KAPITEL 6
Die Begegnung mit dem rätselhaften Objekt hatte den wichtigsten Systemen der Sagan nicht geschadet, und Ezri war dankbar dafür. Dennoch dauerte der Rückflug aus den Tiefen der Oort-Wolke im System GQ-12475 zur Defiant nahezu vierzig Minuten, weil auf Impulsenergie zurückgegriffen werden musste. Noch auf dem Weg informierte Commander Vaughn das Außenteam über die Rolle, die die Defiant bei der Auseinandersetzung der zwei rivalisierenden Raumschiffe gespielt hatte, und gab einen Überblick über die schwersten Verletzungen, zu denen es unter der Besatzung des schlechter bewaffneten Schiffes gekommen war. Schwester Krissten Richter hatte mehrere Offiziere spontan zu Sanitätern ernennen müssen, um der Verwundeten Herr zu werden.
Ezri hoffte, dass Krissten nicht vergeblich um sie kämpfte. Julians Gehilfin mochte kompetent sein, war aber nur eine Assistenzmedizinerin, keine Ärztin. Verständlich, dass Julian so nervös wirkte.
Endlich erschien die Defiant auf den Monitoren, und das gebeutelte fremde Schiff mit ihr. Es hielt seine Position etwa zweihundert Meter backbord von ihr. Ezri betrachtete die schwarzen Striemen auf seiner Hülle, offensichtlich das Resultat einer unglücklichen Begegnung mit konzentriertem Phaser- oder Disruptorfeuer, und bemühte sich, ihre wachsende Anspannung zu ignorieren. Das Schiffsinnere lag nahezu vollständig im Dunkeln. Nur außen hoben verborgene Lichtquellen die Konturen der langen, unregelmäßig geformten Hülle hervor.
Ezri überließ es Nog, das Shuttle zu steuern, und sah zu Julian auf, der direkt hinter ihrem Sessel stand und das fremde Schiff mit nervöser Miene betrachtete. Sie nahm seine Hand und drückte sie sanft, während Nog die Sagan auf die Unterseite der Defiant zuflog. Julian erwiderte den Händedruck, doch seine Miene veränderte sich nicht. Ezri wusste, dass er gedanklich längst nicht mehr bei ihr war.
»Bashir an Defiant. Bitte beamen Sie mich sofort auf die Krankenstation.«
Die klare Tenorstimme des Junior-Ingenieurs Jason Senkowski drang aus dem Lautsprecher. »Verstanden.«
Ezri ließ Julian los, woraufhin er einen Schritt zurück machte. Da Nog anderweitig beschäftigt war, erlaubte sie sich, Bashir ein stummes »Ich liebe dich« zuzuhauchen. Dann entriss ihn der schimmernde Transporterstrahl ihrem Blick. Einen Moment später war die Sagan im Hangar der Defiant und auf ihrer gewohnten Parkposition. Hinter ihr schlossen sich die Hangartüren wieder.
Plötzlich war Ezri, als drehte sich ihr der Magen um. Nein – für einen absurden Augenblick glaubte sie, der Dax-Symbiont versuche, aus ihrem Körper zu fliehen!
»Alles in Ordnung, Ezri?«
Erst jetzt wurde ihr Nogs besorgter Blick bewusst. Sie öffnete den Mund zu einer Antwort und hörte entsetzt, wie ein unschmeichelhafter und völlig uncharakteristischer Rülpser herauskam. Es ist achtzehn Monate her, dass ich mich zuletzt auf eine Steuerkonsole übergeben musste. Warum zum Donnerwetter sollte ich also ausgerechnet jetzt wieder raumkrank werden?
Sie lächelte schwach und begann, Systeme herunterzufahren und ihre Konsole in den Bereitschaftsmodus zu überführen. »Alles okay. Ich scheine das Mittagessen nicht vertragen zu haben.«
»Ich habe Sie gewarnt«, sagte Nog grinsend. »Sie hätten die Rohrmaden nehmen sollen.«
Allein der Gedanke daran genügte, um Ezri davon zu überzeugen, dass ihr Gesicht mindestens so grün wurde wie die Skut-Fische, die auf den Gründen der Ozeane Trills lebten.
Nog schien das ebenfalls bemerkt zu haben. »Vielleicht sollte ich die Nahrungsreplikatoren der Sagan mal wieder unter die Lupe nehmen.«
Galle schoss Ezris Kehle hoch. »Ehrlich gesagt ist Essen momentan nicht gerade mein Lieblingsthema, Nog. Parken wir einfach dieses Shuttle, okay? Wir müssen auch noch die fremdartigen Daten zur Brücke übertragen.«
Er nickte, berührte eine Komm-Konsole und rief Lieutenant Bowers.
»Brücke. Bowers hier.«
»Sam, ich schicke Ihnen eine ziemlich große Datei an Ihre Station«, meldete Nog und kratzte sich am Bein.
»Ich sehe sie«, erwiderte Bowers. »Kommt gerade rein. Was ist das?«
»Text. Fremder Text. Wir brauchen eine Übersetzung und eine linguistische Analyse.«
Nun war es an Ezri, stutzig zu werden: Nog kratzte sich noch immer – und zwar, wie sie mit gehöriger Überraschung bemerkte, an seinem linken Bein. Dem biosynthetischen!
»Ganz schön stramme Datei«, sagte Bowers und pfiff beeindruckt. »Megaquad auf Megaquad.« Ezri hörte ihn einen Witz über »Milliarden und Milliarden« zitieren, der offenbar fälschlicherweise dem menschlichen Namensgeber der Sagan zugeschrieben wurde, und wünschte, sie könnte darüber lachen. Doch die Übelkeit blieb stärker.
»Danke, Sam. Nog Ende.« Der Ingenieur kratzte sich noch immer.
