DIE »ÄLTERE EDDA«

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Die unter diesem irreführenden und unglücklichen Titel versammelten Lieder ziehen Leute der unterschiedlichsten Couleur an: Philologen, Historiker, Völkerkundler und andere Zunftgenossen, aber auch Dichter, Literaturwissenschaftler und Freunde neuer literarischer Sensationen. Die Philologen haben wie gewohnt den Löwenanteil der Arbeit getan und es in ihrem Eifer nicht mehr als gewohnt (wahrscheinlich weniger als beim Beowulf) versäumt, den literarischen Wert dieser Urkunden wenigstens zur Kenntnis zu nehmen. Ungewohnt hoch ist hierbei das Maß, in dem eine wirkliche Beurteilung und Würdigung dieser Lieder – die so dunkel und schwierig sind, dass erst die hingebungsvolle Arbeit vieler Philologen sie zugänglich gemacht hat – von der individuellen Vertrautheit mit den literaturwissenschaftlichen, metrischen und sprachlichen Problemen abhängt. Ohne den Philologen würden wir natürlich gar nicht wissen, was viele der Wörter seinerzeit bedeuteten, wie die Verse gebaut waren oder wie die Wörter klangen: Letzteres ist in der altskandinavischen Dichtung möglicherweise von noch größerer Bedeutung als sonst. Die Dichter verwandten einen ungewöhnlich großen Teil ihres Talents darauf, dass sich die Verse auf jeden Fall gut anhörten.

Doch auch ihrer ureigenen vortrefflichen Form beraubt sowie ihrer Sprache, deren Gestalt und Eigentümlichkeiten mit der Atmosphäre und Vorstellungswelt der Lieder innig verbunden sind, haben sie eine besondere Kraft: Selbst in der gefilterten Form von Übersetzungen und »kindgerechten« Bearbeitungen geht von ihnen eine Wirkung aus, die vielen schon in der Schule und früher den Wunsch nach näherer Bekanntschaft mit ihnen weckt.

Bleibende Wirkung hinterlässt auch das erste Hören im Original, wenn die Vorscharmützel mit dem Altnordischen überstanden sind und man beim Lesen eines Eddaliedes zum ersten Mal genug mitbekommt, um dabeizubleiben. Wer diesen Prozess durchlaufen hat, bei dem dürfte kaum die jähe Erkenntnis ausgeblieben sein, dass ihm hier etwas von ungeheurer Wucht begegnet, etwas, das in manchen Teilen immer noch von einer beinahe dämonischen Kraft erfüllt ist, trotz des Verfalls der Form. Diese Wirkung zu erleben ist eines der größten Geschenke, die die Lektüre der Älteren Edda bereitet. Wer sie nicht in der Anfangsphase erlebt, dem wird sie wohl auch durch jahrelange Philologenfron schwerlich zuteil werden; erlebt man sie, so können auch Berge oder Maulwurfshügel wissenschaftlicher Forschungsarbeit sie nicht wieder verschütten und verleiht sie die Durchhaltekraft zu langwieriger Mühe und Plage.

Das ist im Altenglischen anders, dessen erhaltene Bruchstücke (besonders der Beowulf) – so jedenfalls meine Erfahrung – ihre Meisterschaft und Vortrefflichkeit nur langsam preisgeben, erst dann, wenn das erste Ringen mit der Sprache und die erste Bekanntschaft mit der Dichtung lange hinter einem liegen. An dieser Verallgemeinerung ist etwas dran – innerhalb gewisser Grenzen. Die eingehende Beschäftigung wird natürlich die Wirkung der Älteren Edda auf den Leser verstärken. Die altenglische Dichtung hat stellenweise einen Reiz, der unmittelbar wirkt. Aber die altenglische Dichtung versucht nicht, den Hörer umzuhauen. Den Hörer umzuhauen war der erklärte Vorsatz des nordischen Dichters.

Und daher kommt es, dass die besten Eddalieder (vor allem die eindrücklichsten Heldenlieder) über die Hürde der schwierigen Sprache zu springen scheinen und einen packen, wenn man noch mitten im Akt des Entzifferns Vers für Vers ist.

