ANHANG A
ZUM URSPRUNG DER SAGE
§ I Attila und Gundahari
In beiden Liedern gebrauchte mein Vater den Ausdruck Borgund lord(s) (»Herr(en)/Fürst(en) der Burgunder«) in erster Linie für Gunnar beziehungsweise Gunnar und Högni (die auch »Gjúkungen« und »Niflungen« genannt werden). Im Kommentar zum Wölsungenlied VII,15 habe ich erläutert, dass er sich für den Namen »Burgunder« auf ein einziges Vorkommen in der Atlakviða berufen konnte, wo Gunnar mit dem Titel vin Borgunda, »Herr der Burgunder«, bedacht wird, und dass Gunnar nirgends sonst in der nordischen Literatur als Burgunder erinnert wurde. In diesem Titel kommt eines der wesentlichen Elemente der Sage zum Vorschein.
Die Burgunder waren ursprünglich ein ostgermanisches Volk, das aus Skandinavien kam; sie hinterließen ihren Namen in Bornholm (nordisch Borgunda holm), der Ostseeinsel südöstlich der Südspitze Schwedens. In dem altenglischen Gedicht Widsith werden sie zusammen mit den Ostgoten und den Hunnen genannt: »Attila herrschte über die Hunnen, Ermanarich über die Goten, Gifica über die Burgunder«, was als Erinnerung an eine Zeit aufgefasst werden kann, in der die Burgunder noch in »Ostgermanien« lebten. Dann aber zogen sie westwärts ins Rheinland, und dort ereilte sie das Verhängnis.
Im frühen fünften Jahrhundert waren sie in Gallien ansässig, in einem Reich am Westufer des Rheins mit Worms als Zentrum. Im Jahr 435 unternahmen die Burgunder, getrieben anscheinend von dem Bedürfnis nach Lebensraum, unter der Führung ihres Königs Gundahari einen Ausdehnungsversuch nach Westen, wurden aber von dem römischen Heermeister Aëtius vernichtend geschlagen und mussten um Frieden bitten. Zwei Jahre später, im Jahr 437, unterlagen sie einem Gewaltangriff der Hunnen, bei dem Gundahari fiel und mit ihm eine sehr große Zahl seiner Leute. Es wird allgemein vermutet, dass der Römer Aëtius, dem es vor allem darum ging, Gallien gegen die Übergriffe der Barbaren zu verteidigen, die Hunnen zu Hilfe holte, damit sie das Burgunderreich von Worms zerstörten. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass Attila bei diesem Gefecht der Anführer der Hunnen war.
Aber die rheinischen Burgunder wurden 437 nicht vollkommen ausgerottet. Quellen zufolge durften sich die Überlebenden 443 als Kolonisten in der Region Savoyen ansiedeln. Einen flüchtigen Eindruck von ihnen gewinnt man aus den Schriften von Sidonius Apollinaris, einem kultivierten gallorömischen Aristokraten, kaiserlichen Politiker und Dichter, geboren um 430 in Lyon und in späteren Jahren Bischof von Clermont, der Hauptstadt der Auvergne. Er hinterließ in seinen Briefen ein Porträt der Sitten und Gebräuche, die im fünften Jahrhundert in der durchmischten Gesellschaft Südgalliens herrschten.
Für den feingeistigen Sidonius allerdings waren die rohen Burgunder abstoßend und ihre Kultur gänzlich uninteressant. In einem satirischen Gedicht beklagte er sich humorvoll darüber, dass er gezwungen war, unter den langhaarigen Barbaren (die ihn ausgesprochen gern mochten) zu sitzen, die germanische Sprache über sich ergehen zu lassen und mit ernster Miene die Lieder der gefräßigen, baumlangen Burgunder zu loben, die sich ranzige Butter in die Haare schmierten und nach Zwiebeln stanken. Von ihm erfahren wir daher nichts über die Lieder, die von den Zeitgenossen Gundaharis und Attilas gesungen wurden, sondern nur, dass seine eigene Muse vor dem Lärm das Weite suchte.
Dass sie trotz der vernichtenden Niederlage von 437 ihre Überlieferungen bewahrten, erschließt sich aus einer burgundischen Gesetzessammlung, die König Gundobad nicht später als Anfang des sechsten Jahrhunderts anfertigen ließ und in der die Namen früherer Könige aufgeführt werden: Gibica, Gundomar, Gislahari, Gundahari. Diese Namen erscheinen alle auch in der späteren Sage, auch wenn sich nicht sagen lässt, welche historischen Beziehungen zwischen ihnen bestanden. Gundahari ist auf Nordisch Gunnarr (vin Borgunda). Er erscheint im Altenglischen in der recht unähnlichen, aber letztlich identischen Form Guðhere. In dem Gedicht Widsith erklärt der Sänger, er sei »bei den Burgundern« gewesen:
me þær Guðhere forgeaf glædlicne maððum
songes to leane; næs þæt sæne cyning.
(»Dort gab mir Guðhere einen herrlichen Edelstein zum Lohn für mein Lied: Das war kein geiziger König.«) Im Deutschen heißt er Gunther.
Wie oben zitiert erscheint Gibica im altenglischen Widsith in der Form Gifica neben den Herrschern über Goten und Hunnen als Herrscher über die Burgunder. Im Nordischen wurde daraus durch regelmäßige Lautverschiebung Gjúki, der Vater Gunnars; in manchen deutschen Überlieferungen ist entsprechend Gibeche der Vater Gunthers; doch es kann durchaus sein (zumal angesichts der Stellung Gificas im Widsith), dass er historisch ein illustrer Vorfahre aus früherer Zeit war.
»Es ist leicht einzusehen«, schrieb R.W. Chambers in seiner Ausgabe des Widsith (1912), »warum die Geschichte von der Niederlage Gundaharis und seiner Männer im Kampf gegen die Hunnen nicht allein für die Burgunder, sondern auch für alle Nachbarstämme von Interesse war, bis sie schließlich im Lauf der Jahrhunderte in ganz Germanien bekannt wurde. Achthundert Jahre nach seinem Kampf erinnerte man sich von Island bis Österreich immer noch an Gundahari.«
Mit dieser Auffassung ging mein Vater nicht ganz konform. In Notizen für Vorlesungen primär über die Kenntnis der Wölsungensage unter altenglischen Dichtern schrieb er: »Guðheres Geschichte erzählt einen Sturz von der Höhe der Macht – einen plötzlichen Sturz, keinen langsamen Niedergang –, eine jähe und verheerende Niederlage in einer großen Schlacht. Es ist auch der Sturz eines Volkes, das bereits einen abenteuerlichen Weg zurückgelegt und durch seinen Einfall in Worms und den Aufstieg zu ansehnlicher Macht für gehörige Verwerfungen im Westen gesorgt hatte. Es ist gut vorstellbar, dass seine Niederlage durch Aëtius nur zwei Jahre vorher in der Dramatisierung der Sage mit der Niederlage durch die Hunnen verschmolz (falls es nicht ohnehin einen durchaus denkbaren historischen Zusammenhang gab).
