KOMMENTAR ZUR
VÖLSUNGAKVIĐA EN NÝJA

u1

Der Untertitel Sigurðarkviða en mesta bedeutet »Das längste Sigurdlied« (siehe dazu S. 365).

Im Kommentar wird die Völsungakviða en nýja durchweg einfach »das Lied« oder gelegentlich »das Wölsungenlied« genannt und die Völsunga Saga »die Saga«. Der Name »Edda« bezieht sich immer auf die »Ältere Edda« oder »Lieder-Edda«; Snorri Sturlusons Werk wird als »Prosa-Edda« bezeichnet.

Die neun Teile des Gedichts nach dem »Upphaf« werden mit römischen und die Strophen mit arabischen Ziffern bezeichnet: VII,6 ist folglich die sechste Strophe im Teil »Gudrún« [VII,6,5–8 sind die Verse 5–8 dieser Strophe]. Die Anmerkungsziffern beziehen sich auf Strophen, nicht auf Verse. Den Strophenkommentaren geht jeweils eine allgemeine Einführung in den Teil voraus.

UPPHAF

(Eingang)

Dieses Vorspiel zum Wölsungenlied hat zum Vorbild das berühmteste Lied der Edda, die Völuspá. Darin spricht die Wölwa, die weise Seherin, vom Ursprung der Welt, dem Jugendalter der Götter und dem ersten Krieg, worauf sie die Ragnarök vorhersagt, den Untergang der Götter, und die anschließende Erneuerung der Erde, die wieder aus der Meerestiefe aufsteigt (vgl. dazu auch den dritten Teil des Gedichts meines Vaters Die Weissagung der Seherin im Anhang B am Ende des Buches).

Aber die Bilder der Völuspá werden hier auf ein gänzlich neuartiges Motiv ausgerichtet, denn die Seherin erklärt (13–15), das Schicksal der Welt und der Ausgang des letzten Gefechts hingen ab vom Eingreifen eines Mannes, »der das Sterben geschmeckt hat / und stirbt drum nicht mehr«, und dieser Eine ist Sigurd, »der Schlangentöter, / der Spross Ódins«. Auf diesen »Erwählten der Welt« warten die gerüsteten Krieger in Walhall (20). Wie mein Vater in seiner erläuternden Notiz (iv) auf S. 65 darlegt, setzt Ódin seine Hoffnung darauf, dass Sigurd an diesem letzten Tag die gewaltigste aller Schlangen töten wird, den Miðgarðsormr (siehe Anmerkung zu 12 unten), und dass er »damit eine neue Welt ermöglicht«.

»Dieses Motiv der besonderen Aufgabe Sigurds ist eine Erfindung des Verfassers«, bemerkt mein Vater in demselben kurzen Text. Eine Verbindung zu seiner eigenen Mythologie kommt mir zumindest wahrscheinlich vor, insofern nämlich, als Túrin Turambar, dem Töter des großen Drachen Glaurung, ebenfalls eine besondere Bestimmung zugedacht war: Er sollte im letzten Gefecht mit seinem schwarzen Schwert den dunklen Fürsten Morgoth niederschlagen. Diese mysteriöse Bestimmung taucht schon in der alten Geschichte Turambars (von 1919 oder früher) auf und dann wieder als Prophezeiung in den Silmarillion-Texten der dreißiger Jahre; so heißt es in der Quenta Noldorinwa: »Das schwarze Schwert Túrins wird Melko [Morgoth] zuletzt den Tod und das Ende bereiten, und damit werden die Kinder Húrins und alle Menschen gerächt.« Bemerkenswerterweise findet sich dieser Gedanke leicht abgewandelt in einem kurzen Aufsatz wieder, den mein Vater gegen Ende seines Lebens schrieb und in dem es heißt, dass die weise Andreth aus dem Hause Bëor geweissagt hatte, »Túrin sollte im letzten Gefecht von den Toten zurückkehren, und bevor er die Kreise der Welt endgültig verließ, sollte er gegen Morgoths großen Drachen antreten, den schwarzen Ancalagon, und ihm den Todesstreich versetzen«. Die außerordentliche Verwandlung Túrins belegt auch ein Eintrag in den Annals of Aman, wo es heißt, das große Sternbild Menelmakar, der Schwertkämpfer des Himmels (Orion), sei »ein Zeichen, dass Túrin Turambar auf die Welt kommen sollte, und ein Omen des letzten Gefechts, das am Ende der Tage stattfinden wird«.9

Da es ansonsten (soweit ich weiß) von meinem Vater nichts Schriftliches zu dieser rätselhaften Fassung der Sigurdgestalt gibt, glaube ich, dass Spekulationen über ihre weitergehende Bedeutung die editorischen Grenzen überschreiten würden, die ich mir in diesem Buch gesetzt habe.

Der Ódin meines Vaters bleibt durchaus seiner herkömmlichen Rolle treu, seine »Erwählten« als Mitstreiter in den Ragnarök in Walhall zu versammeln, und im Wölsungenlied tritt er Sigmund entgegen, Sigurds Vater, und entwaffnet ihn in seinem letzten Kampf, so dass er getötet wird (IV,8f.). In der nordischen Sage besteht die Vorstellung, dass Ódin aus gutem Grund treulos, unzuverlässig und unheimlich ist, Streit zwischen Verwandten fördert und zuletzt seine Lieblinge im Stich lässt und zu Fall bringt: Er braucht seine Männer, braucht seine Lieblinge am Tag der Ragnarök (siehe Anmerkung zu IX,77f.).

Doch aus dem bemerkenswerten Ideenkomplex, der Ódin im nordischen Altertum umgibt und dessen Vielschichtigkeit stark wechselnde religiöse und symbolische Vorstellungen ahnen lässt, schält sich im Werk meines Vaters ein Gott heraus, der sich nur wenig von der verschlagenen, finsteren und geheimnisvollen Figur der alten Schriften bewahrt hat: dem Gott des Krieges, Herrn der Walküren, Erreger des Furors, Eingeweihten, Herrn der Galgen, sich selbst Geopferten, obszönen Magier, Inspirator der Dichter, Verwandlungskünstler, einäugigen Alten, treulosen Freund und Opfer des Wolfs am letzten Tag. »Bekümmert von Kenntnis / künftigen Leids« (18) und von meinem Vater mit Bezug auf sein eigenes Gedicht und seine Behandlung der alten Sage als Symbolgestalt der Umsicht und Weisheit neben Lokis Bosheit und Torheit begriffen, wirkt Ódin eher wie der Manwe der Silmarillion-Mythologie; und mein Vater nennt sie beide »Herrscher über Götter und Menschen«.

 

1

Zu dieser Strophe siehe S. 376. Sie folgt der dritten Strophe der Völuspá. In einer Vorlesung, in der mein Vater den nordischen Wortlaut zitierte, ließ er diese erste Strophe des »Upphaf« folgen, mit zwei Unterschieden: »shivering« statt »surging waves«, »unraised« statt »unroofed was Heaven«.

11

In der Prosa-Edda erzählt Snorri, dass Heimdall (Heimdallr) der Wächter der Götter (Ásen) ist und nahe Bifröst (»schwankender Weg«) wohnt, der Regenbogenbrücke zwischen Ásgard, dem Reich der Ásen, und Midgard, der Welt der Menschen (siehe Anmerkung zu 12), die er vor den Bergriesen schützt. Aber in den Ragnarök (dem Untergang der Götter) wird Bifröst von den Heeren überquert werden, die aus dem Feuerland Múspell kommen, und wird unter ihnen zusammenbrechen. Das Rot im Bogen ist brennendes Feuer. Heimdalls Horn ist das Gjallarhorn, dessen lauter Schall in allen Welten zu hören ist, und zu den Ragnarök wird er es blasen.

Die Esche ist Yggdrasill, der Weltenbaum, dessen Äste sich über Erde und Himmel breiten. Der Wolf ist Fenrir (in 13 genannt), den die Götter gefesselt haben; doch zu den Ragnarök wird der Fenriswolf seine Fesseln zerreißen und Ódin verschlingen.

12

Surt (Surtr) ist der dämonische Feuerriese, der zu den Ragnarök aus dem feurigen Múspell gegen die Götter zieht.

Die »schlummernde Schlange« ist der Miðgarðsormr, die Midgardschlange, die mit den Meeren, in denen sie wohnt, die Menschenwelt Midgard umschließt. Der nordische Name Miðgarðr entspricht dem altenglischen Middan-geard, Middan-eard, das der späteren Form Middle-earth, »Mittelerde«, zugrunde liegt.

Das »Schattenschiff« ist Naglfar, das aus den Nägeln der Toten gebaut ist.

13

Frey (Freyr) ist der oberste Gott der Fruchtbarkeit, des Friedens und der Fülle in Norwegen und Schweden; Freyja (17) war seine Schwester.

Der »düstere Drache« ist die Midgardschlange (siehe Anmerkung zu 12).

I
ANDVARA-GULL

(Andwaris Gold)

Für die im Teil I des Wölsungenlieds erzählte Geschichte sind die Quellen das Reginlied (Reginsmál) der Edda, das tatsächlich weniger ein Lied ist als ein Stückwerk alter Versfragmente mit Prosaeinschüben, eine Passage aus Snorri Sturlusons Version der Wölsungensage in der Prosa-Edda und die Völsunga Saga. Die wenigen Strophen in den Reginsmál, die für diesen Teil der Geschichte von Belang sind (der Dialog zwischen Loki und Andwari sowie der zwischen Loki und Hreidmar nach der Entrichtung des Goldes), dienen dem Lied hier und da zum Vorbild, aber nur die Verse 5f. der Strophe 8 sind eine ungefähre Übersetzung (Andvari ek heiti, Óinn hét minn faðir).

Bis auf diese Stelle ist »Andvara-gull« ein neues Gedicht. Es enthält ganz bewusst viele dunkle Anspielungen, und ich gebe hier gerafft den Handlungsverlauf nach den beiden Prosafassungen wieder, die mit wenigen Ausnahmen kaum voneinander abweichen.

Erzählt wird, dass die drei Ásen Ódin, Hönir und Loki in die Welt hinausziehen und zu Andwaris Wasserfall kommen, benannt nach dem Zwerg Andwari, der in Gestalt eines Hechts in dem Wasserfall Fische fängt (Snorri erwähnt Andwari an dieser Stelle nicht). Dort ist ein Otter, der einen Lachs gefangen hat und ihn am Flussufer verzehrt, aber Loki wirft einen Stein nach dem Otter und tötet ihn. Darauf nehmen sich die Ásen den Lachs und den Otter und ziehen weiter, bis sie zum Haus eines gewissen Hreidmar kommen. Snorri nennt ihn einen Bauern, sehr stark und überaus zauberkundig, in der Saga ist er einfach ein bedeutender und wohlhabender Mann, in der Einleitung zu diesem Teil des Liedes dagegen ist er ein »Dämon«.

Die Ásen bitten Hreidmar um ein Nachtquartier und sagen, sie hätten genug zu essen mit, und sie zeigen ihm ihren Fang. Der Otter aber ist Hreidmars Sohn Otr, der beim Fischfang immer die Gestalt eines Otters annahm (was der Name Otr natürlich bedeutet). Da ruft Hreidmar seine zwei anderen Söhne Fáfnir und Regin herbei, und sie ergreifen die Ásen, fesseln sie und erklären, um sich freizukaufen müssten sie den Otterbalg mit Gold füllen und ihn ganz damit bedecken, so dass von ihm nicht mehr das geringste zu sehen sei.

Hier gehen nun die Prosaversionen auseinander. Snorri zufolge (der Andwari vorher noch gar nicht erwähnt hat) sendet Ódin nun Loki nach Schwarzelbenheim (Svartálfaheimr), dem Land der Dunkelelben, wo der Zwerg Andwari »als Fisch im Wasser« lebt, und Loki fängt ihn mit bloßer Hand. In der Saga soll Loki Rán aufsuchen, die Frau des Meergottes Ägir, und von ihr das Netz holen, mit dem sie Ertrinkende in die Tiefe zieht. Mit diesem Netz fängt er den Zwerg Andwari, der seinerseits in seinem Wasserfall in Gestalt eines Hechts Fische fängt. Nach dieser Geschichte richtete sich mein Vater (7).

Andwari löst sich mit seinem Goldhort aus, wobei er versucht, einen kleinen Goldring für sich zu behalten, doch Loki bemerkt es und nimmt ihm den Ring ab (9). Nur in Snorris Darstellung bittet Andwari, ihn behalten zu dürfen, weil er mit ihm seinen Reichtum vermehren könne, aber Loki erwidert, er dürfe nicht einen Kreuzer zurückbehalten.

Andwari erklärt, der Ring werde jedem den Tod bringen, der ihn oder irgendeinen Teil des Goldes besitzt. Snorri schreibt: »Loki sagte, dies sei ihm ganz recht, und meinte, diese Voraussage möge ruhig gelten, und er werde sie dem, der den Ring erhalten werde, gern mitteilen.« Dann kehrt Loki zu Hreidmar zurück, und als Ódin den Ring erblickt, will er ihn für sich haben und nimmt ihn vom Schatz weg. Der Otterbalg wird mit dem Gold Andwaris gefüllt und bedeckt, doch als Hreidmar ganz genau hinschaut, erspäht er ein Barthaar und verlangt, das müssten sie auch bedecken. Da holt Ódin Andwaris Ring (Andwaranaut, »Andwaris Besitz«) hervor und bedeckt das Haar damit. Als aber Ódin seinen Speer ergriffen hat und Loki seine Schuhe und sie sich nicht mehr fürchten müssen, verkündet Loki, Andwaris Fluch solle sich nunmehr erfüllen. Damit ist erzählt (schließt Snorri), warum das Gold »Otterbuße« (otrgjöld) oder »Zwangsgeld der Ásen« (nauðgjald ásanna) genannt wird (siehe auch S. 48f.).

Ein wichtiger Unterschied zwischen den beiden Prosaversionen ist, dass Snorri seine Darstellung der Wölsungensage mit »Andwaris Gold« beginnen lässt, während diese Episode in der Saga erst viel später kommt, und zwar als Geschichte, die Regin, Hreidmars Sohn, Sigurd erzählt, bevor dieser zum Kampf gegen den Drachen auszieht. Doch obwohl mein Vater in dem Punkt Snorri folgte, hielt er sich insofern an die Saga, als bei ihm Regin in V,7–11 Sigurd eine kurze Zusammenfassung von »Andwaris Gold« gibt, die einige Verse aus Teil I wiederholt.

