Sechsundvierzig
»Uns ist das bereits vor zwölf Jahren gelungen«, sagte Sævar Kreutz, während sie immer noch in dem kleinen Zimmer mit der verspiegelten Scheibe saßen und beobachteten, wie der koreanische Greis den Jungen abtastete. »Damals kannte kaum jemand Begriffe wie die Reproduktion von Menschen – oder Klonen. Es sei denn aus Science-Fiction-Romanen. Klonen ist im Grunde genommen eine einfache Sache, wir hatten nur einige Probleme damit, die Erbmasse zu isolieren, und wir haben Fehler gemacht. Aggi, wie du ihn nennst, ist der Erste, der beinahe perfekt gelungen ist.« »Der Erste?«, fragte Pálmi. »Beinahe? Gibt’s etwa noch mehr davon?«
Kiddi Kolke saß wie gebannt vor der Scheibe und starrte auf den leichenblassen Jungen, den der Greis drehte, wendete und kniff, ihm in den Mund schaute und in die Augen. Der kalte Schweiß brach ihm aus, und er spürte, wie im übel wurde.
»Was zum Teufel hast du da gemacht?«, fragte er Sævar Kreutz.
»Dieser Mann, der da bei ihm ist«, sagte Sævar, ohne sich im Mindesten aufzuregen, »dieser Mann ist ein koreanischer Multimilliardär und ein Geschäftsfreund des deutschen Kreutz-Konzerns, so heißt unser altes Familienunternehmen. Er hat Interesse daran, sich klonen zu lassen. So einfach ist die Sache. Er möchte weiterleben und weiterhin sein Unternehmen leiten. Er hat keine Kinder und keine Verwandten. Durch Klonen erhält er sich selbst und seine Familie. Es wird ihn Milliarden kosten, denn wir bieten ihm eine außerordentlich spezielle Dienstleistung. Geld genug dazu hat er, sogar mehr als genug. Man könnte es so ausdrücken, dass er unser erster Kunde ist. Er war nicht sehr angetan von einer Reise nach Island, aber ich unternehme keine Demonstrationsreisen mit meinen Klonen. Deswegen musste er sich dazu aufraffen, hierhin zu kommen. Dieser Mann hat in den letzten fünfzehn Jahren seinen Wohnsitz in Korea nicht verlassen und ist jetzt mitten im tiefsten Winter hier ins nördliche Eismeer gekommen, weil er sich Hoffnungen auf ein Leben nach dem Tod macht. Das ist in nuce genau das, was wir ihm bieten können, ein Leben nach dem Tod. Er hat alles hervorragend vorbereitet und genaue Anweisungen gegeben, was für eine Erziehung der geklonte Junge bekommen soll, wann er die Firma übernehmen soll, wer seine Eltern sein sollen, was für eine Ausbildung geplant ist und dergleichen mehr. Er hat auch Forderungen gestellt in Bezug auf die Reinheit der Erbmasse, denn er will Fehler ausmerzen und etwas perfekter werden. Das ist alles machbar. Der alte Mann hat nur noch ein paar Monate zu leben, und ich frage: Was ist falsch daran, ihm zu helfen?«
»Ihr habt hier ein Versuchslabor errichtet, weil Island so abgeschieden ist, und außerdem gibt es hier keine Gesetze, die das verbieten«, warf Pálmi ein.
