SIGNÝ
Rerir war der Sohn des Sohns Ódins. Nach ihm herrschte Wölsung, dem Ódin eine Walküre zur Frau gab. Sigmund und Signý waren ihre ältesten Kinder und Zwillinge. Außerdem hatten sie noch neun Söhne. Sigmund war der tapferste aller Männer, solange man seine Söhne außer acht lässt. Signý war schön, klug und hellsichtig. Wider Willen und gegen ihre Vorahnungen wurde sie Siggeir, dem König von Gautland, zur Frau gegeben, dies sollte die Macht von König Wölsung stärken. Hier wird erzählt, wie zwischen Gauten und Wölsungen Hass aufkam und wie Wölsung getötet wurde. Signýs zehn Brüder wurden in Fesseln in den Wald gebracht, und außer Sigmund kamen alle um. Lange lebte er als Zwergenschmied getarnt in einer Höhle. Signý aber plante grausame Rache und führte sie aus.
des Raben Gebieter, |
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war Seefahrer-König |
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an den Küsten des Nordens. |
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Schildreich seine Schiffe, |
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sein Schwert gezückt, |
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von Ódin gezeugt war |
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vor Zeiten sein Vater. |
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von wagendem Mut, |
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sehnlich erwünscht, |
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erwählt von Ódin. |
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Wölsungs Frau wurde |
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eine Walkürenschöne, |
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eine Ódinsjungfer, |
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von Ódin erwählt. |
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Sigmund und Signý, |
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einen Sohn, eine Tochter, |
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gebar sie auf einmal |
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im edlen Haus. |
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Hoch war die Halle, |
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mit holzgeschnitzten |
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gewaltigen Wänden |
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und wuchtigen Balken. |
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ragte ein Baum, |
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der hielt das Haus, |
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behängt’ es mit Laub. |
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Mit stützenden Ästen |
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stand wie ein Wunder |
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in der Mitte der Halle |
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der mächtige Stamm. |
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Wölsung |
»Was sind das für Segel |
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auf See dort draußen? |
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Was sind das für Schiffe |
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mit Schilden von Gold?« |
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Signý |
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»Gautlands Banner, |
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die golden und silbern |
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Gautlands gramvolle |
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Grüße bringen.« |
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Wölsung |
»Wieso gramvoll? |
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Sind Gäste verhasst? |
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Großer Glanz umgibt |
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Gautlands Herrscher.« |
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Signý |
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»Der Glanz vergeht |
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von Gautlands Herrscher. |
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Gram ist bestimmt |
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Gautlands Herrin.« |
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über vollen Tischen, |
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wo die Männer beim Bier |
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auf Bänken saßen. |
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Da kam zu künden |
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des Königs Botschaft |
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ein gautischer Fürst |
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in glänzender Rüstung. |
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Gaute |
»Es schickte mich Siggeir |
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auf schnelle Fahrt. |
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Weithin bewundert |
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wird Wölsungs Ruhm, |
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Signýs Schönheit, |
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Signýs Weisheit. |
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Er bittet als Braut |
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in sein Bett die Holde.« |
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Wölsung |
»Was sagt Sigmund? |
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Soll Signý ziehen, |
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mit solchem Gebieter |
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den Bund uns zu stiften?« |
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Sigmund |
»Mit solchem Gebieter |
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Bund und Verwandtschaft, |
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die Schöne ihm schenkend, |
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schließen wir gern!« |
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vor Sommers Ende, |
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mit schimmernden Schilden |
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kamen Schiffe gefahren. |
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Viel starke Streiter |
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schritten gerüstet |
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mit Siggeir zusammen |
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zu den Sitzen Wölsungs. |
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Froh sangen Vögel |
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über vollen Tischen. |
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Signý war bleich, |
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Siggeir begierig. |
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Dunklen Wein tranken |
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die tapferen Fürsten, |
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die Häuptlinge Gautlands |
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mit heiterem Sang. |
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auf frischt der Wind, |
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auf schlägt die Tür: |
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vertrieben der Lärm. |
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Im dunklen Mantel |
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ein Mann tritt ein |
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mit grauem Bart, |
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sehr groß und uralt. |
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Er zückt ein Schwert |
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aus dem schweren Mantel, |
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in den starken Stamm |
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stößt er es tief: |
