KAPITEL 23
Ich kenne diesen Ort.
Der Gedanke kam Julian, sobald ihn der Transporterstrahl entlassen hatte. Und er überraschte ihn, da er doch schon so viel vergessen hatte.
Julian stand allein auf den zerborstenen Steinstufen, die zur Hagia Sophia hinaufführten. Er trug Papierpantoffeln und eines dieser lockeren, robenartigen Kleidungsstücke, die er noch von den Arztbesuchen seiner Kindheit kannte. Die Kathedrale aus dem Istanbul des sechsten Jahrhunderts war viel kleiner als bei seinem letzten Besuch. Die im Sonnenlicht glitzernde Kuppel wirkte fahler als in seiner Erinnerung und befand sich mehrere Meter näher am sonnenerhitzten Straßenboden. Das ganze Gebäude erweckte den Eindruck eines maßstabsgetreuen Modells und war kaum noch größer als ein Runabout der Sternenflotte.
Sie ist geschrumpft. Genau wie ich.
Julian nahm die kargen Bauten in Augenschein, die die antiken Kopfsteinpflasterstraßen säumten. Abgesehen vom Echo einer aus weiter Ferne herüberwehenden eigenartigen Musik war die Stadt völlig still. Nirgendwo sah er jemanden, nicht einmal Ezri oder Nog. Bei dieser Erkenntnis stellten sich die Haare in seinem Nacken auf, als wären sie getarnte Soldaten.
Wenigstens mit den Monstern hatte Ezri recht, dachte er und klammerte sich an das bisschen Halt, das diese Feststellung ihm gab.
Hatten seine Freunde die Kathedrale bereits betreten? Immerhin hatten sie dorthingewollt, oder etwa nicht: in eine Kathedrale. Er wusste, dass sie zusammen mit ihm auf der Suche nach Heilung hergekommen waren, und in der Hagia Sophia bewahrte er jede Heilmethode und Behandlungsart auf, die er kannte. Was immer er noch wusste, würde sich darin befinden. Dort oder nirgends.
Julian musste sich ducken, um durch die Tür zu passen. Sobald er im Gebäude war, richtete er sich auf und stieß sich den Kopf schmerzhaft an der Decke. In der großen Galerie fand sich nun keine Spur des Gerölls, das er bei seinem letzten Besuch gesehen hatte, und sie war so leer wie die Stadt, die sie umgab. Doch die Galerie war auch kaum noch mehr als ein enger Korridor aus behelfsmäßig errichteten Ziegelstein- und Sperrholzwänden. Die niedrige Decke zwang Julian, gebückt zur winzigen Treppe zu gehen …
… die, wie er nun sah, zu einer winzig kleinen Bibliothekstür führte. Nicht einmal Kukalaka hätte dort hindurchgepasst. Das ist zwecklos, dachte Julian und warf einen Blick über die Schulter.
Die Tür, durch die er gekommen war, hatte sich inzwischen ebenfalls merklich verkleinert. Panik überkam ihn. Ich bin eingesperrt!
Er sah zur Seite, wo sich seiner Erinnerung zufolge ein großes, nach draußen gerichtetes Fenster befand. Es war vernagelt, doch das Holz machte keinen stabilen Eindruck. Julian legte sich auf den marmornen Boden, zog die Beine an, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand und stieß die Füße mit aller Kraft gegen das Holz.
Das Haus selbst schien unter dem Druck zu stöhnen. Es war, als wollten sich uralte Steine und Mörtel seinem Fluchtversuch widersetzen. Dann aber gab die Bretterbarriere nach, verging in einem Regen aus Splittern. Vom Schwung seiner eigenen Kraft getragen, flog Julian einer Rakete gleich durch die nun freie Öffnung …
… und in eine große, weiße, hell erleuchtete Kammer. Als er aufblickte, sah er drei Personen, einen miesepetrigen Vulkanier und zwei Menschenfrauen, an einem langen Tisch sitzen. Sie trugen blaue Sternenflottenuniformen und sahen ihn erwartungsvoll an.
»Nun, Mister Bashir?«, fragte der Vulkanier betont. Er klang ungeduldig und erschreckend humorlos. »Was ist es also? Eine präganglionische Faser oder ein postganglionischer Nerv?«
Die medizinische Fakultät der Sternenflotte, schoss es Julian durch den Kopf. Mündliche Prüfung. Eine spezielle Art Panik kam in ihm auf, die er doch schon vor Jahren aus seinem Denken verbannt hatte.