»Das Versuchslabor, wie du es zu nennen beliebst, befindet sich keineswegs hier in Island, sondern in Europa«, erwiderte Sævar Kreutz. »Ich verrate nicht, wo. Es besteht seit Anfang der achtziger Jahre, und ich möchte behaupten, dass niemand mehr Erfolge damit gehabt hat als der Kreutz-Konzern. Dort ist man jetzt willens und bereit, voll einzusteigen und Menschen zu klonen, man betrachtet das als eine Serviceleistung wie jede andere. Es gibt praktisch nirgendwo richtige Gesetze dagegen, und am allerwenigsten hier in Island. Beim Kreutz-Konzern weiß man, dass Island ein idealer Standort für alle Art von internationaler Wirksamkeit ist. Das Land liegt zwar weitab vom Schuss, ist aber trotzdem von überallher leicht erreichbar. Es ist kein Zufall, dass das amerikanische Militär hier während des Kalten Kriegs besonders rührig war. Geografisch gesehen ist Island ein ideales Verbindungsglied zwischen Ost und West – früher im militärischen Sinn, heute im wirtschaftlichen. Ausländer drängeln sich darum, hier Aluminiumhütten und dergleichen zu errichten und exportieren von hier ihre Produktion in die ganze Welt. Der Fisch kommt in Asien auf den Markt. Hier gibt’s ein internationales Milliardenunternehmen, das Isländische Genforschungszentrum. Das Land hat nur wenige Einwohner und einen friedlichen Ruf, weil die paar Seelen, die hier leben, keine Zeit haben, sich mit anderen Dingen zu befassen, als zu schuften und Schulden zu machen. Island wird auf diese Möglichkeiten überprüft. Zunächst müssen wir aber erreichen, dass die Reproduktion von Menschen als natürliche Entwicklungsstufe anerkannt wird. Die Menschen haben Angst vor dem Klonen, aber da gibt’s nichts zu befürchten. Gar nichts.«
»Watson und Crick«, sagte Pálmi. »Ich habe ein altes Interview mit dir gelesen, in dem du über Watson und Crick gesprochen hast. Ich habe mich ein wenig damit beschäftigt. Sie haben als Allererste die DNA-Struktur herausgefunden. Also hast du wahrscheinlich schon von 1970 an in diesen Dimensionen gedacht.«
»Das war die bemerkenswerteste wissenschaftliche Entdeckung des 20. Jahrhunderts«, erklärte Sævar Kreutz. »Sogar ich habe einige Zeit gebraucht, bis ich begriff, was sie da in Wirklichkeit herausgefunden hatten. Was für Möglichkeiten sich eröffneten. Sie fanden den Weg zum ewigen Leben. Daraufhin habe ich jegliches Interesse an der Pharmaherstellung verloren, Arzneimittelchemie war für mich auf einmal eine veraltete Wissenschaft. Die Zukunft liegt in der Gentechnologie. Nicht nur wegen des Klonens, das ist nur ein Teil dieser Wissenschaft. Wir können die Genmasse des Menschen kontrollieren, wir können Erbkrankheiten liquidieren und Fehler im Erbgut.«
»Wie denn, du verdammter Schwätzer«, unterbrach Kiddi Kolke ihn. »Wie hast du den Aggi zustande gekriegt?«
»Ich habe die Blutproben meiner Schwester Rannveig verwendet. Die Frage dreht sich nicht mehr darum, wie wir das anfangen. Jedes Kind weiß inzwischen, wie Klonen vor sich geht. Jetzt ist die Frage nur noch: Warum nicht? Der Kreutz-Konzern ist nicht das einzige Unternehmen, das Versuche mit Klonen anstellt, wir sind bloß am weitesten gekommen. Sämtliche großen Pharmazieunternehmen beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit diesem Forschungszweig, und das Wettrennen um die Lösung ist in vollem Gange. Aber niemand ist so weit wie wir«, sagte Sævar Kreutz und vermochte kaum, seinen Triumph zu verhehlen. »Die Firmen arbeiten im Wettlauf mit der Zeit. Wahrscheinlich wird die globale Gemeinschaft unkontrolliertes Klonen verbieten, das heißt dann diesem Koreaner beispielsweise verbieten, dass er sein eigenes Ich von uns kaufen kann. Es wird aber nicht zu verhindern sein, dass Menschen reproduziert werden, sondern es wird nur unter der Hand gemacht, genau wie in der Drogenindustrie. Niemand darf Drogen herstellen, aber alle können sie kaufen.«
