IX

DEILD –

(Streit)

u1

    1    

Am Tag der Bestimmung

stieg feurig rot

die Sonne und strebte

schleunig gen Süden.

Da geizte mit Gold nicht

Gunnar der König,

als Hochzeit er hielt

mit der herrlichen Brynhild.

    2    

Stolz überstrahlend

die Schar der Frauen

saß dort Brynhild,

Braut und Königin.

Stark überstrahlend

die Schar der Männer

kam wie die Sonne

Sigurd herein.

    3    

Gudrún zur Seite,

Gjúkis Tochter,

setzte er sich –

sie sah’s und verstummte.

Wie ein steinernes Standbild

starrte sie bleich,

so hart und kalt

wie behauener Stein.

    4    

Die Schatten wichen

vom verschleierten Herzen,

Eide erinnerte er,

alle ungehalten.

Steif und starr

wie ein steinernes Bild,

ernst saß er da

und ohne Regung.

    5    

Johlender Jubel

mit Jauchzen und Sang

erhob sich im Rund –

alle hielten’s für Freude.

Sie sahen im Saal dort

siegreiche Helden

und königlich hohe

gekrönte Häupter.

*

    6    

Hell die Hörner

zur Hirschjagd riefen,

eifrig zog Sigurd

aus in den Wald.

Die Königinnen gingen

mit Kämmen aus Gold

zur Wäsche im Fluss,

im Wasser des Rheins.

    7    

Sie lösten die Locken.

Den Lauf des Flusses

weiter hinauf

watete eine:

Brynhild 

»Das Wasser, das wusch

dein weißblondes Haar,

fließe nicht füglich

übers vornehmere Haupt!«

Gudrún

    8    

»Edler bin ich,

achtbarer vermählt!

Überragend an Ruhm

ist der Richter Fáfnirs!«

Brynhild 

»Überragend an Größe

ist der Reiter durchs Feuer,

der die flackernden Flammen

furchtlos bezwang!«

    9    

(Grimm lachte Gudrún,

Grímhilds Tochter:)

Gudrún 

»Die Wahrheit sprachst wohl

unwissentlich du!

Deine flackernden Flammen,

die feurig entbrannten,

durchritt der Recke,

der den Ring hier dir gab –

gewann Gunnar ihn etwa

auf der Gnitaheide?

    10    

Andwaris Ring,

uralt, verzaubert,

steckt bindend als Pfand

an Brynhilds Hand.

Gab etwa Gunnar

den glänzenden Ring mir,

den hier ich jetzt habe,

von der Hand dir gezogen?«

    11    

Kalt ward die Königin,

qualvoll getroffen,

stumm wie ein Stein

schritt sie hinweg.

Vom starken Strom,

dem stolzen Rhein,

ging sie in die Kammer,

Kummer zu brüten.

    12    

Verhüllt kam der Abend,

am Himmel kein Stern,

zu Tode betrübt

trauerte sie,

unglücklich, einsam,

innerlich finster:

Brynhild 

»Grausam die Nornen,

die Not uns bescherten!

    13    

Was mein ist muss mein sein,

sonst mordet das Leid mich,

das Leid mordet mich,

verliere ich Sigurd.

Er ist aber Gudrúns,

und Gunnars bin ich:

vernichtet mein Leben

von Nornenhand!«

    14    

Den ganzen Tag

wie tot lag sie da,

aß nicht und trank nicht,

Übles erwägend.

Ihre Mägde waren ratlos –

es machte ihr nichts.

Gunnar sprach mit ihr –

ergrimmt hörte sie’s.

    15    

Nach bitterem Brüten

gab Brynhild Antwort:

Brynhild 

»Was hier so fahl glänzt,

das Gold, woher kommt es?

Den Ring, den ich trug,

wer trägt ihn jetzt?«

Gunnar schwieg still,

entgegnete nichts.

Brynhild

    16    

»Nicht König noch Krieger,

ein Kümmerling bist du!

Das Feuer flohst du

feige schlotternd!

Als Balg einer Hexe

geboren bist du.

Gram treffe Grímhild,

die den Gram beschwor!«

Gunnar

    17    

»Schmähworte sprichst du,

schlimme Walküre,

Männer mordend,

Gemetzel liebend!«

Brynhild 

»Ein Schwert, und ich morde

und metzele dich,

du arger Verräter

und Eidbrüchiger!

