeren Sohn Ralph
das Spiel beizubringen, doch dieser bekam immer wieder schreckliche
Wutanfälle, die Henri leicht indigniert beobachtete. Doch auch wenn
der Vater insgeheim enttäuscht war über seinen Jüngeren, zeigte er
es nie. Er hatte vielmehr oft das Bedürfnis, seinen tölpelhaften
Sohn zu beschützen, und bemühte sich stets, zwischen den beiden
Söhnen zu vermitteln. Oft versicherte er seiner Frau: »Sie werden
meinen Reichtum brüderlich teilen.«
Dennoch sollte Henri eines Tages das Geschäft übernehmen. Der
junge Mann war jetzt schon bestens vertraut mit allem Wesentlichen,
das man über die Weinherstellung, den Transport und die Lagerung
wissen mußte, und er kannte auch die Kunden. An diesem Abend wollte
Silversleeves ein wichtiges Thema anschneiden. »Ich habe da einen
interessanten Fall«, fing er an. »Einen Mann mit Schulden. Wer,
glaubst du wohl, ist stärker, jemand ohne oder jemand mit
Schulden?«
»Ein Mann ohne Schulden.«
»Und angenommen, der Mann schuldet dir eine gewisse Summe und
kann sie nicht begleichen?«
»Dann ist er ruiniert«, erwiderte Henri kühl.
»Aber dann verlierst du das, was er dir schuldet.«
»Es sei denn, ich nehme mir alles, was er an
Zahlungsmöglichkeiten hat. Nur wenn er nichts hat, verliere
ich.«
»Solange er dir Geld schuldet, fürchtest du ihn also?« Er sah
Henri nicken und fuhr fort: »Aber wenn dieser Mann dir eigentlich
das zahlen kann, was er dir schuldet, jedoch vorzieht, es nicht zu
tun? Dann fürchtest du ihn, weil er dein Geld hat, doch da er
eigentlich zahlen könnte, fürchtet er dich nicht. Angenommen, du
brauchst das Geld unbedingt, und er bietet dir an, dir weniger zu
geben, als das, was er dir schuldet. Würdest du es nehmen?«
»Vielleicht müßte ich es nehmen.«
»Natürlich müßtest du das tun. Und so hat er Geld mit dir
verdient, oder etwa nicht? Deshalb war er aufgrund seiner Schulden
dir gegenüber der Stärkere.«
»Das hängt davon ab, ob er weitere Geschäfte mit mir machen
möchte.«
Silversleeves schüttelte den Kopf. »Nein, das hängt von vielen
Dingen ab. Vom Zeitpunkt, davon, ob ihr aufeinander angewiesen seid
und wer die mächtigeren Freunde hat. Es kommt auf die versteckten
Bilanzen an, so, wie bei diesem Schachspiel hier. Denk immer daran,
Henri: Beim Handel geht es um den Profit, und Gier ist die
treibende Kraft. Aber Schulden haben mit Angst zu tun, und Angst
ist stärker als Gier. Deshalb ist die wahre Macht, die Waffe, die
alle anderen schlägt, die Schuld. Das ist der Schlüssel für alle
Geschäfte.« Er lächelte. »Schachmatt!«
Silversleeves dachte an ein viel wichtigeres Spiel, ein Spiel,
bei dem Schulden eine Waffe sein würden und das er insgeheim in den
letzten fünfundzwanzig Jahren gegen Becket gespielt hatte. Nun
stand er kurz vor seinem vernichtenden Zug. Leofric der Sachse
würde ihm hervorragende Dienste leisten.
Und der Däne, dieser rotbärtige Halunke, der ihn beleidigt
hatte? Nun, Barnikel war bislang nur eine Randfigur in seinem Spiel
gewesen, ein einfacher Bauer, aber er konnte auch noch anders
eingesetzt werden.
Er lächelte noch immer, während Henri aufstand und zum Fenster
ging. Er rief aufgeregt: »Vater, seht doch nur! Dort oben am
Himmel!«
In der letzten Stunde hatten sich die Wolken aufgelöst und den
Blick auf eine kalte, sternklare Winternacht freigegeben, und
mitten unter diesen Sternen zeigte sich nun etwas höchst
Außergewöhnliches. Es hing still am Nachthimmel, mit einem langen,
fächerartigen Schweif. In ganz Europa, von Irland nach Rußland, von
Schottland bis zu den felsigen Gestaden Griechenlands blickten die
Menschen voller Entsetzen und Erstaunen auf diesen großen
Schweifstern und fragten sich, was dieser wohl bedeutete.
Das Auftauchen des Halleyschen Kometen im Januar 1066 ist in
allen Chroniken dieser Zeit belegt. Alle waren sich einig, daß der
Komet ein Überbringer schlechter Nachrichten sei, ein großes Unheil
ankündigte, das die Menschheit bald befallen würde. Vor allem auf
der englischen Insel, die von so vielen Seiten bedroht wurde, hatte
man guten Grund, sich zu fürchten.
Der Junge mit der weißen Haarsträhne in
seinem hellbraunen Haar blickte fasziniert zu dem großen Kometen
hinauf. Er hieß Alfred, nach dem großen König. Er war vierzehn, und
er hatte eine Entscheidung getroffen, die seinen Vater erzürnte und
seine Mutter mit Trauer erfüllte. Sie zupfte an seinem Ärmel.
»Du solltest nicht gehen! Dieser Stern ist ein Zeichen,
Alfred. Bleib, wo du bist!«
Alfred lächelte augenzwinkernd. »Glaubst du wirklich, daß Gott
der Allmächtige diesen Stern geschickt hat, um mich zu warnen,
Mutter?«
»Das kann man nie wissen.«
Er küßte sie. Sie war eine herzliche, einfache Frau, und er
liebte sie sehr. Aber sein Entschluß stand fest. »Vater hat doch
schon einen Sohn, der ihm in der Schmiede hilft. Es gibt doch hier
nichts für mich zu tun.«
Das harte Licht des Kometen fiel auf einen freundlichen Ort.
Hier in der flachen, tiefliegenden Landschaft zwanzig Meilen
westlich von London wand sich die Themse durch üppig grüne Wiesen
und Felder, die nun im Sternenlicht frostig glitzerten. Eine gute
Meile stromaufwärts lag Windsor, ein zum Königshof gehörendes
Anwesen. In der Nähe ragte als einzige Erhebung ein Hügel am
Flußufer empor wie ein Wachturm. In dieser hübschen Umgebung lebte
die Familie, seit sie während der Herrschaft König Alfreds aus den
nördlich von London gelegenen Wäldern vor den brandschatzenden
Wikingern geflohen war. Sie hatte ihren Entschluß nie bereut, denn
das Land war fruchtbar; hier ließ es sich gut leben.
Und noch etwas machte ihnen das Leben angenehm. Der Vater
erinnerte seine Kinder immer wieder daran: »Wenn wir Gerechtigkeit
wollen, können wir uns an den König höchstpersönlich wenden.
Vergeßt nie, daß wir frei sind!« Dies war sehr wichtig.
