KAPITEL 21
Ezri war, als wäre der Transporterstrahl eiskalt und führe ihr bis ins Mark. Die tintenschwarze Leere des Alls schien irgendwie durch den Materiestrom zu greifen und jeden Funken Wärme aus ihrem Körper zu ziehen. Doch der Eindruck verging fast so schnell, wie er gekommen war.
Plötzlich fand sie sich in einer Kammer wieder, die von mehreren Wandleuchtern erhellt wurde. Die Leuchter waren etwa zwei Meter über dem Boden und in mehreren Körperlängen Abstand zueinander angebracht. Raue Mauern aus Granit erstreckten sich bis in die tiefschwarze Finsternis. Die Luft war warm und abgestanden, doch Ezri schien es, als fühlte sie einen leichten Zug auf der Haut. Eigenartige Musik erklang in der Ferne, kaum noch hörbar. Sie hatte etwas Vertrautes an sich, auch wenn Ezri es nicht benennen konnte.
Auf einmal merkte sie, dass ihr Raumanzug fort war. Ihr Phaser fehlte ebenfalls. Stattdessen trug sie nun einen schmucklosen, leichten Overall und hielt einen Schutzhelm in der Hand. Unter ihren schweren Stiefeln knirschte der Schotter. Arbeitskleidung, dachte sie und besah sich verblüfft ihre neue Garderobe. Als sie sich mit der Hand durchs Haar fuhr, fiel ihr auf, dass es länger geworden war. Auch der Schnitt schien sich von dem vor dem Beamvorgang zu unterscheiden. Ezri setzte den Helm auf und drehte sich langsam um sich selbst, aber es war zu dunkel, um die Umgebung wirklich zu erkennen.
Was für ein Ort ist das? Und wo sind die anderen?
Zu ihrer Überraschung verfügte sie noch immer über ihre Handgelenkleuchten. Sie hob sie hoch und schaltete sie ein. Prompt zog sich ein Schweif aus Licht durch die Schwärze und enthüllte mehrere Meter über ihr eine grobe, graue Decke. Je länger Ezri ihre Umgebung in Augenschein nahm, desto bekannter kamen ihr die ganzen Steine und der Staub vor. Wie konnte es sein, dass sie im Inneren der geometrisch klar definierten Struktur des fremden Artefakts einen derartig unebenen Ort auffand?
Die Lampe hoch erhoben, atmete Ezri tief durch und begann, ins Dunkel vorzudringen. Sie rief nach Julian und Nog, und ihre Stimme schien bis zur Unendlichkeit und wieder zurück zu hallen – das akustische Äquivalent eines Spiegelkabinetts.
Eine Antwort blieb allerdings aus. Ezri war allein, mit nichts als dem Donnerschlag ihres eigenen Herzens, dem rhythmischen Knirschen des Drecks unter ihren Sohlen und den fernen Klängen der eigenartigen Fast-Musik.
Als plötzlich hinter ihr eine Stimme erklang, zuckte sie erschrocken zusammen. »Ezri.«
Sofort wirbelte sie herum und machte einen Ausfallschritt, um mehr Abstand zwischen sich und die Besitzerin der Stimme zu bringen. Vielleicht war sie ja auf Ärger aus.
Zu ihrer Überraschung, fand sie sich ihrer eigenen Mutter gegenüber. Ärger in Reinform.
»Du kannst nicht hier sein«, stieß Ezri hervor und bemerkte, dass sie unterbewusst eine Angriffsposition angenommen hatte, die sie noch aus den Tagen ihrer Nahkampfausbildung an der Sternenflottenakademie kannte. Schätze, ich brauche Dax doch nicht für alles.
»Einzig darum geht es hier, richtig?«, erwiderte Yanas Tigan, dann schlich sich ein Lächeln auf ihre Züge.
Ein herablassendes Lächeln, wie Ezri fand. Typisch. »Wie bitte?«
Yanas klang wie eine Lehrerin, die eine absichtlich störrische Schülerin tadelte. »Um deine Beziehung zu Dax.«
»Wann habe ich dir gegenüber je Dax erwähnt, Mutter?«
»Oh, bitte. Wenn du schon akzeptierst, dass ich hier bei dir im Gamma-Quadranten bin, warum überrascht es dich dann, dass ich deine Gedanken höre?«
Touché, dachte Ezri. Doch dies konnte nicht ihre Mutter sein. Es musste sich um eine Manifestation des Artefakts handeln. Aber warum würde eine fremde Intelligenz ausgerechnet ihre Mutter als Kommunikationsmittel auswählen?
Das Yanas-Ding lächelte. »Ich bedaure, dass dein Leben bei der Sternenflotte nicht so verlief, wie du es dir vorgestellt hattest. Aber ich kann nicht behaupten, dass es mich nicht freut, dich zurück in New Sydney zu wissen. Du kannst mir helfen, die Bodenschätze planmäßig abzubauen.«
New Sydney? Ach, deshalb kommt mir hier alles so vertraut vor. Ich bin zurück in den Pergium-Minen des Sappora-Systems.
