KAPITEL 28

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»Alles verläuft reibungslos«, murmelte Ro.

»Bislang«, erwiderte Kira. »Wollen wir hoffen, dass dieser Tag nicht noch mehr Überraschungen auf Lager hat.«

Ro nickte und blickte ein weiteres Mal auf die Menge. Die große Versammlungshalle neben der Promenade war zu einer Galerie bajoranischer Kunst und Kultur geworden. Nachbildungen wunderschöner Kalligrafiearbeiten hingen an den Wänden: Partituren der boldraischen Meister von vor zwei Jahrhunderten sowie des unvergleichlichen modernen Komponisten Tor Jolan. Auch Gemälde und Wandteppiche Vedek Topekas und einige Arbeiten der kürzlich verstorbenen Tora Ziyal befanden sich unter den Kunstwerken, und der berühmte bajoranische Musiker Varani spielte dazu live auf der Flöte.

Alle Anwesenden hatten sich in Schale geworfen. Treir plauderte mit einem Föderationsdiplomaten mittleren Ranges, der ganz klar etwas verhandeln wollte. Ein Glas mit blubbernder Flüssigkeit in der Hand, schaffte es die große Orionerin irgendwie, gleichzeitig atemberaubend und Herrin der Lage zu sein. Durch Taran’atar, der in der Ecke stand und sich bemühte, nicht aufzufallen, war sogar ein Vertreter des Gamma-Quadranten anwesend. Ro fragte sich, ob Vaughn und die Defiant-Besatzung auf ihrer Forschungsreise bereits weitere Aliierte gefunden hatten, die bei zukünftigen diplomatischen Anlässen zugegen sein würden.

Kira trat auf Ratsmitglied zh’Thane zu, und Ro fand General Lenaris ins Gespräch mit Cerin Mika vertieft, der Ohalavaru-Frau, die die Anführerin der Demonstration am vergangenen Abend gewesen war. Ein Lächeln auf den Lippen, trat sie zu ihnen. »General. Mika. Gefällt Ihnen der Abend bislang?«

»Ist ein bisschen viel für einen alten Haudegen wie mich, Ro«, antwortete Lenaris. »Aber ich schätze, ich halt’s für einen Tag aus.«

»Ich bin froh, dass Sie und Ihr Stab uns früh genug entließen, um den Festlichkeiten beiwohnen zu können«, sagte Mika.

Ro hob die Braue. »Gewissen Vedeks dürfte unsere Entscheidung weit weniger behagen. Es wäre wohl das Beste, wenn Sie heute einen Bogen um diejenigen machen, die besonders miesepetrig aussehen.« Sie zögerte einen Moment und entschied, dass die Diplomatie an diesem Tag hinter Sicherheitsfragen zurückstecken musste. »Wie wir besprachen, gehe ich davon aus, dass die heutige Zeremonie von Unterbrechungen verschont bleibt.«

»Selbstverständlich«, erwiderte Mika. »Was wir sagen wollten, sagten wir gestern. Und wir werden die Vedek-Versammlung auch in Zukunft unter Druck setzen. Aber heute ist kein Tag, um religiöse Differenzen oder Glaubensfragen zu diskutieren.«

»Das höre ich gern«, sagte Ro und klopfte ihr auf die Schulter. Dann sah sie, dass jemand sie von der anderen Seite des Raumes aus angrinste. Hiziki Gard. Ro entschuldigte sich und ging zu ihm.

»Sie sehen … beachtlich aus«, sagte sie und meinte es auch so. Gard trug eine enge Hose mit Ziernaht an den Seiten und ein Wickelhemd mit weiten Ärmeln, das auf Hüfthöhe mit einer Brokatbinde befestigt war. Die Farbe seiner Kleidung passte zu seinen dunklen Augen und den Trill-Flecken.

»Danke, Ro.« Er verneigte sich kurz und küsste ihre Hand. Dann grinste er. »Und Sie sind so bezaubernd, wie es einer Frau in bajoranischer Galauniform nur möglich ist.«

Sie lächelte schief. »Ich nehme das mal als Kompliment.«

Sie plauderten eine Weile, und abermals war Ro, als würde sie beobachtet. Schnell sah sie sich um und fand ihn. Quark.

Sie verabschiedete sich von Gard und trat zu ihm. Quark hielt eine Flasche orionischen Weines in der Hand, doch das Gesicht, das er machte, war saurer als es der Wein je hätte sein können. Außerdem wirkte er stocknüchtern.

»Hallo, Quark.«

»Der schon wieder?« Quark nickte in Gards Richtung.

Sie seufzte. »Er und ich arbeiten hier.«

»Na und?«, fragte er und bleckte die Zähne. »Ich auch. Aber ich mag den Kerl nicht.«

»Er flirtet mit mir – was soll’s? Wirst du immer so reagieren, wenn mich irgendjemand zur Kenntnis nimmt?«

»Nein, das meine ich nicht.« Quark winkte ab und sah ihr in die Augen. »Es ist nur … Der Typ macht mich nervös.«

Darauf wette ich. Weil du glaubst, ich fühle mich zu ihm hingezogen. Und, verdammt, das stimmt sogar!

»Ich verspreche, ihn im Auge zu behalten«, sagte sie. Dann begriff sie, wie das klang. »Genauso, wie ich jeden Anwesenden im Auge behalten werde. Dich natürlich auch.« Sie strich ihm mit den Fingerkuppen übers Ohr, und nahezu sofort nahm sein Gesicht einen vergnügten Ausdruck an. »Und jetzt lass mich meine Arbeit machen und bring deinen Wein wohin auch immer er gebracht werden soll.«

Quark ging, und Ro schaute ihm nach. Diese Eifersucht passte gar nicht zu ihm. Bewies das etwa, dass er wirklich viel für sie empfand? Es wäre erschreckend … denn auch sie mochte ihn zunehmend mehr.

