I

ANDVARA-GULL

(Andwaris Gold)

u1

Hier wird eingangs erzählt, wie Ódin und seine Gefährten im Haus des Dämons Hreidmar und seiner Söhne gefangen wurden. Diese wohnten damals in der Gestalt von Menschen oder Tieren in der Welt.

    1    

Einst in der Urzeit

ging Ódin einher

an weitem Gewässer,

an der Welt Anfang.

Links von ihm lief

Loki flinkfüßig,

rechts von ihm rüstig

der ruhige Hönir.

    2    

Am Wasserfall Andwaris

wimmelten Fische,

schwammen und schlugen

in schäumenden Becken.

Aus hinterster Höhle

als Hecht kam der Zwerg,

Andwari war

aus auf die Beute.

 

    3    

Hungrig jagte dort

Hreidmars Sohn,

nach leckeren Lachsen

gelüstet’ es ihn.

In Ottergestalt aß

Otr versonnen

am Ufer sitzend,

die Augen geschlossen.

    4    

Tückisch traf ihn

mit tödlichem Stein

Loki und löste

den Lauf des Unheils.

Sie zogen das Fell ab,

fuhren dann weiter

zu Hreidmars Haus,

um Herberge bitten.

    5    

Dort schmiedete Regin

über rötlicher Glut

mit Runen geritztes

berückendes Eisen.

Glänzend von Goldwerk,

von grauem Silber

lag dort Fáfnir

am Feuer und träumte.

Hreidmar

    6    

»Kränken euch Ketten,

Krieger von Ásgard?

Mit bindenden Runen

hat sie Regin geschmiedet.

Nun müssen Ringe,

muss rotes Gold

dies Fell zum Freikauf

füllen und decken!«

    7    

Leichtfüßig lief

über Land und Wellen

Loki zu Rán,

in ihr Reich des Meeres.

Seinen Wunsch gewährte

das Weib Ägirs:

ihr kalten Herzens

geknüpftes Netz.

Loki

    8    

»Welch flinken Fisch

fing ich mir hier?

Kauf dir den Kopf los

vom kläglichen Tod!«

Andwari 

»Andwari heiß ich,

Óin zeugte mich

zu bitterem Los.

Ich biete dir Gold!«

Loki

    9    

»Deine hohle Hand,

was verhehlt sie mir?«

Andwari 

»Nimm mir doch nicht

den nichtigen Ring!«

Loki 

»Alles, Andwari,

alles entrichte,

nichtig oder nicht,

sonst nehm ich dein Leben!«

    10    

(Finsteren Fluch sprach

aus dem Fels der Zwerg:)

Andwari 

»Reue rufe

mein Ring hervor!

Bringen wird bald er

zwei Brüdern den Tod,

erschlagen sieben Fürsten,

Schwertstreit erwecken –

unzeitiges Ende

von Ódins Hoffnung.«

    11    

In Hreidmars Haus

häuften das Gold sie.

Hreidmar 

»Verhüllt ist hier

ein Haar noch nicht!«

Ab nahm Ódin

Andwaris Ring,

warf den verwünschten

aufs verwunschene Gold.

Ódin

    12    

»Das Gold ist gegeben,

göttliches Bußgeld,

für dich selbst und die Söhne

eine Saat des Unheils.«

Hreidmar 

»Gut sind die Gaben

der Götter selten.

Missgönnt wird Gold oft

der greifenden Hand.«

    13    

Schlimmeren Schluss

sprach da Loki:

Loki 

»Verderben droht

davon Königen,

Königinnen Kummer,

Klage und Feuer,

unzeitiges Ende

von Ódins Hoffnung!«

Ódin

    14    

»Nicht endet unzeitig,

wen Ódin erwählt,

wandelt er kurz auch

die Wege der Menschen.

Er wartet und feiert

im weiten Walhalle –

im Auge hat Ódin

andere Zeiten.«

Hreidmar

    15    

»Ódins Hoffnung

achten wir wenig!

Die rotgoldnen Ringe

sind rechtens nur mein.

Gold ist doch gut

trotz göttlicher Missgunst.

Hurtig von Hreidmar

nach Hause zieht!«

*