Inzwischen war das Land der Angelsachsen im großen und ganzen
ähnlich organisiert wie das übrige nordwestliche Europa. Das Land
war in Grafschaften aufgeteilt, in denen es jeweils einen Verwalter
gab, den Sheriff, der die Steuern für den König eintrieb und Recht
sprach. Jede Grafschaft; war in Hundertschaften unterteilt, von
denen jede hundert Hufe Land umfaßte. In jeder Hundertschaft gab es
zahlreiche Anwesen, die kleineren Landbesitzern, den Thanes,
gehörten. Die ansässigen Bauern unterlagen der Rechtsprechung der
Grundherren, wie es auch auf den großen Grundbesitzen auf dem
Kontinent der Fall war.
Mit den Bauern hatte es im angelsächsischen England eine
besondere Bewandtnis. Während die kontinentalen Bauern im
allgemeinen entweder Leibeigene oder Freie Bürger waren, gab es in
England eine verwirrende Vielfalt von sozialen und rechtlichen
Bedingungen. Manche Bauern waren Sklaven, also reine Besitztümer.
Andere waren Leibeigene, an das Land und einen Grundherrn gebunden.
Wieder andere waren frei und zahlten nur eine Pacht. Manche waren
halbfrei, zahlten aber Pacht, andere waren frei, schuldeten aber
bestimmte Dienste, und dazwischen gab es noch viele andere
Kategorien. Man saß auch nicht fest in einer Stellung. Ein
Leibeigener konnte zu einem Freien werden, ein Freier, der zu arm
war, um seine Geldabgaben und Steuern zu zahlen, konnte in die
Leibeigenschaft abrutschen.
Alfreds Familie kannte ihren Status ganz genau. Abgesehen von
einem kurzen Zwischenspiel, als ihr Vorfahre Offa einmal Sklave von
Cerdic dem Händler war, waren sie immer frei gewesen. Sie lebten
aber sehr bescheiden und besaßen nur ein winziges Stück Land, einen
einzigen Farthing. »Immerhin zahlen wir eine Pacht in
Silbermünzen«, konnte Alfreds Vater stolz behaupten. »Wir schuften
uns nicht wie Leibeigene für den Grundherrn ab.« Deshalb trug
Alfred, wie jeder freie Mann im Land, stolz das Symbol für diesen
kostbaren Status, einen schönen neuen Dolch, am Gürtel.
Seit zwei Generationen stellte die Familie den Dorfschmied.
Schon mit sieben konnte Alfred ein Pferd beschlagen, mit zwölf den
Hammer fast so gut schwingen wie sein älterer Bruder. »Ihr braucht
nicht groß und stark zu sein«, erklärte der Vater den Söhnen.
»Geschicklichkeit, das ist es, worauf es ankommt.« Und Alfred
lernte schnell. Die Tatsache, daß er wie sein Großvater die immer
wieder in der Familie auftauchenden Schwimmhäute zwischen den
Fingern hatte, störte ihn nicht weiter. Mit vierzehn kannte er das
Handwerk so gut wie sein zwei Jahre älterer Bruder.
»Es gibt nicht genug Arbeit für zwei Schmiede im Dorf«,
stellte er fest. »Ich bin alle Dörfer in der Umgebung abgelaufen –
Windsor, Eton, bis nach Hampton. Es gibt hier nichts für mich zu
tun. Ich werde nach London gehen.«
Er war noch nie in London gewesen. Doch seit er als kleiner
Junge das in seiner Familie geflügelte Wort vom Goldschatz gehört
hatte, der in London vergraben war, besaß die Stadt eine magische
Anziehung für ihn. Als seine Mutter ihn nun fragte, wann er denn
losziehen wolle, antwortete er: »Morgen früh!«
Vielleicht hatte der seltsame Stern ihm doch ein Zeichen
gegeben.
Das Osterfest des Jahres 1066 stand vor der
Tür, und im Königreich England herrschte rege Betriebsamkeit. Die
sächsische Flotte wurde hastig aufgerüstet, um auf See zu
patrouillieren. Wilhelm, der unehelich geborene Herzog von der
Normandie, schickte sich an, auf der Insel einzumarschieren. Ritter
aus der ganzen Normandie und den angrenzenden Ländern gesellten
sich in Scharen zu ihm. »Und das Schlimmste daran ist«, sagte
Leofric zu Barnikel, »daß er sogar den Segen des Papstes haben
soll.« Andere Abenteurer – die Nordmänner – stellten ebenfalls eine
Bedrohung dar. Die Frage war nur noch, wann und wie der erste
Schlag fallen würde.
Eines Morgens in dieser gefährlichen Zeit befand sich Barnikel
der Däne auf dem Heimweg von Leofrics Haus. Er hatte gerade den
kleinen Bach zwischen den beiden Hügeln überquert, der inzwischen
Walbrook hieß, als ein erbärmlicher Anblick seine Aufmerksamkeit
erregte. Hier hatte sich früher die untere der beiden römischen
Durchgangsstraßen befunden. Zu Barnikels Rechten, am Ostufer des
Walbrook, wo früher einmal der Palast des römischen Statthalters
gestanden hatte, waren nun die Piers der deutschen Kaufleute. Dort,
wo einst die römischen Wachposten patrouillierten, gab es nun eine
Reihe von Buden und Werkstätten, die den Kerzenmachern gehörten.
Candlewick Street hieß diese Straße. Nur ein einziges merkwürdiges
Ding wies auf die ruhmreiche Vergangenheit hin. Aus irgendeinem
Grund hatte der alte Meilenstein, der früher am Palasteingang
gestanden hatte, wie der hartnäckige Baumstumpf einer uralten Eiche
seinen Platz behauptet und stand seit mehr als neunhundert Jahren
hier an dieser Stelle. Die Einwohner der Stadt nannten ihn
respektvoll London Stone. Genau neben dem London Stone sah Barnikel
die erbarmungswürdige kleine Gestalt.
Seit drei Tagen hatte Alfred nichts mehr gegessen. Seinen
schmutzstarrenden Wollumhang fest um sich gewickelt, kauerte er
neben dem Stein. Sein Gesicht war blaß, seine Füße taub von der
Kälte. Im ersten Monat seines Aufenthalts in London hatte er Arbeit
gesucht, jedoch keine gefunden. Im zweiten Monat fing er an, um
Essen zu betteln, im dritten wurde er zum Stadtstreicher.
Stadtstreicher waren für die Londoner ein ziemliches Problem. Bald
würde ihn jemand anzeigen und vor das Gericht zerren. Als er die
schweren Schritte hörte, die sich ihm näherten, kauerte er sich
noch enger an den kalten Stein. Erst, als eine Stimme ihn ansprach,
blickte er auf und sah vor sich den größten Mann stehen, den er je
gesehen hatte.
»Wie heißt du?« Alfred erklärte ihm seinen Namen. »Woher
kommst du? Welchen Beruf hast du erlernt?« Alfred beantwortete auch
diese Fragen. War er ein freier Mann? Ja. Wann hatte er das letzte
Mal etwas gegessen? Hatte er bereits etwas gestohlen? Nein. Die
Fragen regneten auf ihn herab, bis der riesige, rotbärtige Mann
endlich ein Schnauben ausstieß, dessen Bedeutung Alfred nicht recht
klar war.
»Steh auf!«
Er wollte dem Befehl nachkommen, doch seine Beine gehorchten
ihm nicht, und er brach wieder zusammen. Da hob der Däne ihn mit
seinen starken Armen einfach auf und warf ihn sich wie einen Sack
Mehl über die Schultern. Und dann setzte der große Mann seinen Weg
zum East Cheap fort.