    18    

Ich liebt’ nur den Einen,

der alle überstrahlt,

schwor einen Eid,

nur ihn zu wählen,

zu wählen nur ihn,

der mein wütendes Feuer

heldisch bezwang;

nicht hielt ich den Eid.

    19    

Eidbrüchig bin ich,

entehrt, erniedrigt,

der Liebe verlustig,

im Leben verflucht.

Nie wirst in der Halle

du heiter mich wieder

noch hold und schön

im Hofe sehen.«

    20    

Lang blieb sie liegen

in leidvoller Klage,

ihre wilden Worte

waren weit zu hören.

Gudrún schmähte,

Gunnar spottete,

Högni höhnte sie;

Hass entflammte.

*

    21    

Gehüllt die Hallen

und Herzen in Schwarz,

als zurück von der Jagd

geritten kam Sigurd.

Er sollt’ mit ihr sprechen,

den Schmerz zu vertreiben.

Er mochte nicht gehen,

am Morgen ging er.

Sigurd

    22    

»Sonnenschein, Heil,

(Er schlägt die

und Sonnenaufgang!

Decke über

Schlafe nicht länger,

Brynhild zu-

den Schmerz wirf von dir!«

rück und weckt

Brynhild 

»Ich schlief auf dem Berg,

sie, wie er es

ich schlafe nicht mehr!

schon einmal

Ich fluch deiner Worte,

getan hat.)

du Falscher, du Lügner!«

Sigurd

    23    

»Von allen Geliebte,

was leidest du so,

dem glorreichen Gunnar

glücklich vermählt?«

Brynhild 

»Glücklich! Glücklich!

Welch grausamer Hohn!

Den Einen nur liebt’ ich,

der alle überstrahlt.«

Sigurd

    24    

»Nicht geringeren Rangs

rühmt sich der Gjúkung,

mein Blutsbruder

von bestem Ansehen.

Freundlich liebt dich

der furchtlose König –

sieh und erkenne,

dass die Sonne dir scheint!«

Brynhild

    25    

»Furchtlos war Sigurd,

der Fáfnir bezwang.

Zweimal durchzog er

den zuckenden Blitzwall,

zweimal bezwang er

das zornige Feuer:

So großen Ruhm

errang Gunnar nie.«

Sigurd

    26    

»Wer bezeugte es dir,

dass zweimal er’s tat?

Nicht sagte es Sigurd –

was sagst es du?«

Brynhild 

»Dunkel umgab uns.

Der Glanz deiner Augen,

deine glänzenden Augen

gaben mir Qual.

    27    

Von täuschenden Schleiern

betrogen bin ich,

der Liebe verlustig,

im Leben verflucht.

Doch fluch ich auch dir,

du Falscher, du Lügner:

Du stecktest der andern

den gestohlenen Ring an.

    28    

Gudrún verfluch ich

für die grässliche Schande

gebrochenen Betts

und gebotenen Leibs.

Ruhmreich zu sein

reizt dich allein.

Als Übelste der Frauen

erachtest du mich.«

Sigurd

    29    

»Weh mir der Worte

aus Weibermund!

Weh mir des Werks,

gewirkt von uns!

Netze umschlingen mich,

scheußlich gewoben,

verdüstern mein Denken,

verdunkeln mein Herz.

    30    

Ich liebte dich lange,

verlangte nach dir.

Nur dich wollt ich küssen,

erkenne ich jetzt.

Ernst saß ich da

und ohne Regung,

beherrschte mein Herz,

hütete mein Denken.

    31    

Trost fand ich darin,

dich noch zu sehen,

vermählt einem andern,

doch mit mir im Haus.«

Brynhild 

»Zu spät! Zu spät

sprichst du von Liebe!

Kein Zauberer zähmt

meinen Zorn jetzt mehr.«

Sigurd

    32    

»Ist Hoffnung dahin,

Heilkunst vergebens?

Nimmt schreckliches Schicksal

ein schlimmes Ende?«

Brynhild 

»Herzenstrost ist mir

die Hoffnung allein,

dass ein scharfes Schwert

erschlägt den Verräter!«

Sigurd

    33    

»Leicht schlafen Schwerter,

schnell könnt ich’s fühlen.

Bitter wär’s Brynhild –

es brächt ihr den Tod.«

Brynhild 

»Schmeichelnd spricht er,

der Stifter des Unheils!

