V

REGIN

u1

Der König des fernen Landes nahm Sigrlinn zur Frau. Sigurd wurde bei Regin in Pflege gegeben, von dem oben erzählt worden ist. Regin wohnte jetzt im Wald und verstand sich außer der Schmiedekunst noch auf viele andere Sachen. Regin stachelte Sigurd auf, Fáfnir zu töten. Mit dem Schwert Gramr und dem Pferd Grani, von denen hier gesprochen wird, vollbrachte er das, obwohl Regin ihm sowohl Fáfnirs gewaltige Stärke als auch die Art des Schatzes, die der Drache hütete, verheimlichte. Hier werden auch Regins dunkle Worte berichtet, deren Hintersinn ist, in Wahrheit habe er selbst den Tod der Schlange bewirkt, so dass ihm auch das Gold zustehe (obwohl er dies, wenigstens zum großen Teil, Sigurd versprochen hat), zugleich aber müsse er den Töter seines Bruders seinerseits töten. Da Sigurd ihn nur vom Gedanken an seine Mitschuld am Brudermord bedrückt wähnt, tut er die Worte geringschätzig ab. Sigurd hört auch nicht weiter darauf, was der Drache über den Fluch sagt, und hält es nur für den Ausdruck der Habgier, die das Gold selbst dann noch schützen will, wenn der Hüter erschlagen ist. Dies war es auch, was der Drache vor allem bezweckte, als er in der Stunde seines Todes den Fluch aufdeckte. Und der Fluch begann rasch zu wirken.

 

    1    

Wo das Feuer rauchte

im finsteren Wald,

schmiedete Regin

über rötlicher Glut.

Zu ihm in die Lehre,

die lange und tiefe,

gesandt wurde Sigurd

aus dem Samen Wölsungs.

    2    

Runen des Rats

Regin ihn lehrte,

vielerlei Fertigkeit,

das Führen der Waffen,

Kunde der Könige,

Kenntnis der Sprachen.

Im Waldeswinkel

weise Worte er sprach.

Regin

    3    

»Haben könntest du

Herrschaft und Reichtum,

Stammhalter Sigmunds,

den Schatz deines Vaters.«

Sigurd 

»Mein Vater ist gefallen,

sein Gefolge versprengt,

sein Reichtum zerronnen,

ein Raub des Kriegs!«

Regin

    4    

»Ein Hort soll, so hört ich,

auf der Heide liegen,

ein Goldschatz, größer

als das Gut eines Königs.

Wohlstand und Würden

warten auf dich,

überwindest du

den Wächterdrachen.«

Sigurd

    5    

»Gesang sagt von Drachen,

die Silber und Gold

neidischen Herzens

nimmermüd hüten,

doch schlimmste der Schlangen

scheint allem Volk

Fáfnir zu sein,

der Furchtbares sinnt.«

Regin

    6    

»Schlimm sind Schlangen

den Schwachherzigen.

Die Sprosse Wölsungs

scheuten kein Gift.«

Sigurd 

»Noch halbwüchsig bin ich,

und doch hetzt du mich auf!

Was dich bewegt,

wüsste ich gern.«

*

Regin

    7    

»Am Wasserfall Andwaris

wimmelten Fische,

schwammen und schlugen

in schäumenden Becken.

Dort jagte Otr,

mein eigener Bruder,

nach leckeren Lachsen

und labte sich dran.

    8    

Tückisch traf ihn

der tödliche Stein

ruchlosen Räubers

mit rauher Hand.

Bei Hreidmars Haus

hielt er grüßend,

bot ihm den Balg

für Bett und Essen.

    9    

Dort schmiedete Regin

über rötlicher Glut,

ritzte Runen

in rohes Eisen.

Dort lag Fáfnir

am Feuer und träumte,

Böses brütete

der Bruder und Sohn.

(Hreidmar)

    10    

›Nun müssen Ringe,

muss rotes Gold

dies Fell zum Freikauf

füllen und decken!‹

Aus wogendem Wasser

wurde als Fisch

der Zwerg Andwari

gezerrt und beraubt.

    11    

Alles musst’ Andwari,

alles ihm geben,

sämtliche Schätze,

oder scheiden vom Leben.

In Hreidmars Haus

häufte er dann

Goldring auf Gold,

ein großes Wergeld.

(Regin &

    12    

›Steht Bruderbuße

Fáfnir) 

Brüdern nicht zu?

Gold vermag wohl

Gram zu lindern.‹

(Hreidmar) 

›Die gereiften Ringe

sind rechtens nur mein.

Solange ich lebe,

lass ich sie nicht!‹

 

    13    

Furchtbar focht das

Fáfnirs Herz an.

Er schlug Hreidmar

im Schlafe tot.

Wie Feuer frisst es

an Fáfnirs Herz,

Regin versagt er

den gerechten Teil.

    14    

Er schützt den Schatz

in Gestalt eines Drachen,

liegt im Lager

und lässt niemand nahen.

Den Schädel schmückt

der Schreckenshelm,

und grausig kriecht er

auf der Gnitaheide.«

Sigurd

    15    

»Ruchlos, Regin,

geriet dein Bruder.