Er machte eine kleine Pause und blickte durch die Scheibe. »Aggi hier ist zwölf Jahre alt«, sagte er, »ist das nicht phantastisch? Er ist allerdings noch nicht perfekt, die Pigmente sind noch nicht richtig. Aber seitdem wir ihn geklont haben, ist es uns gelungen, die Methode zu perfektionieren.«
»Das ist pervers«, stieß Kiddi Kolke hervor. »Das ist hochgradig teuflisch und pervers. Er ist von einem größenwahnsinnigen modernen Frankenstein chemisch hergestellt worden, einem Mann, der Gott spielen möchte. Dieser Junge ist genauso wenig natürlich wie das Zeugs, das du uns gegeben hast. Das hier ist nicht Aggi, das ist ein Monster. Wo sind seine Eltern? Wo ist seine Familie? Wer ist seine Mutter? Wo ist er aufgewachsen, was weiß er vom Leben? Wo sind seine Freunde? Wie wird er darauf reagieren, wenn er erfährt, dass er wie eine Blume im Topf gezüchtet worden ist? Aggi ist tot, und nie wird so eine weiße Versuchsratte an seine Stelle treten. Wahrscheinlich sollte man nicht überrascht sein, dass Leute, die Versuche an Kindern anstellen, auch so weit gehen, sie zu klonen. Verfluchter Dreckskerl, du bist total übergeschnappt.«
Kiddi Kolke war vor Wut aufgesprungen.
»Das können wir alles für ihn organisieren«, machte Sævar Kreutz unbeirrt weiter. »Wir können ihm die Umgebung und die Erziehung geben, die wir wollen. Wir können ihm die Ausbildung geben, die wir wollen. Wir haben es völlig unter Kontrolle, was für ein Mensch aus ihm wird. Wir können die Zusammensetzung der Erbmasse steuern. Begreifst du das nicht? Wir können ihn nach unserem Bild erschaffen. Es bleibt nicht mehr dem Zufall überlassen, wie man wird, wann und wo auf der Welt man in welche Familie hineingeboren wird. Das haben wir alles unter Kontrolle. Du redest daher wie dieses ungebildete Pack, als wir die künstliche Befruchtung Wirklichkeit werden ließen. Wer diskutiert heutzutage noch über künstliche Befruchtung? Sie ist eine wissenschaftliche Leistung, die den Menschen auf der ganzen Welt Freude und Glück gebracht hat. Genau das Gleiche gilt für das Klonen. Du hast einen Sohn wie Aggi, der mit dreizehn Jahren stirbt, aber du kannst ihn wiederbekommen, indem du ihn reproduzieren und vielleicht sogar optimieren lässt. War er als Kind hyperaktiv? Das können wir beseitigen. War er nicht intelligent genug? Das können wir ausgleichen. Was ist daran kriminell?«
»Er wäre trotzdem nur ein unbedeutender Abklatsch von dem Aggi, der er war«, erklärte Kiddi Kolke fauchend. »Er würde immer nur sein Schatten sein. Man kann nur ein einziges Individuum sein. Wie steht ein Mensch da, wenn es auf einmal zwei Exemplare von ihm gibt oder sogar drei? Wer ist man dann eigentlich? Du sagst, dass ihr das alles unter Kontrolle habt – aber wer kontrolliert euch? Ihr seid doch nur knallhart am Business interessiert, ihr denkt nur an den größtmöglichen Profit. Es geht euch doch überhaupt nicht um die Wissenschaft, sondern ausschließlich um die Kohle. Kriegt die Firma Kreutz vielleicht einen Anteil an einem, wenn man seine monatlichen Raten nicht zahlen kann? Wenn man nicht pünktlich bezahlt, verscherbeln sie einem dann womöglich das Herz?«
»Ihr beiden scheint es immer noch nicht begriffen zu haben«, sagte Sævar Kreutz, immer noch hartnäckig darum bemüht, Kiddi Kolke und Pálmi von seinem Genie zu überzeugen, sie auf seine Seite zu ziehen, sie sehen und spüren zu lassen, dass das, was er tat, eine völlig normale Phase in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit war. »Man bezeichnet das als geschlechtslose Vermehrung«, fuhr er fort. »Und da ist gar nichts Unnatürliches dabei. Ganz im Gegenteil, es gibt kaum etwas, was in der Natur so häufig vorkommt. Ich kann auch Beispiele aus der Bibel bringen. Als gläubiger Mensch behaupte ich rundheraus, dass Gott sich geklont hat, als er Jesus schuf. Das ist der allererste Hinweis auf das Klonen. In den letzten zwanzig Jahren mussten wir zahlreiche Probleme lösen, aber nachdem die künstliche Befruchtung Wirklichkeit wurde, haben sich neue Wege geöffnet. Sie ist nur eine etwas mildere Ausgabe des Klonens.«
Er machte eine Pause, um sich eine Zigarette anzuzünden.
