ERLÄUTERUNGEN
ZU EINZELNEN PUNKTEN
§ 1 Die »Prosa-Edda« des Snorri Sturluson
Der Name »Edda« gehört eigentlich nur einem berühmten Werk des Isländers Snorri Sturluson (1179–1241). Es ist eine Abhandlung über die Eigenart der isländischen Dichtkunst, die zu Snorris Zeit im Niedergang war, weil die alten Versregeln missachtet wurden und das dafür unerlässliche mythologische Wissen unter dem Beschuss einer Geistlichkeit stand, die jedes Überbleibsel des Heidentums bekämpfte. Das Buch ist in seinen drei Teilen eine Prosanacherzählung altertümlicher Mythen und Sagen, eine Darstellung und Erläuterung der eigentümlichen Diktion der alten »Hofdichtung« und eine beispielhafte Übersicht ihrer Versarten.
In seiner Vorlesung (S. 40f.) erklärte mein Vater es für historisch nicht gerechtfertigt, dass Bischof Brynjólf von Skálaholt den Namen »Edda« auf die Lieder des großen Codex übertrug, den er 1643 erworben hatte. Zu Brynjólfs Zeit herrschte unter Isländern, die sich für die alte Literatur interessierten, die Auffassung, es müsse »eine ältere Edda« gegeben haben, von der Snorris Werk herstammte. Brynjólf selbst schrieb 1641, bevor er von der Existenz des Codex wusste, in einem Brief: »Wo sind heute die gewaltigen Schätze alles menschlichen Wissens, die Sämund der Weise niedergeschrieben hat, und vor allem die erhabene Edda, von der wir außer dem Namen kaum mehr den tausendsten Teil besitzen, und selbst das, was wir besitzen, wäre gänzlich verloren, wenn Snorri Sturlusons Auszug uns nicht wenigstens Schatten und Spur der alten Edda hinterlassen hätte, wenn schon nicht den lebendigen Körper.«
Sämund der Weise (1056–1133) war ein Priester, dessen ungeheure Gelehrsamkeit zur Legende wurde, der Titel Sæmundar Edda, den Brynjólf dem Codex gab, entbehrt jedoch jeder Grundlage. Dadurch entstand die Vorstellung von den zwei Eddas, der Älteren oder Lieder-Edda und der Jüngeren oder Prosa-Edda. Warum Snorris Werk »Edda« genannt wurde, weiß man nicht, doch es gibt mehrere Hypothesen: Einige sehen das Wort óðr, »Dichtung«, als verwandt an, so dass die Bedeutung »Poetik, Dichtungslehre« sein könnte, andere leiten es von dem Hof Oddi in Südwestisland ab, einem Zentrum der isländischen Gelehrsamkeit, wo Snorri erzogen wurde.
Nach der »Lieder-Edda« wurde das Adjektiv eddisch gebildet im Gegensatz zu skaldisch (eine moderne Ableitung von dem altnordischen Wort skáld, »Dichter«). Von der skaldischen Dichtung schrieb mein Vater in seiner Vorlesung über die Ältere Edda (S. 30): »Erst zu einem relativ späten Zeitpunkt waren ›Könige‹ im Norden reich genug oder mächtig genug, um prunkvoll Hof zu halten, und als das eintrat … [entwickelte] die Dichtkunst … ihre eigene knappe, markige, strophische, häufig dramatische Form nicht zum Epos weiter, sondern zu den erstaunlichen und wohllautenden, aber formverliebten Ausschmückungen der Skaldendichtung.« Diese »Hofdichtung«, wie man sie auch nennen kann, war eine außerordentlich komplexe und eigentümliche Kunst mit extrem raffinierten Versbildungen nach strengsten Regeln, »Versbildungen«, wie mein Vater schrieb, »in denen die verschiedensten vollen und halben Binnen- und Endreime der Vokale und/oder der Konsonanten mit den Prinzipien Sinnstärke, Betonung und Alliteration verknüpft werden, und zwar mit dem erklärten Ziel, Lebendigkeit, Kraft und Rhythmus der nordischen Sprache in vollem Umfang zur Geltung zu bringen.« Dem sind noch der riesige poetische Wortschatz und die (unten beschriebene) ausgeprägte Verwendung des Stilmittels der »Kenninge« hinzuzufügen.
»Für uns«, schrieb er, »bedeutet ›eddisch‹, von der Älteren Edda her gedacht, die einfachere, direktere Sprache der heroischen und mythologischen Dichtung im Unterschied zur artifiziellen Sprache der Skalden. Und gemeinhin wird dieser Unterschied auch für einen des Alters gehalten, und man beklagt, dass die Schlichtheit der guten alten germanischen Zeit leider wegen einer neuen Vorliebe für komplizierte Rätselpoesie aufgegeben wurde.