Guðhere, im Widsith bereits als tapfer und als großzügiger Goldspender gezeichnet, muss sehr berühmt gewesen sein. Ein bloßer Sturz ohne vorhergehende Größe regte die Sänger nicht zu Bewunderung und Mitleid an. Wahrscheinlich jedoch gehen wir nicht fehl in der Annahme, dass ein anderes Element außer dem Ausmaß des Unglücks dieser Geschichte – zu einem recht frühen Zeitpunkt – die Kraft und das Feuer verliehen haben muss, die sie zweifellos besitzt und die sie über Jahrhunderte am Leben erhalten hat. Was dieses Element war, können wir bestenfalls vermuten. Gold? Es kann durchaus sein, dass Gold oder die Aneignung eines Schatzes (der noch später mit irgendeinem berühmten Goldschatz der Sage zusammengebracht wurde) als Erklärung für Attilas Angriff herhalten musste. Attila wird (sofern Sage oder Historie nicht aus seiner Sicht erzählen) als ausgesprochen raffgierig dargestellt. Es lässt sich denken, dass Guðhere auf dem Wege zuletzt mit dem berühmtesten Hort überhaupt in Verbindung gebracht wurde, dem Drachenhort von Sigemund [im Altenglischen], von Sigurd [im Altnordischen].«
Mein Vater wollte damit nicht unterstellen, dass Attila historisch der Anführer des Angriffs auf die Burgunder von 437 war, wofür nicht das Geringste spricht. »In die Sage«, hielt er fest, »findet Attila nur Eingang durch eine frühe Legendenbildung, eine dramatische Simplifizierung und Übertreibung der Bedeutung der Schlacht, in der Guðhere umkam. Er wurde ein wesentlicher Faktor darin.« Im achten Jahrhundert war für den langobardischen Geschichtsschreiber Paulus Diaconus (Mönch in Monte Cassino) Attila der Feind, und wie seine Darstellung zeigt, wurde die Geschichte zu dem Zeitpunkt so überliefert, dass Gundahari nicht im heimischen Worms erschlagen wurde, sondern ostwärts gegen Attila zog. Dies war ein gleichbleibender Zug der Sage in sämtlichen Fassungen.
Wie nachhaltig der Eindruck auch war, den die kolossale Gestalt Attilas in der germanischen Sage hinterließ, so können wir doch in diesem Buch darauf verzichten, die Geschichte dieses berühmtesten aller Barbarenkönige nachzuzeichnen, was zwangsläufig seine oftmals obskuren und stets verwickelten politischen und militärischen Beziehungen zum zerbrochenen Imperium umfassen müsste; und nach der Entwicklung, die die Sage im Norden nahm, lässt sich mit Recht behaupten, dass die Art seines Todes mehr zählte als sein Leben. Gleichzeitig wäre es, glaube ich, unangebracht, die mehr als fünfzehn Jahrhunderte alte außerordentlich deutliche Momentaufnahme gänzlich zu übergehen, die wir von diesem schrecklichen Tyrannen und Zerstörer besitzen (während wir von Gundahari überhaupt nichts wissen).
Diesen Umstand verdanken wir einem kompetenten und kundigen Historiker namens Priskos aus dem thrakischen Panion, dessen griechisch verfasste umfangreiche Byzantinische Geschichte leider nur in Bruchstücken erhalten ist. Eines dieser Bruchstücke jedoch erzählt, wie er im Sommer des Jahres 449 als Mitglied einer kleinen Gesandtschaft von Konstantinopel, der Hauptstadt Ostroms, zu Attila nach Ungarn reiste. Attila empfing die rhomäischen Gesandten in seinem Hauptquartier, einem Dorf, das mit seinen Blockhäusern mitten in einer endlos weiten Ebene ohne Steine und Bäume lag; und Priskos beobachtete nicht nur fasziniert das Gastmahl, das Attila gab, und vieles andere mehr, sondern beschrieb es auch mit einer derartigen Detailgenauigkeit, dass der Gedanke naheliegt, er habe sich währenddessen zu allem, was er sah, Notizen gemacht. In diesem einzigartigen Bericht von einem barbarischen Gastmahl des Heldenzeitalters schilderte Priskos das pedantische und langwierige Zeremoniell, in dem Attila der Reihe nach jedem einzelnen seiner Gäste zutrank, sowie das erlesene Festessen, das auf kostbarem Beutegut serviert wurde, Silbertellern nebst silbernen und goldenen Trinkbechern – ganz im Gegensatz zu der schmucklosen Schlichtheit Attilas, der aus einem Holzbecher trank und nur Fleisch von einem Holzteller aß. Er beschrieb die gebotene Unterhaltung: Sänger traten auf, die in Liedern die großen Taten Attilas priesen, sodann ein schwachsinniger Narr und ein possenreißender Zwerg, der lautes Gelächter hervorrief, nicht aber bei Attila, der alles mit unbeweglicher Miene und grimmigem Schweigen verfolgte. Doch als sein jüngster Sohn Ernas den Saal betrat, sah Priskos, dass Attila ihn »froh und freundlich ansah und ihm die Wangen streichelte«. Er bat seinen hunnischen Tischnachbarn, ihm das zu erklären, und dieser erwiderte, Seher hätten Attila geweissagt, sein Geschlecht werde untergehen, von diesem Sohn aber zu neuer Größe geführt werden. Das Gelage zog sich bis tief in die Nacht, aber die Rhomäer hielten es für ratsam, lange vor dem Ende aufzubrechen.11
Eine Beschreibung der äußeren Erscheinung Attilas findet sich im Werk des Verfassers einer Gotengeschichte aus dem sechsten Jahrhundert, eines Mannes namens Jordanes, und diese Beschreibung ist direkt von Priskos übernommen, dessen Original leider verlorenging. Er war klein von Gestalt und breitschultrig, hatte ein breites Gesicht mit kleinen Augen, einer platten Nase, dunkler Haut und spärlichem, angegrautem Bartwuchs. Er schritt stolz einher und hatte die Angewohnheit, den Blick hierhin und dorthin schweifen zu lassen, »damit die Macht, die der hochmütige Mensch innehatte, auch in seiner Körperbewegung sich zeigte«.12
Am wichtigsten für die weitere Entwicklung der Sage war das große Ereignis des Jahres 451, die berühmteste Schlacht jener Zeit. In dem Jahr zog Attila mit einem riesigen Heer westwärts gegen den Rhein und führte aus undurchsichtigen Motiven einen Angriff auf Gallien. Die Hunnen hatten im vierten Jahrhundert die ostgotische Macht im Osten vernichtet, und Attila herrschte über ein großes buntgemischtes Reich wie schon die Goten unter Ermanarich (siehe den Kommentar zum Gudrúnlied 86, S. 507). In seinem Reich lebten viele ostgermanische Völker, die auch in seinen Heeren mitkämpften, und jetzt zogen in seiner Streitmacht die Ostgoten mit unter ihrem König Walamir, die Gepiden unter Ardarich, Rugier, Thüringer und Krieger anderer Völker außerdem. Ihnen entgegen stellten sich in einem prekären Bündnis die Westgoten von Tolosa (Toulouse) unter ihrem betagten König Theoderich, der römische Heermeister Aëtius, Burgunder aus ihrer neuen Heimat in Savoyen, Franken, sogar ein Kontingent Sachsen. Schlachtfeld war eine Ebene in der Gegend von Troyes, hundertsechzig Kilometer südöstlich von Paris, die Katalaunischen Felder (auch Mauriakische Felder genannt).
