Sieben

Erlendur und Sigurður Óli fuhren nach Hafnarfjörður, um Halldór Svavarssons Schwester die Todesnachricht zu überbringen. Nach dem Kälteeinbruch war es jetzt wärmer geworden, und auf den Straßen lag Schneematsch. Tauender Schnee, Teer und Salz mischten sich zu einem bräunlichen, nasskalten unangenehmen Brei, den man unweigerlich mit in Autos und Häuser schleppte. Wenn wieder Frost einsetzte, verwandelte sich der Matsch in scheußliche Eisbuckel.

Während der Fahrt redeten sie kaum miteinander. Erlendur und Sigurður Óli waren in Gedanken versunken. Mit Hilfe der Zahnarztkartei war die Identität des Toten bestätigt worden. Halldór Svavarsson. Die ersten Nachforschungen hatten bestätigt, dass es sich um Brandstiftung handelte. Auf dem Benzinkanister befanden sich aber keine Fingerabdrücke.

Lange Zeit hatte es innerhalb der Kripo Reykjavík keinerlei Spezialisierung gegeben, die Mitarbeiter waren für sämtliche Belange zuständig gewesen. Das war aber inzwischen geändert worden, und die Mitarbeiter hatten sich auf bestimmte Gebiete spezialisiert. Alle außer Erlendur, der sich nicht festzulegen brauchte und selbst bestimmen konnte, womit er sich befasste. Er hatte von allen, einschließlich seiner Vorgesetzten, die längste Dienstzeit vorzuweisen.

Es war nicht einfach, mit Erlendur auszukommen. Davon konnte Sigurður Óli ein Lied singen. Trotzdem klappte ihre Zusammenarbeit. Vielleicht lag es daran, dass Sigurður Óli öfter als alle anderen mit Erlendurs schwierigem Temperament in Berührung gekommen war.

»Der Typ, der dahinter steckt, muss verdammt arrogant sein«, brach es plötzlich aus Erlendur heraus. »Es würde mich nicht überraschen, wenn so ein paar von diesen verdammten Jugendlichen aus der Schule ihn abgemurkst hätten. Der Brutalität von Jugendlichen sind ja heutzutage keine Grenzen gesetzt.«

»Oder es war jemand, der es nur so aussehen lassen möchte, als sei da ein absoluter Dilettant am Werk gewesen«, entgegnete Sigurður Óli, ohne auf Erlendurs Ansichten über die Gewalt unter Jugendlichen einzugehen. »Du hältst es also für ausgeschlossen, dass er sich selber verbrannt hat?« »Meinst du etwa, dass er sich zuerst selbst gefesselt und dann ein Streichholz angezündet hat?«

»Er hätte ein Feuerzeug in der Hand haben und es fallen lassen können. Ich weiß es nicht.«

»Ich bezweifle stark, dass jemand sich selber so was antun würde«, sagte Erlendur. »Hast du auch davon gehört, dass gestern jemand in der Klinik aus dem Fenster gesprungen ist? Einar untersucht das, glaube ich.«

»So what?«

»So what? Was soll das mit diesem so what, das man jetzt überall hört? Bist du nach Amerika gegangen, um so what zu lernen?«, sagte Erlendur und warf Sigurður Óli einen Seitenblick zu. »Ich finde bloß, dass es ein merkwürdiger Zufall ist. Zwei Todesfälle zur gleichen Zeit.«

»Es bringt sich doch dauernd jemand um«, sagte Sigurður Óli.

Sie fuhren schweigend weiter. Der Nachmittag war schon fortgeschritten, und es wurde zusehends dunkler. Im Radio kam wieder eine Nachricht über die Versuche schottischer Wissenschaftler, ein Schaf zu klonen. Erlendur fand diese Entwicklung abartig und hatte, wenn im Dezernat die Rede auf dieses Thema kam, mit seiner Meinung nicht hinterm Berg gehalten. Einige seiner Kollegen standen den Klonversuchen jedoch positiv gegenüber und begrüßten den Fortschritt. Zu ihnen gehörte Sigurður Óli.

»Widerlich«, sagte Erlendur wie zu sich selbst. »Der Natur so ins Handwerk zu pfuschen.«

»Ich hab gelesen, sie wollen Schafe mit menschlichem Blut züchten, oder so was Ähnliches. Schweine mit Menschenherzen«, warf Sigurður Óli ein.