Die Sorge um ihn ließ Ezri ihre eigenen vergessen, als sie in den »einfühlender Counselor«-Modus wechselte. Auch nach drei Monaten im Kommandobereich hatten ihre diesbezüglichen Instinkte nicht nachgelassen. Und im Moment war sie ohnehin für jede Ablenkung von ihren unruhigen Innereien dankbar. »Machen Ihnen die Phantomschmerzen noch immer zu schaffen?«, fragte sie, obwohl sie wusste, wie ungern Nog über seine Prothese sprach. Wenn überhaupt, dann musste man das Thema bei ihm ohne lange Vorrede anschneiden.
»Eigentlich nicht«, antwortete er, als würde ihm eben erst bewusst, was er tat. »Normalerweise denke ich kaum daran. In den ersten Monaten nach AR-558 war es bedeutend schlimmer. Inzwischen merke ich’s nur noch gelegentlich. Das Jucken, meine ich.«
Ezri legte die Stirn in Falten. Ein Verdacht stieg in ihr auf. »Ich frage mich …« Sie brach ab, dachte nach.
»Was denn?«
»Nog, stört es Sie, wenn ich kurz auf Counselor umschalte?«
Er grinste nur. »Ich verstehe schon: Kostenloser Rat ist selten günstig.«
»Ich berechne Ihnen nichts dafür, versprochen. Ich frage mich nur, ob die Rückkehr Ihres psychosomatischen Leidens auf Stress zurückzuführen ist.«
Nog wirkte skeptisch. »Sie meinen eine späte Aufarbeitung von AR-558? Na ja, diese Schlacht war die Hölle und kostete mich ein Bein, aber …«
»Ich denke, hier geht es nicht nur um AR-558«, unterbrach sie ihn. »Zumindest nicht unmittelbar. Sondern vor allem um Taran’atar.«
Er starrte sie an. »Das verstehe ich nicht.«
»Seit er auf DS9 ist, sind Sie gezwungen, Seite an Seite mit einem Jem’Hadar-Soldaten zu leben.«
»Ach, und weil mir ein Jem’Hadar bei AR-558 das Bein wegschoss …«
Die Formulierung ließ Ezri das Gesicht verziehen. »Hört sich an, als wüssten Sie, worauf ich hinauswill.«
»An so etwas habe ich auch schon gedacht«, murmelte Nog mit finsterer Miene. »Jedenfalls: Je weniger ich von einem Jem’Hadar zu sehen bekomme, desto besser. Finde ich.«
Die Vehemenz, mit der er seine Schlussfolgerung verkündete, verblüffte Ezri. »Warum das?«
Der junge Ferengi zögerte. Er schien sorgfältig abzuwägen, wie viel er preiszugeben bereit war. Ezri wollte schon das Thema wechseln, als er endlich antwortete. »Kurz vor unserem Aufbruch in den Gamma-Quadranten lief ich Taran’atar über den Weg. Die Begegnung bewies mir, dass ich ihn von Anfang an richtig eingeschätzt habe.«
Abermals klingelten Ezris Counselor-Alarmglocken lautstark. »Wie meinen Sie das?«
»Jem’Hadar sind kaltblütige Killer. Allesamt. Nichts kann das ändern, nicht einmal ein direkter Befehl von Odo.« Nog wandte sich um, als müsste er sich plötzlich auf eine Konsole konzentrieren.
Schweigend schalteten sie die Sagan ab. Ezri unterrichtete Commander Vaughn darüber, dass sie auf dem Weg zur Brücke seien, um einen ersten Bericht über das fremde Objekt zu erstatten. Dann traten sie und Nog in den engen Hangar hinaus, erreichten den angrenzenden Korridor und begaben sich zum Turbolift.
»Brücke«, wies Nog das Gefährt leise an.
»Taran’atar ist nicht für das verantwortlich, was Ihnen bei AR-558 widerfuhr«, sagte Ezri, bemüht, ihren Tonfall ruhig und neutral zu halten.
»Richtig. Aber er sorgt dafür, dass ich es nicht vergesse. Allein durch seine Anwesenheit. Auch deswegen war ich froh, mich dieser Mission anschließen zu können: keine unnötigen Erinnerungen.«
Autsch, dachte Ezri. Das habe ich nun davon, Counselor und Erster Offizier sein zu wollen. Trotzdem: Sie hasste es, in Gefühlsdingen offene Enden zu hinterlassen. »Lassen Sie nicht zu, dass sich alter Hass in Ihnen festsetzt. Langfristig gesehen bringt er Sie nicht weiter.«
Der Turbolift hatte die Brücke gerade erreicht, da hieß Nog ihn, anzuhalten. Ezri sah Schweißperlen auf seiner haarlosen Stirn glitzern.
»Ezri, ich weiß Ihre Hilfe zu schätzen, aber es geht mir gut. Ich bin ausgebildet worden, jede Art von Befehl zu befolgen – also verkrafte ich es auch, einen Jem’Hadar auf der Station zu wissen. Allerdings kann mir niemand befehlen, mich darüber zu freuen. Oder den Jem’Hadar dafür zu vergeben, dass ich nur noch ein Bein habe.«
Sie nickte. Dann bat sie den Computer, die Tür zu öffnen. Einen Moment später glitt sie zischend zur Seite. Schweigend ging Nog voraus.
Nein, Nog. Ich kann Ihnen Vergebung nicht aufzwingen. Sie können sie nur durch eigene Kraft erreichen.
Das Dutzend Insektoider, das Commander Vaughn auf die Krankenstation hatte beamen lassen, litt unter einer ganzen Menge an Verletzungen. Manche wiesen Verbrennungen dritten Grades auf, andere offene Wunden oder Knochenbrüche. Nur zwei waren bei Bewusstsein, doch die Laute, die sie von sich gaben, fand der Universalübersetzer offenkundig genauso unverständlich wie Bashir. Die hochgewachsenen Wesen sahen auf den für sie viel zu kleinen Biobetten recht bizarr aus, und ihre schwarzen Exoskelette aus Chitin wirkten auf Bashir wie eine Kreuzung zwischen Holzbrettern und Riesenversionen der Krustentiere, die sein Vater manchmal auf Invernia II fing. Die Wesen hatten nahezu perfekt gerundete Schädel, und ihre dunklen Gesichter erinnerten auf eigenartige Weise gleichzeitig an Gottesanbeterinnen und Seelöwen.