Natürlich ist über den Verlauf der Schlacht sehr wenig bekannt. Der hundert Jahre später schreibende Jordanes bezeichnet sie als bellum atrox, multiplex, immane, pertinax (schrecklich, vielförmig, gewaltig, verbissen). Der Westgotenkönig Theoderich war unter der großen Zahl der Gefallenen. Der Kampf ging bis in die Nacht hinein, und Attila zog sich in seine befestigte Wagenburg zurück. Jordanes zufolge ließ er aus Pferdesätteln einen großen Scheiterhaufen aufschichten, auf dem er sich selbst verbrennen wollte, ehe ihn die endgültige Niederlage ereilte.
Doch der Vernichtungsangriff blieb aus. Das Bündnis gegen ihn zerbrach. Abermals Jordanes zufolge erfüllte die Aussicht auf die vollständige Vernichtung der Hunnen Aëtius mit Sorge. Mehr als alles andere fürchtete er die Macht des Westgotenreichs in Südfrankreich um Toulouse, und obwohl der junge Westgotenkönig Thorismund den Tod seines Vaters im Kampf an den Hunnen rächen wollte, riet Aëtius ihm, nach Toulouse zurückzukehren, damit in seiner Abwesenheit seine Brüder sich nicht des Throns bemächtigten. Diese Aufforderung nahm Thorismund »nicht so heimtückisch, wie sie gegeben war«, und folgte dem Rat. Die Westgoten zogen vom Schlachtfeld ab, und Attila konnte aus Gallien entkommen.
Im Jahr 452 überquerte Attila im Anschluss an die große Schlacht die Alpen und drang von Nordosten in Italien ein. Die Städte der norditalienischen Tiefebene wurden von den Hunnen nicht nur geplündert, sondern in manchen Fällen dem Erdboden gleichgemacht. Aquileia an der äußersten Spitze der Adria, sowohl als Festung wie auch als Handelszentrum eine der bedeutendsten Städte Norditaliens, wurde derart gründlich zerstört, dass hundert Jahre später, als Jordanes schrieb, kaum noch eine Spur von ihr zu sehen war. Patavium erlitt dasselbe Schicksal, und obwohl es sich im Unterschied zu Aquileia wieder erhob, ist es eine bemerkenswerte Tatsache, dass das heutige Padua keine römischen Überreste besitzt.
Aber Attila unterließ es, den Apennin zu überqueren und gegen Rom zu ziehen. Was auch der Grund gewesen sein mag, er kehrte nach Ungarn zurück, und im Jahr darauf, 453, starb er. Die Geschichte seines Todes wird von Jordanes berichtet, aber dieser beruft sich dafür ausdrücklich auf das Zeugnis des Priskos, so dass wir sie als historisch verbürgt betrachten dürfen.
In diesem Jahr vermehrte Attila die Schar seiner »unzähligen Frauen« (innumerabiles uxores in Jordanes’ Worten: die Hunnen waren äußerst polygam) um eine weitere. Seine neue Gemahlin war ein sehr schönes Mädchen, deren Name Ildiko (eine Verkleinerungsform von Hild oder einem auf -hild endenden Namen) sie nach allgemeinem Dafürhalten als Germanin ausweist; vielleicht war sie eine Burgunderin. Auf der Hochzeit betrank sich Attila über die Maßen und begab sich zu Bett, »schwer von Wein und Schlaflust«. Dort auf dem Rücken liegend bekam er so heftiges Nasenbluten, dass er an dem ihm in die Kehle laufenden Blut erstickte. Am folgenden Tag brachen seine Diener nach längerem Warten die Tür auf und fanden ihn »ohne Wunde« tot und blutüberströmt vor, neben ihm die weinende Braut, vom Schleier verhüllt.
Jordanes beschreibt darauf die Beisetzung Attilas, wobei er unverkennbar weiterhin der verlorengegangenen Schilderung des Priskos folgt. Sein Leichnam wurde auf freiem Feld unter einem seidenen Zelt aufgebahrt, und die besten Reiter der Hunnen ritten »wie bei Zirkusspielen« im Kreis darum und verherrlichten seine Taten in Totengesängen. Nach exzessiven Bekundungen der Trauer wie der Freude wurde sein Leichnam, in Gold, Silber und Eisen eingesargt, des Nachts in die Erde gelegt, dazu von seinen Feinden erbeutete Waffen und viele Kostbarkeiten. »Und damit menschliche Neugier von so vielen großen Reichtümern ferngehalten werde«, wurden nach der Bestattung die Totengräber getötet. Ganz ähnlich mussten nach dem Tod des Westgotenkönigs Alarich im Jahre 410 die Gefangenen den Gebirgsfluss Busento in Kalabrien umleiten, und nach der Bestattung des Königs und der Rückführung des Flusses in sein gewohntes Bett wurden sie alle umgebracht.