»Verdammte Unnatur«, sagte Erlendur. »Den Menschen ist nichts heilig!«

»Es sieht so aus«, sagte Sigurður Óli und lächelte süffisant. Das Altersheim war das größte Gebäude in ganz Hafnarfjörður, dreizehn Stockwerke mit jeweils zehn kleinen Appartements auf den einzelnen Etagen. Die Bauunternehmer zocken offenbar bei den alten Leutchen kräftig ab, dachte Erlendur. Angeblich gab es dort so etwas wie einen Notfall-Service, und deswegen verkauften sie den Alten die Appartements zu völlig überzogenen Preisen. Die Betreuung in Notfällen war aber eigentlich minimal, und der Hausmeister war nie zu erwischen. Erlendur war sich sicher, dass viele der alten Leute ganze Häuser verkauft hatten, um an eine winzige Wohnung in einem solchen Seniorensilo heranzukommen. Denn dort gab es ja Geselligkeit, Abwechslung und Unterhaltung. Möglicherweise sogar amouröse Abenteuer.

Sie nahmen den Aufzug in den zehnten Stock und betätigten die Klingel mit dem Schild Helena Svavarsdóttir. Die alte Dame kam zur Tür, öffnete sie einen winzigen Spalt und spähte hinaus. Eine Kette verhinderte, dass die Tür sich weiter öffnete. Die Frau war klein und hager und hatte ein faltiges Gesicht mit winzigen stechenden Augen, mit denen sie die beiden Männer zu durchbohren schien. Sie kann um die achtzig, aber genauso gut auch neunzig sein, dachte Sigurður Óli.

»Helena Svavarsdóttir?«, redete Erlendur sie fragend an und schaute auf das Türschild.

»Das bin ich. Wer seid ihr?«

»Wir sind von der Kriminalpolizei. Mein Name ist Erlendur, und das hier ist Sigurður Óli. Es geht um deinen Bruder, Halldór Svavarsson.«

»Wir sind nur Halbgeschwister. Was ist mit ihm?«

»Dürfen wir vielleicht einen Moment zu dir hereinkommen?«

»Nein, wieso denn?«

»Wir sind hier, um dir mitzuteilen, dass dein Bruder, also, ich meine, dein Halbbruder, tot ist«, sagte Erlendur.

Die Frau starrte sie eine Weile an und machte die Tür zu. Dann hörten sie die Kette, und die Tür wurde wieder geöffnet. Die alte Frau, die am Stock ging, ließ sie herein. Drinnen war es stickig wie in einem Backofen. Erlendur und Sigurður Óli erlaubten sich, die dicken Wintermäntel auszuziehen. Die Wohnung war winzig. Rechts von der kleinen Diele befand sich eine Kochnische mit zwei Kochplatten, einem kleinen Backofen und einer Arbeitsplatte. Daran schlossen sich ein Esstisch und ein kleines Wohnzimmer mit einer alten, aber gut erhaltenen Sofagarnitur an. Bilder von Verwandten hingen an allen Wänden und stellten den einzigen Schmuck dar, abgesehen von einer schön gerahmten Radierung über dem Sofa, die eine junge Frau darstellte. Erlendur glaubte die Signatur von Kjarval zu erkennen. Links von der Diele war ein kleines Badezimmer mit Dusche, und daneben lag das Schlafzimmer. Eine alte Pendeluhr an der Wand passte auf die Zeit auf. Was sie wohl für dieses kleine Kabuff bezahlt?, dachte Erlendur, während er seine Blicke durch das Appartement schweifen ließ, beschloss aber, lieber nicht zu fragen.

Die Nachricht von Halldórs Tod schien Helena nicht besonders mitzunehmen.

»Habt ihr den Hauswart gesehen?«, fragte sie und bedeutete ihnen, sich zu setzen. »In diesem Saftladen funktioniert überhaupt nichts. Seit zwei Tagen versuche ich, diesen Menschen zu erwischen. Hier auf unserer Etage hat niemand ihn auch nur ein einziges Mal gesehen, und wenn ich unten bei ihm anrufe, piept es immer nur so merkwürdig.« »Den Hauswart? Nein, ich glaube nicht«, antwortete Sigurður Óli, obwohl er genau wusste, dass er ihn sowieso nicht erkannt hätte, selbst wenn er im Eingang über ihn gestolpert wäre.

»Der Service hier ist ein Skandal. Es wurden einem Gott weiß was für Versprechen gemacht, aber das war alles nur Schwindel. Und jetzt soll auch noch das Unterhaltungsprogramm eingeschränkt werden.« Helena schien kein Interesse am Tod ihres Bruders zu haben.