Bald darauf fand Alfred sich in einem Haus mit einem steilen
Holzdach wieder. Er saß in der Halle vor einem riesigen
Kohlenbecken, auf dem eine stille, grauhaarige Frau mit einem
breiten Gesicht einen großen Topf Brühe erwärmte. Alfred blickte
sich um. Alles hier in der Halle kam ihm groß vor, von dem großen
Eichenstuhl bis hin zu den massiven Eichentüren. An der Wand hing
eine mächtige Doppelstreitaxt. Der Däne stand auf der anderen Seite
des Kohlenbeckens. »Wir werden dich füttern, junger Freund«, meinte
er. »Doch dann mußt du wieder dorthin gehen, woher du gekommen
bist, verstanden?«
Alfred fand die Kraft, den Kopf zu schütteln. »Nein, Sir, ich
werde nicht zurückgehen.«
»Dann wirst du verhungern. Du wirst sterben, das weißt du ganz
genau!«
Die Frau teilte die Brühe aus und bedeutete Alfred, sich an
den Tisch zu setzen.
»Nun«, hörte er den großen Mann seine Frau fragen, »was hältst
du von ihm?«
»Was für ein armer kleiner Kerl!« sagte sie nur.
»Das wohl, aber dennoch schlägt in der Brust dieses Jungen das
Herz eines Helden«, meinte der Däne mit einem trockenen Lachen,
»eines tapferen Helden!« Er klopfte Alfred auf den Rücken, so daß
dieser beinahe in die Suppenschüssel fiel. »Und weißt du auch,
warum? Weil er nicht aufgeben will. Und weil es ihm ernst
ist.«
Seine Frau seufzte. »Heißt das, daß ich ihn durchfüttern
soll?«
»Warum nicht?« rief Barnikel munter und wandte sich dann an
Alfred. »Ich habe nämlich Arbeit für dich!«
Den ganzen Sommer lang kreuzte die
sächsische Flotte auf dem englischen Kanal, aber Wilhelm der
Eroberer ließ sich Zeit.
Für den jungen Alfred war diese gefährliche Zeit die
glücklichste Zeit in seinem Leben. Rasch lernte er die Familie des
Dänen kennen. Barnikels Frau war zwar streng, aber auch freundlich.
Sie hatten sieben verheiratete Kinder und einen achtzehnjährigen
Sohn, der noch bei ihnen lebte und demnächst Leofrics Tochter
heiraten sollte. Er war ebenso stramm wie sein Vater, jedoch
ruhiger als dieser. Er brachte Alfred viele Segelknoten bei.
Dem Dänen schien es zu gefallen, mit dem jungen Burschen vom
Land herumzuziehen. Von seinem Haus in der Nähe von All Hallows,
einer sächsischen Kirche, blickte man auf die Grashänge, an denen
die Raben wohnten. Jeden Morgen schlenderte er zusammen mit Alfred
hinab zum Billingsgate, um die kleinen Schiffe und ihre Fracht –
Wolle, Getreide oder Fisch – zu begutachten. Alfred mochte die
Anlegestelle mit ihrem eindringlichen Geruch nach Fisch, Teer und
Tang. Noch interessanter waren die Besuche zum Westhügel, auf dem
Leofric wohnte. Der Junge genoß es, von St. Paul's aus über West
Cheap zu laufen, wo in jeder der kleinen Gassen ein besonderer
Handel abgewickelt wurde. Es gab die Fischerstraße, die Brotstraße,
die Holzstraße und die Milchstraße, und am äußersten Ende des
Marktes wurde Geflügel verkauft. Über den ganzen Markt ertönten die
Rufe der Gewürzhändler, Schuster, Goldschmiede, Fellhändler, Weber
und Korbmacher. Und überall gab es Verschläge, in denen Schweine
hausten, was Alfred einigermaßen überraschte. Doch Barnikel
erklärte ihm: »Die Schweine fressen den Abfall und halten den Ort
sauber.«
Dank Barnikel begann Alfred allmählich mehr von der Stadt zu
verstehen. Vieles war noch sehr ländlich. Die Häuser füllten nicht
den ganzen Raum innerhalb der Stadtmauern aus. Es gab Obsthaine und
Felder. Um die Stadt herum lagen die großen Güter des Königs,
seiner Minister und der Kirche, und auch innerhalb der Stadtmauern
gab es solche Anwesen. »Die Stadt ist in verschiedene
Verwaltungsbezirke aufgeteilt«, erklärte ihm der Däne. »Etwa zehn
auf jedem Hügel. Manche dieser Bezirke sind Privatbesitz. Die Stadt
ist so reich, daß sie wie eine ganze Grafschaft besteuert wird.«
Stolz führte er all die Freiheiten auf, die die Stadt besaß:
Handelsrechte, Fischereirechte auf vielen Meilen der Themse,
Jagdrechte über ganz Middlesex und noch andere Rechte.
Und noch etwas beeindruckte Alfred sehr, was er eine Weile gar
nicht in Worte fassen konnte, bis eines Tages der Däne in einer
zufälligen Bemerkung die richtigen Worte dafür fand. »Das Meer
reicht bis an die Stadtmauern von London«, sagte Barnikel. Ja,
dachte der Junge, das ist es.
Die große, von einer Stadtmauer umgebene Siedlung war seit
vielen Generationen eine Heimat für Seefahrer und Händler aus der
ganzen nördlichen Welt. Obwohl sie der Autorität der sächsischen
oder dänischen Könige unterstanden, organisierten diese Männer doch
auch ihre eigenen Gilden, um den Handel und die Verteidigung zu
regeln. Sie wußten, wie wichtig sie für den König waren, und dies
wurde auch anerkannt. Ein großer Kaufmann wie Barnikels Großvater,
der dreimal zum Mittelmeer reiste, war zum Edelmann gemacht worden.
Drei Generationen von Barnikels hatten der Stadt als Offiziere in
der Verteidigungsgilde gedient, die eine furchterregende Truppe
aufstellen konnte. Die Mauern der Stadt waren so stark, daß sogar
König Knut sie respektiert hatte. »Kein Angreifer kann London
einnehmen!« brüsteten sich die angeldänischen Kaufmannsbarone
gerne. »Und keiner wird ohne unsere Zustimmung König.«
Und auch dies spürte Alfred – den Stolz der Londoner. »Die
Bürger Londons«, erklärte der Däne, »sind frei.«
Wenn ein Leibeigener sich in eine Stadt flüchtete und dort
unbehelligt ein Jahr und einen Tag lebte, dann war er einer alten
englischen Sitte zufolge frei. Natürlich gab es auch Leibeigene
oder sogar Sklaven in den Haushalten der reichen Grundherren und
Kaufleute, doch die meisten Lehrlinge waren wie Alfred frei. In
London hatte dieser Begriff noch eine andere Bedeutung, fand Alfred
allmählich heraus. Ein Kaufmann, der seine Zulassungsgebühren
bezahlte, oder ein Handwerker, der seine Lehrzeit beendet hatte,
wurde zum freien Stadtbürger und hatte somit das Recht zu handeln,
ein kleines Geschäft zu betreiben, Waren zu verkaufen und am
Folkmoot seine Stimme abzugeben. Dem König wurden Steuern
entrichtet, und alle anderen, ob sie nun aus der nächsten
Grafschaft oder von der anderen Seite des Kanals kamen, waren
Fremde und konnten in der Stadt solange nicht Handel treiben, bis
ihnen die Bürgerschaft verliehen wurde. Es war also kein Wunder,
daß die Londoner stolz auf ihre Freiheit waren.