»Ich … Ich fürchte, ich weiß es nicht … Ich kann mich der korrekten Antwort nicht entsinnen, Sir.«
Eine der Frauen – eine ungehalten wirkende Rothaarige mit dickem, kirschfarbenem Lippenstift – starrte ihn an und drückte einen großen roten Knopf an der Seite des Tisches. »Und noch ein Defekter«, sagte sie. »Er muss zu den anderen gebracht werden.«
Als hätte sie sie herbeigezaubert, standen plötzlich zwei breite, in weiße Krankenhaustracht gewandete Schränke von Männern neben Julian. Sie legten die Hände um seine Oberarme und hoben ihn hoch, bis seine Füße den Kontakt zum Boden verloren. Bevor er protestieren konnte, hatten sie ihn schon aus dem Raum und in einen langen, steril wirkenden, weißen Korridor getragen.
»Hier entlang, Sir«, sagte der rechte. Auf seinem Kragen prangte ein Aufnäher mit drei Buchstaben: DEE.
»Wir haben genau den richtigen Ort für Sie«, sagte der andere. Auf seinen Kragen hatte jemand mit einem Stift DUM gekritzelt.
Vor einem kleinen, offenen Raum, dessen breiter Eingangsbereich im verräterischen blauen Licht eines Sicherheitsfeldes schimmerte, kamen sie zum Stehen. In dem Raum befanden sich vier Personen. Die Pfleger setzten Bashir ab und deaktivierten das Energiefeld, als einer der Zelleninsassen – ein schwarz gewandeter, junger Mann mit Kinnbart – auf einen Tisch sprang. Er trug einen Hut mit breiter Krempe, in dessen Band eine Karte mit der Aufschrift IN DIESEM STIL 10/6 steckte. Seine Augen strahlten nur so vor Anspannung, und er sah Julian nervös an.
Julian hatte diesen Hut schon mal gesehen. Und die Zeichen auf den Kragen der Pfleger. Ihm war, als wäre das auf den Seiten eines an Eigenartigkeiten nicht armen Kinderbuchs gewesen, das er geliebt hatte, dessen Name sich ihm nun aber entzog.
Nur den Mann mit Hut erkannte er sofort.
»Wer ist denn der Neue, hmmm?«, fragte dieser nun. Die Worte drangen so schnell aus seinem Mund wie Projektile aus einer Schusswaffe. »Das hier ist ein privater Club, hmmm? Momentan nehmen wir keine Aspiranten auf. Versuchen Sie’s in ein paar Monaten erneut, hmmm?«
»Entspann dich, Jack«, sagte einer der Pfleger. Er stand auf der Schwelle, denn das Kraftfeld war inzwischen verschwunden. Dann wandte er sich an die anderen drei Insassen. »Ich möchte euch Jules vorstellen. Ihr und er werdet von nun an viel Zeit miteinander verbringen.«
»Ich bin nicht Jules«, widersprach Bashir, doch das schien dem Pfleger völlig egal zu sein. »Mein Name ist Julian.«
»Hi«, grüßte ein rundlicher, etwa sechzigjähriger Mann mit freundlichem Lächeln. Er befand sich in der Mitte des Raumes, und sein weißes Haar stand wild von seinem Kopf ab. In seiner Hand hielt er eine Flasche, an deren Hals ein Zettel mit der Aufschrift TRINK MICH prangte. »Ich bin Patrick. Kümmere dich nicht um unseren Jack. Sie sagen, er sei nicht allzu sozial veranlagt.« Die letzten Worte unterstrich Patrick, indem er mit den Fingern beider Hände Gänsefüßchen in die Luft malte. »Aber Jack ist nicht wie ich. Oder wie Lauren.« Dabei nickte er in Richtung eines Sofas in der Ecke.
Darauf lag, ausgestreckt in perfekter Schlafzimmerpose, eine dunkelhaarige junge Frau. Ihr eng anliegender, scharlachroter Overall tat wenig, um die perfekten Rundungen ihres Körpers zu verbergen. »Freut mich«, sagte sie und lächelte ihn mit einem raubtierhaften Funkeln in den Augen an, das Julian erblassen ließ. »Willkommen zu unserer kleinen Teeparty.«
Neben dem Sofa war ein kleiner Tisch mit einem silbernen Teeservice. Die Frau setzte sich auf und begann, vier kostbar wirkende Porzellantassen zu füllen.