 

1

Von allen nordischen Göttern ist Loki der rätselhafteste; in den alten Schriften fällt ständig sein Name und werden Geschichten von ihm erzählt, und es ist unmöglich, eine kurze Charakterisierung von ihm zu geben. Aber da Loki in diesen Gedichten nur hier erscheint sowie in den Äußerungen meines Vaters zu ihm auf S. 66, erscheint es mir angemessen und ausreichend, Snorri Sturlusons Beschreibung in der Prosa-Edda zu zitieren:

Auch der wird zu den Ásen gezählt, den manche den Aufwiegler unter den Ásen, den Erzlügner und die Schande aller Götter und Menschen nennen … Loki ist schmuck und schön anzuschauen, aber von schlechtem Charakter und unberechenbar in seinem Verhalten. Er übertrifft alle anderen in der Klugheit, die man Verschlagenheit nennt, und lügt und betrügt in jeder Lebenslage. Er brachte die Ásen in viele Schwierigkeiten, aber oft half er ihnen auch mit seiner List heraus.

In dieser Strophe wird Loki »flinkfüßig« genannt, und in Snorris Version der Geschichte von Andwaris Gold heißt es, wie schon erwähnt, dass nach der Zahlung des Lösegelds an Hreidmar Ódin seinen Speer ergreift »und Loki seine Schuhe«. An anderer Stelle erwähnt Snorri Lokis Schuhe, »mit denen er durch Luft und Wasser lief«.

Von dem Gott Hönir wird im Lied nicht mehr gesagt, als dass er statt zur Linken Ódins wie Loki zu seiner Rechten geht. In der ein wenig dunklen Interpretation, die mein Vater in der Notiz (iv) auf S. 66 gibt, nennt er den Gefährten Ódins, der rechts von ihm geht, einen »namenlosen Schatten«, doch dabei muss es sich um Hönir handeln oder zumindest um eine von ihm abgeleitete Gestalt. So außerordentlich viel jedoch in den nordischen mythologischen Erzählungen von Loki berichtet wird, so wenig erfahren wir von Hönir, und meines Wissens gibt es in den verbliebenen Relikten nichts, was auf den neben Ódin wandelnden »namenlosen Schatten« ein Licht werfen würde.

6

Ásgard ist das Reich der Ásen genannten Götter.

7

Rán ist die Frau des Meergottes Ägir (siehe S. 326).

13–15

Was in diesen abschließenden Strophen über Ódins Hoffnung und Ódins Erwählte gesagt wird, hat in den nordischen Texten selbstverständlich keine Entsprechung.

II
SIGNÝ

Dies ist eine Versifizierung von Handlungssträngen aus den ersten Kapiteln der Völsunga Saga. Es gibt kein altes Lied, das diese Geschichte erzählt oder auch nur erwähnt, außer einer kümmerlichen halben Strophe (siehe Anmerkung zu 37–39), aber dieser Teil des Wölsungenlieds lässt sich als Versuch begreifen, ein solches nachzuempfinden. Er ist eine Auswahl starker dramatischer Momente, und viele Elemente der Prosa-Saga sind weggelassen, vor allem die besonders grausamen Stellen (siehe die Anmerkungen zu 30–32, 37–39).

Die Gauten (altnordisch Gautar) in der Einleitung zu diesem Teil lebten in Gautland im heutigen Südschweden, südlich der großen Seen. Der Name Gautar ist historisch identisch mit altenglisch Geatas, dem Volk Beowulfs.

 

1f.

Diese beiden Strophen geben in extrem geraffter Form den Anfang der Saga wieder, der ganz nüchtern von Wölsungs unmittelbaren Vorfahren berichtet. Mein Vater fand diese nüchterne Art für seine Zwecke offenbar ungeeignet.

2

Wölsung war »sehnlich erwünscht«, weil Rerirs Frau lange unfruchtbar war.

4

In der Saga heißt der Baum in der Mitte von König Wölsungs Halle barnstokkr, »Kinderbaum«, und wird als Apfelbaum bezeichnet.

7

»Froh sangen Vögel«. Die Vögel sitzen in den Zweigen des großen Baums, der die Halle trägt (wiederholt in 11, siehe auch III,2).

10

König Siggeir und viele andere Gäste kommen zur Hochzeit, die in König Wölsungs Halle gefeiert wird.

12f.

In der Saga wird der alte Mann auf eine Weise beschrieben, die deutlich macht, dass es sich um Ódin handelt, doch er wird nicht mit Namen genannt. Hier im Lied heißt er Grímnir, »der Maskierte«, ein Name Ódins, der in der Saga überhaupt nicht vorkommt, sondern aus dem Eddalied Grímnismál genommen ist.

Mit dem »starken Stamm« in 13,3 ist der Kinderbaum gemeint, in den Ódin das Schwert stößt.

14

»Gaute und Wölsung«. Wölsungs Kinder und sein ganzes Geschlecht werden oft Völsungar genannt, »Wölsungen«, wie im Namen der Saga und in der Inhaltsangabe zu diesem Teil.

16

Dies ist der Auslöser der Feindschaft und Siggeirs Motiv, Wölsung und seine Söhne anzugreifen, als sie ihm in Gautland einen Gastbesuch abstatten (21–23). Siggeir ist über Sigmunds Antwort erzürnt, aber weil er (mit den Worten der Saga) »ein sehr hinterlistiger Mann war, tut er einstweilen so, als kümmere ihn die Rede nicht«.

17–22

In der Saga wird erzählt, dass am Tag nach der Hochzeitsnacht (19,5f.: »Letzte Nacht lag ich / in lieblosem Bett«) Siggeir abrupt aufbricht und mit Signý nach Gautland heimfährt, nachdem er Wölsung und seine Söhne eingeladen hat, drei Monate später als seine Gäste zu ihm zu kommen (21). Signý kommt unmittelbar nach der Landung zu ihnen, um sie vor Siggeirs Anschlag zu warnen (22), aber der Saga zufolge will Wölsung nicht auf Signý hören, die ihn anfleht, er möge unverzüglich in die Heimat zurückfahren und ihr gestatten, bei ihnen zu bleiben und nicht zu Siggeir zurückzukehren.

17

»Hecken« heißt hier hervorbringen.

23

»Than« ist ein adliger Gefolgsmann.

29

In der Saga werden Wölsungs Söhne im Wald »in den Block« gesetzt, das heißt, in einen gespaltenen Stamm mit Fuß- und Handlöchern, und jede Nacht kommt eine alte Wölfin und holt sich einen. Am zehnten Tag schickt Signý ihren treuen Diener zu Sigmund, der als einziger noch lebt, damit er ihm Honig ins Gesicht streicht und etwas in den Mund tut. Als die Wölfin kommt, schleckt sie ihm das Gesicht ab und steckt ihm die Zunge in den Mund; da beißt er kräftig hinein. Die Wölfin fährt heftig zurück und stemmt die Beine gegen den Block, in dem Sigmund sitzt, so dass er zerbricht. Er aber hält die Zunge fest, so dass sie an der Wurzel abreißt und die Wölfin stirbt. »Manche Leute erzählen«, heißt es in der Saga, »diese Wölfin sei König Siggeirs Mutter gewesen, und sie habe diese Gestalt durch Zauberkunst und Hexerei angenommen.«

Während in der Saga der Block an dieser Stelle der Geschichte ein wichtiges Element ist, ist im Lied davon nicht die Rede, sondern nur allgemein von Fesseln. Die Wölfin ist zwar »beraubt der Zunge«, aber »vom geborstenen Baum« (siehe die Anmerkung zu 30–32).

30–32

Diese Episode ist sehr stark zusammengezogen, und Elemente, die in der Saga wesentlich für die Handlung sind, werden übergangen. So trifft Signý in der Saga ihren Bruder im Wald, und es ist ausdrücklich von ihrem gemeinsamen Beschluss die Rede, dass Sigmund sich ein Haus in der Erde bauen soll und dass Signý ihn dort versorgen wird. Signýs Worte im Lied: »Meister Zwerg, / mache mir auf!«, werden durch nichts in der Saga erklärt. In der einleitenden Prosapassage zu diesem Teil (S. 101) heißt es von Sigmund: »Lange lebte er als Zwergenschmied getarnt in einer Höhle.«

In diesem Zusammenhang muss es einen zumindest eigentümlich berühren, dass in William Morris’ Gedicht The Story of Sigurd the Volsung Sigmunds Behausung ausdrücklich als »steinerne Höhle« bezeichnet wird, die einst »ein Haus der Zwerge« war. In dem Gedicht heißt es auch (siehe Anmerkung zu 29), dass die Männer, die Wölsungs Söhne in den Wald brachten, auf Siggeirs Befehl die größte Eiche fällten, die sie finden konnten, und die Gefangenen »mit eisernen Banden« daran fesselten. Als sich die Wölfin Sigmund holen wollte, »sprengte er die Bande« und tötete sie mit bloßen Händen.

Signý hat zwei Söhne von Siggeir, und als der ältere zehn Jahre alt ist, schickt sie ihn zu Sigmund in den Wald, damit er ihm hilft, wenn dieser etwas unternimmt, um Wölsung zu rächen. Aber als Sigmund ihm aufträgt, Brot zu backen, während er selbst Brennholz holen geht, fürchtet sich der Junge, weil in dem Mehlbeutel etwas Lebendiges ist. Als Sigmund Signý davon erzählt, sagt sie, er solle den Jungen totschlagen, weil er keinen Mut habe; und Sigmund tötet ihn. Im nächsten Jahr schickt Signý den zweiten Sohn, den sie von Siggeir hat, in den Wald, und dem ergeht es genauso.

Danach tauscht Signý mit einer zauberkundigen Hexe die Gestalt, und die Hexe schläft drei Nächte lang als Signý mit Siggeir, während Signý mit ihrem Bruder schläft. Der Sohn, den sie bekommen, wird Sinfjötli genannt.

30f.

Entgegen der in deutschen Edda-Ausgaben gebräuchlichen Übersetzung »Alb« für nordisch álfr wird hier durchweg die Form »Elb« gewählt, die Tolkien selbst als Wiedergabe von elf im Herrn der Ringe festlegte.

33

Zu Vers 5f. dieser Strophe siehe die Anmerkung zu 35f.

33f.

In der Saga unterzieht Sigmund Sinfjötli derselben Prüfung wie Siggeirs Söhne, und als er in das Erdhaus zurückkommt, hat Sinfjötli Brot gebacken, meint aber, im Mehl sei etwas Lebendiges gewesen, als er zu kneten begann. Sigmund lacht und sagt, Sinfjötli dürfe von dem Brot nicht essen, das er gebacken hat, »denn du hast eine große Giftschlange hineingeknetet«. In der Saga ist nicht die Rede davon, dass Sinfjötli Sigmund sein Schwert bringt (siehe Anmerkung zu 37–39).

35f.

Eine längere Passage in der Saga ist den mörderischen Raubzügen von Sigmund und Sinfjötli im Wald gewidmet, wo sie zu Werwölfen werden, und es wird betont, dass Sigmund Sinfjötli für den Sohn von Signý und Siggeir hält (vgl. 33,5f.: »Im Gesicht bist du nicht / der Sohn deines Vaters!«) und meint, dieser habe die Kraft und Kühnheit der Wölsungen, aber die Bosheit seines Vaters geerbt.

37–39

In der Saga begeben sich Sigmund und Sinfjötli in Siggeirs Halle und verstecken sich im Vorraum hinter Bierfässern. Aber die beiden kleinen Söhne Siggeirs und Signýs spielen mit goldenen Sachen, rollen sie über den Boden der Halle und laufen hinterher, bis ein Goldring dorthin rollt, wo Sigmund und Sinfjötli sich versteckt halten. Einer der Jungen verfolgt den Ring, und plötzlich »sieht er da zwei große, grimmige Männer sitzen, die haben weit herabreichende Helme und schimmernde Brünnen«. Da läuft er zu seinem Vater und meldet es ihm.

Als Signý das hört, nimmt sie die Jungen mit in den Vorraum und fordert Sigmund und Sinfjötli auf, sie zu töten, weil sie das Versteck verraten haben. Sigmund erklärt, er werde ihre Kinder nicht töten, selbst wenn sie ihn verraten haben, aber der schreckliche Sinfjötli erschlägt bedenkenlos beide Kinder und wirft ihre Leichen in die Halle. Als Sigmund und Sinfjötli schließlich überwältigt sind, lässt Siggeir einen großen Grabhügel aus Steinen und Grassoden errichten, und in die Mitte des Hügels wird eine große Felsplatte gesetzt, so dass die beiden, darin eingesperrt, voneinander getrennt sind und nicht an der Platte vorbeikommen, sondern sich nur hören können. Doch bevor der Hügel zugedeckt wird, wirft Signý Sinfjötli ein Bündel Stroh hinab, in dem sich Speck befindet. Im dunklen Grabhügel ertastet Sinfjötli, dass Sigmunds Schwert in dem Speck steckt, und mit dem Schwert können sie die Steinplatte durchsägen.

Wie ich schon sagte, ist keine Liedfassung dieser Geschichte erhalten bis auf eine halbe Strophe, und diese Verse werden an dieser Stelle von dem Verfasser der Saga zitiert:

ristu af magni

mikla hellu,

Sigmundr, hjörvi,

ok Sinfjötli.

(»Es schnitten mit Stärke / die große Steinplatte / Sigmund mit dem Schwert / und Sinfjötli.«)

Als sie aus dem Hügel entweichen, ist es Nacht und alle schlafen. Da schleppen sie Holz herbei und legen Feuer an die Halle.

40f.

Erst jetzt, als Sigmund Signý zum Mitkommen auffordert, offenbart sie in der Saga die Wahrheit über Sinfjötli – dies ist zweifellos mit 41,3f. gemeint: »Sohn Sinfjötli, / Sigmund Vater!« Der Saga zufolge erklärt sie mit ihren letzten Worten, bevor sie in die brennende Halle zurückkehrt, sie habe derart alles darangesetzt, Wölsung zu rächen, dass sie nun nicht länger leben dürfe.

III
DAUĐI SINFJÖTLA

(Sinfjötlis Tod)

In der Saga wird jetzt, nach dem Tod von Signý und Siggeir, die Geschichte von Helgi Hundingsbani eingeschoben, einer ursprünglich unabhängigen Gestalt, die an die Wölsungensage gekoppelt wurde, indem man ihn zum Sohn von Sigmund und Borghild (im Lied nur als »Königin« bezeichnet) machte. Darin folgt die Saga den Helgiliedern der Edda; doch in seinem Gedicht tilgte mein Vater diesen Einschub vollständig, so dass Helgi gar nicht erwähnt wird.

Die Quellen für diesen Teil des Liedes sind die Saga und ein kurzes Prosastück in der Edda, das Frá dauða Sinfjötla (»Von Sinfjötlis Tod«) heißt. In Ermangelung einer Versfassung wird es vom Kompilator des Codex Regius der Edda als Abschluss der Geschichten von Sigmund und Sinfjötli verfasst worden sein. Es gibt keine größeren Unterschiede zwischen dem Lied und den alten Prosageschichten.

 

1f.

In der Saga muss der heimkehrende Sigmund einen Usurpator vertreiben, der die Macht im Land übernommen hat.

3

»Grímnirs Gabe«. Siehe II,12f. und Anmerkung.

