II

SIGNÝ

u1

Rerir war der Sohn des Sohns Ódins. Nach ihm herrschte Wölsung, dem Ódin eine Walküre zur Frau gab. Sigmund und Signý waren ihre ältesten Kinder und Zwillinge. Außerdem hatten sie noch neun Söhne. Sigmund war der tapferste aller Männer, solange man seine Söhne außer acht lässt. Signý war schön, klug und hellsichtig. Wider Willen und gegen ihre Vorahnungen wurde sie Siggeir, dem König von Gautland, zur Frau gegeben, dies sollte die Macht von König Wölsung stärken. Hier wird erzählt, wie zwischen Gauten und Wölsungen Hass aufkam und wie Wölsung getötet wurde. Signýs zehn Brüder wurden in Fesseln in den Wald gebracht, und außer Sigmund kamen alle um. Lange lebte er als Zwergenschmied getarnt in einer Höhle. Signý aber plante grausame Rache und führte sie aus.

 

    1    

Der ruhmreiche Rerir,

des Raben Gebieter,

war Seefahrer-König

an den Küsten des Nordens.

Schildreich seine Schiffe,

sein Schwert gezückt,

von Ódin gezeugt war

vor Zeiten sein Vater.

    2    

Ihm folgte Wölsung

von wagendem Mut,

sehnlich erwünscht,

erwählt von Ódin.

Wölsungs Frau wurde

eine Walkürenschöne,

eine Ódinsjungfer,

von Ódin erwählt.

    3    

Sigmund und Signý,

einen Sohn, eine Tochter,

gebar sie auf einmal

im edlen Haus.

Hoch war die Halle,

mit holzgeschnitzten

gewaltigen Wänden

und wuchtigen Balken.

 

    4    

Riesig im Raum

ragte ein Baum,

der hielt das Haus,

behängt’ es mit Laub.

Mit stützenden Ästen

stand wie ein Wunder

in der Mitte der Halle

der mächtige Stamm.

*

Wölsung

    5    

»Was sind das für Segel

auf See dort draußen?

Was sind das für Schiffe

mit Schilden von Gold?«

Signý 

 

»Gautlands Banner,

die golden und silbern

Gautlands gramvolle

Grüße bringen.«

Wölsung

    6    

»Wieso gramvoll?

Sind Gäste verhasst?

Großer Glanz umgibt

Gautlands Herrscher.«

Signý 

 

»Der Glanz vergeht

von Gautlands Herrscher.

Gram ist bestimmt

Gautlands Herrin.«

*

 

    7    

Froh sangen Vögel

über vollen Tischen,

wo die Männer beim Bier

auf Bänken saßen.

Da kam zu künden

des Königs Botschaft

ein gautischer Fürst

in glänzender Rüstung.

Gaute

    8    

»Es schickte mich Siggeir

auf schnelle Fahrt.

Weithin bewundert

wird Wölsungs Ruhm,

Signýs Schönheit,

Signýs Weisheit.

Er bittet als Braut

in sein Bett die Holde.«

Wölsung

    9    

»Was sagt Sigmund?

Soll Signý ziehen,

mit solchem Gebieter

den Bund uns zu stiften?«

Sigmund 

»Mit solchem Gebieter

Bund und Verwandtschaft,

die Schöne ihm schenkend,

schließen wir gern!«

*

 

    10    

Segel erschienen

vor Sommers Ende,

mit schimmernden Schilden

kamen Schiffe gefahren.

Viel starke Streiter

schritten gerüstet

mit Siggeir zusammen

zu den Sitzen Wölsungs.

    11    

Froh sangen Vögel

über vollen Tischen.

Signý war bleich,

Siggeir begierig.

Dunklen Wein tranken

die tapferen Fürsten,

die Häuptlinge Gautlands

mit heiterem Sang.

    12    

Der Abend kommt,

auf frischt der Wind,

auf schlägt die Tür:

vertrieben der Lärm.

Im dunklen Mantel

ein Mann tritt ein

mit grauem Bart,

sehr groß und uralt.

 

    13    

Er zückt ein Schwert

aus dem schweren Mantel,

in den starken Stamm

stößt er es tief:

Grímnir 

»Wer zieht unverzagt,

nicht zitternd vorm Schicksal,

die grausame Gabe

Grímnirs heraus?«

    14    

Zu schlug die Tür:

entzündet der Lärm.

Auf sprangen Männer

mit mächtigem Arm.

Gaute und Wölsung,

begierig des Ruhms,

strengten sich an

und scheiterten doch.

    15    

Als Letzter zog Sigmund

mit leichter Hand

das Schwert aus dem Stamm

und schwang es blitzend.

Sehnsüchtig sah

Siggeir die Klinge,

als Kaufpreis bot er

viel kostbares Gold.

Sigmund

    16    

»Wenn Silber und Gold

wie Sand am Meer

zum Handel du hättest,

du heischtest vergebens!

Vom Schicksal bestimmt

ist das Schwert meiner Hand,

Nie soll sich Siggeir

Besitzer nennen!«

*

Signý

    17    

»Dem Herzen wird’s hart

die Heimat zu lassen!

Signýs Weisheit

ist Signýs Bürde.

Diese Heirat heckt uns

heilloses Weh –

brich doch die Bande,

die mich binden, Vater!«

Wölsung

    18    

»Heilloses Weh

ist Weibergerede!

Flieh nicht die Fügung!

Fest sei die Treue!

Schiffe erwarten dich.

Schändlich zu brechen

das bräutliche Bett,

das gebundene Wort.«

Signý

    19    

»Sigmund, leb wohl!

Siggeir ruft mich.

Weh wird’s dem Weib,

Weisheit zu tragen.