»Ich gehöre nicht hierher«, sagte Julian zu dem Pfleger, der ihm am nächsten war. Es kostete ihn Mühe, die Worte zu finden. »Diese Leute leiden unter … unbeabsichtigten Nebenwirkungen. Von ihren … genetischen, äh, Aufwertungen.«
Der Pfleger lächelte herablassend. »Das stimmt, Jules. Genau wie du. Oder hast du schon vergessen, warum du hergekommen bist.«
Plötzlich bemerkte Julian die junge Frau mit dem sandfarbenen Haar. Sie saß allein auf einem Stuhl in der entgegengesetzten Zimmerecke. Leere Augen in einem atemberaubenden Gesicht, das blass wie das einer marmornen Statue war. Sarina Douglas.
Julian erinnerte sich, dass jemand, der ihm ähnelte, ihr einst geholfen hatte, das Sprechen wiederzuerlernen und so mit dem Rest der Welt zu interagieren. Daraus war eine Romanze erwachsen, die ihm nun wie ein Traum vorkam – wie die Erinnerung eines anderen.
Ruckartig hob Sarina den Kopf und sah sich in der Zelle um. »Ich hab nicht geschlafen«, sagte sie und lächelte breit. Ihre Stimme war schwach und heiser. »Ich hab jedes Wort gehört, das ihr gesagt habt.« Dann fiel ihr Blick auf Julian. »Und ich bin sehr froh, dass du dich entschlossen hast, dich uns anzuschließen, Jules.«
»Geh ruhig rein, Jules«, sagte der lächelnde Pfleger.
»Jetzt«, ergänzte der andere und sah ihn missbilligend an.
Julian machte einen Schritt zurück. »Nein.«
»Du bist jetzt einer von uns, Jules«, sagte Lauren. Jack und Patrick grinsten.
»Nein!« Julian schrie und wich von der offenen Zelle zurück. Die zwei Pfleger traten zu ihm. Inzwischen wirkten beide verärgert, und ihre großen Oberarmmuskeln dehnten ihre kurzen Hemdsärmel. Der größere der beiden Männer griff nach Julian, doch dieser wich aus, ohne nachzudenken. Prompt verlor der Hüne die Balance und plumpste zu Boden.
Bevor Julian fliehen konnte, legte der zweite Pfleger beide Arme um ihn und hielt ihn fest, während sein Kollege auf die Beine kam. Julian wand sich, hatte aber weder die Kraft noch den Spielraum, um sich zu befreien.
Mit einem Mal verlagerte der Pfleger sein Gewicht. Dann ging er in die Knie und lockerte seine Umklammerung. Julian entriss sich seinen Armen, fiel zu Boden und rollte sich zusammen.
Jack stieß ein langes, ansteigendes Kriegsgeheul aus. Er hatte Arme und Beine um Rücken und Schultern des Pflegers geschlungen. Obwohl der große, starke Mann sich wehrte, hielt sich der Patient mit der Sicherheit einer tiberianischen Fledermaus an seinem Opfer fest.
Und das Kraftfeld ist unten, begriff Julian, als er auf die Beine kam. Die Irren haben die Klapsmühle verlassen.
Sofort rannte er los, den Gang hinab, und obwohl hinter ihm laute Rufe erklangen, schien ihn niemand zu verfolgen. Nach einigen Minuten führte der Gang in einen weiteren Raum, eine gemütlich aussehende Lounge, in der ein Mann und eine Frau nebeneinander auf einem niedrigen Sofa saßen und lasen. Sie gaben sich sichtlich Mühe, einander zu ignorieren. Und sie waren deutlich jünger als in Julians Erinnerung – so jung, dass er sie fast nicht erkannt hätte.
Richard und Amsha Bashir. Seine Eltern. Die beiden waren so in ihre Lektüre vertieft – Vater in eine Art Blaupause, Mutter in einen Thriller in Buchform –, dass ihnen sein Erscheinen völlig entgangen war.
