KAPITEL 27
Logbuch des Captains, Sternzeit 53581,0
Die Defiant hat die Hälfte ihrer Forschungsmission hier im Gamma-Quadranten hinter sich gebracht. Nun, da wir uns von jenem mysteriösen Objekt entfernen, dessen Status als Kathedrale oder Anathema ich zur finalen Klärung klügeren Geistern überlassen möchte, führt uns unser neuer Kurs über System GQ-12475 hinaus und bringt uns dem hiesigen Schlund des Wurmlochs wieder näher. Wir sind auf der Heimreise.
Doch unsere Untersuchungen dieses weitestgehend unerforschten Teils der Galaxis sind weit davon entfernt, als beendet zu gelten. Die neue Flugbahn bringt die Defiant in Dutzende von Sektoren, die kein Humanoide des Alpha-Quadranten je zuvor gesehen hat. Die Wunder und Schrecken der vergangenen Wochen haben sich nicht negativ auf den Willen der Besatzung ausgewirkt, zu sehen, was hinter dem nächsten Hügel auf sie wartet. Und dann dem übernächsten. An Bord herrscht eine allgemeine Stimmung der Vorfreude, die ich nur als belebend beschreiben kann. Sogar – oder besser: besonders – unter denen, deren Existenz von unserer Begegnung mit der fremdartigen Kathedrale am nachhaltigsten beeinflusst worden ist: Lieutenant Ezri Dax, Erster Offizier der Defiant, der Leitende Medizinische Offizier Julian Bashir und Lieutenant Nog, mein Chefingenieur.
Die Messungen und Holoaufnahmen, die der Besatzung von der Kathedrale vorliegen, sollten die besten Physiker und Architekten der Föderation mindestens einige Jahrzehnte beschäftigt halten – wenn nicht sogar die Psychiater. Ich selbst ertappe mich bei dem Wunsch, das ganze Ding ins Schlepptau und mit nach Hause zu nehmen. Aber dann entsinne ich mich des Wahnsinns, den es unter den meinen erzeugt hat.
Sowohl die D’Naali als auch die Nyazen – zwei ansässige Völker, die seit Jahrtausenden bewaffnete Flotten verwendeten, um ihren Besitzanspruch geltend zu machen – haben Anspruch auf die Kathedrale erhoben. Ich bin überzeugt, dass weitere Besuche vonseiten der Sternenflotte unangebracht sind. Keine der Fraktionen will uns hier, zumindest momentan nicht. Der Tag mag kommen, an dem die D’Naali und die Nyazen einen Kompromiss finden und uns einladen, nach der Lösung des Rätsels zu suchen. Bis dahin empfehle ich dem Flottenkommando und dem Föderationsrat aber, sich aus dieser Sache herauszuhalten. Gnade sei der Besatzung, die als Nächstes unverhofft hineinstolpert.
Julian Bashir stand auf der Brücke der Defiant, als Vaughn seinen Logbucheintrag beendete. Auf dem Monitor prangte die Aufzeichnung einer Aufnahme der Kathedrale, deren sich windende, das Auge verwirrende Form noch immer ihre Geheimnisse verbarg.
Zumindest die meisten.
Auf der anderen Seite der Brücke ging Nog vor der Ingenieurkonsole auf und ab. Er untersuchte Daten auf einem Padd und verglich sie mit den Auswertungen auf der Konsole. Zweifellos bemühte er sich, den Umfang der Reparaturen einzuschätzen, die die Waffen der Nyazen und D’Naali am Schiff nötig gemacht hatten. Stunden waren vergangen, seit Bashir das biosynthetische Bein des Ingenieurs wieder anmontiert hatte, und schon jetzt bewegte sich Nog überraschend geübt und sicher. Den Stock, den man ihm auf der Krankenstation anbot, benutzte er nicht. Bislang hatte Nog nicht über seine Erfahrungen im Innern der Kathedrale gesprochen, zumindest nicht mit Bashir. Doch sein federnder Gang ließ fast glauben, er hätte die letzten Tage gar nicht miterlebt.