Doch die Persönlichkeit Attilas erstand aus dem Grab und nahm in den folgenden Jahrhunderten wechselnde Gestalten an. Bei den romanischsprachigen Völkern fand er Eingang in die sogenannte »klerikale Mythologie« und wurde zum Flagellum Dei, der »Geißel Gottes« mit dem himmlischen Auftrag zur Verwüstung einer gottlosen Welt. In den Provinzen Germaniens entstanden um ihn zwei grundverschiedene Überlieferungen: Den einen erschien er als großzügiger Schirmherr, den anderen als ungeheuerlicher Feind, und es ist nicht schwer zu verstehen, wie es dazu kam. Auf den Katalaunischen Feldern trug sich ein gewaltiger Konflikt zwischen Männern vieler germanischer Völker aus. In Attilas Heer befanden sich, wie gesagt, viele den Hunnen dienstbare Ostgermanen, vor allem Ostgoten, und für sie war Attila der große König und Oberherr, dem ihre eigenen Könige Gefolgschaft leisteten. Ja, sogar der Name Attila sieht aus wie eine Verkleinerungsform des gotischen Wortes atta, »Vater«. In der süddeutschen (hochdeutschen) Überlieferung ist Attila, dessen Name im Lauf der Zeit durch Lautverschiebung zu Etzel wurde, ein gütiger Herrscher, gastlich und handlungsschwach, der wenig Ähnlichkeit mit dem historischen Attila hat.
In den nördlicheren Regionen jedoch wurde seine Sagengestalt von seinen Feinden geformt, und von diesen bezogen die Skandinavier, auf welchen Wegen auch immer, ihren grausamen und gierigen König Atli, der die Burgunder um des Nibelungenhortes willen ermordete.
Die Geschichte, die Jordanes im Anschluss an Priskos von Attilas Tod erzählt, entspricht ohne Frage den historischen Tatsachen, und die Art dieses Todes kannte noch Chaucer mehr als neunhundert Jahre später. Für seinen schurkischen Ablasskrämer ist Attilas Tod eine Anekdote, die das Laster der Trunkenheit anschaulich vorführt:
Looke, Attila, the gretë conqueróur,
Deyde in his sleepe, with shame and dishonóur,
Bledynge ay at his nose in dronkenesse;
A capitayn sholde lyve in sobrenesse.
Schaut, Attila, den großen Sieger traf
Ein scham- und ehrenloser Tod im Schlaf
Durch Nasenbluten in der Trunkenheit.
– Ein Hauptmann lebe stets in Nüchternheit. –
(Übers. Adolf von Düring)
Doch ein Chronist namens Marcellinus Comes, der ungefähr zur gleichen Zeit wie Jordanes in Konstantinopel schrieb, kannte eine andere Geschichte, nämlich dass Attila in der Nacht von einer Frau erstochen wurde. Es kann durchaus sein, dass diese Geschichte fast gleichzeitig mit der wahrheitsgemäßen Darstellung aufkam – sie bot sich geradezu an.
In sehr knappen Bemerkungen zu diesem Thema umriss mein Vater seine Ansicht der weiteren Entwicklung, die die burgundische Sage nahm, nachdem die Geschichte, Attila sei von seiner Braut ermordet worden, Fuß gefasst hatte. Eine solche Tat muss ein Motiv haben, und kein Motiv ist wahrscheinlicher als Rache für die Ermordung des Vaters der Braut oder ihrer Verwandten. Attila wurde inzwischen als Anführer der Hunnen bei dem Massaker an den Burgundern im Jahre 437 betrachtet (siehe S. 525). Jetzt also wurde mit dem Mord an ihm die Auslöschung Gundaharis und seiner Leute gerächt. Ob Ildiko nun eine Burgunderin war oder nicht, ihre Rolle in dem sich fortspinnenden Drama machte sie zwangsläufig dazu. Und sie rächt ihren Bruder Gundahari.
Damit sind die wesentlichen Züge der Burgundergeschichte versammelt. Gundahari-Gunnar, vin Borgunda, wurde von Attila-Atli getötet, und dafür wurde dieser in seinem Bett von einer Frau erdolcht. Und die Frau war Gudrún. Wo allerdings das Gold herkam, ist natürlich eine ganz andere Frage.
§ II Sigmund, Sigurd und die Nibelungen
In ihrer weiteren Entwicklung verflocht sich die Geschichte der Burgunder mit einer oder mehreren nach Art und Ursprung ganz verschiedenen Sagen: vom Drachentöter und seinem goldenen Hort sowie von den geheimnisvollen Nibelungen (nordisch Niflungar). Wann diese Verbindung und Vermischung stattfand, lässt sich nicht angeben, aber deutlich scheint zu sein, dass es im deutschen und nicht im skandinavischen Raum geschah.
Diese Thematik wirft nun viele Fragen auf, die sich nicht mit Sicherheit beantworten lassen und über die sich die Fachgelehrtenschaft hochgradig uneins ist. Mein Vater nahm an ihrer Erforschung regen Anteil, doch in seinen Oxforder Vorlesungen ging er dabei primär von seinem Bestreben aus, eine Vorstellung von der weitgehend verschwundenen Heldendichtung des alten England zu vermitteln. Da es in diesem Buch mein erklärtes Anliegen ist, seine Gedichte nach Maßgabe seiner eigenen Anschauungen vorzustellen, erscheint es mir ratsam, diesen Abriss des Themas in ähnlicher Weise mit derselben Ausgangsfrage einzuleiten: Was lässt sich aus den fragmentarischen Hinweisen der altenglischen Dichtung darüber in Erfahrung bringen?
Tatsächlich gibt es nur eine Textstelle, in der man nach einer Antwort auf diese Frage suchen kann, nämlich eine Passage aus dem Beowulf. Dieses Gedicht übersetzte mein Vater nach meiner Einschätzung ungefähr zu der Zeit, in der er auch das Wölsungenlied und das Gudrúnlied verfasste.
Nachdem sie von der Halle Heorot ausgeritten waren, um den See anzuschauen, in den sich der tödlich verwundete Grendel gestürzt hatte, wurden die Krieger auf ihrer Rückkehr von einem Sänger des Königs unterhalten.
Dann wieder fand ein Kämpe des Königs, ein ruhmbeladener Mann und mit Liedern vertraut, der sich vieler alter Sagen in Menge erinnerte, manch schönes Wort, kunstreich gebunden. Dieser Mann begann nun, Beowulfs Abenteuer in wohlgefügten Worten zu singen und geschickt eine Erzählung vorzutragen, mit wechselnden Worten.