Möge sich niemand, der den Dichtern der Älteren Edda lauscht, der Illusion hingeben, er habe die Stimmen des germanischen Urwalds gehört oder er habe in den Heldengestalten die Züge seiner edlen, wenn auch noch wilden Vorfahren erblickt, der wackeren Streiter gegen oder auch für die Römer. Ich sage das mit größtem Nachdruck, denn die Vorstellung von grauer Vorzeit, die (in neuerer Zeit) dem Namen »Ältere Edda« bei der breiten Masse anhaftet (sofern man der breiten Masse überhaupt die Beschäftigung mit einem so entlegenen und unrentablen Thema nachsagen kann), hält sich so hartnäckig, dass ich wider Willen in der Steinzeit ansetze – wider Willen und wider alle Vernunft, weil die Darstellung eigentlich im siebzehnten Jahrhundert mit einem gelehrten Bischof beginnen müsste.

Der skandinavische Raum, sagt die Archäologie, ist seit der Steinzeit bewohnt (die Feinheiten von Paläo- und Neo- sparen wir uns). Die kulturelle Entwicklung ist nie unterbrochen, nur mehrfach modifiziert und erneuert worden, hauptsächlich von Süden und Osten aus. In Skandinavien scheint man mit mehr Recht als anderswo sagen zu können, dass die Bevölkerung, die heute dort lebt, zum größten Teil schon immer dort gelebt hat.

Runeninschriften von etwa 400 n. Chr. oder früher geben uns erste Eindrücke der nordischen Sprache. Doch obwohl es eine germanische Sprache war – der Form nach leicht archaisch, wie es scheint –, nahmen ihre Sprecher nicht am großen germanischen Heldenzeitalter teil, es sei denn, sie hörten auf, Skandinavier zu sein. Das heißt, die Völker, die wir später als Schweden, Gauten, Dänen und so weiter bezeichnen, sind Nachfahren von Leuten, die nicht samt und sonders loszogen, um sich in die Abenteuer, Wirren und Katastrophen dieser Zeit zu stürzen. Viele der Völker, die das taten, kamen ursprünglich aus Skandinavien, verloren später aber jede Verbindung dazu: Burgunder, Goten, Langobarden.

Durch allerlei seltsame Kunde und neue Lieder, die fix und fertig importiert oder zu Hause aus dem Rohmaterial des Gehörten geschaffen wurden, drang ein Echo dieser heute dunklen und unüberschaubaren Ereignisse an das Ohr der Daheimgebliebenen. Sagen- und Liedstoffe fanden den Weg zu ihnen – und trafen in den skandinavischen Ländern auf Bedingungen, die ganz anders waren als in den Ursprungsgebieten. Vor allem gab es keine reichen Königshöfe wie im Süden, keine Zentren mächtiger Streitkräfte, keine großen Heerführer oder Könige, die Dichter gefördert und bezahlt hätten. Dafür gab es einen Schatz von Mythen und Geschichten um die eigenen Recken und Seefahrer. Die einheimischen Götter- und Heldensagen wurden abgewandelt, aber sie blieben skandinavisch, und wenn wir sie besäßen, könnten sie uns doch nicht – und noch viel weniger können das die späteren unzusammenhängenden Erinnerungsfetzen – für den Verlust nahezu aller Zeugnisse aus dem südlichen Germanien entschädigen und schon gar nicht als adäquater Ersatz des Verlorenen gelten. Verwandt waren sie wohl, doch sie waren anders.

Für zusätzliche Verwirrung sorgte dann das Aufkommen eines eigenen skandinavischen Heldenzeitalters, der sogenannten Wikingerzeit, nach 700 n. Chr. Die Daheimgebliebenen fingen an, über die ganze Welt auszuschwärmen – ohne jedoch die Verbindung zu ihren angestammten Ländern und Meeren zu verlieren. Obwohl damals ein höfisches Umfeld entstand, entwickelte sich in diesen Ländern nie eine epische Dichtung. Die Gründe sind unklar, Antworten auf die meisten drängenden Fragen gibt es kaum – eine Tatsache, mit der wir uns abfinden müssen. Die Ursachen mag man im Geist der Zeit und der Menschen suchen – und in ihrer Sprache, die beides widerspiegelte. Erst zu einem relativ späten Zeitpunkt waren »Könige« im Norden reich genug oder mächtig genug, um prunkvoll Hof zu halten, und als das eintrat, verlief die Entwicklung anders: Die Dichtkunst entwickelte ihre eigene knappe, markige, strophische, häufig dramatische Form nicht zum Epos weiter, sondern zu den erstaunlichen und wohllautenden, aber formverliebten Ausschmückungen der Skaldendichtung [siehe S. 46–49]. In den Eddaliedern ist sie noch »unentwickelt« (sofern sich »strophische« Gedichte überhaupt jemals irgendwo durch unmerkliche Übergänge zum Epos weiterentwickelt haben, ohne Bruch, ohne Sprung, ohne gezielte Anstrengung), unentwickelt, heißt das, in formaler Hinsicht, dafür pointiert und beschnitten. Doch auch hier finden wir die »strophische« Form vor, die Konzentration auf den dramatischen und eindringlichen Moment, und nicht die langsame Entfaltung eines epischen Themas.