4

In Frá dauða Sinfjötla und in der Saga heißt Sigmunds Frau Borghild; im Lied hat sie keinen Namen (vielleicht weil mein Vater der Meinung war, dass der Name Borghild ursprünglich nicht zur Sage gehörte, sondern sich im Zusammenhang mit Helgi dort eingeschlichen hatte). In den Quellen ist nicht die Rede davon, dass sie eine Kriegsgefangene war.

6

In beiden Quellen tötet Sinfjötli Borghilds Bruder, nicht ihren Vater; sie werben beide um dieselbe Frau. In der Saga heißt es, dass Borghild Sinfjötli des Landes verwiesen haben will und dass Sigmund dem zwar nicht stattgibt, aber dass er ihr reiche Buße zahlt. Es ist die Totenfeier für ihren Bruder, auf der Sinfjötli ermordet wird.

7

In der Saga heißt es im Zusammenhang mit der Episode, bei der Sinfjötli eine Giftschlange in den Brotteig einknetet (siehe Anmerkung zu II,33f.), dass Gift Sigmund weder innerlich noch äußerlich schaden kann, während Sinfjötli nur gegen Gift außen auf der Haut unempfindlich ist. So steht es auch in Frá dauða Sinfjötla und in der Prosa-Edda.

9f.

In beiden Quellen sagt Sigmund zu Sinfjötli, als Borghild ihm zum dritten Mal zu trinken anbietet: Láttu grön sía, sonr (»Lass es durch den Bart seihen, Sohn«). Sigmund sei zu dem Zeitpunkt sehr betrunken gewesen, meint die Saga, »deshalb sagte er das«.

12

Der Fährmann ist Ódin (die Verse, die ihn hier beschreiben, werden ähnlich in IV,8 wiederholt). Das wird in den alten Quellen nicht ausgesprochen. Dort bietet der Fährmann an, Sigmund über den Fjord zu setzen, aber das Boot ist zu klein, um Sigmund und Sinfjötlis Leiche zu tragen, weshalb die Leiche zuerst befördert wird. Sigmund geht um den Fjord herum, aber das Boot verschwindet vor seinen Augen. Die Saga erzählt, dass Borghild verstoßen wird und bald darauf stirbt.

IV
FŒDDR SIGURĐR

(Sigurds Geburt)

Nach Borghilds Verbannung nahm sich Sigmund eine andere Frau, die viel jünger war als er (IV,2), und sie wurde die Mutter Sigurds. In der Saga und in Frá dauða Sinfjötla hieß sie Hjördis und war die Tochter des Königs Eylimi, im Lied dagegen heißt sie Sigrlinn. Dieser Unterschied beruht auf der Annahme, dass es zu einer Namensübertragung kam: dass Hjördis in den nordischen Sagen ursprünglich die Mutter Helgis war (siehe die Anmerkung zu III), während Sigrlinn Sigmunds Frau und Sigurds Mutter war. Nach dieser Übertragung wurde Sigrlinn Helgis Mutter (und erscheint sie als solche in der eddischen Helgakviða Hjörvarðssonar, dem »Lied von Helgi Hjörwardssohn«), und Hjördis wurde Sigurds Mutter. Im deutschen Nibelungenlied vom Anfang des dreizehnten Jahrhunderts war Sieglind (Sigrlinn) König Siegmunds Frau, die Mutter von Siegfried (Sigurd).

Die Handlung in diesem Teil des Liedes ist gegenüber der in der Saga (von der in der Edda nichts überliefert ist) verändert und gekürzt worden. In der Saga hält außer Sigmund noch König Lyngwi um Hjördis’ Hand an, doch sie verschmäht ihn, und nicht die um sie werbenden »sieben Königssöhne« (3,1 und 5,5), sondern Lyngwi fällt mit einer großen Streitmacht in sein Land ein.

Nur von einer Magd begleitet wird Sigrlinn in den Wald gebracht, und dort bleibt sie, während die Schlacht tobt. In der Saga wie im Lied (8f.) erscheint Ódin und zerspringt Sigmunds Schwert (5,7 und 9,3: »Grímnirs Gabe«) am erhobenen Speer des Gottes, worauf er den Tod findet (zur Bedeutung von Ódins Eingreifen siehe die Anmerkung zum »Upphaf«, S. 323).

Wie Sigrlinn im Lied findet Hjördis in der Saga den tödlich verwundeten Sigmund auf dem Schlachtfeld, und er spricht mit ihr und sagt, dass er sich nicht heilen lassen will, ob nun Hoffnung bestehe oder nicht, weil Ódin ihn abberufen habe (11). Er spricht auch von Sigurd, ihrem ungeborenen Sohn, und trägt ihr auf, die Stücke des Schwerts wohl zu verwahren, damit es eines Tages neu geschmiedet werden könne.

Unmittelbar nach Sigmunds Tod landet eine zweite Flotte am Ufer, befehligt, heißt es in der Saga, von Alf, dem Sohn König Hjálpreks von Dänemark (Strophe 14 im Lied, wo die Neuankömmlinge nicht mit Namen genannt werden). Darauf befiehlt Hjördis ihrer Magd, die Kleider mit ihr zu tauschen und sich für die Königstochter auszugeben. Als Alf mit den Frauen, die weiter ihre Rollen spielen, in seine Heimat zurückkehrt, kommt die Wahrheit ans Licht. Alf verspricht Hjördis, sie nach der Geburt ihres Kindes zu heiraten, und so kommt es, dass Sigurd am Hof König Hjálpreks aufwächst. Im Lied (15) ist die merkwürdige Geschichte der Verstellung von Sigrlinn (Hjördis) auf die Worte reduziert: »Sigmunds Frau / fuhr voller Trauer / als mindere Magd / übers Meer davon.«

 

13

In der Saga nennt Sigmund das Schwert, das neu aus den Stücken geschmiedet werden soll, Gramr. Der Name fällt im Lied erst in Teil V.

V
REGIN

Die Quellen der Geschichte in diesem Teil des Liedes sind nicht nur die Völsunga Saga, sondern auch die Lieder der Edda, aus denen die Saga schöpfte: die zweite Hälfte der Reginsmál (siehe Anmerkung zu Teil I, S. 325) und die Fáfnismál. Die Geschichte wird auch kurz von Snorri Sturluson in der Prosa-Edda erzählt, als Erklärung dafür, warum Gold in der Dichtkunst »Sitz Fáfnirs« und »Last Granis« genannt wird.

Rein von der Handlung her enthält dieser Teil des Liedes wenig, was nicht in diesen Quellen vorkommt, und stellenweise (vor allem im Gespräch zwischen Sigurd und Regin nach Fáfnirs Tod) folgen die Verse dem Tenor der Fáfnismál, doch nur hier und da sind die Entsprechungen ganz genau.

Die Sage von Andwaris Gold, wie sie in Teil I des Liedes erzählt wird, endet damit, dass die Ásen von Hreidmars Haus abziehen, nachdem sie die Buße für seinen Sohn Otr entrichtet haben. In der Anmerkung zu diesem Teil (S. 327) habe ich erwähnt, dass Snorri Sturluson in seiner Version der Wölsungensage mit Andwaris Gold anfängt, während die Geschichte in der Saga erst viel später kommt, und zwar wird sie dort von Hreidmars Sohn Regin selbst dem jungen Sigurd erzählt, bevor dieser gegen den Drachen zieht. Im Lied kommen wir jetzt zu dieser Begebenheit.

Nachdem gesagt ist, dass Sigurd im Hause König Hjálpreks aufwuchs, berichtet die Saga nur noch, dass Regin sein Ziehvater wurde und er Sigurd allerlei Künste lehrte, unter anderem die Kenntnis der Runen und viele Sprachen (siehe Strophe 2). Snorri dagegen führt die Geschichte von Hreidmar und Andwaris Gold über den Punkt hinaus weiter, wo mein Vater sie am Ende von Teil I abbrach.

»Was ist noch mehr vom Gold zu sagen?«, schreibt Snorri und erzählt dann die Geschichte. Hreidmar nimmt das Gold an sich, seine anderen Söhne Fáfnir und Regin aber fordern ihrerseits einen Anteil des für ihren Bruder entrichteten Blutgeldes. Hreidmar gibt ihnen nichts (I,15: »Die rotgoldnen Ringe / sind rechtens nur mein«), und Fáfnir und Regin erschlagen ihren Vater. Dann verlangt Regin, dass Fáfnir den Schatz gerecht mit ihm teilt, aber Fáfnir erwidert, damit sei kaum zu rechnen, schließlich habe er deswegen seinen Vater getötet, und er befiehlt Regin, sich fortzuscheren, sonst werde es ihm ergehen wie ihrem Vater.

Dann nimmt Fáfnir den Helm, der Hreidmar gehört hat, und setzt ihn sich auf – den Helm, der ægishjálmr heißt, »Schreckenshelm«, weil alle Lebewesen erschrecken, die ihn sehen. Fáfnir zieht zur Gnitaheide hinauf und macht sich dort ein Lager. Er verwandelt sich in einen Drachen und legt sich auf das Gold (wie Glaurung in Nargothrond). Regin aber flieht davon und kommt zu König Hjálprek, dessen Schmied er wird. Sigurd wird sein Ziehsohn.

Da er die Geschichte vom Ursprung des Horts bereits erzählt hat, fährt Snorri jetzt mit der Beziehung von Regin und Sigurd und der Erschlagung Fáfnirs fort. Damit befasst sich dieser Teil des Liedes, doch vorher schaltet mein Vater (darin, wie schon auf S. 327 erwähnt, der Saga folgend) noch einmal die Geschichte von Andwaris Gold ein, hier von Regin erzählt, als Sigurd von ihm wissen will, warum er ihn so sehr zur Tötung Fáfnirs anstachelt. In diesem zweiten Vorkommen der Geschichte im Lied werden einzelne Verse auf prägnante Weise ganz oder nahezu wörtlich wiederholt (vergleiche I,2–6.9 mit V,7–11), aber die Ásen werden weggelassen, und Lokis Tat erscheint als die eines namenlosen »ruchlosen Räubers / mit rauher Hand« (8). In V,12–14 jedoch spricht Regin jetzt von der Erschlagung Hreidmars (durch Fáfnir – seine eigene Beteiligung wird weder in der Saga noch im Lied erwähnt), dem Streit zwischen den Söhnen und der Verwandlung Fáfnirs in einen Drachen »auf der Gnitaheide«.

Ein wichtiges Element der Geschichte in der Sagafassung fehlt in diesem Teil des Liedes ganz. Nachdem das Schwert Gramr geschmiedet und das Pferd Grani erlangt ist, teilt Sigurd Regin mit, er werde erst gegen Fáfnir antreten, wenn er seinen Vater gerächt habe. Darauf bricht er mit einem großen Heer und vielen Schiffen auf, womit König Hjálprek ihn ausrüstet, und verwirklicht seinen Vorsatz in einer blutigen Schlacht, in der er König Lyngwi tötet. Doch die Geschichte von Sigurds Rache wird abgewandelt zu einem späteren Zeitpunkt im Lied erzählt (VII,24–29).

 

11

»Wergeld«. Sühnegeld für einen Totschlag.

14

»Gnitaheide« (altnordisch Gnitaheiðr). Sie erscheint mehrmals in den Gedichten meines Vaters, immer in der Form »on Gnitaheiði«, also nicht zu »Gnitaheid«, »Gnitaheith« oder »Gnitaheath« anglisiert, wie es sonst meistens geschieht. Das zweite Glied ist hierbei entweder der altnordische Dativ oder die heutige isländische Form, die heiði lautet.

15

»Wiegeln«. Gleichbedeutend mit Aufwiegeln, Aufhetzen.

17f.

Es ist Sigurd, der auf den Amboss schlägt und die zwei Schwerter zerbricht. Nach der Sage geht er darauf zu seiner Mutter und fragt sie, ob es wahr sei, dass Sigmund ihr die zwei Stücke seines Schwerts anvertraut hat, und sie übergibt sie ihm. Zum Namen Gramr siehe die Anmerkung zu IV,13 [und die Bemerkung auf S. 55].

20

Snorri Sturluson und die Saga kennen beide die Episode, dass Sigurd Gramrs Schärfe prüft, indem er eine Wollflocke im Wasser gegen die Schneide des Schwerts treiben lässt, aber nur im Lied [und im Reginlied der Edda] wird der Fluss der Rhein (nordisch Rín) genannt.

21

»Fenn«. Sumpf, Moor.

22–24

Nur in der Saga findet sich die Geschichte, wie Sigurd in den Besitz seines grauen Hengstes Grani gelangt (der in den Eddaliedern häufig genannt wird). Der alte Mann ist abermals Ódin (mit der Beschreibung hier vergleiche II,12, III,12, IV,8).

Der Name Busiltjörn stammt aus der Saga. Diese nordische Form wählte mein Vater auch zuerst im Manuskript des Liedes, später änderte er sie mit Bleistift in Busiltarn ab. Das englische Wort tarn, »kleiner Bergsee«, stammt von dem nordischen Wort ab; doch in der Saga ist der Busiltjörn ein Fluss und der Busiltarn im Lied offensichtlich auch.

»Sleipnir« heißt Ódins achtbeiniges Pferd.

25

Regins Pferd hat nirgends sonst einen Namen, »Gand« aber muss das altnordische Wort gandr sein (enthalten in »Gandalf«). Seine ursprüngliche Bedeutung ist nicht gesichert, es wird allerdings für Zauberei und Zauberdinge gebraucht, vor allem für den Zauberstab; auch auf Wölfe wird es angewandt. Das Wort gandreið bezeichnet den nächtlichen Hexenritt.

In einer Vorlesung zum Text der Fáfnismál nennt mein Vater die gewaltige Höhe des Felsens, von dem Fáfnir sich in der Saga, nicht aber im Eddalied zum Trinken hinabbeugt, ein gutes Detail, denn dadurch erhalte Sigurd »einen ersten Begriff davon, worauf er sich eingelassen hatte«.

26

»Er lauerte lang«, nämlich Sigurd. In der Prosaeinleitung zu den Fáfnismál im Codex Regius wie auch in der Saga und in Snorri Sturlusons Kurzfassung hebt Sigurd auf dem Weg, den der Drache zum Wasser kriecht, eine Grube aus. In der Saga kommt ein alter Mann (Ódin) herbei, während Sigurd gräbt, und rät ihm, mehrere Gruben zu machen und das Blut des Drachen darin aufzufangen. Zu diesem Punkt bemerkte mein Vater in einer Vorlesung:

Ódin und sein Rat jedoch wirken nicht sehr überzeugend, und sein Erscheinen ist vielleicht anderen Stellen nachempfunden (z.B. der Wahl Granis). Die mehreren Gruben sind nicht besonders sinnvoll, denn Sigurd kann nur in einer sein, und nur in diese eine (direkt unter der Wunde) wird das Blut wohl fließen. Die Sagaversion entspringt dem Wunsch, die Rolle Ódins hervorzuheben, und der Einsicht, dass der überlieferte Handlungsverlauf Sigurds Drachentötung (die später als sein großer Ruhmestitel gilt) nicht im besten Licht erscheinen lässt. Der Hergang konnte nicht grundsätzlich geändert werden, und daher mussten der Drache und seine Giftigkeit übertrieben werden; aber das ist nicht recht gelungen.