Aber der Gegensatz zwischen ›eddischer‹ und ›skaldischer‹ Dichtung ist durchaus keiner zwischen zeitlich älterer und jüngerer, zwischen gediegener alter Volkskunst und sie verdrängender jüngerer, neuerer Mode. Es sind verwandte Sprosse, Zweige am selben Baum, prinzipiell zusammengehörig, manchmal vielleicht sogar von ein und derselben Hand geschaffen. Skalden können durchaus im Fornyrðislag gedichtet haben, dem ältesten der alten Metren; skaldische Kenninge finden sich in eddischen Liedern.
Ein Altersunterschied lässt sich nur insofern behaupten, als die einfacheren Metren, zum Beispiel das Fornyrðislag und der damit einhergehende Stil, viel älter sind, viel näher dran etwa an anderen germanischen Formen, an der altenglischen Versart, als die speziell skaldische Vers- und Dichtungsart. Die eddischen Lieder, die wir haben, gehören derselben Zeit an wie die skaldischen, aber ihre metrischen Traditionen und der Stil, dessen sie sich bedienen, führen ohne grundsätzliche Veränderungen etwas von der gemeingermanischen Tradition fort. Altes und Neues gingen im Versmaß Hand in Hand – es war, wie bereits festgestellt, eine Übergangsperiode auf der Kippe zwischen Altem und Neuem, die nicht lange zu halten war [siehe S. 34].«
Worin Snorri in seiner Edda unterweisen will, ist die hochartifizielle skaldische Dichtung, und was davon auf uns gekommen ist, verdanken wir zum allergrößten Teil ihm. Im zweiten Teil des Buches, den Skáldskaparmál (»Sprache der Dichtkunst«), behandelt er vor allem die Kenninge mit einer Vielzahl von Beispielen namentlich genannter Skalden; aber sehr viele dieser Kenninge sind ohne Kenntnis der Mythen und Sagen, auf die sie anspielen, völlig unverständlich – und solche Themen sind normalerweise nicht Gegenstand der Skaldengedichte selbst. Im ersten Teil seiner Edda (der Gylfaginning) schöpft Snorri ausgiebig aus den Eddaliedern, und auch in den Skáldskaparmál erzählt er die Geschichten, auf denen bestimmte Kenninge basieren. Das folgende ist ein Beispiel dafür.
Hvernig skal kenna gull? Wie soll man Gold umschreiben?
Indem man es Ägirs Feuer und Nadeln Glasirs nennt, Haar der Síf, Stirnband der Fulla, Freyjas Tränen … Tropfen Draupnirs und Regen oder Schauer Draupnirs [Ódins goldener Ring, von dem immer weitere Ringe tropfen], Otterbuße, Zwangsgeld der Ásen …
Im Anschluss an eine solche Liste gibt Snorri Erklärungen dieser Ausdrücke.
Hver er sök til þess, at gull er kallat otrgjöld? Aus welchem Grund wird Gold Otterbuße genannt?
Es wird erzählt, dass die Ásen Ódin, Loki und Hönir auszogen, die Welt zu erforschen. Da kamen sie an einen Fluss, und an dem Fluss gingen sie bis zu einem Wasserfall, und bei dem Wasserfall war ein Otter …
So kommt es, dass wir die Geschichte von Andwaris Gold in zwei Versionen besitzen: erzählt vom Verfasser der Völsunga Saga und von Snorri Sturluson (siehe den Kommentar zum Wölsungenlied, S. 325–327), denn Snorri fährt an dieser Stelle fort und resümiert dabei die ganze Geschichte der Wölsungen.
Bleibt hinzuzufügen, dass der Ruhm, den Snorris Buch und ganz besonders die Skáldskaparmál in den folgenden Jahrhunderten erlangten, dazu führte, dass der Begriff »Edda«, so wie er vor dem Auftauchen des Codex Regius weithin gebraucht wurde, ausdrücklich die formalen Regeln der alten »höfischen«, sprich, »skaldischen« Dichtung bedeutete. Damals klagten die Dichter über die Tyrannei der Edda oder entschuldigten sich für ihre Unbeschlagenheit in der Kunst der Edda. Mit den Worten von Gudbrand Vigfússon: »Ein ungelehrter Dichter, der einen Spaten einen Spaten nannte, statt ihn mit einer mythologischen Umschreibung zu bezeichnen, wurde als ›eddalos‹ (Eddu-lauss) geschmäht.« Wenn heute »eddisch« als Gegensatz zu »skaldisch« gebraucht wird, ist das somit die direkte Umkehrung der früheren Bedeutung.
§ 2 Die Saga der Wölsungen (Völsunga Saga)
Der Codex Regius der Älteren Edda ist eine Sammlung von sehr verschiedenartigen Liedern, deren Dichter Jahrhunderte auseinander lebten, doch er wurde mit kluger Umsicht zusammengestellt und geordnet. Die meisten Heldenlieder behandeln die Geschichte der Wölsungen und der Niflungen, und soweit die unterschiedliche Struktur und Thematik der einzelnen Lieder das erlaubte, brachte der Kompilator der Sammlung sie in einen Handlungsablauf und fügte am Anfang und Ende vieler Lieder erläuternde Prosapassagen sowie in ihnen selbst erzählende Überleitungen ein.