Eines Morgens – es war etwa eine Woche vergangen, und Alfred
war wieder voll bei Kräften – sagte Barnikel zu dem Jungen: »Heute
beginnt deine Lehrzeit.«
Das Viertel, zu dem der Däne ihn nun brachte, lag außerhalb
der östlichen Stadtmauer. Hier floß ein kleiner Bach in die Themse,
an dessen Ufern sich zahlreiche Werkstätten angesiedelt hatten. Es
war eine geschäftige Gegend, die von der Verteidigungsgilde der
Stadt kontrolliert wurde. Sie näherten sich einem langgestreckten
Holzhaus, und Alfred hörte das vertraute Geräusch eines Hammers auf
einem Amboß. Er nahm an, daß er zu einem Schmied in die Lehre gehen
sollte. Doch als sie eingetreten waren, erkannte er, daß es sich um
eine Waffenschmiede handelte.
Für einen Jungen, der in einer Schmiede aufgewachsen war, war
ein Waffenschmied der König dieses Handwerks. Alfred starrte
sprachlos auf all die Kettenhemden, Helme, Schilder und
Schwerter.
Der Meister des Betriebs war ein großer, kantiger Mann mit
vorgebeugten Schultern. Seine sanften blauen Augen wirkten
freundlich, doch als er die merkwürdigen Schwimmhäute zwischen den
Fingern des Jungen bemerkte, fragte er Barnikel zweifelnd: »Kann er
denn diese Arbeit machen?«
»Das kann er«, antwortete der Däne fest überzeugt. Und so
begann Alfreds Lehrzeit.
Es war eine glückliche Zeit, auch wenn Alfred als jüngster
Lehrling die niedrigen Arbeiten machen mußte – er holte Wasser vom
Fluß, hielt das Feuer in Gang und betätigte die Blasebälge. Es war
üblich, den Lehrlingen nichts zu bezahlen, ihnen aber Kost und
Unterkunft im Haus des Meisters zu gewähren, doch der Waffenschmied
war verwitwet und schätzte diese Regelung nicht. Am Cornhill lebte
seine Schwester. Hinter ihrem Haus lagen mehrere Nebengebäude, in
denen die Lehrlinge untergebracht waren. Es gab neben Alfred acht
weitere Lehrlinge verschiedenen Alters. Alfred beobachtete sie
genau und sah bald, daß der eine ungeschickt mit dem Hammer umging,
der andere die Zangen zu fest hielt und wieder ein anderer nicht
recht mit dem Meißel hantieren konnte. Doch er behielt seine
Beobachtungen für sich.
Am dritten Tag beauftragte man ihn mit kleineren Arbeiten; ein
paar Dinge mußten gefeilt, ein zerbeulter Helm repariert werden.
Beide Aufträge erledigte er sehr sorgfältig und überreichte sie
dann dem Meister, der sie wortlos entgegennahm.
Am nächsten Tag befahl ihm der Meister, einem Lehrling zu
helfen, der ein Jahr älter war als er. Alfred mußte einen Helm
festhalten, während der andere Nieten daran anbrachte. Dann meinte
der Meister, daß der neue Junge es auch einmal versuchen solle, und
der ältere Lehrling überließ ihm, wenn auch ungern, seinen Platz.
Doch Alfred richtete mit den Nieten nur ein Chaos an. Verärgert
sagte der Meister zu dem älteren Jungen: »Zeig ihm, wie man das
macht!« und ging davon.
Doch damit war die Angelegenheit noch nicht erledigt. Als die
Lehrlinge abends heimgehen wollten, rief der Meister Alfred zu sich
und fragte ihn: »Warum hast du das getan?«
»Was getan, Sir?«
»Ich habe dich beobachtet. Der Hammer wirkt fast wie eine
Verlängerung deines Arms. Warum hast du dich heute absichtlich so
ungeschickt angestellt?«
Nun blieb Alfred nichts anderes übrig, als ein Geständnis
abzulegen. »Ich bin neu hier, Sir. Wenn die anderen Lehrlinge auf
mich eifersüchtig werden, könnten sie mir das Leben zur Hölle
machen, ja, mich von hier forttreiben. Also ist es mir lieber, sie
glauben zu lassen, daß sie mir etwas beibringen können, bis wir
besser befreundet sind. Schließlich bin ich ja nur ein einfacher
Schmied«, fügte er noch hinzu, »aber ich will gerne Waffenschmied
werden.«
Der Meister nickte nachdenklich. »Arbeite fleißig, Alfred«,
sagte er, »dann werden wir weitersehen.«
Alfred lernte also ein neues Handwerk in der Waffenschmiede,
und dabei erfahr er auch wichtige Dinge über das angelsächsische
Königreich. Die Flotte mochte sich zwar darauf vorbereiten, die
Insel vom Meer aus zu verteidigen, doch die Vorbereitungen auf dem
Land liefen ganz anders. Das englische Königreich hatte weder ein
Berufsheer noch Söldnerstreitmächte. Das Heer bestand aus dem
fyrd – dem Aufgebot, das die Grundherrn und Bauern stellten.
Kein Tag verstrich, ohne daß ein aufgeregter sächsischer
Landbesitzer mit Dingen, die dringender Wartung bedurften, in der
Schmiede auftauchte – mit einem stumpfen Schwert, einer zerkratzten
Streitaxt oder einem schweren, runden sächsischen Schild mit
Gurten, die unbedingt erneuert werden mußten. Alfred konnte kaum
glauben, wie unorganisiert sie alle waren. Und natürlich brachten
sie vor allem ihre Rüstungen vorbei. Die Rüstungen der Kämpfer im
angelsächsischen England waren dieselben, die in ganz Europa
benutzt wurden; es waren Kettenhemden. Kleine Metallringe wurden
miteinander vernietet, bis sie schließlich ein langes, bis über die
Knie reichendes Hemd bildeten. Da so ein Kettenhemd locker saß und
flexibel war, konnte es für verschiedene Träger abgeändert werden.
Viele der Hemden, die Alfred sah, waren schon von den Vätern der
jetzigen Besitzer getragen worden. Sie waren wertvoll und wurden
wie ein Schatz gehütet. Aber natürlich zeigten sie auch
Abnutzungserscheinungen, und die große Oberfläche mit all ihren
Verbindungen machte sie extrem rostanfällig. Alfred bekam oft genug
die lästige Aufgabe, die Roststellen zu beseitigen.
Aber dennoch fühlte er sich sehr wohl. Die anderen Lehrlinge
akzeptierten ihn rasch, und auch Barnikel vergaß ihn nicht. Einmal
pro Woche wurde er in die Halle des Dänen zu einer herzhaften
Mahlzeit eingeladen, und obwohl er nur ein armer Lehrling im Haus
eines reichen Mannes war, fühlte er sich fast wie ein Teil der
Familie. Er lernte auch Leofrics Tochter kennen, die oft in diesem
Haus zu Gast war, und bewunderte ihre sanfte Art so sehr, daß er
sich schon bald in sie verliebte.