Seiner Ansicht nach sollte die Grube ursprünglich dafür sorgen, dass der Flammenstoß des Drachen über Sigurds Kopf hinwegging (vgl. 27,1–3).

30

In den Fáfnismál, in der Saga wiederholt, antwortet Sigurd auf Fáfnirs Frage, er heiße göfugt dýr, »edles, herrliches Tier«, und eine Prosaerklärung im Codex Regius sagt: »Sigurd verheimlichte seinen Namen, weil man in alten Zeiten glaubte, dass das Wort eines Todgeweihten viel bewirken konnte, wenn er seinen Feind namentlich verfluchte.« Mein Vater bemerkte dazu, dieser Satz sei »für den ursprünglichen Verfasser des Fáfnirliedes zweifellos völlig zutreffend« gewesen, »dessen Zuhörer den ›alten Zeiten‹ wahrscheinlich noch stark genug verhaftet waren, um die Erläuterung nicht zu benötigen!« Außerdem meinte er: »die mysteriösen Worte göfugt dýr sollen wahrscheinlich dunkel oder sogar unsinnig sein«, aber möglicherweise seien sie auch »eine verrätselte Art, ›Mensch‹ zu sagen«.

34

Sigurds Worte in dieser Strophe beziehen sich auf den »Schreckenshelm« (ægishjálmr), der Hreidmar gehörte und den Fáfnir ihm abnahm (siehe S. 340 und V,14). Auf die Worte: »zur Hölle jetzt mit ihm!«, stirbt Fáfnir.

36–41

Mein Vater erklärte den »Hintersinn« von Regins »dunklen Worten« in seiner Einleitung zu diesem Teil des Liedes, und in Notizen für eine Vorlesung (in großer Eile mit Bleistift geschrieben und nicht mehr vollständig zu entziffern) erörterte er eingehend die Beziehung, die in dieser Episode zwischen Saga und Fáfnismál besteht, um zu klären, nicht allein wie der Verfasser der Saga die Verse komprimierte und abwandelte, sondern auch warum er das tat. Ich gebe diese Erörterung hier leicht bearbeitet und im Auszug wieder, da sie seine kritische Behandlung solcher Probleme in der Edda sehr schön veranschaulicht.

Er beginnt mit einer Zusammenfassung des Dialogs, den Regin und Sigurd nach Fáfnirs Tod in der Saga führen (ich gebe Strophe und Vers des Liedes in eckigen Klammern an).

Nach dem Tod Fáfnirs kommt Regin zu Sigurd und sagt: »Einen großen Sieg hast du errungen … diese Heldentat wird bestehen bleiben, solange die Welt besteht« [35,1–4]. Dann ist Regin plötzlich sehr bewegt oder tut so, »sah eine lange Weile zu Boden« und sagt: »Du hast meinen Bruder getötet, und ich bin an dieser Tat kaum unschuldig« [36,5–8]. Sigurd wischt nun sein Schwert am Gras ab und erwidert einfach: »Du bist weit weggegangen, als ich … dieses scharfe Schwert … erprobte« (und daher wohl auch nicht so richtig schuldig!) [37,1–4].

Regin entgegnet mit der Bemerkung, er habe das Schwert geschmiedet [37,5], worauf Sigurd erwidert: »Wo Männer zum Kampf antreten, ist Beherztheit wichtiger als ein scharfes Schwert« [38,3–4].

Regin geht darauf nicht ein, sondern wiederholt nur »mit großem Kummer« seine Worte von vorher: »Du hast meinen Bruder getötet …« usw. Dann schneidet Regin dem Drachen das Herz heraus, trinkt dessen Blut und bittet Sigurd nur um eines (ohne dafür einen Grund anzugeben), nämlich ihm das Herz zu braten.

In den Fáfnismál werden Regins Worte: »Du hast meinen Bruder getötet, und ich bin an dieser Tat kaum unschuldig«, nicht wiederholt. Dient die Wiederholung einem künstlerischen Zweck – oder ist sie nur Zufall, die Folge eines Durcheinanders in der Quelle des Sagaverfassers oder in der Überlieferung der Saga? Sie ist wahrscheinlich Absicht und vielleicht keine schlechte Idee. Der Sagaverfasser zeichnet das Bild, wie Regin bereits Sigurds Beseitigung plant und sich dafür gewissermaßen vor sich selbst rechtfertigt. Durch Sigurds abschätzige Bemerkung von jeder Mitverantwortung reingewaschen, begnügt er sich mit der Wiederholung – er bekräftigt seine Gewissensbisse und sein »Du hast meinen Bruder getötet« (das heißt seinen Vorsatz, Rache zu nehmen).

Nach solchen Worten hätte Sigurd eigentlich keiner igður mehr bedurft [so heißen die Vögel, deren Stimmen er auf einmal versteht, siehe 41,7f. und 43,1–3]. Dass auf den Bruder eines Mannes, den man getötet hat, kein Verlass ist, lernte man in Skandinavien damals fast schon auf dem Schoß der Mutter, spätestens auf dem Knie des Vaters – vor allem wenn dieser Bruder einen in aller Deutlichkeit darauf hinweist.

Weshalb Sigurd das Herz braten muss, wird seltsamerweise nicht erklärt. Der wahre Grund ist natürlich, dass er danach die Vögel verstehen kann. Die Fáfnismál nennen einen nicht erschöpfenden, aber ausreichenden Grund: ek mun sofa ganga [»ich werde schlafen gehen«] – nach dem starken Trunk des Drachenbluts, dürfen wir vermuten [39,5–8 und 40]. Ob es jemals einen besseren Grund dafür gab – etwa im Zusammenhang mit dem uralten Glauben, dass man die Weisheit und Stärke eines Menschen (zumal eines Feindes) gewinnt, wenn man sein Fleisch isst und sein Blut trinkt [40,5–8; 46,1–4] –, werden wir vielleicht nie erfahren.

Es sei noch erwähnt, dass Snorri Sturluson sagt, Regin habe Sigurd erklärtermaßen als Versöhnung für Fáfnirs Tötung vorgeschlagen, ihm das Herz zu braten.

39

Ridil (altnordisch Riðill) ist Regins Schwert; bei Snorri heißt es Refill.

42–44

In den Fáfnismál werden (in einer Prosaüberleitung) sieben Strophen den Vögeln zugeschrieben, igður genannt, ein Wort von ungewisser Bedeutung. Ihr Gezwitscher im Gezweig kann Sigurd sofort verstehen, nachdem er das Blut vom Drachenherzen auf die Zunge bekommen hat; aber diese Strophen sind in zwei verschiedenen Metren geschrieben. Das Versmaß der Fáfnismál ist nicht das Fornyrðislag, in dem die Mehrzahl der Eddalieder verfasst sind, sondern der Ljóðaháttr. In diesem Metrum zerfällt die Strophe in zwei Hälften zu je drei Versen, von denen der dritte gewöhnlich drei Hebungen hat und zwei- oder auch dreimal in sich stabt. Nur drei der »Vogelstrophen« sind im Ljóðaháttr, die anderen im Fornyrðislag, und mein Vater vertrat nachdrücklich die Ansicht, dass die Fornyrðislag-Strophen aus einem anderen Lied stammen (siehe auch die Anmerkung zu 49–54).

Die drei Ljóðaháttr-Strophen, meinte er, werden von zwei Vögeln gesprochen und beziehen sich thematisch auf Gold, Furcht vor Verrat und noch einmal Gold. Sie sind die Grundlage für diese drei Strophen im Lied (nur der Gedanke in 42,4–6, dass Sigurd Fáfnirs Herz selbst essen sollte, kommt aus einer der anderen Fáfnismál-Strophen), eigentümlicherweise sind diese aber im Ljóðaháttr gehalten, was sie anscheinend als Einschub kennzeichnet, da das Lied sonst ja im Fornyrðislag steht.

Um zu zeigen, wie das Versmaß im Altnordischen erscheint, gebe ich hier die erste der drei Ljóðaháttr-Strophen mit einer wortgetreuen Übersetzung wieder:

Höfði skemra    láti hann inn hára þul

fara til heljar heðan!

Öllu gulli    þá kná hann einn ráða,

fjölð, því er und Fáfni lá.

(»Einen Kopf kürzer / lasse er den grauhaarigen Zauberer / von hier zur Hölle fahren! / Über alles Gold / kann er dann allein verfügen, / die Menge, die unter Fáfnir lag.«)

46–48

In der Saga isst Sigurd nur einen Teil des Drachenherzens und hebt den Rest auf. Der Sinn dessen wird später ersichtlich, als erzählt wird, einige Zeit nach ihrer Hochzeit habe Sigurd Gudrún von Fáfnirs Herz zu essen gegeben, »und danach war sie viel grimmiger als zuvor, aber auch klüger«. Dieses Detail fehlt im Lied; nach Ansicht meines Vaters war es »ein später Notbehelf, um Gudrúns verworrenen seelischen Zustand zu erklären«.

Diese Strophen gehen auf eine Prosapassage in den Fáfnismál zurück, an die sich die Saga eng anlehnt und die berichtet, dass Sigurd nach Regins Tod auf Fáfnirs Spur zu dessen Lager ritt und dieses offen fand. Die Türflügel und Türpfosten waren aus Eisen, desgleichen alle Balken im Haus, das tief in die Erde eingegraben war (46). Sigurd fand dort Gold im Überfluss und füllte zwei große Kisten damit. Er nahm den Schreckenshelm, eine Goldbrünne und viele andere Kostbarkeiten und belud Grani damit. Aber das Pferd wollte sich erst in Bewegung setzen, als Sigurd sich auf seinen Rücken schwang.

49–54

Nachdem Sigurd Regin getötet und das Herz des Drachens gegessen hat, hört er in den Fáfnismál erneut die igður, und diese fünf Strophen sind nun wieder im Fornyrðislag (siehe die Anmerkung zu 42–44). Es wird nirgends deutlich, wie viele sprechende Vögel es sind, aber die ersten beiden Strophen betreffen Gudrún und die folgenden drei eine Walküre, die auf dem Berg Hindarfjall von Feuer umgeben schläft. Ódin hat sie mit dem Schlafdorn gestochen, weil sie gegen seinen Befehl einen Krieger gefällt hat (siehe die Anmerkung zu 54 unten).

Mein Vater war der Meinung, dass diese Strophen, genau wie die »Vogelstrophen« im Fornyrðislag vorher, von einem Lied stammten, »das die Situation weiter ausführte und wahrscheinlich versuchte, durch das überlieferte Vogelmotiv mehr von der Geschichte zu erzählen«; dass sie Überbleibsel eines Liedes waren, das es unternahm, »einen Großteil der Geschichte in eine einzige Situation zu packen«. Wenn er auch annahm, es sei »sinnlos, darüber zu debattieren, welcher Vogel was sagt«, fand er doch die Hypothese, dass ein Vogel die Gudrúnstrophen spricht und ein anderer die über die Walküre, »nicht unplausibel«.

In sein Lied allerdings übernahm er diese zweite Gruppe von »Vogelstrophen« (genauer gesagt, er dichtete sinngemäß ähnliche Strophen), wies die über die Walküre einem Raben und die über Gudrún einem Finken zu und wechselte sie miteinander ab. Aber in seiner Fassung kommen sie erst im Anschluss daran, dass Sigurd in Fáfnirs Lager eingedrungen ist und Grani den dort gefundenen Schatz aufgeladen hat, so dass die Vögel jetzt von Dingen sprechen, die Sigurd beim Wegritt von der Gnitaheide erwarten, während in den Fáfnismál die in der Anmerkung zu 46–48 angeführte Prosapassage auf die zweite Gruppe der »Vogelstrophen« folgt.

54

»Dem eigenen Urteil, / nicht Ódin folgend / wählte die Walküre / der Walstatt Sieger / im Vollgefühl / ihrer fällenden Macht.« In der nordischen Sage und Dichtung wurden Verlauf und Ausgang von Schlachten von den Walküren gelenkt, dämonischen Kriegerinnen und Botinnen Ódins. Die Walstatt ist das Schlachtfeld.

Das Wort Valkyrja bedeutet »Wählerin der Gefallenen«: Die Walküren bestimmen, wer sterben wird, und verleihen den Sieg. Am eindrucksvollsten spricht sich diese Vorstellung vielleicht in den Hákonarmál aus, einem Lied, das im zehnten Jahrhundert auf den Tod von König Hákon dem Guten von Norwegen gedichtet wurde, dem Sohn von König Harald Schönhaar. Das Lied beginnt:

Göndul und Skögul sandte Gautatýr,

Könige zu küren: wer von Yngwis Geschlecht

zu Ódin fahren und in Walhall weilen sollte.

Göndul und Skögul sind Walküren, Gautatýr ist ein Name Ódins. In dem Lied wird geschildert, wie König Hákon mit schartigem Schild und zerschlissener Rüstung am Boden sitzt und den Worten der Walküren lauscht.

Da sprach Göndul, auf den Speerschaft gestützt:

»Jetzt vergrößert sich das Gefolge der Götter, denn sie haben Hákon

mit großem Heer zu ihren Sitzen geladen.«

Der Herrscher hörte, was die Walküren sprachen,

die Jungfern zu Pferde, voller Verstand,

auf den Häuptern die Helme, vor sich die Schilde.

Darauf spricht Hákon zu der Walküre namens Skögul:

»Warum hast du die Schlacht so entschieden,
Speer-Skögul?

Uns war von den Göttern der Sieg zugedacht.«

»Wir führten es herbei, dass du die Oberhand behieltest und deine Feinde flohen.

Jetzt reiten wir«, sprach die hohe Skögul,

»zum grünen Heim der Götter, um Ódin zu melden,

dass ein großer Herrscher ihn aufsuchen kommt.«

VI
BRYNHILDR

(Brynhild)

In der Anmerkung zu V,46–48 habe ich den Inhalt der Prosapassage im Codex Regius referiert, die beschreibt, wie Sigurd Fáfnirs Lager betritt, sich den großen Goldschatz nimmt und ihn in zwei Kisten seinem Pferd Grani auflädt. Diese Passage wird in den Edda-Editionen als Abschluss der Fáfnismál behandelt, doch tatsächlich geht sie ohne Bruch oder neuen Titel in die Geschichte von Sigurds Zusammentreffen mit der Walküre über, die auf Hindarfjall schläft, und dieser Teil wird als Prosaeinleitung eines seltsamen Werkes aufgefasst, dem man den Namen Sigrdrífumál gegeben hat.