Doch ein Großteil des derart angeordneten Stoffs ist von äußerster Schwierigkeit. Lieder stehen durcheinander oder sind unvollständig, wenn nicht gar Flickwerk völlig unterschiedlicher Herkunft, und es gibt sehr viele dunkle Stellen. Am schlimmsten ist, dass die fünfte Lage des Codex Regius schon vor langem verschwand (siehe S. 39) und damit alle Eddalieder zum Mittelteil der Sigurdsage.
Eine große Hilfe für das Verständnis der nördlichen Sage ist in dieser Situation die Völsunga Saga, die wahrscheinlich im dreizehnten Jahrhundert in Island verfasst wurde, wenn auch die älteste Handschrift viel später datiert. Sie ist eine Prosaerzählung vom Schicksal des ganzen Wölsungengeschlechts von den fernen Vorfahren Sigmunds, des Vaters von Sigurd, bis hin zum Untergang der Niflungen und dem Tod von Atli (Attila) und noch darüber hinaus. Sie beruht sowohl auf erhaltenen Eddaliedern als auch auf anderen, heute verschollenen Quellen, und »allein aus den Liedern, die sie verwendet«, sagte mein Vater in einer Vorlesung, »bezieht sie ihre Kraft und den Reiz, den sie auf all diejenigen ausübt, die sie zur Hand nehmen«, denn er hatte keine hohe Meinung von den künstlerischen Fähigkeiten des Verfassers.
Dieser Verfasser sah sich mit ganz unterschiedlichen Überlieferungen zu Sigurd und Brynhild konfrontiert (ersichtlich aus den erhaltenen Eddaliedern), mit Geschichten, die sich nicht verbinden lassen, weil sie sich von Grund auf widersprechen. Dennoch verband er sie und schuf damit eine Erzählung, die zwar durchaus mysteriös, aber in ihrem Kerngehalt unbefriedigend ist, ein Rätsel sozusagen, das als gelöst präsentiert wird, aber in dem der gesuchte Sinn unverständlich und in sich widersprüchlich ist.
In dem Kommentar zu den beiden Liedern in diesem Buch habe ich viele Stellen gekennzeichnet, an denen mein Vater vom Gang der Völsunga Saga abgewichen ist, ganz besonders in seinem Wölsungenlied, wo die Saga als Quelle viel wichtiger ist. Er hat anscheinend keine Kritik der Saga als ganzer verfasst (oder wenn, ist sie nicht erhalten), aber Bemerkungen von ihm zum Vorgehen des Verfassers an einzelnen Stellen finden sich im Kommentar (siehe S. 342–345, 353f., 374f.).
§ 3 Der Text der Gedichte
Man sieht auf den ersten Blick, dass das Manuskript der beiden Lieder eine für endgültig erachtete Reinschrift ist, denn die Handschrift meines Vaters ist durchweg sauber und einheitlich und enthält so gut wie keine während des Schreibens vorgenommenen Korrekturen (was sich von sehr wenigen seiner Manuskripte, einerlei für wie »endgültig« erachtet, behaupten lässt). Auch wenn es sich kaum beweisen lässt, deutet doch nichts darauf hin, dass die beiden Gedichte nicht in kurzer Folge niedergeschrieben wurden.
Es ist bemerkenswert, dass von seiner Arbeit an den Gedichten vor dem endgültigen Text nur wenige Seiten erhalten sind, und diese Seiten beziehen sich ausschließlich auf den Anfang (»Upphaf«) der Völsungakviða en nýja, auf Teil I, »Andwaris Gold«, und auf wenige Strophen von Teil II, »Signý«. Ansonsten existiert nicht die geringste Spur eines früheren Entwurfs. Allerdings sind die älteren Manuskriptfassungen recht interessant, und ich erörtere sie in einer Anmerkung auf S. 375–379.
Das fertige Manusskript der Gedichte wurde jedoch zu einem späteren Zeitpunkt einer Korrektur unterzogen. Grob überschlagen finden sich ungefähr achtzig bis neunzig Verbesserungen über die beiden Texte verstreut, von Änderungen einzelner Wörter bis zur (seltenen) Ersetzung mehrerer Halbverse. Manche Verse sind als zu ändern bezeichnet, ohne dass eine Alternative angegeben ist.
Die Korrekturen sind eilig und oft undeutlich mit Bleistift notiert und betreffen sämtlich Wortschatz und Metrum, nicht die Substanz der Handlung. Ich habe den Eindruck, dass mein Vater den Text viele Jahre später durchlas (dass ein paar der Korrekturen mit rotem Filzstift ausgeführt wurden, spricht für ein spätes Datum) und zügig Stellen verbesserte, die ihm dabei auffielen – vielleicht mit Blick auf eine mögliche Veröffentlichung, obwohl mir nicht bekannt ist, dass er sie je wirklich angestrebt hätte.