Ende Juni bekam die Waffenschmiede den Auftrag, ein Dutzend
neuer Kettenhemden anzufertigen. Der Meister fluchte über den
knappen Termin, die Lehrlinge stöhnten. Bevor man sich an die
eigentliche Herstellung machen konnte, mußte man eine elende Arbeit
erledigen, nämlich den Draht für die einzelnen Glieder herstellen.
Dazu wurde ein langer, dünner Eisenbarren in der Esse erhitzt, um
ihn weich zu machen; dann wurde sein Ende durch das Loch eines
stählernen Drahtzieheisens gesteckt. Der stärkste Lehrling machte
den Anfang und trieb das Eisen durch die Lochplatte; dann wurde der
Prozeß mit einer weiteren Platte, die ein kleineres Loch hatte,
wiederholt. So ging es immer weiter; das Eisen wurde bei jeder
weiteren Platte mehr gedehnt und ausgedünnt. Und Alfred mußte sich
schließlich an die letzten Ausdehnungen machen. Er hielt den dicken
Draht mit einer Greifzange, die an einem breiten Ledergürtel
befestigt war, den er um die Hüften trug. Dann zerrte er mit aller
Kraft, bis sein ganzer Körper ihm weh tat.
Am Ende eines solchen Tages machten sich die Lehrlinge wieder
einmal auf den Heimweg, als der Meister rief: »Ich brauche Hilfe.
Alfred soll noch hierbleiben.« Zwei Stunden lang mußte Alfred dem
Meister noch zur Hand gehen, bis auch er endlich heim durfte.
Ein paar Tage später passierte das gleiche, doch diesmal
befahl der Meister noch einem weiteren jüngeren Lehrling, länger zu
bleiben, und die beiden schufteten noch drei Stunden, bis der
Meister sie endlich entließ.
Die Herstellung eines Kettenhemdes faszinierte Alfred sehr.
Zuerst wurden aus dem Draht Ringe geformt, die jedoch nicht
geschlossen wurden. Der Draht wurde dazu um einen Metallstab
gewickelt und der ganzen Länge des Stabs nach aufgeschnitten. Die
so entstandenen Ringe trieb man durch eine sich verengende Röhre in
einem Stahlblock, so daß ihre Enden sich ordentlich überlappten.
Dann wurden sie wieder erhitzt und in eine Form gelegt, in der mit
zwei Schlägen ihre Enden plattgedrückt wurden. Nun wurde mit Hilfe
einer Lochzange ein winziges Loch in die abgeflachten Enden
gebohrt. »Dort kommen die Nieten rein«, erklärte man Alfred. Danach
wurden die Enden noch einmal leicht auseinandergezogen, um die
Ringe zusammenzufügen, und schließlich wurde alles in einen Eimer
mit Öl gelegt, denn wenn man heißes Eisen in Wasser legt, kühlt es
zu schnell ab und wird dadurch spröde.
Alle Arbeiten wurden derart sorgfältig ausgeführt, daß Alfred
bei den einzelnen Ringen kaum einen Unterschied erkennen konnte.
Die Verbindungen variierten nahezu nicht.
Als der Meister Alfred zum drittenmal befahl, länger zu
bleiben, ließ er den Jungen jeden einzelnen Arbeitsgang alleine
machen – das Wickeln, das Schneiden, das Überlappen der Enden, das
Bohren und das Offnen – und nickte nur immer stumm, wenn Alfred es
richtig machte. Dann führte er den Jungen zu einem großen Holztisch
und befahl ihm, gut zuzusehen.
Die Kunst eines Waffenschmiedemeisters war der eines
Schneidermeisters nicht unähnlich. Zuerst wurden die offenen Ringe
in Reihen ausgebreitet, so daß jeder Ring mit vier anderen
verbunden werden konnte – zwei diagonal darüber, zwei darunter. Die
Form der Rüstung ähnelte einem langen Hemd mit Ärmeln, die bis zu
den Ellbogen reichten. Der untere Teil erhielt hinten und vorne
einen Schlitz, um das Reiten zu erleichtern. Der obere Teil wurde
zu einer Kapuze geformt, die auch abgenommen werden konnte. Am
Nacken bekam das Hemd einen Schlitz, der mit Bändern verschlossen
werden konnte, und an der Vorderseite der Kapuze gab es noch ein
Stück, das vor den Mund geführt und an den Seiten ebenfalls mit
Bändern befestigt werden konnte. Ein Schneider konnte sein Tuch
natürlich falten und schneiden; ein Waffenschmied hingegen mußte
seine Ringe geometrisch anordnen, was einem Strickmuster ähnelte.
An der einen Stelle wurde eine Verbindung mit fünf anderen Ringen
anstatt mit vier hergestellt, an einer anderen Stelle wurde ein
Ring gar nicht verbunden. Doch am Ende war alles dermaßen eng und
exakt verbunden, daß es fast unmöglich war, die verschiedenen
Verbindungsstellen auszumachen.
Alfred sah begeistert zu, wie der Meister ihm all dies zeigte
und auch immer wieder darauf hinwies, daß in diesem Metallhemd
möglichst viel Bewegungsfreiheit herrschen mußte. »Vernietet werden
muß es immer von außen. Fühl mal, dann weißt du, warum!« erklärte
er Alfred. Als dieser das Kettenhemd von außen betastete, spürte
er, daß es dort ziemlich rauh war, während es auf der Innenseite,
wo die Nieten flach gegen ein ledernes Untergewand aufkommen
würden, ganz glatt war. Auf einige der Nieten prägte der Meister
seinen persönlichen Stempel. Nun gab es nur noch eines zu tun: Das
Eisen, das die Waffenschmiede im Mittelalter benutzten, war relativ
weich; es mußte noch gehärtet werden. Der Meister rollte das
fertige Stück in zerkleinerte Holzkohle ein und verpackte es in
einer Eisenschachtel, die er in die Esse stellte. Bald glühte sie
rot. »Das Eisen und die Holzkohle verbinden sich, so daß aus dem
Eisen Stahl wird. Doch dies darf nicht zu lange dauern. Die
Außenseite soll hart wie Diamanten werden, doch innen soll das Hemd
flexibel bleiben.«
Von da an wurde Alfred mindestens einmal pro Woche befohlen,
länger zu bleiben, und der Meister brachte ihm alle Techniken bei,
die normalerweise den älteren Lehrlingen vorbehalten waren. Oft
arbeiteten sie Seite an Seite bis spät in die Nacht. Sie sprachen
mit niemandem in der Werkstatt über diese Sitzungen, doch der Junge
ahnte, daß der Meister Barnikel auf dem laufenden hielt.
Die Ereignisse, die England für immer
verändern sollten, wurden durch eine einzige, bedauernswerte
Tatsache ermöglicht. September war der Erntemonat: Die Männer in
der englischen Flotte verkündeten, daß sie heimmußten. König Harald
gelang es nicht, sie aufzuhalten. Eines Morgens standen Alfred,
Barnikel und Leofric am Kai in Billingsgate und sahen zu, wie die
letzten Segelschiffe vertaut wurden. Von nun an war das
angelsächsische Königreich ungeschützt.