Und das ist kaum überraschend. Ein bitteres Lächeln schlich sich auf Julians Gesicht. Manches ändert sich eben nie. »Hallo Mutter«, sagte er. »Vater.«
Vater sah von seinen Blaupausen auf und lächelte unbehaglich. »Ah, da bist du ja, Jules.«
Mutters Lächeln stand dem seinen in nichts nach. »Wir dachten schon, du hättest dich verlaufen.«
Julian schwieg. Ich habe mich verlaufen, dachte er, bis er einige Details des Zimmers zuordnen konnte. Dieser Eckstuhl zum Beispiel. Sein graues Leder wurde aus der Haut irgendeines genetisch veränderten Tieres gewonnen. Ein Relief an der Wand zeigte eines der hier ansässigen achtbeinigen Reittiere. Erinnerungen wie diese beiden waren unter den ersten gewesen, die er je in der Hagia Sophia abgelegt hatte.
Ich bin im Wartesaal. Auf Adigeon Prime.
»Weshalb habt ihr mich wieder hergebracht?«, fragte er und sah seinen Vater an.
Dessen Stirn legte sich in Falten. »Weil es notwendig ist, Jules.«
»Du meinst, weil ich so dumm bin.«
Mutter machte ein trauriges Gesicht. Das Gesicht einer Frau, die lange schon litt. »Weil wir möchten, dass du ein glückliches, erfülltes Leben hast, Jules. Und sobald die Behandlungen abgeschlossen sind, wirst du genau das haben.«
Julian kämpfte gegen seine wachsende Verwirrung an. »Wir haben das schon mal gemacht, Vater. Als ich sechs war.«
Vater stand auf und schaute ihn missbilligend an. »Wenn ich dich jetzt so ansehe, fällt es mir schwer, das zu glauben, Jules.«
»Hör auf, mich so zu nennen!«, gab er zurück, flammenden Zorn im Herzen. »Ich bin jetzt Julian. Ich bin schon Julian, seit ich begriff, was ihr mir hier angetan habt.«
Mutter erhob sich, kam näher und ergriff seine Hände. »Bist du das denn?«, fragte sie und drehte seine Handflächen nach oben.
»Bin ich was?«
»Bist du wirklich derselbe Julian, den wir von Adigeon Prime mit nach Hause nahmen?«
Julian sah auf seine Hände in den ihren, betrachtete sie. Es waren die Hände eines Erwachsenen, keines Sechsjährigen. Und plötzlich merkte er, dass er keinerlei Erinnerung mehr daran hatte, als Kind schon nach Adigeon Prime gekommen zu sein.
Denn er war nie hier gewesen.
Denn er hatte sich nie den »Prozeduren« unterzogen.
Denn er war nun der Erwachsene, zu dem der junge, nicht aufgewertete Jules Bashir geworden wäre, wenn man ihn in Ruhe gelassen hätte. Unverändert.
Vater warf mit sichtlicher Ungeduld einen Blick auf das Chronometer an seinem Handgelenk. »Mach dich bereit, Jules. Die Ärzte werden jetzt jeden Moment hier sein, um dich zu untersuchen.«
Für einen langen, stillen Moment dachte Julian über diese Worte nach. Bot man ihm hier die Chance, alles zurückzuerhalten, was er verloren hatte? Alles, was die fremde Kathedrale ihm geraubt hatte?
Prozeduren. Sie glauben, ohne ihre ach so tollen Prozeduren wäre ich nichts. Und vielleicht haben sie recht.
Mutters Griff wurde fester. Julian sah Tränen der Enttäuschung in ihren Augen schimmern. »Wir wollen doch nur das Beste für dich, Jules. Wir lieben dich so sehr …«
Er schüttelte ihre Hände ab. »Ganz offensichtlich liebt ihr mich nicht so wie ich bin«, sagte er, machte einen Schritt zurück und stolperte dabei fast über die eigenen Füße. Er fühlte sich langsam, ungeschickt – und entsetzlich dumm.
Am anderen Ende des Zimmers glitt eine Tür auf. Richard Bashir drehte sich um, wodurch er Julian kurzzeitig die Sicht nahm. Dann sah er zu seinem Sohn und lächelte. »Die Ärzte sind jetzt bereit für dich, Jules.«
Julian stockte der Atem. Dort in der Tür standen die zwei Schränke von Krankenpflegern, denen er eben erst entkommen war. Sie hatten ihre schinkengroßen Fäuste gegen die Hüften gestemmt, und ihr Blick strahlte pure Bedrohung aus.