»Bleibt mir bloß mit eurer Moral vom Leib. Heutzutage tragen Großmütter ihre eigenen Enkelkinder für ihre Töchter unter dem Herzen. Was wollt ihr dagegen unternehmen? Gefühlsmäßige Argumente zählen bei mir nicht.«
»Wenn ihr dieses Klonzentrum irgendwo in Europa betreibt, was machten Aggi und dieser Koreaner dann hier?«, fragte Kiddi Kolke.
»Aggi hat einen großen Teil seines Lebens in Island verbracht. Ich betrachte Aggi als meinen Sohn, und ich will ihn auf Island bei mir haben, weil ich finde, dass er hier zu Hause ist. Ich habe nie Kinder gehabt, und Aggi hat mir sehr viel gegeben. Der Koreaner wollte den ersten geklonten Menschen des Kreutz-Konzerns sehen, um sich davon zu überzeugen, was wir für ihn tun könnten. Er wollte lieber nach Island als nach Deutschland reisen.«
»Wer ist die Mutter dieses Jungen?«, fragte Pálmi und betrachtete durch die Scheibe den Albino, den Sævar Kreuz seinen Sohn nannte.
»Sie ist, soweit ich weiß, im Altersheim«, antwortete Sævar Kreutz. »Er hat dieselbe Mutter wie euer Freund Aggi. Das Beste beim Klonen ist, dass sich nichts ändert, es sei denn, dass man es wünscht.«
»Ich meine damit, wer hat ihn zur Welt gebracht?«
»Der Konzern hat Prostituierte für seine Zwecke genutzt. Alle verwenden bei diesen Forschungen Prostituierte, weil es am billigsten ist. Ihnen mangelt es bei uns an gar nichts. So eine Frau ist nur biologisch gesehen für neun Monate Wirt. Sie hat nicht den geringsten Anteil an dem Kind.«
Kiddi Kolke und Pálmi schauten sich verständnislos an.
»Wenn du das Blut von den Jungs aus unserer Klasse genommen hast, sind dann vielleicht noch andere als Aggi geklont worden?«, tastete Pálmi sich vorsichtig vor.
Zum ersten Mal antwortete Sævar Kreutz nicht umgehend. »Gibt es noch mehr davon?«, fragte Kiddi Kolke.
»Es gibt Aggi, und dann noch deinen Bruder Daníel, Pálmi. Möchtest du Daníel sehen, als er klein war?«
Pálmi brauchte eine ganze Weile, um zu begreifen, was Sævar Kreutz gesagt hatte, aber dann ging es ihm auf.
»Um Himmels willen«, schrie er, sprang auf und rannte aus dem Zimmer, dicht gefolgt von Kiddi Kolke. Sie liefen den Flur entlang, bis sie zu einer Tür kamen. Pálmi riss sie auf, und sie standen mit einem Mal in dem weißen Raum, in dem sich der Koreaner und Aggi befanden. Der Greis erschrak bei dieser unerwarteten Störung. Er stand so schnell auf, wie Alter und Gesundheitszustand es ihm gestatteten. Diese Männer, die da gerade hereingestürmt waren, hatte er nie zuvor gesehen. Sie gingen auf den Jungen zu, und Pálmi legte ihm behutsam den Arm um die Schultern.
