DEILD –
(Streit)
Am Tag der Bestimmung |
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stieg feurig rot |
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die Sonne und strebte |
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schleunig gen Süden. |
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Da geizte mit Gold nicht |
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Gunnar der König, |
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als Hochzeit er hielt |
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mit der herrlichen Brynhild. |
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Stolz überstrahlend |
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die Schar der Frauen |
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saß dort Brynhild, |
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Braut und Königin. |
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Stark überstrahlend |
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die Schar der Männer |
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kam wie die Sonne |
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Sigurd herein. |
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Gjúkis Tochter, |
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setzte er sich – |
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sie sah’s und verstummte. |
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Wie ein steinernes Standbild |
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starrte sie bleich, |
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so hart und kalt |
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wie behauener Stein. |
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Die Schatten wichen |
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vom verschleierten Herzen, |
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Eide erinnerte er, |
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alle ungehalten. |
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Steif und starr |
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wie ein steinernes Bild, |
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ernst saß er da |
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und ohne Regung. |
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Johlender Jubel |
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mit Jauchzen und Sang |
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erhob sich im Rund – |
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alle hielten’s für Freude. |
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Sie sahen im Saal dort |
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siegreiche Helden |
||||
und königlich hohe |
||||
gekrönte Häupter. |
||||
* |
||||
zur Hirschjagd riefen, |
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eifrig zog Sigurd |
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aus in den Wald. |
||||
Die Königinnen gingen |
||||
mit Kämmen aus Gold |
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zur Wäsche im Fluss, |
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im Wasser des Rheins. |
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Sie lösten die Locken. |
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Den Lauf des Flusses |
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weiter hinauf |
||||
watete eine: |
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Brynhild |
»Das Wasser, das wusch |
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dein weißblondes Haar, |
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fließe nicht füglich |
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übers vornehmere Haupt!« |
||||
Gudrún |
»Edler bin ich, |
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achtbarer vermählt! |
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Überragend an Ruhm |
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ist der Richter Fáfnirs!« |
