KAPITEL 12
Gul Macet hatte das Shuttle der Trager persönlich gesteuert, unterstützt von seiner jungen Assistentin Norit. Weshalb er das Bedürfnis zu fliegen verspürt hatte, wusste er nicht zu sagen. Wollte er seine Fähigkeiten nicht einrosten lassen oder gar vor Vedek Yevir angeben? Vermutlich lag die Wahrheit irgendwo dazwischen.
Er landete das Shuttle auf offenem Gelände zwischen den Ruinen von Lakarian City. Sie lagen an der Küste von Cardassia Primes größtem Kontinent, Süd-Forbella. Die Dämmerung war nahe, und die untergehende Sonne warf lange Schatten auf das endlos scheinende Trümmermeer. Einst hatte Lakarian City zu den beliebtesten Urlaubszielen des Planeten gehört und von bunter Kinderunterhaltung bis hin zu Vergnügungen entschieden erwachsenerer Art alles zu bieten gehabt. Ihr Landeplatz lag zwischen den Ruinen einer früher als Krendalee bekannten Gegend. Dort war ein großer Freizeitpark gewesen, bis er – und der Großteil der Stadt mit ihm – in den letzten Stunden des Dominion-Krieges ausradiert wurde. Bisher hatte niemand mit dem Wiederaufbau begonnen, weil die provisorische Regierung ihre Ressourcen woanders einsetzte – in Macets Augen ein gravierender Fehler. Cardassias demoralisierte Milliarden hatten vor dem Dominion ein gutes Leben geführt. Sie brauchten den Eskapismus, den ein Ort wie Lakarian City bot, heute mehr denn je.
Macet trat aus dem Shuttle, und Norit, Yevir und zwei Sicherheitskräfte folgten ihm. Die beiden verteilten sich und suchten mit gezückten Waffen die Umgebung ab. Laut den schon im Orbit durchgeführten Scans befanden sich sieben Cardassianer in dieser Gegend – zwei mehr, als Klerikerin Ekosha angegeben hatte. Was die Identität des einen anging, hatte Macet eine Vermutung, der andere blieb ein Rätsel.
Yevir rümpfte die Nase, bis sich seine Riffel wie ein Fächer zusammenzufalten schienen. »Die Luft hier … Ist sie giftig?«
»Das ist der Geruch von Trandagh am Morgen«, sagte Macet und atmete tief ein. »Vermutlich vermischt mit dem Staub pulverisierter Gebäude.« Schweigend gingen sie durch die Trümmer, bis Macet nach ein paar Augenblicken fortfuhr. »Viele Ihres Volkes würden diesen Anblick wohl als angemessene Strafe für die Besatzung interpretieren. Und doch scheinen wir nach Kriegsende weit stärker am Boden zu sein, als es selbst das unterdrückte Bajor je war.«
»Es steht Ihnen frei, dieser Meinung zu sein, Gul Macet«, erwiderte Yevir in so scharfem Ton, dass Macet wusste, eine wunde Stelle getroffen zu haben.
»Bitte verzeihen Sie mir«, sagte er. »Es war nicht meine Absicht, das Leid, das wir über Ihr Volk brachten, zu trivialisieren.«
Yevir beäugte ihn kurz, nickte dann und akzeptierte damit die Entschuldigung.
»Sir«, sagte Norit plötzlich. »Sechs Lebenszeichen nähern sich uns.« Dabei deutete sie mit dem tragbaren Scanner in ihrer Hand auf ein Gebäude – eine Art Theater –, dessen Fassade verkohlt und verwittert aussah. Aus den Schatten an seiner Seite trat eine Gruppe Cardassianer und kam auf sie zu. Sie wurde von einer großen Frau angeführt. Sie war schön, trug ein geschmücktes Gewand, und ihr langes Haar fiel ihr wallend über die Schultern. Hinter ihr kamen mehrere Männer und Frauen in schlichteren Gewändern. Macet schätzte, dass sich in ihren Taschen diverse Kleinstwaffen befanden – vermutlich eher Klingen als Energiewaffen. Eine der Frauen war kleiner und älter als der Rest. Neben ihr trottete ein milchgesichtiger Bursche, der noch ein Teenager sein musste.
