Neunundzwanzig
Mittags ging Pálmi mit den drei Abholbescheiden, die er tags zuvor bekommen hatte, zum Postamt. Wie erwartet bekam er drei große braune Umschläge ausgehändigt. Zwei enthielten Bücher, aber der dritte Umschlag war wesentlich leichter als die beiden anderen. Die Schrift auf dem Umschlag kam ihm nicht bekannt vor. Trotzdem maß er der Sendung keine besondere Bedeutung bei, denn alle möglichen Leute aus allen Landesteilen setzten sich aus geschäftlichen Gründen mit ihm in Verbindung und schickten ihm manchmal Manuskripte oder sogar die private Korrespondenz ihrer Vorfahren per Einschreiben zu, in der schwachen Hoffnung, dass sich das Zeug, das sie in der Rumpelkammer oder auf dem Dachboden gefunden hatten, zu Geld machen ließ.
Im Antiquariat herrschte an diesem Tag reger Kundenverkehr, und er war vollauf damit beschäftigt, zu bedienen. Der Laden hatte Stammkunden, aber an diesem Tag erschienen auf einmal viele neue Interessenten, die auf der Suche nach einem besonderen Fund in den Bücherkästen stöberten und ihre Blicke aufmerksam über die Regalreihen schweifen ließen. Pálmi hatte sich auf Bücher spezialisiert, und deswegen führte er keine anderen Dinge. Er handelte nicht mit Videos, Schallplatten oder CDs. Sein Kundenkreis war entsprechend begrenzt, und die meisten seiner Stammkunden kannten sich untereinander. Sie diskutierten häufig mit Pálmi über antiquarische Bücher, denn er wusste hervorragend Bescheid. Bücher waren sein Ein und Alles.
Kurz vor Ladenschluss war es etwas ruhiger geworden. Zwei Kriminalbeamte trafen ein, um ein Protokoll seiner Aussagen anzufertigen. Er kannte sie nicht, aber sie erklärten, Informationen über den Verbleib der Schüler aus der 6 L zu sammeln. Pálmi nickte und teilte ihnen in groben Zügen das mit, was es über Daníel zu sagen gab.
Die Umschläge nahm er ungeöffnet mit nach Hause. Das Abendessen, das er sich zubereitete, war bescheiden. Später am Abend kam Dagný mit den Kindern vorbei und lud ihn ein, herüberzukommen und sich einen amerikanischen Spielfilm im Fernsehen anzuschauen. Als er schließlich in seine Wohnung zurückkehrte, war es schon fast Mitternacht. Anstatt ins Bett zu gehen, öffnete er die Briefe.
Im ersten Umschlag war eine Anthologie mit Kurzgeschichten isländischer Autoren, 1902 in Akureyri herausgegeben. Der Einband war stark beschädigt, was bei den alten Büchern, die Pálmi angeboten wurden, nicht selten der Fall war. Die vergilbten Seiten hingen nur noch an ein paar schwachen Fäden zusammen, und die Umschlagdeckel waren abgegriffen und lädiert. Auf dem beigelegten Zettel wurde nach dem Wert des Buches gefragt, und Pálmi wurde gebeten, den entsprechenden Betrag auf das angegebene Konto einzuzahlen, falls er daran interessiert war, es anzukaufen. Ein Bauer aus Nordisland hatte ihm das Buch geschickt.
Im zweiten Umschlag befand sich eine ähnliche Bitte, aber dieser Brief kam aus Ísafjörður. Der Schreiber hatte vor kurzem im Nachlass seiner verstorbenen Mutter ein Gesangbuch gefunden. Die Umschlagdeckel waren noch einigermaßen in Ordnung, hatten sich aber ein wenig verzogen. Auf der ersten Seite stand in klarer Schrift geschrieben: Dieses Buch gehört Róshildur Jónsdóttir zu ihrem Nutzen und Frommen. Die Texte waren in gotischer Schrift gedruckt, und auf der Titelseite stand: Fünfzig Passionspsalmen von Hallgrímur Pétursson, 29. Ausgabe, Reykjavík 1858. Pálmi war wie immer, wenn er ein interessantes Objekt in die Hände bekam, ganz vertieft.
Endlich öffnete er den dritten Umschlag. Dieser enthielt drei winzige Kassetten und einen Zettel, auf dem stand:
Ich hoffe, dass du etwas damit anfangen kannst, Pálmi, und dass es dir gelingen möge, die Schurken zu entlarven, die das Leben meiner Jungen zerstört haben.
Unter dieser Nachricht stand Halldórs Name.