Dafür muss man ihm schon in die Augen sehen, dachte Bashir. Er fühlte mit seinem jungen Freund, bedauerte dessen Verlust. Und er empfand ein wenig Schuld. Ezri und ich haben bei unserem Pakt mit dem Multiversum fraglos besser abgeschnitten. Wir sind beide noch in einem Stück.
Die Turbolifttür glitt auf, und Bowers betrat die Brücke, Ezri an seiner Seite. Ezri Dax.
Sie war wieder mit dem Symbionten vereint. Die Operation war äußerst kritisch verlaufen, da Ezri aufgrund der langen Trennung dramatisch geschwächt war. Doch als Bashir begriff, dass das fremde Objekt irgendwie seine Talente wiederhergestellt hatte, war er voll und ganz entschlossen gewesen, die Frau, die er liebte, zu retten. Ezris eigene Erlebnisse im Inneren der Kathedrale – und ihr starker Lebenswille – hatten sicherlich ebenso zu ihrer Rettung beigetragen wie seine und Krisstens Anstrengungen.
Nun reichte Dax Vaughn ein Padd und lächelte Bashir dabei zu. Vaughn saß auf dem Kommandantensessel und sah nachdenklich auf das Bild des fremden Objekts.
»Schiffsweiter Statusbericht«, sagte Ezri – vom Scheitel bis zur Sohle der Erste Offizier. »Sir?«, fügte sie an, als Vaughn nicht reagierte.
Ein weiterer Moment verstrich, bis Vaughn das Padd entgegennahm. »Verzeihen Sie, Lieutenant. Dieses Ding dort verleitet dazu, alles um sich herum zu vergessen.«
Sie nickte und starrte mit ihm in die Unendlichkeit des Alls. »Ich weiß, was Sie meinen. Sie sollten es mal von Innen betrachten.«
»Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie gern ich dazu die Gelegenheit hätte. So erschreckend manches von dem, was Sie mir berichteten, auch klingt: Die Chance, eine alternative Version seiner selbst zu erleben – quasi eine Abkürzung zu den Lebenswegen zu beschreiten, die man nicht gewählt hat –, nun … Es fällt schwer, dieses Konzept nicht faszinierend zu finden.«
Bashir sah ein ungewöhnliches Funkeln in den Augen seines Kommandanten. Mochte das Bedauern sein?
Vaughn und Dax schlenderten zu Ensign Tenmei hinüber, die an der Steuerkonsole arbeitete. Dass es sich bei Prynn um Vaughns Tochter handelte, war kein Geheimnis. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass bis vor Kurzem familiäre Spannungen zwischen den beiden geherrscht hatten. Doch das war kein Thema, das man bei einem Vorgesetzten einfach mal so anschnitt.
Bashir entschied sich für ein weit weniger delikates. »Bitte um die Erlaubnis, offen sprechen zu dürfen, Sir«, sagte er und deutete auf das Bild auf dem Monitor.
Vaughn legte Ezris Padd beiseite und sah in seine Richtung. »Ist immer erteilt«, erwiderte er, doch seine Miene machte deutlich, dass er auf der Hut war.
»Ich kam nicht umhin, zu bemerken, dass Sie in Ihrem eben beendeten Logbucheintrag etwas Entscheidendes ausließen, Sir.«
Der Commander hob fragend eine Braue. »Ach ja?«
»Ja, Sir. Die Rede ist von unserer Einmischung in den Konflikt zwischen den D’Naali und den Nyazen.«
»Einmischung?«, wiederholte Vaughn. Er faltete die Hände vor seinem aschgrauen Bart und sah Bashir fragend an. »Wie meinen Sie das?«
»Wir nahmen unmittelbar an einer Schlacht gegen die D’Naali teil.« Bashir warf Shar an der Wissenschaftsstation einen schnellen Blick zu. Der Andorianer schien dem Austausch aufmerksam zuzuhören. Shar hatte die Krankenstation besucht, als Bashir Nogs biosynthetisches Bein befestigte, und hatte sie über alles in Kenntnis gesetzt, was während ihres Ausflugs zum Artefakt an Bord geschehen war.
»Wir hinderten die D’Naali daran, das Objekt zu zerstören«, fuhr Bashir fort.