Letztere, soweit davon die Rede sein kann, fand in Prosa statt. In Island, einer norwegischen Kolonie, bildete sich die einzigartige Technik der Saga aus, der Prosaerzählung. Sie war zumeist eine Geschichte aus dem Alltagsleben, häufig von meisterhafter Geschliffenheit, und ihr angestammter Themenkreis war nicht die Sage, der Mythos. Dies lag freilich allein am Naturell und Geschmack der Zuhörer, denn rein vom Wortsinn her bedeuten Saga und Sage dasselbe, etwas, das »gesagt« wird, sprich: erzählt, nicht gesungen. So wurde der Begriff »Saga« ganz selbstverständlich auch auf Formen wie die zum Teil romantisierte Völsunga Saga angewandt, die einer typischen isländischen Saga nicht im geringsten gleicht. Im nordischen Gebrauch sind die Evangelien und die Apostelgeschichte »Sagas«.

Doch im Norwegen der Zeit, die uns interessiert, war Island noch gar nicht gegründet, und einen großen Königshof gab es nicht. Dann trat Harald Schönhaar auf den Plan und unterwarf dieses stolze Heimatland vieler unbeugsamer Häuptlinge und unabhängiger Bauern, wobei er viele der Besten und Stolzesten verlor, sei es durch den Krieg, sei es durch die Auswanderung nach Island. In den zirka sechzig ersten Jahren der Kolonisierung zogen über fünfzigtausend aus Norwegen auf diese Insel, entweder direkt oder über Irland und die Britischen Inseln. Dennoch begann an Harald Schönhaars Hof die Blütezeit der nordischen Dichtung, zu der die Eddalieder gehören.

Diese norwegische Dichtung nun gründet auf einer altverwurzelten Mythologie und Glaubenswelt, die weiß der Himmel wie weit und wohin zurückreicht, auf den zeitverdichteten Sagen, Märchen und Heldengeschichten vieler Jahrhunderte, manche lokal und prähistorisch, manche Echos von Wanderbewegungen im Süden, manche lokal und aus der Wikingerzeit oder später – aber um die verschiedenen Schichten voneinander zu trennen, bräuchte man Klarheit über das den Blicken so lange verborgene Geheimnis des Nordens und ein Wissen um die Geschichte seiner Bewohner und seiner Kultur, das wir vermutlich niemals bekommen werden.

In der Form und daher wahrscheinlich auch in einigen der älteren Inhalte ist sie mit anderen germanischen Überlieferungen verwandt. Selbstverständlich ist sie in einer germanischen Sprache verfasst, doch ihre älteren Versmaße kommen beispielsweise auch dem altenglischen Versmaß sehr nahe. Zudem enthält sie Formeln, Halbverse, Namen natürlich sowie Anspielungen auf Orte, Personen und Sagen, die ganz unabhängig von ihr im Altenglischen ein Eigenleben haben, das heißt, sie entstammt einer gemeingermanischen dichterischen Tradition, von der wir heute keine Ahnung mehr haben. Weder von den Themen dieser altbaltischen Dichtung noch von ihrem Stil ist uns irgendetwas geblieben außer den vagen Ahnungen, die uns der Vergleich des Nordischen mit dem Englischen liefert.