In ihren tiefen, schwarzen Augen schien jedoch etwas anderes zu liegen. Etwas, das gleichermaßen vertraut und beruhigend wirkte, auch wenn Bashir sich den Eindruck nicht erklären konnte.
Er, Ensign Krissten Richter und zwei Pfleger gingen gerade ihrer Arbeit nach, steckten quasi bis zu den Ellbogen in den Körperflüssigkeiten der Fremden, und versorgten die Patienten, so gut es ging. Bashir gestattete sich einen mentalen Ausflug in das imaginäre Zimmer, in dem er seine Kindheitserinnerungen aufbewahrte. Dort – hoch oben auf einem Regal in einem Schrank, den er fast nie öffnete – lag die Erinnerung an seinen ersten Patienten. Die erste chirurgische Arbeit seines Lebens hatte darin bestanden, seinem geliebten Plüschtier Kukalaka ein abgerissenes Bein anzunähen. Damals war Bashir fünf Jahre alt gewesen.
Und nun schien es ihm, als sähe er das Antlitz seines Kindheitsbegleiters wieder – hier auf den Gesichtern seiner fremdartigen Patienten. Er fühlte sich versucht, sie »Kukalakaner« zu taufen.
Nie zuvor war Pfleger Juarez’ Abwesenheit schmerzlicher aufgefallen. Edgardo musste in seinem Quartier das Bett hüten. Vor zwei Tagen war es bei einem Weltraumeinsatz zu einem Unfall gekommen, und sein Bein heilte noch.
Bei der Ankunft der Sagan waren bereits drei der Fremden gestorben, und es hatte knapp dreißig Minuten extrem intensiver Operationen bedurft, bis Bashir halbwegs sicher war, keine weiteren verlieren zu müssen. Zumindest nicht sofort. Acht von ihnen lagen nun auf Biobetten oder dem Boden. Sie waren zwar bewusstlos und schwach, schienen aber wenigstens stabil zu sein. Die Klasse-M-Atmosphäre der Defiant beeinträchtigte sie nicht.
Bashir wischte sich die behandschuhten Hände an seinem Kittel ab, dessen Vorderseite bereits mit bernstein- und ockerfarbenen Striemen gemustert war. Just als er Ensign Richter anweisen wollte, die fünf stabilsten zurück auf ihr Schiff zu beamen, verschlechterten sich die Werte des neunten Wesens dramatisch.
Die Gestalt auf dem Biobett vor Bashir musste knapp zweieinhalb Meter messen. Unter ihrem länglichen, voluminösen Kopf folgten zwei Arme, weiter unten hatte sie drei gleichlange beinähnliche Extremitäten – die allerdings wenig geeignet schienen, um ihr Gewicht zu tragen. Ihr blauschwarzer Bauch war von einer diagonalen und erschreckenden Wunde gezeichnet, aus der abermals ein dicker gelber Ausfluss drang. Offensichtlich hatte die Behandlung der Wunde mit Protoplaser bisher nicht den gewünschten Effekt erzielt.
Bashir stellte den Hautregenerator auf eine höhere Stufe und beeilte sich, die Blutung zu stillen. Als er zuversichtlich war, dass seine provisorische Hilfe diesmal von längerer Wirkung sein würde, fuhr er langsam mit dem Trikorder über das Wesen und scannte es nach Anzeichen innerer Blutungen. Allerdings erwies sich die Deutung von Trikorderanzeigen bei Kreaturen, von denen er nie zuvor gehört oder gelesen hatte, als äußerst schwierig.
Bashir sah zu Richter, die seinen Blick mit sorgenvoller Miene erwiderte. Einer der Behelfspfleger, der jugendlich wirkende Lieutenant John Candlewood, sah Bashir ausdruckslos zu, bevor er die Werte eines anderen bewusstlosen Fremden überprüfte.
Krissten wirkte, als könnte sie ein wenig Ermutigung gebrauchen. »Sie und die Sanitäter haben hier wirklich hervorragende Arbeit geleistet«, lobte Bashir.
Tränen stiegen in die blaugrünen Augen der jungen MTA. »Nicht hervorragend genug für drei der Fremden.«
Bashir wechselte in einen Tonfall, den er sich normalerweise für seine am schwersten erkrankten Patienten reservierte. »Manche sind einfach nicht mehr zu retten, Krissten. Selbst wenn wir wissen, wie wir sie behandeln müssen.«
Sie schloss die Augen und nickte langsam.
An den Tod gewöhnt man sich nie, dachte er. Und das sollte man auch nicht. Er sah auf seinen Trikorder. Aus einem der großen thorakalen Blutgefäßkanäle strömte Flüssigkeit in den Bauchraum des Patienten. Ein Humanoide mit ähnlichen Symptomen würde nach ein bis zwei Minuten das Zeitliche segnen.
»Ich muss noch mal rein und das Blutgefäß abdichten«, sagte Bashir. Vorausgesetzt, das ist ein Blutgefäß, ergänzte er in Gedanken und nahm ein Exoskalpell von dem neben dem Biobett stehenden Tablett.
»Ich aktiviere das sterile Feld«, meldete Krissten. Ihre Ausbildung gewann langsam die Oberhand über ihre Gefühle.
Bashir runzelte die Stirn, als der blassblaue Schein des Energiefeldes auf den verwundeten Bauch des Wesens fiel. Vier Minuten später hatte der Mediziner das betreffende Blutgefäß bereits fast komplett versorgt, ohne die es umgebenden – und nicht minder mysteriösen – Organe und das Gewebe zu beeinträchtigen. Wie es schien, war die Bekämpfung der inneren Blutung des Fremden erfolgreich gewesen.
Warum also atmete dieser plötzlich so mühsam?