||||
Brynhild |
»Überragend an Größe |
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ist der Reiter durchs Feuer, |
||||
der die flackernden Flammen |
||||
furchtlos bezwang!« |
||||
Grímhilds Tochter:) |
||||
Gudrún |
»Die Wahrheit sprachst wohl |
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unwissentlich du! |
||||
Deine flackernden Flammen, |
||||
die feurig entbrannten, |
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durchritt der Recke, |
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der den Ring hier dir gab – |
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gewann Gunnar ihn etwa |
||||
auf der Gnitaheide? |
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Andwaris Ring, |
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uralt, verzaubert, |
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steckt bindend als Pfand |
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an Brynhilds Hand. |
||||
Gab etwa Gunnar |
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den glänzenden Ring mir, |
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den hier ich jetzt habe, |
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von der Hand dir gezogen?« |
||||
Kalt ward die Königin, |
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qualvoll getroffen, |
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stumm wie ein Stein |
||||
schritt sie hinweg. |
||||
Vom starken Strom, |
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dem stolzen Rhein, |
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ging sie in die Kammer, |
||||
Kummer zu brüten. |
||||
am Himmel kein Stern, |
||||
zu Tode betrübt |
||||
trauerte sie, |
||||
unglücklich, einsam, |
||||
innerlich finster: |
||||
Brynhild |
»Grausam die Nornen, |
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die Not uns bescherten! |
||||
Was mein ist muss mein sein, |
||||
sonst mordet das Leid mich, |
||||
das Leid mordet mich, |
||||
verliere ich Sigurd. |
||||
Er ist aber Gudrúns, |
||||
und Gunnars bin ich: |
||||
vernichtet mein Leben |
||||
von Nornenhand!« |
||||
Den ganzen Tag |
||||
wie tot lag sie da, |
||||
aß nicht und trank nicht, |
||||
Übles erwägend. |
||||
Ihre Mägde waren ratlos – |
||||
es machte ihr nichts. |
||||
Gunnar sprach mit ihr – |
||||
ergrimmt hörte sie’s. |
||||
Nach bitterem Brüten |
||||
gab Brynhild Antwort: |
||||
Brynhild |
»Was hier so fahl glänzt, |
|||
das Gold, woher kommt es? |
||||
Den Ring, den ich trug, |
||||
wer trägt ihn jetzt?« |
||||
Gunnar schwieg still, |
||||
entgegnete nichts. |
||||
Brynhild |
»Nicht König noch Krieger, |
|||
ein Kümmerling bist du! |
||||
Das Feuer flohst du |
||||
feige schlotternd! |
||||
Als Balg einer Hexe |
||||
geboren bist du. |
||||
Gram treffe Grímhild, |
||||
die den Gram beschwor!« |
||||
Gunnar |
»Schmähworte sprichst du, |
|||
schlimme Walküre, |
||||
Männer mordend, |
||||
Gemetzel liebend!« |
||||
Brynhild |
»Ein Schwert, und ich morde |
|||
und metzele dich, |
||||
du arger Verräter |
||||
und Eidbrüchiger! |
||||
Ich liebt’ nur den Einen, |
||||
der alle überstrahlt, |
||||
schwor einen Eid, |
||||
nur ihn zu wählen, |
||||
zu wählen nur ihn, |
||||
der mein wütendes Feuer |
||||
heldisch bezwang; |
||||
nicht hielt ich den Eid. |
||||
Eidbrüchig bin ich, |
||||
entehrt, erniedrigt, |
||||
der Liebe verlustig, |
||||
im Leben verflucht. |
||||
Nie wirst in der Halle |
||||
du heiter mich wieder |
||||
noch hold und schön |
||||
im Hofe sehen.« |
||||
in leidvoller Klage, |
||||
ihre wilden Worte |
||||
waren weit zu hören. |
||||
Gudrún schmähte, |
||||
Gunnar spottete, |
||||
Högni höhnte sie; |
||||
Hass entflammte. |
||||
* |
||||
und Herzen in Schwarz, |
||||
als zurück von der Jagd |
||||
geritten kam Sigurd. |
||||
Er sollt’ mit ihr sprechen, |
||||
den Schmerz zu vertreiben. |
||||
Er mochte nicht gehen, |
||||
am Morgen ging er. |
||||
Sigurd |
»Sonnenschein, Heil, |
(Er schlägt die |
||