So erzählte er denn, was er über Sigemund und seine Ruhmestaten hatte sagen hören, viel Unbekanntes über den Kampf des Wälsings, die weiten Fahrten, Fehden und Feindschaften, von denen die Menschenkinder nichts Genaues wussten, außer Fitela allein, dem er solcherlei zu sagen pflegte, als Onkel dem Neffen, zumal sie allzeit in jeder Gefahr Kampfgefährten waren. Gar viele hatten sie aus der Sippe der Riesen mit ihren Schwertern gefällt. Dem Sigemund erwuchs nach seinem Todestag kein geringer Ruhm, da der Mutige einen Drachen, den Hüter eines Hortes, erschlagen hatte. Er, Sohn eines Edelings, wagte allein unter einem grauen Felsen die gefährliche Tat. Fitela war dazumal nicht bei ihm. Trotzdem gelang es ihm, mit dem Schwert den furchtbaren Drachen zu durchbohren, so dass die wunderbare Waffe in der Felswand stecken blieb. Der Drache starb eines gewaltsamen Todes.
Da hatte der Held durch seine Tapferkeit erreicht, dass er mit dem Hort tun konnte, wonach ihm der Sinn stand. Das Seeboot belud er, brachte an Bord die schimmernden Kostbarkeiten. Der Wurm aber zerschmolz in seiner eigenen Glut. Er, Sigemund, war von allen Häuptlingen weithin der berühmteste unter dem Menschenvolk, ein Schutzherr der Männer, voller Heldentaten. Er war dadurch so bekannt geworden, seitdem Heremods Kampfstärke, Mut und Manneskraft nachgelassen hatten … (Übersetzung von Hans-Jürgen Hube in seiner Ausgabe des Beowulf, Wiesbaden 2005, S. 115f., 119.)
Der Rest der Passage betrifft den Dänenkönig Heremod und bezieht sich nicht auf die hier zur Rede stehende Frage. In einer Vorlesung zu dem Thema stellte mein Vater »Vorüberlegungen« an, wie er es nannte, die allein auf den altenglischen Zeugnissen fußten, ohne darüber hinausgehende Aspekte zu berücksichtigen. Im folgenden gebe ich sie in gestraffter Form, aber fast ganz in seinen eigenen Worten wieder.
Es lässt sich nicht ernsthaft bezweifeln, dass die Stelle im Beowulf sich auf eine Geschichte bezieht, die mit den Wölsungen- und Nibelungensagen anderer Länder verwandt ist. Die Namen Sigemund, Wälsing, Fitela (dessen Verhältnis zu Sigemund eines von nefa zu eam [Neffe zu Onkel] ist) müssen, zumal im Zusammenhang mit dem Drachen und seinem Hort, aus philologischen und sagenkritischen Gründen letztlich identisch sein mit altnordisch Sigmundr, Sohn Wölsungs, und seinem Schwestersohn Sin-fjötli. Daran ändern auch die deutlichen Unterschiede nichts, etwa dass Sigemund (nicht sein Sohn, auf dessen Existenz nichts hindeutet) den Drachen tötet oder dass ein Boot, kein Pferd mit dem Schatz beladen wird.
Die Burgunder werden im Beowulf überhaupt nicht erwähnt, viele andere, zweifellos berühmte Gestalten der germanischen Sage genauso wenig. Aus solchem Schweigen Schlüsse zu ziehen ist besonders bedenklich im Umgang mit Fragmenten, die so zufällig und versprengt sind wie jene, die wir von der altenglischen heroischen Überlieferung besitzen, und es mag gar absurd erscheinen, wenn man beim Beowulf so verfährt, der schließlich ein Gedicht und kein Katalog ist. Trotzdem spricht in diesem Fall einiges dafür. Die burgundischen Namen waren im Altenglischen durchaus bekannt und kamen in Gedichten und Geschichten vor. Wir können nicht ausschließen, dass ein solcher Zusammenhang dem Verfasser des Beowulf gegenwärtig war. Aber es hat nicht den Anschein.
Die Burgunder sind in der Tat bekannt. Aber wo wir sie im Altenglischen antreffen, liegen die Verhältnisse genau umgekehrt wie im Beowulf. Jedenfalls wird nirgends ihre Verbindung mit Sigemund Wälsing angedeutet. Das sehr frühe Gedicht Widsith offenbart ein weitreichendes Interesse an einem großen Sagenkomplex: in erster Linie natürlich an den Goten beziehungsweise den nördlichen Seevölkern, aber eher südgermanische Themen werden auch nicht ausgespart. Guðhere und Gifica werden darin erwähnt, aber Sigemund, Wälsing, Fitela oder der Drache kein einziges Mal. (Widsith hat in der Tat einen stark historischen Einschlag.)
Ein gesichertes Vorkommen der »Wälsingas« haben wir in der altenglischen Literatur tatsächlich nur im Beowulf. [Die Einschränkung »Literatur« machte mein Vater wegen des Ortsnamens Walsingham in Norfolk.] Wenn wir außerdem an das Fehlen der Eigennamen denken, die zu dieser Geschichte in ihrer vollständigen Form gehören (Guðrún, Grímhild, Brynhild), sind wir gezwungen, mehrerlei als wahrscheinlich vorauszusetzen:
1. dass Sigemund Wälsing in der altenglischen Überlieferung keinen hervorragenden Platz innehatte, obwohl im Beowulf von ihm die Worte wreccena mærost gebraucht werden [oben in der Übersetzung mit »von allen Häuptlingen der berühmteste« wiedergegeben], was einfach dichterisch für »ein berühmter Held« sein mag;
2. dass die Sagen um ihn von frühester Zeit an eher mythischer als historischer Art waren;
3. dass es darin nicht um die Burgunder ging, die gewiss ursprünglich historische Gestalten waren, sondern um den dunklen Hintergrund der Geschichte, der im Hochdeutschen praktisch in Vergessenheit geraten war: den Teil, der im Altnordischen (wenn auch umgeformt und drastisch verändert) von den mysteriösen odinischen Wölsungen vor dem Auftreten Sigurds handelt. Die Namen sind Sigemund, Fitela, Wälsing: Von ihnen finden wir Spuren (auch außerhalb des Beowulf). Die Namen – vor allem die Frauennamen –, die den grundlegenden Zusammenhang mit den Burgundern und ihrem Fall anzeigen, sind in altenglischer Zeit nicht in altenglischer Form zu entdecken.
Dies sind nur Wahrscheinlichkeiten. Aber sie sind wichtig. Denn der Ton, die Art und die Einzelheiten der altenglischen Stellen sind von besonderer Bedeutung. Im allgemeinen können wir damit rechnen, im Altenglischen Hinweise auf frühere Entwicklungsstufen der Sage zu bekommen, vor den Verwechslungen und Vermischungen späterer Zeiten in anderen Ländern. Es ist daher wesentlich festzuhalten, dass nach der naheliegendsten Deutung des altenglischen Stoffs die Sigemund-Geschichte ursprünglich von älterer, mythischerer Art war: dass sie mit der Burgundersage koexistierte, aber noch nicht mit ihr verbunden war.