Plötzlich erinnerte sie sich wieder. Und sie erkannte, dass es mehr als eine Version der letzten paar Jahre ihres Lebens geben musste. Widersprüchliche Bilder kollidierten vor ihrem geistigen Auge, überlappten sich: Brinner Finok, mit dem sie auf der Destiny eine kurze Liebelei hatte. Die Gräuel des Dominion-Krieges, der ihr Brinner nahm. Dax’ Ankunft in ihrem Leben. Ihre aufblühende Romanze mit Julian …
… und ihr Austritt aus der Sternenflottenakademie, nur wenige Wochen vor ihrem Abschluss. Ihre Heimkehr in Schande, alle Karriereaussichten von dieser unerbittlichen Naturgewalt namens Mutter vernichtet.
Yanas schüttelte den Kopf, war offensichtlich noch immer in ihren Gedanken. »Das ist nicht fair, Ezri. Du bist heimgekommen, weil du wusstest, wem du wirklich verpflichtet bist. Es sei denn, du glaubst, was mit Norvo und Janel geschah, sei irgendwie meine Schuld.«
Mit einem Mal schämte sich Ezri. »Natürlich nicht, Mutter.« Sie wusste noch gut, wie schwer ihr die Entscheidung gefallen war, die Akademie aufzugeben. Doch nachdem ihre beiden Brüder bei diesem Höhleneinsturz den Tod gefunden hatten – und das Familienunternehmen kurz davor stand, ihnen zu folgen –, hatte sie die einzig mögliche Entscheidung getroffen.
Mutter brauchte mich. Ich konnte ihr die Verantwortung für die Mine nicht allein überlassen. Das hätte sie nie geschafft.
Yanas’ Lächeln wurde breiter, enthielt aber keinerlei Wärme. »Was für eine pflichtbewusste Tochter. Ich verstehe übrigens gut, warum du eben so desorientiert warst. Du hast immer schon Wert darauf gelegt, so wenig Zeit wie möglich hier unten in den Minen zu verbringen.«
Ezris Magen zog sich zusammen, entspannte sich aber sofort wieder. Sie legte eine Hand auf den Bauch. Dorthin, wo Dax einst gewesen war, dachte sie – und rügte sich sogleich für ihre verwirrenden Gedanken. Wer zum Donnerwetter ist Dax?
»Jetzt niemand mehr«, sagte Yanas beiläufig. »Ich glaube, Dax war ein Symbiont, aber er starb kurz nachdem sein Wirt im Dominion-Krieg ums Leben kam. Das muss dich nicht kümmern.«
Hat es nie, dachte Ezri. Mit einem Mal war sie traurig, wusste aber nicht, weshalb.
»Wieder richtig. Und jetzt will ich, dass du ins Büro zurückgehst und dich um die Buchführung kümmerst. Die Unterlagen erledigen sich nicht von selbst, weißt du?«
Buchführung. Schon bei dem Gedanken schien sich ihr der Magen umzudrehen. Nicht einmal die Verbindung mit einem dieser alterslosen, gehirnsaugenden Trill-Vampire, vor denen Ezri stets das kalte Grausen bekam, konnte schlimmer sein als die Gewissheit, sein gesamtes Leben Bergbauverträgen, Handelsmanifesten und dem Pergium verschreiben zu müssen.
Ich bin auch vereinigt, dachte sie. Und zwar mit Padd-Stapeln und Bergen voller Papierkram.
Hinter ihr erklangen Schritte. Schnell drehte sie sich um. Der Mann, der ihr entgegenkam, war groß, dünn und miesepetrig. Ein Humanoide mit dem faltigen Gesicht eines typischen Bewohners von New Sydney. Auch er trug Bergmannskleidung. In seinen Augen lag ein Funkeln, das Ezri vertraut vorkam – und verhasst, auch wenn sie den Grund dafür nicht kannte.
»Thadeo Bokar«, sagte sie und machte einen Schritt zurück. Langsam kehrten die Erinnerungen wieder.
Bokar grinste und präsentierte ebene Reihen strahlend weißer Zähne. »Ich bin gekommen, um Ihre jüngste Bestellung zu besprechen, Miss Tigan. Ich glaube, Sie wären gut beraten, ein paar … weitere Posten zu ordern.«
Ezri bemühte sich, ihren Zorn im Zaum zu halten. »Wozu, Bokar? Um das Orion-Syndikat zu schmieren, damit hier unten nicht noch mehr Höhlen auf mysteriöse Weise einstürzen?«
Bokar war ein schlechter Schauspieler, wenn es darum ging, Sympathie zu zeigen. »Es muss furchtbar gewesen sein, beide Brüder auf diese Weise zu verlieren. So plötzlich und tragisch. Nach einem solchen Erlebnis lernt man das, was einem geblieben ist, erst richtig zu schätzen. Und ich vermute, man tut alles erdenklich Mögliche, um es zu schützen.«
Ezri warf einen Blick zu Yanas, die sie anklagend ansah.
»Was sagt er da, Ezri? Hast du etwa einen Handel mit dem Orion-Syndikat abgeschlossen? Ich wusste, dass uns dieser Ferengi mit seinen neuen Minen auf Timor II finanziell zusetzen würde. Aber ich hätte nie gedacht, dass du so tief sinken würdest …« Sie brach ab, und für einen Moment war nur noch die eigenartige Halb-Musik zu hören, die noch immer durch den steinigen Gang hallte.
Ezri sah zu Yanas, den Ansatz einer Entschuldigung auf den Lippen. Doch die Musik ließ sie zögern. Denn auf einmal erkannte sie sie wieder. Erinnerte sich an sie. Das hatte sie früher schon einmal gehört, auf der Sagan, während der Erkundung der Oort-Wolke in System GQ-12475. Das war kurz vor der ersten Begegnung mit dem fremden Objekt gewesen – der Kathedrale oder dem Anathema –, in das sie sich nun gebeamt hatte. Mit Nog. Und Julian.