Ich habe diese späten Korrekturen praktisch komplett in den hier vorgelegten Text übernommen.
Es gibt zwei bemerkenswerte Unterschiede in der äußeren Form der Völsungakviða en nýja und der Guðrúnarkviða en nýja im Manuskript. Einer betrifft den Aufbau des Gedichts. Nach dem Eingangsteil des »Upphaf« ist das Wölsungenlied in neun Teile untergliedert, denen mein Vater nordische Titel ohne Übersetzung gab, nämlich:
I |
Andvara-gull [Andwaris Gold] |
II |
Signý |
III |
Dauði Sinfjötla [Sinfjötlis Tod] |
IV |
Fœddr Sigurðr [Sigurds Geburt] |
V |
Regin |
VI |
Brynhildr |
VII |
Guðrún |
VIII |
Svikin Brynhildr [Die betrogene Brynhild] |
IX |
Deild [Streit] |
Ich habe diese Titel im Text beibehalten, aber denen, die nicht schlicht Eigennamen sind, wie oben Übersetzungen beigegeben. Im Gudrúnlied dagegen gibt es keinerlei Unterteilung.
Den Teilen I, II, V und VI des Wölsungenlieds, nicht aber den fünf anderen sind kurze Inhaltsangaben in Prosa vorangestellt (vielleicht nach dem Vorbild der Prosaerläuterungen, die der Kompilator des Codex Regius der Edda in den Text einfügte).
Die Bezeichnung der Sprecher am Rand folgt in beiden Gedichten genau dem Manuskript, desgleichen die eingeschobenen Sternchen, die neue »Situationen« im Fortgang der Handlung kenntlich machen.
Der zweite äußere Unterschied zwischen den beiden Gedichten betrifft die Verstrennung. Im Wölsungenlied nur im »Upphaf«, aber im ganzen Gudrúnlied sind die Strophen aus acht kurzen Zeilen gebaut, das heißt, der dichterische Grundbaustein, der Halbvers (vísuorð), wird abgesetzt:
Einst in der Urzeit
war alles noch leer.
So beginnt das »Upphaf«. Aber außer dem »Upphaf« ist das ganze Wölsungenlied in Langzeilen (ohne Zäsur zwischen den Hälften) geschrieben:
Einst in der Urzeit ging Ódin einher
So beginnt »Andvara-gull«. Oben auf die Seite jedoch schrieb mein Vater mit Bleistift: »Dies sollte alles kurzzeilig geschrieben werden, was besser aussieht – wie im Upphaf.« Ich habe daher den Text des Wölsungenlieds in der Weise eingerichtet.
§ 4 Die Schreibung der nordischen Namen
Ich habe es für das Beste gehalten, mich in der englischen Schreibung der nordischen Namen genau an die Vorgaben meines Vaters zu halten, die in seinem Manuskript der Gedichte sehr einheitlich sind, als da wären:
Der Konsonant ð (gesprochen wie stimmhaftes englisches th in »then«) wird d. Guðrún wird also Gudrún, Hreiðmarr wird Hreidmar, Buðli wird Budli, Ásgarðr wird Ásgard. [þ (gesprochen wie stimmloses englisches th in »think«) wird th.]
Wie zwei dieser Beispiele zeigen, fällt die Nominativendung -r weg, also Frey, Wölsung, Brynhild, Gunnar statt Freyr, Völsungr, Brynhildr, Gunnarr. [Eine Ausnahme bildet im Deutschen Sigurds Schwert Gram, das durchweg Gramr genannt wird, um es von »Gram« im Sinne von »Kummer« zu unterscheiden.]
Der Buchstabe j wird nicht durch y ersetzt (also Sinfjötli, Gjúki) und wird gesprochen wie in deutsch »ja«. [Aus v wird w wie oben im Beispiel Völsungr/Wölsung.]
Der einzige Fall, in dem von mir vereinheitlicht wurde, ist der Name des Gottes, der auf Nordisch Óðinn heißt. In seinen Vorlesungsnotizen gebraucht mein Vater fraglos die nordische Form (die ich auch im Text seiner Vorlesung über die »Ältere Edda« auf S. 33 beibehalten habe). In dem schön geschriebenen Manuskript der »Neuen Lieder« dagegen »anglisierte« er sie und änderte ð in d um, wobei er allerdings (wie prinzipiell überall) den Akut beibehielt, um den langen Vokal kenntlich zu machen. Er gebrauchte jedoch in verschiedenen Teilen des Wölsungenlieds wechselweise zwei Formen: Ódin und Ódinn. Aber in Teil VI, »Brynhildr«, wo der Name häufig in der Form Ódinn erscheint, schrieb er in der achten Strophe: Ódinn bound me, / Ódin’s chosen. Dies deshalb, weil im Nordischen -nn im Genitiv zu -ns wird: Óðins sonr, »Ódins Sohn«.