Diese Form aber blieb in der Edda einfacher, direkter (fehlende Länge, Vollständigkeit, Farbigkeit mit Wucht kompensierend) als jene, die sich etwa in England entwickelte. Natürlich sind diese Lieder, auch wenn wir ihre norwegische Art und Atmosphäre noch so sehr betonen, nicht frei von Fremdeinflüssen. In der Tat gewannen von außen kommende Inhalte wie in erster Linie die Sagen um die Wölsungen, Burgunder und Hunnen nicht allein Vorrang in der Edda, sondern man kann sogar sagen, dass sie in der Ferne ihre schönste Gestalt erhielten. Dies freilich deshalb, weil sie so gründlich eingebürgert und nordisiert wurden: Die Entwurzelung hatte die Sagen gewissermaßen zur künstlerischen Gestaltung ohne hindernde historische oder antiquarische Rücksichten freigegeben, zur Umfärbung durch die nordische Phantasie und zur Verknüpfung mit den beherrschenden Gestalten der nordischen Götter.

Die einzig wirklich wichtige Einschränkung, die man machen muss, betrifft die Goten. So schwierig die Hinweise zu entziffern sind, die die vielen Jahrhunderte überdauert haben, ist es doch deutlich, dass dieses Volk skandinavischen Ursprungs, das vom Schicksal eine besonders tragische Rolle in der Geschichte zugewiesen bekam, von den Menschen im Norden in seinem historischen Gang verfolgt wurde und mit seinen Feinden, den Hunnen, zum Hauptthema der Dichter wurde. Dies ging so weit, dass in späteren Tagen, als die alten Sagen mit anderen Einflüssen überdeckt und verquickt wurden, gotar ein Dichterwort für »Krieger« blieb. Von den Goten kamen die Runen, und von den Goten kam (so hat es den Anschein) Óðinn (Gautr), der Gott der Runenweisheit, der Könige, des Opfers. Dass er erstaunlicherweise eindeutig nicht skandinavischen Ursprungs ist, ändert nichts daran, dass er der größte der nordischen Götter wurde.

So weit das ungefähre Bild der Entwicklung. Diese volkstümliche einheimische Dichtung mit ihrer verwickelten Herkunft wurde dann durch die Welle wikingischer Macht und Herrlichkeit emporgespült und zierte fortan die Häuser von Königen und Jarlen (Fürsten). Sie wurde zweifellos formal und stilistisch beschnitten und verbessert und damit (in der Regel) erhabener, doch sie wahrte sich in einzigartiger Weise die markige Schlichtheit, eine Bodenständigkeit und Alltagsverbundenheit, die sich selten in so enger Verbindung mit »höfischer« Raffinesse findet. Dies ist der Meisterschaft des mußevoll schaffenden Hofdichters zu verdanken, gelegentlich auch der Pedanterie des Genealogen und Philologen. All das passt in das Bild, das wir von den Königen dieses Hofes und ihren Männern haben.

Wir dürfen nicht vergessen, dass es heidnische Zeiten waren, noch geprägt von besonderen lokalen Überlieferungen, die lange isoliert gewesen waren, von organisierten Tempeln und Priesterschaften. Doch der »Glaube« ließ bereits nach, die Mythologie und mehr noch die »Religion«, soweit man überhaupt davon sprechen kann, waren bereits im Zerfallen begriffen – ohne direkten Angriff von außen, oder besser ausgedrückt, ohne Eroberung oder Bekehrung und ohne Zerstörung von Tempeln und heidnischer Organisation, denn das Einströmen ausländischer Ideen und das jähe Zerreißen (von innen) des über dem Norden liegenden Schleiers darf nicht außer acht gelassen werden. Es war eine Übergangsperiode, auf der Kippe zwischen Altem und Neuem und somit zwangsläufig kurz und nicht lange zu halten.

Der Geist dieser Lieder, die meist als Zweig an dem gemeinsamen germanischen Baum gelten – durchaus mit einigem Recht: Byrhtwold in der altenglischen Battle of Maldon würde sich in Edda oder Saga recht gut machen –, ist eigentlich in hohem Maße der Geist einer besonderen Zeit. Man könnte ihn mit »Gottlosigkeit« charakterisieren: Vertrauen auf das eigene Ich und den unbezwingbaren Willen. Nicht ohne Bedeutung ist ein Attribut, das damals lebenden historischen Persönlichkeiten verliehen wurde: goðlauss, versehen mit der Erklärung, ihr Glaube habe darin bestanden, at trúa á mátt sín ok megin [»zu vertrauen auf eigene Macht und Kraft«]. [Späterer Zusatz des Verfassers: Als Kehrseite der Medaille ist jedoch zu beachten, dass dies nur gewissen herrischen und rücksichtslosen Charakteren in den Mund gelegt wurde und auf jeden Fall nicht hätte gesagt werden müssen, wenn nicht viele (die Mehrzahl) dem heidnischen Glauben und Kult weiter angehangen hätten.]