Die Invasoren schlugen beinahe sofort zu. Zwei Wochen nach der
Auflösung der englischen Flotte griff der König von Norwegen die
Küste Nordenglands an und nahm York ein. König Harald eilte nach
Norden und schlug die Eindringlinge in die Flucht. Doch er und
seine Mannen waren nun zweihundertfünfzig Meilen entfernt von der
Südküste, wo prompt Wilhelm von der Normandie landete.
Sein Heer war nicht sehr groß, aber ausgezeichnet gerüstet.
Die Elite bestand aus seinen Gefolgsleuten, die von hochgestellten
Adligen wie etwa Montfort angeführt wurden, doch zum Großteil
kämpften an seiner Seite Söldner, landlose Ritter aus der
Normandie, der Bretagne, aus Frankreich und Flandern, ja sogar aus
Süditalien. Da Wilhelm die Kirche eifrig unterstützte, ritten sie
unter dem päpstlichen Banner. Sie landeten in der Bucht von
Pevensey nahe der kleinen Siedlung Hastings und errichteten dort
eine Festung aus Holz und Lehm, von der aus sie Spähtrupps
losschickten.
Der König kehrte nach London zurück. Die Stadt bewaffnete
sich. Der Staller – der Kommandant der städtischen
Verteidigungsgilde – und seine Hauptmänner rekrutierten jeden
fähigen Mann, den sie finden konnten. Jeden Tag stürmte Barnikel
mit neuen Forderungen in die Waffenschmiede, und es wurde Tag und
Nacht gearbeitet.
Am elften Oktober – es war erst die Hälfte der
Verstärkungstruppen, die er eigentlich gebraucht hätte, aus den
Grafschaften eingetroffen –, marschierte König Harald von England
an der Spitze von rund siebentausend Männern gegen Süden. Gleich
neben dem königlichen Regiment marschierten der Staller, Barnikel
und die Londoner Truppen. Barnikels Sohn war ebenfalls dabei.
Leofric konnte aufgrund seines Rückenleidens nicht mitziehen. Der
Däne hielt seine Doppelaxt in den Händen. Alfred merkte jedoch, daß
trotz ihrer Bemühungen nicht alle aus dem Londoner Regiment gut
gerüstet waren. Einer der Männer trug einen Fensterladen anstatt
eines richtigen Schildes vor seiner Brust.
Leofric zögerte. Konnte er sich dazu
überwinden einzutreten?
Es war schon Abend, und er stand in dem vornehmen Wohnbezirk
auf dem Westhügel unterhalb der stillen Anlage von St. Paul's.
Hinter ihm ragte das Holzdach der sächsischen Kathedrale über die
strohgedeckten Häuser hinaus. Zu seiner Linken befand sich der
bewachte Innenhof der Londoner Münzstätte. Vor ihm führte ein
schmaler, steiler Pfad zum Fluß hinab.
Das Haus der Silversleeves war auf zurückhaltende Weise
beeindruckend. Die steinerne Halle, vor der er stand, war nicht
groß, doch sehr ordentlich gebaut; eine Außentreppe führte in den
Wohnbereich hinauf. Zaudernd erklomm Leofric die Treppe.
Silversleeves und seine beiden Söhne begrüßten ihn höflich.
Leofric konnte nicht umhin zu bemerken, wie elegant ihre langen
normannischen Gewänder wirkten, auch wenn sein eigenes, knielanges,
grünes Gewand aus bestem Tuch gefertigt war. Am hinteren Ende des
Raums brannte ein großes Feuer, an der vorderen Wand gab es ein
hohes Fenster, das nicht wie die Fenster in seinem Haus mit geöltem
Pergament bespannt, sondern mit grünem, germanischem Glas verglast
war. Auf dem Tisch standen anstatt rauchender Lampen teure
Bienenwachskerzen, die einen süßen Duft verströmten.
Es waren noch mehrere andere Leute im Raum – ein flämischer
Händler, ein Goldschmied, den er flüchtig kannte, und zwei Priester
von St. Paul's. Auf einer schmalen Eichenbank in einer Ecke
kauerten drei ziemlich unterernährte Laienmönche und beobachteten
das Geschehen.
Silversleeves entschuldigte sich bei Leofric. Er wollte erst
noch seine Geschäftsgespräche zu Ende führen und ließ ihn bei den
beiden Söhnen am Feuer stehen. Henri verwickelte ihn sofort in ein
höfliches Gespräch und schien einigermaßen angenehm zu sein, doch
sein Bruder Ralph wirkte merkwürdig verschlossen und abstoßend.
Seine lange Nase wirkte entschieden brutal; seine Augen waren
sonderbar verquollen; seine Hände mit den krummen Fingern bewegten
sich ungeschickt, während sein Bruder lange, wohlgestaltete Finger
hatte.
Einer dieser beiden jungen Männer wollte also seine Tochter
heiraten. Leofric war so beunruhigt bei diesem Gedanken, daß er
anfangs gar nicht recht verstand, was Henri ihm erzählte. »Ein
großer Tag für unsere Familie…«, sagte er eben. »Mein Vater baut
eine Kirche.«
Eine Kirche! Jetzt wurde Leofric hellhörig. »Euer Vater
stiftet eine Kirche?« Der junge Mann nickte.
Der Normanne mußte tatsächlich sehr reich sein, viel reicher,
als Leofric angenommen hatte. Kein Wunder, daß die Priester ihm
soviel Achtung entgegenbrachten! Eine Kirche zu bauen – dies war
ein sicheres Zeichen, daß es die Familie zu großem Wohlstand
gebracht hatte.
Silversleeves hatte ein Stück Land unterhalb seines eigenen
Anwesens erworben. Ein guter Platz an der Watling Street, oberhalb
einiger Lagerhallen für Wein, die als Vintry bekannt waren. »Die
Kirche soll St.-Lawrence geweiht werden«, erklärte Henri. »Und da
es in der Nähe schon eine St. Lawrence-Kirche gibt, wird sie wohl
St. LawrenceSilversleeves heißen.« Der Brauch, mit einem
Doppelnamen sowohl an einen Heiligen als auch an den Stifter der
Kirche zu erinnern, setzte sich allmählich bei vielen Londoner
Kirchen durch. An ebendiesem Tag, erklärte der junge Mann, habe
eine andere Weihe stattgefunden: die des Kaufmanns
höchstpersönlich. »Mein Vater hat die Priesterweihe empfangen«,
sagte Henri stolz. »Nun kann er in der Kirche den Gottesdienst
leiten.«
Dies war nichts Ungewöhnliches. Unter der Herrschaft Eduard
des Bekenners war die englische Kirche völlig verkommen. Zwar war
sie nach wie vor eine mächtige Institution, und wenn jemand auf der
Flucht war, konnte er noch immer bei der Kirche Schutz suchen und
war dann sogar für den König unantastbar. Doch mit der Moral war es
nicht weit her. Priester lebten in aller Öffentlichkeit mit Frauen
zusammen, die nach dem Gewohnheitsrecht dieselben Rechte hatten wie
in einer kirchlich geschlossenen Ehe, und hinterließen ihren
Kindern Kirchenbesitz oder gaben ihnen diesen als Mitgift. Reiche
Kaufleute empfingen die Priesterweihe, wie nun auch Silversleeves,
und konnten sogar zu Stiftsherrn von St. Paul's aufsteigen, wenn
sie diese Würde anstrebten. Wilhelm von der Normandie hatte in der
frommen Hoffnung, diesen Sittenverfall aufzuhalten, den päpstlichen
Segen zu der geplanten Invasion erhalten.
