ANHANG B
DIE WEISSAGUNG DER SEHERIN
Dieses Gedicht meines Vaters in Paarreimen möchte ich dem völlig anders gearteten »Upphaf« zum Wölsungenlied an die Seite stellen, da es ebenfalls von der eddischen Völuspá inspiriert ist (siehe den Kommentar S. 321f.).
Es findet sich in einem einzigen, sehr schön verzierten Manuskript; von Vorarbeiten dazu keine Spur. Für eine Datierung gibt es keinerlei Anhaltspunkt, aber aus allgemeinen Erwägungen wäre ich geneigt, die dreißiger Jahre dafür anzusetzen.
The Prophecy of the Sibyl
From the East shall come the Giant of old
and shield of stone before him hold;
the Serpent that the world doth bind
in towering wrath shall him unwind
and move the Outer Sea profound,
till all is loosed that once was bound.
Unloosed at last shall then set forth
the ship of shadow from the North;
the host of Hel shall cross the sea
and Loki shall from chain be free,
and with the wolf shall monsters all
upon the world then ravening fall.
Then Surtur from the South shall fare
and tree-devouring fire shall bear
that bright as sun on swords shall shine
in battle of the hosts divine;
the hills of stone shall bend their head;
all men the paths of death shall tread.
Then darkened shall the sunlight be,
and Earth shall founder under sea,
and from the cloven heavens all
the gleaming stars shall flee and fall;
the steam shall rise in roaring spires
and heaven’s roof be licked with fires.
*
A house there is that sees no sun,
dark-builded on the beaches dun
where cold waves wash the Deadly Shore,
and northward looks its shadowy door;
the louver poisoned rain lets fall,
of woven serpents in the wall.
Laden in heavy streams there wade
men perjured, men who have betrayed
the trust of friend; and there the coward
and wolvish murderer is devoured:
the dragon who yet Yggdrasil
gnaws at the roots there takes his fill.
Dim-flying shall that dragon haste
over the beaches dark and waste,
up from the Nether-fells shall spring
bearing those corpses under wing,
then plunge, and sea close o’er his head
for ever, o’er the doomed and dead.
*
At last once more uprising slow
the Earth from Ocean green shall grow,
and falls of water shimmering pour
from her high shoulders to the shore;
the eagle there with lonely cry
shall hunt the fish on mountains high.
The younger gods again shall meet
in Idavellir’s pastures sweet,
and tales shall tell of ancient doom,
the Serpent and the fire and gloom,
and that old king of Gods recall
his might and wisdom ere the fall.
There marvellous shall again be found
cast in the grass upon the ground
the golden chess wherewith they played
when Ásgard long ago was made,
when all their courts were filled with gold
in the first merriment of old.
A house I see that standeth there
bright-builded, than the Sun more fair:
o’er Gimlé shine its tiles of gold,
its halls no grief nor evil hold,
and there shall worthy men and true
in living days delight pursue.
Unsown shall fields of wheat grow white
when Baldur cometh after night;
the ruined halls of Ódin’s host,
the windy towers on heaven’s coast,
shall golden be rebuilt again,
all ills be healed in Baldur’s reign.
Die Weissagung der Seherin
Einst fällt von Ost der Riese ein,
hält vor sich seinen Schild aus Stein.
Die Schlange, die die Welt umschlingt,
peitscht zornentbrannt das Meer und bringt
in Wallung es mit viel Getos,
und was gebunden war, kommt los.
Entfesselt fährt von seinem Ort
das Schattenschiff sodann von Nord.
Das Heer der Hel zieht übers Meer,
Loki trägt keine Ketten mehr,
der Wolf mit allen Greueln fällt
wie rasend her über die Welt.
Von Süd kommt Surt: Er ist bewehrt
mit Feuer, das die Bäume zehrt
und sonnenhell auf Schwertern blitzt,
wenn sich die Götterschlacht zuspitzt.
Gebirge bricht zu Felsenschrot,
die Menschen gehen in den Tod.
Schwarz wird die Sonne wie im Grab,
die Erde sinkt ins Meer hinab,
vom Himmel stürzen, wenn er bricht,
die hellen Sterne, flieht das Licht,
die Feuersbrunst in wildem Lauf
schlägt qualmend heiß zum Himmel auf.
*
Ein Saal im düstern Schattenland
steht sonnenfern am Totenstrand,
wo eisig kalt die Brandung bricht;
nach Norden ist das Tor gericht’,
vom Dach giftiger Regen träuft,
aus Schlangen ist die Wand gehäuft.
Durch Mühsalsströme watet dort,
wer Meineid schwor, verübte Mord,
verriet Vertrauen und bestach,
wer feig war, wer die Ehe brach:
Der Drache holt sie sich gewiss,
der an Yggdrasils Wurzel frisst.
Der Drache fliegt, ein Grauensbild,
über das finstere Gefild,
vom Unterberg empor trägt er
die Leichen unterm Flügel schwer,
bis ewig er im Meer versinkt,
das mit den Toten ihn verschlingt.
*
Zuletzt steigt aus dem Meer empor
die Erde neu mit grünem Flor,
und Wasserfälle stürzen klar
von hohen Felsen immerdar,
darüber stolz der Adler kreist,
der in den Bergen Fische reißt.
Die jüngern Götter treffen sich
am Idafeld geschwisterlich,
erzählen sich manch alten Sang
von Schlange, Feuer, Untergang,
erinnern Macht und Weltweisheit
des Göttervaters vor dem Streit.
Dort finden sich im Gras sogar
die goldnen Tafeln wunderbar,
auf denen sie gespielt einmal,
als sie geschaffen Ásgards Saal,
voll unbeschwerter Heiterkeit,
an Gold die Reichsten weit und breit.
Noch schöner als die Sonne schau
ich einen Saal von hohem Bau
in Gimlé, ganz mit Gold gedeckt,
von Leid und Bösem unbeleckt;
dort frönen frei und ungereut
die Treuen ewiglicher Freud.
Die Äcker wachsen unbestellt,
wenn Baldur heimkehrt in die Welt,
die eingestürzten Hallen all
von Ódins Heer erstehn zumal
in goldner Schönheit, wie’s einst war:
Zum Heil herrscht Baldur immerdar.