Einundvierzig
Erik Faxell war gerade am Telefon, als er im Vorzimmer Lärm hörte und kurze Zeit darauf einen Jammerlaut seines Sekretärs. Die Tür zu seinem Büro wurde aufgestoßen und hereingestürmt kam Kiddi Kolke, gefolgt von Pálmi.
»Was soll das heißen?«, fragte Erik scharf. Er stand am Schreibtisch und hielt die Hand über die Sprechmuschel. »Wer seid ihr eigentlich, und was soll das Ganze?«, fuhr er fort, wechselte dann aber plötzlich den Tonfall und erklärte seinem Gesprächspartner höflich, dass er in ein paar Minuten zurückrufen würde.
»Dir und diesem Sævar Kreutz schwimmen jetzt sämtliche Felle davon«, verkündete Kiddi Kolke schadenfroh und schaute sich in dem luxuriös eingerichteten Raum um.
»Was meinst du damit?«
»Ich meine damit, dass das Ganze hier zusammenkracht.« »Sie haben mich angegriffen, diese unverschämten Kerle«, ließ der Sekretär in der Tür vernehmen.
»Sieh zu, dass du nach Hause kommst«, sagte Erik Faxell mit einer abwehrenden Handbewegung, »und mach die Tür hinter dir zu.«
»Ja, oder verständige die Polizei, das wäre noch besser«, sagte Kiddi Kolke.
»Raus!«, befahl Erik seinem Sekretär, der die Tür leise hinter sich schloss. »Was soll dieser Quatsch mit Sævar Kreutz?« »Wir wollten dich bitten, mit uns zu ihm zu fahren«, sagte Kiddi Kolke.
»So weit kommt’s noch. Ihr bildet euch doch wohl nicht ein, dass ein Mann wie Sævar Kreutz etwas mit euch zu besprechen hätte. Und überhaupt, was habe ich denn damit zu tun?«
»Ach so, ach so, man geriert sich wie der Engel, der Lilien scheißt«, entgegnete Kiddi Kolke und ging auf Erik Faxell zu. »Wir wissen ganz genau, dass du Sævars Handlanger bist und seine rechte Hand. Wir wissen, dass Sævar Kreutz vor dreißig Jahren oder so ein armes Lehrerschwein in der Víðigerði-Schule dazu gebracht hat, die ganze Klasse mit irgendwelchem Dope abzufüllen, weil er feststellen wollte, wie sich dieses Scheißpräparat auf die Kinder auswirkte. Höchstwahrscheinlich hast du diesen Lehrer dazu gebracht, für euch zu arbeiten. Du bist wahrscheinlich dieser Grobian, von dem er immer geredet hat, obwohl du im Augenblick geradezu zahm wirkst, du gibst eher eine ziemlich jämmerliche Figur ab. Und es steht fest, dass keineswegs alle eure Versuchskaninchen tot sind, denn ich bin noch am Leben, und ich war in der Klasse. Kristján Einarsson. Du erinnerst dich vielleicht an den Namen?«
Kiddi Kolke stand jetzt direkt vor Erik Faxell und versetzte ihm mit dem Ellbogen unvermittelt einen so heftigen Stoß vor die Brust, dass der in die Knie sackte und nach Luft schnappte. Erst nach einer geraumen Weile kam er wieder zu Atem.
»Die Kassetten, hinter denen du her warst, die sind in unseren Händen«, fuhr Kiddi Kolke fort. »Wir haben uns angehört, wie Halldór die ganze Geschichte erzählt hat. Die Polizei hatte auch einen Zeugen in Gewahrsam, dessen Aussage Halldórs Bericht auf den Kassetten stützt. Du kannst dich bestimmt an Sigmar erinnern, der war nämlich auch in der Klasse. Und jetzt bin ich wieder aufgetaucht, und ich würde sagen, dass ich ebenfalls ein ziemlich guter Zeuge bin. Deswegen ist es jetzt bald um dich und deinen Freund Sævar Kreutz geschehen.«
»Habt ihr euch die Kassetten angehört?«, fragte Erik, als er sich wieder gefangen hatte.
»Bist du etwa schwerhörig?«, sagte Kiddi Kolke.