Das hauptsächliche Problem, das die Passage im Beowulf in Bezug auf die nordische Geschichte aufwirft, wie sie in der Völsunga Saga steht, ist natürlich die Tatsache, dass im Beowulf Sigemund nachgerühmt wird, einen Drachen erschlagen und dessen Schatz erbeutet zu haben, während im Nordischen Sigmund mit Drachen nichts zu schaffen hat und der berühmte Drachtentöter Sigmunds Sohn Sigurd ist. Manche sind der Meinung, dass Sigemunds Drache im Beowulf ursprünglich Sigurd gehörte, aber gewissermaßen auf ihn überging, als die beiden zu Vater und Sohn gemacht wurden. Andere sehen keinen Grund zu der Annahme, dass der Verfasser des altenglischen Gedichts jemals von Sigurd gehört hatte. Manche sagen, dass Sigemund und Sigurd ursprünglich vollkommen eigenständige Helden waren, andere, dass ein Held sich in zwei aufspaltete.
Mein Vater räumte ein, dass seine Auffassung notwendig spekulativ war, dennoch favorisierte er sie sehr.
»Wir können nicht sagen, ob im Altenglischen ein berühmter Sohn Sigemunds bekannt war. Aber für die sehr wahrscheinliche Antwort ›nein‹ sprechen folgende Erwägungen.
Erstens haben große Helden (wreccena mærost), zumal im außerhistorischen Freiraum, die Angewohnheit, Söhne zu zeugen, die die Taten ihres Vaters fortführen oder nachmachen, sei es, um den Wunsch nach mehr zu befriedigen, oder um neue Elemente einzuführen oder um Verbindungen zu anderen Sagen herzustellen.
Zweitens wird ein solcher Sohn im Altenglischen nirgends erwähnt.
Und drittens besteht die Funktion dieses Sohnes, als er denn auftaucht, allein darin, den Anschluss an die Burgundergeschichte herzustellen und darin eine Hauptfigur zu werden als derjenige, der das Gold darin einführt – und wo er vorkommt, sind Drachentötung und Goldgewinn seines Vaters an ihn übergegangen. Doch im Altenglischen sind diese Taten noch nicht von Sigemund abgekoppelt.«
In seinen Vorlesungsnotizen äußerte sich mein Vater zu anderen und stark abweichenden Meinungen über dieses Thema nur insofern, als er ein paar Bemerkungen über die Auffassung machte, Sigemunds Drache im Beowulf sei von der Art her ein ganz anderer Drache als der Sigurds und in Wirklichkeit hätten die beiden nichts miteinander zu tun. »Aber es ist ein Drache«, schrieb er. »Und Drachen als Handlungsträger sind in germanischen Geschichten sonst nicht üblich, auch wenn ihre Bedeutung in den Wölsungengeschichten und im Beowulf einen anderen Eindruck vermittelt. Es ist, bei allen Unterschieden im einzelnen, sehr unwahrscheinlich, dass zwischen Sigemunds wyrm und Fáfnir kein Zusammenhang besteht.
Diese These wird natürlich noch unendlich gefestigt, wenn wir der Ansicht sind, dass zum Zweck der Verbindung mit den Geschichten um Guðhere (Gundahari, Gunnar) Sigemund ein Sohn angedichtet wurde (dessen Name selbstverständlich mit Sige- anfängt), aber dass diese vermutlich zuerst im nieder- oder hochdeutschen Sprachraum erreichte Stufe im Altenglischen nicht erreicht wurde (dieses schöpfte wahrscheinlich aus archaischen Quellen und spiegelte nicht den Stand der Sage im zeitgenössischen Skandinavien oder Deutschland um das Jahr 800 oder später wieder).«
Er glaubte auch, dass die Neuschmiedung des Schwertes Gramr – von Vater wie Sohn gleichermaßen geführt – hierin ihren Ursprung hatte. Die Tatsache, dass das zweite Glied im Namen des Sohnes nicht konstant ist, erschien ihm signifikant. Im Altnordischen heißt er Sigurðr, was von einer erschlossenen älteren Form Sigiwarð kommt, im Altenglischen Sigeweard, später Siward; im Deutschen dagegen ist der Name ganz anders: Siegfried (S”frit) entspricht einem altenglischen Sigefriþ. Dass das Glied -mund im Namen des Vaters konstant bleibt, deutet seiner Meinung nach darauf hin, dass es die ältere Form ist.
Seine Ansicht, dass wir es, wie er sagte, mit der Verdoppelung eines Helden und seines Wunderschwertes zu tun haben – entgegen der Auffassung, dass Vater und Sohn einst völlig verschiedene und unverbundene Figuren waren –, führt zu der Vorstellung (in seinen Worten) eines Sagenhelden von höchster Tapferkeit und Schönheit, dessen Name mit Sige-, »Sieg«, anfing. Sigurds glänzende Augen (Wölsungenlied VIII,29.34; IX,26) dürften originär sein. Seine berühmtesten Heldentaten handelten aller Wahrscheinlichkeit nach von einem Drachen und einem Hort sowie – möglicherweise – von einer geheimnisvollen, halb übernatürlichen Braut.
Grundsätzlich ist zur Entstehung der Sage zu fragen, wie es kam, dass der »Drachenheld« in die Geschichte von Attila und den Burgundern hineingeriet, warum der Drachenschatz dieses Helden der »Nibelungenhort« hieß, und warum die Burgunder selbst schließlich die Nibelungen genannt wurden. In den einzigen Vorlesungsnotizen meines Vaters zu diesen Fragen – jedenfalls den einzigen, die erhalten sind – skizzierte er seine Sicht der Dinge sehr knapp (und in einer nicht immer leicht zu deutenden Weise), zweifellos weil sein Hauptaugenmerk der Sigemund-Passage im Beowulf galt. Ich werde daher die zahlreichen Versuche, diese vertrackten wie verlockenden Fragen zu lösen, nicht eingehender darstellen, sondern mich darauf beschränken, ein paar wesentliche Aspekte zu skizzieren. Notwendigerweise habe ich auch die deutsche Überlieferung, primär verkörpert im Nibelungenlied, unberücksichtigt gelassen, bis auf Fälle, wo ihr Zeugnis selbst innerhalb der gebotenen Grenzen unerlässlich ist.