»Wo ist Daníel?«, fragte er den Jungen so sanft, wie er es unter den gegebenen Umständen nur konnte.
Kiddi Kolke stand ganz in der Nähe und war kurz davor, den Jungen zu fragen, ob er sich nicht an ihn erinnern konnte. ›Erinnerst du dich? Ich bin Kiddi, wir haben zusammen gespielt, als wir klein waren‹, aber er unterdrückte diesen Gedanken, denn wieder kam es ihm so vor, als wäre das alles überhaupt nicht wahr. Als wäre gar nichts mehr wahr. Überhaupt nichts.
»Weißt du, wo Daníel ist?«, fragte Pálmi wieder. Der weiße Junge stand bewegungslos da und blickte abwechselnd von einem zum anderen. Der Koreaner war zurückgewichen, und Sævar Kreutz tauchte in der Tür auf.
»Das ist völlig zwecklos«, sagte Sævar Kreutz. »Aggi hat keine Zunge und kann nicht sprechen. Er hat auch kein Gehör. Aber wir haben ihm die Gehörlosensprache beigebracht.«
Kiddi Kolke schrie auf, rannte zu Sævar Kreutz und schlug ihn nieder. Pálmi ließ den Jungen los, lief zu ihnen hin und versuchte, Kiddi von dem am Boden Liegenden wegzuziehen. Der Koreaner stand in einiger Entfernung und beobachtete die Vorgänge, ohne etwas zu sagen.
»Wo ist Daníel?«, brüllte Pálmi Sævar Kreutz an, der auf dem Boden lag und sich nicht zu rühren wagte. In diesem Augenblick tauchte der Sicherheitsbeauftragte in der Tür auf. Sævar Kreutz musste ihn herbeibeordert haben, nachdem sie aus dem Raum gerannt waren. Er wollte über Pálmi herfallen, der bei Sævar stand und ihn anschrie, aber Kiddi Kolke kam ihm zuvor, schnappte sich ihn und schleuderte ihn mit solcher Wucht durch den Raum, dass er die Möbel mit sich riss. Pálmi rannte aus dem Zimmer, Kiddi Kolke hinter ihm her, und sie schlugen die Tür hinter sich zu, und Kiddi stemmte sich dagegen. Etwas weiter hinten im Gang befand sich ein Aufzug. Pálmi lief hin und hämmerte auf den Knopf. Die Aufzugtür öffnete sich wie in Zeitlupe. Kiddi ließ den Türgriff los und sauste zum Aufzug. Die Tür wurde sofort aufgerissen, Sævar Kreutz und der Aufseher rasten den Flur entlang, aber die Aufzugtür schloss sich vor ihrer Nase. Es gab nur einen Knopf, den Pálmi drückte. Der Aufzug glitt langsam nach unten. Unten angekommen öffneten sich die Türen, und sie betraten einen großen Raum, in dem sich Computer und zahlreiche Apparaturen befanden, die ihnen nichts sagten. Sie hielten den Aufzug im Keller an, sodass er nicht nach oben geholt werden konnte. Nichts von dem, was sich in dem Raum befand, den sie langsam durchschritten, konnten sie einordnen. Sie begannen, nach Daníel zu suchen.
Sævar Kreutz stand auf dem Flur und starrte auf die Digitalanzeige des Lifts. Er sah, wie sich der Lift in Bewegung setzte, und stieß leise Flüche zwischen den dünnen Lippen aus.