Nachdem die Priester und Kaufleute sich verabschiedet hatten,
kam Silversleeves schließlich zu Leofric. »Ich hoffe, daß Ihr heute
abend mit uns speist«, sagte er liebenswürdig.
Hinter einer Stellwand tauchten drei Dienerinnen auf und
breiteten ein großes, weißes Tuch auf dem Tisch aus. Dann brachten
sie zwei Tonkrüge, Messer und Löffel, Schüsseln und Trinkgefäße.
Silversleeves bat seinen Gast, Platz zu nehmen.
Im Kirchenkalender war dieser Tag ein Fastentag; fromme Leute
nahmen nur ein wenig Gemüse, Brot und Wasser zu sich. Leofric
stellte sich schon auf ein karges Mahl ein – schließlich war
Silversleeves nun Priester. Doch dieser wandte sich den drei
Laienmönchen zu, die noch immer in der Ecke auf ihrer harten Bank
saßen, und winkte sie zu sich. »Diese guten Männer fasten und tun
Buße für uns«, erklärte er munter. Er gab jedem der drei
Ehrenwerten einen Silberpenny, dann winkte er sie wieder weg und
sprach das Tischgebet.
Damals saß man gewöhnlich nur an einer Längsseite des Tisches,
und das Essen wurde wie über eine Theke hinweg von der anderen
Seite serviert. Leofric saß rechts von Silversleeves, neben ihm saß
Ralph. Henri saß zur Linken seines Vaters. Als erster Gang wurde
Fasanenbrühe in Schüsseln mit zwei Henkeln serviert, die jeweils
zwischen zwei Tischgäste gestellt wurden, da es die Höflichkeit
erforderte, daß man mit seinem Nachbarn teilte. So fiel es Leofric
zu, seinen Löffel in dieselbe Schüssel zu tauchen wie Ralph. Wenn
der Kerl nur etwas gesitteter essen würde! Leofric war an alle
möglichen Tischsitten gewöhnt, die unter den bärtigen Normannen am
Hafen herrschten, aber das kleine Rinnsal von Suppe, das aus Ralphs
Mundwinkeln tropfte, erfüllte ihn mit besonderem Widerwillen.
Obendrein mußte er auch noch das Trinkgefäß mit seinem
Tischnachbarn teilen.
Dennoch war das Mahl eindrucksvoll. Silversleeves ließ wie ein
französischer Adliger auftischen. Nach der Brühe kam ein Püree,
eine dicke Suppe aus Lauch, Zwiebeln und anderen Gemüsen, die in
Milch gekocht waren; danach gegrillter Hase in Weinsauce. Dem
damaligen Brauch zufolge war die Tischdecke sehr lang, so daß die
Speisenden sie auch als Serviette nutzen konnten. Nach jedem Gang
gab es eine frische Decke, was Leofric ebenfalls sehr
beeindruckte.
Silversleeves war ein anspruchsvoller Esser. Er säuberte seine
Finger immer wieder in einer Schüssel mit Rosenwasser. Er aß sehr
bedächtig und führte immer nur kleine Bissen zum Mund, und der
Wein, den er in den beiden irdenen Krügen hatte auftischen lassen,
war hervorragend.
Zum Abschluß wurde Fruchtpudding mit Feigen, Nüssen und
gewürztem Wein serviert. Erst danach sprach Silversleeves das
anstehende Thema an, auch wenn er es sehr indirekt einleitete. Sie
unterhielten sich über die Invasion. »Natürlich«, sagte
Silversleeves bedächtig, »kenne ich als Normanne einige von
Wilhelms Leuten. Wer auch immer siegen wird – auf unser Geschäft
wird sich das kaum auswirken.« Nach einer kleinen Pause kam er
endlich zum Punkt. »Einer meiner Söhne«, sagte er lächelnd, »möchte
gerne Eure Tochter heiraten.« Bevor Leofric noch eine passende
Antwort einbringen konnte, fuhr er fort: »Uns liegt nichts an einer
Mitgift, sondern ausschließlich an einer Verbindung mit Eurem guten
Namen.«
Leofric rang nach Luft. Dies war ebenso erstaunlich wie
höflich. Doch es sollte noch besser kommen. »Ich kann Euch auch ein
Arrangement anbieten, das Euch vielleicht interessieren wird. Wenn
diese Hochzeit zustande kommt, würde ich gerne Eure Schulden
übernehmen, und zwar die an Barnikel sowie die an Becket. Ihr
braucht Euch nie mehr darum zu kümmern.« Und damit senkte er seine
lange Nase in seinen Weinbecher und starrte höflich auf das
Tischtuch.
Eine Weile fand Leofric gar keine Worte. Als Silversleeves ihn
in seiner Botschaft hatte wissen lassen, daß er ihm vielleicht
helfen konnte, hatte Leofric zwar geahnt, daß der Normanne ein
mächtiger Mann war, aber dies ging weit über alles hinaus, was er
sich erträumt hatte. Vielleicht würde eine Verbindung mit diesem
Normannen im Falle von Wilhelms Sieg sogar seinen Landsitz
retten.
»Aber warum?« brachte er endlich hervor.
»Nur der Liebe wegen«, sagte Silversleeves sanft.
»Welcher Sohn möchte denn meine Tochter haben?« fragte Leofric
mit belegter Stimme.
Silversleeves wirkte überrascht. »Ich dachte, das wüßtet Ihr.
Henri natürlich.«
Leofric war so erleichtert, daß es nicht Ralph war, daß er
sich kaum die Mühe machte festzustellen, daß Henris Augen kalt
wirkten. Doch selbst mit diesen neuen Aussichten wußte er, daß er
nicht einwilligen konnte. Hatte er nicht Barnikel sein Wort
gegeben? Und in diesem Moment kam dem aufrechten Sachsen zum
erstenmal in seinem Leben ein wahrhaft niederträchtiger Gedanke.
Wenn der Däne oder sein Sohn auf dem Schlachtfeld fielen, wäre er
von seinem Versprechen befreit und das Familienvermögen gerettet.
»Ich werde darüber nachdenken«, sagte er matt. »Aber ich fürchte –
«
»Wir warten auf Eure Entscheidung«, fiel Silversleeves ihm ins
Wort und hob seinen Becher. Genau in diesem Moment stürmte einer
der Laienmönche zur Tür herein und schrie: »Sirs! Der König ist
tot! Der Herzog von der Normandie hat ihn geschlagen! An einem Ort
an der Küste, in der Nähe von Hastings!«
Die Schlacht von Hastings, die den Verlauf
der englischen Geschichte grundlegend ändern sollte, fand am
Samstag, dem 14. Oktober statt. Wilhelm von der Normandie hatte
mehrere Vorteile. Er griff im ersten Morgengrauen an und
überraschte König Harald. Er hatte ein mächtiges Kontingent von
Bogenschützen und Kavalleristen, während der König von England über
keine dieser Truppen verfügte. Obendrein waren die englischen
Truppen auf einem schmalen Hügel versammelt und boten den
normannischen Bogenschützen ein sicheres Ziel. Dennoch zog sich die
Schlacht über einen ganzen Tag hin.