Krissten wirkte ebenfalls besorgt. »Ich verstehe nicht, warum er jetzt Atemschwierigkeiten hat«, sagte sie kopfschüttelnd. »Wäre unsere Atmosphäre schädlich für sie, hätten wir es bereits gemerkt, als sie an Bord kamen.«
Das Wesen öffnete die Augen, keuchte und sonderte eine Reihe gutturaler Laute ab, die Husten oder ein Sprechversuch sein mochten. Bashir wusste nur eines mit Sicherheit: Der Universalübersetzer hielt sie nicht für Letzteres.
Der Blick des Fremden mit den glitzernden, pflaumengroßen schwarzen Augen richtete sich auf Bashir. Dann hob er einen seiner spindeldürren Arme in dessen Richtung. Drei Finger öffneten und schlossen sich zitternd. Bashir sah nichts Bedrohliches in der Geste, die ihm eher wie ein stummer Hilferuf vorkam. Die bebenden, weidenartigen Glieder des Wesens ließen ihn an die Zeit mit Ensign Melora Pazlar denken, deren elaysianische Knochen – ein Ergebnis der geringen Schwerkraft auf ihrer Heimatwelt – vermutlich ähnlich zerbrechlich waren.
Natürlich! Warum fällt mir das jetzt erst ein?
Der geschwächte Fremde ließ den zitternden Arm sinken und ein schmerzhaftes Winseln vernehmen. Bashir berührte seinen Kommunikator. »Bashir an Nog.«
»Nog hier, Doktor. Was kann ich für Sie tun?«
»Können Sie mir Auskunft darüber geben, wie die künstliche Schwerkraft auf dem Schiff der Fremden beschaffen ist?« Bashir lächelte, als ihm Krisstens verwirrter Gesichtsausdruck auffiel.
In Nogs Stimme lag so viel Enthusiasmus, wie ihn ein vielbeschäftigter Ingenieur aufzubringen vermochte. »Ich kann sogar noch mehr, Doktor. Shar und ich sind bereits dort und helfen bei der Reparatur des Maschinenraums. Und die Schwerkraft ist so ziemlich das geringste Problem, das sich uns stellt.«
»Inwiefern?«
»Wenn Sie hier zu schnell gehen, fallen Sie in Zeitlupe auf Ihren Hintern. Ich schätze die Schwerkraft auf null Komma eins fünf unseres Standardwertes.«
Bashir dachte an die uralten 2D-Aufnahmen der Apollo-Astronauten, die in ihren klobigen Raumanzügen über die Mondoberfläche »hoppelten«. Auch sie waren gestolpert, wenn sie nicht aufgepasst hatten. Und was war mit den russischen Kosmonauten, die man nach monatelangen Missionen im schwerkraftlosen Erdorbit auf Tragen aus ihren Raumkapseln hatte holen müssen?
»Danke, Nog. Bashir Ende.« Er nickte Candlewood zu, der den Austausch interessiert verfolgt hatte und sofort verstand.
»Ich ändere die Schwerkraft auf der Krankenstation, Sir«, meldete er, während seine Finger über eine Wandkonsole tanzten. »Neuer Standard: Luna.«
Umgehend fühlte sich Bashir leichter, und das keuchende Wesen atmete viel unbeschwerter und tiefer. Auch die anderen Patienten schienen von dem Wandel zu profitieren, hatten ihre Atmungsmuskeln doch plötzlich viel weniger Arbeit zu erledigen. Bashir glaubte, Dankbarkeit in den undeutbaren Öltropfenaugen des vor ihm liegenden Wesens zu erkennen, und lächelte aufmunternd – auch wenn die Kreatur seine Miene vermutlich so wenig zu deuten wusste, wie er die ihre.
Als Nächstes wandte er sich an Krissten, die sich beidhändig an den Operationstisch klammerte. »Hatten Sie Schwerelosigkeitstraining, Ensign?«
»Das ist Jahre her …«, murmelte sie. Sie erinnerte an einen Bergsteiger, der gerade einen Freund in eine Schlucht hatte stürzen sehen. Candlewood hingegen meldete sich ab und verließ die Krankenstation sicheren Schrittes. »Kol ist ein Fan von Sportarten, die in Schwerelosigkeit durchgeführt werden«, fuhr Krissten fort. »Ich nicht.«
Bashir lächelte und entsann sich eines Hoverball-Turniers, in dem er einst gegen Krisstens Freundin gespielt hatte; damals hatte Deputy Etana Kol zwei ihrer drei Begegnungen gewonnen. Er fühlte sich versucht, ein wenig mit seinen genetisch aufgewerteten Reflexen anzugeben, unterdrückte den Impuls aber. »Bewegen Sie sich einfach vorsichtig und langsam«, sagte er stattdessen. »Ich helfe Ihnen, das Operationsbesteck wegzuräumen.«
Er griff nach dem Exoskalpell, das er aufs Tablett gelegt hatte. Überrascht sah er, dass es noch immer eingeschaltet war. Hätte ich es weiter oben berührt, hätte ich mir den Daumen abgesäbelt. Wie konnte ich nur vergessen, es auszuschalten?
Er streckte den Daumen nach dem entsprechenden Knopf aus.
Für einen Moment schien sich seine Hand zu widersetzen! Ihm war, als wäre sie mit Tetralubisol eingecremt. Verdammte Schwerkraft, fluchte er, als ihm das Gerät aus den Fingern glitt.
Geschickt fing er es im Fall, bekam das noch immer aktivierte Exoskalpell zu fassen – und richtete es ungewollt auf seinen Patienten, als Krissten, die sich ebenfalls danach ausgestreckt hatte, gegen ihn prallte und ihn von den Füßen riss.
Das Wesen auf dem Biobett schrie, als das Exoskalpell bis zum Griff in seiner Brust verschwand. Genau dort, wo beim Menschen das Herz war.
»Doktor, es war genauso sehr meine Schuld«, sagte Krissten. Der Patient war wieder stabil, der Schaden behoben. Zu ihrer aller Glück hatte das Exoskalpell keine lebenswichtigen Organe verletzt.