Und Dax.
Abermals sah sich Ezri widersprüchlichen Erinnerungen ausgesetzt – und erkannte, dass sie sich für nichts entschuldigen musste. Nicht sie hatte das Familienunternehmen mit dem Orion-Syndikat verbandelt. Das war Janel gewesen.
Aber Janel war tot. Seit Jahren schon.
Verstellt in ihrer Weltlichkeit. Sacagaweas Windspielstimme erklang in ihrem Kopf wie aus einer Art spektraler Innenwelt heraus. Ungebunden. Treibend/verloren zwischen Welten.
Janel ist nicht tot, sagte sie sich und schüttelte den Kopf. Sie fühlte sich benommen, als hätte sie jemand geschlagen. Und Norvo auch nicht. Nicht in meiner Welt. Die beiden blieben bei Mutter, und das Syndikat streckte erst Jahre später seine Finger nach ihnen aus. Bis dahin hatte sich Ezri durch die Akademie gekämpft und einen Posten an Bord der Destiny angenommen.
Nein, Ezri war von zu Hause aufgebrochen und nicht zurückgekehrt. Sie hatte sich der ewigen Kritik ihrer Mutter widersetzt, die ihre Brüder so lange Jahre an der kurzen Leine gehalten hatte. Anders als Janel und Norvo hatte Ezri sich nicht von Yanas’ ständigen Machtspielchen beeindrucken lassen.
Und mit einem Mal wusste sie, warum die Kathedrale sie mit einem Abbild Yanas Tigans konfrontierte. Es war eine Repräsentation ihres Bedürfnisses, sich von den unzähligen Ezri Tigans abzugrenzen, die nicht sie waren. Es war ihr Prüfstein, die Erinnerung an einen Weg, den eine Phantom-Ezri in einer hypothetischen anderen Wirklichkeit beschritten hatte.
Diese vom Artefakt erzeugte Gestalt dort vor ihr musste der Schlüssel sein, um nicht von dem Leben, das sie kannte, entwurzelt zu werden, wie Shar es ausgedrückt hatte, und im Strom der Vielleichts verlorenzugehen. Sie ist meine Chance, die Weltlichkeiten wieder richtigzustellen, von denen Sacagawea sprach.
Erst jetzt fiel ihr auf, dass Bokar noch immer redete. »Aber der Tod Ihres kleinen Bruders hat auch etwas Gutes«, sagte er gerade und sah sie an. »Einige seiner Gemälde erzielen inzwischen ganz anständige Preise. Bedauerlich, dass niemand einen Künstler wertschätzt, solange er noch lebt.«
Ezri fühlte, wie sich etwas in ihr regte. Bewegte. Irgendetwas ganz tief in ihr erwachte und veränderte sich. Sie hatte ihr eigenes Leben zu leben, und sie war entschlossen, es sich wiederzuholen. Sacagaweas vom Übersetzer gefilterte Stimme hallte in ihrem Geist wider. Verstellt in ihrer Weltlichkeit.
Sie hob die Hand, zog den Helm aus und warf ihn zu Boden. Als sie sich erneut mit der Hand durchs Haar fuhr, merkte sie, dass es zu dem kurzen Schnitt zurückgekehrt war, den sie seit kurz nach ihrer Vereinigung trug.
Seit der Destiny.
Als sie Offizier der Sternenflotte war.
Kurz vor ihrer Versetzung nach DS9.
Yanas fuhr sie an, als hätte sie Bokars grausame Worte über ihren verstorbenen Sohn nicht gehört. Mom war noch nie eine gute Zuhörerin, dachte Ezri. Im Lauschen war sie großartig, aber nie im Zuhören.
»Was also wirst du tun?«, fragte Yanas, die offenkundig nach wie vor Ezris Gedanken las. Der Tonfall der älteren Frau war hart und zielte zweifellos darauf ab, Ezri den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Kontrolle zu gewinnen. »Wirst du etwa wieder deinen Tagträumen von der Sternenflotte nachlaufen? Du musst lernen, das Leben so hinzunehmen, wie es kommt, Ezri.«
Da ist was dran, dachte sie und entsann sich Nogs Warnung, dass nur wenig Zeit blieb, bis die Entwurzelung von Dauer sein würde. Die Frage ist nur: Welches Leben?
»Hören Sie auf Ihre Mutter, Miss Tigan«, sagte Bokar, den Mund zu einem herablassenden Lächeln verzogen.
Und Ezri traf eine Entscheidung. Eine Kommandoentscheidung, dachte sie nicht ohne Genugtuung. Sie trat auf Bokar zu, schlug ihm zwei Mal in kurzer Folge ins Gesicht und krönte diese Hiebe mit einem Knietritt in den Unterleib. Der Fiesling ging sofort bewusstlos zu Boden. Zufrieden sah Ezri, dass er nicht länger lächelte.
»Problem gelöst, Mutter. Zumindest für den Moment. Diesmal ist es deine Aufgabe, langfristig aufzuräumen.«
Ezri sah plötzlich, dass ein Sternenflottenkommunikator an ihrem Overall prangte. War er schon die ganze Zeit über dort gewesen und hatte nur darauf gewartet, dass sie die Verbindungen zu ihren diversen Vielleicht-Leben trennte?