»Halldór kam gestern Abend bei einem Brand ums Leben. Gewisse Gründe sprechen dafür, dass es sich um Brandstiftung gehandelt hat. Weißt du, ob er Feinde hatte?«, fragte Erlendur und musste innerlich schmunzeln, obwohl der Anlass ernst war. Helena erinnerte ihn an seine verstorbene Großmutter. Vor der hatte er immer einen Heidenrespekt gehabt.

»Ich wüsste niemanden, außer vielleicht diese Rotzlöffel da in der Schule«, sagte Helena. »Die sind furchtbar mit meinem Halldór umgesprungen. Ganz furchtbar. Diese jungen Leute heutzutage, mit denen stimmt doch etwas nicht. Jóhanna, die ein Stockwerk höher wohnt, der wurde vor zwei Tagen hier direkt vor dem Haus die Handtasche weggerissen. Diese Halbstarken! Und sie haben sie niedergestoßen. Von wegen Notdienst, der kam erst zwei Stunden später.«

Erlendur schwieg.

»Ihr von der Polizei wolltet überhaupt nichts damit zu tun haben, ihr habt alles auf diesen Notdienst abgeschoben. Seht ihr das Ding da mit der Schnur? Das soll die direkte Verbindung zur Zentrale sein, aber es ist kaputt und war von Anfang an nicht in Ordnung. Und der Hauswart lässt sich ums Verrecken nicht bei uns hier oben blicken, um das in Ordnung zu bringen.«

»Wann hast du zuletzt mit Halldór gesprochen?«, fragte Sigurður Óli genervt, denn im Gegensatz zu Erlendur langweilte ihn das Geschwätz der Alten.

»Ich habe gestern noch mit ihm telefoniert. Das war dann wohl am gleichen Tag, als er gestorben ist.«

»Und über was habt ihr gesprochen?«

»Er hat angerufen, was er sonst nur sehr selten tat. Allerdings war ich in dieser Hinsicht auch nicht viel besser. Wir haben einander nie sehr nahe gestanden, aber das ist vielleicht nicht weiter verwunderlich. Ich bin in Reykjavík geboren, und er ist im Árnes-Bezirk aufgewachsen. Ich bin vierundachtzig, und er ist, ich meine, er war, sechsundsechzig. Wir hatten noch andere Halbgeschwister, die aber alle in meinem Alter waren, und sie sind schon alle unter der Erde. Ich bin immer davon ausgegangen, dass Halldór der Letzte von uns sein würde, aber jetzt lastet das wohl auf mir. Ich glaube, dass unser Vater Svavar schon sechzig gewesen sein muss, als Halldór gezeugt wurde. Mein Vater war ein unbekümmerter Mann, er hat das Leben in vollen Zügen genossen und hat bestimmt ziemlich viele Frauen glücklich gemacht. Allerdings nicht meine Mutter. Ich glaube, er hatte Kinder in sämtlichen Landesteilen. Als passionierter Reiter kam er …«

»Und was wollte Halldór, als er angerufen hat?«, unterbrach Sigurður Óli. Erlendur warf ihm einen Blick zu, der ihm zu verstehen gab, dass er sich gefälligst zurückhalten sollte.

»Was soll denn das?«, fragte Helena und schaute Sigurður Óli an.

»Sprich nur weiter«, sagte Erlendur. »Svavar hatte eine Leidenschaft für Pferde?«

»Es ist für euch vielleicht nicht so wichtig. Aber er hat sich nie um Halldór gekümmert. Der Junge war wahrscheinlich achtzehn oder neunzehn, als sein Vater starb. Seine Mutter hatte nie wieder was mit diesem Mann zu tun gehabt. Sie ist sogar vor ihm gestorben. Sie war eine ziemlich komische Person. Halldór sprach nie darüber, aber ich glaube immer mehr, dass sie geistig etwas minderbemittelt war.« Sie hielt einen Moment inne.

»Oder vielleicht war sie einfach nur naiv. Sie hat dauernd die Stellung gewechselt, und ich glaube, dass ihr das nicht gut getan hat, wenn du verstehst, was ich meine.«

»Meinst du …«

»Ich meine genau das, was ich sage. Ihre damaligen Arbeitgeber waren schlimm, und obwohl es nie direkt zur Sprache gekommen ist, kann es ganz gut sein, dass mein Vater gar nicht Halldórs Vater ist. Aber was weiß ich. Halldór hatte es schwer im Leben, und als seine Mutter gestorben war, kam er zu mir, und ich habe dafür gesorgt, dass er auf die Pädagogische Akademie ging. Ich habe nie feststellen können, dass er auch nur die geringste Ähnlichkeit mit meinem Vater hatte.«

»Wie ist seine Mutter zu Tode gekommen?«, fragte Sigurður Óli.

