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10 Annwyl wachte auf und bemerkte, dass die Schatten länger wurden und sie selbst nackt in den Armen des Ritters lag. Sie wandte den Kopf und sah ihm in die Augen. Er beobachtete sie schweigend. Und sie nahm an, dass er das schon eine ganze Weile tat.

Er begann zu sprechen, und Annwyl unterbrach ihn: »Nicht.« Sie löste sich von ihm, hob ihre Kleider auf und ging davon. »Wir sehen uns morgen.«

 

Wir sehen uns morgen? Fearghus setzte sich auf und sah ihr nach. Sie sah nicht einmal zu ihm zurück, während sie ging und dabei ihre Kleider überzog. Sie würdigte ihn keines Blickes. Sie ließ ihn nicht einmal reden.

Fearghus ballte die Fäuste, Wut durchströmte ihn. Er musste jemandem etwas zuleide tun. Etwas zerstören.

Fearghus’ Augen wurden schmal. Gwenvael.

Grollend stand er auf. Er musste seinen Bruder finden. Er hatte das Bedürfnis, irgendetwas zusammenzutreten, und Gwenvael war dafür gut geeignet.

 

Gwenvael saß auf einem der Stühle in Annwyls Gemach, die Füße auf dem Tisch. Er hatte seine Aufgabe erfüllt. Er hatte Morfyd die Nachricht überbracht. Und sie würde dafür sorgen, dass Fearghus sie bekam. Jetzt konnte er spielen. Und er hätte all sein Gold verwettet, dass Annwyl ziemlich unterhaltsam sein konnte. Süß. Unschuldig. Und sein Bruder war verrückt nach ihr.

Er machte ihm keinen Vorwurf. Sie war ein schönes Mädchen. Groß. Zernarbt. Ein bisschen gemein. Das hatte er an Frauen schon immer gemocht. Er liebte es, wenn sie gemein waren. Aber das war nicht das eigentlich Interessante. Es war die Tatsache, dass der »Lass mich in Ruhe«-Fearghus schließlich doch noch gefallen war. Und er war unsanft gefallen, wie es aussah. Er hatte gedacht, sein Bruder würde ihm die Eingeweide herausreißen, als er ihn mit Annwyl sprechen sah.

Absolut nichts machte ihm mehr Spaß als wenn er Fearghus wahnsinnig machen konnte. Gut, Fearghus mochte der Erstgeborene sein, doch Gwenvael hatte immer schon das Gefühl gehabt, sein besonderes Geburtsrecht sei es, seine Geschwister zu quälen. Und Fearghus war immer seine größte Herausforderung gewesen und damit sein Liebling. Hauptsächlich, weil Fearghus so ein typischer Drache war. Er bewegte sich niemals schneller als nötig. Er regte sich nie auf oder wurde ernsthaft zornig. Er machte sich niemals Sorgen. Und er schien sich nie um irgendetwas anderes zu scheren als um seine Privatsphäre und seine Ruhe.

Dann kam der Mensch daher. Als Gwenvael hörte, dass Fearghus eine Menschenfrau gerettet hatte, war er schockiert gewesen. Als er herausfand, dass es Annwyl die Blutrünstige war, die berüchtigte Schwester des Schlächters der Insel Garbhán, wurde er neugierig. Und jetzt, wo er seinen Bruder verzweifelt vor Verlangen gesehen hatte … nun, jetzt wurde das Ganze noch viel interessanter.

Abgesehen davon, dachte er mit finsterem Blick, schulde ich ihm immer noch etwas für meinen Schwanz.

Er hörte sie schon aus meilenweiter Entfernung kommen. Die Frau trampelte wie ein Elefant.

Annwyl stürmte in die Kammer und blieb stehen, sobald sie ihn sah.

»Ich habe mich schon gefragt, wo du bist.«

»Was willst du, Gwenvael?« Sie war nicht in derselben Stimmung wie ein paar Stunden zuvor. Er unterdrückte ein Lächeln. Er konnte seinen Bruder überall an ihr riechen. Anscheinend hatte Fearghus endlich aufgehört, sich wie ein Trottel zu benehmen.

»Ich bin nur vorbeigekommen, um dich zu sehen. Ist dagegen etwas einzuwenden?«

Sie seufzte schwer und stapfte durch den Raum. Sie blieb vor einer großen Holztruhe stehen. »Wo kommt die her?« Auf sein Achselzucken hin lächelte sie. »Fearghus.« Sie sagte es so leise, dass er sie kaum hören konnte. Annwyl kniete sich hin und öffnete die Truhe. Darin waren Kleider, aber sie sah nur den Dolch, der obenauf lag.

