KOMMENTAR ZUR
VÖLSUNGAKVIĐA EN NÝJA
Der Untertitel Sigurðarkviða en mesta bedeutet »Das längste Sigurdlied« (siehe dazu S. 365).
Im Kommentar wird die Völsungakviða en nýja durchweg einfach »das Lied« oder gelegentlich »das Wölsungenlied« genannt und die Völsunga Saga »die Saga«. Der Name »Edda« bezieht sich immer auf die »Ältere Edda« oder »Lieder-Edda«; Snorri Sturlusons Werk wird als »Prosa-Edda« bezeichnet.
Die neun Teile des Gedichts nach dem »Upphaf« werden mit römischen und die Strophen mit arabischen Ziffern bezeichnet: VII,6 ist folglich die sechste Strophe im Teil »Gudrún« [VII,6,5–8 sind die Verse 5–8 dieser Strophe]. Die Anmerkungsziffern beziehen sich auf Strophen, nicht auf Verse. Den Strophenkommentaren geht jeweils eine allgemeine Einführung in den Teil voraus.
UPPHAF
(Eingang)
Dieses Vorspiel zum Wölsungenlied hat zum Vorbild das berühmteste Lied der Edda, die Völuspá. Darin spricht die Wölwa, die weise Seherin, vom Ursprung der Welt, dem Jugendalter der Götter und dem ersten Krieg, worauf sie die Ragnarök vorhersagt, den Untergang der Götter, und die anschließende Erneuerung der Erde, die wieder aus der Meerestiefe aufsteigt (vgl. dazu auch den dritten Teil des Gedichts meines Vaters Die Weissagung der Seherin im Anhang B am Ende des Buches).
Aber die Bilder der Völuspá werden hier auf ein gänzlich neuartiges Motiv ausgerichtet, denn die Seherin erklärt (13–15), das Schicksal der Welt und der Ausgang des letzten Gefechts hingen ab vom Eingreifen eines Mannes, »der das Sterben geschmeckt hat / und stirbt drum nicht mehr«, und dieser Eine ist Sigurd, »der Schlangentöter, / der Spross Ódins«. Auf diesen »Erwählten der Welt« warten die gerüsteten Krieger in Walhall (20). Wie mein Vater in seiner erläuternden Notiz (iv) auf S. 65 darlegt, setzt Ódin seine Hoffnung darauf, dass Sigurd an diesem letzten Tag die gewaltigste aller Schlangen töten wird, den Miðgarðsormr (siehe Anmerkung zu 12 unten), und dass er »damit eine neue Welt ermöglicht«.
»Dieses Motiv der besonderen Aufgabe Sigurds ist eine Erfindung des Verfassers«, bemerkt mein Vater in demselben kurzen Text. Eine Verbindung zu seiner eigenen Mythologie kommt mir zumindest wahrscheinlich vor, insofern nämlich, als Túrin Turambar, dem Töter des großen Drachen Glaurung, ebenfalls eine besondere Bestimmung zugedacht war: Er sollte im letzten Gefecht mit seinem schwarzen Schwert den dunklen Fürsten Morgoth niederschlagen. Diese mysteriöse Bestimmung taucht schon in der alten Geschichte Turambars (von 1919 oder früher) auf und dann wieder als Prophezeiung in den Silmarillion-Texten der dreißiger Jahre; so heißt es in der Quenta Noldorinwa: »Das schwarze Schwert Túrins wird Melko [Morgoth] zuletzt den Tod und das Ende bereiten, und damit werden die Kinder Húrins und alle Menschen gerächt.« Bemerkenswerterweise findet sich dieser Gedanke leicht abgewandelt in einem kurzen Aufsatz wieder, den mein Vater gegen Ende seines Lebens schrieb und in dem es heißt, dass die weise Andreth aus dem Hause Bëor geweissagt hatte, »Túrin sollte im letzten Gefecht von den Toten zurückkehren, und bevor er die Kreise der Welt endgültig verließ, sollte er gegen Morgoths großen Drachen antreten, den schwarzen Ancalagon, und ihm den Todesstreich versetzen«. Die außerordentliche Verwandlung Túrins belegt auch ein Eintrag in den Annals of Aman, wo es heißt, das große Sternbild Menelmakar, der Schwertkämpfer des Himmels (Orion), sei »ein Zeichen, dass Túrin Turambar auf die Welt kommen sollte, und ein Omen des letzten Gefechts, das am Ende der Tage stattfinden wird«.9
Da es ansonsten (soweit ich weiß) von meinem Vater nichts Schriftliches zu dieser rätselhaften Fassung der Sigurdgestalt gibt, glaube ich, dass Spekulationen über ihre weitergehende Bedeutung die editorischen Grenzen überschreiten würden, die ich mir in diesem Buch gesetzt habe.
Der Ódin meines Vaters bleibt durchaus seiner herkömmlichen Rolle treu, seine »Erwählten« als Mitstreiter in den Ragnarök in Walhall zu versammeln, und im Wölsungenlied tritt er Sigmund entgegen, Sigurds Vater, und entwaffnet ihn in seinem letzten Kampf, so dass er getötet wird (IV,8f.). In der nordischen Sage besteht die Vorstellung, dass Ódin aus gutem Grund treulos, unzuverlässig und unheimlich ist, Streit zwischen Verwandten fördert und zuletzt seine Lieblinge im Stich lässt und zu Fall bringt: Er braucht seine Männer, braucht seine Lieblinge am Tag der Ragnarök (siehe Anmerkung zu IX,77f.).
Doch aus dem bemerkenswerten Ideenkomplex, der Ódin im nordischen Altertum umgibt und dessen Vielschichtigkeit stark wechselnde religiöse und symbolische Vorstellungen ahnen lässt, schält sich im Werk meines Vaters ein Gott heraus, der sich nur wenig von der verschlagenen, finsteren und geheimnisvollen Figur der alten Schriften bewahrt hat: dem Gott des Krieges, Herrn der Walküren, Erreger des Furors, Eingeweihten, Herrn der Galgen, sich selbst Geopferten, obszönen Magier, Inspirator der Dichter, Verwandlungskünstler, einäugigen Alten, treulosen Freund und Opfer des Wolfs am letzten Tag. »Bekümmert von Kenntnis / künftigen Leids« (18) und von meinem Vater mit Bezug auf sein eigenes Gedicht und seine Behandlung der alten Sage als Symbolgestalt der Umsicht und Weisheit neben Lokis Bosheit und Torheit begriffen, wirkt Ódin eher wie der Manwe der Silmarillion-Mythologie; und mein Vater nennt sie beide »Herrscher über Götter und Menschen«.
Zu dieser Strophe siehe S. 376. Sie folgt der dritten Strophe der Völuspá. In einer Vorlesung, in der mein Vater den nordischen Wortlaut zitierte, ließ er diese erste Strophe des »Upphaf« folgen, mit zwei Unterschieden: »shivering« statt »surging waves«, »unraised« statt »unroofed was Heaven«. |
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In der Prosa-Edda erzählt Snorri, dass Heimdall (Heimdallr) der Wächter der Götter (Ásen) ist und nahe Bifröst (»schwankender Weg«) wohnt, der Regenbogenbrücke zwischen Ásgard, dem Reich der Ásen, und Midgard, der Welt der Menschen (siehe Anmerkung zu 12), die er vor den Bergriesen schützt. Aber in den Ragnarök (dem Untergang der Götter) wird Bifröst von den Heeren überquert werden, die aus dem Feuerland Múspell kommen, und wird unter ihnen zusammenbrechen. Das Rot im Bogen ist brennendes Feuer. Heimdalls Horn ist das Gjallarhorn, dessen lauter Schall in allen Welten zu hören ist, und zu den Ragnarök wird er es blasen. |
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Die Esche ist Yggdrasill, der Weltenbaum, dessen Äste sich über Erde und Himmel breiten. Der Wolf ist Fenrir (in 13 genannt), den die Götter gefesselt haben; doch zu den Ragnarök wird der Fenriswolf seine Fesseln zerreißen und Ódin verschlingen. |
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Surt (Surtr) ist der dämonische Feuerriese, der zu den Ragnarök aus dem feurigen Múspell gegen die Götter zieht. |
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Die »schlummernde Schlange« ist der Miðgarðsormr, die Midgardschlange, die mit den Meeren, in denen sie wohnt, die Menschenwelt Midgard umschließt. Der nordische Name Miðgarðr entspricht dem altenglischen Middan-geard, Middan-eard, das der späteren Form Middle-earth, »Mittelerde«, zugrunde liegt. |
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Das »Schattenschiff« ist Naglfar, das aus den Nägeln der Toten gebaut ist. |
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Frey (Freyr) ist der oberste Gott der Fruchtbarkeit, des Friedens und der Fülle in Norwegen und Schweden; Freyja (17) war seine Schwester. |
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Der »düstere Drache« ist die Midgardschlange (siehe Anmerkung zu 12). |
I
ANDVARA-GULL
(Andwaris Gold)
Für die im Teil I des Wölsungenlieds erzählte Geschichte sind die Quellen das Reginlied (Reginsmál) der Edda, das tatsächlich weniger ein Lied ist als ein Stückwerk alter Versfragmente mit Prosaeinschüben, eine Passage aus Snorri Sturlusons Version der Wölsungensage in der Prosa-Edda und die Völsunga Saga. Die wenigen Strophen in den Reginsmál, die für diesen Teil der Geschichte von Belang sind (der Dialog zwischen Loki und Andwari sowie der zwischen Loki und Hreidmar nach der Entrichtung des Goldes), dienen dem Lied hier und da zum Vorbild, aber nur die Verse 5f. der Strophe 8 sind eine ungefähre Übersetzung (Andvari ek heiti, Óinn hét minn faðir).