und Sonnenaufgang! |
Decke über |
|||
Schlafe nicht länger, |
Brynhild zu- |
|||
den Schmerz wirf von dir!« |
rück und weckt |
|||
Brynhild |
»Ich schlief auf dem Berg, |
sie, wie er es |
||
ich schlafe nicht mehr! |
schon einmal |
|||
Ich fluch deiner Worte, |
getan hat.) |
|||
du Falscher, du Lügner!« |
||||
Sigurd |
»Von allen Geliebte, |
|||
was leidest du so, |
||||
dem glorreichen Gunnar |
||||
glücklich vermählt?« |
||||
Brynhild |
»Glücklich! Glücklich! |
|||
Welch grausamer Hohn! |
||||
Den Einen nur liebt’ ich, |
||||
der alle überstrahlt.« |
||||
Sigurd |
»Nicht geringeren Rangs |
|||
rühmt sich der Gjúkung, |
||||
mein Blutsbruder |
||||
von bestem Ansehen. |
||||
Freundlich liebt dich |
||||
der furchtlose König – |
||||
sieh und erkenne, |
||||
dass die Sonne dir scheint!« |
||||
Brynhild |
»Furchtlos war Sigurd, |
|||
der Fáfnir bezwang. |
||||
Zweimal durchzog er |
||||
den zuckenden Blitzwall, |
||||
zweimal bezwang er |
||||
das zornige Feuer: |
||||
So großen Ruhm |
||||
errang Gunnar nie.« |
||||
Sigurd |
||||
dass zweimal er’s tat? |
||||
Nicht sagte es Sigurd – |
||||
was sagst es du?« |
||||
Brynhild |
»Dunkel umgab uns. |
|||
Der Glanz deiner Augen, |
||||
deine glänzenden Augen |
||||
gaben mir Qual. |
||||
betrogen bin ich, |
||||
der Liebe verlustig, |
||||
im Leben verflucht. |
||||
Doch fluch ich auch dir, |
||||
du Falscher, du Lügner: |
||||
Du stecktest der andern |
||||
den gestohlenen Ring an. |
||||
Gudrún verfluch ich |
||||
für die grässliche Schande |
||||
gebrochenen Betts |
||||
und gebotenen Leibs. |
||||
Ruhmreich zu sein |
||||
reizt dich allein. |
||||
Als Übelste der Frauen |
||||
erachtest du mich.« |
||||
Sigurd |
»Weh mir der Worte |
|||
aus Weibermund! |
||||
Weh mir des Werks, |
||||
gewirkt von uns! |
||||
Netze umschlingen mich, |
||||
scheußlich gewoben, |
||||
verdüstern mein Denken, |
||||
verdunkeln mein Herz. |
||||
verlangte nach dir. |
||||
Nur dich wollt ich küssen, |
||||
erkenne ich jetzt. |
||||
Ernst saß ich da |
||||
und ohne Regung, |
||||
beherrschte mein Herz, |
||||
hütete mein Denken. |
||||
Trost fand ich darin, |
||||
dich noch zu sehen, |
||||
vermählt einem andern, |
||||
doch mit mir im Haus.« |
||||
Brynhild |
»Zu spät! Zu spät |
|||
sprichst du von Liebe! |
||||
Kein Zauberer zähmt |
||||
meinen Zorn jetzt mehr.« |
||||
Sigurd |
»Ist Hoffnung dahin, |
|||
Heilkunst vergebens? |
||||
Nimmt schreckliches Schicksal |
||||
ein schlimmes Ende?« |
||||
Brynhild |
»Herzenstrost ist mir |
|||
die Hoffnung allein, |
||||
dass ein scharfes Schwert |
||||
erschlägt den Verräter!« |
||||
Sigurd |
»Leicht schlafen Schwerter, |
|||
schnell könnt ich’s fühlen. |
||||
Bitter wär’s Brynhild – |
||||
es brächt ihr den Tod.« |
||||
Brynhild |
»Schmeichelnd spricht er, |
|||
der Stifter des Unheils! |
||||
Kein Licht im Leben |
||||
ließ er mir doch.« |
||||
Sigurd |
»Gunnar würd töten ich, |
|||
Gudrún verlassen, |
||||
zu verhüten Verhängnis, |
||||
dich zu hindern am Sterben!« |
||||
Brynhild |
»Vermählt bin ich einem, |
|||
keinen anderen will ich. |
||||
Keinen will lieben ich, |
||||
und als letzten Sigurd!« |
||||
* |
||||
erfüllt von Kummer, |
||||
ihm barst in der Brust fast |
||||
das brennende Herz. |
||||
Ihm raubten die Ringe |
||||
der Rüstung den Atem, |
||||
sie schnitten so tief |
||||
ins schwellende Fleisch. |
||||
Gegangen kam Gudrún, |
||||
glänzend von Liebreiz: |
||||
Gudrún |
»Schläft Brynhild jetzt, |
|||
die schwer Erkrankte?« |
||||
Sigurd |
»Brynhild schläft nicht, |
|||
sie brütet finster, |
||||
finster brütet sie |
||||
Fluch und Verderben.« |
||||
Hilflos schluchzend |
||||
umschlang ihn Gudrún: |
||||
Gudrún |
»Was brütet Brynhild, |
|||
welch bitteren Fluch?« |
||||
Sigurd |
»Du weißt es wohl, |
|||
nicht wert ist’s der Frage. |
||||
Weh mir der Worte |
||||
aus Weibermund!« |
||||
(Da sprach Gunnar |
||||
schweren Herzens:) |
||||
Gunnar |
»Ob Hoffnung auf Heilung |
|||
des Harms besteht, |
||||
wenn Gold wir ihr bieten, |
||||
Gold und Silber?« |