Pálmi starrte eine Weile fassungslos auf den Zettel und las die Nachricht wieder und wieder. Er nahm die Kassetten zur Hand und betrachtete sie eingehend. Fünfzehn Minuten passten auf jede Seite, insgesamt waren es also anderthalb Stunden. Er untersuchte den Stempel auf dem Umschlag. Halldór hatte die Kassetten am Tag, als er ermordet wurde, auf die Post gebracht. Er hatte eine Botschaft auf drei kleinen Kassetten hinterlassen. Pálmi erinnerte sich daran, was Helena über den Angreifer gesagt hatte. Der war hinter Kassetten her gewesen, höchstwahrscheinlich hinter denen, die jetzt in Palmis Händen waren.
Pálmi besaß keinen Kassettenrekorder, und so spät in der Nacht wollte er Dagný nicht mehr belästigen. Er entschied sich dafür, Erlendur Sveinsson nicht zu verständigen, jedenfalls nicht sofort. Da Halldór sie an Pálmi geschickt hatte, war er nicht sicher, ob der alte Lehrer gewollt hätte, dass sie in die Hände der Polizei gelangten. Pálmi würde also mit dem Anhören der Kassetten bis zum nächsten Morgen warten müssen. Als er schließlich ins Bett ging, gelang es ihm nicht, einzuschlafen, weil er zu aufgewühlt war. Im Stockfinsteren ging er durch die Wohnung und hörte, wie draußen der Wind heulte. Er nahm die Kassetten vom Esszimmertisch und legte sie in eine Schublade des Schreibtisches, die er verschloss. Dann goss er sich einen Tee auf und schaute, während er ihn trank, aus dem Wohnzimmerfenster zu, wie der Sturm die froststarren Bäume peitschte. Er legte Gerry Mulligan auf, »When I was a young man, I never was a young man«. Er holte die Kassetten wieder aus der Schreibtischschublade und steckte sie in den Umschlagkarton der vierbändigen kommentierten Werkausgabe von Jónas Hallgrímsson. Dann ging Pálmi wieder ins Bett, und kurz nachdem die alte Uhr im Wohnzimmer vier Schläge getan hatte, fiel er zunächst in einen traumlosen Schlaf. Die Träume ließen jedoch nicht lange auf sich warten. Er war wieder in der psychiatrischen Klinik, stand mit Daníel am Fenster und schaute mit ihm auf die Kellertreppe hinunter. Daníel sagte ihm, er solle mit ihm zusammen springen, aber Pálmi sträubte sich dagegen. Daníel packte ihn beim Hals, drückte fest zu und schrie ihn an.
»WO SIND DIE KASSETTEN? WO SIND DIE KASSETTEN?« Pálmis Gesicht wurde von einer Taschenlampe angestrahlt, und in dem grellen Licht vermochte er kaum die Augen zu öffnen. Irgendjemand hielt seine Kehle umklammert und fauchte ihn an: »Wo sind die Kassetten?» Pálmi bekam wegen des festen Griffs kaum Luft. Es dauerte eine ganze Weile, bis er begriff, was sich da abspielte, und währenddessen wurde der Mann mit der Taschenlampe immer zudringlicher. Pálmi konnte sein Gesicht nicht erkennen. Der Eindringling würde ihn wahrscheinlich umbringen, wenn er diese Kassetten nicht bekäme. Pálmi brauchte eine ganze Weile, bis er begriff, was für Kassetten der Mann meinte.
»DIE KASSETTEN!«, zischte der Mann gedämpft, weil er es in diesem hellhörigen Mehrfamilienhaus, in dem selbst die leisesten Geräusche problemlos durch die Wände drangen, nicht wagte, die Stimme zu erheben.
Pálmi brachte kein Wort heraus. Der Angreifer hatte ihn so fest am Hals gepackt, dass er nichts sagen konnte, selbst wenn er es gewollt hätte. Er schaute den Mann mit zugequollenen Augen an und rang nach Atem. In diesem Augenblick tauchte ein weiterer Mann auf. Pálmi sah nur einen dunklen Schatten, der sich langsam hinter dem Angreifer aufrichtete und eine Weile hinter ihm stand, bevor er zur Tat schritt. Der Angreifer war vollkommen ahnungslos, als der Mann hinter seinem Rücken ihn plötzlich packte und mit einem kräftigen Ruck von Pálmi wegriss, sodass sich der Griff um Pálmis Kehle lockerte. Die Taschenlampe fiel zu Boden. In der schummrigen Beleuchtung konnte Pálmi erkennen, wie sein Retter den Angreifer mit dem Kopf gegen die Wand im Schlafzimmer schleuderte, dass es nur so krachte. Dann schleifte er ihn aus dem Zimmer, quer durch die Wohnung, das Treppenhaus hinunter und aus dem Haus. Geräuschlos und stumm verschwand er mit ihm in der winterlichen Dunkelheit.