Bis auf diese Stelle ist »Andvara-gull« ein neues Gedicht. Es enthält ganz bewusst viele dunkle Anspielungen, und ich gebe hier gerafft den Handlungsverlauf nach den beiden Prosafassungen wieder, die mit wenigen Ausnahmen kaum voneinander abweichen.
Erzählt wird, dass die drei Ásen Ódin, Hönir und Loki in die Welt hinausziehen und zu Andwaris Wasserfall kommen, benannt nach dem Zwerg Andwari, der in Gestalt eines Hechts in dem Wasserfall Fische fängt (Snorri erwähnt Andwari an dieser Stelle nicht). Dort ist ein Otter, der einen Lachs gefangen hat und ihn am Flussufer verzehrt, aber Loki wirft einen Stein nach dem Otter und tötet ihn. Darauf nehmen sich die Ásen den Lachs und den Otter und ziehen weiter, bis sie zum Haus eines gewissen Hreidmar kommen. Snorri nennt ihn einen Bauern, sehr stark und überaus zauberkundig, in der Saga ist er einfach ein bedeutender und wohlhabender Mann, in der Einleitung zu diesem Teil des Liedes dagegen ist er ein »Dämon«.
Die Ásen bitten Hreidmar um ein Nachtquartier und sagen, sie hätten genug zu essen mit, und sie zeigen ihm ihren Fang. Der Otter aber ist Hreidmars Sohn Otr, der beim Fischfang immer die Gestalt eines Otters annahm (was der Name Otr natürlich bedeutet). Da ruft Hreidmar seine zwei anderen Söhne Fáfnir und Regin herbei, und sie ergreifen die Ásen, fesseln sie und erklären, um sich freizukaufen müssten sie den Otterbalg mit Gold füllen und ihn ganz damit bedecken, so dass von ihm nicht mehr das geringste zu sehen sei.
Hier gehen nun die Prosaversionen auseinander. Snorri zufolge (der Andwari vorher noch gar nicht erwähnt hat) sendet Ódin nun Loki nach Schwarzelbenheim (Svartálfaheimr), dem Land der Dunkelelben, wo der Zwerg Andwari »als Fisch im Wasser« lebt, und Loki fängt ihn mit bloßer Hand. In der Saga soll Loki Rán aufsuchen, die Frau des Meergottes Ägir, und von ihr das Netz holen, mit dem sie Ertrinkende in die Tiefe zieht. Mit diesem Netz fängt er den Zwerg Andwari, der seinerseits in seinem Wasserfall in Gestalt eines Hechts Fische fängt. Nach dieser Geschichte richtete sich mein Vater (7).
Andwari löst sich mit seinem Goldhort aus, wobei er versucht, einen kleinen Goldring für sich zu behalten, doch Loki bemerkt es und nimmt ihm den Ring ab (9). Nur in Snorris Darstellung bittet Andwari, ihn behalten zu dürfen, weil er mit ihm seinen Reichtum vermehren könne, aber Loki erwidert, er dürfe nicht einen Kreuzer zurückbehalten.
Andwari erklärt, der Ring werde jedem den Tod bringen, der ihn oder irgendeinen Teil des Goldes besitzt. Snorri schreibt: »Loki sagte, dies sei ihm ganz recht, und meinte, diese Voraussage möge ruhig gelten, und er werde sie dem, der den Ring erhalten werde, gern mitteilen.« Dann kehrt Loki zu Hreidmar zurück, und als Ódin den Ring erblickt, will er ihn für sich haben und nimmt ihn vom Schatz weg. Der Otterbalg wird mit dem Gold Andwaris gefüllt und bedeckt, doch als Hreidmar ganz genau hinschaut, erspäht er ein Barthaar und verlangt, das müssten sie auch bedecken. Da holt Ódin Andwaris Ring (Andwaranaut, »Andwaris Besitz«) hervor und bedeckt das Haar damit. Als aber Ódin seinen Speer ergriffen hat und Loki seine Schuhe und sie sich nicht mehr fürchten müssen, verkündet Loki, Andwaris Fluch solle sich nunmehr erfüllen. Damit ist erzählt (schließt Snorri), warum das Gold »Otterbuße« (otrgjöld) oder »Zwangsgeld der Ásen« (nauðgjald ásanna) genannt wird (siehe auch S. 48f.).
Ein wichtiger Unterschied zwischen den beiden Prosaversionen ist, dass Snorri seine Darstellung der Wölsungensage mit »Andwaris Gold« beginnen lässt, während diese Episode in der Saga erst viel später kommt, und zwar als Geschichte, die Regin, Hreidmars Sohn, Sigurd erzählt, bevor dieser zum Kampf gegen den Drachen auszieht. Doch obwohl mein Vater in dem Punkt Snorri folgte, hielt er sich insofern an die Saga, als bei ihm Regin in V,7–11 Sigurd eine kurze Zusammenfassung von »Andwaris Gold« gibt, die einige Verse aus Teil I wiederholt.
II
SIGNÝ
Dies ist eine Versifizierung von Handlungssträngen aus den ersten Kapiteln der Völsunga Saga. Es gibt kein altes Lied, das diese Geschichte erzählt oder auch nur erwähnt, außer einer kümmerlichen halben Strophe (siehe Anmerkung zu 37–39), aber dieser Teil des Wölsungenlieds lässt sich als Versuch begreifen, ein solches nachzuempfinden. Er ist eine Auswahl starker dramatischer Momente, und viele Elemente der Prosa-Saga sind weggelassen, vor allem die besonders grausamen Stellen (siehe die Anmerkungen zu 30–32, 37–39).
Die Gauten (altnordisch Gautar) in der Einleitung zu diesem Teil lebten in Gautland im heutigen Südschweden, südlich der großen Seen. Der Name Gautar ist historisch identisch mit altenglisch Geatas, dem Volk Beowulfs.
III
DAUĐI SINFJÖTLA
(Sinfjötlis Tod)
In der Saga wird jetzt, nach dem Tod von Signý und Siggeir, die Geschichte von Helgi Hundingsbani eingeschoben, einer ursprünglich unabhängigen Gestalt, die an die Wölsungensage gekoppelt wurde, indem man ihn zum Sohn von Sigmund und Borghild (im Lied nur als »Königin« bezeichnet) machte. Darin folgt die Saga den Helgiliedern der Edda; doch in seinem Gedicht tilgte mein Vater diesen Einschub vollständig, so dass Helgi gar nicht erwähnt wird.
Die Quellen für diesen Teil des Liedes sind die Saga und ein kurzes Prosastück in der Edda, das Frá dauða Sinfjötla (»Von Sinfjötlis Tod«) heißt. In Ermangelung einer Versfassung wird es vom Kompilator des Codex Regius der Edda als Abschluss der Geschichten von Sigmund und Sinfjötli verfasst worden sein. Es gibt keine größeren Unterschiede zwischen dem Lied und den alten Prosageschichten.
(Sigurds Geburt)
Nach Borghilds Verbannung nahm sich Sigmund eine andere Frau, die viel jünger war als er (IV,2), und sie wurde die Mutter Sigurds. In der Saga und in Frá dauða Sinfjötla hieß sie Hjördis und war die Tochter des Königs Eylimi, im Lied dagegen heißt sie Sigrlinn. Dieser Unterschied beruht auf der Annahme, dass es zu einer Namensübertragung kam: dass Hjördis in den nordischen Sagen ursprünglich die Mutter Helgis war (siehe die Anmerkung zu III), während Sigrlinn Sigmunds Frau und Sigurds Mutter war. Nach dieser Übertragung wurde Sigrlinn Helgis Mutter (und erscheint sie als solche in der eddischen Helgakviða Hjörvarðssonar, dem »Lied von Helgi Hjörwardssohn«), und Hjördis wurde Sigurds Mutter. Im deutschen Nibelungenlied vom Anfang des dreizehnten Jahrhunderts war Sieglind (Sigrlinn) König Siegmunds Frau, die Mutter von Siegfried (Sigurd).
Die Handlung in diesem Teil des Liedes ist gegenüber der in der Saga (von der in der Edda nichts überliefert ist) verändert und gekürzt worden. In der Saga hält außer Sigmund noch König Lyngwi um Hjördis’ Hand an, doch sie verschmäht ihn, und nicht die um sie werbenden »sieben Königssöhne« (3,1 und 5,5), sondern Lyngwi fällt mit einer großen Streitmacht in sein Land ein.