Dies trifft natürlich mehr auf die Helden- als auf die mythische Götterdichtung zu. Aber ganz falsch ist es auch für den Mythos nicht. Die Götter können durchaus noch in einer Zeit fortleben, in der sie eher Sagenmotiv als Kultgegenstand sind und in der doch noch nichts Neues an ihre Stelle getreten ist und man sie noch kennt und sich für sie interessiert. Auch das Blót [heidnisches Opferfest] war natürlich nicht abgeschafft. Das Heidentum war nach wie vor sehr stark, in Schweden allerdings stärker als in Norwegen. Es hatte nicht jene Austreibung aus alten Tempeln und heimischen Wohnsitzen erlitten, die ihm so verhängnisvoll ist – wie die Geschichte in England zeigt.

Das Ende jener Epoche begann mit der gewaltsamen Mission eines vom Heidentum abgefallenen großen nordischen Helden, des christianisierenden Königs Ólaf Tryggvason. Nachdem er gefallen war, und viele der größten Männer durch ihn oder mit ihm, kam es zu einem Rückfall ins Heidentum. Der aber wurde schnell von der nicht minder energischen, aber viel klügeren Christianisierungspolitik Ólafs des Heiligen beendet, der ungefähr zu der Zeit, als Eduard der Bekenner in England regierte, ein christliches Norwegen hinterließ, in dem die heidnische Tradition gründlich zerstört war.

Die Hartnäckigkeit und der Konservatismus des Nordens jedoch lassen sich nicht nur an den Anstrengungen ermessen, die solche großen Persönlichkeiten wie die Ólafs unternehmen mussten, sondern auch an kleineren Zeichen, etwa daran, dass die Runen mit ihrer engen, wenn auch zufälligen Bindung an die heidnischen Traditionen auch dann noch in Gebrauch blieben, als der Norden bereits auf Lateinisch schreiben gelernt hatte. Dies gilt hauptsächlich für Schweden, aber in ganz Skandinavien wurden die Runen bis ins sechzehnte Jahrhundert (kontinuierlich, nicht künstlich wiederbelebt) für Zwecke wie Gedenkinschriften weiterverwendet.

Dennoch war die auf der heidnischen Tradition beruhende Dichtung nach 1050, gewiss nach 1100, im alten Skandinavien todgeweiht oder tot, und damit ist die Skaldendichtung einerlei welchen Themas ebenso gemeint wie die eigentlich mythische Lieddichtung, denn die skaldische Kunst und Sprache setzte die Kenntnis der ihr zugrundeliegenden Mythen bei Dichtern wie Hörern voraus, die normalerweise allesamt Aristokraten waren, Edle, Könige und Hofmänner nach der Art des Nordens.

In Island lebte sie noch eine Zeitlang fort. Dort war der Umschwung (um das Jahr 1000) friedlicher und nicht so hasserfüllt verlaufen, was wahrscheinlich auch mit der Entlegenheit der Kolonie zu tun hatte. Vorübergehend wurden Gedichte für Island sogar zu einem einträglichen Exportartikel, und ausschließlich in Island wurde je etwas gesammelt oder niedergeschrieben. Doch das alte Wissen verfiel schnell. Die arg zerstückelten Fragmente wurden wieder gesammelt, aber in einer antiquarischen und philologischen Wiederbelebung des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts. Vielleicht sollte man statt von einer antiquarischen Wiederbelebung lieber von einem freundlichen Begräbnis sprechen. Denn das Sammeln entsprang einer neuen Pietät, die die Fragmente zusammenstückte, ohne sie recht zu verstehen; tatsächlich haben wir oft den Eindruck, dass wir sie besser verstehen. Ganz gewiss ist von der alten Religion und ihrer Mythologie als zusammenhängendem Ganzen oder etwas wie einem »System« (das es, mit Einschränkungen, gegeben haben könnte) nichts bewahrt worden, und auch dem großen Prosakünstler, Versmaßkenner, Altertumsforscher und kaltschnäuzigen Politiker Snorri Sturluson im dreizehnten Jahrhundert war sie schon nicht mehr zugänglich. Wie viel verlorengegangen ist, kann man ungefähr ermessen, wenn man sich vor Augen führt, wie wenig wir heute selbst in groben Zügen von den außerordentlich wichtigen Tempeln und ihrem »Kultus« sowie von der Priesterorganisation in Schweden oder in Norwegen wissen.