Da in VIII,5, wo der Name wiederholt wird: Ódin dooms it; / Ódinn hearken!, mein Vater später das zweite n in Ódinn ausstrich und da er mit dieser Inkonsequenz meines Erachtens keinen bestimmten Zweck verfolgte, habe ich mich für Ódin entschieden. Den Namen, der auf Nordisch Reginn lautet, schrieb mein Vater konsequent Regin, und darin bin ich ihm gefolgt.
Die metrische Gestalt dieser Lieder lag meinem Vater augenscheinlich ganz besonders am Herzen. Wie er in seinen Briefen an W.H. Auden sagte, schrieb er »in der alten achtzeiligen Fornyrðislag-Strophe«, und deren Charakteristika möchte ich hier kurz darstellen.
In den eddischen Liedern finden sich drei verschiedene Versmaße, Fornyrðislag, Malaháttr und Ljóðaháttr (zum letzteren siehe die Anmerkung zum Wölsungenlied V,42–44, S. 346f.), aber hier müssen wir nur das erste betrachten, in dem die meisten erzählenden Lieder der Edda gedichtet sind. Der Name Fornyrðislag wird mit »Versmaß der alten Sagen« (auch mit »Altmärenmetrum« oder »Altdichtungsregel«) übersetzt – eine Bezeichnung, die, wie mein Vater bemerkte, erst entstanden sein kann, als schon spätere Weiterentwicklungen erfunden und im Umlauf waren. Er vertrat die Auffassung, dass der ältere Name Kviðuháttr war, was »die Art der Lieder namens Kviða« bedeutet, da die Namen der alten Lieder im Fornyrðislag, sofern sie etwas über das Versmaß aussagen, gewöhnlich auf ~kviða enden: daher seine Namen Völsungakviða und Guðrúnarkviða.
Das altgermanische Versmaß beruhte nach den Worten meines Vaters auf der »Verwendung der Hauptmerkmale der germanischen Rede, Tondauer und Tonstärke«, und dieselbe rhythmische Struktur wie im altenglischen Vers findet sich auch im Fornyrðislag. Diese Struktur erläuterte mein Vater in einem Vorwort zur überarbeiteten Version (1940) der Beowulf-Übersetzung von J.R. Clark-Hall, wieder abgedruckt in J.R.R. Tolkien, The Monster and the Critics and Other Essays (1983) [in der auf S. 11 zitierten deutschen Ausgabe nicht enthalten]. Darin definierte er den altenglischen Versbau folgendermaßen:
Der altenglische Vers bestand aus zwei gegensätzlichen Wortgruppen oder »Hälften«. Jede Hälfte war ein Beispiel für einen von sechs Grundtypen.
Diese Typen waren aus starken und schwachen Silben gebildet, die man »Hebungen« und »Senkungen« nennen kann. Die übliche Hebung war eine lange betonte Silbe (meistens mit höherem Ton). Die übliche Senkung war eine unbetonte Silbe, lang oder kurz, mit tieferem Ton.
Beispiele in heutigem Englisch für die normalen Formen der sechs Typen wären etwa:
A |
doppelt fallend |
kníghts in | ármour |
4 1 4 1 |
||
B |
doppelt steigend |
the róar | ing séa |
1 4 1 4 |
||
C |
aufeinanderprallend |
on hígh | móuntains |
1 4 4/3 1 |
||
a stufenweise fallend |
bríght | árchàngels |
|
D |
4 3 2 1 |
|
b gebrochen fallend |
bóld | brázenfàced |
|
4 3 1 2 |
||
E |
fallend-steigend |
híghcrèsted | hélms |
4 2 1 4/3 |
A, B, C haben gleich lange Versfüße, jeder mit einer Hebung und einer Senkung. D und E haben ungleiche Versfüße: Einer besteht nur aus einer einzigen Hebung, beim anderen ist eine schwächere Nebenbetonung eingeschoben (mit ` bezeichnet).
Dies sind die normalen viersilbigen Typen, in die altenglische Wörter zwanglos fielen und in die heutige englische Wörter immer noch fallen. Man kann sie in jedem Prosatext finden, ob alt oder neu. Die damit arbeitende Dichtkunst unterscheidet sich von der Prosa nicht durch die Anpassung der Wortstellung an einen besonderen, in den Versen wiederholten oder variierten Rhythmus, sondern dadurch, dass sie die schlichteren und kompakteren Wortgruppen wählt und Überflüssiges ausscheidet, so dass sich diese Gruppen klar gegenüberstehen.