»Willkommen in Lakarian City«, grüßte die Anführerin verbittert. »Oder dem, was davon übrig ist. Sie sind Gul Macet.«
Macet nickte knapp und deutete auf den Bajoraner an seiner Seite. »Dies ist Vedek Yevir Linjarin.« Dann stellte er seine Assistentin vor und zeigte zuletzt auf die Trümmer. »Meine anderen zwei Begleiter suchen dort hinten nach möglichen Angreifern. Sie sagten, Ihre Gruppe umfasse fünf Personen, und doch stehen hier sechs.«
»Verzeihung, Macet«, bat die Frau und zeigte auf den Jungen. Sein Mund stand offen, und er starrte Macet ungläubig an. »Als der junge Mann von Ihrem Kommen erfuhr, bestand er darauf, uns zu begleiten. Er sagte, er habe Krendalee schon immer sehen wollen. Leider hatte sein Vater nie die Zeit, ihn herzubringen.«
Irgendetwas an dem Burschen kam Macet vertraut vor. Etwas an seinen Augen, seinen Stirnwülsten. Er konnte es nicht benennen. »Na, jetzt ist nicht mehr viel zu sehen, was, Kleiner?«, sprach er ihn an.
Der Junge spuckte aus, direkt vor Macets Füße. Dann drehte er sich um und rannte zu den Überresten einiger umgestürzter Bäume.
Macet grinste bitter und wandte sich der alten Frau zu, die neben dem Knaben gestanden hatte. »Ich muss zugeben, dass ich diese Reaktion von Bajoranern gewöhnt bin, aber nicht von meinen eigenen Landsleuten. Wollen Sie sich nicht erklären, Klerikerin Ekosha?«
Die alte Frau wirkte überrascht. Die Größere wollte schon zu sprechen beginnen, da hob die Matrone die Hand und gebot ihr, still zu sein. »Wie haben Sie mich erkannt?«, fragte sie den Gul. »Wir sind uns nie begegnet.«
»Militärisches Training«, antwortete dieser schlicht. »Und nach all den Betrügereien der vergangenen zwei Kriege … Sagen wir einfach, ich erkenne ein Täuschungsmanöver, wenn ich es sehe, Ekosha.« Er nickte in Yevirs Richtung. »Nun, da wir alle versammelt sind und die Vorstellungsrunde hinter uns haben, lassen Sie uns zur Sache kommen. Die Zeit ist knapp. Wenn unser Plan Früchte tragen soll, müssen wir schnell handeln.«
Die Alte nickte, und die andere Frau trat zurück in die Gruppe. »Als Sie mich erstmals kontaktierten, war ich skeptisch, Macet. Der Oralianische Weg ist schon so lange im Untergrund. Jahrelang wurden jene verfolgt, die Oralius verehren, und die Erste Hebitianische Zivilisation mit ihnen. All das ließ uns vorsichtig werden. Wir öffnen uns nicht jedem.«
»Soweit ich weiß, wurde der Oralianische Weg kürzlich legalisiert«, sagte Yevir.
Ein bitteres Lächeln erschien auf Ekoshas faltigem Antlitz. »Es besteht ein großer Unterschied zwischen der Legalisierung und der Akzeptanz einer Religion. Ja, es verstößt nicht länger gegen cardassianisches Recht, Oralianer zu sein. Aber werden wir deshalb willkommen geheißen? Toleriert? Selbst nun, am Neubeginn unserer Kultur, setzen die der alten Garde – zumeist ehrgeizige Politiker und Militäranführer – alles daran, uns klein und verängstigt zu halten. Viele unserer Versammlungsorte brannten, viele unserer furchtloseren Anführer wurden verprügelt oder verschwanden in der Tiefe der Nacht. Also zogen wir uns wieder in den Untergrund zurück. Bevor uns die Märtyrer ausgingen.«
»Ich versichere Ihnen, dass unsere Absichten weitaus nobler sind, Klerikerin«, sagte Macet und hoffte, sie glaubte ihm. Falls nicht, war dieses ganze Unterfangen eine grandiose Verschwendung von Zeit und Energie.