Die »Jüngere Edda« oder »Prosa-Edda« des Snorri Sturluson war eine biedere Sammlung von Bruchstücken – als Hilfsmittel zum Verständnis und Schmieden von Versen, die eine Kenntnis der Mythen verlangten – in einer Zeit, in der sich nach dem Religionskampf eine milde, ja tolerante und ironische Gelehrsamkeit durchgesetzt hatte.

Danach versinken die Götter und Helden in ihren Ragnarök1, besiegt nicht von der weltumringenden Schlange oder dem Fenriswolf, nicht von den feurigen Männern Múspellheims, sondern von Marie de France und christlichen Predigten, von mittelalterlichem Latein, nützlicher Aufklärung und französischer höfischer Artigkeit.

Jedoch in der dunkelsten Stunde, im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert, kam es zur Auferstehung nach den Ragnarök, fast als sollten sich damit die Worte der Wölwa [der Seherin in der Völuspá, dem ersten Eddalied] vom Aufsteigen einer neuen Erde erfüllen, auf der sich die Menschen und Götter wieder einfinden und die goldenen Tafeln im Gras bestaunen, dort wo einst die Götter in ihren Sälen Schach gespielt hatten [siehe die zehnte Strophe des Gedichts Die Weissagung der Seherin im Anhang B].

Die Entdeckung der vom alten Glanz kündenden entfallenen Tafeln war häufig Zufall, und die Forschung, die dazu führte, bewegten recht unterschiedliche Motive. In England war der theologische Eifer stark mit der historischen und sprachlichen Neugier verquickt, die er nebenbei auslöste. Im Norden nicht. Doch wie die Motive gewesen sein mögen, das Ergebnis war nicht nur die Rettung der uns heute vorliegenden Bruchstücke vor dem Vernichtungswerk der Zeit, sondern auch die rasche Erkenntnis ihres Werts und die Trauer um den Verlust des übrigen. Dies trifft besonders auf die »Edda« zu.

Was vor dem schlichten Vergehen, vor Unglücksfällen, menschlicher Achtlosigkeit und Vergesslichkeit und den Zerstörungen des Krieges und des Fanatismus (ob theologischer oder humanistischer Art) aus den Trümmern geborgen wurde, war spärlich. Dennoch musste das achtzehnte Jahrhundert seine Missbilligung dieser dem Grab entrissenen »gotischen« Gebeine anscheinend in zwei Bränden kundtun, die einen Teil des Geborgenen zerstörten, darunter um ein Haar auch alles wirklich Gute. Im Brand von Kopenhagen ging 1728 ein Großteil dessen, was gesammelt worden war, in Rauch und Flammen auf. Drei Jahre später verbrannte ein Teil der Sammlung Cotton in London. Der Beowulf wurde stark beschädigt. Doch er entkam dem Feuer mit knapper Not – zum Bedauern späterer anglistischer Fakultäten. In Kopenhagen scheint die Kopie, die der Finder von der Handschrift der Älteren Edda angefertigt hatte, unter den Verlusten gewesen zu sein. Weg ist sie auf jeden Fall. Aber die Handschrift selbst überstand den Brand. Fast hätten die Götter und Helden ihre endgültigen Ragnarök erlebt, und um unsere Kenntnis und Einschätzung der nordischen Literatur wäre es heute vollkommen anders bestellt.

Wenn wir von der »Älteren Edda« sprechen, meinen wir faktisch eine einzige Handschrift, Nr. 2365 4° in der Alten Königlichen Sammlung von Kopenhagen, bekannt als der Codex Regius (der Älteren Edda). Sie enthält neunundzwanzig Lieder. Fünfundvierzig Pergamentblätter sind erhalten. Nach Blatt 32 fehlt eine Lage von wahrscheinlich acht Blättern.2 Anfang und Ende, wo am häufigsten einmal etwas verlorengeht, scheinen unversehrt zu sein.