Nur von einer Magd begleitet wird Sigrlinn in den Wald gebracht, und dort bleibt sie, während die Schlacht tobt. In der Saga wie im Lied (8f.) erscheint Ódin und zerspringt Sigmunds Schwert (5,7 und 9,3: »Grímnirs Gabe«) am erhobenen Speer des Gottes, worauf er den Tod findet (zur Bedeutung von Ódins Eingreifen siehe die Anmerkung zum »Upphaf«, S. 323).
Wie Sigrlinn im Lied findet Hjördis in der Saga den tödlich verwundeten Sigmund auf dem Schlachtfeld, und er spricht mit ihr und sagt, dass er sich nicht heilen lassen will, ob nun Hoffnung bestehe oder nicht, weil Ódin ihn abberufen habe (11). Er spricht auch von Sigurd, ihrem ungeborenen Sohn, und trägt ihr auf, die Stücke des Schwerts wohl zu verwahren, damit es eines Tages neu geschmiedet werden könne.
Unmittelbar nach Sigmunds Tod landet eine zweite Flotte am Ufer, befehligt, heißt es in der Saga, von Alf, dem Sohn König Hjálpreks von Dänemark (Strophe 14 im Lied, wo die Neuankömmlinge nicht mit Namen genannt werden). Darauf befiehlt Hjördis ihrer Magd, die Kleider mit ihr zu tauschen und sich für die Königstochter auszugeben. Als Alf mit den Frauen, die weiter ihre Rollen spielen, in seine Heimat zurückkehrt, kommt die Wahrheit ans Licht. Alf verspricht Hjördis, sie nach der Geburt ihres Kindes zu heiraten, und so kommt es, dass Sigurd am Hof König Hjálpreks aufwächst. Im Lied (15) ist die merkwürdige Geschichte der Verstellung von Sigrlinn (Hjördis) auf die Worte reduziert: »Sigmunds Frau / fuhr voller Trauer / als mindere Magd / übers Meer davon.«
In der Saga nennt Sigmund das Schwert, das neu aus den Stücken geschmiedet werden soll, Gramr. Der Name fällt im Lied erst in Teil V. |
V
REGIN
Die Quellen der Geschichte in diesem Teil des Liedes sind nicht nur die Völsunga Saga, sondern auch die Lieder der Edda, aus denen die Saga schöpfte: die zweite Hälfte der Reginsmál (siehe Anmerkung zu Teil I, S. 325) und die Fáfnismál. Die Geschichte wird auch kurz von Snorri Sturluson in der Prosa-Edda erzählt, als Erklärung dafür, warum Gold in der Dichtkunst »Sitz Fáfnirs« und »Last Granis« genannt wird.
Rein von der Handlung her enthält dieser Teil des Liedes wenig, was nicht in diesen Quellen vorkommt, und stellenweise (vor allem im Gespräch zwischen Sigurd und Regin nach Fáfnirs Tod) folgen die Verse dem Tenor der Fáfnismál, doch nur hier und da sind die Entsprechungen ganz genau.
Die Sage von Andwaris Gold, wie sie in Teil I des Liedes erzählt wird, endet damit, dass die Ásen von Hreidmars Haus abziehen, nachdem sie die Buße für seinen Sohn Otr entrichtet haben. In der Anmerkung zu diesem Teil (S. 327) habe ich erwähnt, dass Snorri Sturluson in seiner Version der Wölsungensage mit Andwaris Gold anfängt, während die Geschichte in der Saga erst viel später kommt, und zwar wird sie dort von Hreidmars Sohn Regin selbst dem jungen Sigurd erzählt, bevor dieser gegen den Drachen zieht. Im Lied kommen wir jetzt zu dieser Begebenheit.
Nachdem gesagt ist, dass Sigurd im Hause König Hjálpreks aufwuchs, berichtet die Saga nur noch, dass Regin sein Ziehvater wurde und er Sigurd allerlei Künste lehrte, unter anderem die Kenntnis der Runen und viele Sprachen (siehe Strophe 2). Snorri dagegen führt die Geschichte von Hreidmar und Andwaris Gold über den Punkt hinaus weiter, wo mein Vater sie am Ende von Teil I abbrach.
»Was ist noch mehr vom Gold zu sagen?«, schreibt Snorri und erzählt dann die Geschichte. Hreidmar nimmt das Gold an sich, seine anderen Söhne Fáfnir und Regin aber fordern ihrerseits einen Anteil des für ihren Bruder entrichteten Blutgeldes. Hreidmar gibt ihnen nichts (I,15: »Die rotgoldnen Ringe / sind rechtens nur mein«), und Fáfnir und Regin erschlagen ihren Vater. Dann verlangt Regin, dass Fáfnir den Schatz gerecht mit ihm teilt, aber Fáfnir erwidert, damit sei kaum zu rechnen, schließlich habe er deswegen seinen Vater getötet, und er befiehlt Regin, sich fortzuscheren, sonst werde es ihm ergehen wie ihrem Vater.
Dann nimmt Fáfnir den Helm, der Hreidmar gehört hat, und setzt ihn sich auf – den Helm, der ægishjálmr heißt, »Schreckenshelm«, weil alle Lebewesen erschrecken, die ihn sehen. Fáfnir zieht zur Gnitaheide hinauf und macht sich dort ein Lager. Er verwandelt sich in einen Drachen und legt sich auf das Gold (wie Glaurung in Nargothrond). Regin aber flieht davon und kommt zu König Hjálprek, dessen Schmied er wird. Sigurd wird sein Ziehsohn.
Da er die Geschichte vom Ursprung des Horts bereits erzählt hat, fährt Snorri jetzt mit der Beziehung von Regin und Sigurd und der Erschlagung Fáfnirs fort. Damit befasst sich dieser Teil des Liedes, doch vorher schaltet mein Vater (darin, wie schon auf S. 327 erwähnt, der Saga folgend) noch einmal die Geschichte von Andwaris Gold ein, hier von Regin erzählt, als Sigurd von ihm wissen will, warum er ihn so sehr zur Tötung Fáfnirs anstachelt. In diesem zweiten Vorkommen der Geschichte im Lied werden einzelne Verse auf prägnante Weise ganz oder nahezu wörtlich wiederholt (vergleiche I,2–6.9 mit V,7–11), aber die Ásen werden weggelassen, und Lokis Tat erscheint als die eines namenlosen »ruchlosen Räubers / mit rauher Hand« (8). In V,12–14 jedoch spricht Regin jetzt von der Erschlagung Hreidmars (durch Fáfnir – seine eigene Beteiligung wird weder in der Saga noch im Lied erwähnt), dem Streit zwischen den Söhnen und der Verwandlung Fáfnirs in einen Drachen »auf der Gnitaheide«.
Ein wichtiges Element der Geschichte in der Sagafassung fehlt in diesem Teil des Liedes ganz. Nachdem das Schwert Gramr geschmiedet und das Pferd Grani erlangt ist, teilt Sigurd Regin mit, er werde erst gegen Fáfnir antreten, wenn er seinen Vater gerächt habe. Darauf bricht er mit einem großen Heer und vielen Schiffen auf, womit König Hjálprek ihn ausrüstet, und verwirklicht seinen Vorsatz in einer blutigen Schlacht, in der er König Lyngwi tötet. Doch die Geschichte von Sigurds Rache wird abgewandelt zu einem späteren Zeitpunkt im Lied erzählt (VII,24–29).
VI
BRYNHILDR
(Brynhild)
In der Anmerkung zu V,46–48 habe ich den Inhalt der Prosapassage im Codex Regius referiert, die beschreibt, wie Sigurd Fáfnirs Lager betritt, sich den großen Goldschatz nimmt und ihn in zwei Kisten seinem Pferd Grani auflädt. Diese Passage wird in den Edda-Editionen als Abschluss der Fáfnismál behandelt, doch tatsächlich geht sie ohne Bruch oder neuen Titel in die Geschichte von Sigurds Zusammentreffen mit der Walküre über, die auf Hindarfjall schläft, und dieser Teil wird als Prosaeinleitung eines seltsamen Werkes aufgefasst, dem man den Namen Sigrdrífumál gegeben hat.
Dieser zweite Teil der Prosapassage, die sich ganz ähnlich auch in der Saga findet, erzählt, dass Sigurd nach Hindarfjall hinaufritt und sich südwärts wandte. Auf dem Berg sah er ein großes Licht bis zum Himmel leuchten wie ein brennendes Feuer, und als er hinkam, stand dort eine Schildburg (skjaldborg), aus der ein Banner emporragte. Sigurd ging in die skjaldborg und sah darin einen Mann in voller Kriegsbewaffnung schlafen. Als er ihm den Helm vom Kopf nahm, erkannte er, dass es eine Frau war. Ihr Ringpanzerhemd, Brünne genannt (siehe Anmerkung zu VI,4), lag so fest an, als wäre sie ans Fleisch gewachsen. Da schnitt er mit seinem Schwert Gramr die Brünne vom Hals abwärts und an beiden Ärmeln auf und nahm sie ihr ab. Sie aber erwachte, setzte sich auf und erblickte Sigurd.