Er fragte sich, welchem toten Edelmann sein Bruder diesen kleinen Gegenstand aus der Hand gewunden hatte. Gwenvael sah ihr zu, wie sie die Klinge untersuchte und langweilte sich. Zeit, ein bisschen Spaß zu haben.

»Und, wo ist mein Bruder?«

»Ich habe keine Ahnung.« Sie prüfte das Gewicht der Klinge.

»Ich hoffe, du entwickelst keine … na ja, Gefühle für ihn. Das wäre ein Fehler.«

»Ach ja? Und warum?« Sie umschloss den Schaft des Dolches mit einer Hand, während sie die Schärfe der Klinge mit der anderen prüfte.

»Ich glaube einfach nicht, dass er eine Frau wie dich schätzen könnte.«

»Und du?«

Gwenvael schenkte ihr sein spezielles Lächeln, das ihm schon mehr Vergnügen verschafft hatte, als er zugeben wollte. »Ich bin nicht mein Bruder, Mylady.«

Da sprang sie auf.

In Sekunden war sie durch den Raum geflogen und hob ihn vom Stuhl. Sie knallte ihn mit dem Gesicht nach unten auf den Tisch, das Knie in seinem Rücken, um ihn festzuhalten. Die Spitze ihrer Klinge grub sich in die Haut an seinem Hals. Als Mensch konnte ihn die Klinge mühelos töten.

Sie beugte sich über ihn und sprach ruhig. »Ich weiß nicht, was zwischen dir und deinem Bruder vor sich geht. Und ich will es auch gar nicht wissen. Aber ich werde nicht der Knochen zwischen euch zwei Hunden sein. Also geh mir aus den Augen. Ich bin nicht in Stimmung.«

Damit hob sie ihn vom Tisch und schob ihn aus dem Raum.

Die verrückte Schlampe hatte mehr Kraft als er geahnt hatte, wurde ihm bewusst, als sie ihn stolpernd von sich stieß. Er fiel, schlitterte über den Höhlenboden und kam zu einem abrupten Halt, als ein großer Stiefel gegen seinen Kopf krachte.

Er sah auf und lächelte tapfer. »Oh, hallo, Bruder!«

Mit einem Knurren zog Fearghus ihn am Nacken vom Boden hoch.

 

Morfyd streckte den Arm aus und riss eine Aoureganwurzel aus. Sie sammelte Substanzen für einen Zauber, der ihr vielleicht helfen konnte, die Schutzbarrieren um Lorcan zu zerstören. Aber das Geschrei war einfach zu störend. Und als ihr kleiner Bruder im wahrsten Sinne des Wortes über ihren Kopf hinwegflog und nicht weit von ihr entfernt unsanft auf dem Boden landete, beschloss sie, dass es Zeit war, etwas zu sagen.

»Fearghus!« Sie trat vor ihren näher kommenden Bruder hin und legte ihre Hand auf seine Brust. »Lass ihn in Ruhe.«

»Lass mich ihn einfach umbringen. Bitte!«

Morfyd biss sich auf die Lippen, um nicht zu lachen. Nach all diesen Jahren kamen ihre Brüder immer noch nicht miteinander aus.

»Nein. Sie wird es dir nie verzeihen, wenn du ihn umbringst. Sie verübelt dir immer noch die Sache mit seinem Schwanz.« Bis heute erinnerte sie sich, wie ihre drei anderen Brüder mit Gwenvaels Schwanzspitze gespielt hatten und ihre Mutter getobt hatte wie nie zuvor. Es war damals lustig gewesen und war es auch heute noch.

»Ich hasse ihn, Morfyd! Ich hasse ihn!«

»Ich weiß.« Sie tätschelte ihrem Bruder die Schulter. »Aber er ist die Last, die wir alle tragen müssen. Unser Kummer.«

»Wisst ihr was?« Gwenvael sprang auf und ließ seine Wut heraus. »Ihr seid alle Mistkerle! Und ich hoffe, dass ihr alle in der Hölle schmoren werdet!«

»Halt dich einfach von ihr fern, du kleiner Spinner!«

»Was ist los, großer Bruder? Kommst du mit deiner Frau nicht zurecht?«

Morfyd konnte gerade noch zur Seite springen, um dem Feuerball auszuweichen, den Fearghus entfesselte. Gwenvael traf er allerdings voll an der Brust und schleuderte ihn zurück in die Bäume.

»Sorg dafür, dass er mir nicht mehr unter die Augen kommt, Schwester!«

»Fearghus …«

»Nein!«

Sie hatte ihren Bruder noch nie so wütend gesehen. Und sie hatte das deutliche Gefühl, dass es sehr wenig mit Gwenvaels Gegenwart zu tun hatte – ausnahmsweise.