Schweigend stand Bashir neben dem abermals bewusstlosen Wesen und wusch sich die Hände. Die Krise war beigelegt, und die Operationskittel, die er und Krissten eben noch getragen hatten, befanden sich schon wieder im Materierecycler. Außerdem waren die fünf gesündesten Fremden schon auf ihr eigenes Schiff zurückgekehrt. Doch egal wie heftig er schrubbte, ihm war, als könnte er sich die Hände nicht reinwaschen.
Schließlich sagte er: »Danke, Ensign. Aber nicht Sie vergaßen, das Exoskalpell zu deaktivieren.«
Sie weigerte sich, das Thema fallen zu lassen. »Julian, Sie sind dieses Schwerkraftniveau nicht gewöhnt.«
»Trotzdem hätte es mich nicht derart beeinträchtigen dürfen«, gab er zurück und schüttelte den Kopf.
Krisstens Gesicht war voller Sorge. »Ein derartiger Unfall unter diesen Umständen … Das hätte jedem passieren können.«
Niemandem mit meinen Talenten. Niemandem mit meinen genetisch aufgewerteten Reflexen, meiner Ausdauer. Nicht mir.
Zum ersten Mal war ihm, als wäre etwas mit ihm nicht in Ordnung. Er entsann sich der schwindelerregenden, sekundenlangen Ewigkeit, in der die Sagan mit dem Dimensionsriss kollidierte, den das riesige, fremdartige Objekt erzeugt hatte. Das Shuttle hatte auf den Quantenwellen getrieben wie ein Korken auf weindunkler kosmischer See. Hatte dieses Erlebnis der Besatzung der Sagan etwa unvorhersehbare Schäden zugefügt? Aber warum gerade dieser Schaden? Das ergab keinen Sinn. Außerdem klagten Ezri und Nog über keinerlei Symptome. War er vielleicht einfach nur überarbeitet?
Er lächelte schwach. »Vielleicht haben Sie recht, Krissten. Danke.«
Hinter sich hörte er, wie sich die Tür der Krankenstation zischend öffnete, um jemandem Zugang zu gewähren.
»Ich verordne dem gesamten Stab eine Pause«, sagte Krissten lächelnd. »Dann vergessen wir, dass das hier je passiert ist.«
Ich wünschte, es wäre so einfach.
Bashir dankte dem Ensign und drehte sich um.
Auf der Schwelle stand Ezri. Für einen Moment schoss ihm durch den Kopf, wie viel sie wohl mit angehört haben mochte.
»Ich wollte mich nach unseren verbliebenen Patienten erkundigen«, sagte sie und kam näher. Dann verzog sie das Gesicht und streckte die Arme zum Türrahmen aus. »Und was zum Donnerwetter ist hier mit der Schwerkraft los?«
Schnell umriss Bashir ihr die Bedürfnisse seiner Patienten und unterrichtete sie über deren fortschreitende Genesung.
»Glauben Sie, diese Wesen können uns etwas über das Objekt sagen, das wir da draußen fanden?«, fragte sie und bediente sich der im Dienst üblichen formellen Anredeform. »Commander Vaughn wird allmählich neugierig.«
Eine Untertreibung, die Bashir schmunzeln ließ. Vaughn war bereits persönlich hier gewesen, als die Operationen noch in vollem Gange gewesen waren. Man hatte ihm angesehen, wonach er die Fremden fragen wollte: nach ihren Parteien, ihrem Konflikt und dem seltsamen Gebilde, das die Sagan in der Oort-Wolke fand. Aber er hatte keine Gelegenheit gefunden, diese Fragen zu stellen.
»Wir werden erst erfahren, was sie uns mitzuteilen haben«, antwortete er, »wenn wir einen Weg finden, um mit ihnen zu kommunizieren.«
»Da ist was dran. Haben Sie bis dahin etwas Zeit übrig, um mir dabei zu helfen, Commander Vaughn und den restlichen Führungsstab über unsere Forschungsmission zu unterrichten?«
Bashir sah zu Krissten, die nickte. Ihr halbherziges Lächeln erinnerte ihn daran, wie nervös sie bei Besprechungen immer wurde. Ihr genügte es, hierzubleiben und die verbliebenen vier Patienten im Auge zu behalten, anstatt sich mit Offizieren zu befassen, die um einen Konferenztisch saßen und sich gegenseitig Padds zuschoben. Formelle Besprechungen gefielen ihr offenkundig noch weniger als niedrige Schwerkraft.
»Ich rufe Sie, sobald sich hier etwas ändert, Doktor«, sagte sie bemüht lässig, klammerte sich dabei aber an die Kante eines Biobettes, als hinge ihr Leben davon ab.
»In Ordnung.« Lächelnd wandte sich Bashir wieder Ezri zu. »Geht voran, oh furchtlose Anführerin. Lasst uns den Gefährten schildern, welch Abenteuer die letzte Grenze für uns bereithielt.«
Nog bewegte sich äußerst vorsichtig. Die niedrige Schwerkraft und die schwache, bernsteinfarbene Beleuchtung im Inneren des fremden Schiffes ließen ihm keine Wahl. Die Junior-Ingenieure Permenter und Senkowski waren damit beschäftigt, sich mit den offenbar für den Maschinenraum verantwortlichen dünnen Riesen über grundlegende Ingenieurkonzepte zu unterhalten – mit Händen und Füßen.
Entsprechend dankbar war er, dass sich auch Shar ihrem Ausflug angeschlossen hatte. Der andorianische Wissenschaftsoffizier war zwar erstaunlich schweigsam, doch Nog hoffte, ihn mit dem Aufenthalt auf dem fremden Schiff aus seinem Schneckenhaus zu locken und ihn zu ermutigen, zu verraten, was ihn belastete.
Nog sah, dass Shar, der gedankenverloren einen Hyperspanner in der Hand hielt, plötzlich in seine Richtung schaute. Die Antennen des Andorianers zuckten vor offenkundiger Neugierde. »Geht es dir nicht gut, Nog?«, fragte er leise und in vertraulichem Ton.