Man wird feststellen, dass die Strophen 2–4 des Liedes mit der »Burg aus Schilden«, der Fahne und der Brünne, fest »wie ans Fleisch gewachsen«, dieser Prosapassage ziemlich genau folgen; doch Granis Sprung durch die Flammen ist ein Zusatz, übernommen von Sigurds zweitem Besuch bei Brynhild, bei dem er in Gunnars Gestalt kam. Er »ging in die skjaldborg« ist alles, was die Quellen zu seinem ersten Besuch bei ihr angeben. Das Wort skjaldborg, das sich sowohl in der Saga als auch in der Prosapassage der Edda findet, wird mal als Festung, mal als Kreis von Kriegern mit Schilden verstanden, aber mein Vater spricht in anderem Zusammenhang davon, Brynhild habe sich »mit einem Flammenwall umgeben«.
Mit den ersten Worten der Walküre an Sigurd beginnen die Verse der sogenannten Sigrdrífumál:
Hvat beit brynju,
hví brá ek svefni?
Hverr feldi af mér
fölvar nauðir?
(»Was schnitt die Brünne, / warum brach ich den Schlaf? / Wer nahm mir / die fahlen Fesseln?«)
Darauf erwidert Sigurd in dieser ersten Strophe, Sigmunds Sohn habe sie mit Sigurds Schwert freigeschnitten. Diese Strophe ist im Fornyrðislag, doch von da an ist das Lied mit wenigen Ausnahmen im Ljóðaháttr (siehe Anmerkung zu V,42–44). Bevor die Walküre ihr Erwachen mit den Worten preist, die im Lied V,5f. anklingen, sagt sie:
Lang schlief ich, lang weilt ich im Schlaf,
lang ist das Leid der Menschen.
Ódin verfügte es, dass ich nicht
die Schlafrunen brechen konnte.
Kurz darauf kommt in der Handschrift des Codex Regius eine andere Prosapassage, die mit den Worten beginnt: »Sie nannte sich Sigrdrífa und war eine Walküre.« Sie erzählt Sigurd, zwei Könige hätten gegeneinander gekämpft. Ódin hatte dem einen den Sieg versprochen, aber die Walküre fällte ihn in der Schlacht. Zur Strafe stach Ódin sie »mit dem Schlafdorn« (wie auch in V,52 vom Raben verkündet) und sagte, sie solle niemals mehr in der Schlacht einen Sieg erringen und sich stattdessen vermählen. »Aber ich sagte ihm, dass ich dagegen das Gelübde ablegte, mich mit keinem Mann zu vermählen, der sich fürchten könne« (die gleichen Worte werden in der Saga gebraucht). In Snorri Sturlusons Version hatte sie gelobt, nur den zum Mann zu nehmen, der es wagte, durch die »Waberlohe« zu reiten, das Feuer, das ihren Wohnsitz umringte. Die ursprüngliche Formulierung im Lied (VI,8) lautete, sie habe gelobt, »the world’s renown« (den »Weltberühmten«) zu wählen; ich habe die spätere Änderung in »chosen« übernommen und das »w« groß geschrieben.
Der Name Sigrdríf oder Sigrdrífa, den die schlafende Walküre trägt, hat zu mancherlei Spekulationen Anlass gegeben. In der letzten der fünf »Vogelstrophen«, mit denen die Fáfnismál enden (und denen im Lied die Strophen V,50–54 entsprechen), ist von »Sigrdrífas Schlaf« die Rede, und in der eben referierten Prosapassage wird sie zweimal Sigrdrífa genannt. Manche sind der Ansicht, es sei gar kein Name, der Kompilator des Codex Regius habe das Wort in der Fáfnismál-Strophe fälschlich für einen Eigennamen gehalten, während es in Wirklichkeit allgemein eine Walküre bezeichne, hier Brynhild, und »Siegtreiberin« bedeute, womit eine gemeint sein könnte, die zum Sieg antreibt, die ihn schenkt. In der Saga heißt die Walküre auf Hindarfjall Brynhild, während Snorri Sturluson erklärt, dass sie sich Hild nannte (was »Kampf« bedeutet), aber hinzufügt: »Sie wird Brynhild genannt und war eine Walküre.«
Dagegen steht die Auffassung, dass »Sigrdrífa« und »Brynhild« ursprünglich zwei verschiedene Figuren waren, die später gleichgesetzt wurden, und damit wird »Sigrdrífa« ein Bestandteil des vertracktesten Problems der nordischen Wölsungensage, nämlich der Tatsache, dass Brynhild in den Quellen auf zweierlei Arten behandelt wird, die ganz verschieden und nicht miteinander zu vereinbaren sind. Das Lied selbst gibt keinen Aufschluss, wie mein Vater den Namen »Sigrdrífa«, der nicht darin vorkommt, auffasste. (Siehe dazu die Anmerkung zu Brynhild auf S. 373.)
Nachdem die Walküre Sigurd von ihrem Gelübde erzählt hat, endet die Prosapassage im Codex Regius damit, dass er sie bittet, »ihn Weisheit zu lehren«. Nun folgt eine Strophe, in der Brynhild ihm ein Bier bringt, gebraut mit guten Zaubersprüchen und gamanrúna, was sich mit »freudenreiche« oder »Freude bringende Runen« übersetzen lässt. Darauf basiert Strophe 12 des Liedes, deren letzte Verse, »geritzt mit Runen / reicher Freude«, darauf hindeuten, dass sich mein Vater das Trinkgefäß mit Runen graviert vorstellte.
Über die Sigrdrífumál bemerkte er: »Mehr als fast jedes andere Eddalied hat sich dieses Sammelsurium mehr oder weniger zufällig so ausgewachsen und ist es nicht die Hinterlassenschaft eines einzigen Dichters.« Auf die Strophe über das Bringen des Biers folgt eine lange Reihe von Strophen, in denen es um Runen und ihre zauberische Verwendung geht (beispielsweise um Siegrunen, Rederunen, Brandungsrunen, Geburtsrunen und die Stellen, auf die man sie ritzen muss); dazu erklärte er: »Es bedarf nicht viel, um einen davon zu überzeugen, dass diese ganzen Sachen Zusätze sind. Sie stehen in keinem Zusammenhang mit Sigurds späterem Leben. Den Anstoß dazu haben die gamanrúna gegeben. Sie sind sehr interessant und wichtig, betreffen aber die Wölsungen nicht.«
Es ist bemerkenswert, dass der Verfasser der Völsunga Saga diese ganze Runenkunde als Strophen in seinen Text aufgenommen hat. Mein Vater sah darin ein gutes Beispiel für die Vorgehensweise des Sagaschreibers: »Fast alle diese Sachen haben keinerlei Bedeutung für die Geschichte, sind wahrscheinlich späte Hinzufügungen, sind nicht prosatauglich. Wenn irgendwo, dann hätte sich hier die Gelegenheit zur Streichung geboten, falls der Kompilator von einem wirklich künstlerischen Anliegen beseelt gewesen wäre.«
Im Lied findet sich von diesen Strophen natürlich keine Spur. In den Sigrdrífumál gibt die Walküre Sigurd darauf elf Ratschläge, und dieses Motiv erscheint auch im Lied (15f.), wenngleich in sehr gestraffter Form. Im Unterschied zu den Runenstrophen hielt mein Vater sie für einen Bestandteil des ursprünglichen Eddaliedes, da sich in den meisten Fällen ein Zusammenhang mit Sigurds Geschichte herstellen lässt.
Über diese Ratschläge hinaus erfahren wir im Eddalied sonst nichts mehr über das erste Zusammentreffen von Sigurd und der Walküre, denn mehr ist von dem Lied nicht erhalten: An diesem Punkt beginnt die fatale »große Lücke« der Lieder-Edda. Hier fehlt im Codex Regius eine ganze Lage, wahrscheinlich acht Blätter (siehe S. 39). Mein Vater vermutete, dass diese Blätter ungefähr zweihundert bis dreihundert Strophen enthielten. Von diesem zentralen Teil der Wölsungensage gibt es an eddischer Dichtung lediglich vier Fornyrðislag-Strophen, die in der Völsunga Saga zitiert werden, und somit haben wir von hier an als Quellen nur noch die Saga und die ganz knappe Fassung in Snorri Sturlusons Prosa-Edda. Auf das Lied bezogen endet die Lücke in IX,46.
Mein Vater meinte, dass die Verlobung von Sigurd und Brynhild (19), die in der Saga unmittelbar nach einer Prosaparaphrase der Ratschläge kommt, dem verlorengegangen Schluss der Sigrdrífumál entstammt.
VII
GUĐRÚN
(Gudrún)
Als Sigurd im Lied von Brynhild Abschied nimmt, ist sein erklärtes Ziel das Land der Gjúkungen, wie aus den Worten ersichtlich wird: »Grün waren die Wege, / die Grani nahm« (VI,23), worin die des Finken anklingen: »Grün führen die Wege / in Gjúkis Land« (V,51). So ist es auch in Snorris extrem komprimierter Erzählung.