Kein Licht im Leben

ließ er mir doch.«

Sigurd

    34    

»Gunnar würd töten ich,

Gudrún verlassen,

zu verhüten Verhängnis,

dich zu hindern am Sterben!«

Brynhild 

»Vermählt bin ich einem,

keinen anderen will ich.

Keinen will lieben ich,

und als letzten Sigurd!«

*

    35    

Fort ging Sigurd,

erfüllt von Kummer,

ihm barst in der Brust fast

das brennende Herz.

Ihm raubten die Ringe

der Rüstung den Atem,

sie schnitten so tief

ins schwellende Fleisch.

    36    

Gegangen kam Gudrún,

glänzend von Liebreiz:

Gudrún 

»Schläft Brynhild jetzt,

die schwer Erkrankte?«

Sigurd 

»Brynhild schläft nicht,

sie brütet finster,

finster brütet sie

Fluch und Verderben.«

    37    

Hilflos schluchzend

umschlang ihn Gudrún:

Gudrún 

»Was brütet Brynhild,

welch bitteren Fluch?«

Sigurd 

»Du weißt es wohl,

nicht wert ist’s der Frage.

Weh mir der Worte

aus Weibermund!«

    38    

(Da sprach Gunnar

schweren Herzens:)

Gunnar 

»Ob Hoffnung auf Heilung

des Harms besteht,

wenn Gold wir ihr bieten,

Gold und Silber?«

Sigurd 

»Gold und Silber

mag Gunnar ihr bieten.

Der zaubernde Zähmer

ihres Zorns sei ihr Mann!«

    39    

Darauf bot Gunnar

Gold und Silber,

golden und silbern

gleißende Schätze.

Brynhild 

»Gunnar, sprich nicht

von Gold und Silber!

Mehr schätzt’ ich Schwerter,

zu erschlagen mich selbst.

    40    

Wer an Stärke überstrahlt

die Scharen der Männer,

einzig solchen

ehrt meine Liebe.

Geringer wardst du

an Rang als dein Lehnsmann,

Knappe des Wölsungen,

Knecht des Vasallen!

    41    

Dem Gelächter der Leute

überlasse ich dich,

geschieden im Bett,

geschmäht bei Tisch,

wenn das Leben du lässt

dem Lehnsmann, dem falschen,

und Sigurd nicht erschlägst,

deiner Schwester Mann.«

Gunnar

    42    

»Feindin des Friedens,

Furchtbare, du!

Eide schwor ich

auf ewige Zeit,

Bruderschaftsbande,

mit Blut geknüpft.

Auch Brynhild zuliebe

brech ich sie kaum.«

Brynhild

    43    

»Auch ich schwor Eide

auf ewige Zeit.

Leicht nahmst du sie,

Belogen ward ich!

Den Schwurbruder Sigurd

schicktest du mir.

Leib an Leib liegend

mein Lager teilt’ er,

mich verratend

verriet er dich.

    44    

Zu Gudrún ging er,

Gudrún verriet er’s.

Schande umschließt mich,

beschämt bist du!«

Gunnar ging fort

mit Gram im Herzen,

den Tag über saß er

in tiefem Brüten.

    45    

Von Stimmung zu Stimmung

schwankte sein Sinn,

von Schande zu Schande,

verschmäht von den Freunden.

Er holte Högni

zu geheimer Beratung,

verlässlich schien ihm

der leibliche Bruder.

Gunnar

    46    

Ȇbel tat Sigurd:

Eide schwor er mir,

schwor mir Eide,

alle brach er.

Mein Vertrauen enttäuschte,

dem ich traute am meisten,

die Treue verriet,

den am treusten ich wähnte.«

Högni

    47    

»Heuchelnden Herzens

hetzt dich auf Brynhild,

Schaden zu schaffen

spornt sie dich an.

Gudrún hasst sie,

missgönnt ihr die Liebe,

hasst deine Liebe,

belügt dich darum.«

Gunnar

    48    

»Höher gilt sie mir

als die höchste der Frauen,

höher als Schätze

schätze ich Brynhild.

Lieber das Leben

lass ich als sie.

Die Leute verlachen

den verlassenen Mann.

    49    

Morden wir Sigurd!

Meineidig ist er.

Lass uns allein

übers Land wieder herrschen!