»Alles bestens«, log Nog. Ehrlich gesagt ging es ihm alles andere als gut. Der Juckreiz, der ihm bei der Landung der Sagan erstmals auffiel, hielt noch immer an, schien sogar zuzunehmen. Noch vor vielleicht vierzig Minuten war Nog gewillt, Ezris Annahme hinzunehmen und ihn als psychosomatisch abzuspeichern – als einen Tick, der darauf zurückging, dass er wider besseres Wissen einen Jem’Hadar auf Deep Space 9 akzeptieren musste. Nun aber war ihm, als bauten Hunderte fleischfressender hypyrianischer Käferlarven einen Bau in seinem biosynthetischen Bein. Konnte das noch auf etwas zurückgehen, das »nur« in seinem Kopf existierte?
Er schwor sich, auf die Krankenstation der Defiant zu rennen – nicht zu gehen! –, sobald er sicher war, dass dieser Witz von einem Warpkern nicht gleich explodieren würde. Bis dahin musste er den Schmerz ertragen. Ihn durch Konzentration ausblenden. Runterschlucken.
Halten Sie’s aus, Kadett! Halten Sie’s aus!
So war es in seinen ersten Tagen an der Akademie gewesen. Neue Kadetten hatten es sich nicht leisten dürfen, Schwäche zu zeigen. Erst recht keine Ferengi-Kadetten. Aus Gründen, die sich ihm momentan entzogen, brachte es seinem Selbstvertrauen gar nichts, sich daran zu erinnern, dass seit seiner niederen Kadettenzeit mehr als zwei Jahre vergangen waren.
Shars noch immer fragender Blick riss Nog aus seinen Gedanken. Zum Glück waren Permenter und Senkowski gerade mit der Rekalibrierung ihrer Geräte ausgelastet. Nog versuchte, Shar mit seinem besten Tongo-Gesicht abzuspeisen, wollte gleichzeitig aber nicht so verschlossen wirken wie Shar, wann immer man diesen nach seiner Familie fragte. Der Versuch half ihm, sich von den Schmerzen in seinem Bein abzulenken.
Doch dann sah er den Chefingenieur des fremden Schiffes! Er hatte zwei seiner unfassbar dünnen unteren Extremitäten ausgestreckt und umklammerte damit einen der zahlreichen Griffe, die hier jede Wand bedeckten. Das Wesen schwang sich spinnengleich zur Decke und nutzte seine drei verbliebenen Gliedmaßen, um Werkzeuge und technische Geräte einzusammeln.
Beim Anblick dieser Kreatur, deren Bewegungen so offensichtlich an eine talarianische Hakenspinne erinnerten, war es schlicht unmöglich, nicht an Beine zu denken – schmerzende oder andere.
Shar starrte Nog an. Seine Antennen zitterten vor lauter ungestellten Fragen.
Nog aber kniete sich hin und zog einen EPS-Mustersucher aus seinem offenen Werkzeugkasten. Als er wieder aufstand, kostete es ihn Mühe, den Schmerz im linken Bein zu überspielen. »Es geht mir gut, Shar. Wirklich. Lass uns einfach dieses Chaos in Schuss bringen, damit wir zurück zur Defiant können.«
Das fremdartige Objekt drehte sich langsam um die eigene Achse. Es hing etwa einen Meter über dem längsten Tisch, den die Offiziersmesse anzubieten hatte. An dessen Kopfende saß Commander Vaughn und sah den pausenlosen Verwandlungen der »Kathedrale« schweigend zu.
Wie lange sie wohl schon allein hier herumtreibt?, fragte er sich. Der Anblick dieses fantastischen, undeutbaren Dings erfüllte seine Seele mit einer nahezu religiösen Ekstase. Wie viele Äonen kamen und gingen, seit ihre Erbauer zu Staub zerfielen?
Vaughn gegenüber saß Ezri Dax und kratzte sich gedankenverloren am Bauch. Dann deutete sie auf das Hologramm inmitten des provisorischen Besprechungsraumes der Defiant und beendete ihren Bericht von der Beinahekollision der Sagan mit dem uralten Objekt. Dr. Bashir neben ihr hörte aufmerksam zu. Die vier anderen Sessel belegten Lieutenant Sam Bowers, Ensign Prynn Tenmei sowie die Wissenschaftsexperten Cassini und T’rb.
Vaughn schaute sich im Raum um. Bashir, T’rb und Cassini verlasen die Sensorberichte, die gerade über die Padds aller Anwesenden scrollten. Bowers hingegen – dessen Spezialgebiet nicht die Wissenschaft, sondern Taktik und Sicherheit war – schien sich kaum von dem Hologramm lösen zu können. Auch Tenmei war von dem Anblick völlig fasziniert.
Vielleicht fällt der Apfel tatsächlich nicht weit vom Stamm, dachte Vaughn lächelnd.
Er sah, wie das Objekt sich drehte, nahezu bis zur Unsichtbarkeit in sich zusammenfiel und dann eine Reihe von Auswüchsen entwickelte, die in Form und Struktur an die Strebebögen mittelalterlicher Kathedralen erinnerten. Dann – vergänglich wie ein Kreis aus Rauch – veränderte sich die Form des Dings erneut, wurde nüchtern wie ein platonischer Körper.
»Ich hoffe, es stört niemanden, wenn der taktische Offizier mal eine wirklich blöde Frage stellt«, sagte Bowers, »aber wie kann dieses Ding seine Form verändern? Ich habe noch nie von einem Bauwerk gehört, dass derartige Fähigkeiten besitzt.«
»Genau genommen verändert es sie gar nicht, Lieutenant«, antwortete Bashir.
»Wie bitte?« Bowers wirkte perplex.
»Stellen Sie sich vor, Sie treiben in einem Boot über den Ozean«, bat Bashir in perfektem Professorentonfall. »Neben Ihnen treibt ein Eisberg. Was Sie von ihm zu sehen bekommen, ist nur der kleine Teil, der aus dem Wasser ragt. Der Großteil seiner Masse wird vom Wasser verdeckt.«
»Okay«, sagte Bowers, der sichtlich mehr erwartete.