Den Bogenschützen gelang es nicht, die englische Verteidigung
zu durchbrechen. Als die Kavallerie anstürmte, wurde sie von den
furchtbaren Hieben der zweischneidigen Streitäxte aufgehalten, die
von Männern wie Barnikel geschwungen wurden. Die Reiter flohen, und
nur Wilhelm persönlich verhinderte eine Massenflucht. Zweimal
rückte die Kavallerie vor und tat dann so, als würde sie fliehen,
was viele Engländer dazu verleitete, den Hügel hinab in eine Falle
zu rennen. Die Engländer wurden nach und nach aufgerieben, als ihre
Kommandanten fielen. Trotzdem hätte ihre Kampflinie vielleicht bis
in die Nacht hinein gehalten werden können, wenn nicht ein
verirrter Pfeil ein Auge König Haralds getroffen hätte und ihn
schwer verwundete. Kurz darauf erhielt er den Todesstoß. Dies war
das Ende der Schlacht. Der Staller von London wurde schwer
verwundet vom Schlachtfeld getragen. Unter der kleinen Truppe von
Wackeren, mit denen er neben dem Regiment des Königs gekämpft
hatte, waren auch Barnikel und sein Sohn, die überlebten und ihn
nun begleiteten.
Zwei Monate später beobachteten an einem
sonnigen Dezembermorgen mehrere hundert Londoner Bürger eine
merkwürdige Szene im Kirchenhof von St. Paul's, wo der Folkmoot
gerade eine Versammlung beendet hatte.
Barnikel von Billingsgate hatte ein hochrotes Gesicht. Wütend
funkelte er seinen Freund Leofric an und brüllte so laut, daß man
es fast bis zum West Cheap hören konnte: »Verräter!«
Seine Wut richtete sich indes nicht nur gegen den sächsischen
Kaufmann. Der riesige Däne war auf alle wütend. Die Wochen nach
Hastings waren sehr angespannt gewesen. Wilhelm konnte nicht sofort
seinen Sieg sichern, denn seine Truppen waren nach der Schlacht
geschwächt, und im Lager brachen Seuchen aus. Er mußte an der Küste
auf Verstärkung warten. Inzwischen trafen Regimenter aus dem Norden
und aus anderen Grafschaften in London ein. Der Witan rief hastig
einen legitimen Nachfolger, Eduards ausländischen Neffen, zum König
aus. Die Stadt war voll von bewaffneten Männern, aber es schien
keine klare Richtung zu geben. Der Staller war noch immer verwundet
und wurde in einer Sänfte herumgetragen. Der junge Prinz, nur dem
Namen nach König, ließ sich selten sehen. Die Edelleute aus dem
Norden sprachen davon, ihren Heimweg anzutreten. Gerüchten zufolge
verhandelte der Erzbischof von Canterbury bereits heimlich mit den
Normannen.
Am ersten Dezember setzte sich Wilhelm von der Normandie
endlich in Bewegung. Er zog auf der alten Römerstraße durch
Canterbury und Rochester herauf; seine Vorhut erreichte bereits das
südliche Ende der Brücke. Die Holzbrücke wurde verteidigt, die
Stadttore geschlossen. Die Normannen gaben sich damit zufrieden,
die Häuser am Südufer in Brand zu setzen, und zogen sich dann
wieder zurück. Wilhelm zog an der Stadt vorbei und überquerte den
Fluß weiter oben, hinter Windsor; dann zog er weiter nach Norden
und brannte auf seinem Weg alle Höfe nieder. Mitte Dezember machten
ihm sowohl der Erzbischof als auch der Staller ihre Aufwartung, und
Leofric nahm an, daß die Stadt auf seine Bedingungen wartete.
Die Bedingungen kamen. Alle alten Rechte und Privilegien der
Stadt würden geachtet werden, dafür wollte Wilhelm von der
Normandie persönlich sorgen. Leofric machte seinen Standpunkt klar:
»Wir sollten die Bedingungen annehmen.« Der Staller pflichtete ihm
bei. London würde sich Wilhelm ergeben, und dagegen konnte Barnikel
rein gar nichts ausrichten.
»Verräter!« brüllte er abermals. Und dann hörte halb London,
wie er schrie: »Und Eure Tochter könnt Ihr auch behalten! Mein Sohn
wird nicht das Kind eines Verräters heiraten!«
»Wie Ihr wünscht«, erwiderte Leofric nur und wandte sich
ab.
Drei Tage später erfuhr Barnikel die Neuigkeiten von Hildas
Verlobung mit Henri Silversleeves. Es dauerte eine ganze Weile, bis
er es fassen konnte. »Aber Ihr habt ihm doch gesagt, daß wir sie
nicht haben wollen. Ihr habt Euch der Hochzeit widersetzt!«
erinnerte ihn sein unglücklicher Sohn.
»Er hätte wissen müssen, daß ich es nicht so gemeint habe«,
stöhnte der Däne, bevor ihm aufging, daß Leofric es wahrscheinlich
durchaus gewußt hatte. Und dann wurde Barnikel von Billingsgate
wirklich sehr böse.
Er wütete über eine Stunde in seinem Haus. Als seine Familie
sich am nächsten Tag wieder hineinwagte, konnte sie die Nachbarn
nicht abhalten, die ebenfalls hineindrängten, um den Schaden zu
begutachten, den er angerichtet hatte. Es war eine schreckliche
Bilanz. Zerschmettert: drei Fässer Ale, sieben Tonkrüge, sechs
Holzteller, zwei Betten, ein Kessel, fünf Holzstühle, fünfzehn
Topfe mit eingemachtem Obst, eine Truhe. So verdreht, daß man sie
nicht mehr gebrauchen konnte: drei Fleischhaken und der Spieß, auf
dem das Fleisch geröstet wurde. Zerbrochen: der Schaft einer
Streitaxt. Weiterhin zerstört oder nahezu zerstört: ein Holztisch,
drei hölzerne Fensterläden, zwei Eichentüren und die Wand zur
Speisekammer. Selbst seine Wikingervorfahren, darin waren sich alle
einig, wären stolz gewesen auf so eine Bilanz.
Am Weihnachtstag 1066 wurde Wilhelm der
Eroberer von England in der Kirche der Westminsterabtei
gekrönt.
Silversleeves und Leofric nahmen Seite an Seite an den
Feierlichkeiten teil. Die Hochzeit sollte im darauffolgenden Sommer
stattfinden. Leofric war schuldenfrei. Der Normanne hatte nur auf
einer einzigen Bedingung bestanden: Leofric sollte von nun an seine
Weine durch ihn einführen und mit Becket keine Geschäfte mehr
machen. Dies schien wirklich nicht zu viel verlangt.
Zwei Tage nach der Krönung lief Alfred Barnikel auf dem East
Cheap über den Weg und bemerkte ihm gegenüber, daß der normannische
König sich nun zum Herrn von London machte. Darauf erwiderte
Barnikel zu Alfreds großer Überraschung: »Da heißt es abwarten.«
Der Däne hatte leise gesprochen, was er sehr selten tat, und Alfred
fragte sich, was er wohl damit meinte.