In der Saga dagegen reitet er von Hindarfjall fort, bis er an den Hof eines großen Häuptlings kommt, der Heimir heißt. Dieser ist mit Brynhilds Schwester Bekkhild verheiratet, die zu Hause blieb und Handarbeiten lernte, während Brynhild Helm und Brünne anlegte und in die Schlacht zog (daher ihre Namen, denn nordisch bekkr heißt »Bank«, nach den langen Bänken in der altskandinavischen Halle, und brynja »Brünne, Kettenpanzer«). Dort am Hof lebt Sigurd lange in hohen Ehren.
Dann erfahren wir, dass Brynhild Heimirs Ziehtochter ist und dass sie zu Besuch gekommen ist. Sie hält sich abseits und arbeitet an einem Wandteppich, der die Heldentaten Sigurds zeigt, die Tötung des Drachen und den Raub des Schatzes. Eines Tages fliegt Sigurds Falke auf einen hohen Turm und setzt sich an ein Fenster. Als Sigurd hinterhersteigt, sieht er eine sehr schöne Frau einen Wandteppich mit seinen Taten besticken, und er erkennt, dass es Brynhild ist.
Am nächsten Tag geht er zu ihr, und am Ende eines merkwürdigen Gesprächs sagt sie zu ihm: »Es ist uns nicht bestimmt, dass wir zusammenleben. Ich bin eine Schildmaid und trage den Helm bei den Heerkönigen. Sie unterstütze ich im Kampf, und es ist mir nicht leid zu kämpfen.« Doch als Sigurd sagt, wenn dem so sei, sei der damit verbundene Schmerz »schwerer zu ertragen als ein scharfes Schwert«, erwidert Brynhild, sie werde weiter die Schar der Krieger mustern, »aber du wirst Gudrún, Gjúkis Tochter, heiraten«. »Keines Königs Tochter verlockt mich«, sagt Sigurd. »Ich bin nicht wankelmütig, und ich schwöre bei den Göttern, dass ich dich haben will und keine andere Frau.« Brynhild äußert sich in gleicher Weise. Da gibt Sigurd ihr einen Goldring, ok svörðu nú eiða af nýju, »und sie schworen ihre Eide aufs neue«. Darauf geht Sigurd von ihr fort, und das Kapitel in der Saga ist aus.
Brynhild ist hier die Tochter des Königs Budli und die Schwester von Atli (Attila). Genauso erzählt es Snorri.
Von dieser außerordentlichen Entwicklung in der Geschichte von Sigurd und Brynhild steht im Lied kein Wort; doch ich verschiebe die Erörterung der Frage, wie der Verfasser der Saga diesen Teil der Sage behandelt, an das Ende meines Kommentars zum Lied (Anmerkung zu Brynhild, S. 371ff.).
In der Saga kommen wir jetzt in das Reich »südlich am Rhein«, in dem König Gjúki herrscht, umgeben von seiner Frau Grímhild (beschrieben als Zauberin und grausam gesinnt), seinen drei Söhnen Gunnar, Högni und Gotthorm und seiner Tochter Gudrún. Es wird erzählt, dass Gudrún eines Tages zu einer ihrer Mägde sagt, sie sei wegen eines Traumes bekümmert.
Mit Gudrúns Traum setzt das Lied am Anfang von VII ein, doch mein Vater gab dieser Episode eine ganz andere Gestalt als in der Saga. Dort träumt Gudrún, sie habe einen schönen Falken mit goldenen Federn auf der Hand. Nichts erscheint ihr besser als dieser Falke, und sie würde lieber ihren ganzen Besitz verlieren als ihn. Die Frau deutet den Traum so, dass ein Königssohn um Gudrún anhalten werde; er werde ein vortrefflicher Mann sein, und sie werde ihn sehr lieben. Da sagt Gudrún: »Es quält mich, dass ich nicht weiß, wer er ist. Wir wollen Brynhild aufsuchen, sie wird es wissen.«
Gesagt, getan. Gudrún und ihre Mägde kommen zu Brynhilds Halle, die mit Gold geschmückt ist und auf einem Berg steht. Dort erzählt Gudrún Brynhild ihren Traum: aber nicht den vorher berichteten Traum, sondern jetzt spricht sie von dem großen Hirsch mit goldenem Fell, der auch im Lied vorkommt. In seinem Gedicht (VII,1–5) verband und verflocht mein Vater die beiden Episoden, allerdings ließ er den Falkentraum weg, und die Deuterin von Gudrúns Traum ist weder die Magd noch Brynhild, sondern ihre Mutter Grímhild. Der Traum vom Hirsch geht im Lied (VII,2–4) inhaltlich auf die Saga zurück, doch es gibt einen wichtigen Unterschied. In der Saga sagt Gudrún zu Brynhild, »du« habest den Hirsch vor ihren Füßen erschossen und »du« habest ihr ein Wolfsjunges gegeben, das sie mit dem Blut ihrer Brüder bespritzte; im Lied dagegen wird der Hirsch von einem wild auf dem Wind reitenden Weib zur Strecke gebracht, und wer ihr den Wolf gibt, wird nicht gesagt.
In der Saga antwortet Brynhild, als Gudrún ihr den Traum geschildert hat: »Ich werde dir sagen, was geschehen wird. Sigurd, den ich mir zum Mann erwählt habe, wird zu dir kommen. Grímhild wird ihm verzauberten Met geben, woraus uns allen großer Streit erwachsen wird. Du wirst ihn bekommen, aber bald auch wieder verlieren. Dann wirst du König Atli heiraten. Du wirst deine Brüder verlieren, und dann wirst du Atli töten.« Gudrún meint, so etwas zu wissen sei »übermäßiger Kummer«, und kehrt an den Hof ihres Vaters zurück.
Möglicherweise hat der Verfasser der Saga diese Episode einem Lied entnommen, in dem die Geschichte in den Grundzügen vorhergesagt wird, wie es anderswo auch in der Edda geschieht, aber als einfaches Handlungselement, das Brynhilds Gabe der Weissagung belegt, ist sie grotesk. Wie mein Vater bemerkte: »Vorherwissen in einer Geschichte ist gefährlich.« Im Lied verzichtet er natürlich völlig auf Gudrúns Besuch bei Brynhild und deutet Grímhild den Traum nicht, sondern versucht nur, Gudrún mit Bemerkungen über das Wetter zu beruhigen (wie die Magd in der Saga) und mit dem Hinweis: »Oft scheint in Träumen / das Schöne hässlich, / das Gute böse«. Verschwunden ist auch Brynhilds Schwester Bekkhild, und Atli, Budlis Sohn, ist nicht mehr Brynhilds Bruder. Wo Brynhild nach dem Abschied von Sigurd gewohnt hat, erfahren wir nicht: »In ihr Land lenkte / die Leuchtende einsam … / Sie kam in ihr Land / zu langem Warten« (VI,23). Am Anfang von VIII sehen wir sie auf Sigurd warten (1f.), unglücklich trotz ihrer »Schätze und Schönheit«.
In der Saga wie im Lied trifft jetzt Sigurd auf Grani mit seinem Schatz an König Gjúkis Hof ein. Er wird mit Ehren empfangen, und er reitet oft mit Gunnar und Högni aus und ist ihnen hoch überlegen. Grímhild bemerkt, wie sehr er Brynhild liebt und wie oft er von ihr spricht, und sie denkt bei sich, dass es günstig wäre, wenn er mit seinen großen Fähigkeiten und seinem ungeheuren Reichtum Gudrún heiratete und bei ihnen bliebe. Sie mischt deshalb einen Zaubertrank und reicht ihn Sigurd, und als er davon trinkt, verliert er alle Erinnerung an Brynhild.
Mit den Liedern, die beim Fest zu seiner Ankunft erst Gunnar zur Harfe singt (14f.: vom Krieg zwischen Goten und Hunnen) und dann Sigurd (16–18: von Fáfnir und dem goldenen Hort und von Brynhild auf Hindarfjall), kommt im Lied ein neues Element hinzu; außerdem wird ein Feldzug in das alte Land der Wölsungen geschildert, mit dem Sigurd für Sigmunds Tod Rache nimmt (24–29). In der Saga kommt dieser viel früher und wird mit König Hjálpreks Hilfe durchgeführt (siehe S. 341f.), während im Lied die Gjúkungen helfen. Ódin erscheint hier im Lied genau wie in der Saga, aber seine Rolle ist vollkommen anders. In der Saga (basierend auf Strophen der Reginsmál) geraten die Schiffe in ein schweres Unwetter, aber Ódin steht auf einer Landspitze und ruft ihnen zu, und als sie ihn an Bord nehmen, legt sich das Unwetter. Im Lied (28f.) erscheint er am Ende des Kampfs, als Sigurd vor dem alten Haus Wölsungs steht, dem inzwischen das Dach fehlt und dessen großer stützender Baum tot ist, und macht ihm klar, dass sein Schicksal nicht im Land seiner Ahnen liegt. Ódin sagt: »Jetzt bist du König / aus Königsgeblüt. / Dich ruft eine Braut / übers breite Meer«, und nach seiner Rückkehr erinnert sich Sigurd der Worte Brynhilds: »Ich war Königin einst, / einen König begehr ich« (VI,22, VII,35).