Bashir entsprach seiner subtilen Bitte. »Stellen Sie sich nun vor, dass sich der Eisberg langsam um eine Achse dreht, die tief unter dem Wasserspiegel liegt. Sie werden weiterhin nur einen Bruchteil des Eises gleichzeitig sehen, aber es wird immer ein neuer Teil des Ganzen sein.«
»Und falls Sie Ihr Boot zu nah an den rotierenden Berg heranrudern«, ergänzte Cassini, »werden Sie von seinem Schwung erfasst und unter Wasser gezogen. Das scheint der Sagan fast widerfahren zu sein.«
»Metaphorisch gesprochen«, fügte T’rb hinzu und rieb sich die vertikale Linie, die quer über seine himmelblaue Stirn führte.
»Also was ist dieses Ding?«, wollte Ensign Tenmei wissen.
»Es könnte alles sein«, antwortete Bashir schulterzuckend. »Eine Weltraumkolonie. Ein Observatorium. Eine Modeboutique.«
»Ein Polizeirevier«, schlug Bowers vor.
»Eine interdimensionale Skihütte«, sagte Tenmei und lächelte leicht.
»Ein Krankenhaus«, warf Dax ruhig ein. »Oder eine Kirche.«
Bowers nickte. »Was es auch ist, könnte es mit dem Kampf zwischen unseren Gästen und ihren unbekannten Angreifern zu tun haben?«
»Sofern wir die Sprachbarriere nicht durchbrechen«, antwortete T’rb, »bleiben die Gründe für diesen Konflikt wohl unserer Fantasie überlassen.«
»Vielleicht auch nicht. Es wäre hilfreich, wenn unsere Ingenieure ein wenig auf dem beschädigten Schiff herumstöbern würden. Vielleicht finden sie heraus, was unsere Gäste hier treiben – in den Randbezirken dieses Systems.«
»Es hat leider den Anschein«, warf Vaughn ein, »als würden die Fremden jeden Schritt überwachen, den unsere Leute da drüben machen. Wie es aussieht, bleibt uns nur die Befragung unserer Patienten, um diese Wesen zu verstehen. Und das Objekt mit ihnen.«
Vaughn war nicht entgangen, wie der Doktor schmunzelte, als Ezri es als Kirche beschrieb. »Was das Objekt angeht«, sagte Bashir nun, »wissen wir nur, dass es vor über fünfhundert Millionen Jahren von einer intelligenten und vielleicht inzwischen ausgestorbenen Rasse errichtet wurde. Der Grund dafür bleibt ein Rätsel. Außerdem wissen wir, dass es höherdimensionale Eigenschaften besitzt, die wir nicht ganz verstehen. Mehr konnten wir nicht in Erfahrung bringen, sieht man einmal von der Textdatei ab, die wir aus dem internen Computer dieses Dings erhielten.«
Vaughn musste nun ebenfalls lächeln. Was war der Doktor doch für ein Welpe. Vaughn hatte in seinen gut hundert Lebensjahren vermutlich schon mehr wieder vergessen, als selbst ein genetisch aufgewerteter Fünfunddreißigjähriger wie Bashir je lernen würde. Und doch war Vaughn oft beeindruckt, wie empirisch Bashir bei der Wissenssuche vorging. Und gelegentlich amüsierte er Vaughn durch seine scheinbare Unfähigkeit, mystische Themen zu erfassen. Vaughn entsann sich der Drehkörpererfahrung, die ihn auf dieses Schiff und diese Mission geführt hatte. Ja, das fremdartige Objekt war das Werk Sterblicher; Götter oder übernatürliche Geister hatten nichts mit seiner Entstehung zu tun. Doch diese Gewissheit machte das Objekt in Vaughns Augen nicht weniger wundervoll oder beeindruckend.
»Diese Datei muss der Schlüssel zum Ursprung und Zweck des Objektes sein«, sagte er laut und sah den Sicherheitschef der Defiant an. »Mr. Bowers? Lieutenant Nog hat Ihnen den Text übermittelt. Bitte berichten Sie uns.«
Bowers berührte eine Taste auf seinem Padd. Sofort wurde das Hologramm des fremden Objektes durch herunterscrollende Zeilen unleserlicher Schriftzeichen ersetzt. »Zunächst einmal«, begann Bowers, »handelt es sich um eine riesige Datei. Das sind gut und gern über achtzig Megaquads, also etwa ein Drittel der Gesamtspeicherkapazität unseres Computers.«
»Das allein wird unsere Analysen erschweren«, sagte Cassini.
»So viel Rechenspeicher für ein Dokument, das wir nicht einmal lesen können«, murmelte Tenmei.
»Sie meinen noch nicht«, widersprach T’rb, der von seinen Fähigkeiten offenkundig sehr überzeugt war. »Cassini und ich haben bereits mit einem Vergleich zwischen diesem Text und diversen Schriftsprachmustern begonnen, die wir den benachbarten Sektoren des Gamma-Quadranten zuschreiben können.«
Cassini klang nicht minder zuversichtlich. »Es dauert vermutlich eine Weile, aber falls wir jemals in die Nähe des Gamma-Quadrant-Äquivalents des Steins von Rosette fliegen, werden wir das Kind schon schaukeln. Ist alles nur eine Frage der Zeit.«
»Vielleicht sind wir dann auch in der Lage, mit Dr. Bashirs neuen Patienten zu sprechen«, fügte Vaughn hoffnungsvoll hinzu.
Bowers lehnte sich auf seinem Sitz zurück. »Das wäre eine Erleichterung, Sir. Es ist verflucht schwierig, Reparaturpläne und Patientenbesuche zu organisieren, wenn man nur auf die ein bis zwei Phrasen zurückgreifen kann, die der Universalübersetzer bisher wiedererkennt. Den ganzen Rest erledigen wir momentan mit Händen und Füßen.«
»Trotzdem können wir nicht voraussetzen, dass die Sprache der Kuka… der Fremden die des alten Textes ist«, warf Bashir ein.
