IV

FŒDDR SIGURĐR

(Sigurds Geburt)

u1

    1    

Sigmund lenkte

sein Land nun allein,

kalt seine Kammer,

ohne Kind, ohne Frau.

Er hörte in Liedern

vom holdesten Mädchen,

der schönen Sigrlinn,

Swáfnirs Tochter.

    2    

Alt war Sigmund,

wie die Eiche so knorrig,

grau war sein Bart

wie die Borke der Esche.

Blutjung und blond

war die blühende Sigrlinn,

lang hingen die Locken

auf gelenkige Schultern.

 

    3    

Sieben Königssöhne

kamen um das Mädchen:

Sigmund bekam sie,

sie segelten fort.

Es winkte von weitem

das Wölsungenland,

der stürmische Steilfels,

die stürzenden Wellen.

Sigmund

    4    

»Sag mir, Sigrlinn,

ist’s süßer nicht,

statt Braut zu sein

blondbärtigem Prinzen,

den Erwählten der Welt

als Wölsungenfrau

mir zu gebären,

als Braut Ódins?«

*

Sigrlinn

    5    

»Was sind das für Segel

auf See dort draußen?

Die Schilde sind rot,

die Schiffe unzählig.«

Sigmund 

»Sieben Königssöhne

kommen uns besuchen!

Grímnirs Gabe

wird gern sie empfangen!«

 

    6    

Hell gellten die Hörner

und Helme glänzten,

Speere stießen

auf Schildgegenwehr.

Wikingerfahnen,

Wölsungenbanner

wehten im Wind;

wuchtig der Ansturm.

    7    

Alt war Sigmund,

wie die Eiche so knorrig,

doch schwang er sein Schwert

so stark, dass es glühte.

Ihn schützte das Schicksal,

vom Schlachtentau

zu den Achseln gefärbt

die Arme beide.

    8    

Ein fremder Fechter,

furchtbar, einäugig,

stellte ihn stumm,

stand ihm entgegen,

sehr groß und grau,

grimmig vermummt.

Singen ließ Sigmund

sein siegreiches Schwert.

 

    9    

Den Speer erhob er,

da sprang entzwei

Grímnirs Gabe,

vergangen ihr Sang.

Mit offener Brust,

von Edlen umgeben,

liegt der Lehnsherr:

Im Land wird es dunkel.

    10    

Krieger klagten,

kalt sank der Mond.

Sigrlinn suchte ihn,

sie sagte traurig:

Sigrlinn 

»Hoffnung auf Heilung

hab ich für dich,

Letzter der Wölsungen,

geliebter Herr.«

Sigmund

    11    

»Manch tödlich Getroffner

trat neu ins Leben,

doch heisch ich nicht Heilung.

Hoffnung ist müßig.

Ódin ruft mich

am Ende der Tage.

Hier liegt nicht verloren

der Letzte der Wölsungen!

 

    12    

Der Erwählte der Welt

wächst nun in dir,

der Schlangentöter,

der Spross Ódins.

Bis zum Ende der Zeit

werden alle ihn nennen

den größten der großen

glorreichen Helden.

    13    

Vom zersprungenen Schwert

die Stücke verwahre.

Grímnirs Gabe

glänzt alsbald neu.

Sehr schnell wird schon

im schönen Walhall

Sigurd sie gürten,

begrüßt er einst Ódin.«

    14    

Das Leben verließ ihn

im Licht des Morgens.

Traurig blieb bei ihm

die treue Sigrlinn.

Scharen von Schiffen

erschienen von Norden,

stracks an den Strand

sprangen die Krieger.

 

    15    

Sigmunds Frau

fuhr voller Trauer

als mindere Magd

übers Meer davon.

Wild blies der Wind,

die Wellen tanzten,

von weitem winkt’ ihr

das Wölsungenland.

    16    

Winde wimmerten,

Wellen heulten,

als Sigrlinn in Sorgen

einen Sohn gebar.

Wie eine Sonne

kam Sigurd golden

in ferner Fremde

fehllos zur Welt.

Frau

    17    

»Tief gefallene Frau,

gefangen im Krieg,

wer war dein Mann,

bis die Macht ihm schwand?

Wer war der Vater

solch feinen Sohns?

Grauer Stahl gleißt ihm

in glitzernden Augen.«

Sigrlinn

    18    

»Gezeugt hat Sigurd

Sigmund der Wölsung;

Ódins Spross

wird einst er heißen.«

Frau 

»Vornehm gepflegt werde

solchen Vaters Sohn,

die Mutter vermählt

einem mächtigen König.«

*