||||
Sigurd |
»Gold und Silber |
|||
mag Gunnar ihr bieten. |
||||
Der zaubernde Zähmer |
||||
ihres Zorns sei ihr Mann!« |
||||
Gold und Silber, |
||||
golden und silbern |
||||
gleißende Schätze. |
||||
Brynhild |
»Gunnar, sprich nicht |
|||
von Gold und Silber! |
||||
Mehr schätzt’ ich Schwerter, |
||||
zu erschlagen mich selbst. |
||||
Wer an Stärke überstrahlt |
||||
die Scharen der Männer, |
||||
einzig solchen |
||||
ehrt meine Liebe. |
||||
Geringer wardst du |
||||
an Rang als dein Lehnsmann, |
||||
Knappe des Wölsungen, |
||||
Knecht des Vasallen! |
||||
Dem Gelächter der Leute |
||||
überlasse ich dich, |
||||
geschieden im Bett, |
||||
geschmäht bei Tisch, |
||||
wenn das Leben du lässt |
||||
dem Lehnsmann, dem falschen, |
||||
und Sigurd nicht erschlägst, |
||||
deiner Schwester Mann.« |
||||
Gunnar |
»Feindin des Friedens, |
|||
Furchtbare, du! |
||||
Eide schwor ich |
||||
auf ewige Zeit, |
||||
Bruderschaftsbande, |
||||
mit Blut geknüpft. |
||||
Auch Brynhild zuliebe |
||||
brech ich sie kaum.« |
||||
Brynhild |
»Auch ich schwor Eide |
|||
auf ewige Zeit. |
||||
Leicht nahmst du sie, |
||||
Belogen ward ich! |
||||
Den Schwurbruder Sigurd |
||||
schicktest du mir. |
||||
Leib an Leib liegend |
||||
mein Lager teilt’ er, |
||||
mich verratend |
||||
verriet er dich. |
||||
Zu Gudrún ging er, |
||||
Gudrún verriet er’s. |
||||
Schande umschließt mich, |
||||
beschämt bist du!« |
||||
Gunnar ging fort |
||||
mit Gram im Herzen, |
||||
den Tag über saß er |
||||
in tiefem Brüten. |
||||
Von Stimmung zu Stimmung |
||||
schwankte sein Sinn, |
||||
von Schande zu Schande, |
||||
verschmäht von den Freunden. |
||||
Er holte Högni |
||||
zu geheimer Beratung, |
||||
verlässlich schien ihm |
||||
der leibliche Bruder. |
||||
Gunnar |
Ȇbel tat Sigurd: |
|||
Eide schwor er mir, |
||||
schwor mir Eide, |
||||
alle brach er. |
||||
Mein Vertrauen enttäuschte, |
||||
dem ich traute am meisten, |
||||
die Treue verriet, |
||||
den am treusten ich wähnte.« |
||||
Högni |
»Heuchelnden Herzens |
|||
hetzt dich auf Brynhild, |
||||
Schaden zu schaffen |
||||
spornt sie dich an. |
||||
Gudrún hasst sie, |
||||
missgönnt ihr die Liebe, |
||||
hasst deine Liebe, |
||||
belügt dich darum.« |
||||
Gunnar |
»Höher gilt sie mir |
|||
als die höchste der Frauen, |
||||
höher als Schätze |
||||
schätze ich Brynhild. |
||||
Lieber das Leben |
||||
lass ich als sie. |
||||
Die Leute verlachen |
||||
den verlassenen Mann. |
||||
Morden wir Sigurd! |
||||
Meineidig ist er. |
||||
Lass uns allein |
||||
übers Land wieder herrschen! |
||||
Morden wir Sigurd, |
||||
ist die Sorge zu Ende |
||||
und sein herrlicher Hort |
||||
gehört allein uns!« |
||||
Högni |
»Weh mir der Worte |
|||
aus Weibermund! |
||||
Siege beschert’ uns |
||||
mit Sigurd der Bund. |
||||
Seine Kühnheit und Kraft |
||||
wird künftig uns fehlen |
||||
und vom Schwager gezeugte |
||||
Schwestersöhne.« |
||||
Grímhilds Sprössling, |
||||
den grüßte Gunnar |
||||
mit guter Miene: |
||||
Gunnar |
»Du musst Eide nicht achten, |
|||
weil du Eide nicht schworst. |
||||
Vergieß jetzt sein Blut, |
||||
seinem Blut nicht vermischt!« |
||||
Größe und Gunst ihm |
||||
und Gold versprach er. |
||||
Das Blut des Bastards |
||||
brannte vor Gier. |
||||
Schlangenfleisch gaben |
||||
zu schlingen sie ihm, |
||||
Wolfsfleisch gebraten, |
||||
Wein verzaubert. |
||||
Trunken von Tollheit, |
||||
tückisch und wölfisch |
||||
fletschte er finster |
||||
die funkelnden Zähne. |
||||
Von Tücke nicht träumend, |
||||
von Tücke selbst frei, |
||||
ahnte doch unruhig |
||||
Unheil Sigurd. |
||||
Er zog in den Wald, |
||||
mit zahmem Falken |
||||
und Hunden zu jagen, |
||||
den Harm zu vergessen. |
||||
Geritten kam Gotthorm, |
||||
ward Grani gewahr, |
||||
da beschimpfte er Sigurd |
||||
mit schneidenden Worten. |
||||
Gotthorm |
»Du Kind des Werwolfs |
|||
und Kriegsgefangener! |
||||
Was jagst du hier, |
||||
wo der Hirsch sich ergeht? |
||||
Du Freier der Frauen |
||||
und Beflecker der Ehe, |