Eine von vielen vertretene, aber durchaus nicht unwidersprochene Theorie fasst den Namen Nibelung (Niflung) als etymologisch verwandt mit einer Gruppe germanischer Wörter auf, die »Dunkelheit« oder »Nebel« bedeuten. Dies wird mit gewissen Aussagen über die Nibelungen in Verbindung gebracht. Snorri Sturluson sagt von den Enkeln König Gjúkis: »Sie hatten alle rabenschwarzes Haar wie Gunnar, Högni und die anderen Niflungen«, und in einem viel früheren Lied aus dem neunten Jahrhundert werden sie hrafnbláir genannt, »rabenschwarz«. Entsprechend heißt es im Wölsungenlied (VII,10): »Wie Raben so dunkel / die Rabenfreunde.«
Ein wesentlicher Faktor in dieser Theorie ist die Figur Högnis, wie sie in der deutschen Überlieferung erscheint. Im Nibelungenlied heißt er Hagen und ist nicht der Bruder der Burgunder, sondern ihr Verwandter und Lehnsmann. Ganz im Unterschied zum nordischen Högni ist er wild und grausam, voller Hass auf Siegfried und zuletzt sein Mörder. In der Thidrekssaga, einer umfangreichen Sagenkompilation, die um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts im norwegischen Bergen erstellt wurde, aber auf damals in Norddeutschland kursierenden Geschichten beruht, ist Högni, wie er dort heißt, der Halbbruder der Burgunder, denn ein Elb oder Inkubus schlief mit seiner Mutter, und die Frucht der Verbindung war Högni. In der Thidrekssaga ist er von trollartigem Aussehen, und er wird als ganz dunkel beschrieben, mit schwarzem Haar und schwarzem Bart. Besonders bemerkenswert ist der Umstand, dass der Name Hagen/Högni nicht auf G alliteriert, was zeigt, dass er der burgundischen Sippe ursprünglich gar nicht angehörte.
Ein wichtiges Indiz findet sich am Anfang des Nibelungenliedes. Als Siegfried am burgundischen Hof zu Worms eintrifft, blickt Hagen aus dem Fenster auf den herrlichen Recken hinab, der mit einer stattlichen Schar eingeritten ist, und da er errät, wer das ist, erzählt er König Gunther eine Geschichte von einer Heldentat Siegfrieds. Wie beiläufig eingeschoben wird Hagens Geschichte in dem Gedicht auf sehr rätselhafte Art kurz wiedergegeben, und ich werde hier nur insofern darauf eingehen, als es für unseren Zweck nötig ist.
Eines Tages ritt Siegfried allein an einem Berg vorbei, vor dem viele Männer um einen großen Schatz versammelt waren, den sie aus einer Höhle geschleppt hatten. Aus nicht näher erklärten Gründen geriet Siegfried in Streit mit den »kühnen Nibelungen«, zwei Königssöhnen, die Nibelung und Schilbung hießen, und er erschlug sie und ihre Freunde. Er kämpfte auch mit einem Zwerg namens Alberich und bezwang ihn, tötete ihn aber nicht: Er ließ den Schatz in die Höhle zurückbringen, aus der er gekommen war, und bestimmte Alberich zu seinem Hüter. Er war jetzt der Herr von »Nibelungenland«, der Besitzer des großen Horts, und den restlichen ersten Teil des Nibelungenliedes über hat er die Unterstützung von Kriegern aus Nibelungenland, die Nibelungen genannt werden. Aber im zweiten Teil des deutschen Gedichts, von dem man glaubt, dass er aus einer anderen dichterischen Quelle stammt, wird der Name »Nibelungen« auf eine sehr merkwürdige und beim ersten Lesen äußerst verwirrende Art ganz anders gebraucht: Jetzt bezeichnet er, genau wie im Nordischen, die Burgunder.
Hagen wusste Gunther auch zu erzählen, dass Siegfried einen Drachen getötet und in seinem Blut gebadet hatte, wodurch seine Haut ganz hornig geworden war, so dass keine Waffe ihn verletzen konnte. Dies aber wird überhaupt nicht mit dem Nibelungenhort in Verbindung gebracht.
Im Nibelungenlied steht der Hort in Verbindung mit einem Zwerg und einer Höhle in einem Berg. Welche Bedeutung haben die Zwerge?
In der nordischen Mythologie, in den Götterliedern der Edda wie auch in Snorri Sturlusons Abhandlung, werden wir konfrontiert mit vielen verstreuten Hinweisen und Bemerkungen zu den kleineren Bewohnern des ungemein bunten und vielbevölkerten heidnischen Geisterreichs. Zusammengenommen sind sie verblüffend, und ohne Frage gab es einmal eine ganze Welt von Lehren und Spekulationen über diese Wesen, die heute nahezu vollständig untergegangen ist. Immerhin können wir Snorri zu Rate ziehen (eingedenk der Tatsache, dass er im dreizehnten Jahrhundert schrieb und dass sich hinter ihm viele Jahrhunderte nicht dokumentierter, verschiedenartiger und wechselnder Anschauungen erstrecken) und erfahren von ihm, dass es die Lichtelben, Ljósálfar, und die Dunkelelben, Dökkálfar, gibt. Die Lichtelben wohnen an einem prächtigen Ort, der Álfheimr (Elbenheim, Elbenwelt) heißt, »die Dunkelelben dagegen wohnen unten in der Erde und sind ihnen ungleich im Aussehen und noch viel ungleicher im Charakter. Die Lichtelben sind schöner anzusehen als die Sonne; die Dunkelelben dagegen sind schwärzer als Pech.«
Soweit wir das heute beurteilen können, gibt es kaum einen Unterschied zwischen den skandinavischen Dunkelelben, schwarz wie Pech und unter der Erde wohnend, und den Dvergar, Zwergen; ja, Snorri nennt die Zwerge mehr als einmal Bewohner von Svartálfaheimr, Schwarzelbenheim. Der Zwerg Andwari, der ursprüngliche Besitzer von Fáfnirs Schatz, wohnte laut Snorri in Schwarzelbenheim (siehe den Kommentar zum Wölsungenlied, S. 326): Dort bewahrte er seinen Hort in einem Felsen auf, und dort erwischte ihn Loki.
Einige Eigenschaften der Zwerge in der altnordischen Literatur seien kurz genannt. Sie sind vor allen Dingen Meisterkünstler, die prachtvolle Kleinode und wunderbare Waffen schaffen. Die berühmtesten Dinge in den nordischen Mythen wurden von Zwergen geschaffen: Ódins Speer Gungnir, Thórs Hammer Mjöllnir und Skidbladnir, das Schiff des Gottes Frey, das sämtliche Götter fasste und doch so kunstreich gebaut war, das man es wie ein Tuch zusammenfalten und in die Tasche stecken konnte.