Julian rannte los. Auf dem gleichen Weg, den er gekommen war.
Der Lüftungsschacht war kalt und dreckig, aber er war ein Versteck. Er bot Sicherheit, wenigstens für den Moment. Mit zitternden Händen hielt sich Julian am Lüftungsgitter fest und sah auf den Korridor unter sich hinab. Niemand schien nach ihm zu suchen. Er wusste nicht, wie lange er schon in der engen Röhre hockte, und er fragte sich, wie lange er es wohl noch konnte. Ob er es überhaupt sollte.
Vielleicht wollten mich diese Männer nur schlau machen, wie Mutter und Vater sagten. Konnte er denn erwarten, das Verlorene wiederzugewinnen, wenn er zu verängstigt war, um riskante Chancen zu nutzen? Schon in Kindertagen hatten Ärzte ihn stets verängstigt, bis er begriff, dass sie ihm nur helfen wollten. Im zarten Alter von zehn Jahren hatte er auf Invernia II den Tod eines armen kleinen Mädchens miterlebt. Sie war gestorben, weil die Mediziner aufgrund eines Ionensturms nicht zu ihr durchdringen konnten – und weil niemand wusste, dass ein in der Gegend heimisches Kraut sie von dem Fieber, das sie das Leben kostete, hätte befreien können. Jene traurige Begebenheit hatte in Julian den Wunsch geweckt, Arzt zu werden – ein Wunsch, der schon in ihm geschlummert hatte, seit er als fünfjähriger Jules Kukalakas Wunden vernähte.
Erstaunt registrierte er, dass diese Erinnerung noch da war. Doch so sehr er sich auch anstrengte, er kam einfach nicht darauf, was ihn eigentlich jagte und seine Erinnerungen tötete. Ihm war nur, als hätten sie irgendetwas mit einer Art Kirche zu tun gehabt.
Im Gang unter ihm erklangen nun laute Schritte. Julian erschrak so sehr, dass er sich den Kopf an der Decke des Schachtes stieß. Er ignorierte den Schmerz und sah wieder durch das Gitter. Die Schritte kamen näher, und einen Moment später marschierten die beiden Pfleger unter ihm vorbei. Sie eskortierten eine dritte, kleinere Gestalt, die ein Patient sein musste: einen schmächtigen Jungen, kaum älter als sechs Jahre. Julian hörte ihn weinen, und einer der Pfleger murmelte ihm Beruhigungsfloskeln zu.
Als der Junge den Kopf hob und die tränenvollen, wachen Augen zur Decke richtete, setzte Julians Herz einen Schlag aus. Das Kind ähnelte dem trägen Wesen, mit dem er gerechnet hatte, kaum, und doch bestand kein Zweifel an seiner Identität.
Dieser heulende, zutiefst verängstigte kleine Patient dort war der junge Jules Bashir. Und er war zweifellos auf dem Weg, um sich den von seinen Eltern arrangierten »Prozeduren« zu unterziehen.
Kurze Zeit später kletterte Julian aus dem engen Schacht in einen Korridor hinab, der sich dankenswerterweise als leer herausstellte. Doch dem Geräusch nach näherten sich Schritte. Julian zwängte sich in eine Nische in der Wand. Er wusste, dass er eine wichtige Aufgabe zu erfüllen hatte, doch er entsann sich ihrer nicht länger. Es war unglaublich frustrierend, in Plänen und Zielsetzungen zu denken.
Zum Denken blieb ohnehin keine Zeit. Die Pfleger eilten mit ihrem jungen Patienten an Julian vorbei, und er seufzte erleichtert, als sie ihn nicht bemerkten. Leise folgte er ihnen um mehrere Ecken. Zu seinem Glück blickten sie nie hinter sich, und ihre lauten Schritte überdeckten jegliches Geräusch, das er selbst verursachte.
Um eine Ecke gebeugt, sah er, wie die Pfleger den kleinen Jules durch eine Tür hindurch in etwas bugsierten, das eine Art Labor oder Krankenstation zu sein schien. Augenblicke später kehrten die Männer zurück, diesmal ohne das Kind, und entfernten sich. Abermals nahmen sie Julians Anwesenheit gar nicht wahr.