»Warte!« Sie holte Fearghus ein und griff nach seinem Arm. »Gwenvael hat eine Nachricht gebracht.«

Fearghus blieb stehen. »Von wem?«

Sie schmunzelte. »Was glaubst du wohl? Und er ist nicht glücklich. Er will nicht, dass wir uns in diesen Geschwisterkrieg einmischen.«

Fearghus sah seine Schwester an. »Und das bedeutet was für mich?«

Sie seufzte. »Wir können ihn nicht einfach ignorieren.«

»Ich kann und ich werde. Du kannst tun, was immer du tun musst, Schwester.«

Er riss seinen Arm los und ging zurück in seine Höhle. Sie machte sich nicht die Mühe, ihm nachzugehen. Es hätte nichts gebracht. Sobald sie die Nachricht von Gwenvael erhalten hatte, war ihr klar gewesen, dass dies nur Fearghus’ Entschluss festigen würde. Er hatte es noch nie gemocht, wenn ihm jemand sagte, was er tun sollte … egal, wer.

Sie hörte Gwenvael stöhnen und ging dem Geräusch nach. Dann hielt sie inne. Sie schnüffelte in der Luft und sah sich um. Sie spürte eine Gegenwart. Etwas Tödliches und Böses.

Sie musste schnell sein. Sie begann einen Zauber in ihrer alten Sprache zu sprechen, und bald bedeckten Flammen ihren Körper. Flammen, die nicht brannten. Sie schrieb Sigillen in die Luft, und mit einem Brüllen, das die Schlucht erschütterte, schickte sie die Flammen los.

Als die Flammen außer Sicht waren, machte sie sich wieder auf den Weg zu Gwenvael. Sie würde die Wunden ihres kleinen Bruders versorgen und hoffen, dass Fearghus sie nicht am nächsten Tag wieder aufreißen würde.

 

Hefaidd-Hen wurde rückwärts von seinem Stuhl und quer durch den Raum geschleudert und krachte an die gegenüberliegende Wand. Er fiel zu Boden und blieb liegen. Sein Kopf fühlte sich an, als würde er aufplatzen, durch seinen Körper schoss der Schmerz wie Blitze. Er hätte tot sein müssen. Und wäre er ein gewöhnlicher Zauberer, dann wäre er das auch gewesen.

Zwei seiner drei Gefolgsleute waren augenblicklich an seiner Seite. »Meister?« Er schlug ihre Hände weg und setzte sich auf. Fassungslos schnappte er nach Luft.

Es war also Morfyd. Die Drachenhexe. Das erklärte einiges.

Er lächelte, wenn auch unter Schmerzen, und sah zu, wie seine Lehrlinge ängstlich vor ihm zurückwichen.

 

Fearghus verwandelte sich zurück in den Drachen, bevor er zu seinem See zurückkehrte. Er war froh darum, denn Annwyl wartete auf ihn. Sie saß auf einem der großen Felsblöcke, die hoch genug waren, dass sie sich Auge in Auge gegenübersitzen konnten. Ihre nassen Haare sagten ihm, dass sie gebadet hatte. Vermutlich hatte sie versucht, ihn von sich abzuwaschen, seinen Geruch von ihrem Körper zu entfernen. Das zerriss ihm mehr das Herz als er zugeben konnte.

Doch als sie ihn sah und lächelte, war er vollkommen verwirrt. Es war das wärmste Lächeln, das er je gesehen hatte, und sie schien absolut erleichtert durch seine Gegenwart.

Solange er existierte, würde er dieses Mädchen niemals verstehen.

»Fearghus. Ich habe mich schon gefragt, wo du bist.«

»Ist alles in Ordnung?«

Sie seufzte. »Ich denke schon.«

Diese Frau brachte ihn noch um. Langsam. Stück für Stück.

Er setzte sich neben sie, und sie ergriff sofort eine Handvoll von seinem Haar. »Also gut, Annwyl. Was ist los?«

»Der Ritter.«

Fearghus versteifte sich. »Ja?«

»Ich habe heute meine Jungfräulichkeit an ihn verloren.«

Fearghus riss so schnell den Kopf herum, dass er das Mädchen, das seine Hand immer noch in seinem Haar hatte, von dem Felsblock herunterzog. »He!«

»Oh. Entschuldige.« Er hätte nie gedacht, dass sie es ihm sagen würde. Dass sie es überhaupt jemandem sagen würde. Die Art, wie sie nur eine Stunde zuvor fortgegangen war, hatte ihn glauben lassen, sie würde das Geheimnis mit ins Grab nehmen. »Geht es dir gut?«

»Mein Hintern tut weh.«

»Was?«

»Weil du mich eben über den Stein geschleift hast. Du hast ganz schön schmutzige Gedanken, Drache!«

Daraufhin lachte Fearghus. »Tut mir leid.«

Sie ließ sich zum Boden hinab, hielt sich aber immer noch an seinen Haaren fest. Sie lehnte sich an ihn, und Fearghus konnte nicht fassen, wie warm ihr Körper sich an seinem anfühlte.