Dieser zweite Teil der Prosapassage, die sich ganz ähnlich auch in der Saga findet, erzählt, dass Sigurd nach Hindarfjall hinaufritt und sich südwärts wandte. Auf dem Berg sah er ein großes Licht bis zum Himmel leuchten wie ein brennendes Feuer, und als er hinkam, stand dort eine Schildburg (skjaldborg), aus der ein Banner emporragte. Sigurd ging in die skjaldborg und sah darin einen Mann in voller Kriegsbewaffnung schlafen. Als er ihm den Helm vom Kopf nahm, erkannte er, dass es eine Frau war. Ihr Ringpanzerhemd, Brünne genannt (siehe Anmerkung zu VI,4), lag so fest an, als wäre sie ans Fleisch gewachsen. Da schnitt er mit seinem Schwert Gramr die Brünne vom Hals abwärts und an beiden Ärmeln auf und nahm sie ihr ab. Sie aber erwachte, setzte sich auf und erblickte Sigurd.

Man wird feststellen, dass die Strophen 2–4 des Liedes mit der »Burg aus Schilden«, der Fahne und der Brünne, fest »wie ans Fleisch gewachsen«, dieser Prosapassage ziemlich genau folgen; doch Granis Sprung durch die Flammen ist ein Zusatz, übernommen von Sigurds zweitem Besuch bei Brynhild, bei dem er in Gunnars Gestalt kam. Er »ging in die skjaldborg« ist alles, was die Quellen zu seinem ersten Besuch bei ihr angeben. Das Wort skjaldborg, das sich sowohl in der Saga als auch in der Prosapassage der Edda findet, wird mal als Festung, mal als Kreis von Kriegern mit Schilden verstanden, aber mein Vater spricht in anderem Zusammenhang davon, Brynhild habe sich »mit einem Flammenwall umgeben«.

Mit den ersten Worten der Walküre an Sigurd beginnen die Verse der sogenannten Sigrdrífumál:

Hvat beit brynju,

hví brá ek svefni?

Hverr feldi af mér

fölvar nauðir?

(»Was schnitt die Brünne, / warum brach ich den Schlaf? / Wer nahm mir / die fahlen Fesseln?«)

Darauf erwidert Sigurd in dieser ersten Strophe, Sigmunds Sohn habe sie mit Sigurds Schwert freigeschnitten. Diese Strophe ist im Fornyrðislag, doch von da an ist das Lied mit wenigen Ausnahmen im Ljóðaháttr (siehe Anmerkung zu V,42–44). Bevor die Walküre ihr Erwachen mit den Worten preist, die im Lied V,5f. anklingen, sagt sie:

Lang schlief ich,    lang weilt ich im Schlaf,

    lang ist das Leid der Menschen.

Ódin verfügte es,    dass ich nicht

    die Schlafrunen brechen konnte.

Kurz darauf kommt in der Handschrift des Codex Regius eine andere Prosapassage, die mit den Worten beginnt: »Sie nannte sich Sigrdrífa und war eine Walküre.« Sie erzählt Sigurd, zwei Könige hätten gegeneinander gekämpft. Ódin hatte dem einen den Sieg versprochen, aber die Walküre fällte ihn in der Schlacht. Zur Strafe stach Ódin sie »mit dem Schlafdorn« (wie auch in V,52 vom Raben verkündet) und sagte, sie solle niemals mehr in der Schlacht einen Sieg erringen und sich stattdessen vermählen. »Aber ich sagte ihm, dass ich dagegen das Gelübde ablegte, mich mit keinem Mann zu vermählen, der sich fürchten könne« (die gleichen Worte werden in der Saga gebraucht). In Snorri Sturlusons Version hatte sie gelobt, nur den zum Mann zu nehmen, der es wagte, durch die »Waberlohe« zu reiten, das Feuer, das ihren Wohnsitz umringte. Die ursprüngliche Formulierung im Lied (VI,8) lautete, sie habe gelobt, »the world’s renown« (den »Weltberühmten«) zu wählen; ich habe die spätere Änderung in »chosen« übernommen und das »w« groß geschrieben.

Der Name Sigrdríf oder Sigrdrífa, den die schlafende Walküre trägt, hat zu mancherlei Spekulationen Anlass gegeben. In der letzten der fünf »Vogelstrophen«, mit denen die Fáfnismál enden (und denen im Lied die Strophen V,50–54 entsprechen), ist von »Sigrdrífas Schlaf« die Rede, und in der eben referierten Prosapassage wird sie zweimal Sigrdrífa genannt. Manche sind der Ansicht, es sei gar kein Name, der Kompilator des Codex Regius habe das Wort in der Fáfnismál-Strophe fälschlich für einen Eigennamen gehalten, während es in Wirklichkeit allgemein eine Walküre bezeichne, hier Brynhild, und »Siegtreiberin« bedeute, womit eine gemeint sein könnte, die zum Sieg antreibt, die ihn schenkt. In der Saga heißt die Walküre auf Hindarfjall Brynhild, während Snorri Sturluson erklärt, dass sie sich Hild nannte (was »Kampf« bedeutet), aber hinzufügt: »Sie wird Brynhild genannt und war eine Walküre.«

Dagegen steht die Auffassung, dass »Sigrdrífa« und »Brynhild« ursprünglich zwei verschiedene Figuren waren, die später gleichgesetzt wurden, und damit wird »Sigrdrífa« ein Bestandteil des vertracktesten Problems der nordischen Wölsungensage, nämlich der Tatsache, dass Brynhild in den Quellen auf zweierlei Arten behandelt wird, die ganz verschieden und nicht miteinander zu vereinbaren sind. Das Lied selbst gibt keinen Aufschluss, wie mein Vater den Namen »Sigrdrífa«, der nicht darin vorkommt, auffasste. (Siehe dazu die Anmerkung zu Brynhild auf S. 373.)

Nachdem die Walküre Sigurd von ihrem Gelübde erzählt hat, endet die Prosapassage im Codex Regius damit, dass er sie bittet, »ihn Weisheit zu lehren«. Nun folgt eine Strophe, in der Brynhild ihm ein Bier bringt, gebraut mit guten Zaubersprüchen und gamanrúna, was sich mit »freudenreiche« oder »Freude bringende Runen« übersetzen lässt. Darauf basiert Strophe 12 des Liedes, deren letzte Verse, »geritzt mit Runen / reicher Freude«, darauf hindeuten, dass sich mein Vater das Trinkgefäß mit Runen graviert vorstellte.

Über die Sigrdrífumál bemerkte er: »Mehr als fast jedes andere Eddalied hat sich dieses Sammelsurium mehr oder weniger zufällig so ausgewachsen und ist es nicht die Hinterlassenschaft eines einzigen Dichters.« Auf die Strophe über das Bringen des Biers folgt eine lange Reihe von Strophen, in denen es um Runen und ihre zauberische Verwendung geht (beispielsweise um Siegrunen, Rederunen, Brandungsrunen, Geburtsrunen und die Stellen, auf die man sie ritzen muss); dazu erklärte er: »Es bedarf nicht viel, um einen davon zu überzeugen, dass diese ganzen Sachen Zusätze sind. Sie stehen in keinem Zusammenhang mit Sigurds späterem Leben. Den Anstoß dazu haben die gamanrúna gegeben. Sie sind sehr interessant und wichtig, betreffen aber die Wölsungen nicht.«

Es ist bemerkenswert, dass der Verfasser der Völsunga Saga diese ganze Runenkunde als Strophen in seinen Text aufgenommen hat. Mein Vater sah darin ein gutes Beispiel für die Vorgehensweise des Sagaschreibers: »Fast alle diese Sachen haben keinerlei Bedeutung für die Geschichte, sind wahrscheinlich späte Hinzufügungen, sind nicht prosatauglich. Wenn irgendwo, dann hätte sich hier die Gelegenheit zur Streichung geboten, falls der Kompilator von einem wirklich künstlerischen Anliegen beseelt gewesen wäre.«

Im Lied findet sich von diesen Strophen natürlich keine Spur. In den Sigrdrífumál gibt die Walküre Sigurd darauf elf Ratschläge, und dieses Motiv erscheint auch im Lied (15f.), wenngleich in sehr gestraffter Form. Im Unterschied zu den Runenstrophen hielt mein Vater sie für einen Bestandteil des ursprünglichen Eddaliedes, da sich in den meisten Fällen ein Zusammenhang mit Sigurds Geschichte herstellen lässt.

Über diese Ratschläge hinaus erfahren wir im Eddalied sonst nichts mehr über das erste Zusammentreffen von Sigurd und der Walküre, denn mehr ist von dem Lied nicht erhalten: An diesem Punkt beginnt die fatale »große Lücke« der Lieder-Edda. Hier fehlt im Codex Regius eine ganze Lage, wahrscheinlich acht Blätter (siehe S. 39). Mein Vater vermutete, dass diese Blätter ungefähr zweihundert bis dreihundert Strophen enthielten. Von diesem zentralen Teil der Wölsungensage gibt es an eddischer Dichtung lediglich vier Fornyrðislag-Strophen, die in der Völsunga Saga zitiert werden, und somit haben wir von hier an als Quellen nur noch die Saga und die ganz knappe Fassung in Snorri Sturlusons Prosa-Edda. Auf das Lied bezogen endet die Lücke in IX,46.

Mein Vater meinte, dass die Verlobung von Sigurd und Brynhild (19), die in der Saga unmittelbar nach einer Prosaparaphrase der Ratschläge kommt, dem verlorengegangen Schluss der Sigrdrífumál entstammt.

 

4

Die »Brünne« ist ein Kettenhemd oder Ringpanzerhemd. Das Wort ist gleichen Ursprungs wie altnordisch brynja, das auch im Namen Brynhild enthalten ist. Im Englischen ist das entsprechende byrne, das etwa noch im Finnsburg-Fragment gebraucht wird, untergegangen, so dass auf Worte wie corslet, mail und hauberk ausgewichen werden musste.

20–23

Nach den Worten: »Und das bekräftigten sie mit Eiden« geht es in der Saga sofort weiter mit: »Nun reitet Sigurd fort.« Der Schluss dieses Teils des Liedes, vorweggenommen schon in der Prosaeinleitung (»Sie ziehen gemeinsam von dannen, aber ihr Stolz veranlasst Brynhild, von Sigurd zu verlangen, dass er fortgeht und erst zu ihr zurückkehrt, wenn er sich bei allen Menschen Ehre und ein eigenes Reich errungen hat«), ist eine Ausgestaltung, die allein dem Lied vorbehalten ist.

VII
GUĐRÚN

(Gudrún)

Als Sigurd im Lied von Brynhild Abschied nimmt, ist sein erklärtes Ziel das Land der Gjúkungen, wie aus den Worten ersichtlich wird: »Grün waren die Wege, / die Grani nahm« (VI,23), worin die des Finken anklingen: »Grün führen die Wege / in Gjúkis Land« (V,51). So ist es auch in Snorris extrem komprimierter Erzählung.

In der Saga dagegen reitet er von Hindarfjall fort, bis er an den Hof eines großen Häuptlings kommt, der Heimir heißt. Dieser ist mit Brynhilds Schwester Bekkhild verheiratet, die zu Hause blieb und Handarbeiten lernte, während Brynhild Helm und Brünne anlegte und in die Schlacht zog (daher ihre Namen, denn nordisch bekkr heißt »Bank«, nach den langen Bänken in der altskandinavischen Halle, und brynja »Brünne, Kettenpanzer«). Dort am Hof lebt Sigurd lange in hohen Ehren.

Dann erfahren wir, dass Brynhild Heimirs Ziehtochter ist und dass sie zu Besuch gekommen ist. Sie hält sich abseits und arbeitet an einem Wandteppich, der die Heldentaten Sigurds zeigt, die Tötung des Drachen und den Raub des Schatzes. Eines Tages fliegt Sigurds Falke auf einen hohen Turm und setzt sich an ein Fenster. Als Sigurd hinterhersteigt, sieht er eine sehr schöne Frau einen Wandteppich mit seinen Taten besticken, und er erkennt, dass es Brynhild ist.

Am nächsten Tag geht er zu ihr, und am Ende eines merkwürdigen Gesprächs sagt sie zu ihm: »Es ist uns nicht bestimmt, dass wir zusammenleben. Ich bin eine Schildmaid und trage den Helm bei den Heerkönigen. Sie unterstütze ich im Kampf, und es ist mir nicht leid zu kämpfen.« Doch als Sigurd sagt, wenn dem so sei, sei der damit verbundene Schmerz »schwerer zu ertragen als ein scharfes Schwert«, erwidert Brynhild, sie werde weiter die Schar der Krieger mustern, »aber du wirst Gudrún, Gjúkis Tochter, heiraten«. »Keines Königs Tochter verlockt mich«, sagt Sigurd. »Ich bin nicht wankelmütig, und ich schwöre bei den Göttern, dass ich dich haben will und keine andere Frau.« Brynhild äußert sich in gleicher Weise. Da gibt Sigurd ihr einen Goldring, ok svörðu nú eiða af nýju, »und sie schworen ihre Eide aufs neue«. Darauf geht Sigurd von ihr fort, und das Kapitel in der Saga ist aus.

Brynhild ist hier die Tochter des Königs Budli und die Schwester von Atli (Attila). Genauso erzählt es Snorri.

Von dieser außerordentlichen Entwicklung in der Geschichte von Sigurd und Brynhild steht im Lied kein Wort; doch ich verschiebe die Erörterung der Frage, wie der Verfasser der Saga diesen Teil der Sage behandelt, an das Ende meines Kommentars zum Lied (Anmerkung zu Brynhild, S. 371ff.).

In der Saga kommen wir jetzt in das Reich »südlich am Rhein«, in dem König Gjúki herrscht, umgeben von seiner Frau Grímhild (beschrieben als Zauberin und grausam gesinnt), seinen drei Söhnen Gunnar, Högni und Gotthorm und seiner Tochter Gudrún. Es wird erzählt, dass Gudrún eines Tages zu einer ihrer Mägde sagt, sie sei wegen eines Traumes bekümmert.

Mit Gudrúns Traum setzt das Lied am Anfang von VII ein, doch mein Vater gab dieser Episode eine ganz andere Gestalt als in der Saga. Dort träumt Gudrún, sie habe einen schönen Falken mit goldenen Federn auf der Hand. Nichts erscheint ihr besser als dieser Falke, und sie würde lieber ihren ganzen Besitz verlieren als ihn. Die Frau deutet den Traum so, dass ein Königssohn um Gudrún anhalten werde; er werde ein vortrefflicher Mann sein, und sie werde ihn sehr lieben. Da sagt Gudrún: »Es quält mich, dass ich nicht weiß, wer er ist. Wir wollen Brynhild aufsuchen, sie wird es wissen.«

Gesagt, getan. Gudrún und ihre Mägde kommen zu Brynhilds Halle, die mit Gold geschmückt ist und auf einem Berg steht. Dort erzählt Gudrún Brynhild ihren Traum: aber nicht den vorher berichteten Traum, sondern jetzt spricht sie von dem großen Hirsch mit goldenem Fell, der auch im Lied vorkommt. In seinem Gedicht (VII,1–5) verband und verflocht mein Vater die beiden Episoden, allerdings ließ er den Falkentraum weg, und die Deuterin von Gudrúns Traum ist weder die Magd noch Brynhild, sondern ihre Mutter Grímhild. Der Traum vom Hirsch geht im Lied (VII,2–4) inhaltlich auf die Saga zurück, doch es gibt einen wichtigen Unterschied. In der Saga sagt Gudrún zu Brynhild, »du« habest den Hirsch vor ihren Füßen erschossen und »du« habest ihr ein Wolfsjunges gegeben, das sie mit dem Blut ihrer Brüder bespritzte; im Lied dagegen wird der Hirsch von einem wild auf dem Wind reitenden Weib zur Strecke gebracht, und wer ihr den Wolf gibt, wird nicht gesagt.