VIII
SVIKIN BRYNHILDR
(Die betrogene Brynhild)
In der Saga folgt nun die Hochzeit von Sigurd und Gudrún und der Bruderschaftsschwur zwischen ihm und Gjúkis Söhnen (Strophen 7–10 im Lied); es wird erwähnt, dass er zu dem Zeitpunkt schon zweieinhalb Jahre bei den Gjúkungen gelebt hat. Nach der Vermählung gibt Sigurd Gudrún von Fáfnirs Herz zu essen (siehe dazu die Anmerkung zu V,46–48). Sie haben einen Sohn namens Sigmund.
Dass unter den um Brynhild werbenden Königen auch Ódin erscheint (2–5), ist eine Besonderheit des Liedes. Es hat den Anschein (6), als erhöbe sich erst nach seinem Kommen das Feuer rings um ihre Halle und als sähe Brynhild darin eine Sperre, die allen außer Sigurd den Zutritt verwehrt. Die Beschreibung des Feuers hier ähnelt der in VI,2, als Sigurd auf Hindarfjall Brynhilds Feuer als ein »Blitzen und Brennen« sah, das »hell und hoch / zum Himmel leuchtete«.
In der Saga folgt die Szene, in der Grímhild ihrem Sohn Gunnar rät, um Brynhild zu werben (12–17 im Lied), und es heißt, dass Sigurd genauso für die Verbindung ist wie Gjúki und seine Söhne. Erst aber reiten sie zu König Budli, Brynhilds Vater, um seine Zustimmung zu bekommen, und dann zu Heimir, Brynhilds Ziehvater (siehe S. 355f.). Heimir sagt, ihr Saal sei nicht fern und seines Erachtens werde sie nur den Mann nehmen, der durch das ringsherum lodernde Feuer reite. Im Lied kommen Budli und Heimir natürlich nicht vor.
Darin, wie Gunnars Pferd vor dem Feuer zurückscheut, wie er sich Grani leiht, wie Grani unter Gunnar nicht gehen will und wie dieser und Sigurd nach Grímhilds Anweisung die Gestalt tauschen, folgt das Lied der Saga. Diese zitiert hier zwei Strophen aus einem unbekannten Lied, die vom Aufflammen der Lohe und Beben der Erde und vom Erlöschen des Feuers bei Sigurds Anreiten erzählen (so auch im Lied 25f.).
Der Inhalt der Unterredung zwischen Sigurd und Brynhild (28–31) ist im wesentlichen aus der Saga genommen: ihre Unsicherheit, was sie antworten soll, sein Versprechen einer reichen Brautgabe, ihre Forderung, dass er alle tötet, die um sie geworben haben (30,3f.) und seine Erinnerung an ihren Eid. In Strophe 31 wird unmissverständlich erklärt, dass Brynhild gelobt hat, niemand anderen zu heiraten als den Mann, der das Feuer zu durchreiten wagt, und an diesem Punkt in der Saga erinnert Sigurd sie ausdrücklich an ihren Schwur, mit dem Mann zu gehen, der das vollbringt. Damit sind die Worte zu vergleichen, die Brynhild auf Hindarfjall zu Sigurd spricht (VI,8):
Ein Gelübde fürs Leben
legte ich ab,
den Erwählten der Welt
zu wählen allein.
Wir müssen begreifen, dass der Reiter durchs Feuer für Brynhild nur der »Erwählte der Welt« sein kann, und der ist Sigurd. Jetzt aber steht Gunnar vor ihr, und sie ist »verwirrt« und wird in ihrer Unsicherheit mit einem Schwan verglichen, der »auf schwanker Welle« schaukelt.
In der Saga bleibt Sigurd in Gunnars Gestalt drei Nächte bei Brynhild, und sie schlafen im selben Bett; er aber legt das Schwert Gramr zwischen sie beide, und als Brynhild ihn fragt, warum er das tue, antwortet er, es sei ihm bestimmt, so mit seiner Frau Hochzeit zu halten, sonst müsse er sterben.
Ein wichtiger Unterschied zwischen Saga und Lied betrifft die Vertauschung der Ringe. In der Saga hieß es anlässlich ihres Treffens bei Heimir (siehe S. 356): Sigurd »gab ihr einen Goldring«, von dem aber nichts weiter gesagt wurde, und jetzt heißt es, dass er ihr beim Abschied den Ring Andwaranaut abnahm, »den er ihr gegeben hatte, und gab ihr einen anderen Ring aus Fáfnirs Erbe«. Im Lied (33) dagegen nimmt er der Schlafenden den Ring ab, den sie am Finger trägt, und steckt ihr dafür Andwaranaut an. Darin folgt das Lied der Darstellung Snorris: Am Morgen »gab er Brynhild als Morgengabe den Goldring, den Loki von Andwari genommen hatte. Aber zur Erinnerung zog er einen anderen Ring von ihrer Hand.« (Siehe dazu auch IX,9f. und die Anmerkung.)
Danach reitet Sigurd in der Saga durchs Feuer zurück, und er und Gunnar tauschen wieder die Gestalt; Brynhild aber begibt sich zu ihrem Ziehvater Heimir und erzählt ihm, was geschehen ist und dass sie zweifelt: »Er ritt durch mein flackerndes Feuer … und nannte sich Gunnar; ich aber sagte, einzig Sigurd würde das tun, dem ich auf dem Berg Eide schwor.« Heimir meint, daran sei nun nichts mehr zu ändern. Darauf sagt sie: »Meine und Sigurds Tochter Áslaug soll hier bei dir aufwachsen.« Mein Vater hielt die Einführung von Áslaug für eine »schwere Beeinträchtigung« der Geschichte (siehe auch S. 372, 6.). Sie wurde zweifellos hinzuerfunden, um Sigurd und Brynhild mit dem berühmtesten Wikinger der Sage zu verbinden, Ragnar Loðbrók. In der größtenteils frei erfundenen Ragnars Saga ist Áslaug eine seiner Frauen und die Mutter von mehreren seiner zahlreichen Wikingersöhne.
»Totenwählerin« ist eine Anspielung darauf, dass Brynhild Walküre ist. |
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»Umhagt« heißt umgeben (wie in VII,18). |
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»Fenn«. Sumpf, Moor (wie in V,21). |
IX
DEILD
(Streit)
Wie schon auf S. 354 gesagt, ist die große Textlücke im Codex Regius schuld am Verlust der gesamten altnordischen Liedüberlieferung zum Mittelteil der Sigurdsage. Die Handschrift nimmt den Faden erst wieder mit dem letzten Teil eines Sigurdliedes auf, das unter dem Namen Brot (af Sigurðarkviðu) bekannt ist, »Fragment (eines Sigurdliedes)«. Von diesem Lied sind nur neunzehn Strophen erhalten, und es setzt erst spät im Gang der Tragödie ein, nach dem »Streit der Königinnen«, der entstand, als diese sich im Rhein die Haare wuschen. Mein Vater meinte, aus dem, was von diesem Sigurdfragment noch übrig ist, lasse sich ersehen, dass der größte Teil eines alten und sehr kraftvollen Liedes verlorengegangen ist, »man nehme zum Beispiel die geballte Kraft und eindrückliche Kargheit von
Mér hefir Sigurðr
selda eiða,
eiða selda,
alla logna …«
(»Mir hat Sigurd / geschworen Eide, / Eide geschworen, / alle gebrochen …«)
Diese Worte Gunnars fallen am Anfang des erhaltenen Teils des Sigurdfragments, und ihr Echo hören wir im Lied IX,46.
Was die aus dem Codex Regius entfernten Seiten enthielten, ist viel diskutiert worden. Ein wichtiger Faktor ist, dass sich in der Handschrift ein Lied namens Sigurðarkviða en skamma findet, »Das kurze Sigurdlied«, das jedoch mit seinen einundsiebzig Strophen beinahe das längste aller eddischen Heldenlieder ist. Der Titel muss also zur Unterscheidung von einem anderen, höchstwahrscheinlich in derselben Sammlung, gewählt worden sein. Mein Vater bezog in dieser Frage einen klaren Standpunkt, wenn er ihn auch vorsichtig formulierte: »Man darf nicht vergessen, dass dieses ganze Geschäft (wie die Datierung einzelner Lieder, zu der jeder Philologe mit gleicher Sicherheit eine andere Meinung vertritt) ein sehr fragwürdiges Herumgerate ist.« Er hielt es für möglich, dass es drei Sigurdlieder gab: Sigurðarkviða en skamma, erhalten im Codex Regius, Sigurðarkviða en meiri, »Das größere (längere) Sigurdlied«, das gänzlich verschollen ist, und »ein altertümliches, kernig-knappes Lied, das sich vorrangig mit der Tragödie Brynhilds befasste« und dessen Schluss im Sigurdfragment überliefert ist. (Seinem eigenen Gedicht gab er einen anderen Titel, den er auf die erste Seite des Manuskripts unter den Haupttitel setzte, Sigurðarkviða en mesta, »Das längste Sigurdlied«, weil in ihm die ganze Geschichte erzählt wird.)