»… diesem wahrhaft außergewöhnlichen Tag heißt die Vereinigte Föderation der Planeten Bajor als ihre neueste Mitgliedswelt willkommen!«

Admiral Leonard James Akaar stand am Kopfende des langen Tisches und wickelte eine Papierrolle auseinander. Kira wusste, dass dieses Dokument nur zeremoniellen Zweck hatte; es würde in der Ministerkammer oder einem Museum aufgehängt werden. Der tatsächliche Vertrag befand sich auf einem Padd und würde auch dort unterzeichnet werden.

Kira hatte heute kaum Zeit gehabt, mit Akaar zu sprechen. Er war ein alter Freund von Elias – mit der Betonung auf alt, wie sie mit einem leichten Lächeln ergänzte. Mit seinen einhundertneun Jahren hatte er sogar mehr Jahre auf dem Buckel als alle nichtvulkanischen Anwesenden und die Trill, sofern man deren multiple Leben nicht zählte. Akaar trug die Last seiner Jahre jedoch mit Leichtigkeit. In seiner hochdekorierten Galauniform eines Fleet Admirals wirkte er nahezu aristokratisch. Der Blick seiner dunklen Augen war wach und aufmerksam, und sein von Falten durchzogenes Gesicht vermittelte den Eindruck großer Energie.

Trotz der Nöte der vergangenen Monate empfand Kira endlich wieder Hoffnung – und die Gründe dafür waren die Rückkehr der Drehkörper und diese Zeremonie für Bajor. Vielleicht war die Zukunft wirklich nicht so düster, wie sie es befürchtet hatte. Trotz ihrer noch recht jungen Jahre hatte sie schon viel ertragen müssen. Zeugin der heutigen, Geschichte schreibenden Ereignisse zu sein – nein, ein Teil davon zu sein – war gelinde gesagt unglaublich.

Kira war so in Gedanken versunken, dass sie Shakaars Rede kaum zuhörte. Es fiel ihr ohnehin schwer, ihn anzusehen – von Vedek Yevir und dessen politisch-geistlichen Gesellen ganz zu schweigen.

Kira sah, dass auch Gul Macet und Klerikerin Ekosha den Vorgängen aufmerksam zuschauten. Dann fiel ihr Blick auf Taran’atar, auf Matthias, auf Quark und Ro. Ro grinste und signalisierte Kira mit einem Nicken, sich lieber wieder auf den Zeremonientisch zu konzentrieren.

Inzwischen hatte Shakaar aufgehört, zu reden, und rieb seine Daumen über ein kleines zeremonielles Stempelkissen, das vor ihm auf dem Podium stand. Akaar breitete das Dokument auf dem Tisch aus und strich es mit seinen großen Händen glatt.

Aus dem Augenwinkel sah Kira, wie der umwerfend gekleidete Hiziki Gard plötzlich seinen Arm schüttelte, als wollte er ihn aufwecken.

Und dann purzelte etwas aus seinem Ärmel und fiel ihm in die Hand.

Gard riss den Arm hoch. Das Objekt in seiner Hand gabelte sich an der Spitze, und ein Projektil schoss heraus.

Shakaar hob seinen mit Tinte beschmierten Daumen.

Kira stieß einen Warnschrei aus.

Das Projektil bildete im Flug zwei kleine Klingen aus und näherte sich unaufhaltsam seinem Ziel.

Von Kiras Schrei verwirrt, drehten sich die ersten Leute um.

Und das Projektil traf Shakaar am Hals. Die sägeblattartigen Klingen schnitten in sein Fleisch, als wollten sie sein Haupt vom Körper trennen. Shakaars Kopf kippte nach hinten weg, viel weiter als es möglich sein dürfte.

Sich ihrer eigenen Bewegungen kaum noch bewusst, preschte Kira vor und auf den Schützen zu. Sie schrie nach dem Sicherheitsdienst, doch die Zeit schien stillzustehen, als wäre sie in Bernstein gefangen. Kira sah, dass Ro und andere Wächter die Phaser gezückt hatten und ebenfalls herbeieilten. Shakaars Körper schlug auf die Tischplatte auf. Sein Blut strömte auf das zeremonielle Föderationsdokument.

Die Sicherheitsleute reagierten prompt und rissen Ministerin Asarem zu Boden. Admiral Akaar griff in seine Uniformjacke, doch falls er dort eines der capellanischen Wurfmesser aufbewahrte, fehlte es ihm an der freien Schussbahn, die der Attentäter gehabt hatte.

Kiras Blick suchte den Mann, der Shakaar angegriffen hatte. Hiziki Gard schenkte Ro ein boshaftes Lächeln – und verschwand im Licht eines Transporterstrahls! In den Sekunden, die Kira gebraucht hatte, zu ihm zu gelangen, war es ihm gelungen, seine Flucht zu bewerkstelligen.

Eine Kakofonie aus Schreien und Rufen hallte von den Wänden des Raumes wider. Ro brüllte in ihren Kommunikator, man möge den Habitat- und den Andockring absperren und alle aktiven Transporterstrahlen abfangen.

Schnell eilte Kira zum Kopfende, presste sich an der schreienden Asarem und der weitaus gefassteren zh’Thane vorbei. »Notfalltransport!«, rief sie noch im Laufen. »Signal erfassen und zwei Personen auf die Krankenstation beamen!«

Sie hatte Shakaar gerade erreicht, als der Transporterstrahl sie beide umhüllte. Doch sie wusste längst, dass jegliche Behandlung der Wunden zwecklos sein würde.

Shakaar Edon war tot.

•••

Wird fortgesetzt in

Mission Gamma IV: Das Kleinere Übel