In der Saga antwortet Brynhild, als Gudrún ihr den Traum geschildert hat: »Ich werde dir sagen, was geschehen wird. Sigurd, den ich mir zum Mann erwählt habe, wird zu dir kommen. Grímhild wird ihm verzauberten Met geben, woraus uns allen großer Streit erwachsen wird. Du wirst ihn bekommen, aber bald auch wieder verlieren. Dann wirst du König Atli heiraten. Du wirst deine Brüder verlieren, und dann wirst du Atli töten.« Gudrún meint, so etwas zu wissen sei »übermäßiger Kummer«, und kehrt an den Hof ihres Vaters zurück.

Möglicherweise hat der Verfasser der Saga diese Episode einem Lied entnommen, in dem die Geschichte in den Grundzügen vorhergesagt wird, wie es anderswo auch in der Edda geschieht, aber als einfaches Handlungselement, das Brynhilds Gabe der Weissagung belegt, ist sie grotesk. Wie mein Vater bemerkte: »Vorherwissen in einer Geschichte ist gefährlich.« Im Lied verzichtet er natürlich völlig auf Gudrúns Besuch bei Brynhild und deutet Grímhild den Traum nicht, sondern versucht nur, Gudrún mit Bemerkungen über das Wetter zu beruhigen (wie die Magd in der Saga) und mit dem Hinweis: »Oft scheint in Träumen / das Schöne hässlich, / das Gute böse«. Verschwunden ist auch Brynhilds Schwester Bekkhild, und Atli, Budlis Sohn, ist nicht mehr Brynhilds Bruder. Wo Brynhild nach dem Abschied von Sigurd gewohnt hat, erfahren wir nicht: »In ihr Land lenkte / die Leuchtende einsam … / Sie kam in ihr Land / zu langem Warten« (VI,23). Am Anfang von VIII sehen wir sie auf Sigurd warten (1f.), unglücklich trotz ihrer »Schätze und Schönheit«.

In der Saga wie im Lied trifft jetzt Sigurd auf Grani mit seinem Schatz an König Gjúkis Hof ein. Er wird mit Ehren empfangen, und er reitet oft mit Gunnar und Högni aus und ist ihnen hoch überlegen. Grímhild bemerkt, wie sehr er Brynhild liebt und wie oft er von ihr spricht, und sie denkt bei sich, dass es günstig wäre, wenn er mit seinen großen Fähigkeiten und seinem ungeheuren Reichtum Gudrún heiratete und bei ihnen bliebe. Sie mischt deshalb einen Zaubertrank und reicht ihn Sigurd, und als er davon trinkt, verliert er alle Erinnerung an Brynhild.

Mit den Liedern, die beim Fest zu seiner Ankunft erst Gunnar zur Harfe singt (14f.: vom Krieg zwischen Goten und Hunnen) und dann Sigurd (16–18: von Fáfnir und dem goldenen Hort und von Brynhild auf Hindarfjall), kommt im Lied ein neues Element hinzu; außerdem wird ein Feldzug in das alte Land der Wölsungen geschildert, mit dem Sigurd für Sigmunds Tod Rache nimmt (24–29). In der Saga kommt dieser viel früher und wird mit König Hjálpreks Hilfe durchgeführt (siehe S. 341f.), während im Lied die Gjúkungen helfen. Ódin erscheint hier im Lied genau wie in der Saga, aber seine Rolle ist vollkommen anders. In der Saga (basierend auf Strophen der Reginsmál) geraten die Schiffe in ein schweres Unwetter, aber Ódin steht auf einer Landspitze und ruft ihnen zu, und als sie ihn an Bord nehmen, legt sich das Unwetter. Im Lied (28f.) erscheint er am Ende des Kampfs, als Sigurd vor dem alten Haus Wölsungs steht, dem inzwischen das Dach fehlt und dessen großer stützender Baum tot ist, und macht ihm klar, dass sein Schicksal nicht im Land seiner Ahnen liegt. Ódin sagt: »Jetzt bist du König / aus Königsgeblüt. / Dich ruft eine Braut / übers breite Meer«, und nach seiner Rückkehr erinnert sich Sigurd der Worte Brynhilds: »Ich war Königin einst, / einen König begehr ich« (VI,22, VII,35).

 

8 und 12

»Niflungenherrscher«, »Niflungenland«, »Niflungen«. Zum Namen Niflungar erklärt Snorri Sturluson ausdrücklich: Gjúkingar, þeir eru ok kallaðir Niflungar, »die Gjúkungen, sie werden auch Niflungen genannt«. Da dieser Kommentar im Prinzip nur erhellen will, wie die nordische Wölsungensage im Lied meines Vaters verarbeitet wurde, erübrigt es sich, auch nur andeutungsweise auf die schwierige Frage der Herkunft des Namens Niflungen (oder Nibelungen) einzugehen; aber in Anhang A (S. 539–545) wird etwas dazu gesagt.

14

»Myrkwid« (nordisch Myrkviðr, englisch Mirkwood, »Dunkelwald«). Dieser düstere Grenzwald, der verschiedene Völker voneinander trennt, kommt in der Saga nicht vor. In den Eddaliedern findet er sich in unterschiedlichen Zusammenhängen, doch es könnte sein, dass die Heldensage in ihm die Erinnerung an den großen Wald bewahrt, der das Land der Goten von dem der Hunnen weit im Süden und Osten trennte. Diese Bedeutung hat der Name jedenfalls in der eddischen Atlakviða (»Atlilied«), aus der er hier ins Lied übernommen wurde. [Im Herrn der Ringe sowie im Hobbit ist der Mirkwood, deutsch mit »Düsterwald« übersetzt, auch mit »Nachtwald«, ein großer Wald im Nordosten.]

;»Danpar«. Wie Myrkwid findet sich dieser Name nicht in der Saga, doch er kommt in der Atlakviða und anderen altnordischen Liedern vor (siehe die Anmerkung zum Gudrúnlied 86). Er ist ein Relikt des gotischen Namens für den russischen Fluss Dnjepr.

15

»Herren der Burgunder«. Diese Bezeichnung kehrt in Strophe 20 wieder. Mein Vater entnahm sie den denkwürdigen Worten in einer Strophe der Atlakviða, wo Gunnar vin Borgunda genannt wird, »Herr der Burgunder«. In keiner anderen nordischen Quelle gilt Gunnar als Burgunder, und das Wort findet sich auch nicht als Name eines Volkes; bemerkenswerterweise jedoch findet sich der Ausdruck in einem der Bruchstücke des altenglischen Gedichts Waldere, wo Guðhere wine Burgenda genannt wird. Sowohl altnordisch Gunnarr als auch altenglisch Guðhere gehen auf den Namen des historischen Burgunderkönigs Gundahari zurück, der im Jahre 437 von den Hunnen getötet wurde. Eine Darstellung des historischen Ursprungs der Gjúkungen siehe unter Anhang A.

»Budlis Bruder«. In der Saga wird die Tötung des Bruders von König Budli, dem Vater Atlis und Brynhilds, durch die Gjúkungen erst an späterer Stelle erwähnt.

18

»Umhagt« heißt umgeben.

28

»und blind sein Auge«. Ódin hatte nur ein Auge. Nach dem Mythos gab er eines seiner Augen als Pfand, um aus dem Brunnen Mímirs vom Wasser der Weisheit zu trinken, das unter der Wurzel des Weltenbaums entspringt.

38

Im Lied ist nicht wie in der Saga davon die Rede, dass Sigurd alle Erinnerung an Brynhild verlor, als er Grímhilds Zaubermet trank: »Sigurd leerte / lachend den Trank, / ernst dann verstummt’ er«; aber die Wirkung erschließt sich aus IX,4.

VIII
SVIKIN BRYNHILDR

(Die betrogene Brynhild)

In der Saga folgt nun die Hochzeit von Sigurd und Gudrún und der Bruderschaftsschwur zwischen ihm und Gjúkis Söhnen (Strophen 7–10 im Lied); es wird erwähnt, dass er zu dem Zeitpunkt schon zweieinhalb Jahre bei den Gjúkungen gelebt hat. Nach der Vermählung gibt Sigurd Gudrún von Fáfnirs Herz zu essen (siehe dazu die Anmerkung zu V,46–48). Sie haben einen Sohn namens Sigmund.

Dass unter den um Brynhild werbenden Königen auch Ódin erscheint (2–5), ist eine Besonderheit des Liedes. Es hat den Anschein (6), als erhöbe sich erst nach seinem Kommen das Feuer rings um ihre Halle und als sähe Brynhild darin eine Sperre, die allen außer Sigurd den Zutritt verwehrt. Die Beschreibung des Feuers hier ähnelt der in VI,2, als Sigurd auf Hindarfjall Brynhilds Feuer als ein »Blitzen und Brennen« sah, das »hell und hoch / zum Himmel leuchtete«.

In der Saga folgt die Szene, in der Grímhild ihrem Sohn Gunnar rät, um Brynhild zu werben (12–17 im Lied), und es heißt, dass Sigurd genauso für die Verbindung ist wie Gjúki und seine Söhne. Erst aber reiten sie zu König Budli, Brynhilds Vater, um seine Zustimmung zu bekommen, und dann zu Heimir, Brynhilds Ziehvater (siehe S. 355f.). Heimir sagt, ihr Saal sei nicht fern und seines Erachtens werde sie nur den Mann nehmen, der durch das ringsherum lodernde Feuer reite. Im Lied kommen Budli und Heimir natürlich nicht vor.

Darin, wie Gunnars Pferd vor dem Feuer zurückscheut, wie er sich Grani leiht, wie Grani unter Gunnar nicht gehen will und wie dieser und Sigurd nach Grímhilds Anweisung die Gestalt tauschen, folgt das Lied der Saga. Diese zitiert hier zwei Strophen aus einem unbekannten Lied, die vom Aufflammen der Lohe und Beben der Erde und vom Erlöschen des Feuers bei Sigurds Anreiten erzählen (so auch im Lied 25f.).

Der Inhalt der Unterredung zwischen Sigurd und Brynhild (28–31) ist im wesentlichen aus der Saga genommen: ihre Unsicherheit, was sie antworten soll, sein Versprechen einer reichen Brautgabe, ihre Forderung, dass er alle tötet, die um sie geworben haben (30,3f.) und seine Erinnerung an ihren Eid. In Strophe 31 wird unmissverständlich erklärt, dass Brynhild gelobt hat, niemand anderen zu heiraten als den Mann, der das Feuer zu durchreiten wagt, und an diesem Punkt in der Saga erinnert Sigurd sie ausdrücklich an ihren Schwur, mit dem Mann zu gehen, der das vollbringt. Damit sind die Worte zu vergleichen, die Brynhild auf Hindarfjall zu Sigurd spricht (VI,8):

Ein Gelübde fürs Leben

legte ich ab,

den Erwählten der Welt

zu wählen allein.

Wir müssen begreifen, dass der Reiter durchs Feuer für Brynhild nur der »Erwählte der Welt« sein kann, und der ist Sigurd. Jetzt aber steht Gunnar vor ihr, und sie ist »verwirrt« und wird in ihrer Unsicherheit mit einem Schwan verglichen, der »auf schwanker Welle« schaukelt.

In der Saga bleibt Sigurd in Gunnars Gestalt drei Nächte bei Brynhild, und sie schlafen im selben Bett; er aber legt das Schwert Gramr zwischen sie beide, und als Brynhild ihn fragt, warum er das tue, antwortet er, es sei ihm bestimmt, so mit seiner Frau Hochzeit zu halten, sonst müsse er sterben.

Ein wichtiger Unterschied zwischen Saga und Lied betrifft die Vertauschung der Ringe. In der Saga hieß es anlässlich ihres Treffens bei Heimir (siehe S. 356): Sigurd »gab ihr einen Goldring«, von dem aber nichts weiter gesagt wurde, und jetzt heißt es, dass er ihr beim Abschied den Ring Andwaranaut abnahm, »den er ihr gegeben hatte, und gab ihr einen anderen Ring aus Fáfnirs Erbe«. Im Lied (33) dagegen nimmt er der Schlafenden den Ring ab, den sie am Finger trägt, und steckt ihr dafür Andwaranaut an. Darin folgt das Lied der Darstellung Snorris: Am Morgen »gab er Brynhild als Morgengabe den Goldring, den Loki von Andwari genommen hatte. Aber zur Erinnerung zog er einen anderen Ring von ihrer Hand.« (Siehe dazu auch IX,9f. und die Anmerkung.)

Danach reitet Sigurd in der Saga durchs Feuer zurück, und er und Gunnar tauschen wieder die Gestalt; Brynhild aber begibt sich zu ihrem Ziehvater Heimir und erzählt ihm, was geschehen ist und dass sie zweifelt: »Er ritt durch mein flackerndes Feuer … und nannte sich Gunnar; ich aber sagte, einzig Sigurd würde das tun, dem ich auf dem Berg Eide schwor.« Heimir meint, daran sei nun nichts mehr zu ändern. Darauf sagt sie: »Meine und Sigurds Tochter Áslaug soll hier bei dir aufwachsen.« Mein Vater hielt die Einführung von Áslaug für eine »schwere Beeinträchtigung« der Geschichte (siehe auch S. 372, 6.). Sie wurde zweifellos hinzuerfunden, um Sigurd und Brynhild mit dem berühmtesten Wikinger der Sage zu verbinden, Ragnar Loðbrók. In der größtenteils frei erfundenen Ragnars Saga ist Áslaug eine seiner Frauen und die Mutter von mehreren seiner zahlreichen Wikingersöhne.

 

4

»Totenwählerin« ist eine Anspielung darauf, dass Brynhild Walküre ist.

6

»Umhagt« heißt umgeben (wie in VII,18).

19

»Fenn«. Sumpf, Moor (wie in V,21).