Morden wir Sigurd,

ist die Sorge zu Ende

und sein herrlicher Hort

gehört allein uns!«

Högni

    50    

»Weh mir der Worte

aus Weibermund!

Siege beschert’ uns

mit Sigurd der Bund.

Seine Kühnheit und Kraft

wird künftig uns fehlen

und vom Schwager gezeugte

Schwestersöhne.«

    51    

Gotthorm das Grauherz,

Grímhilds Sprössling,

den grüßte Gunnar

mit guter Miene:

Gunnar 

»Du musst Eide nicht achten,

weil du Eide nicht schworst.

Vergieß jetzt sein Blut,

seinem Blut nicht vermischt!«

    52    

Größe und Gunst ihm

und Gold versprach er.

Das Blut des Bastards

brannte vor Gier.

Schlangenfleisch gaben

zu schlingen sie ihm,

Wolfsfleisch gebraten,

Wein verzaubert.

    53    

Trunken von Tollheit,

tückisch und wölfisch

fletschte er finster

die funkelnden Zähne.

Von Tücke nicht träumend,

von Tücke selbst frei,

ahnte doch unruhig

Unheil Sigurd.

    54    

Er zog in den Wald,

mit zahmem Falken

und Hunden zu jagen,

den Harm zu vergessen.

Geritten kam Gotthorm,

ward Grani gewahr,

da beschimpfte er Sigurd

mit schneidenden Worten.

Gotthorm

    55    

»Du Kind des Werwolfs

und Kriegsgefangener!

Was jagst du hier,

wo der Hirsch sich ergeht?

Du Freier der Frauen

und Beflecker der Ehe,

der an dich willst reißen

unser Reich, unsere Frauen!«

    56    

Im Gesicht dunkelrot

griff Sigurd zum Schwert,

die klammernden Knöchel

am Knauf wurden weiß:

Sigurd 

»Du betrunkener Tor,

der Tod ist dir nahe!

Schleich dich davon

und schlaf deinen Rausch aus!«

    57    

Die Zähne knirscht’ Gotthorm,

da zog Sigurd fort

und kehrte nach Hause,

Kummer ahnend.

Schwarz kam die Nacht,

niemand war wach,

Sigurd zur Seite

schlief selig Gudrún.

    58    

Fahl kam das Frühlicht:

Erfüllt von Hass

schlich Gotthorm sich an

wie ein grimmiger Wolf.

In den Schlafenden stach

das Schwert mit Macht,

die scharfe Spitze

stak im Kissen.

    59    

Hinweg sprang der Wolf,

gewürgt von Furcht

vor den weit aufreißenden

wilden Augen.

Gramr ward gezückt,

und zischend flog es,

schleunig geschleudert,

auf den Schuft durch die Luft.

    60    

Tödlich getroffen

in der Tür schrie er auf

und fuhr in zwei Hälften

zur Hölle nieder.

Das Haupt fiel nach vorn,

nach hinten die Füße,

schwarz floss das Blut

auf die Schwelle der Kammer.

    61    

In süßer Umarmung

sank sie in Schlaf,

zu wildestem Weh

erwachte Gudrún.

Da versank alle Süße

in sickerndem Blut,

im sickernden Blut

des besten Mannes.

    62    

Die bloße Brust

blutig schlug sie,

dass Sigurd sich stemmte

vom schwimmenden Kissen:

Sigurd 

»Weine nicht, Liebe,

dies Leid war verhängt.

Dir bleiben die Brüder –

brich nicht mit ihnen!

    63    

Brynhild ist schuld,

die am stärksten mich liebte,

am schlimmsten mir tat,

am schlimmsten mich täuschte.

Nicht Schande noch Schmach

dem Schwager bracht’ ich;

Eide schwor ich ihm,

alle hielt ich!«

    64    

So starb Sigurd;

umsonst rief ihn Gudrún

und schrie schauerlich

ihren Schmerz heraus.

Da erschauerten Schläfer,

und Schwerter summten,

grell kreischten Gänse

auf grüner Wiese.

    65    

Das hörte Brynhild

im Bett und lachte

aus vollem Herzen,

dass das Haus erbebte,

über Gudrúns Gram

und großen Jammer.

Grimmig versetzte

Gunnar darauf:

Gunnar

    66    

»Du lachst leider nicht

aus Lust und Freude.

Todgeweiht wähn ich dich,

wilde Bestie!