Die ausgewählten Gruppen hatten alle ungefähr das gleiche metrische Gewicht:4 die Folge von Lautstärke (plus Dauer und Tonhöhe) nach der Wahrnehmung des Ohrs in Verbindung mit emotionaler und logischer Bedeutung.5 Der Vers war demnach im Prinzip ein Auswiegen von zwei gleich schweren Blöcken. Diese Blöcke konnten von unterschiedlichem Typ und Rhythmus sein und waren es auch meistens. Dass die Verse »dasselbe Metrum« hatten, hieß folglich nicht, dass sie dieselbe Melodie oder denselben Rhythmus besaßen. Das Ohr sollte nicht auf derartige Dinge horchen, sondern auf die Gestalt und das Gleichgewicht der Hälften achten. The róaring séa rólling lándward ist nicht deshalb metrisch, weil es einen »jambischen« oder »trochäischen« Rhythmus enthält, sondern weil es ein Gleichgewicht von B + A herstellt.
Diese Typen finden sich auch im Fornyrðislag und sind in den nordischen Liedern meines Vaters leicht zu erkennen, etwa im Gudrúnlied 45,2–6 (S. 412):
A rúnes of héaling
D (a) wórds wéll-gràven
B on wóod to réad
E fást bìds us fáre
C to féast gládly
In den Variationen der »Grundtypen« (durch »Aufschwellung«, »Erweiterung« und so weiter), wie sie mein Vater in seinem Abriss beschreibt, unterscheidet sich das Altnordische durchaus etwa durch größere Kürze vom Altenglischen. Ich will hier aber nur auf den grundsätzlichen und wichtigsten Unterschied zwischen den Versarten eingehen, nämlich den, dass die gesamte nordische Dichtung »strophisch« ist, das heißt aus Strophen besteht. Damit steht sie in deutlichem Gegensatz zum Altenglischen, wo solche Einteilungen konsequent vermieden werden. Mein Vater schrieb dazu (S. 16): »Im Altenglischen wurden Breite, Vollständigkeit, Reflexion, elegische Wirkung angestrebt. Die altnordische Dichtung strebt danach, eine Situation zu erfassen, einen Schlag zu führen, den man sich merkt, einen Moment blitzartig zu beleuchten – und sie neigt zu Verknappung, zu wuchtiger sprachlicher Verdichtung in Sinn und Form und mit der Zeit zu größerer Regelmäßigkeit der Versform.«
»Eine normale Strophe (im Fornyrðislag)«, schrieb er, »hat vier Verse (acht Halbverse) mit einer vollen Pause am Ende sowie einer (nicht unbedingt so deutlich ausgeprägten) Pause am Ende des vierten Halbverses. Aber die Texte in den Handschriften, jedenfalls wie sie überliefert sind, gehorchen nicht strikt dieser Regel, und die Herausgeber haben großzügig Stücke verschoben und Textlücken geschaffen (so dass man von einer Ausgabe zur anderen nie genau sagen kann, auf welche Strophe sich ein Kommentar bezieht).«
Da dieses Schwanken in der Länge der Strophen in einigen der älteren und am wenigsten verderbten Texte vorkommt und »die Völundarkviða, zweifellos ein altertümliches Lied, besonders unregelmäßig ist und besonders unter seinen Herausgebern zu leiden hatte (die im Altnordischen viel dreister und mutwilliger sind als im Altenglischen)«, schloss er sich der Auffassung an, dass diese Freiheit im großen und ganzen als archaischer Zug begriffen werden sollte. »Die Strophe war noch nicht streng ausgebildet und der Vers noch nicht streng nach Silben begrenzt«, mit anderen Worten, die Strophenform war eine nordische Neuerung und bildete sich erst allmählich heraus.
In den Liedern meines Vaters ist die Strophenform völlig regelmäßig und zeichnet sich der Halbvers meistens durch Kürze und begrenzte Silbenzahl aus.
Alliteration
Die altnordische Dichtung folgt in puncto Alliteration, sprich Stabreim, genau denselben Regeln wie die altenglische. Diese Regeln wurden von meinem Vater in seinem oben zitierten Abriss des altenglischen Versmaßes folgendermaßen gefasst:
Eine volle Hebung in jedem Halbvers muss »staben«. Den »Hauptstab« (die bestimmende Alliteration, von Snorri Sturluson höfuðstafr genannt) trägt die erste Hebung in der zweiten Hälfte, dem Abvers. Mit diesem Hauptstab muss die stärkere Hebung im Anvers und können beide Hebungen staben. Die zweite Hebung im Abvers darf nicht staben.
Demnach ist im Eingang des Wölsungenlieds, »Upphaf« 13,5f., the deep Dragon / shall be doom of Thór, das d von doom der Hauptstab, während die d von deep und Dragon nach Snorris Begrifflichkeit die stuðlar sind, die »Stützen«. Das Th von Thór, der zweiten Hebung des Abverses, stabt nicht. Man wird feststellen, dass im »Upphaf« in der Mehrzahl der Fälle beide Hebungen des Anverses mit dem Hauptstab alliterieren.