Das ist alles, was wir über dieses bemerkenswerte Dokument wissen, das Zeit, Feuer und Wasser überlebt hat. Im Jahre 1662 schickte König Frederik III. von Dänemark den bekannten Thormod Torfäus mit einem offenen Brief zu dem berühmten Brynjólf Sveinsson. Brynjólf war seit 1639 Bischof von Skálaholt auf Island und ein emsiger Handschriftensammler. Torfäus sollte ihn dazu bewegen, im Auftrag des Königs bei der Sammlung von Urkunden zur alten Geschichte und sonstigen Weistümern, Kuriositäten und Raritäten, die in Island zu finden waren, behilflich zu sein. 1663 übergab der Bischof die Prunkstücke seiner Sammlung dem König. Unter diesen heute unbezahlbaren Schätzen war auch der Codex Regius. Wo der Bischof ihn herhatte und wie seine Vorgeschichte war, weiß man nicht, nur dass er zwanzig Jahre zuvor in seinen Besitz gelangt war: Auf die erste Seite hatte er nämlich sein Monogramm und ein Datum geschrieben (LL 1643, das bedeutet Lupus Loricatus = Brynjólf), genau wie wir eine interessante Neuerwerbung aus dem Antiquariat mit unserem Namen und dem Datum versehen würden.

Seitdem sind zweihundertfünfzig Jahre vergangen,3 in denen geprüft, gegrübelt, gemutmaßt, etymologisiert, analysiert, theoretisiert, argumentiert und kritisiert, behauptet und widerlegt wurde, bis die »eddische« Literatur, bei aller Überschaubarkeit ihres Gegenstands, ein eigener Kontinent mit Feldern und Wüsten war. Und einige Ergebnisse dieser vielen Forschungsarbeit haben es trotz großer Streitigkeiten unter den Fachgelehrten zum mehr oder weniger allgemeinen Konsensus gebracht.

Wir wissen heute auf jeden Fall, dass diese Liedersammlung eigentlich überhaupt nicht Edda heißen dürfte. Der Titel ist die Verewigung eines Taufakts seitens des Bischofs, den er unbefugt vornahm. Soweit wir wissen beziehungsweise die Handschrift erkennen lässt, hatte die Sammlung gar keinen übergreifenden Titel. Edda heißt eines der Werke des Snorri Sturluson (gestorben 1241), das auf diesen Liedern wie auch auf ähnlichen, heute verschollenen aufbaut, und nur dieses Werk führt den Namen mit Recht. Es geht darin, selbst in den erzählerischen und dialogischen Anfangsteilen, in erster Linie um formale Fragen der nordischen Dichtkunst, die es für uns dem Vergessen entreißt. Der Titel eignet sich daher in keiner Weise für eine Sammlung wirklich altertümlicher Lieder, die hauptsächlich wegen ihres dichterischen Rangs und nicht als Fallbeispiele für ordentliches Dichterhandwerk gesammelt wurden.

Darüber hinaus können wir wenig über die Handschrift sagen. Allem Anschein nach gehört der Codex Regius paläographisch in die Zeit um 1270 (frühe zweite Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts) und ist seinerseits die Abschrift eines Originals von etwa 1200 (manche setzen es früher an). Damit wäre er etwa dreißig Jahre nach Snorris Tod entstanden. Doch selbst wenn es nicht gesichert wäre, dass Snorri sich dieser Lieder ungefähr in der uns heute vorliegenden Gestalt bediente, machen immanente stoffliche, formale und sprachliche Gründe hinreichend deutlich, dass diese Lieder zu Recht »Älter« genannt werden.

Was den Zeitpunkt ihrer Abfassung betrifft, so verfügen wir dazu nur über die Informationen, die sich den Liedern selbst entnehmen lassen. Selbstverständlich weichen die Datierungen voneinander ab, besonders im Fall einzelner Lieder. Keines dürfte ursprünglich viel früher als 900 n. Chr. entstanden sein. Als ungefähren Zeitraum, dessen Grenzen auf keinen Fall zu verschieben sind, schon gar nicht nach hinten, können wir 850–1050 n. Chr. ansetzen. In die Form, die wir kennen (oder vielmehr in die Formen, von denen unsere Handschrift uns diverse Verfallsstufen bietet), können die Lieder vor 800 noch nicht gegossen gewesen sein, höchstens einzelne Verse, Anspielungen oder Wendungen. Zweifellos wurden sie später durch fehlerhafte mündliche Weitergabe oder Abschrift verderbt und sogar verändert. Meiner Meinung nach wurden über bloße Fehler hinaus, die entweder Unsinn ergaben oder zumindest unskandierbare Verse, echte Textvarianten in Umlauf gebracht. Im wesentlichen jedoch war so etwas das Werk einzelner Verfasser, die auf der Grundlage der alten Überlieferung (sogar älterer Lieder) neue Sachen schrieben, die es zuvor nicht gegeben hatte.