Ganz weiß bist du,

deine Wangen sind kalt,

kalt deine Reden

und dein Raten verflucht.«

Brynhild

    67    

»Verflucht sind die Niflungen,

die Falschen, die Lügner.

Eide schwor Sigurd,

alle hielt er.

Schreckliches Schicksal

ist beschert euch allen,

er aber wird immer

in Ehren bleiben.

    68    

Bruderschaftsbande,

mit Blut geknüpft,

hieltet mit Mord ihr,

er hielt sie mit Treue.

Die Schneide des Schwerts

lag scharf zwischen uns,

glänzend lag Gramr da,

grimmig gezückt.

    69    

Nicht will ich länger

leben mit dir,

mit Lügen und Listen

der Liebe beraubt.

Schmach soll dir bleiben

und Schande auf ewig,

nicht Freundschaft, Gefolgschaft,

nicht feste Treue.«

    70    

Er nahm in den Arm sie,

inständig bat er,

die Hand einzuhalten,

die Hoffnung zu wahren.

So viele sie bestürmten,

sie stieß alle von sich,

sie verlangte allein

nach der letzten Fahrt.

    71    

(Einzig Högni hielt sie nicht ab:)

Högni 

»Lasst sie doch gehen

auf die letzte Fahrt:

Niemals werde sie

wiedergeboren.

Hervor kam sie falsch

aus verfluchtem Schoß,

uns und allen andern

zu Unglück und Leid.«

*

    72    

Behelmt das Haupt,

in der Hand ein Schwert,

so erschien sie geschirmt

von schimmernder Brünne.

Sie stürzte ins Schwert sich,

der Stich war tödlich,

so ließ sie ihr Leben,

die leuchtende Brynhild.

Brynhild

    73    

»Ich bitte, gewähre

diesen Wunsch als letztes:

Hoch schichte auf dem Feld

einen Scheiterhaufen,

schmück ihn mit Schilden

und schönen Tüchern,

röte mit Blut ihn,

lass es rinnen für uns!

    74    

Zwei Falken zu den Händen,

zwei Hunde zu den Füßen,

im schmucken Geschirr

unsere erschlagenen Pferde.

Neben ihm will ich schlafen,

das Schwert zwischen uns,

blinkend und blank

wie im Brautbett einst.

    75    

Im Brand dort verbrenne

Brynhild mit ihm,

die in Flammen erwachte

zu furchtbarem Leid.

In Flammen entsende

den siegreichen Mann,

als Sonne jetzt sinkend,

der als Sonne aufging!«

    76    

Entfacht wurden Flammen,

bis das Feuer brauste

und der Rauch aufstieg,

umringt von Weinen.

So schied nun Sigurd,

der Spross Wölsungs,

dort brannte Brynhild:

Vorbei war das Glück.

*

    77    

Den Höllenweg nahm

die behelmte Königin,

nie wiedergeboren

aus wüsten Gefilden.

Wölsungen freuten sich

im weiten Walhall:

»Sohnessohn, Heil dir,

du Hoffnung Ódins!«

    78    

Bald kam so Sigurd

mit blankem Schwert,

Ódin zu grüßen,

ins beglückte Walhall.

Dort feiert er froh

an des Vaters Seite,

der Erwählte der Welt,

und erwartet den Krieg.

    79    

Wenn Heimdalls Horn

zu hören ist gellend

und die brennende Brücke

sich biegt von Reitern,

dann gebe ihm Brynhild

Gürtel und Schwert,

reiche ihm randvoll

von Ruhm den Becher.

    80    

Zu der Stunde steht

der Unsterbliche auf,

der das Sterben geschmeckt hat

und stirbt drum nicht mehr,

der Schlangentöter,

der Spross Ódins:

Nicht enden wird alles,

die Erde nicht vergehen.

    81    

Behelmt dann das Haupt,

die Hand blitzbewehrt,

glühend sein Geist,

voll Glanz sein Gesicht.

Ist der Krieg überwunden

in der Welt Neubeginn,

werden Wonne sie trinken,

die das Weh geschmeckt.

    82    

So schied nun Sigurd,

der Spross Wölsungs,

der herrlichste Held,

die Hoffnung Ódins.

Doch währt durch die Welt

das Wehgeschick Gudrúns,

bis zum Ende der Zeit

sollen alle sie hören.

*