»Als sie schließlich nach Reykjavík gezogen waren, brach der Zweite Weltkrieg aus, die Tommys kamen nach Island, und sie wurde eines von diesen Soldatenflittchen. Gegen Ende des Kriegs hat man sie eines Morgens erfroren vor einer der Militärbaracken gefunden.«

»Und was wurde aus Halldór?«, fragte Erlendur.

»Er war mit ihr nach Reykjavík gezogen, stand aber damals schon auf eigenen Beinen. Alt genug war er. Er behielt die kleine Mietwohnung seiner Mutter und verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Arbeiter. Er wusste von seinen Halbgeschwistern und nahm Verbindung mit mir auf. Ich habe ihm, so gut ich konnte, geholfen. Der Junge war nicht dumm, und ich habe dafür gesorgt, dass er eine Ausbildung bekam. Er wollte unbedingt an die Hochschule. Ich glaube, er war ein guter Lehrer. Und er war auch kein schlechter Mensch.«

Helena verstummte, und die drei saßen schweigend da und hörten, wie die Wanduhr tickte.

»Da ist noch etwas, das ihr vermutlich über Halldór wissen solltet«, sagte Helena schließlich. »Er hat es mir erst gesagt, als er schon sehr viel älter war. Und wahrscheinlich hätte er es mir nie gesagt, wenn da nicht vor vielen Jahren etwas bei ihm in der Schule vorgefallen wäre. Ich weiß nicht genau, was das war, aber es hat Halldór beunruhigt.«

»Was sollten wir noch wissen?«, fragte Erlendur.

»Seht ihr das Bild hier über mir?«, fragte Helena und wechselte plötzlich das Thema, als hätte sie bereits genug gesagt oder als sei ihr gegen ihren Willen etwas herausgerutscht, worüber sie eigentlich gar nicht reden wollte. Vielleicht wollte sie es auch verdrängen. »Das ist ein echter Kjarval. Er hat mich gezeichnet. Das ging ganz schnell, nur ein paar Striche und fertig war’s. Das ist das Einzige, was mir wirklich etwas bedeutet. Ich habe früher einmal in Þingvellir gearbeitet, und er kam manchmal zu uns, um einen Kaffee zu trinken, aber ich glaube, dass er einfach gern mit uns Mädchen geplaudert hat. Er war ein sehr beeindruckender Mann. Es hieß immer, er sei ein komischer Kauz, aber ein verständigerer und intelligenterer Mann ist mir nie wieder begegnet. Er hat einige von uns gezeichnet und uns die Zeichnungen geschenkt. Er sagte einmal, wir seien seine kleinen Lavageschöpfe. Ein wunderbarer Mann.«

»Kjarval war ein Genie«, sagte Erlendur und betrachtete das Bild. »Was wolltest du uns über Halldór sagen?«

Helena sah zuerst Erlendur, dann Sigurður Óli an, als sei sie unschlüssig, ob sie fortfahren oder darum bitten sollte, in Ruhe gelassen zu werden. Wieder herrschte Schweigen in dem kleinen Appartement. Erlendur und Sigurður Óli blickten sie an. Die Hitze in der Wohnung war fast unerträglich.

»Er hat nur einmal darüber gesprochen und dann nie wieder«, sagte Helena langsam. »Man hat sich an ihm vergangen.« Helena schaute sie an, und die kleinen stechenden Augen zogen sich gequält zusammen.

»Helena«, sagte Erlendur leise. »Was wollte Halldór, als er gestern anrief, und wann hat er angerufen?«

Helena zog ein kleines Taschentuch aus ihrer Schürzentasche und führte es an die Augen. In der Wohnung hörte man nur das Ticken der Wanduhr, die gerade eine neue Stunde kurz anschlug und mit derselben Pendelbewegung die alte ausklingen ließ.

»Er rief gegen Abend an, um mir zu sagen, dass es jetzt endlich vollbracht sei. Er habe sein Vorhaben ausgeführt, und jetzt würde seine Seele Frieden finden. Dann verabschiedete er sich.«

»Weißt du, was er damit gemeint hat?«

»Ich habe keine Ahnung.«