IX
DEILD

(Streit)

Wie schon auf S. 354 gesagt, ist die große Textlücke im Codex Regius schuld am Verlust der gesamten altnordischen Liedüberlieferung zum Mittelteil der Sigurdsage. Die Handschrift nimmt den Faden erst wieder mit dem letzten Teil eines Sigurdliedes auf, das unter dem Namen Brot (af Sigurðarkviðu) bekannt ist, »Fragment (eines Sigurdliedes)«. Von diesem Lied sind nur neunzehn Strophen erhalten, und es setzt erst spät im Gang der Tragödie ein, nach dem »Streit der Königinnen«, der entstand, als diese sich im Rhein die Haare wuschen. Mein Vater meinte, aus dem, was von diesem Sigurdfragment noch übrig ist, lasse sich ersehen, dass der größte Teil eines alten und sehr kraftvollen Liedes verlorengegangen ist, »man nehme zum Beispiel die geballte Kraft und eindrückliche Kargheit von

Mér hefir Sigurðr

selda eiða,

eiða selda,

alla logna …«

(»Mir hat Sigurd / geschworen Eide, / Eide geschworen, / alle gebrochen …«)

Diese Worte Gunnars fallen am Anfang des erhaltenen Teils des Sigurdfragments, und ihr Echo hören wir im Lied IX,46.

Was die aus dem Codex Regius entfernten Seiten enthielten, ist viel diskutiert worden. Ein wichtiger Faktor ist, dass sich in der Handschrift ein Lied namens Sigurðarkviða en skamma findet, »Das kurze Sigurdlied«, das jedoch mit seinen einundsiebzig Strophen beinahe das längste aller eddischen Heldenlieder ist. Der Titel muss also zur Unterscheidung von einem anderen, höchstwahrscheinlich in derselben Sammlung, gewählt worden sein. Mein Vater bezog in dieser Frage einen klaren Standpunkt, wenn er ihn auch vorsichtig formulierte: »Man darf nicht vergessen, dass dieses ganze Geschäft (wie die Datierung einzelner Lieder, zu der jeder Philologe mit gleicher Sicherheit eine andere Meinung vertritt) ein sehr fragwürdiges Herumgerate ist.« Er hielt es für möglich, dass es drei Sigurdlieder gab: Sigurðarkviða en skamma, erhalten im Codex Regius, Sigurðarkviða en meiri, »Das größere (längere) Sigurdlied«, das gänzlich verschollen ist, und »ein altertümliches, kernig-knappes Lied, das sich vorrangig mit der Tragödie Brynhilds befasste« und dessen Schluss im Sigurdfragment überliefert ist. (Seinem eigenen Gedicht gab er einen anderen Titel, den er auf die erste Seite des Manuskripts unter den Haupttitel setzte, Sigurðarkviða en mesta, »Das längste Sigurdlied«, weil in ihm die ganze Geschichte erzählt wird.)

Wie dem auch sei, für nahezu die gesamte Handlung von Sigurds Ankunft am Hof der Burgunder (Niflungen, Gjúkungen) bis zum Einsatz des Sigurdfragments (Gunnars Behauptung gegenüber Högni, Sigurd habe seine Eide gebrochen) sind wir weitgehend auf die Völsunga Saga angewiesen, denn Snorri erzählt die Geschichte mit äußerster Knappheit, und in dem erhaltenen Sigurdlied Sigurðarkviða en skamma geht es vorrangig um den Tod Sigurds und Brynhilds. Nach Ansicht meines Vaters darf man annehmen, dass die entsprechenden Kapitel der Saga eine eddische Grundlage in Liedern hatten, die den aus dem Codex Regius entfernten sehr ähnlich waren.

Wir können also festhalten: Eddische Lieddichtung zum Tod von Sigurd und Brynhild ist in erster Linie in der Sigurðarkviða en skamma und im Schluss des fragmentarischen Brot (af Sigurðarkviðu) erhalten. Beide wurden selbstverständlich vom Verfasser der Saga benutzt, und mein Vater fertigte seine Version eigenständig aus diesen Quellen.

 

3f.

Am Ende des Hochzeitsfests von Gunnar und Brynhild erinnert sich Sigurd laut der Saga all seiner Brynhild geleisteten Eide, lässt sich aber nichts anmerken. Was in Strophe 3 angedeutet wird, kommt in der Saga nicht vor.

6–11

Der Streit zwischen Brynhild und Gudrún anlässlich der Haarwäsche im Fluss hält sich an die Geschichte, wie sie von Snorri Sturluson und in der Saga erzählt wird, abgesehen von dem Ring, an dem Brynhild die Wahrheit erkennt (siehe dazu die Anmerkung zu 9f.). Ein langer Dialog zwischen Brynhild und Gudrún, der in der Saga folgt, ist im Lied weggelassen.

9f.

Wie schon auf S. 363 angemerkt, nimmt in der Saga Sigurd in Gunnars Gestalt Brynhild den Ring Andwaranaut ab und gibt ihr einen anderen aus Fáfnirs Hort, während das Lied Snorri Sturluson folgt und den Vorgang umkehrt. In Snorris Worten: »Gudrún lachte und sprach: ›Meinst du, Gunnar wäre durch die Waberlohe geritten? Ich meine, der zu dir ins Bett kam, war es auch, der mir diesen Goldring schenkte. Der Ring aber, den du an der Hand trägst und den du als Morgengabe empfangen hast, heißt Andwaranaut, und ich glaube nicht, dass Gunnar ihn sich auf der Gnitaheide erworben hat.‹« (Zur Gnitaheide siehe V,14.)

12–20

Die Art, wie Brynhild sich finster schweigend in ihre Ge mächer zurückzieht und wie tot im Bett liegt, und die Worte, die sie an Gunnar richtet, als er nach ihr sieht, sind im Großen und Ganzen der Saga entnommen, aber die ausführlichen Vorwürfe, die sie ihm in der Saga macht, unterscheiden sich sehr von der entsprechenden Passage im Lied (15–19). In der Saga stellt sie Gunnar, als sie endlich seinem Drängen nachgibt und spricht, die Frage: »Was hast du mit dem Ring getan, den ich dir gab, den König Budli mir beim letzten Abschied gab, als ihr Gjúkungen zu ihm kamt und ihm drohtet, zu heeren und zu brennen, wenn du mich nicht bekämest?« Darauf erklärt sie, Budli habe sie zwischen zwei Möglichkeiten wählen lassen: den zu heiraten, den er ihr bestimmte, oder ihre ganze Habe und seine Gunst zu verlieren; und da habe sie nicht mit ihm streiten mögen und versprochen, den zu heiraten, der mit Fáfnirs Erbe auf dem Pferd Grani durch ihre Waberlohe reiten würde. Diese zusätzliche Komplikation, die sich aus Brynhilds »Doppelcharakter« ergibt, wird im Lied ausgeräumt, wie auch andere Details der Geschichte in der Sagafassung: dass Högni sie in Fesseln legt, nachdem sie gedroht hat, Gunnar zu töten, und dass sie ihren Wandteppich zerreißt.

12f.

»Nornen«. Nordische Schicksalsgöttinnen (siehe auch Gudrúnlied 90).

20

Vers 3f.: In der Saga befiehlt Brynhild, ihre Kammertür zu öffnen, damit ihre Klagen weithin zu hören sind.

21–34

Der Dialog zwischen Sigurd und Brynhild geht in den meisten Einzelheiten auf die Saga zurück, doch im Lied ist er viel komprimierter und schlüssiger. In der Saga verflucht Brynhild Gudrún nicht und erklärt Sigurd nicht, er sei sogar bereit, Gunnar zu töten.

26

In der Saga erklärt Brynhild, dass sie sich über den Mann wunderte, der in ihren Saal kam, und dass sie Sigurds Augen zu erkennen meinte, sich aber nicht sicher war »wegen des Schleiers, der über meinem Geschick lag«.

27

Vers 7f.: siehe VIII,33,3f. und IX,10,5–8.

30

Vers 5f., »Ernst saß ich da / und ohne Regung«: siehe IX,4,7f.

35

Hier zitiert der Verfasser der Saga eine Strophe aus einem Lied, das er Sigurðarkviða nennt. Darin heißt es, vor lauter Schmerz seien Sigurd die Ringe seines Kettenhemds zersprungen. Zu dieser Strophe bemerkte mein Vater, er glaube nicht, dass sie von derselben Hand stammte wie das Sigurdfragment, und wies sie daher der ansonsten restlos verschollenen Sigurðarkviða en meiri zu (siehe S. 365). Im Lied wird das übertriebene Bild wie üblich gemäßigt.

39f.

39,5–8 und 40,1–4 wiederholen ungefähr VIII,30.

39–50

Im Aufbau des Dialogs sind im Lied einzelne Elemente verschoben, und die Entwicklung ist schärfer beleuchtet und deutlicher herausgearbeitet. Brynhilds Lüge, Sigurd habe sich ihrer bemächtigt (43), hat zur Folge, dass Gunnar zu Högni sagt: »Eide schwor er mir, / … / alle brach er« (46), was beinahe die ersten Worte des Sigurdfragments sind (siehe S. 364f.).

51–64

Die Geschichte von Sigurds Ermordung gibt es in zwei verschiedenen Versionen, und beide sind in Eddaliedern überliefert. Im Sigurdfragment wird er im Freien getötet, und Högni ist daran beteiligt (obwohl er erkennt, dass Brynhild Gunnar belogen hat, zu ersehen an einer Strophe des Fragments, die in Strophe 47 des Lieds anklingt); doch in der Sigurðarkviða en skamma und anderen Liedern wird er von Gotthorm im Bett erschlagen (siehe dazu S. 373f.). Der Kompilator des Codex Regius fügte am Ende des Sigurdfragments eine Prosaanmerkung dazu ein:

Hier in diesem Lied wird vom Tod Sigurds erzählt, und es sieht hier so aus, als hätten sie ihn draußen erschlagen. Aber einige sagen, dass sie ihn schlafend drinnen in seinem Bett erschlugen. Deutsche Männer dagegen erzählen, sie hätten ihn draußen im Wald getötet. Und so heißt es auch in der Guðrúnarkviða en forna (»Altes Gudrúnlied«), Sigurd und Gjúkis Söhne seien zum Thing geritten, als er erschlagen wurde. Darin aber sind sich alle einig, dass sie ihm die Treue brachen und ihn erschlugen, als er lag und nicht darauf gefasst war.

Die Saga folgt der Geschichte, wonach er schlafend im Haus erschlagen wird, und das Lied übernimmt ebenfalls diese Version, führt aber (54–57) eine kurze Episode ein, in der Gotthorm Sigurd beim Jagen im Wald begegnet und ihm eine Beleidigung zuruft – vielleicht um die kurze Mitteilung in der Saga (wiederholt hier in 52f.) ein wenig auszuschmücken, dass das Wolf- und Schlangenfleisch, das man ihm zu essen gab, ihn außerordentlich wild und verwegen machte.

51

»Grímhilds Sprössling«. Der Verfasser der Saga betrachtete Gotthorm (Gottormr) als Vollbruder von Gunnar und Högni und ließ Gunnar sagen, sie sollten Gotthorm zu der Tat aufstacheln, denn er sei jung und habe keinen Eid geschworen. Mein Vater folgte hier einer Überlieferung, die sich im Hyndluljóð (»Hyndlalied«) findet, nämlich dass Gotthorm der Halbbruder von Gunnar und Högni und insofern »Grímhilds Sprössling« war. Auch Snorri Sturluson erklärt, Gotthorm sei Gjúkis Stiefsohn gewesen.

58f.

In der Saga geht Gotthorm zweimal am Morgen in Sigurds Schlafgemach, aber als dieser ihn mit seinem scharfen Blick ansieht, wagt Gotthorm nicht, die Hand gegen ihn zu erheben. Beim dritten Mal schläft Sigurd.

67–69

Diese Strophen klingen nach dem Ende des Sigurdfragments, das vor dem Tod Brynhilds abbricht.

72

»Brünne«. Siehe Anmerkung zu VI,4.

73

Die Saga folgt der Sigurðarkviða en skamma darin, dass die sterbende Brynhild die ganze spätere Geschichte Gudrúns vorhersagt. Dies hat im Lied keinen Platz.

77

Vers 5–7 wiederholt genau III,13,3–5, wo der »Sohnessohn« Sinfjötli ist, nur dass im Original dort Völsung steht, nicht Völsungs. Die Pluralform ist hier eindeutig, kann aber dennoch ein Irrtum sein.

77–82

Der Schluss des Liedes folgt natürlich keinem Vorbild. Mit 79–81 vergleiche »Upphaf« 11 und 14f.

77f.

In einem fragmentarisch erhaltenen Lied aus dem zehnten Jahrhundert über den Tod des unbändigen Eirik Blutaxt, eines Sohns von Harald Schönhaar und Bruders von Hákon dem Guten (siehe die Anmerkung zu V,54), findet sich das bemerkenswerte Bild von der Ankunft eines Ódinshelden in Walhall. Das Lied beginnt damit, dass Ódin von einem Traum erzählt, in dem er Walhall zum Empfang einer Schar Erschlagener rüstete. Ein großes Getöse vieler zum Saal ziehender Männer ertönt, und Ódin ruft die toten Helden Sigmund und Sinfjötli auf, sich rasch zu erheben und dem ankommenden toten König entgegenzugehen, von dem er glaubt, dass es Eirik ist.

Sigmund sagt zu Ódin: »Warum hoffst du auf Eirik statt auf andere Könige?« Und der Gott erwidert: »Weil er sein Schwert in vielen Ländern gerötet hat.«

Darauf fragt Sigmund: »Warum hast du ihm den Sieg genommen, wenn du ihn doch für kühn hältst?« Und Ódin antwortet: »Weil man nicht sicher weiß …«, bricht dann aber ab (jedenfalls nach dem Text, wie er uns vorliegt) und schließt: »Der graue Wolf blickt auf die Sitze der Götter« (siehe den Kommentar zum »Upphaf«, S. 323f.).

Anmerkung zu Brynhild

Im folgenden gebe ich geringfügig bearbeitet den Inhalt einiger Notizen wieder, die sich mein Vater sehr hastig und schwer entzifferbar mit weichem Bleistift zu seiner Interpretation der verworrenen und widersprüchlichen Episoden machte, aus denen die Tragödie von Sigurd und Brynhild, Gunnar und Gudrún besteht. Ich möchte hier wiederholen, was ich schon im Vorwort sagte, nämlich dass sich weder in diesen noch in sonstigen Notizen für seine Vorlesungen über altnordische Literatur irgendetwas Aufschlussreiches zu der Frage findet, ob er Gedichte zum Thema der Wölsungensage geschrieben hatte oder zu schreiben gedachte, aber dass in den Vorlesungen geäußerte Ansichten selbstverständlich den Umgang mit den Quellen in seinen Liedern erhellen können.

In meinem Kommentar zum letzten Teil des Liedes sprach ich auf S. 365 von der Überzeugung meines Vaters, dass mit dem Fragment eines Sigurdliedes, dem sogenannten Brot, mit dem der Codex Regius nach der Textlücke wieder einsetzt, »ein altertümliches, kernig-knappes Lied, das sich vorrangig mit der Tragödie Brynhilds befasste«, abschließt. Dieses Lied führte er in seinen Notizen unter dem Titel Sigurðarkviða en forna, »Altes Sigurdlied«. In Aufzeichnungen für eine Vorlesung über den Inhalt der Textlücke meinte er (im Anschluss an den großen Altgermanisten Andreas Heusler), dass das Lied wahrscheinlich mit Sigurds Ankunft an Gjúkis Hof und seinem Empfang begann, worauf der Bruderschaftsschwur mit den Söhnen des Königs und die Hochzeit mit Gudrún folgte: dies alles vermutlich kurz und ohne Hinweis auf Sigurds früheres Zusammentreffen mit Brynhild. Seiner Meinung nach waren die wesentlichen Faktoren, die in diesem Sigurdlied in die Darstellung Brynhilds eingingen, folgende:

 

1.