Alter und Ursprung der in den Liedern verarbeiteten Mythen und Sagen sind eine andere Frage. Im allgemeinen ist es für die Erschließung weniger wichtig (so verlockend auch für die Neugier), derartige Fragen beantworten zu können, als zu bedenken, dass die Verfasser, woher sie auch ihre Stoffe haben mochten, in den letzten Jahrhunderten des Heidentums in Norwegen und Island lebten und ihre Stoffe nach Art und Geist dieser Länder und Zeiten behandelten. Auch die Etymologie ist selten ergiebig, so reizvoll ich sie persönlich finde. Selbst wenn wir, wie häufig der Fall, einen Namen mit seiner Form in einer anderen germanischen Sprache gleichsetzen können, erfahren wir dadurch nicht viel. So ist Jörmunrekkr gleich Ermanaríks und sein Name ein Echo der Geschichte der Goten, ihrer Größe und ihres Untergangs [siehe die Anmerkung zum Gudrúnlied 86, S. 507]; Gunnarr ist Gundahari und seine Geschichte ein Echo von Ereignissen im deutschen Raum des fünften Jahrhunderts [siehe Anhang A, S. 521–523]. Aber das verrät uns nicht viel über den Zustand, in dem diese Sagen in den Norden gelangten, oder über die (sicherlich vielfältigen) Bahnen, auf denen das geschah. Und noch weniger hilft es uns, die literarischen Probleme zu entwirren, die sich aus dem wechselvollen Umgang mit der Burgundergeschichte in Skandinavien ergeben.

So faszinierend alle diese Fragen sind, letztlich bleibt es dabei: Sie sind nicht von vorrangiger Bedeutung. Viel wichtiger als die Namen der Figuren oder die Herkunft einzelner Details der Geschichte (außer wo diese uns helfen, Unklarheiten zu verstehen oder einen Textfehler zu korrigieren) sind die Atmosphäre, die Farbgebung, der Stil. Sie verdanken sich nur in ganz geringem Maße dem Ursprung der Motive: In erster Linie spiegeln sie das Zeitalter und das Land wider, in dem die Lieder verfasst wurden. Und wir liegen sicher nicht falsch, wenn wir die Berge und Fjorde Norwegens und das Leben kleiner Gemeinschaften in diesem abgelegenen Land als den geographischen und sozialen Hintergrund der Lieder begreifen – ein ganz spezielles bäurisches Leben, verbunden mit abenteuerlicher Seefahrt und Fischfang. Und zeitlich eine Phase, in der eine sehr eigene heidnische Kultur dahinschwand, materiell nicht hochstehend, aber in vieler Hinsicht hochzivilisiert, eine Kultur, die nicht nur (zu einem gewissen Grad) eine organisierte Religion besessen hatte, sondern auch einen Schatz an teils geordneten und systematisierten Sagen und Liedern. In dieser Phase schwand auch der Glaube dahin und veränderte sich die Welt schlagartig, als der Süden in Flammen aufging und die dort gemachte Beute die hölzernen Hallen der nordischen Häuptlinge schmückte, bis sie vor Gold strotzten. Dann kamen Harald Schönhaar und eine große Regierungszeit und ein Königshof und die Kolonisierung Islands (als ein Ereignis in einer langen Reihe von Abenteuern) und die verheerenden Kriege Ólaf Tryggvasons und das Herunterbrennen der Flamme auf die milde Glut des Mittelalters mit Steuern, Handelsstatuten und stumpfsinniger Schweine- und Heringswirtschaft.

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Es kann sein, dass mein Vater seine Vorlesung mit diesem typischen Scherz beendete; die Stelle bietet sich auf jeden Fall dazu an, sie hier zu beenden (auch wenn das Manuskript noch weitergeht und sich bald der Betrachtung einzelner Lieder zuwendet).

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