Achtundvierzig
Einige Monate später fuhr Pálmi an einem schönen Sommertag im Auto vor Helenas Seniorenheim vor und sprang ins Haus. Zwischen ihnen hatte sich im Lauf des Winters eine nette Freundschaft entwickelt, und jetzt besuchte er sie, um ihr ein Päckchen zu bringen. Da sie ihn erwartet hatte, öffnete sie sofort die Tür, und er folgte ihr in die kleine Wohnung.
»Hier bringe ich dir dein Kjarval-Bild«, sagte er und wickelte das Päckchen aus, das er bei sich trug.
»Haben die es tatsächlich endlich geschafft«, erwiderte Helena. »Ganze vier Monate haben sie dazu gebraucht. Aber sie haben sich wirklich Mühe gegeben, das sehe ich, das Bild ist genauso, wie es war. Würdest du es bitte an die Wand hängen, Pálmi.«
Nachdem Pálmi das Bild an seinen Platz zurückgehängt hatte, standen sie eine Weile da und betrachteten es. Helena ging hin und rückte es zurecht.
»Und du hast den Führerschein gemacht und dir sogar ein Auto gekauft«, stellte Helena fest.
»Das wurde aber auch höchste Zeit«, antwortete Pálmi.
»Was gibt’s Neues von Kristján, oder soll ich lieber Jóhann sagen?«, fragte sie und blickte Pálmi an.
»Sag einfach Kiddi. Alles bestens bei ihm. Er hat lange Zeit unter Depressionen gelitten, nachdem wir die Körperteile, die Sævar Kreutz aufbewahrt hatte, bestattet haben. Was für eine Aktion! Wir haben alles in ein und dasselbe Grab gelegt, es ist nicht gekennzeichnet, aber wir kennen die Stelle. Kiddi hat sich inzwischen wieder ganz gut erholt, er arbeitet jetzt unten am Hafen. Er sagt, dass er nicht mehr so viel an diese grauenvollen Ereignisse denkt. Er wird es schon schaffen. Er kommt mich oft besuchen, und dann reden wir über alles. Das wird schon wieder.«
»Aber dieses Scheusal Sævar Kreutz haben sie nie gefasst.« »Sie gehen davon aus, dass er sich irgendwo in Europa befindet, wahrscheinlich in Deutschland. Er ist mit Aggi entwischt. Dieser Sicherheitsbeauftragte hat später ausgesagt, dass er ihn an Bord eines Frachtschiffs gebracht hat, das im Begriff war, auszulaufen, mit Kurs auf Hamburg, aber als er endlich den Mund aufmachte, war das Schiff natürlich schon längst in Hamburg angekommen. Er stritt rundheraus ab, irgendetwas von Sævar Kreutz’ Aktivitäten gewusst zu haben. Erik Faxell behauptet ebenfalls, nichts gewusst zu haben, auch nichts in Bezug auf die Lebertranpillen. Aber so billig kommt er nicht davon. Guðrún ist die Hauptzeugin des Staatsanwalts. Sie wird sicher auch eine Strafe erhalten, obwohl sie wahrscheinlich bereits gestraft genug ist. Sie ist am Boden zerstört wegen der ganzen Sache, und sie weint viel, wie Erlendur mir sagt. Die Schuldgefühle machen sie fertig. Es ist nur die Frage, wie der Staatsanwalt das sieht. Wahrscheinlich wird nicht viel davon an die Öffentlichkeit gelangen. Es ist den Behörden gelungen, das Klonen geheim zu halten, und das wird hoffentlich so bleiben. Es wäre mehr als unangenehm, wenn das bekannt würde. Der Koreaner durfte mitsamt seinen Begleitern das Land verlassen, nachdem sie ausgesagt hatten. Wahrscheinlich hat er irgendwo anders das ewige Leben gefunden, wer weiß. Einige Wissenschaftler von der Universität sind in Sævars Haus gewesen. Der Kreutz-Konzern streitet jegliche Beteiligung ab und weiß angeblich nichts von einem Klonzentrum. Sævar Kreutz ist wie vom Erdboden verschluckt, nach der Flucht ist er nirgends wieder aufgetaucht. Erlendur hat mir das gesagt.«
»Erlendur und Sigurður Óli sind neulich zu mir gekommen und haben mir von Halldórs Schicksal erzählt. Sie sagten mir, dass sie Kristján nicht belangen werden, der hätte schon genug, mit dem er fertig werden müsse, und außerdem sei Halldórs Fall als Selbstmord registriert worden. Die sind eigentlich in Ordnung, dieser Erlendur und auch dieser Sigurður Óli.«
Sie schwiegen eine Weile.
»Ich habe mein altes Zimmer in der Wohnung in Ordnung gebracht«, sagte Pálmi. »Ich hatte dir davon erzählt. Ich habe es angestrichen, und jetzt steht die Tür offen.«
»Sehr schön.«
»Also, dann mache ich mich wohl am besten wieder auf den Weg.«
»Na, wo soll’s denn hingehen?«
»Dagný und ich machen einen Sonntagsausflug mit den Kindern. Das Wetter ist herrlich, und wir wollen aus der Stadt heraus. Irgendwo werden wir Halt machen und picknicken, und dann liegen wir in der Sonne und schauen den Kindern zu, wie sie spielen. Und heute Abend kommen wir nach Hause und schauen in die Sommernacht hinaus.« Sie verabschiedeten sich. Pálmi verließ das Haus und ging zum Auto, in dem Dagný mit ihren beiden Kindern wartete. Auf dem Kindersitz hinten im Auto saß ein kleiner Junge, der Danni genannt wurde, aber Daníel hieß, und mit großen Augen zum Himmel blickte.