Ganz gleich aber gilt mir

sein Gift und Feuer!

Doch weshalb dein Wiegeln,

wüsst ich doch gern:

wegen Vaterrache

oder Fáfnirs Gold?«

Regin

    16    

»Recht wär es Regin

zu rächen den Vater.

Mein Dank sei das Gold,

dein sei der Ruhm.

Das schärfste Schwert

schmied ich für Sigurd,

für Kampf und Krieg

der Klingen beste.«

*

    17    

Es glühte die Esse,

es glomm das Feuer.

Zweimal zerbrach er

die zwei neuen Schwerter.

Auf harten Amboss

hieb er mit Macht:

Das Schwert zersprang,

der Schmied ergrimmte.

Sigurd

    18    

»Sigrlinn, stimmt es,

was sagen ich hörte

von den schimmernden Stücken

des Schwertes Grímnirs?

Sigmunds Sohn

ersucht sie von dir.

Recht soll jetzt schmieden

Regin mir Gramr.«

 

    19    

Es flammte das Feuer,

es funkte die Esse:

Die Schneiden des Schwerts

schienen zu brennen.

Die Klinge erklang,

als kräftig er zuschlug

und den Amboss von oben

bis unten durchhieb.

    20    

Eine Wollflocke warf er

in die Wellen des Rheins,

stand dann und schaute

der Strömung zu.

Zerschnitten ward scharf sie

im schnellen Wasser:

Glücklich schwang Sigurd

Gramr durch die Luft.

Sigurd

    21    

»Wo liegt die Heide,

wo der Hort des Golds?

Nun weise mir, Regin,

den Weg dorthin!«

Regin 

»Fern liegt Fáfnir,

im Fenn versteckt.

Ein Pferd muss du finden,

flink und kräftig.«

 

    22    

Blau floss das Wasser

im Busiltjörn,

grün wuchs das Gras

auf guter Weide.

Im dunklen Mantel

ein Mann war der Hüter,

mit grauem Bart,

sehr groß und uralt.

    23    

Sie trieben die Pferde

in den tiefen Fluss.

Vorm wilden Wasser

wichen sie ans Ufer.

Gern schwamm nur Grani

der Graue darin:

Den Kräftigen, Kühnen

erkor sich Sigurd.

Mann

    24    

»Der Schnellste und Stärkste

stammt von Sleipnir.

Das edle Pferd Ódins

ist Ahn dieses Hengstes.

Reiter auf Ross,

reite jetzt los

über Höhen und Halden,

du Hoffnung Ódins!«

*

 

    25    

Gand ritt Regin

und Grani Sigurd,

weit war die Wildnis,

wüst und leer.

Der furchtbare Felsen

fiel dreißig Klafter,

wo der Drache lag,

wenn er durstig trank.

    26    

Er lauerte lang

im Gelände dort

in offener Grube;

die Erde bebte.

Hervor kam Fáfnir,

Feuer schnaubend,

den Berg hinunter

blies er Giftdunst.

    27    

Feurige Schwaden

fegten laut tosend

überm furchtlosen Haupt;

die Felsen stöhnten.

Die gähnende Grube

glitt er hinüber,

der schwere, schwarze

sich schlängelnde Bauch.

 

    28    

Grimm klirrte Gramr

an den grauen Stein,

sein starker Stoß

zerschnitt das Herz.

Da schüttelt’ und schlug

mit Schwanz und Kopf

im Todeskampf

der getroffene Fáfnir.

    29    

Schwarzes Blut schoss,

überschüttete Sigurd,

schnell entsprang er

der versteckten Grube.

Mit Ruck heraus

riss er das Schwert:

Mit Blicken voll Hass

durchbohrten sie sich.

Fáfnir

    30    

»Du Mannesmann!

Welcher Mann zeugte dich?

Wer fertigt’ die Flamme

für Fáfnirs Herz?«

Sigurd 

»Wölfisch wandle ich

wild und einsam,

es führt die Flamme

der Vaterlose.«

Fáfnir

    31    

»Ich weiß es wohl,

ein Wolf war dein Vater!

Wer trieb dich zur Tat,

mich totzuschlagen?«

Sigurd 

»Ich stamme von Sigmund

aus dem Samen Wölsungs.

Meine Hand gehorchte,

da mein Herz mich trieb.«

Fáfnir

    32    

»Nein, es war Regin,

der ruchlose Schmied!

Du Sohn Sigmunds,

ich sage dir wahr:

Mein ganzes Gold

umgibt Unheil,

Böses bringt es

meinen beiden Feinden.«

Sigurd

    33    

»Sein Leben muss lassen

am letzten Tag jeder,

doch greift nur zu gern

nach Gold, wer lebt!«

Fáfnir 

»Nein, sag ich, nimm’s nicht,

du Narr, sondern flieh!

Dies Gold ist umgarnt

von grässlichem Los.«

Sigurd

    34    

»Nicht einmal nützte

einem Narren, sag ich,

der Helm des Schreckens –

zur Hölle jetzt mit ihm!«

Wie ein Hase hatte

im Heidekraut sich

der Schmied bang versteckt;

jetzt schlich er hervor.