Zwerge lebten immer unter der Erde oder in Felsen (das Echo wurde dverg-mál, »Zwergenrede«, genannt), und sie verfügten über gewaltige Kenntnisse. Wurden sie nach Sonnenaufgang im Freien angetroffen, erstarrten sie zu Stein. Es gibt ein Lied in der Edda, Alvíssmál, in dem der Gott Thór einem Zwerg namens Allwíss (»Allwissender«) viele Fragen stellt, so dass dieser darüber die Zeit vergisst und die Sonne aufgeht. Das Lied endet damit, dass Thór ruft: »Zwerg, du bist uppi dagaðr«, »oben ertagt«, könnte man dichten, das heißt, der Tag, die Sonne hat dich erwischt.
Der sich aus alledem ergebende Gedankengang dürfte klar sein und die Folgerung auch. Dunkelelben, schwarz wie Pech, und Zwerge, in der nordischen Mythologie nahe verwandt, wenn nicht identisch, Hüter von Schätzen in Höhlen und Felsen; Alberich und Andwari; die Herkunft des Namens Nibelungen aus Wörtern, die »Dunkelheit« bedeuten; Hagens »elbische« Abstammung, sein dunkles und trollartiges Aussehen in der Thidrekssaga. So gesehen waren die Nibelungen ursprünglich genau das: Geschöpfe der Dunkelheit, Dunkelelben oder Zwerge, und Siegfried/Sigurd raubte ihnen ihren großen Schatz.
Diese »mythologische« Theorie, in dieser oder ähnlicher Form, wird von anderen Fachgelehrten heftig kritisiert. Ortsnamen und Eigennamen im burgundischen Siedlungsgebiet werden als Beleg dafür gedeutet, dass Nibelung der Name einer mächtigen burgundischen Sippe war. Etwas vereinfacht ausgedrückt, wird auf dieser Grundlage angenommen, dass die (rein menschliche) Nibelungensippe Burgunds entweder tatsächlich sehr große Reichtümer besaß oder diese von einem sehr frühen Zeitpunkt an zugeschrieben bekam; und der »Nibelungenhort« war der Familienschatz der burgundischen Könige.
Dass mein Vater der »mythologischen« Theorie in der einen oder anderen Form anhing, ist deutlich, aber seine Vorstellung von dem Prozess, über den die Burgunder zu Nibelungen wurden, wird in seinen Schriften nirgends klar und vollständig dargelegt. Er meinte (siehe S. 524), dass anfangs »Gold« die Verbindung des »Drachenhelden« mit dem Burgunderkönig Gundahari herstellte und das Motiv für Attilas Angriff lieferte (als Attila der Anführer der Hunnen bei der Zerstörung des Burgunderreichs zu Worms geworden war). In dem Maße, wie Gundahari in der Vergangenheit versank (schrieb er), hefteten sich dem berühmten König aus Worms verständlicherweise alte Sagen von Elbenhorten am Rhein an: »Dieser Schatz hatte wahrscheinlich bereits Dämonen oder Zwerge als Hüter, muss aber ursprünglich nicht mit Sigemunds Gold identisch gewesen sein, obwohl das durchaus denkbar ist.«
»Es hat unbedingt den Anschein«, sagte er, »als ob der Goldheld, der sich bei den Burgundern eindrängt, bereits feindliche Niflungar um sich geschart hätte, die ihn des Lebens, der Braut und des Schatzes beraubten. Die historischen Burgunder nehmen zum Teil ihre Stelle ein, und obwohl sie nie vollständig mit ihnen verschmelzen, verdunkeln sie sich.« In seinen Augen war es auch so gut wie sicher, dass das Nibelungenlied insofern ursprünglicher ist, »als es den dämonischen und grausamen Hagen nicht zum Bruder macht, sondern zu einem lose mit den Burgundern verknüpften Verbündeten. Höchstwahrscheinlich ist Hagen/Högni ein Relikt einer älteren mythischen Gestalt, die ursprünglich mit dem Gold verbunden war oder jedenfalls mit dem mythischen vorburgundischen Teil der ›Sigurd‹-Geschichte.«
Aus Bemerkungen in seinen Notizen wie diesen kann man vielleicht den Schluss ziehen, dass mein Vater die Entstehung des Mittelteils der Sage in diesem Lichte sah. Der Drachenheld war bereits der Räuber des Horts der dunklen, dämonischen Nibelungen (die mein Vater ausdrücklich als die »ursprünglichen Besitzer« betrachtete), und mit ihm zusammen ging in die Burgundersage die Geschichte davon ein, wie die Nibelungen ihn aus Rache erschlugen und ihm den Schatz wieder abnahmen.
Mit der Verschmelzung der beiden Sagen wurden die Burgunderfürsten zwangsläufig seine Feinde: Er musste getötet werden, damit sie in den Besitz des Goldes gelangten, und auf sie färbte dabei etwas von dem dunklen Nibelungenwesen ab. Von dieser »nibelungischen« Seite der Mischsage kam letztlich der »dämonische und grausame« Hagen mit den Eigenschaften, die er im Nibelungenlied hat: der Gier nach dem Gold, das er bis zum Tode hütet, und dem unnachgiebigen Hass auf Siegfried, aus dem heraus er ihn ermordet. Hagen wurde den Burgundern halbwegs, im Nordischen (als Högni) sogar ganz zugeschlagen, aber die Burgunder ihrerseits wurden zu Nibelungen beziehungsweise Niflungar.
Mein Vater vermutete auch, dass die dämonische Braut Teil des Sagenkomplexes war, der mit dem Drachenhelden in die Burgundergeschichte eingeschleppt wurde, und dass die ihm feindlich gesonnenen Nibelungen, die mit ihm kamen, ihm nicht nur das Leben und den Schatz raubten, sondern auch die Verlobte. »Wahrscheinlich«, sagte er, »gehört der Brautraub, den die Niflungar an Sigurd verübten, zu der alten Sagenhandlung, die an die Burgunder weitergegeben wurde. Und für eine wirklich gelungene Verarbeitung hat sich die Walkürenbraut durchweg zu viel Wildes und Unmenschliches bewahrt.«
So wurde der Sigurd geraubte Hort zuletzt durch eine seltsame Ironie des Schicksals wieder zum Hort der Nibelungen (der er immer gewesen war), denn die Burgunder waren nunmehr die Nibelungen. Und Gunnar bekam die Walküre.