»Und?«
»Halldór hat alles ausgekotzt. Er sagt, dass ihr ihn gezwungen habt, den Jungen in unserer Klasse andersartige Lebertranpillen zu geben. Er hat uns gedopt, damit ihr nicht herausposaunt, dass er andersrum war und sich für kleine Jungs interessierte.«
»Wird Sævar Kreutz erwähnt?«
»Deutlich genug, schätze ich«, sagte Kiddi Kolke.
»Und die Polizei hat die Kassetten?«
»Ja.«
»Was wollt ihr dann von mir?«, fragte Erik und gab sich geschlagen. »Und wer bist du eigentlich?«, wandte er sich Pálmi zu.
»Mein Bruder war in dieser Klasse.«
»Und du bist dieser Kristján. Jetzt soll wohl vollendet werden, womit du vor vielen Jahren angefangen hast? Uns ist es also nicht gelungen, dir genügend Angst zu machen. Du bist wieder da.« Erik hatte begriffen, um was es ging. Ihm war klar geworden, dass er jetzt, da die Polizei Halldórs Kassetten in den Händen hatte, nicht mehr verhindern konnte, dass Sævar Kreutz vernommen würde. Er könnte vermutlich im ersten Anlauf die Polizei zunächst noch einmal hinhalten und anschließend sofort das Land verlassen. Aber diese beiden hier waren ein ganz anderes Kaliber. Das waren keine diskreten Polizisten, sondern Männer, die nach Rache dürsteten und dafür sorgen würden, dass Sævar und er vor Gericht gestellt und verurteilt würden. Erik versuchte, Zeit zu gewinnen, um mit irgendwelchen Schachzügen Sævar Kreutz eine Warnung zukommen zu lassen. Und dann waren da noch die Koreaner, die wahrscheinlich gerade gelandet waren und am Abend einen Termin bei Sævar Kreutz hatten. Was war in dieser Situation zu tun? Mit den beiden konnte er es nicht aufnehmen, deswegen beschloss er, keinen Widerstand zu leisten. Im Grunde genommen hatten sie immer mit so etwas rechnen müssen. Niemand konnte eine Sache wie diese auf Dauer geheim halten, schon gar nicht in Island. Die Frage war nur, wie viel sie wussten oder zu wissen glaubten, und wie viel man noch vor ihnen geheim halten konnte. Sie schienen nur wegen der Schulexperimente in Aufruhr zu sein, das war immerhin ein Hoffnungsschimmer.
»Halldór hat schon vor langer Zeit damit gedroht, von diesem Experiment mit den Lebertranpillen zu erzählen«, sagte er, um Zeit zu gewinnen. »Wir sind überhaupt nicht darauf eingegangen, denn wegen seiner eigenen Vergangenheit hatte er viel zu viel Angst davor, uns anzuzeigen. Keiner von uns ist frei von Fehlern.«
Kiddi Kolke und Pálmi warfen sich Blicke zu.
»Was kann ich für euch tun? Gewaltanwendung ist nicht erforderlich«, erklärte er, stand auf und hielt sich die Hände vor die Brust.
»Wir möchten, dass du uns mit Sævar Kreutz zusammenbringst.«
»Sævar ist nicht im Lande, das ist leider nicht möglich.« Auf gut Glück versuchte er es mit einer Lüge.
Kiddi Kolke ging wieder auf ihn zu, und jetzt wich Erik zurück und stieß gegen den schönen Glasschrank mit den Porzellanfigürchen. Es gab einen scharfen Knall, und die Scheibe bekam einen Sprung.
»Komm uns nicht mit so was«, sagte Kiddi Kolke. »Seit zwei Wochen habe ich sein Haus beschattet und beobachtet, wie du in der amerikanischen Limousine zum Tor reinund rausgefahren bist, und ich habe gesehen, wie er dich in Empfang genommen hat, zuletzt gestern, er hat dich sogar bis zum Auto begleitet. Wir haben einen ganz simplen Plan. Du sagst, dass du Sævar dringend sprechen musst. Du kannst ihm ja erklären, dass alles aus den Fugen gerät. Wir fahren zusammen im Auto hin, du bringst uns bis zu seinem Haus, und wir besorgen den Rest.«
»Jetzt?«
»Jetzt.«