»Würde ich das nicht bereits glauben, Macet, wäre ich jetzt nicht hier, um Sie zu treffen.«
»Macet arrangierte unsere Zusammenkunft auf meine Bitte hin«, sagte Yevir und trat vor. »Ich bin wegen des diplomatischen Stillstands zwischen Bajor und Cardassia zutiefst bekümmert. Unsere Welten können nur gesunden, wenn wir die ältesten Wunden zuerst heilen lassen.«
Ekosha lächelte bitter. »Ich schätze, diese Wunden werden deutliche Narben hinterlassen.«
»Vermutlich«, sagte Yevir. Ihre Unterbrechung schien ihn nicht zu kümmern. »Jedenfalls tritt Bajor morgen der Föderation bei. Stellen Sie sich vor, was es bedeuten wird, wenn wir jetzt Frieden zwischen unseren Völkern schaffen. Für unser beider Welten.«
»Und welchen Nutzen brächte Ihnen beiden ein solcher Durchbruch?«, fragte Ekosha und sah von Yevir zu Macet und zurück. »Sie wollen Bajors Kai werden. Und wenn ich nicht falsch informiert bin, sind Sie gewillt, eine radikale Religion zu unterdrücken, um dieses Ziel zu erreichen. Macet hingegen will Respekt und endlich aus dem Schatten des Mannes treten, den ganz Bajor verabscheut. Von vielen Cardassianern ganz zu schweigen, die nicht vergaßen, mit wem unser Abstieg ins Chaos begann.«
Mehrere Fragen schossen Macet durch den Kopf, eine beunruhigender als die andere. Hat sie recht? Lügen Yevir und ich uns in die Tasche, wenn wir glauben, dass wir hergereist sind, um Frieden zwischen unseren Welten zu schaffen? Geht es hier wirklich nur um unsere Egos?
Yevir schien ähnliche Sorgen zu hegen. Im Gegensatz zu Macet hatte er aber eine Erwiderung parat. »Ich schwöre Ihnen, Klerikerin Ekosha – ohne Aber und ohne Zweifel –, dass ich einzig zum Wohl meines Volkes handele. Um dies zu tun, muss ich auch zum Wohle des Ihren handeln.«
Dann tat er etwas, womit Macet nicht gerechnet hatte. Er zog sich den Ohrring aus und warf ihn zu Boden. Als Nächstes war das Gewand dran. Yevir entledigte sich ihm und ließ es achtlos auf das Schmuckstück fallen. Schließlich stand er in einer schlichten weißen Kutte da. Doch was ihm an Pomp fehlte, machte er nun durch würdevolle Haltung und Mut wett. Bisher hatte Macet nicht geglaubt, dass Yevir diese Eigenschaften überhaupt besaß, doch nun sah er sich eines Besseren belehrt.