Dies musste der Ort sein. Julian war, als erinnerte er sich intuitiv. Hier haben die Ärzte mich verändert.
Leise schlich er zur unverschlossenen Tür, schob sie auf und betrat den Raum.
Der Junge saß in einem für ihn viel zu großen und nach hinten gekippten Sitz. Sein kleiner Leib verschwand fast in dem weiten Krankenhaushemd, und seine Füße in den Papierpantoffeln baumelten mehrere Zentimeter über dem sterilen Boden. Er hatte die Hände im Schoß gefaltet, als wollte er sich an sich selbst festhalten. Schutz suchen. Jules sah in Julians Richtung, und ein Trio stattlicher, vogelähnlicher Adigeoner – Ärzte, vielleicht sogar Chirurgen – stand mit Hyposprays und Trikordern vor ihm. Sie hatten Julian, dessen Anwesenheit sie eindeutig nicht wahrnahmen, die Rücken zugewandt. Obwohl der Junge Julian hatte kommen sehen, sagte er nichts und tat nichts, um die Adigeoner auf den Besucher aufmerksam zu machen.
Kluges Kerlchen.
Schweigend betrachtete Julian die Augen des Jungen. Die gleichen Augen hatten ihn einst von der anderen Seite des altmodischen Spiegels seines Vaters angesehen. Ihm war, als vergingen Minuten, und er zermarterte sich das Hirn nach einer Berechtigung für den sehnlichen Wunsch seiner Eltern, ihn neu zu erschaffen. Ihn zu verändern.
Im Blick des Kleinen las er Angst, aber auch etwas anderes nicht Unterdrückbares. Dieser Junge schien weit davon entfernt, das Häuflein Elend zu sein, ohne das er laut seinen Eltern so viel besser dran wäre. Der junge Jules ähnelte eher dem aufgeweckten, wenn auch leicht lernbehinderten Doppelgänger, der sich manchmal in Julians Träume schlich wie der Geist eines ermordeten Zwillings. Julian sah ihn in vielen Nächten, seit er mit fünfzehn die Wahrheit über die Ereignisse auf Adigeon Prime erfahren hatte.
Obwohl sich sein Intellekt und seine Wahrnehmung rapide verschlechterten, wusste Julian, dass er der simplen, objektiven Tatsache vertrauen konnte, die er im Blick des jungen Jules las: Da war Verstand in diesem Burschen, eine unermüdliche Seele mit innerem Feuer!
Ob die wohlmeinenden Pläne seiner Eltern dieses Feuer ersticken würden?
Plötzlich merkte er, dass sich einer der drei Adigeoner zu ihm umgedreht hatte. Das Wesen starrte ihn an, und sein gefiederter Hals reckte sich vor Zorn. »Wie kommen Sie hier rein?«
Nun wandten sich auch die anderen beiden um. »Keine Sorge, Doktor«, sagte einer von ihnen. »Erkennen Sie ihn nicht? Das ist die ausgewachsene Version des Knaben, den wir gerade behandeln.«
»Ich verstehe«, sagte der erste Adigeoner. Der Blick seiner lidlosen, seitlichen Augen glitt über Julians gesamten Körper. »Mir scheint, wir haben es vermasselt, nicht wahr?«
»Ich rufe die großen Menschen zurück und lasse ihn entfernen«, sagte der dritte Mediziner. »Wer weiß schon, was aus dem Kind hier wird, falls er in unsere Prozeduren eingreift?«
Wer weiß?, wiederholte Julian gedanklich und fragte sich, ob er je so tief gefallen wäre, wenn ihn niemand gezwungen hätte, derart hoch zu klettern. Dennoch war ihm, als müsste er wollen, was diese drei Ärzte wollten. War das nicht der einzige Grund, aus dem er hergekommen war? Wenn er sich doch nur erinnern könnte!
Und wenn doch der flehende Blick dieses Jungen nicht wäre. Der Blick, der die ganze Situation so entsetzlich falsch wirken ließ.
Der junge Jules saß schweigend da, doch Julian spürte, dass er nicht ins Leere starrte. Stattdessen passte er genau auf, was um ihn herum geschah.