Sie berührte ihn. »Defiant, wenn Sie mich hören können, beamen Sie mich sofort zurück.«
Ihr Magen zog sich zusammen. Was immer mit ihrem Geist und ihrem Körper geschah, schien an Tempo zuzulegen. Ihr wurde übel, und ihre Knie schienen sich in Wasser zu verwandeln.
Das ist der Symbiont, begriff sie. Ich fühle mich schwach, weil mein Körper den Symbionten wieder braucht.
Plötzlich erkannte sie, dass sie ihre »Weltlichkeit« erfolgreich »zurückgestellt« haben musste. Das war die gute Nachricht. Die schlechte bestand darin, dass sie ohne Dax innerhalb weniger Stunden sterben würde.
Yanas’ Gesicht war eine Maske des Unglaubens. Widerstand von Kindern oder Angestellten bekam Ezris Mutter nur selten zu spüren. »Du kannst nicht einfach gehen, Ezri. Was willst du schon in deinem alten Leben? Du wolltest doch ohnehin nie vereinigt werden.«
»Ich befolge nur deinen Rat, Mutter. Ich nehme das Leben, wie es kommt.« Beziehungsweise, wie es kam.
»Aber ich brauche dich hier!«
»Dann schaff dir gefälligst einen verdammten Buchhalter an«, schnauzte Ezri zurück. Ihre Sinne schwanden allmählich. Sie fühlte sich, als fiele sie in einen der Pergium-Schächte. Eine Stimme drang aus ihrem Kommunikator, doch sie verstand kein Wort mehr. Bestätigte dort jemand ihre Kontaktversuche?
Plötzlich erschien wie aus dem Nichts eine neue Gestalt an der Seite ihrer Mutter. Janel lächelte in Ezris Richtung. »Ich übernehme von hier an, Zee«, sagte er.
»Und ich hasse deine Frisur nach wie vor«, hörte Ezri ihre Mutter sagen. Dann umschloss sie die Dunkelheit.
Nog wusste nicht mehr, wie er hergekommen war. Wo auch immer hier war. Er wusste nur, dass der bunte Anzug, den Moogie ihm für seine Erwerbszeremonie geschenkt hatte, schweißnass war. Und dass seine Verfolger echt viele Leute auf dem Gewissen hatten. Kellin, Larkin, Vargas – sie und zahllose weitere waren ihnen zum Opfer gefallen. Manche sogar regelrecht zu blutigen Klumpen zerstückelt worden.
Nog rannte. Nichts anderes hatte in seinem Kopf mehr Platz, nur das Bestreben, ihren Mördern einen Schritt voraus zu bleiben. Ungefragt hallte Onkel Quarks Stimme in seinen Gedanken wider: Vielleicht wächst du doch noch zu einem richtigen Ferengi heran. Anders als dein Vater.
Schmerzen in seiner Seite. Ihm war, als bohrten sich Dolchspitzen in sein Fleisch, und doch ignorierte er die Pein, klammerte sich an seinen Phaser, eilte weiter – so schnell es diese absurde Gegend erlaubte. Es war fast völlig dunkel, und die unregelmäßig geformten Felsformationen, die jeden Quadratmeter dieser Chin’toka-Hölle zu bedecken schienen, machten es ihm unmöglich, seine Verfolger kommen zu sehen. Doch er hörte sie! Das Geräusch Dutzender hämmernder Schritte drang an seine feinfühligen Ohren. Und sie kamen in seine Richtung – unnachgiebig und so erbarmungslos wie der Tod.
Nog wusste, dass er außer Atem war. Er wusste auch, dass seine Verfolger nie ermüdeten. Früher oder später würden die Jem’Hadar zu ihm aufschließen. So viel stand fest. Er würde anhalten, seinen Mann stehen und sie bekämpfen müssen. Sie – die unerbittlichsten, albtraumhaftesten Gegner, die er sich nur vorstellen konnte.
Die Erinnerung an AR-558 war noch frisch. Damals hatten sie ihn angeschossen – beim Kampf um die Kontrolle über eine Kommunikationsphalanx des Dominion –, und Dr. Bashir hatte sein Bein amputieren müssen. Beim Gedanken daran zog ein Schauer über Nogs Ohrläppchen und Wirbelsäule. Neben einem großen Felsvorsprung hielt Nog an, um zu Atem zu kommen, doch die staubige Luft ließ ihn husten.
Er sah an sich hinab, auf seine völlig normalen Beine. Schoss mir wirklich ein Jem’Hadar ins Bein? Die Erinnerung war wie ein verblassender Traum. Nog wusste noch, wie Captain Sisko und Onkel Quark vor sechs Jahren kurzzeitig in die Hände der Jem’Hadar gefallen waren. Damals hatten er und sein bester Freund, der inzwischen als vermisst geltende Jake Sisko ihr Bestes gegeben, um sie zu retten. Und zum Glück war an diesem Tag nur Onkel Quarks Würde ernsthaft verletzt worden.
Da war ein seltsames Bild in Nogs Erinnerungen. War es überhaupt eine Erinnerung? Es zeigte ihn in der Uniform der Sternenflotte. Im Dienst auf einem Raumschiff. Im Kampf, Seite an Seite mit den Tapfersten, die er je gekannt hatte – und zwar hier, an diesem entlegenen Ort! Das war Chin’toka, er wusste es einfach.