»Ich will nicht abstreiten, dass ich von einer in letzter Minute gefundenen Einigung zwischen Bajor und Cardassia profitieren könnte. Doch wenn der Preis für diese Einigung darin besteht, dass ich all das, was mich zu einem Vedek macht, ablege, so tue ich es gern. Ich stehe nicht als Kai-Kandidat vor Ihnen, nicht als Repräsentant einer Religion. Ich bin nur aus einem Grunde gekommen: um unsere Völker einander nahezubringen – ohne Zwang, ohne Druck. Selbst ohne den sanften Zwang, den die Föderation darstellen wird.« Er breitete die Arme aus. »Und ich bitte Sie, sich genauso zu verhalten. Vergessen Sie die Frage, ob unser Bündnis den Oralianern die Möglichkeit verschafft, aus ihren Bunkern zu kommen. Fragen Sie sich stattdessen, was für Ihr Volk das Beste sein wird. Sie wissen so gut wie ich, dass es eines Tages wieder Krieg zwischen uns geben wird, wenn jetzt kein Frieden entsteht. Wenn sich Bajor und Cardassia einander nicht ohne fremde Hilfe öffnen, werden alte Vorurteile auf beiden Seiten Wurzeln schlagen. Wir können unsere Wunden heilen, Ekosha! Aber nur, wenn wir jetzt gemeinsam handeln.«
Yevir reichte der untersetzten Frau die Hand, die diese ansah, als würde sie sich gleich in ein giftiges Reptil verwandeln. Macet war, als drehte sich das Rad der Geschichte vor seinen Augen. Ungeachtet der Zweifel, die er noch immer für seine eigenen Motive hegte, wusste er plötzlich, dass Yevir die Wahrheit sprach. Er bedauerte, wie hart er mit Colonel Kira umgegangen war, als er sie wegen der Unnachgiebigkeit ihrer politischen Anführer tadelte. Diese Bajoraner sind ein bemerkenswertes Volk.
Yevirs Worte hatten etwas in der Oralianerin zum Klingen gebracht. Ekosha streckte die Arme aus und ergriff Yevirs Hand mit den ihren. »Ich bin nicht senil genug, um zu hoffen, ein solcher Frieden brächte dem Oralianischen Weg den Respekt, den er verdient. Ich hänge jedoch auch nicht so sehr am Leben, dass ich mich ewig verstecken will.«
Macet bemühte sich, den Jubel zu ignorieren, der in ihm aufsteigen wollte. Als geübter Kotra-Spieler müsste er den nächsten Zug eigentlich voraussehen können. Doch er kam nur auf eine weitere beunruhigende Frage. Diesmal zögerte er nicht, sie zu stellen. »Wie erarbeiten wir ein Friedensabkommen, wenn schon unsere erfahrensten Diplomaten daran scheitern?«
Yevirs Antwort kam ohne Zögern. »Die Propheten werden uns leiten, Gul Macet.« Er lächelte zufrieden.
»Ich hätte da einen Vorschlag«, rief plötzlich eine Stimme aus den Schatten am Fuße eines nahe gelegenen Schutthaufens. Aus dem Dunkel trat ein Cardassianer mittleren Alters, mit schlankem und durchtrainiertem Körper und zurückgekämmten Haaren. Freundlich lächelnd, trat er auf Yevir und Macet zu und streckte die Hand aus, um die ihren zu schütteln. Macet ahnte, dass er diese Gepflogenheit im Laufe seiner Jahre unter Menschen und Bajoranern aufgeschnappt hatte.
»Gul Macet«, grüßte der Neuankömmling. »Immer wieder eine Freude. Sie wirken gut in Form. Und vertraut. Der Junge mit den schlechten Manieren heißt übrigens Mekor. Einer von Skrain Dukats Söhnen. Ich glaube, er machte vorhin seinem ehrlichen Bedauern Luft, dass sein Vater nie Zeit hatte, mit ihm in diesen schönen Park zu gehen, als es ihn noch gab.«
Dann wandte er sich dem nur halb bekleideten Bajoraner zu. »Vedek Yevir. Es tut gut, Sie endlich persönlich kennenzulernen. Ich habe viel über Sie gelesen und muss gestehen, nicht einmal im Traum erwartet zu haben, ein Mitglied des bajoranischen Klerus je so textilfrei zu sehen. Zumindest nicht mehr, seit ich die Herrenausstatterbranche verließ. Mein Name ist Elim Garak. Und ich glaube, ich kenne die Lösung für unser Problem.«