KAPITEL 1
»Sind wir sicher, dass es Selbstmord war?«
Lieutenant Ro Laren wandte sich an Sergeant Shul, neben dem sie den Gang entlangschritt. Dr. Simon Tarses folgte ihnen. »Noch ist gar nichts sicher«, antwortete sie. »Momentan wissen wir nur, dass Ratsmitglied zh’Thane behauptet, Thriss habe sich in Shars Quartier das Leben genommen.«
Tarses runzelte die Stirn. »Während ihrer letzten Schicht auf der Krankenstation machte Thriss den Eindruck, als hätte sie ihre Depressionen weitestgehend überwunden. Auch Counselor Matthias zeigte sich bezüglich ihrer Fortschritte optimistisch. Ich kann kaum glauben, dass sie sich umgebracht haben soll.«
»Falls nicht, haben wir es mit einem Mord zu tun, Doktor«, sagte Shul. »Ich will nicht zynisch klingen, aber angesichts dessen, was derzeit auf dieser Station los ist, wäre das das Letzte, was wir noch bräuchten.«
Ro schnaubte zustimmend, senkte ihre Stimme jedoch, bevor sie weitersprach. Andorianische Antennen waren sehr feinfühlig, und sie wusste nicht, ob sie wirklich allein im Korridor waren. »So oder so bedenken Sie bitte eines: Andorianische Sitten und Gebräuche unterscheiden sich von den unseren. Ich kam bisher nicht dazu, Sie über gewisse … Aspekte des andorianischen Zusammenlebens zu informieren, auch wenn Sie sicherlich bereits den einen oder anderen Hinweis aufgeschnappt haben. Diese Untersuchung wird äußerst schwierig werden, insbesondere dank Ratsmitglied zh’Thanes Involvierung.«
Beide Männer nickten. Als sie Shars Unterkunft erreichten, erwartete sie niemand vor der Tür, daher berührte Ro die Konsole an der Wand, die die Klingel aktivierte. »Ratsmitglied, hier sind Lieutenant Ro und Dr. Tarses.«
Die Tür glitt auf. Es dauerte einen Moment, bis sich Ros Augen ans Dämmerlicht jenseits der Schwelle gewöhnt hatten und sie zh’Thane ausmachen konnte. Die sonst so makellos auftretende Andorianerin war ein Schatten ihrer selbst. Ihre Frisur war zerzaust, und ihrer Kleidung nach zu urteilen, musste sie die Kunde der Tragödie aus dem Schlaf gerissen haben.
Ro hatte die Schwelle noch nicht überschritten, als zh’Thane warnend die Hand hob. »Wer ist der andere Mann?«
»Sergeant Shul Torem«, antwortete Ro und deutete auf ihren Deputy. »Er ist Forensikexperte und mit den Methoden der Sternenflotte vertraut. Außerdem kann er schweigen.«
Tarses ergriff das Wort. »Ratsmitglied, vielleicht ist es noch nicht zu spät. Wenn Sie mir gestatten, näher zu treten, werde ich versuchen, Thriss zu retten.«
Zh’Thane vollführte eine einladende Geste und wies damit indirekt auf zwei in der Raummitte kauernde Gestalten. Sie hatten die Köpfe geneigt und umklammerten einander. Auf einem Bett lag derweil Thriss, ein regloser Körper. »Sie scheint mir über jede Hilfe hinaus zu sein, Doktor«, sagte zh’Thane. »Sollten Sie etwas bewirken können, nur zu. Aber wahren Sie die Einheit des Körpers! Thriss’ Haut darf nicht verletzt werden.«
Tarses nickte und trat näher, den Trikorder in der Hand und das Medikit über die Schulter geschwungen. Ro und Shul blieben derweil auf der Schwelle stehen.
»Können Sie mir berichten, was vorgefallen ist?«, fragte Ro das Ratsmitglied.
»Dizhei kam in Shars Quartier. Sie fürchtete, Thriss’ Depression könne stärker sein, als sie uns glauben ließ. Als sie Thriss fand, war sie bereits tot. Daraufhin rief sie Anichent und mich, und ich kontaktierte Sie.«
»Gab es Anzeichen eines Kampfes?«, fragte Shul ruhig und sachlich.