Eine halbmagische Gestalt, die letztlich einer Walkürensage entstammt.

2.

Sie umgibt sich mit einem Flammenring und gelobt, nur den Helden zu heiraten, der ihn durchreitet – mit dem Hintergedanken, dass dies Sigurd sein wird.

3.

Der Flammenring wird von Sigurd durchritten, aber in Gestalt Gunnars. Der Eid bindet sie. Sie tröstet sich mit dem Gedanken an Gunnars Heldentat.

4.

Ihr Trost versagt und ihr Stolz ist tief verletzt, als sie entdeckt, dass es doch Sigurd war, der durch die Flammen ritt. Zusätzlich hat sie sich dazu überlisten lassen, ihren Eid, dass sie den heiraten wird, der diesen Ritt tatsächlich bestanden hat, zu brechen.

5.

Ihre Rache fällt folgendermaßen aus: Da sie Sigurd nicht mehr für sich haben kann, wird sie ihn töten (und damit Gudrún, das Objekt ihres Hasses, treffen), aber mit dieser Tat wird sie sich auch an Gunnar rächen, indem sie ihn zu einem frevelhaften Eidbruch verleitet. Daher kann sie, als alles getan, Sigurd tot und sie im Begriff ist, ihm zu folgen, eine Kehrtwendung machen und erklären: »Sigurd ist von derlei Gemeinheit völlig frei, dich allein, Gunnar, trifft die Schande.« [Mit diesem Vorwurf, der ähnlich im Lied IX,67–69 erhoben wird, endet das Sigurdfragment.]

6.

Zu diesem Zweck belastet sie Sigurd und sich selbst mit einer schrecklichen Lüge. Sie bezichtigt ihn, die Treue gebrochen zu haben, als er sich nach dem Ritt durch die Flammen zu ihr ins Bett legte. Nur so kann sie Gunnar dazu bewegen, ihn zu töten [vgl. im Lied IX,43.46.49]. Später enthüllt sie die Wahrheit [68,5–8].

Deshalb ist das Vorkommen von Áslaug in der Saga so unglücklich, selbst wenn sie beim ersten Mal auf dem Berg gezeugt wurde und nicht beim zweiten Flammenritt (siehe S. 363f.).

Ich glaube (schrieb er), wir sollten für das Lied, von dem lediglich die neunzehn Strophen des Sigurdfragments erhalten sind, und für eine der ältesten Überlieferungslinien von einer solchen Grundkonzeption ausgehen. Die Schwierigkeit der Verbindung Brynhild-Walküre wird nicht mit der Annahme ausgeräumt, die eine sei eine Sterbliche gewesen (Brynhild) und die andere eine Walküre aus einem älteren »Mythos« und die beiden seien später vermengt worden. Die Lösung liegt meines Erachtens darin, dass die Walküre das eine entscheidende Element der ganzen Geschichte ist, das die ganze Zeit mitschwingt. [In einer anderen Notiz schrieb mein Vater: »Brynhild kann keine mythisierte ›menschliche‹ Figur (oder mit der Walküre Sigrdrífa vermengt worden) sein. Sie ist eine vermenschlichte Walküre.«]

Sie wurde jedoch auf mindestens zweierlei Weise verarbeitet. Es gibt das Erwachen der von Ódin verzauberten Walküre auf dem Berg (vielleicht die eher skandinavisch geprägte Vorstellung und somit später, da die Geschichte ursprünglich nicht skandinavisch war). Es gibt außerdem die stolze Prinzessin, die ihrer eigenen List zum Opfer fällt (als zwar Sigurd das Feuer durchreitet, dies aber in Gunnars Gestalt tut) – eher im Süden beheimatet. Dass das verschollene Lied, das mit dem Sigurdfragment endet, diese ältere, »eher südliche Version« bot, wird wohl durch das wichtige Detail bestätigt, in dem es mit den nicht skandinavischen Versionen übereinstimmt, nämlich dass Sigurd draußen im Wald ermordet wurde und dass Högni daran beteiligt war (im Fragment selbst steht Gudrún draußen vor dem Tor, als die Brüder zurückgeritten kommen).

Es ist bezeichnend, dass der Kompilator des Codex Regius eine Anmerkung dazu machte, da der Sachverhalt ihn und seine Zeitgenossen sichtlich verwirrte (siehe S. 368f., Anmerkung zu Str. 51–64). Er hält fest, dass im Alten Gudrúnlied dasselbe gesagt wird, konkret, dass Sigurd auf dem Weg zum Thing (der Ratsversammlung) erschlagen wurde; und er weiß, dass dies die »südliche« Version ist, denn er spricht von þýðverskir menn, »deutschen Männern«. Die andere Geschichte – der nordischen Neigung zum Persönlichen und zur zeitlichen und örtlichen Konzentration der Handlung entsprechend –, dass Sigurd im Bett in Gudrúns Armen getötet wurde, findet sich in der Sigurðarkviða en skamma, dem erhaltenen Sigurdlied (siehe S. 365), und dies ist die Version, der die Saga (kommentarlos) wie auch das Lied folgen (siehe S. 368f.).

Mein Vater erörterte in diesen Notizen nicht die in sich widersprüchliche Entwicklung (abzulesen an der Völsunga Saga), die die Geschichte von Sigurd und Brynhild in der nordischen Überlieferung nahm. Doch seine Meinung zur Kardinalfrage erhellt aus einer beiläufigen Bemerkung an anderer Stelle, dass der Sigurd verabreichte Vergessenstrank seines Erachtens »vom Verfasser der verschollenen Sigurðarkviða en meiri [siehe S. 365] ersonnen wurde, um die Schwierigkeiten zu erklären, die aus der vorausgegangenen Verlobung von Sigurd und Brynhild erwuchsen«.

Abschließend schrieb er: Uns bleibt somit nichts anderes übrig, als uns darüber zu wundern, dass der Verfasser der Saga, der sich so prompt und entschieden auf eine der widersprüchlichen Versionen des Mordes festlegen konnte, vor einer eindeutigen Darstellung Brynhilds zurückschreckte. Da die Festlegung auf einen bestimmten Ablauf des Mordes dichterische Gründe haben muss, ist es vielleicht nur gerecht gegen den Sagaverfasser, davon auszugehen, dass das Schwanken und die Unsicherheit in der Zeichnung Brynhilds nicht einfach auf eine Stümperhaftigkeit seinerseits zurückgeführt werden darf. Er wollte für die zentrale Tragödie ein Gemenge widerstreitender Motive und Emotionen haben – und dafür war es ihm recht, die frühere Beziehung von Brynhild und Sigurd im unklaren zu lassen. Er musste das tun, denn jede Sichtweise steuerte neue Motive bei.

In der Saga erklärt sich Brynhilds leidenschaftlicher Zorn und Schmerz zum Teil aus verletztem Stolz: Sie hat nicht den höchsten Helden bekommen (und hasst Gudrún dafür) und ist überdies zur Heirat überlistet worden (und hasst dafür Gunnar und Sigurd). Ihres gebrochenen Eides wegen hasst sie sich selbst. Im Grunde liebt sie allein Sigurd: Ihr Herzenswunsch ist vereitelt worden, und lieber tötet sie, was sie liebt, als dass sie es einer Rivalin gönnt. Ihre Verlobung mit Sigurd ist von beiden gebrochen worden – verursacht durch Schicksal und durch Zauberei. Deswegen zürnt sie Sigurd (und sich selbst) und will unter keinen Umständen weiter mit Gunnar verheiratet sein. Hinter alledem steht Ódin mit seinem Schicksalsspruch, der ihre Gelübde nichtig macht – es ist ihr von ihm bestimmt zu heiraten. Unauflöslich verflochten damit ist der Fluch des Goldes.

Weiß Gott verwickelt! Und so zufallsentsprungen das Ergebnis zum großen Teil ist, könnte das Festhalten daran eine bewusste Geschmacksentscheidung gewesen sein. Wir können uns damit abfinden, auch wenn wir mit der Behauptung nicht fehlgehen dürften, dass ein größerer Künstler alle benötigten Züge der beiden unterschiedlichen Brynhilden hätte bewahren können, ohne sie so dunkel, ja widersprüchlich und unverständlich zu machen.

Frühere Fassungen der Völsungakviða en nýja

Das ältere Manuskriptmaterial des »Upphaf« ist nicht leicht zu interpretieren. Es gibt zwei Versionen, die deutlich verschiedenen Bearbeitungsphasen entstammen. Der Einfachheit halber nenne ich sie hier Text A und Text B. Die erste (Text A) mit der Überschrift »Upphaf« hat beinahe so viele Strophen wie die endgültige Fassung, aber teilweise in anderer Reihenfolge und mit Unterschieden in den Formulierungen, wenn auch größtenteils nur geringen. Die erste Strophe gehört zu denen, die am stärksten verändert wurden, bis die endgültige Gestalt erreicht war:

Ere the years there yawned

yearless ages,

without sand or sea

silent, empty;

Earth was not moulded

nor arched Heaven:

an abyss gaping

without blade of grass.10

Strophe 4 (»Unmarred their mirth …«) gab es nicht. Strophe 13 (in Text A Strophe 12) lautet:

The wolf for Óðinn

at the world’s ending (> waits unsleeping),

for Frey the fair

flames of Surtur;

the doom of Thór

the Dragon beareth:

all shall be ended

and Earth perish.

Hiermit endet die Rede der Seherin eindeutig, auch wenn das im Manuskript nicht gekennzeichnet ist, und die Strophen 14 und 15 fehlen, in denen sie von der Rolle Sigurds in den Ragnarök spricht. Dann folgen in A die das »Upphaf« abschließenden Strophen 16–20 des endgültigen Texts, in denen die Götter sich gemäß der Weissagung zum letzten Gefecht rüsten, endend mit den Worten: »for one they waited, / the World’s chosen.« In A wird die Bedeutung der Worte an der Stelle nicht erklärt. Doch in dieser Version bilden die Strophen 14 und 15 (nach der endgültigen Zählung), nicht mehr zur Weissagung der Seherin gehörig, den Abschluss des »Upphaf«. Die erste lautet:

In Day of Doom

he should deathless stand

to die no more

who had death tasted,

the serpent-slayer,

seed of Óðinn,

the walls defending,

the World’s chosen.

Und die letzte Strophe in Text A ist praktisch identisch mit Strophe 15 in der endgültigen Fassung. Die Weissagung über Sigurd ist somit auch in A enthalten, wird aber nicht der Seherin in den Mund gelegt.

Der zweite Text, B, ist nicht »Upphaf« überschrieben, sondern »Die Ältere Edda« (der Grund wird gleich deutlich werden). Er kommt in den Formulierungen der endgültigen Form viel näher, unterscheidet sich überhaupt nur in wenigen Einzelheiten davon. Dass er aus Text A hervorging, erschließt sich aus den Bleistiftkorrekturen an A, die in B ausgeschrieben erscheinen. Aber B ist viel kürzer als A. Die erste Strophe fehlt (das Gedicht beginnt: »The Great Gods once / began their toil«) – doch Strophe 1 in der endgültigen Gestalt (»Of old was an age / when was emptiness …«) ist in Bleistift an den Rand gekritzelt. Strophe 4 (»Unmarred their mirth …«) fehlt genau wie in A, aber vor allem fällt auf, dass die ganze Weissagung der Seherin (10–15) weggelassen ist. Text B hat somit nur zwölf Strophen. Die letzte beginnt »The guests are many«, und die letzten Verse lauten nicht wie in A und der endgültigen Fassung »for one they waited, / the World’s chosen«, sondern »long awaiting / the last battle«. Damit fehlt das Motiv von Sigurd als dem (von Ódin erhofften) Retter zu den Ragnarök.

Diese verkürzte Version des »Upphaf« bildet den Anfang eines Aufsatzes, der einer Gesellschaft, vermutlich in Oxford, vorgetragen wurde oder, was wahrscheinlicher ist, vorgetragen werden sollte. Nach dem einleitenden Gedicht geht es so weiter:

Und mehr habe ich, glaube ich, nicht über die Ältere Edda zu sagen, jedenfalls an Eigenem. Wir haben hier das alte Versmaß und die Strophenform, worin sie zum größten Teil gehalten ist – wie auch unsere englische Dichtung einmal darin verfasst wurde und immer noch darin verfasst werden kann, wenn man die (nicht ganz einfache) Kunst erlernen mag –, wir haben den Hintergrund für die Erfindungen ihrer Dichter, und obwohl dieses Gedicht keine Übersetzung eines Eddaliedes ist, gleicht es einem solchen genau und lassen sich alle seine Elemente in der Edda auffinden, die meisten schon im allerersten Lied, das sich direkt mit eben diesem Thema befasst.

Nur die ersten Absätze des Aufsatzes sind erhalten, sei es, weil sie auf derselben Seite stehen wie die letzte Strophe des Gedichts und der Rest weggeworfen wurde, sei es, weil der Aufsatz nie über diesen Punkt hinauskam, jedenfalls in der vorliegenden Form.

Ein Datum ist nicht angegeben. Auch lässt sich nicht sicher ermitteln, weshalb mein Vater das Gedicht in der Weise verkürzte; aber vielleicht bietet sich ja eine plausible Erklärung an. Der ältere Text A hatte seine sehr ungewöhnliche und eigene Vorstellung von der »besonderen Aufgabe Sigurds« eingeführt, »eine Erfindung des Verfassers«, wie er sagte (siehe Kommentar, S. 322). Er hatte jetzt den Gedanken, seinen Aufsatz mit dem kurzen Vortrag eines Stücks seiner eigenen »nordischen« Dichtung einzuleiten. Aber wenn er zu diesem Zweck sein »Upphaf« verwenden wollte, musste er alle Strophen weglassen, die mit der Idee vom »Erwählten der Welt« spielten, der »besonderen Aufgabe Sigurds«, und dem Mythos eine neue Bedeutung verliehen.

Betrachtete er dieses kurze Werk, als er es verfasste, als Vorspiel zu einem langen Gedicht über die Sigurdsage? Das lässt sich nicht sicher sagen (die Überschrift »Upphaf« beinhaltet das nicht unbedingt; sie könnte sich auf den Inhalt des Gedichts beziehen, was ich anzunehmen geneigt bin).

Die auf S. 52 erwähnten übrigen älteren Texte, die es noch gibt, Teil I der Völsungakviða en nýja, »Andwaris Gold«, und die ersten neun Strophen des Teils II, »Signý«, verhalten sich zur endgültigen Fassung wie Text A des »Upphaf«, das heißt, es gibt viele kleine Unterschiede in den Formulierungen.

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