Wie dem auch sei, für nahezu die gesamte Handlung von Sigurds Ankunft am Hof der Burgunder (Niflungen, Gjúkungen) bis zum Einsatz des Sigurdfragments (Gunnars Behauptung gegenüber Högni, Sigurd habe seine Eide gebrochen) sind wir weitgehend auf die Völsunga Saga angewiesen, denn Snorri erzählt die Geschichte mit äußerster Knappheit, und in dem erhaltenen Sigurdlied Sigurðarkviða en skamma geht es vorrangig um den Tod Sigurds und Brynhilds. Nach Ansicht meines Vaters darf man annehmen, dass die entsprechenden Kapitel der Saga eine eddische Grundlage in Liedern hatten, die den aus dem Codex Regius entfernten sehr ähnlich waren.
Wir können also festhalten: Eddische Lieddichtung zum Tod von Sigurd und Brynhild ist in erster Linie in der Sigurðarkviða en skamma und im Schluss des fragmentarischen Brot (af Sigurðarkviðu) erhalten. Beide wurden selbstverständlich vom Verfasser der Saga benutzt, und mein Vater fertigte seine Version eigenständig aus diesen Quellen.
Im folgenden gebe ich geringfügig bearbeitet den Inhalt einiger Notizen wieder, die sich mein Vater sehr hastig und schwer entzifferbar mit weichem Bleistift zu seiner Interpretation der verworrenen und widersprüchlichen Episoden machte, aus denen die Tragödie von Sigurd und Brynhild, Gunnar und Gudrún besteht. Ich möchte hier wiederholen, was ich schon im Vorwort sagte, nämlich dass sich weder in diesen noch in sonstigen Notizen für seine Vorlesungen über altnordische Literatur irgendetwas Aufschlussreiches zu der Frage findet, ob er Gedichte zum Thema der Wölsungensage geschrieben hatte oder zu schreiben gedachte, aber dass in den Vorlesungen geäußerte Ansichten selbstverständlich den Umgang mit den Quellen in seinen Liedern erhellen können.
In meinem Kommentar zum letzten Teil des Liedes sprach ich auf S. 365 von der Überzeugung meines Vaters, dass mit dem Fragment eines Sigurdliedes, dem sogenannten Brot, mit dem der Codex Regius nach der Textlücke wieder einsetzt, »ein altertümliches, kernig-knappes Lied, das sich vorrangig mit der Tragödie Brynhilds befasste«, abschließt. Dieses Lied führte er in seinen Notizen unter dem Titel Sigurðarkviða en forna, »Altes Sigurdlied«. In Aufzeichnungen für eine Vorlesung über den Inhalt der Textlücke meinte er (im Anschluss an den großen Altgermanisten Andreas Heusler), dass das Lied wahrscheinlich mit Sigurds Ankunft an Gjúkis Hof und seinem Empfang begann, worauf der Bruderschaftsschwur mit den Söhnen des Königs und die Hochzeit mit Gudrún folgte: dies alles vermutlich kurz und ohne Hinweis auf Sigurds früheres Zusammentreffen mit Brynhild. Seiner Meinung nach waren die wesentlichen Faktoren, die in diesem Sigurdlied in die Darstellung Brynhilds eingingen, folgende:
Eine halbmagische Gestalt, die letztlich einer Walkürensage entstammt. |
|
2. |
Sie umgibt sich mit einem Flammenring und gelobt, nur den Helden zu heiraten, der ihn durchreitet – mit dem Hintergedanken, dass dies Sigurd sein wird. |
3. |
Der Flammenring wird von Sigurd durchritten, aber in Gestalt Gunnars. Der Eid bindet sie. Sie tröstet sich mit dem Gedanken an Gunnars Heldentat. |
4. |
Ihr Trost versagt und ihr Stolz ist tief verletzt, als sie entdeckt, dass es doch Sigurd war, der durch die Flammen ritt. Zusätzlich hat sie sich dazu überlisten lassen, ihren Eid, dass sie den heiraten wird, der diesen Ritt tatsächlich bestanden hat, zu brechen. |
5. |
Ihre Rache fällt folgendermaßen aus: Da sie Sigurd nicht mehr für sich haben kann, wird sie ihn töten (und damit Gudrún, das Objekt ihres Hasses, treffen), aber mit dieser Tat wird sie sich auch an Gunnar rächen, indem sie ihn zu einem frevelhaften Eidbruch verleitet. Daher kann sie, als alles getan, Sigurd tot und sie im Begriff ist, ihm zu folgen, eine Kehrtwendung machen und erklären: »Sigurd ist von derlei Gemeinheit völlig frei, dich allein, Gunnar, trifft die Schande.« [Mit diesem Vorwurf, der ähnlich im Lied IX,67–69 erhoben wird, endet das Sigurdfragment.] |
6. |
Zu diesem Zweck belastet sie Sigurd und sich selbst mit einer schrecklichen Lüge. Sie bezichtigt ihn, die Treue gebrochen zu haben, als er sich nach dem Ritt durch die Flammen zu ihr ins Bett legte. Nur so kann sie Gunnar dazu bewegen, ihn zu töten [vgl. im Lied IX,43.46.49]. Später enthüllt sie die Wahrheit [68,5–8]. |
Deshalb ist das Vorkommen von Áslaug in der Saga so unglücklich, selbst wenn sie beim ersten Mal auf dem Berg gezeugt wurde und nicht beim zweiten Flammenritt (siehe S. 363f.).
Ich glaube (schrieb er), wir sollten für das Lied, von dem lediglich die neunzehn Strophen des Sigurdfragments erhalten sind, und für eine der ältesten Überlieferungslinien von einer solchen Grundkonzeption ausgehen. Die Schwierigkeit der Verbindung Brynhild-Walküre wird nicht mit der Annahme ausgeräumt, die eine sei eine Sterbliche gewesen (Brynhild) und die andere eine Walküre aus einem älteren »Mythos« und die beiden seien später vermengt worden. Die Lösung liegt meines Erachtens darin, dass die Walküre das eine entscheidende Element der ganzen Geschichte ist, das die ganze Zeit mitschwingt. [In einer anderen Notiz schrieb mein Vater: »Brynhild kann keine mythisierte ›menschliche‹ Figur (oder mit der Walküre Sigrdrífa vermengt worden) sein. Sie ist eine vermenschlichte Walküre.«]
Sie wurde jedoch auf mindestens zweierlei Weise verarbeitet. Es gibt das Erwachen der von Ódin verzauberten Walküre auf dem Berg (vielleicht die eher skandinavisch geprägte Vorstellung und somit später, da die Geschichte ursprünglich nicht skandinavisch war). Es gibt außerdem die stolze Prinzessin, die ihrer eigenen List zum Opfer fällt (als zwar Sigurd das Feuer durchreitet, dies aber in Gunnars Gestalt tut) – eher im Süden beheimatet. Dass das verschollene Lied, das mit dem Sigurdfragment endet, diese ältere, »eher südliche Version« bot, wird wohl durch das wichtige Detail bestätigt, in dem es mit den nicht skandinavischen Versionen übereinstimmt, nämlich dass Sigurd draußen im Wald ermordet wurde und dass Högni daran beteiligt war (im Fragment selbst steht Gudrún draußen vor dem Tor, als die Brüder zurückgeritten kommen).
Es ist bezeichnend, dass der Kompilator des Codex Regius eine Anmerkung dazu machte, da der Sachverhalt ihn und seine Zeitgenossen sichtlich verwirrte (siehe S. 368f., Anmerkung zu Str. 51–64). Er hält fest, dass im Alten Gudrúnlied dasselbe gesagt wird, konkret, dass Sigurd auf dem Weg zum Thing (der Ratsversammlung) erschlagen wurde; und er weiß, dass dies die »südliche« Version ist, denn er spricht von þýðverskir menn, »deutschen Männern«. Die andere Geschichte – der nordischen Neigung zum Persönlichen und zur zeitlichen und örtlichen Konzentration der Handlung entsprechend –, dass Sigurd im Bett in Gudrúns Armen getötet wurde, findet sich in der Sigurðarkviða en skamma, dem erhaltenen Sigurdlied (siehe S. 365), und dies ist die Version, der die Saga (kommentarlos) wie auch das Lied folgen (siehe S. 368f.).
Mein Vater erörterte in diesen Notizen nicht die in sich widersprüchliche Entwicklung (abzulesen an der Völsunga Saga), die die Geschichte von Sigurd und Brynhild in der nordischen Überlieferung nahm. Doch seine Meinung zur Kardinalfrage erhellt aus einer beiläufigen Bemerkung an anderer Stelle, dass der Sigurd verabreichte Vergessenstrank seines Erachtens »vom Verfasser der verschollenen Sigurðarkviða en meiri [siehe S. 365] ersonnen wurde, um die Schwierigkeiten zu erklären, die aus der vorausgegangenen Verlobung von Sigurd und Brynhild erwuchsen«.