»Nein, Deputy. Dizhei hat Thriss geschüttelt, um eine Reaktion von ihr zu bekommen, aber Kampfspuren fanden sich nirgends. Auch keine gefährlichen Objekte oder Ähnliches – abgesehen hiervon.« Zh’Thane zog ein kleines Hypospray aus den Falten ihres Gewandes. »Thriss hielt es umklammert.«
Mit der behandschuhten Rechten nahm Shul den Gegenstand an sich und ließ ihn in einen kleinen Plastikbeutel fallen, den er aus seiner Gürteltasche gezogen hatte. »Hat sonst noch jemand das Gerät berührt?«, fragte er und reichte den Beutel an Dr. Tarses weiter, der bereits mit geöffnetem Trikorder bereitstand.
»Nicht dass ich wüsste. Ich nahm es persönlich aus Thriss’ Hand.«
Ro schaute dem Ratsmitglied tief in die Augen. Zh’Thane hatte von Natur aus etwas Einschüchterndes an sich, und diese Situation war das reinste diplomatische Minenfeld. »Ratsmitglied, wie Sie mir unmissverständlich klarmachten, sind andorianische Sitten und Gebräuche nichts, was mit Außenstehenden zu besprechen sei. Doch mir ist nicht ganz bewusst, was in dieser Situation gebräuchlich ist. Der Vorfall ereignete sich auf Deep Space 9, demnach bin ich … verpflichtet, ihn zu untersuchen. Aber ich will Ihnen und Thriss’ Bündnispartnern nicht unnötig Leid zufügen.«
»Ich weiß Ihre Diskretion zu schätzen, Lieutenant«, erwiderte zh’Thane. »Dies ist in der Tat eine sehr private Angelegenheit, und obwohl ich mir Ihres Verlangens nach Antworten bewusst bin, muss ich darauf bestehen, dass dieser Raum – und der Leichnam der Bündnispartnerin meines Cheis – bis auf Weiteres für das Personal der Station und der Sternenflotte tabu sind.« Shul wollte protestieren, doch sie ließ ihn gar nicht zu Wort kommen. »Ich gewähre Ihnen gern einige Minuten, um die für Sie erforderlichen Daten zu sammeln, doch ich versichere Ihnen, dass es sich bei diesem unglücklichen Vorfall um …« Ihre Stimme brach. Den Blick zur Zimmerdecke gerichtet, sammelte sie sich, bevor sie fortfuhr. »Thriss sah sich einer für sie unerträglichen Situation gegenüber und nahm sich deswegen das Leben. Hier gibt es kein Geheimnis zu entdecken. Es wurde auch kein Verbrechen begangen, abgesehen von dem des Egoismus seitens meines Cheis, durch den dieser sein Bündnis zerriss. Und von Thriss, die dafür sorgte, dass dieses Bündnis keinem ihrer Partner mehr eine Zukunft sein kann.«
Zh’Thane signalisierte Ro und Shul mit einer Geste, den Raum zu durchsuchen, und bat den Computer um mehr Licht. Während Shul die Szenerie in Augenschein nahm, widmete sich Ro Dizhei und Anichent, die noch immer auf dem Boden kauerten. Beide wirkten, als meditierten sie stumm. Ihre Antennen waren gesenkt wie die Stängel verwelkter Blumen. Die Gesichter zu Boden gerichtet, umklammerten sich die jungen Andorianer und blieben doch reglos wie Statuen. Striemen blauen Blutes, noch immer feucht, glitzerten auf ihren blanken Armen und, wie Ro erkannte, auf ihren Fingerspitzen.
Ro trat ans Bett, wo Dr. Tarses Thriss gerade scannte. »Ich fürchte, hier ist alle Hoffnung verloren, Ro«, sagte er leise. »Was auch immer sie getötet hat, machte seine Sache gründlich. Ich kann nicht mal mehr Rückstände neuroelektrischer Aktivität oder Muskelkontraktionen feststellen.«
»Wir haben das Hypospray, das zh’Thane in ihrer Hand fand«, sagte Ro und warf ihm einen schnellen Blick zu. »Vielleicht liefert es uns einen Hinweis darauf, wie sie starb.« Da der Doktor mit den Einstellungen seiner Trikorderanzeige beschäftigt zu sein schien, sah sie sich auf dem Bett nach weiteren Spuren um. Wie das Ratsmitglied gesagt hatte, wies nichts auf einen Kampf hin. Keine der Vasen und Skulpturen in der Nähe und am Kopfende des Bettes war beschädigt. Ro hob Thriss’ Kopf an, inspizierte ihre Fingernägel. Nirgends Blut – Thriss hatte ihre Partner definitiv nicht angegriffen. Dizhei und Anichent mussten sich vor lauter Trauer selbst verletzt haben.