Bevor er den Gedanken weiterverfolgen konnte, sprang ihn jemand an! Eine enorme humanoide Gestalt preschte aus der Deckung eines großen Felsens hervor. Nog reagierte, ohne nachzudenken. Er hob den Phaser und schoss so geschickt, wie es nur lange Erfahrung möglich machte. Der Strahl traf den Jem’Hadar an der Brust und ließ ihn zurücktaumeln. Totes Fleisch schlug auf der Felswand auf. Nog wollte wegschauen, konnte es aber nicht. Sein Blick hing wie gefesselt an dem Kieselsteingesicht.
Er kannte es. Woher, vermochte er nicht zu sagen, aber er wusste, dass er diesem speziellen Jem’Hadar schon mehrfach begegnet war. Er wusste auch, dass er diese Begegnungen nicht genossen hatte. Es ergab keinen Sinn, aber diese eigenartige Halberinnerung fühlte sich noch realer an als die Fantasien über die Sternenflotte.
Der Griff des Phasers in seiner Hand wirkte beruhigend. Das war ein Sternenflottenmodell, erkannte er und fragte sich im gleichen Moment, warum er das beurteilen konnte. War er etwa tatsächlich in der Flotte gewesen? Hatte er das Ding deshalb eben so zielsicher benutzen können? Das würde zumindest erklären, warum ihm diese Umgebung so vertraut vorkam, in der einst irgendein Schatten-Nog während einer längst vergessenen Schlacht des Dominion-Krieges sein Bein verlor.
Vielleicht war ich das. Vielleicht wurde ich verwundet und verlor mein Gedächtnis.
Verstellt.
In.
Der.
Weltlichkeit.
Sacagaweas übersetzergefilterte Stimme klang wie ein Glebbening-Wolkenbruch aus lauter Latinumstreifen, hallte in seinem Kopf nach. Und Nog erinnerte sich. Er war in der Kathedrale. Dem Anathema.
Er war in das fremde Objekt gebeamt worden.
Demnach konnte nichts von dem, was er hier gerade erlebte, real sein. Der Gedanke hatte etwas Beruhigendes. Was er hier sah, war nur die Auswirkung des Artefakts auf seinen Geist! Oder der Versuch seines Verstandes, die Wirklichkeit einer unendlichen Zahl paralleler Universen zu erfassen.
Und warum stelle ich mir vor, ich sei ausgerechnet im Chin’toka-System?
Die Schritte erklangen nun aus nächster Nähe, seine Verfolger waren ihm dicht auf den Fersen. Nog setzte sich wieder in Bewegung, wie es ihm seine in unzähligen Äonen der Evolution geschulten Ferengi-Instinkte rieten.
Dann hielt er inne. War die Flucht der richtige Weg, um Sacagaweas verstellte Weltlichkeit wieder geradezurücken? Abermals erklang die Stimme seines Onkels in seinem Verstand. Quark tat, was jeder vernünftige Ferengi tun würde: Er flehte ihn an, zu fliehen. Sonst nehmen sie dir dein Bein. Lauf, Nog. Lauf auf deinen zwei Beinen.
Die Schritte der Jem’Hadar wurden immer lauter. Ein neuer Gedanke schoss durch Nogs Geist und ließ ihn erschaudern: War der Verlust seines Beines der einzige Weg, um im richtigen Universum »verwurzelt« zu bleiben, wie Shar es ausgedrückt hatte? War das der Preis dafür, Ezri, Dax und Dr. Bashir zu heilen? Nog war Ingenieur. Er wusste, dass die Natur im Grunde nicht anders funktionierte als die Ferengi-Wirtschaft: Sie wog Soll und Haben gegeneinander ab – und sie gab nie, ohne irgendwann auch ihren Preis einzufordern. Meist sogar mit Zinsen.
Nog sah zu seinem linken Bein hinunter und dachte an abwesende Freunde.
Dann lächelte er. So sei es.
Sein Herz schlug so laut in seinen Ohren, dass es den Lärm der heranstürmenden Jem’Hadar fast übertönte. Nog drückte die Knie durch und hob den Phaser. »Entschuldige, Onkel«, sagte er, und in der abgestandenen Luft klang es fast schon hohl. »Aber mir scheint, dass die Zeit des Weglaufens vorbei ist. In mehrfacher Hinsicht.«
Dann kamen die Jem’Hadar. Einer von ihnen tauchte hinter dem Vorsprung von vorhin auf, ein zweiter und ein dritter folgten ihm prompt. Nog schoss und schoss. Drei Mal. Fünf Mal. Und noch immer erschienen Jem’Hadar, tauchten zwischen den Felsen auf und eilten auf ihn zu, als hätte der Tod, den er unter ihnen verteilte, keine Bedeutung. Leichen fielen übereinander, und neue Soldaten sprangen über sie – schneller, als Nog sie erledigen konnte. Die Gegner kamen immer näher. Nur noch wenige Meter, und Nog würde ihren Atem auf der Haut spüren. Jeder Jem’Hadar hatte dasselbe Gesicht.
Das des ersten, der gefallen war.
Das Gesicht Taran’atars.
Nog feuerte unablässig. Und sie kamen weiter, umzingelten ihn, drangen auf ihn ein. Ihre Brutalität und Wildheit überraschten ihn nicht, denn er hatte stets gewusst, dass Taran’atars Contenance nur Fassade gewesen war.