Es ist festzuhalten, dass der Stabreim in der germanischen Dichtung nicht Buchstaben, sondern Laute verbindet. Was übereinstimmt sind die betonten Elemente, die mit demselben Konsonanten beginnen oder mit keinem Konsonanten: Alle Vokale staben miteinander, so etwa im ersten Vers des »Upphaf« Of old was an age / when was emptiness. Im Englischen wird die phonetische Übereinstimmung oft durch die Schreibung unkenntlich gemacht: So alliterieren in derselben Strophe die Verse 5f. auf r: unwrought was Earth, / unroofed was Heaven; oder im Wölsungenlied IV,8 die Verse 1f. auf w: A warrior strange, / one-eyed, awful.
Die Konsonantenverbindungen sk-, sp- und st- staben gewöhnlich nur miteinander: So weist im Wölsungenlied IV,9,3f. the sword of Grímnir / singing splintered die zweite Hebung des Abverses keine Alliteration auf, und gleiches gilt für V,24,3f. was sired this horse / swiftest, strongest.6
§ 6 Anmerkungen des Verfassers zu den Gedichten
Dem Manuskript der »Neuen Lieder« lagen auch ein paar kleine Zettel bei, auf die sich mein Vater Überlegungen zur Interpretation notiert hatte. Sie wurden sehr eilig mit Tinte oder Bleistift geschrieben und im Falle von (iv) mit Bleistift und dann mit Tinte überschrieben und ergänzt, deutlich zur selben Zeit. Selbst eine ungefähre Datierung erscheint mir ausgeschlossen; das Gefühl eines inneren und somit möglicherweise zeitlichen Abstands könnte trügen.
(i)
Nach der mythischen Einleitung und dem Vorspiel um den Hort wendet sich das Lied der Wölsungensippe zu und verfolgt die Geschichte von Wölsung, Sigmund und Sigurd. Den Hauptteil bildet die Tragödie von Sigurd und Brynhild, die an sich schon von Interesse ist. Aber ein geschlossenes Ganzes wird es, indem aufgezeigt wird, auf welche Weise eine Missetat Lokis, die sinnlose Tötung Otrs, und die Rücksichtslosigkeit, mit der er Ódin und sich aus der gefährlichen Lage befreit, in die sie durch diese Tat geraten sind, einen Fluch heraufbeschwört, der zuletzt Sigurd den Tod bringt.
Die volle Auswirkung dieses Fluchs wird durch Ódins Eingreifen nur beschleunigt: Er stattet Sigurd mit dem Pferd und der Waffe aus, die er für seine Aufgabe braucht, und besorgt ihm eine würdige Braut, die schönste seiner Walküren, Brynhild. (Es erweist sich, dass Ódin vorhat, durch Sigurd die Nachkommen Hreidmars [Fáfnir und Regin] wegen der Erhebung des Bußgelds für Otr zu bestrafen.) In der Geschichte von Sigurd
Hier bricht der Text ab.
(ii)
Vor allem durch Grímhild, die Frau Gjúkis, des Königs der Burgunder (beziehungsweise der Niflungen), nimmt das Unheil seinen Lauf, nicht weil sie weitsichtig irgendwelche bösen Pläne verfolgt, sie ist vielmehr ein Beispiel für die Art von Bosheit, die immer nur die gerade eintretende Situation im Auge hat und nichts unversucht lässt, um daraus unmittelbaren Nutzen zu ziehen. Sie ist »grau vor Weisheit«, eine kundige Hexe und noch kundiger darin, Gedanken und Gefühle zu lesen und die so erkannten Schwächen und Torheiten auszunutzen. Ihr Wille beherrscht ihre Tochter Gudrún und ihren ältesten Sohn Gunnar.
Gudrún ist ein schlichtes Gemüt und unfähig, große Pläne zum eigenen Vorteil oder zur Rache zu schmieden. Sie verliebt sich in Sigurd, und etwas anderes bewegt sie nicht. Sensibel, aber schwach, wie sie ist, kann sie, wenn sie gereizt wird, verheerende Dinge sagen oder tun. Die beschriebenen Fälle, in denen es dazu kommt, sind ihre verhängnisvolle Reaktion auf Brynhilds Höhnen, die mehr als alles andere zur unmittelbaren Ursache für die Ermordung Sigurds wird, und später, als sie zu Wahnsinn und Verzweiflung getrieben wird, ihre schrecklichen Taten bei der Tötung der Niflungen.
Gunnar ist ein aufbrausender, ungestümer Charakter, der von Grímhild beherrscht wird. Obwohl er nicht zu dumm ist zu erkennen, was ratsam wäre, wird er in unsicheren oder schwierigen Situationen zum blindwütigen Draufgänger und Gewalttäter.
(iii)
Nach Sigurds Tod nahm sich Brynhild das Leben, und sie wurden zusammen auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Gudrún nahm sich nicht das Leben, war aber vor Schmerz eine Zeitlang wie von Sinnen. Sie sah ihre Brüder und ihre Mutter nicht mehr an und wohnte allein in einem Haus im Wald. Dort begann sie nach einer Weile, einen Wandteppich mit der Geschichte des Drachenhorts und Sigurds zu weben.