In einem fernen Korridor erklang dissonante Musik und hallte leise bis in den Raum. Der vordere Adigeoner trat näher. Julian konnte den Atem des Wesens riechen, ein Gemisch aus Popcorn mit Butter, Pfefferminze und tarkaleanischem Tee. »Sie sollten nicht hier sein«, sagte es.
Julian hob den Arm – der plötzlich zitterte – und deutete auf den Jungen. Auf die Person, die er vor so langer Zeit gewesen war. Und ohne den Grund dafür zu kennen, traf er eine Entscheidung.
»Sie sollten nicht hier sein«, wiederholte der Adigeoner und hob drohend eine seiner krallenbewehrten Hände.
»Genau wie er«, erwiderte Julian. Dann huschte er an dem schmalen Wesen vorbei und stieß es gegen seine zwei Artgenossen. Die Adigeoner fielen zu Boden, doch er wusste, dass sie nicht lange liegen bleiben würden. Ihm blieben nur Sekunden.
Schnell eilte er zum jungen Jules, dessen Augen sich geweitet hatten – vor Schreck, Staunen oder beidem zusammen. Er wehrte sich nicht, als Julian seine Hand nahm, ihn auf die Beine zog und mit ihm auf den Korridor hinaustrat.
Dort hielten sie einen Moment inne und sahen sich an. »Danke«, sagte Jules.
Julian grinste ihn an. Bedank dich bei dir.
Dann rannten sie los, vorbei an den Pflegern, die schnell hinter ihnen zurückblieben und wütend Lollipops durch die Luft schwenkten. Vorbei an Richard und Amsha Bashir, die äußerst überrascht schienen. Doch ihre Rufe der Wut und der Verwirrung endeten, als die beiden bei ihrem Versuch, die Fliehenden zu stoppen, über einen Blumenkübel im Warteraum stolperten. Vorbei an den Maulaffen feilhaltenden Mitgliedern der Prüfungskommission der Medizinischen Fakultät der Sternenflotte. Der Vulkanier bekam vor Staunen den Mund nicht mehr zu, als Jacks Hut von seinem Kopf fiel.
Erst als Julian Seitenstechen bekam, hielten er und sein kleiner Begleiter an, um kurz zu verschnaufen. Schweigend standen sie da, und als Julian aufblickte, war die Klinik auf Adigeon Prime plötzlich fort. Kilometerweit über ihnen sah er die wilde, interdimensionale Architektur des fremden Artefaktes.
Ich war von Anfang an in ihm. Alle von der Sagan waren das.
Er spürte, wie alles, an das er sich nicht länger hatte erinnern können, auf einmal zu ihm zurückkehrte. Den Blick auf die sich stetig verändernden Muster aus Balken, Säulen und Bögen über sich gerichtet, fühlte er jedes genetisch aufgewertete Talent, das er für immer verloren geglaubt hatte, neu in sich wachsen. Dann sah er zum jungen Jules.
Einen langen Moment über wusste er nicht, was er sagen sollte. »Meine Güte, was habe ich da nur getan?« Eigenartige, kristallin wirkende Laute – ähnlich denen, die er an Bord der Sagan gehört hatte – erklangen irgendwo in der Ferne.
Der Junge lächelte. »Du hast mich endlich erkannt«, antwortete er.
»Gerettet ist das passendere Wort, glaube ich. Und es war dumm von mir. Es hätte das, was das Artefakt mir angetan hat, zum Normalzustand werden lassen sollen.«
»Nein.« Jules schüttelte den Kopf. »Es war die Tat eines einfachen, aber anständigen Mannes.«
»Aber ich verhinderte, dass du die … die ‚Prozeduren‘ erlebst. Was macht das aus mir?«
»Du hast nur eine Verbindung zu einem ungesunden Teil deiner Vergangenheit gekappt«, sagte Jules und deutete nach oben. »Betrachte deine Hassliebe zu mir als erledigt.«
Julian folgte der Geste mit Blicken und sah nun die majestätische Kuppel der Hagia Sophia über sich. Die dissonante und doch nicht unangenehme Musik hallte durch das Innere der Basilika, deren Galerie ins Endlose zu führen schien. Jedes Gemälde, jeder Wandteppich, jede Skulptur schien wieder am richtigen Platz und im Originalzustand zu sein.
Meine Gedächtniskathedrale.