Regin

    35    

»Heil großer Held,

herrlicher Wölsung,

Kühnster der Kühnen,

gekrönt vom Sieg!«

Sigurd 

»Härter der Sieg

in den Hallen Ódins.

Manch Kämpfer ist kühn,

der die Klinge nie rötet.«

Regin

    36    

»Das Glück des Golds

ergötzt aber Sigurd,

da am grauen Gras

er Gramr abwischt.

Am Blut meines Bruders,

das es blitzend vergoss,

trage ich traurig

einen Teil der Schuld.«

Sigurd

    37    

»Flink genug flohst du,

als Fáfnir kam.

Dies Schwert erschlug ihn

und mein streitbarer Mut.«

Regin 

»Ich schuf dies Schwert,

und die Schlange lebte,

wäre Regins Rat

nicht richtig gewesen.«

Sigurd

    38    

»Heidekrauthocker,

du hast keine Schuld!

Beherztheit ist besser

als das beste Schwert.«

Regin 

»Doch schuf ich das Schwert,

der Schlange Verderben!

Oft weichen die Wackeren,

ist die Waffe stumpf.«

    39    

So redend zog Regin

Ridil aus der Scheide

und schnitt aus dem Fleisch

Fáfnir das Herz.

Dunkles Blut trank er,

das dem Drachen entquoll.

Schwer befiel Schlummer

den Schmied und Zwerg.

Regin

    40    

»Sitze nun, Sigurd!

Ich sinke in Schlaf.

Am Feuer brate

mir Fáfnirs Herz.

Schmecken soll mir,

schmausend an Weisheit,

der Sitz dunklen Sinnens

nach solchem Trank.«

    41    

Er spitzt’ einen Spieß:

Es spuckte das Feuer,

denn Fáfnirs Fett

fauchte und schäumte.

Er führte zur Zunge

den Finger prüfend:

Die Stimmen der Vögel

verstand er darauf.

*

Erster Vogel

    42    

»Einen Kopf kürzer

kehre der Lügner

von hier zur finsteren Hölle!

Hurtig äße ich

das Herz Fáfnirs,

wäre ich selber Sigurd.«

Zweiter Vogel

    43    

»Wer freilässt den Feind,

dem fehlt’s an Verstand,

brachte dieser den Bruder um!

Hätte mein Schwert

den Schatz errungen,

wär ich sein einziger Eigner.«

Erster Vogel

    44    

»Einen Kopf kürzer

komme der Zwerg

des Goldes verlustig ums Leben!

Dort regt sich Regin

in raschelnder Heide,

das Blut des Bruders zu rächen.«

*

    45    

Herum fuhr Sigurd,

da sah er Regin

mit Hass im Herzen

durchs Heidekraut kriechen.

Ein Hieb enthauptete

Hreidmars Sohn,

da schoss hervor

das schwarze Blut.

 

    46    

Schwarzrot der Trank

und schaurig das Fleisch,

dran suchend nach Weisheit

Sigurd sich labte.

Tief in der Erde

aus Eisen die Tür

und die Balken des breit

gebauten Hauses.

    47    

Hell glitzerte Gold

auf Gold gehäuft:

Dies Gold war umgarnt

von grausigen Flüchen.

Den Helm des Schreckens

aufs Haupt setzte er,

da senkte sich Dunkel,

wo Sigurd stand.

    48    

Groß und gramvoll

war Granis Last,

doch leicht hinab lief er

den langen Berg.

Reiter auf Ross,

durchreite jetzt

Holz und Heerweg,

du Hoffnung Ódins!

*

 

    49    

Auf weiten Wegen

durch wildes Land

lag lang der Schatten

des verlassenen Reiters.

Froh im Gezweig

zwitscherten Vögel:

Die Worte verstand er,

wirr war ihm ihr Sinn.

Rabe

    50    

»Hoch steht ein Hof

auf Hindarfjall,

Feuer umfängt ihn

mit Flammenzungen.

Der Weg ist steil,

das Wagnis groß,

das heldischem Herzen

von den Höhen winkt.«

Fink

    51    

»Ein Mädchen weiß ich

gar morgenschön,

mit Gold gegürtet,

mit Glück bekränzt.

Grün führen die Wege

in Gjúkis Land.

Den Wanderer weist

des Wegs das Geschick.«

Rabe

    52    

»In schwerem Schlaf,

umschlossen vom Panzer,

siehst auf dem Berg du

die Sonnenjungfer.

Der Schlafdorn Ódins

steckt ihr im Busen:

Wird sie erwachen

zu Weh oder Lachen?«

Fink

    53    

»Die großen Gjúkungen

Gunnar und Högni

beherrschen ein Reich

am Rhein gelegen.

Wie fein sich entfaltet

im Frühtau die Blume,

so reift dort goldschön

Gudrún heran.«

Rabe

    54    

»Dem eigenen Urteil,

nicht Ódin folgend

wählte die Walküre

der Walstatt Sieger

im Vollgefühl

ihrer fällenden Macht,

und Ódin schlug,

die Ódin liebte.«

*