»Was brauche ich, um dich zu besteigen?«

»Was?«

»Für den Kampf! Also ehrlich, Fearghus!«

»Oh, das. Halt dich einfach an meinen Haaren fest und klettere.«

»Tut dir das nicht weh?«

»Nein.«

Sie griff zwei Handvoll von seinen Haaren und zog sich hoch, bis sie auf seinem Rücken saß. Sie saß tief auf seinen Schultern, rittlings über seinem Hals.

»Kein Sattel?«

»Ich bin doch kein Pferd!«

»Kein Grund, gereizt zu sein! Ich frage ja nur.«

Sie presste ihre Schenkel eng an seinen Hals, und er fragte sich, wie viel die Götter ihn noch erdulden lassen würden, bevor er vollends den Verstand verlor.

»Hat er … dir wehgetan?« Fearghus musste es wissen. Musste wissen, was sie fühlte, was sie dachte. Dem Ritter würde sie es nicht sagen. Also würde sie es vielleicht dem Drachen sagen.

»Nein.«

»Ich kann dir nicht helfen, wenn du nicht mit mir redest, Annwyl.« Ja, er würde zur Hölle fahren, und dieses Mädchen würde diejenige sein, die ihn dorthin schickte. Eine besondere Hölle für böse Drachen, die schöne Frauen belogen.

Sie seufzte tief, während sie mit ihren starken Fingern seine Mähne kämmte. Er bekämpfte den Drang, wie eine Katze zu schnurren. »Ich weiß nicht, was ich will.«

»Willst du ihn?«

»O ja. Ich will ihn. Ich will ihn wirklich. Aber …«

»Aber …?«

 

Annwyl hätte leicht den Rest ihres Lebens genau hier verbringen können. Direkt auf dieser riesigen Bestie, rittlings auf diesem Hals. Die Hände in dieser schwarzen Mähne vergraben. Sie fragte sich, wie es wohl wäre, mit Fearghus in den Kampf zu reiten. Seinen starken Körper durch den tiefblauen Himmel der Dunklen Ebenen schweben zu spüren.

Aber wäre sie glücklich? Konnte sie ihr Leben als Anführerin und Frau aufgeben, um den Rest ihrer Tage hier in dieser Höhle mit diesem Drachen zu verbringen? Mit ihrem Drachen?

Der Ritter hatte ihr eine neue Tür geöffnet. Sie hatte nie jemandem genug vertraut, um ihn so nahe an sich heranzulassen. Er hatte nicht Liebe mit ihr gemacht, wie sie es die Küchenmädchen hatte nennen hören. Was sie getan hatten, war viel ursprünglicher. Viel tiefer.

Konnte sie das aufgeben, um bei ihrem Drachen zu bleiben und nichts weiter als mit ihm befreundet zu sein? Denn mehr konnte ihr der Drache nicht anbieten, und es war nicht einmal sicher, dass er ihr überhaupt so viel anbieten wollte.

Und obwohl der Ritter ihr unübertreffliches Vergnügen bereitet hatte, war es der Drache, mit dem sie reden wollte, wenn sie in den Armen des Ritters erwachte.

Vielleicht hatte ihr Vater recht gehabt. Vielleicht gab sie sich wirklich große Mühe, alles kompliziert zu machen.

»Annwyl?«

Ihr wurde bewusst, dass der Drache auf eine Antwort wartete, aber sie hatte keine anzubieten.

Annwyl stellte sich auf den Rücken des Drachen und reckte sich. »Ich will nicht mehr darüber reden.«

»Worüber willst du dann reden?«

Aus einer Laune heraus machte sie einen Handstand.

»Was machst du eigentlich da hinten?«

»Nichts, was dir Sorgen machen müsste, Drache.« Sie balancierte ihren Körper aus und bewegte sich über den Rücken des Drachen, Zentimeter um Zentimeter, nur mit den Händen. »Erzähl mir mehr von deiner Familie.«

Fearghus streckte sich aus, und Annwyl stieß ein überraschtes Quieken aus, als sie das Gleichgewicht verlor und hart auf seinem Rücken landete. Der Drache ignorierte sie und legte seinen riesigen Kopf auf seine Arme. »Einmal habe ich meinem Bruder die Schwanzspitze abgeschnitten.«

Annwyl setzte sich lachend auf und fragte sich, wie zum Teufel sie sich entscheiden sollte.