Erleichterung wetteiferte mit Verwirrung. »Wie?«
Jules strahlte ihn an. »Du wirst deine eigenen Antworten finden müssen, Julian«, sagte der Junge und ging los. Julian folgte ihm schnell und hatte keine Mühe, Schritt zu halten.
Die unerwartete Rückkehr seiner mentalen Stärke erfüllte ihn mit großer Dankbarkeit und präsentierte ihm nahezu umgehend die erste Antwort: Ich habe meinen Frieden mit Jules gemacht. Vermutlich hat mich das von allen anderen Quantenrealitäten getrennt. All den Welten, in denen Mutter und Vater mich nie nach Adigeon Prime brachten.
Jules nickte, als würde er Julians Gedanken kennen. Natürlich kennt er sie, dachte Julian. Wie sollte er sie nicht kennen?
»Das ist ein Teil des Grundes«, sagte der Junge und hielt neben der Treppe an, die zur Hauptbibliothek führt. »Aber nicht der größte Teil.«
»Soll das heißen, ich begreife doch noch nicht, was hier geschah?« Julian machte einige Schritte die Treppe hinauf. Als er die fünfte Stufe erreichte, legte er all sein Gewicht darauf, und sie knarrte zufrieden stellend. Wie sie es sollte.
»Mhm«, murmelte der Junge.
Julian sah zu ihm hinunter. »Das ergibt keinen Sinn. Wie kann dieser Ort meine ‚Weltlichkeit‘ korrigieren, wenn ich die Prozeduren, die dich zu mir machten, verhindert habe?«
Statt einer Erwiderung trat Jules zu einem nahe gelegenen, großen Fenster. Julian verließ die Stufen und folgte ihm. In der Scheibe konnte er sich und den Jungen gespiegelt sehen und erkannte, dass er wieder seine Sternenflottenuniform trug – mitsamt Kommunikator. Was wohl aus dem Raumanzug geworden war, den er beim Beamen mit dem Außenteam getragen hatte?
Das Kind lächelte ihn an. »Lass mich dir einen Hinweis geben. Jede Entscheidung, die du hier drinnen trafst, geschah ohne den Bonus der genetischen Aufwertung auf Adigeon Prime.«
»Mir blieb ja auch keine Wahl.«
»Genau«, sagte Jules. »Aber trotzdem hast du Mut und Leidenschaft bewiesen. Und zwar nicht nur hier, sondern auch auf der Defiant.« Das Kind trat näher, als wollte es umarmt werden.
Julian legte die Arme um es – und war überrascht, als der kleine Körper plötzlich noch kleiner zu werden schien! Im Spiegelbild sah er Jules buchstäblich verschwinden. Es war, als verschmölze er mit ihm. Einzig sein Lächeln hing einen Moment länger in der Luft, dann verblasste es ebenfalls.
Und in dieser Sekunde begriff Julian, was diese unerwartete Begegnung mit seinem lange vergangenen Alter Ego bedeuten sollte. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er gesehen, dass es im Kern keinen Unterschied zwischen Jules und Julian gab.
Jules hat mich nie verlassen. Er war mein Leben lang bei mir. Und Adigeon Prime hat das nie geändert.
Julian sah auf und betrachtete die Unendlichkeit. Die zentrale Kuppel der Hagia Sophia war den verwirrenden Strukturen der fremden Kathedrale gewichen. Ein Wunderland, dachte er und entsann sich eines Gedichts aus Kindertagen:
Eingewiegt am Ufersaum –
Leis auf der Fahrt im goldnen Strom –
Leben: bist du nicht nur Traum?
Aus dem Kommunikator auf seiner Brust erklang eine Stimme, doch er achtete nicht auf sie. Stattdessen starrte er weiter in die Unendlichkeit, wieder er selbst. Ganz und gar. So mochte Kira sich während der ihr nun verbotenen Begegnungen mit ihren rätselhaften Göttern gefühlt haben.
Die Lautstärke der Quasi-Musik nahm zu. Schließlich übertönte sie sogar den Kommunikator. Julian störte sich nicht daran, achtete auf nichts mehr. Irgendwann erschien eine Säule aus gleißendem Licht. Sie hüllte ihn ein, und die Kathedrale um ihn herum löste sich auf. Sie zerbrach in unregelmäßige Splitter wie die Erinnerung an einen Traum.