||||
der an dich willst reißen |
||||
unser Reich, unsere Frauen!« |
||||
Im Gesicht dunkelrot |
||||
griff Sigurd zum Schwert, |
||||
die klammernden Knöchel |
||||
am Knauf wurden weiß: |
||||
Sigurd |
»Du betrunkener Tor, |
|||
der Tod ist dir nahe! |
||||
Schleich dich davon |
||||
und schlaf deinen Rausch aus!« |
||||
Die Zähne knirscht’ Gotthorm, |
||||
da zog Sigurd fort |
||||
und kehrte nach Hause, |
||||
Kummer ahnend. |
||||
Schwarz kam die Nacht, |
||||
niemand war wach, |
||||
Sigurd zur Seite |
||||
schlief selig Gudrún. |
||||
Erfüllt von Hass |
||||
schlich Gotthorm sich an |
||||
wie ein grimmiger Wolf. |
||||
In den Schlafenden stach |
||||
das Schwert mit Macht, |
||||
die scharfe Spitze |
||||
stak im Kissen. |
||||
Hinweg sprang der Wolf, |
||||
gewürgt von Furcht |
||||
vor den weit aufreißenden |
||||
wilden Augen. |
||||
Gramr ward gezückt, |
||||
und zischend flog es, |
||||
schleunig geschleudert, |
||||
auf den Schuft durch die Luft. |
||||
Tödlich getroffen |
||||
in der Tür schrie er auf |
||||
und fuhr in zwei Hälften |
||||
zur Hölle nieder. |
||||
Das Haupt fiel nach vorn, |
||||
nach hinten die Füße, |
||||
schwarz floss das Blut |
||||
auf die Schwelle der Kammer. |
||||
In süßer Umarmung |
||||
sank sie in Schlaf, |
||||
zu wildestem Weh |
||||
erwachte Gudrún. |
||||
Da versank alle Süße |
||||
in sickerndem Blut, |
||||
im sickernden Blut |
||||
des besten Mannes. |
||||
Die bloße Brust |
||||
blutig schlug sie, |
||||
dass Sigurd sich stemmte |
||||
vom schwimmenden Kissen: |
||||
Sigurd |
»Weine nicht, Liebe, |
|||
dies Leid war verhängt. |
||||
Dir bleiben die Brüder – |
||||
brich nicht mit ihnen! |
||||
Brynhild ist schuld, |
||||
die am stärksten mich liebte, |
||||
am schlimmsten mir tat, |
||||
am schlimmsten mich täuschte. |
||||
Nicht Schande noch Schmach |
||||
dem Schwager bracht’ ich; |
||||
Eide schwor ich ihm, |
||||
alle hielt ich!« |
||||
So starb Sigurd; |
||||
umsonst rief ihn Gudrún |
||||
und schrie schauerlich |
||||
ihren Schmerz heraus. |
||||
Da erschauerten Schläfer, |
||||
und Schwerter summten, |
||||
grell kreischten Gänse |
||||
auf grüner Wiese. |
||||
Das hörte Brynhild |
||||
im Bett und lachte |
||||
aus vollem Herzen, |
||||
dass das Haus erbebte, |
||||
über Gudrúns Gram |
||||
und großen Jammer. |
||||
Grimmig versetzte |
||||
Gunnar darauf: |
||||
Gunnar |
»Du lachst leider nicht |
|||
aus Lust und Freude. |
||||
Todgeweiht wähn ich dich, |
||||
wilde Bestie! |
||||
Ganz weiß bist du, |
||||
deine Wangen sind kalt, |
||||
kalt deine Reden |
||||
und dein Raten verflucht.« |
||||
Brynhild |
||||
die Falschen, die Lügner. |
||||
Eide schwor Sigurd, |
||||
alle hielt er. |
||||
Schreckliches Schicksal |
||||
ist beschert euch allen, |
||||
er aber wird immer |
||||
in Ehren bleiben. |
||||
Bruderschaftsbande, |
||||
mit Blut geknüpft, |
||||
hieltet mit Mord ihr, |
||||
er hielt sie mit Treue. |
||||
Die Schneide des Schwerts |
||||
lag scharf zwischen uns, |
||||
glänzend lag Gramr da, |
||||
grimmig gezückt. |
||||
Nicht will ich länger |
||||
leben mit dir, |
||||
mit Lügen und Listen |
||||
der Liebe beraubt. |
||||
Schmach soll dir bleiben |
||||
und Schande auf ewig, |
||||
nicht Freundschaft, Gefolgschaft, |
||||
nicht feste Treue.« |
||||
Er nahm in den Arm sie, |
||||
inständig bat er, |
||||
die Hand einzuhalten, |
||||
die Hoffnung zu wahren. |
||||
So viele sie bestürmten, |
||||
sie stieß alle von sich, |
||||
sie verlangte allein |
||||
nach der letzten Fahrt. |
||||
(Einzig Högni hielt sie nicht ab:) |
||||
Högni |
»Lasst sie doch gehen |
|||
auf die letzte Fahrt: |
||||
Niemals werde sie |
||||
wiedergeboren. |
||||
Hervor kam sie falsch |
||||
aus verfluchtem Schoß, |
||||
uns und allen andern |
||||
zu Unglück und Leid.« |
||||
* |
||||
in der Hand ein Schwert, |
||||
so erschien sie geschirmt |
||||
von schimmernder Brünne. |
||||
Sie stürzte ins Schwert sich, |
||||
der Stich war tödlich, |
||||
so ließ sie ihr Leben, |
||||