Abschließend schrieb er: Uns bleibt somit nichts anderes übrig, als uns darüber zu wundern, dass der Verfasser der Saga, der sich so prompt und entschieden auf eine der widersprüchlichen Versionen des Mordes festlegen konnte, vor einer eindeutigen Darstellung Brynhilds zurückschreckte. Da die Festlegung auf einen bestimmten Ablauf des Mordes dichterische Gründe haben muss, ist es vielleicht nur gerecht gegen den Sagaverfasser, davon auszugehen, dass das Schwanken und die Unsicherheit in der Zeichnung Brynhilds nicht einfach auf eine Stümperhaftigkeit seinerseits zurückgeführt werden darf. Er wollte für die zentrale Tragödie ein Gemenge widerstreitender Motive und Emotionen haben – und dafür war es ihm recht, die frühere Beziehung von Brynhild und Sigurd im unklaren zu lassen. Er musste das tun, denn jede Sichtweise steuerte neue Motive bei.
In der Saga erklärt sich Brynhilds leidenschaftlicher Zorn und Schmerz zum Teil aus verletztem Stolz: Sie hat nicht den höchsten Helden bekommen (und hasst Gudrún dafür) und ist überdies zur Heirat überlistet worden (und hasst dafür Gunnar und Sigurd). Ihres gebrochenen Eides wegen hasst sie sich selbst. Im Grunde liebt sie allein Sigurd: Ihr Herzenswunsch ist vereitelt worden, und lieber tötet sie, was sie liebt, als dass sie es einer Rivalin gönnt. Ihre Verlobung mit Sigurd ist von beiden gebrochen worden – verursacht durch Schicksal und durch Zauberei. Deswegen zürnt sie Sigurd (und sich selbst) und will unter keinen Umständen weiter mit Gunnar verheiratet sein. Hinter alledem steht Ódin mit seinem Schicksalsspruch, der ihre Gelübde nichtig macht – es ist ihr von ihm bestimmt zu heiraten. Unauflöslich verflochten damit ist der Fluch des Goldes.
Weiß Gott verwickelt! Und so zufallsentsprungen das Ergebnis zum großen Teil ist, könnte das Festhalten daran eine bewusste Geschmacksentscheidung gewesen sein. Wir können uns damit abfinden, auch wenn wir mit der Behauptung nicht fehlgehen dürften, dass ein größerer Künstler alle benötigten Züge der beiden unterschiedlichen Brynhilden hätte bewahren können, ohne sie so dunkel, ja widersprüchlich und unverständlich zu machen.
Frühere Fassungen der Völsungakviða en nýja
Das ältere Manuskriptmaterial des »Upphaf« ist nicht leicht zu interpretieren. Es gibt zwei Versionen, die deutlich verschiedenen Bearbeitungsphasen entstammen. Der Einfachheit halber nenne ich sie hier Text A und Text B. Die erste (Text A) mit der Überschrift »Upphaf« hat beinahe so viele Strophen wie die endgültige Fassung, aber teilweise in anderer Reihenfolge und mit Unterschieden in den Formulierungen, wenn auch größtenteils nur geringen. Die erste Strophe gehört zu denen, die am stärksten verändert wurden, bis die endgültige Gestalt erreicht war:
Ere the years there yawned
yearless ages,
without sand or sea
silent, empty;
Earth was not moulded
nor arched Heaven:
an abyss gaping
without blade of grass.10
Strophe 4 (»Unmarred their mirth …«) gab es nicht. Strophe 13 (in Text A Strophe 12) lautet:
The wolf for Óðinn
at the world’s ending (> waits unsleeping),
for Frey the fair
flames of Surtur;
the doom of Thór
the Dragon beareth:
all shall be ended
and Earth perish.
Hiermit endet die Rede der Seherin eindeutig, auch wenn das im Manuskript nicht gekennzeichnet ist, und die Strophen 14 und 15 fehlen, in denen sie von der Rolle Sigurds in den Ragnarök spricht. Dann folgen in A die das »Upphaf« abschließenden Strophen 16–20 des endgültigen Texts, in denen die Götter sich gemäß der Weissagung zum letzten Gefecht rüsten, endend mit den Worten: »for one they waited, / the World’s chosen.« In A wird die Bedeutung der Worte an der Stelle nicht erklärt. Doch in dieser Version bilden die Strophen 14 und 15 (nach der endgültigen Zählung), nicht mehr zur Weissagung der Seherin gehörig, den Abschluss des »Upphaf«. Die erste lautet:
In Day of Doom
he should deathless stand
to die no more
who had death tasted,
the serpent-slayer,
seed of Óðinn,
the walls defending,
the World’s chosen.
Und die letzte Strophe in Text A ist praktisch identisch mit Strophe 15 in der endgültigen Fassung. Die Weissagung über Sigurd ist somit auch in A enthalten, wird aber nicht der Seherin in den Mund gelegt.
Der zweite Text, B, ist nicht »Upphaf« überschrieben, sondern »Die Ältere Edda« (der Grund wird gleich deutlich werden). Er kommt in den Formulierungen der endgültigen Form viel näher, unterscheidet sich überhaupt nur in wenigen Einzelheiten davon. Dass er aus Text A hervorging, erschließt sich aus den Bleistiftkorrekturen an A, die in B ausgeschrieben erscheinen. Aber B ist viel kürzer als A. Die erste Strophe fehlt (das Gedicht beginnt: »The Great Gods once / began their toil«) – doch Strophe 1 in der endgültigen Gestalt (»Of old was an age / when was emptiness …«) ist in Bleistift an den Rand gekritzelt. Strophe 4 (»Unmarred their mirth …«) fehlt genau wie in A, aber vor allem fällt auf, dass die ganze Weissagung der Seherin (10–15) weggelassen ist. Text B hat somit nur zwölf Strophen. Die letzte beginnt »The guests are many«, und die letzten Verse lauten nicht wie in A und der endgültigen Fassung »for one they waited, / the World’s chosen«, sondern »long awaiting / the last battle«. Damit fehlt das Motiv von Sigurd als dem (von Ódin erhofften) Retter zu den Ragnarök.
Diese verkürzte Version des »Upphaf« bildet den Anfang eines Aufsatzes, der einer Gesellschaft, vermutlich in Oxford, vorgetragen wurde oder, was wahrscheinlicher ist, vorgetragen werden sollte. Nach dem einleitenden Gedicht geht es so weiter:
Und mehr habe ich, glaube ich, nicht über die Ältere Edda zu sagen, jedenfalls an Eigenem. Wir haben hier das alte Versmaß und die Strophenform, worin sie zum größten Teil gehalten ist – wie auch unsere englische Dichtung einmal darin verfasst wurde und immer noch darin verfasst werden kann, wenn man die (nicht ganz einfache) Kunst erlernen mag –, wir haben den Hintergrund für die Erfindungen ihrer Dichter, und obwohl dieses Gedicht keine Übersetzung eines Eddaliedes ist, gleicht es einem solchen genau und lassen sich alle seine Elemente in der Edda auffinden, die meisten schon im allerersten Lied, das sich direkt mit eben diesem Thema befasst.
Nur die ersten Absätze des Aufsatzes sind erhalten, sei es, weil sie auf derselben Seite stehen wie die letzte Strophe des Gedichts und der Rest weggeworfen wurde, sei es, weil der Aufsatz nie über diesen Punkt hinauskam, jedenfalls in der vorliegenden Form.
Ein Datum ist nicht angegeben. Auch lässt sich nicht sicher ermitteln, weshalb mein Vater das Gedicht in der Weise verkürzte; aber vielleicht bietet sich ja eine plausible Erklärung an. Der ältere Text A hatte seine sehr ungewöhnliche und eigene Vorstellung von der »besonderen Aufgabe Sigurds« eingeführt, »eine Erfindung des Verfassers«, wie er sagte (siehe Kommentar, S. 322). Er hatte jetzt den Gedanken, seinen Aufsatz mit dem kurzen Vortrag eines Stücks seiner eigenen »nordischen« Dichtung einzuleiten. Aber wenn er zu diesem Zweck sein »Upphaf« verwenden wollte, musste er alle Strophen weglassen, die mit der Idee vom »Erwählten der Welt« spielten, der »besonderen Aufgabe Sigurds«, und dem Mythos eine neue Bedeutung verliehen.
Betrachtete er dieses kurze Werk, als er es verfasste, als Vorspiel zu einem langen Gedicht über die Sigurdsage? Das lässt sich nicht sicher sagen (die Überschrift »Upphaf« beinhaltet das nicht unbedingt; sie könnte sich auf den Inhalt des Gedichts beziehen, was ich anzunehmen geneigt bin).
Die auf S. 52 erwähnten übrigen älteren Texte, die es noch gibt, Teil I der Völsungakviða en nýja, »Andwaris Gold«, und die ersten neun Strophen des Teils II, »Signý«, verhalten sich zur endgültigen Fassung wie Text A des »Upphaf«, das heißt, es gibt viele kleine Unterschiede in den Formulierungen.