»Nichts wie weg«, sagte er. Er drehte sich um und eilte zurück durch den Flur. »Das sind beschränkte Provinzdeppen, die nicht das geringste Verständnis für so etwas haben«, murmelte er vor sich hin. »Sie begreifen nicht die ungeheure Tragweite dieser Wissenschaft. Sie können ihre Freunde heil und ganz wiederbekommen, aber sie wollen es nicht.« Zusammen mit dem Sicherheitsbeauftragten betrat er wieder den weißen Raum, warf dem betagten Koreaner einen kurzen Blick zu, verneigte sich, legte seinen Arm um den Albino und führte ihn aus dem Raum. Sein Begleiter folgte ihm auf dem Fuß. Der Greis ging hinter ihnen her und sah ihnen nach, bis sie am Ende des Ganges verschwanden.
Kiddi Kolke und Pálmi teilten sich auf und nahmen sich jeder einen Teil der Kellergemächer vor. Kiddi Kolke war als Erster bei der Wand am hinteren Ende, an der sich drei Türen befanden. Er versuchte, die Tür, die ihm am nächsten war, zu öffnen, aber sie war verschlossen. Er trat ein paar Schritte zurück und warf sich mit solcher Wucht gegen die Tür, dass sie aufsprang. Vorsichtig betrat er das verdunkelte Zimmer, fand einen Schalter neben der Tür und machte Licht. Die Neonlampen an der Decke flackerten etwas, bevor sie ansprangen. Kiddi Kolke stand in einem kleinen Zimmer, dessen Wände und Böden mit Fliesen bedeckt waren. In einer Ecke standen einige große Glasbehälter oder eher gläserne Zylinder auf Holzständern. Sie waren mit einer gelblichen Flüssigkeit gefüllt. Formalin, dachte er. Er glaubte, eine Bewegung in einem der Behälter zu erkennen, aber das erwies sich als falsch. Nichts bewegte sich. Von diesen Glassäulen gab es vier, jede war gut einen Meter hoch und hatte einen Durchmesser von einem halben Meter. Kiddi Kolkd starrte durch die trübe Flüssigkeit so lange in sie hinein, bis er in dem Glaszylinder, der ihm am nächsten stand, irgendwelche Konturen zu erkennen glaubte. Ein eiskalter Schauder lief ihm über den Rücken. Ein weiteres Gesicht aus der Vergangenheit.
Er trat an den Zylinder heran und starrte intensiv hinein, bis er ein Gesicht sah, das er vor vielen Jahren gekannt hatte. Das war die Physiognomie eines seiner Freunde. Er sah nicht viel mehr, als dass der Kopf komisch geformt war und direkt am Bauch ansetzte, der wiederum nur ein halber Rumpf war und keine Extremitäten aufwies.
Kiddi Kolke brauchte eine ganze Weile, um zu begreifen, was sich da in dieser gelblichen Flüssigkeit befand, aber auf einmal durchzuckte es ihn wie ein Blitz, und er spürte den Schmerz wie einen Stromstoß in seinen Gliedern. Das war sein Freund Skari, das war Óskar.
Er ging zum nächsten Behälter, in dem er nur einen Arm und ein Bein erkennen konnte. In einem war das Gesicht von Gísli, das am Glas zu kleben schien. Er konnte kaum älter als acht oder neun Jahre alt sein. Kiddi Kolke erkannte ihn sofort, denn er hatte Gísli gekannt, seit sie zusammen eingeschult worden waren. Aber das war in einem anderen Leben gewesen.
Im vierten und letzten Behälter sah er zunächst gar nichts. Er musste ganz dicht herantreten und mit den Händen das grelle Licht abschirmen, um etwas in der Flüssigkeit erkennen zu können. Endlich tauchten die Umrisse eines Gesichts auf, auf das er so lange starrte, bis er Gesichtsform und Ausdruck erkennen konnte. Diesen Gesichtsausdruck kannte er am besten von allen, denn es war sein eigener. Er starrte in die eigenen toten Augen und war wie hypnotisiert vor Entsetzen und Ekel. Er blickte in seine eigenen toten Kinderaugen. Auf das erste Grauen folgte eine unendliche Trauer, und er begann hemmungslos zu weinen.
Ich habe beide Augen, war der einzige Gedanke, den er noch zu fassen vermochte.
Ich habe beide Augen.