Letzte Nacht lag ich

in lieblosem Bett.

Ich könnte noch unlieber

künftig mich betten.

    20    

Heil Haus und Hof,

erhabener Baum,

wo die glücklose Gattin

war glückliches Mädchen.«

Wild blies der Wind

die weißen Schaumkronen.

Sie warf keinen Blick mehr

auf Wölsungs Land.

*

    21    

Ein Schiff kam scheinend

an schäumende Küsten,

die gehüteten Häfen

des verhangenen Gautland.

Der siegreiche Sigmund

mit Gesippen und Vater

fuhr ohne Furcht

zum festlichen Schmaus.

Signý

    22    

»Liebster Vater,

gelobter Wölsung!

Macht kehrt, meine Brüder,

diese Küste flieht!

Einen Trunk der Tränen,

tödliches Willkommen

wird Siggeir euch sicher

besorgen mit Schwertern.«

    23    

Mit tausend Thanen,

sich tummelnden Streitern

hieß Gautlands Herrscher

die Gäste willkommen.

Helm und Harnisch

hieb da Wölsung

zehnmal entzwei

mit zorniger Kraft.

    24    

Durch sie hindurch brach

dreimal Sigmund,

sie fielen nieder

wie frische Mahd.

Schildlos schwang er

das Schwert beidhändig.

Es grauste den Gauten.

Es glühte der Stahl.

*

 

    25    

Auf kalter Leiche

krächzt der Rabe,

entfleischt die Gebeine

des gefallenen Wölsung.

In Fesseln gelegt

die gefangenen Brüder.

Siggeir lächelt,

Signý weint nicht.

Signý

    26    

»Lieb ist das Licht,

solange man’s sieht!

Gönne mir, Gatte,

dass die Gauten einhalten!

Erschlage nicht schnell

die Sprösslinge Wölsungs!

Tod bleibt doch Tod,

trifft er auch spät.«

Siggeir

    27    

»Wilde und wahnhafte

Worte Signýs,

die Furcht und Folter

erflehen den Ihren.

Gegönnt sei es gern,

dass Grauses sie leiden,

hilflos und hungrig

gehalten im Wald.«

 

    28    

Hilflos und bloß

gebunden im Wald

mussten die Zehn

Martern erdulden.

Der Reihe nach riss

eine Reißwölfin sie:

Nacht für Nacht

ein neues Opfer.

Signý

    29    

»Wie war es im Wald,

werte Diener?«

Diener 

»Gebein von neun Brüdern

entbarg die Nacht,

doch zerrissen das Raubtier,

beraubt der Zunge

vom geborstenen Baum,

zerbrochen auch Fesseln.«

*

Signý

    30    

»Wer grub diese Grotte,

so grau und tief?

Meister Zwerg,

mache mir auf!«

Sigmund 

»Wer nähert sich nachts

namenloser Tür?

Eintreten mag

die elbische Jungfrau!«

 

    31    

Verbunden im Bett

Bruder und Schwester,

mit Schande verschnittene

schmerzliche Liebe!

Antworte, Erdhäusler.

Im Arm hältst du wen

in Wechselgestalt,

verwandelt zur Elbin?

    32    

Zurück kehrte Signý

in Siggeirs Haus:

neun Monate Schweigen

und schwarze Gedanken.

Es jaulten die Wölfe,

jammerten die Mägde,

als Signý stumm

einen Sohn gebar.

*

Sigmund

    33    

»Wen höre ich hell

vor der Höhle rufen,

der vorher furchtlos

den Fluss durchwatet?

Im Gesicht bist du nicht

der Sohn deines Vaters!

Was bringst du in Bast

gebunden mir an?«

Sinfjötli

    34    

»Im Gesicht gleich ich Wölsung,

Signýs Vater.

Ein Schwert zu schenken

schickt sie mich her.

Siggeir besaß es

viel saure Jahre.

Sigmund zog es

und seither niemand.«

    35    

So kam Signýs Sohn

Sinfjötli zu ihm,

erwachsen zur Rache

für Wölsungs Tod.

Weithin im Wald

wüteten sie,

lauerten lange

auf gelegene Stunde.

    36    

In Wolfsfell gewandet

wanderten sie umher,

Männer ermordend,

Männer ausraubend.

Nach grässlichen Greueln,

die Gautland erschreckten,

träumten sie tags

in tiefer Höhle.

 

    37    

Der Mond schien matt,

die Männer sangen,

Siggeir saß

im Saal und lauschte.

Sieg über Wölsung,

sangen die Stimmen

zu der Wölfe

wildem Geheul.

    38    

Auf schlug die Tür:

vertrieben der Lärm.

Gauten 

»Da brennen Augen

wie brünstiges Feuer!

Wölfe sind wach,

die Wachen erschlagen!

Feurige Flammen

umfangen uns ganz.«

    39    

Sigmund schwang da

sein Schwert mit Macht,

und Signýs Sohn

ihm zur Seite lachte.

Sigmund  

»Weder König noch Knappe

& Sinfjötli 

kommt hier vorbei!

Zur Strafe stürze

der Stolz Siggeirs!«

Sigmund

    40    

»Herbei, Signý,

beste Schwester!

Gautlands Glanz

vergeht mit Schrecken.

Glücklich der Gruß,

Gram ist vorüber,

gerächt ist Wölsung

von wagendem Mut!«

 

    41    

(Sigmunds Schwester

Signý erwiderte:)

Signý 

»Sohn Sinfjötli,

Sigmund Vater!

Signý kommt nicht,

Siggeir ruft sie.

Wo lieblos ich lag,

jetzt leg ich mich froh.

Ich lebte in Schande,

jetzt scheide ich gern.«

*