Der Commander lachte leise und schüttelte den Kopf. »Nicht im Geringsten. So wie ich das sehe, gingen die Nyazen bis zu unserem Auftritt bei der Bewachung der Kathedrale alles andere als subtil vor. Ich vermute, das lag daran, dass die D’Naali ohnehin nicht stark genug sind, um dem Objekt ernsthaft zu schaden. Vielleicht waren sie selbst nicht wirklich davon überzeugt, in ihrem uralten Kleinkrieg je die Oberhand zu gewinnen – bis Sacagawea sie über unseren Plan informierte, ein Außenteam mittels Relais direkt in die Kathedrale zu beamen.«
Bashir gestattete sich ein kleines Lächeln. »Wir haben in ihre Richtung gefeuert, Sir«, beharrte er.
Vaughn lächelte ebenfalls. »Mir schien, sie brauchten eine kleine Demonstration unserer Absichten, Doktor. Aber bedenken Sie: Wir landeten nie einen Treffer. Das Machtverhältnis zwischen den Nyazen und den D’Naali bleibt intakt. Und wir bargen Sie und das restliche Außenteam.«
Bashir kam nicht umhin, seiner Logik zuzustimmen. Außerdem: Vaughns Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hielt es der Commander für keine gute Idee, ihm in diesem Punkt zu widersprechen. Also nickte Bashir und sah zu Nog. Auch dieser hatte interessiert zugehört – und schien nun erpicht, seinen Teil zum Gespräch beizutragen.
Dies entging auch Vaughn nicht. »Ja, Lieutenant?«
Nog sah auf sein lebloses Bein hinab. »Sir, eine große Frage über die, äh, Kathedrale ist noch immer unbeantwortet – trotz des übersetzten Textes.«
»Und die wäre?«
»Was ist ihr Zweck?«, fragte Nog, ein Hauch von Panik in der Stimme.
Bowers, der mit verschränkten Armen gegen die Brückenwand gelehnt stand, meldete sich zu Wort. »Dank des Textes haben wir eine recht genaue Vorstellung davon, warum ihre Erbauer sie herstellten. Sie wollten eine grenzenlose Energiequelle anzapfen, konnten diese aber nicht kontrollieren und verloren dadurch ihre Heimat.«
»Davon rede ich nicht«, sagte Nog kopfschüttelnd. »Ich will wissen, was das Ding heute ist. Was ist in der halben Milliarde Jahren seit seiner Erbauung aus ihm geworden? Und warum?«
Ezri biss sich auf die Lippe. Sie schien genau über Nogs Fragen nachdenken zu wollen, bevor sie antwortete. »Eins ist sicher: Welche Intelligenz die Kathedrale auch antreibt, sie ist ganz klar telepathisch. Sie schien sich der Sorgen und Nöte zu bedienen, die wir schulterten, um uns mit unseren alternativen Persönlichkeiten aus den anderen Universen zu koppeln.«
In diesem Moment brach Shar sein Schweigen. »Was den Warum-Teil der Frage anbelangt, würde ich den Großteil des Geschehenen den Eigenschaften des Objekts anlasten. Es wurde errichtet, um Energien in anderen Dimensionen anzuzapfen, und hat sich stets mit alternativen Universen sowie parallelen Wirklichkeiten verbunden. Daher mag es reiner Zufall sein, dass es Personen ermöglicht, alternative Versionen ihrer selbst zu sehen – eine Nebenwirkung seines Ursprungsnutzens, wenn Sie so wollen. Ein Begleiteffekt seiner multidimensionalen Art.«
Bowers warf Shar einen »Sie haben leicht reden«-Blick zu. »Soll das heißen, Sie halten dieses Ding für … für einen Unfall?«
»Präzise. Wie auch das Universum selbst einer sein mag.«
Vaughn sah ihn an und nickte nachdenklich. »Das ergibt Sinn, Ensign. Dennoch könnte man die Existenz einer wundersamen Kathedrale auch als Beweis der Existenz eines nicht minder wundersamen Kathedralenbauers interpretieren. Eines Masterplans im weitesten Sinne, wenn man so will. Personen mit starkem Glauben halten nur wenig für Zufall.«
Bashir merkte, dass der Commander ihn anschaute, als würde er Widerspruch erwarten. Doch Bashir nickte nur. Bis zu seinen Erlebnissen im Inneren des Objektes – nein, der Kathedrale – hätte er derart mystische Ansätze abgelehnt. Aber nun war er sich nicht mehr sicher.