Nach einigen Sekunden räusperte sich Dr. Tarses. Ro und zh’Thane sahen ihn an. »Es erweckt in der Tat den Anschein, als sei die Substanz im Inneren des Hyposprays für ihren Tod verantwortlich«, vermeldete er leise. »Arithrazin.«
Ro stutzte. »Wird das nicht verwendet, um Theta-Strahlungsschäden zu behandeln? Wie die der Europani-Flüchtlinge?«
»Richtig.« Tarses nickte. »Aber für eine derartige Wirkung muss der Patient auch entsprechende Schäden haben. Für sich genommen – und in entsprechend großer Dosierung – befällt Arithrazin schnell das Nervensystem. Das erklärt auch, warum ich vor etwa einer Stunde einige Arithrazin-Ampullen vermisste …«
Eine Regung der beiden Knienden ließ Ro zusammenfahren. In Erinnerung an Thriss’ Ausbruch in Quarks Bar spannte sie schon die Muskeln an, doch weder Anichent noch Dizhei schienen aktuell eine Bedrohung darzustellen. Beide wirkten am Boden zerstört.
»Ich schätze, damit sind Ihre unmittelbaren Fragen beantwortet, Lieutenant«, sagte zh’Thane an Ro gewandt. Sie hielt die Hände hinter dem Rücken verschränkt, vermutlich um das Ausmaß ihrer Trauer zu verbergen.
Ro nickte Shul und Tarses zu, um sie zum Aufbruch zu animieren. »Selbstverständlich, Ratsmitglied. Ich schätze, für den Moment haben wir alles. Kann ich Ihnen irgendwie helfen … etwa bei Begräbnisvorbereitungen?«
»Nein. Und ich muss wiederholen, dass dieses Quartier für alle Stationsangehörigen tabu ist.« Zh’Thane warf Ro einen warnenden Blick zu. »Wenn nötig, werde ich Colonel Kira kontaktieren, um diese Bedingung durchzusetzen. Bezüglich des weiteren Vorgehens melde ich mich bei Ihnen, sobald Bedarf für Ihre Hilfe besteht.«
Ro missfiel der nahezu drohende Tonfall des Ratsmitglieds, doch dies war nicht der Moment, um ihn zu thematisieren. »Ich werde Colonel Kira persönlich unterrichten und meinen Stab anweisen, Ihre Bitte zu beherzigen.«
»Wir werden eine Stasiskammer für Thriss’ Leichnam benötigen«, sagte zh’Thane, als hätte die Sicherheitschefin nicht gesprochen. »Bitte lassen Sie sie schnellstmöglich herbringen. Diskret!«
»Natürlich.« Ro sah zu Tarses, der nahezu unmerklich nickte. Dann trat auch sie zurück zur Tür – peinlich darauf bedacht, Anichent und Dizhei nicht zu nahe zu kommen. Beide kauerten nach wie vor in der Raummitte und schienen das Geschehen um sie herum nicht wahrzunehmen. Ro sprach sie an. »Mein aufrichtiges Beileid. Der Verlust Ihrer Bündnispart…«
Anichent sprang auf wie ein wahnsinniger Targ. Mit wildem Blick hechtete er auf sie zu, und Spucke flog aus seinem Mund. Er knurrte, wie Ro noch nie ein Wesen hatte knurren hören. Erschrocken wich sie zurück und hob abwehrend die Arme.
Shul zog den Phaser, richtete ihn auf Anichent, doch der Andorianer blieb sofort reglos stehen. Sabber lief aus seinem Mund, und seine Brust hob und senkte sich schnell. Ro signalisierte Shul, zu warten, und streckte die andere Hand dem jungen Anichent entgegen.
»Bitte gehen Sie«, sagte zh’Thane leise, die dem Vorfall den Rücken zuwandte. »Wie Sie sehen, hat Shars Entschluss, sein Bündnis zu missachten, nicht nur Thriss’ Leben zerstört. Mein Chei riss dadurch auch Anichent und Dizhei ins Verderben.«
Schweigend zogen sich Ro und die anderen zurück. Erst auf der Promenade, wo lebendiges Treiben die Todesatmosphäre zu verbannen schien, fanden sie wieder Worte.