Dann stellte der Phaser in seiner Hand den Dienst ein. Keine Energie mehr. Großartig.
Verblüfft registrierte Nog, dass die Jem’Hadar plötzlich innehielten. Stille. Nur aus der Ferne drang Musik herüber.
Ein in Schwarz gekleideter Soldat trat vor und blieb eine Armeslänge von Nog entfernt stehen. Die Kreatur war riesig. Nog fühlte sich, als bestünden seine Eingeweide aus vorgekochten Gree-Würmern. Um seine Angst zu bekämpfen, konzentrierte er sich auf die fernen Klänge. Hätte Captain Sisko vor über vier Jahren doch nur seine Anmeldung an der Sternenflottenakademie gefördert! Dann wüsste er jetzt, wie er sich verhalten sollte.
Wirre, widersprüchliche Erinnerungen fluteten seinen Geist. Sisko hatte ihn gefördert. Und er hatte es auf die Akademie geschafft. Er war Kadett gewesen, Teil des Omega-Geschwaders, und hatte unter dem Enkel eines berühmten Commodore der Flotte gedient. Als er seinen Abschluss machte, hatte er schon mehr exotische Orte gesehen, als er zählen konnte – von Cardassia Prime bis zu Talos IV. Mehr als vielleicht jeder andere Ferengi.
Auf einmal erkannte er die ätherischen Klänge, die über das karge Land wehten. Er hatte sie an Bord der Sagan gehört, kurz vor dem ersten Auftauchen des fremden Objekts. Die willkürlich, gewunden wirkenden Tonfolgen erinnerten ihn an die Irrealität seiner Umgebung und gaben ihm die Kraft, seinen Fluchtinstinkt zu besiegen. Sie zeigten ihm, dass die Uhr tickte und die interdimensionale »Entwurzelung«, die Sacagawea beschrieben hatte – und die er, Nog, an Bord der Defiant schon mehrfach antesten musste –, nicht mehr fern war.
Nog wusste nicht, wie, aber er wich nicht zurück. Als er sprach, zitterte seine Stimme. »Na, los, Taran’atar. Bringen wir’s hinter uns.«
Kurz nachdem sie die Kathedrale entdeckt hatten, riet Ezri ihm, mit Taran’atar ins Reine zu kommen. Nog fragte sich, ob er genau das soeben tat, absichtlich oder nicht. Vielleicht war das der Grund, aus dem die Kathedrale ihn in die Hölle von AR-558 zurückversetzt hatte.
Taran’atar machte einen Schritt zurück, hob sein blutverschmiertes Kar’takin und ließ die Klinge in Nogs linkes Bein sausen, gleich unterhalb des Knies. Imaginär oder nicht, der Schmerz fühlte sich definitiv real an. Nog brach schreiend zusammen.
Taran’atar beugte sich vor und nahm das abgetrennte Bein, als wäre es eine hart erkämpfte Kriegstrophäe. Mit zufriedenem Grinsen verstaute er es und seine Waffe, dann warf er dem am Boden liegenden Nog ein kleines Metallstück zu.
Einen Kommunikator der Sternenflotte. Zuerst sah Nog das Gerät an, als stünde er neben sich, sei nicht länger Bewohner seines eigenen Körpers. Dann hob er es auf.
Sein Geist war leer, sein Sprachvermögen wie weggeblasen. Einzig sein Blut, das rasend schnell aus seiner Wunde und in den Boden sickerte, blieb in seinen Gedanken. Und doch schaffte er es mit zitternden Fingern, das Ortungssignal des kleinen Geräts zu aktivieren. Ob es noch funktionierte und die Defiant erreichte, vermochte er nicht zu beurteilen. Er wusste ja nicht einmal, ob der Kommunikator real war.
Die Welt kippte zur Seite – wie damals, als er dumm genug gewesen war, beim Trinken mit Vic Fontaines Schlagzeuger gleichzuziehen. »I’ll be seeing you«, glaubte er Taran’atar in absolut unpassender Tenorstimme sagen zu hören. »In all the old familiar places.«
Und kurz bevor er das Bewusstsein verlor, erkannte Nog, dass er vermutlich damit umgehen konnte.
Plötzlich merkte Dax, dass sich seine Umwelt verändert hatte. Das blinde und taube Wesen kannte das eigenartige Gefühl gut, von einem Transporterstrahl auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt zu werden. Es kannte sogar unsanftere Beamvorgänge als den, den es eben erlebt haben musste. Doch dieser fremde Beiklang war neu.
Dax war noch immer frei, so euphorisch frei, wie er es nach seiner abrupten Trennung von Ezri Tigan gewöhnt war. Der Symbiont spürte die Flüssigkeit um sich, trieb sanft in ihr. Doch wo er trieb, hatte sich grundlegend verändert. Es ergab keinen Sinn, aber der Salzgehalt und die Zusammensetzung der Mineralien in diesem Wasser ließen keinen anderen Schluss zu. Selbst mit den begrenzten Sinnen eines Symbionten blieb dieser Ort unverkennbar.
Mak’ala. Ich bin nach Hause zurückgekehrt, irgendwie, aus den entlegensten Winkeln des Gamma-Quadranten.