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Grímnir |
»Wer zieht unverzagt, |
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nicht zitternd vorm Schicksal, |
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die grausame Gabe |
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Grímnirs heraus?« |
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entzündet der Lärm. |
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Auf sprangen Männer |
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mit mächtigem Arm. |
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Gaute und Wölsung, |
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begierig des Ruhms, |
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strengten sich an |
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und scheiterten doch. |
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Als Letzter zog Sigmund |
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mit leichter Hand |
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das Schwert aus dem Stamm |
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und schwang es blitzend. |
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Sehnsüchtig sah |
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Siggeir die Klinge, |
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als Kaufpreis bot er |
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viel kostbares Gold. |
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Sigmund |
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wie Sand am Meer |
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zum Handel du hättest, |
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du heischtest vergebens! |
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Vom Schicksal bestimmt |
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ist das Schwert meiner Hand, |
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Nie soll sich Siggeir |
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Besitzer nennen!« |
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* |
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Signý |
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die Heimat zu lassen! |
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Signýs Weisheit |
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ist Signýs Bürde. |
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Diese Heirat heckt uns |
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heilloses Weh – |
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brich doch die Bande, |
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die mich binden, Vater!« |
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Wölsung |
»Heilloses Weh |
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ist Weibergerede! |
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Flieh nicht die Fügung! |
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Fest sei die Treue! |
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Schiffe erwarten dich. |
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Schändlich zu brechen |
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das bräutliche Bett, |
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das gebundene Wort.« |
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Signý |
»Sigmund, leb wohl! |
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Siggeir ruft mich. |
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Weh wird’s dem Weib, |
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Weisheit zu tragen. |
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Letzte Nacht lag ich |
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in lieblosem Bett. |
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Ich könnte noch unlieber |
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künftig mich betten. |
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Heil Haus und Hof, |
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erhabener Baum, |
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wo die glücklose Gattin |
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war glückliches Mädchen.« |
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Wild blies der Wind |
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die weißen Schaumkronen. |
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Sie warf keinen Blick mehr |
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auf Wölsungs Land. |
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* |
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Ein Schiff kam scheinend |
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an schäumende Küsten, |
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die gehüteten Häfen |
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des verhangenen Gautland. |
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Der siegreiche Sigmund |
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mit Gesippen und Vater |
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fuhr ohne Furcht |
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zum festlichen Schmaus. |
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Signý |
»Liebster Vater, |
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gelobter Wölsung! |
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Macht kehrt, meine Brüder, |
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diese Küste flieht! |
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Einen Trunk der Tränen, |
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tödliches Willkommen |
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wird Siggeir euch sicher |
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besorgen mit Schwertern.« |
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sich tummelnden Streitern |
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hieß Gautlands Herrscher |
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die Gäste willkommen. |
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Helm und Harnisch |
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hieb da Wölsung |
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zehnmal entzwei |
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mit zorniger Kraft. |
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Durch sie hindurch brach |
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dreimal Sigmund, |
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sie fielen nieder |
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wie frische Mahd. |
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Schildlos schwang er |
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das Schwert beidhändig. |
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Es grauste den Gauten. |
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Es glühte der Stahl. |
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* |
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Auf kalter Leiche |
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krächzt der Rabe, |
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entfleischt die Gebeine |
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des gefallenen Wölsung. |
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In Fesseln gelegt |
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die gefangenen Brüder. |
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Siggeir lächelt, |
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Signý weint nicht. |
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Signý |
»Lieb ist das Licht, |
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solange man’s sieht! |
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Gönne mir, Gatte, |
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dass die Gauten einhalten! |