die leuchtende Brynhild. |
||||
Brynhild |
||||
diesen Wunsch als letztes: |
||||
Hoch schichte auf dem Feld |
||||
einen Scheiterhaufen, |
||||
schmück ihn mit Schilden |
||||
und schönen Tüchern, |
||||
röte mit Blut ihn, |
||||
lass es rinnen für uns! |
||||
Zwei Falken zu den Händen, |
||||
zwei Hunde zu den Füßen, |
||||
im schmucken Geschirr |
||||
unsere erschlagenen Pferde. |
||||
Neben ihm will ich schlafen, |
||||
das Schwert zwischen uns, |
||||
blinkend und blank |
||||
wie im Brautbett einst. |
||||
Im Brand dort verbrenne |
||||
Brynhild mit ihm, |
||||
die in Flammen erwachte |
||||
zu furchtbarem Leid. |
||||
In Flammen entsende |
||||
den siegreichen Mann, |
||||
als Sonne jetzt sinkend, |
||||
der als Sonne aufging!« |
||||
Entfacht wurden Flammen, |
||||
bis das Feuer brauste |
||||
und der Rauch aufstieg, |
||||
umringt von Weinen. |
||||
So schied nun Sigurd, |
||||
der Spross Wölsungs, |
||||
dort brannte Brynhild: |
||||
Vorbei war das Glück. |
||||
* |
||||
die behelmte Königin, |
||||
nie wiedergeboren |
||||
aus wüsten Gefilden. |
||||
Wölsungen freuten sich |
||||
im weiten Walhall: |
||||
»Sohnessohn, Heil dir, |
||||
du Hoffnung Ódins!« |
||||
Bald kam so Sigurd |
||||
mit blankem Schwert, |
||||
Ódin zu grüßen, |
||||
ins beglückte Walhall. |
||||
Dort feiert er froh |
||||
an des Vaters Seite, |
||||
der Erwählte der Welt, |
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und erwartet den Krieg. |
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Wenn Heimdalls Horn |
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zu hören ist gellend |
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und die brennende Brücke |
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sich biegt von Reitern, |
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dann gebe ihm Brynhild |
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Gürtel und Schwert, |
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reiche ihm randvoll |
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von Ruhm den Becher. |
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Zu der Stunde steht |
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der Unsterbliche auf, |
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der das Sterben geschmeckt hat |
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und stirbt drum nicht mehr, |
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der Schlangentöter, |
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der Spross Ódins: |
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Nicht enden wird alles, |
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die Erde nicht vergehen. |
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Behelmt dann das Haupt, |
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die Hand blitzbewehrt, |
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glühend sein Geist, |
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voll Glanz sein Gesicht. |
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Ist der Krieg überwunden |
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in der Welt Neubeginn, |
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werden Wonne sie trinken, |
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die das Weh geschmeckt. |
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So schied nun Sigurd, |
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der Spross Wölsungs, |
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der herrlichste Held, |
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die Hoffnung Ódins. |
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Doch währt durch die Welt |
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das Wehgeschick Gudrúns, |
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bis zum Ende der Zeit |
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sollen alle sie hören. |
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