Der Erkenntnis folgte die Sorge. Dax hatte es nie gemocht, Zeit an diesem Ort zu verbringen. Im Gegenteil, er hatte sich stets bemüht, die Intervalle zwischen den Wirten, in denen er darauf angewiesen war, sich hier zu erholen, so kurz wie möglich zu halten. Wer zu lange in diesem komplexen Netzwerk aus Höhlen verweilte, wurde verwundbar. Zumindest hatte es den Anschein.
Nach Lelas Tod, der ersten von Dax’ Wirten, hatte er in diesen Seen von Raubtieren geträumt – augenlosen Kreaturen, die in den Höhlen umhergeirrt waren, bis ihre Sinne sie zu den unwissenden Symbionten führten. Der Rest des Traums hatte aus offenen Mäulern und scharfen Zähnen bestanden, aus Leben, die plötzlich und schmächlich im nach Fäulnis stinkenden Rachen eines brutalen Räubers endeten.
Hör auf, sagte Dax sich. Derartige Wesen gab es doch gar nicht mehr. Dafür hatten die humanoiden Trill, die sich um die Seen kümmerten, schon vor langer Zeit gesorgt.
Doch die Sorge blieb.
Dax wünschte sich, er hätte vor seiner Trennung von Ezri Tigan eine neue Verbindung arrangieren können. Doch diese war ohne Vorwarnung geschehen. Wie lange die Symbiosekommission wohl brauchte, um ihm einen neuen Wirt zuzuteilen? Nicht lang, hoffte er. Seine vielen Lebenserfahrungen waren zu wertvoll für die Föderation, um sie ungenutzt ruhen zu lassen. Die Kommission wusste das.
Dax dachte an Ezri. Er hoffte, die plötzliche Trennung ihrer gemeinsamen Einheit war für sie schmerzfrei verlaufen. Und er dankte ihr für all die Mühen, die sie auf sich genommen hatte, als ihre so übereilte Symbiose Tatsache geworden war. Die Begegnung mit dem fremden Objekt hatte diese Symbiose zum Scheitern verurteilt oder ihr Scheitern zumindest beschleunigt. Ezri war nun nur noch ein weiterer Teil von Dax’ Vergangenheit und würde es vermutlich bleiben. Dax schämte sich dafür, aber es hatte etwas Erleichterndes an sich, Ezris mitunter wirre Gedankengänge los zu sein. Der Teil von ihm, der sich an Audrids Vorliebe für friedliche Waldspaziergänge erinnerte, genoss die wiedergefundene Freiheit.
Dax streckte seine Sinne aus, untersuchte seine flüssige Umgebung. Wie erwartet, war er in diesem See nicht allein. Er bewegte sich vor und zum Rand, spürte die Felswände rings um sich. Den endlichen, aber nicht engen Raum, in dem er sich befand. Dax wusste, dass er sein ganzes Universum sein würde, bis die nächste Symbiose des Weges kam. Die weiten, weniger einengenden Welten dort draußen waren bedeutend verlockender. Der Symbiont spürte eine enge, scheinbar einladende Passage vor sich. Audrid und Lela war unwohl zumute, eine derart enge Umgebung zu betreten, doch Tobins und Jadzias neugieriges Wesen überlagerte die impulsive Vorsicht. Dax bewegte sich voraus, gewillt, sich allem zu stellen, was da kommen mochte.
Sobald er die enge Passage erreicht hatte, wurde der Symbiont schneller. Er dachte an Emony und ihre Liebe für die Kinästhetik. Der enge Kanal weitete sich schnell wieder, und Dax gelangte in ein neues unterirdisches Becken. Es schien unendlich zu sein. Mithilfe seiner Sinne erfasste er andere Formen vor sich, doch es waren keine Symbionten. Tobins Furcht stieg, als die Formen näher kamen, doch Curzons und Jadzias kriegsgestählte Courage parierte sie.
Die Formen wurden größer, komplexer. Es waren weder gliedmaßenfreie Symbionten noch Raubtiere mit Rasiermesserzähnen. Erleichtert registrierte Dax, dass sie Arme, Beine und Köpfe hatten. Sie waren Humanoide, allesamt so nackt wie Symbionten. Und sie waren zu neunt. Sie schwammen um ihn herum, allem Anschein nach emotional aufgewühlt. Die Bewegungen ihrer Arme und Beine schickten chaotische, überlappende Wellen durch das Becken – Vibrationen, die Dax an die Himmelsmusik der Oort-Wolke nahe dem fremden Artefakt erinnerten. Dax streckte seine bioelektrischen Fühler aus und berührte ihre Gesichter.
Als er von einem zum nächsten glitt, erkannte er schnell, wer diese Humanoiden waren. Und obwohl er die Absurdität der Situation begriff, wusste er auch, dass er sich nicht irrte.
»Du wusstest bereits seit einem Jahrhundert, was kommen würde«, sagte Audrid, und irgendwie erklang ihre Stimme direkt im Geist des Symbionten. Es war offenkundig, dass Audrid sich nicht um die Absurdität – um die Unmöglichkeit – ihrer Anwesenheit scherte.
»Eher anderthalb Jahrhunderte«, korrigierte Torias, der neben ihr schwamm.
»Und dennoch hat er nichts getan.« Das war Lela.
»All die Jahre«, sagte Torias. »All die Leben. Und du verbummelst sie in der Galaxis.«
»Warum hast du nicht wenigstens versucht, jemanden zu warnen, Dax?«, fragte Emony anklagend.
Dax war verwirrt. Ich weiß nicht, wovon ihr alle sprecht.