Tenmei riss sich endlich von ihrer Konsole los. »So oft, wie hier der Begriff Kathedrale fällt, könnte man denken, Sie alle hätten religiöse Gefühle für dieses Objekt entwickelt.«
»Wäre das denn so schlecht?«, fragte Vaughn, den Hauch eines väterlichen Lächelns auf den Lippen.
»Nicht notwendigerweise. Es liegt mir fern, jemandes Überzeugungen zu kritisieren, aber könnte es nicht sein, dass die subjektiven Erlebnisse im Inneren dieses Dings schlicht Manifestationen des jeweiligen Unterbewusstseins waren? Ähnlich wie Träume?«
»Das hoffe ich doch«, murmelte Ezri kaum hörbar.
Bashir wollte sie fragen, wie sie das meinte, doch die Brücke schien der falsche Ort dafür zu sein.
»Nach allem, was wir über die Erfahrungen des Außenteams wissen«, sagte Shar, »ähnelten sie den neurologisch entstehenden ‚Geistern‘, die manche Personen bei Nahtoderfahrungen zu sehen angeben. Die ‚Kathedralenerfahrungen‘ könnten demnach vom Unterbewusstsein erzeugte Bilder sein, die die Verbindung der jeweiligen Person zu den anderen Quantendimensionen repräsentieren.«
Bashir war überrascht, wie kalt ihn das ließ. Auch Ezri sagte nichts, wirkte aber skeptisch. Vaughn hingegen schaute in die Unendlichkeit auf dem Monitor hinaus. »Vielleicht werden wir nie ganz verstehen, wozu dieses Objekt in der Lage ist«, sagte er. »Vielleicht bleibt es ebenso ein Rätsel wie das Leben.«
Daher das Bedürfnis nach Glauben, dachte Bashir. Zumindest in manchen Situationen. »Es gab eine Zeit, in der ich mich bei den Untersuchungen einer solchen Situation schlicht auf kalte, wissenschaftliche Fakten verlassen hätte. Doch seit mich die Kathedrale mit … mir selbst konfrontierte, frage ich mich, ob diese Fakten je wieder genügen können.«
»Mag sein, dass das Universum das Faktische übersteigt«, sagte Vaughn nickend. »Dass es mehr ist, als wir sehen und vermessen können.«
Die gesamte Brückenbesatzung verfiel in nachdenkliches Schweigen. Einzig Shar gab etwas in ein Padd ein, und Bashir sah ihm lächelnd dabei zu. Wie es schien, konnte kein mystisches Erlebnis die Sicherheit ersetzen, die kalte Fakten boten. Dennoch war es schön, an mehr als eine Sache zu glauben.
Shar saß an seiner Station auf der Brücke und hörte seinen Freunden und Kollegen dabei zu, wie sie den Zweck des fremden Objektes besprachen. Als ob dieser ein zwingendes Naturgesetz wäre! Warum können die meisten Menschen das Universum nicht einfach als das akzeptieren, was es ist: als kalten, rücksichtslosen Ort?
Ihm war, als begreife er allmählich, wie Menschen Religion interpretierten, zumindest auf allgemeiner, oberflächlicher Ebene. Wie verlockend es sein mochte, in dem Artefakt ein von Göttern geschaffenes Heiligtum zu sehen. Nach allem, was das Außenteam bislang berichtet hatte, mochte es sogar ein Portal in parallele Universen sein, in denen Thriss noch lebte. Wirklichkeiten, in denen er und seine Bündnispartner überlebten und Andors düstere Zukunft durch das eine Geschenk erhellten, das das Wichtigste von allen war: ein Kind.
Ein Kind, das nun niemals existieren würde.
Gierig nach dem Vergessen, das nur die Arbeit zu schenken vermochte, griff Shar nach einem Padd und gab Befehle ein, die Finger mit indigofarbenem Blut beschmiert, das nicht sein eigenes war.