Atli, der Sohn Budlis, wurde König der Hunnen, der Erzfeinde der Burgunder, die zuvor seinen Vater getötet hatten.7 Seine wachsende Macht wird zu einer Gefahr für Gunnar, der jetzt anstelle seines Vaters Gjúki König ist, und wie sein Bruder Högni vorausgesagt hat, fehlt ihnen jetzt die Kampfkraft ihres Eidbruders König Sigurd.
Dieses Lied [d.h. die Guðrúnarkviða en nýja] ist die Fortsetzung des Sigurdlieds und setzt dessen Kenntnis voraus, obwohl aufgehängt an Gudrúns Wandteppich eingangs die Geschichte des verfluchten Horts und die Sigurds in Erinnerung gerufen und kurz angerissen wird.
Im ersten Lied wurde erzählt, wie die Herrschaft der Götter von Anfang an von Vernichtung bedroht war. Ódin, Herrscher über Götter und Menschen, zeugt auf Erden viele mächtige Männer, die er als Kampfgenossen im letzten Gefecht in Walhall versammelt. Einer Familie gilt sein besonderes Augenmerk, den Wölsungen,8 die allesamt seine erwählten Krieger sind, und einer, Sigmunds Sohn Sigurd, ist dazu ausersehen, an diesem letzten Tag ihr Anführer zu sein, denn Ódin hofft, dass er am Ende eigenhändig die Schlange tötet und damit eine neue Welt ermöglicht.
Keiner der Götter kann das vollbringen, sondern nur einer, der vorher als sterblicher Mensch auf der Erde gelebt hat und gestorben ist. (Dieses Motiv der besonderen Aufgabe Sigurds ist eine Erfindung des Verfassers beziehungsweise eine Auslegung der nordischen Quellen, in denen davon nicht ausdrücklich die Rede ist.)
Das Böse ist jedoch nicht nur in den Feinden der Götter und Menschen und ihren ständig schlagbereiten Heerscharen verkörpert, sondern in Ásgard selbst auch in der Gestalt Lokis, durch dessen mutwillige, rein schelmische oder durch und durch boshafte Taten die Ratschlüsse und Hoffnungen Ódins anscheinend immerfort umgebogen oder zunichte gemacht werden.
Und doch sieht man Loki stets zur Linken Ódins durch die Welt gehen, ohne dass dieser ihn maßregelt oder wegschickt oder darauf verzichtet, sich seiner Listen zu bedienen. Zu Ódins Rechten geht eine andere Gestalt, ein namenloser Schatten. Es sieht so aus, als würde unser Dichter (da ihm die nordischen Götter nur die menschlichen Verhaltensweisen in der feindlichen Welt in übersteigerter Form verkörpern) in dieser alten Sage ein Symbol für die menschliche Umsicht und Weisheit sehen wie auch für die immer damit einhergehende Torheit und Bosheit, die jene einerseits vereitelt und damit andererseits nur größeren Heldenmut und tiefere Weisheit hervorruft; während zur Rechten stets der Schatten wandelt, der weder Ódin noch Loki ist, sondern in gewisser Hinsicht das Schicksal, die ganze Wahrheit, die aus beiden Teilen besteht. Und doch ist Ódin das Oberhaupt der drei und entspricht das Endergebnis eher seiner Hoffnung als der (kurzsichtigeren) Bosheit Lokis. Ódin drückt das gelegentlich so aus, dass seine Hoffnung über die scheinbaren Katastrophen dieser Welt hinausreicht. Obwohl Ódins Erwählte alle ein böses Ende oder einen vorzeitigen Tod finden, erhöht das nur ihre Tauglichkeit für ihre eigentliche Bestimmung im letzten Gefecht.
Zu diesen in vieler Hinsicht rätselhaften Ausführungen siehe den Kommentar zum »Upphaf« des Wölsungenlieds sowie zum ersten Teil des Gedichts, »Andwaris Gold«, erste Strophe.
Abschließend scheint mir dies die geeignete Stelle zu sein, um eine Bemerkung meines Vaters anzuführen, die eine Bedeutung für die Guðrúnarkviða en nýja hat, aber sich nicht (jedenfalls nicht offenkundig) darauf bezieht. In seiner Einführung zu Vorlesungen, die er in Oxford über das »Alte Gudrúnlied« in der Edda hielt, Guðrúnarkviða en forna, erklärte er, »seltsamerweise« sei er stärker an Gudrún interessiert, »die gewöhnlich gering geachtet und für minder interessant gehalten wird«, als an Brynhild. Implizit stellte er damit Gudrúns langen Schmerz dem jähen Ausbruch Brynhilds gegenüber, die bald abtritt, »und ihre Leidenschaft und ihr Tod bleiben im Hintergrund der Geschichte als ein kurzer und schrecklicher Sturm, der im Feuer beginnt und im Feuer endet«.