»Das mag sein.« Diese Stimme gehörte Joran Belar – einem Mann, dessen Sinn für Ästhetik nur von seinem psychotischen Blutdurst übertroffen worden war. Dax hatte sich Ende des vorigen Jahrhunderts aus dieser Verbindung befreit.
Du bist die letzte Person, die ich zu treffen erwartet hätte, sagte Dax. Hier und anderswo.
»Du siehst, was du sehen willst, Dax«, erwiderte Joran. »Du warst schon immer ein Meister darin, die Aspekte deines Selbst zu unterdrücken, denen du dich lieber nicht stellen willst.«
»Glasklare Ignoranz«, sagte Ezri in ihrem besten Counselor-Tonfall.
»Warum lässt du sie nicht zu?«, wollte Tobin wissen.
Zulassen? Was zulassen?
Jadzia ergriff das Wort. »Deine Albträume, Dax.«
Dax entsann sich der Visionen zuschnappender Hauer, die nach Lela begonnen hatten. Des Schreckens und der Hilflosigkeit, die stets mit ihnen einhergegangen waren.
Und er erinnerte sich an etwas anderes. Etwas, das ihm seit Audrids Tagen nicht mehr in den Sinn gekommen war. Der Teil von ihm, der Ezri war, fragte sich einen Moment lang, ob die angstvolle Stimmung, die diese Becken bei ihm hervorriefen, irgendwie mit den Ereignissen jenes schrecklichen, lange vergangenen Tages verbunden war. Ob sie mit dem unfassbaren Albtraum verwandt war, der den armen Jayvin Vod mit Haut und Haar verschlungen und Audrid sowie ihre Familie so viele Jahre gepeinigt hatte …
Plötzlich stieg Verads Zorn in ihm auf. Wie konnten es seine alten Wirtskörper wagen, derart schmerzliche Erinnerungen heraufzubeschwören? Meine Albträume sind meine Sache.
»Da irrst du dich«, sagte Curzon. »Schon bald wird die gesamte Galaxis sie erleben.«
»Es sei denn, du verbindest dich wieder mit Ezri«, ergänzte Audrid. »Und warnst alle.«
Weshalb Ezri?
»Weil wir beide an Bord der Defiant sind«, antwortete diese. Ihre Wut war nahezu greifbar. »Hör mal, mir gefällt dieser Verbindungskram genauso wenig wie dir, aber wir sind fern der Heimat und können es uns nicht leisten, auf eine passendere Kombination zu warten.«
Aber deine Gedanken sind so … gewunden. Unorganisiert. Unsubtil. Ohne dich bin ich besser dran.
»Gleichfalls, Würmchen«, sagte Ezri. »Aber ich bin bereit, ein Opfer fürs Team zu bringen, wenn du’s bist.«
Tobin lachte humorlos. »Unsubtile Gedanken sollten gerade jetzt von Vorteil sein, Dax. Mir scheint, unser ganzes Problem entstand erst aus zu viel Subtilität.«
»Zumindest ist sie der Grund dafür, dass es erst jetzt richtig zum Vorschein kommt«, ergänzte Curzon. »Vielleicht sind wir schon über den Punkt hinaus, an dem wir noch etwas unternehmen können. Aber durch Warten erreichen wir gar nichts.«
»Du weißt, was du tun musst, Dax«, sagte Audrid noch, dann wandten sich alle Neun von ihm ab. Sie schwammen scheinbar mühelos in die Ferne zurück und verschwanden schließlich aus Dax’ Wahrnehmungsbereich.
Von sorgenvollen Gedanken geplagt, entging Dax fast, dass sich weitere Formen näherten. Erst als sie dicht bei ihm waren, bemerkte er sie – und diesmal waren es Dutzende. Abermals nackte Humanoide, doch er kannte kein einziges Gesicht. Da waren Trill beiderlei Geschlechts, aber auch Vertreter anderer Spezies. Dem Wenigen nach zu urteilen, was er an ihren spezifischen Morphologien erkennen konnte, musste es sich um Vulkanier, Andorianer, Tellariten, Rigelianer, Orioner, Ferengi, Romulaner und Klingonen handeln. Selbst Vorta und Jem’Hadar befanden sich in der bizarr anmutenden Leibermenge. Föderationsangehörige, Verbündete, Feinde – manche dieser Wesen konnte Dax nicht einmal Völkern zuordnen.
Und alle waren tot. Ihre Körper waren zerstört, zerrissen von Gewalten, wie Dax sie nur ein einziges Mal zuvor gesehen hatte. Die Erinnerung an damals war unerträglich.
Irgendwo in dem Leichenmeer bewegte sich etwas, und dann glitt ein Körper schnell auf den Symbionten zu.
Dax fragte sich kurz, ob der Raubtieralbtraum zurückgekehrt war, um seine Saat zu ernten. Dann erkannte er die Gestalt: Ezri Tigan war zurück.
»Also, was sagst du, Würmchen?«, fragte sie.
Und Dax ergab sich der Logik, die schon Curzon und Jadzia geprägt hatte. Er begriff, dass er es nicht länger aufschieben konnte. Die Zeit des Schweigens ist vorbei. Wir werden uns den alten Lügen stellen. Gemeinsam.
Ezris Reaktion bestand aus einem Lächeln. Es verschwand in einem Strudel aus Wasserblasen, als das Universum plötzlich von innen nach außen gekehrt wurde.