Vaughn runzelte die Stirn. Sieht Julian gar nicht ähnlich, derart zu stammeln. Als er zu Ezri sah, kam auch sie ihm verändert vor. Sie schien blasser zu sein. Und irrte er sich, oder hing eines ihrer Augenlider schlaff herab? »Ich will mehr über den Dimensionsriss wissen, den die Sagan in der Nähe des Objektes bemerkte«, sagte er zu Bashir und strich sich über den kurzgeschorenen Bart. »Genauer gesagt: Könnte er die Shuttlebesatzung negativ beeinflusst haben?«
Bashir zögerte einen Moment. Dann antwortete er: »Es wäre möglich, Sir. Aber ich muss ein paar Tests durchführen, bevor ich mehr weiß.«
»Ich habe ein paar Tests durchgeführt«, sagte Tenmei. Vaughn und Bashir sahen sie überrascht an. »An der Sagan selbst, meine ich. Die Sagan ist in nahezu bester Verfassung. Abgesehen von einem eigenartigen Quantenresonanzmuster.«
»Und das bedeutet?«, hakte Vaughn nach.
Tenmei schüttelte den Kopf und zuckte mit den Achseln. »Ich wünschte, ich wüsste es.«
Mit einem Mal schob Vaughn alle Ehrfurcht, die er dem fremden Objekt bis eben noch entgegengebracht hatte, gedanklich beiseite. Dies ging in eine Richtung, die ihm ganz und gar nicht behagte.
Abermals sah er zu Ezri. Kein Zweifel: Sie war tatsächlich blass. Warum war Julian das nicht aufgefallen? »Lieutenant, wie lange fühlen Sie sich schon schlecht?«
Ezri seufzte. Offensichtlich entschied sie sich gerade, reinen Tisch zu machen. »Es geschah … Ich glaube, es begann während des Rückfluges von dem Objekt.«
»Verstehe.« Vaughn ahnte, dass diese Tatsache relevant sein mochte. Mit Blick auf Bashir fuhr er fort. »Leiden noch andere Besatzungsmitglieder der Sagan unter irgendwelchen Symptomen?«
Der Doktor sah aus, als wünschte er sich, ganze Parsec von der Offiziersmesse entfernt zu sein. Und er suchte nach Worten.
Das passte absolut nicht zu ihm.
»Doktor?«
»Ich … glaube, ich litt unter Konzentrationsschwäche, während ich unsere Gäste behandelte«, antwortete er schließlich. »Fragen Sie mich nicht, was das bedeuten soll. Ich weiß es nicht.«
Vaughn spürte, wie der Zorn seine Wangen rötete. Sein Blick glitt zwischen Bashir und Ezri hin und her. »Und wann genau beabsichtigten Sie beide, uns darüber zu unterrichten?«
Bashir versteifte sich. »Bei allem Respekt, Sir. Uns war nicht bewusst, dass ein Problem vorlag. Ich bin ehrlich gesagt noch immer nicht ganz überzeugt.«
Vaughn winkte ab. »Egal. Was ist mit Nog? Wie geht es ihm seitdem?«
»Ich frage ihn«, sagte Bashir. »Er ist noch an Bord des fremden Schiffes und mit Reparaturarbeiten beschäftigt.«
Plötzlich schrie Dax auf! Die Arme um ihren Leib geschlungen, kollabierte sie, fiel zu Boden und blieb unter dem Konferenztisch liegen, wo sie sich vor Schmerzen wand.
Nog ignorierte den Schmerz in seinem Bein und sah, wie die fremdartigen EPS-Leitungen endlich korrekt aufleuchteten. Energie floss wieder durch die richtigen Kanäle – und das ganz ohne Explosionen.
Permenter seufzte theatralisch und schenkte Senkowski ein Grinsen der »Hab ich’s doch gewusst«-Sorte. Sogar Shar lächelte triumphierend, doch Nog wusste, dass sein Lächeln eine sorgsam aufgebaute Maske war, die er für die Menschen um ihn herum aufrechterhielt. Der Ingenieur der Fremden wirkte ebenfalls zufrieden. Seine Chitin-Kiefer bewegten sich von rechts nach links, was wohl ein Zeichen der Freude oder der Dankbarkeit war.
»Legen Sie los, Shar«, bat Nog.
Nachdem Shar die entsprechenden Kontrollen berührt hatte, spürte Nog ein Zittern in den Deckplatten – ein untrügliches Zeichen einer kontrolliert erfolgenden Materie-Antimaterie-Reaktion. Nun, da die Warpenergie zumindest ansatzweise wiederhergestellt war, würden die restlichen Reparaturen bedeutend einfacher sein. Auf dem gesamten Schiff würden sich strategisch platzierte Kraftfelder aufbauen lassen, die die eingestürzten Bereiche isolierten und die bisher nur provisorischen Reparaturen der Außenhülle verstärkten.
Aber all das muss ich nicht mehr von hier aus beaufsichtigen, dachte Nog. Er sehnte sich geradezu danach, auf die Krankenstation der Defiant zu gelangen und Dr. Bashir sein Bein zu zeigen.
Das Zittern der Deckplatten nahm zu. Es griff auf Nog über, schoss in sein Bein. Mit einem Mal war ihm, als sei das Bein in einen ungeschützten Antimaterie-Haufen geraten. Nog schrie! Vor seinen Augen begann alles zu tanzen, Deck wurde Wand, Schott wurde Decke. Er spürte, wie sein Rücken gegen etwas Kaltes gepresst wurde. Etwas, das nicht nachgab. Als er aufblickte, sah er in die undeutbaren Augen des fremden Ingenieurs. Shar stand neben ihm, das Gesicht so anders, als sei es die Reflexion in einem Zerrspiegel.
»Defiant!«, hörte Nog ihn brüllen. »Notfalltransport!« Dann wurde alles dunkel.