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Erschlage nicht schnell |
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die Sprösslinge Wölsungs! |
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Tod bleibt doch Tod, |
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trifft er auch spät.« |
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Siggeir |
»Wilde und wahnhafte |
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Worte Signýs, |
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die Furcht und Folter |
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erflehen den Ihren. |
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Gegönnt sei es gern, |
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dass Grauses sie leiden, |
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hilflos und hungrig |
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gehalten im Wald.« |
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Hilflos und bloß |
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gebunden im Wald |
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mussten die Zehn |
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Martern erdulden. |
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Der Reihe nach riss |
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eine Reißwölfin sie: |
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Nacht für Nacht |
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ein neues Opfer. |
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Signý |
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werte Diener?« |
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Diener |
»Gebein von neun Brüdern |
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entbarg die Nacht, |
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doch zerrissen das Raubtier, |
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beraubt der Zunge |
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vom geborstenen Baum, |
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zerbrochen auch Fesseln.« |
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* |
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Signý |
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so grau und tief? |
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Meister Zwerg, |
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mache mir auf!« |
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Sigmund |
»Wer nähert sich nachts |
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namenloser Tür? |
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Eintreten mag |
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die elbische Jungfrau!« |
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Verbunden im Bett |
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Bruder und Schwester, |
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mit Schande verschnittene |
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schmerzliche Liebe! |
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Antworte, Erdhäusler. |
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Im Arm hältst du wen |
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in Wechselgestalt, |
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verwandelt zur Elbin? |
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Zurück kehrte Signý |
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in Siggeirs Haus: |
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neun Monate Schweigen |
|||
und schwarze Gedanken. |
|||
Es jaulten die Wölfe, |
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jammerten die Mägde, |
|||
als Signý stumm |
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einen Sohn gebar. |
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* |
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Sigmund |
|||
vor der Höhle rufen, |
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der vorher furchtlos |
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den Fluss durchwatet? |
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Im Gesicht bist du nicht |
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der Sohn deines Vaters! |
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Was bringst du in Bast |
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gebunden mir an?« |
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Sinfjötli |
»Im Gesicht gleich ich Wölsung, |
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Signýs Vater. |
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Ein Schwert zu schenken |
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schickt sie mich her. |
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Siggeir besaß es |
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viel saure Jahre. |
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Sigmund zog es |
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und seither niemand.« |
|||
So kam Signýs Sohn |
|||
Sinfjötli zu ihm, |
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erwachsen zur Rache |
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für Wölsungs Tod. |
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Weithin im Wald |
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wüteten sie, |
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lauerten lange |
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auf gelegene Stunde. |
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In Wolfsfell gewandet |
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wanderten sie umher, |
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Männer ermordend, |
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Männer ausraubend. |
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Nach grässlichen Greueln, |
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die Gautland erschreckten, |
|||
träumten sie tags |
|||
in tiefer Höhle. |
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die Männer sangen, |
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Siggeir saß |
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im Saal und lauschte. |
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Sieg über Wölsung, |
|||
sangen die Stimmen |
|||
zu der Wölfe |
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wildem Geheul. |
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Auf schlug die Tür: |
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vertrieben der Lärm. |
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Gauten |
»Da brennen Augen |
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wie brünstiges Feuer! |
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Wölfe sind wach, |
|||
die Wachen erschlagen! |
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Feurige Flammen |
|||
umfangen uns ganz.« |
|||
Sigmund schwang da |
|||
sein Schwert mit Macht, |
|||
und Signýs Sohn |
|||
ihm zur Seite lachte. |
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Sigmund |
»Weder König noch Knappe |
||
& Sinfjötli |
kommt hier vorbei! |
||
Zur Strafe stürze |
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der Stolz Siggeirs!« |
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Sigmund |
|||
beste Schwester! |
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Gautlands Glanz |
|||
vergeht mit Schrecken. |
|||
Glücklich der Gruß, |
|||
Gram ist vorüber, |
|||
gerächt ist Wölsung |
|||
von wagendem Mut!« |
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|
(Sigmunds Schwester |
||
Signý erwiderte:) |
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Signý |
»Sohn Sinfjötli, |
||
Sigmund Vater! |
|||
Signý kommt nicht, |
|||
Siggeir ruft sie. |
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Wo lieblos ich lag, |
|||
jetzt leg ich mich froh. |
|||
Ich lebte in Schande, |
|||
jetzt scheide ich gern.« |
|||
* |