Kannibalismus

Als die russische Raumstation MIR vor fünfzehn Jahren auf ihre Umlaufbahn gebracht wurde, spielte sie eine wichtige Rolle in dem damaligen »Kampf für den Frieden«, den die Sowjetunion gegen den Westen führte. Die gesamte Wirtschaft des Landes musste sich damals tierisch anstrengen, um bei der Produktion neuer nuklearer Waffen mithalten zu können. Es gab kaum noch Betriebe, die nichts mit Waffenproduktion zu tun hatten. Der damalige Generalsekretär und leidenschaftliche Weltverbesserer Gorbatschow unterbreitete deswegen auf dem XXVII. Parteitag der KPdSU Vorschläge zur vollständigen Beseitigung der Kernwaffen auf der Erde bis zum Jahr 2000. Die Delegierten verabschiedeten auf dem Parteitag einen Aufruf an den amerikanischen Kongress: »Für Fortschritt und Völkerverständigung – gegen nukleare Erpressung« hieß er. »Mal sehen«, meinten die Amerikaner dazu nur, »es ist ja noch lange hin bis zum Jahr 2000.«

Die Raumstation MIR kreiste Jahrzehnte um die Erde. Über vierzigmal verkoppelte sie sich mit anderen Raumschiffen aus verschiedenen Ländern und koppelte sich wieder ab, einmal knallte sie gegen die Station »Fortschritt« und bekam auch von vorbeifliegenden Meteoriten immer wieder was ab. Darüber wurde sie alt und klapprig und schließlich entfernte man sie vom Himmel. Ihre Friedensmission war gescheitert. Die Welt ist immer noch voller Waffen, und Gründe für permanente Nachrüstung werden stets neu erfunden.

Das Wort »MIR» bedeutet auf Russisch nicht nur »Frieden«, sondern auch »die Welt«. Dies gab den russischen Journalisten Anlass, unzählige Witze über das Ende der Welt zu erfinden, als die Raumstation Ende März abstürzte. »Unsere Welt geht unter, sie ist nicht mehr zu retten«, grunzte beispielsweise der Moderator des russischen Fernsehens ein ums andere Mal. Auch die unzähligen Zeitungen und Zeitschriften machten bei dem Wortspiel gerne mit, obwohl gut die Hälfte davon auch »Mir« heißt und mit ihren Auflagen ebenfalls konsequent nach unten steuert: »Die Welt des Ostens«, »Die Tierwelt«, »Die Weltrundschau«, »Die neue Welt«, und so weiter. Vor fünfzehn Jahren war in Russland die Zeitschrift »Rund um die Welt« sehr populär. Es war die russische Variante von »GEO«, stets mit einem nackten Afrikaner auf dem Titelbild, der eine krumme Holzlanze in der Hand hielt. Diese Zeitschrift übte auf die Russen eine ungemein beruhigende Wirkung aus: »Rund um die Welt« beschäftigte sich hauptsächlich mit Völkern, die noch keine Kleider trugen. Das gab der Zeitschrift einen gewissen erotischen Anstrich und gleichzeitig dem Leser ein Gefühl des Wohlstands. Er sah mit eigenen Augen, dass auf der Welt massenhaft Menschen lebten, die noch weniger zum Anziehen hatten als er. Besonders intensiv beschäftigten sich die Herausgeber der Zeitschrift mit den Kannibalen. »Bei uns werden ab und zu die Rechte der Menschen verletzt, anderswo werden die Leute jedoch gleich aufgefressen«, lautete die Botschaft.

Heute ist in Russland eine Zeitschrift namens »Die kriminelle Welt« für Kannibalismus zuständig. Anstatt eines Afrikaners mit Lanze haben sie eine nackte Frau mit Riesenbrüsten auf dem Titelblatt. Unten drunter steht die lustige Bemerkung: »Lehrerin vergewaltigte ihre Schüler gleich im Klassenzimmer.« Auf der nächsten Seite heißt es: »Untote Sekretärin saugte das Blut ihres Chefs.« Durch solche Berichte wird dem Leser ein Gefühl der Geborgenheit und der Sicherheit vermittelt: Das Grauen ist nicht hier in Moskau, sondern gute zwanzig Kilometer entfernt, also am Arsch der Welt in irgendeinem Klassenzimmer. Die Blut saugenden Sekretärinnen gehören auch nicht gerade zu jedermanns Alltag, es ist aber gut zu wissen, dass es sie gibt. Man kann danach schön träumen.

Die »Kriminelle Welt« wird auch bei mir in der Familie gerne zum Frühstück gelesen. Sie ist äußerst informativ und unterhaltsam. »Dichter essen Dichter«, stand neulich auf dem Titelblatt. Die Zeitschrift berichtete über einen jungen Mann, der erst dann dichten konnte, wenn er Menschenfleisch gegessen hatte. Der Künstler ekelte sich zwar vor sich selbst, konnte aber nicht anders. Er aß vor allem junge Frauen und Kinder. Danach verarbeitete er seine schmerzvollen Erfahrungen in seinen poetischen Werken. Jahrelang ging alles gut. Bis er eines Tages auf die Idee kam, seine Werke zu veröffentlichen. Der Menschenfresser brachte seine Gedichte zur Zeitschrift »Poetische Welt«. Der stellvertretende Redakteur dieser Zeitschrift, ebenfalls ein Dichter und obendrein überzeugter Kommunist, lehnte die Werke des Kannibalen wütend ab und beschuldigte ihn sogar der Dekadenz. Daraufhin entschied sich der sensible Künstler, den kommunistischen Kollegen zu killen. Er versteckte sich in einer dunklen Ecke in der Nähe der Redaktion und überfiel den Kommunisten auf dem Heimweg. Doch der alte Dichter war schlau. Er hatte nämlich immer seine Machete dabei, die er während seines Aufenthalts auf Kuba 1985 von einem kubanischen Dichter geschenkt bekommen hatte. Mit einem einzigen Schlag, den ihm die kubanischen Kollegen beigebracht hatten, zerhackte er den jungen Dichter in drei Teile und rettete dadurch sein eigenes Leben. Eine lehrreiche Geschichte. Jeder Dichter muss die Grenzen seiner Begabung richtig einschätzen können, sonst verliert er den Sinn für die Realität und unter Umständen sogar das Leben.

Auch bei uns auf der Schönhauser Allee ist die Kannibalenproblematik hochaktuell. In der Cocktailbar des Filmtheaters Cinemaxx direkt gegenüber von unserem Haus werden zu jedem neuen Film auch neue Mixgetränke erfunden. Letzte Woche war es ein Longdrink namens »Das Experiment«, danach gab es einen »Traffic-Cocktail« und diese Woche wird ein »Cocktail Hannibal« für 8,50 DM angeboten.

»Was ist im ‘Hannibal’ eigentlich drin?«, fragte ich den Barkeeper, einen großen älteren Mann, der immer etwas müde wirkt und dem amerikanischen Sänger Johny Cash ähnlich sieht.

»Canadian Rum, Zitronensaft, Puderzucker«, seufzte er. »Und ein bisschen Hirn«, fügte er nach einer langen Pause hinzu.