REGIN
Der König des fernen Landes nahm Sigrlinn zur Frau. Sigurd wurde bei Regin in Pflege gegeben, von dem oben erzählt worden ist. Regin wohnte jetzt im Wald und verstand sich außer der Schmiedekunst noch auf viele andere Sachen. Regin stachelte Sigurd auf, Fáfnir zu töten. Mit dem Schwert Gramr und dem Pferd Grani, von denen hier gesprochen wird, vollbrachte er das, obwohl Regin ihm sowohl Fáfnirs gewaltige Stärke als auch die Art des Schatzes, die der Drache hütete, verheimlichte. Hier werden auch Regins dunkle Worte berichtet, deren Hintersinn ist, in Wahrheit habe er selbst den Tod der Schlange bewirkt, so dass ihm auch das Gold zustehe (obwohl er dies, wenigstens zum großen Teil, Sigurd versprochen hat), zugleich aber müsse er den Töter seines Bruders seinerseits töten. Da Sigurd ihn nur vom Gedanken an seine Mitschuld am Brudermord bedrückt wähnt, tut er die Worte geringschätzig ab. Sigurd hört auch nicht weiter darauf, was der Drache über den Fluch sagt, und hält es nur für den Ausdruck der Habgier, die das Gold selbst dann noch schützen will, wenn der Hüter erschlagen ist. Dies war es auch, was der Drache vor allem bezweckte, als er in der Stunde seines Todes den Fluch aufdeckte. Und der Fluch begann rasch zu wirken.
Wo das Feuer rauchte |
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im finsteren Wald, |
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schmiedete Regin |
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über rötlicher Glut. |
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Zu ihm in die Lehre, |
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die lange und tiefe, |
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gesandt wurde Sigurd |
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aus dem Samen Wölsungs. |
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Runen des Rats |
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Regin ihn lehrte, |
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vielerlei Fertigkeit, |
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das Führen der Waffen, |
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Kunde der Könige, |
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Kenntnis der Sprachen. |
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Im Waldeswinkel |
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weise Worte er sprach. |
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Regin |
»Haben könntest du |
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Herrschaft und Reichtum, |
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Stammhalter Sigmunds, |
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den Schatz deines Vaters.« |
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Sigurd |
»Mein Vater ist gefallen, |
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sein Gefolge versprengt, |
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sein Reichtum zerronnen, |
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ein Raub des Kriegs!« |
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Regin |
»Ein Hort soll, so hört ich, |
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auf der Heide liegen, |
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ein Goldschatz, größer |
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als das Gut eines Königs. |
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Wohlstand und Würden |
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warten auf dich, |
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überwindest du |
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den Wächterdrachen.« |
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Sigurd |
»Gesang sagt von Drachen, |
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die Silber und Gold |
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neidischen Herzens |
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nimmermüd hüten, |
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doch schlimmste der Schlangen |
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scheint allem Volk |
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Fáfnir zu sein, |
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der Furchtbares sinnt.« |
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Regin |
»Schlimm sind Schlangen |
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den Schwachherzigen. |
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Die Sprosse Wölsungs |
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scheuten kein Gift.« |
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Sigurd |
»Noch halbwüchsig bin ich, |
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und doch hetzt du mich auf! |
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Was dich bewegt, |
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wüsste ich gern.« |
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* |
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Regin |
»Am Wasserfall Andwaris |
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wimmelten Fische, |
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schwammen und schlugen |
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in schäumenden Becken. |
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Dort jagte Otr, |
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mein eigener Bruder, |
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nach leckeren Lachsen |
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und labte sich dran. |
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Tückisch traf ihn |
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der tödliche Stein |
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ruchlosen Räubers |
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mit rauher Hand. |
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Bei Hreidmars Haus |
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hielt er grüßend, |
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bot ihm den Balg |
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für Bett und Essen. |
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Dort schmiedete Regin |
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über rötlicher Glut, |
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ritzte Runen |
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in rohes Eisen. |
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Dort lag Fáfnir |
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am Feuer und träumte, |
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Böses brütete |
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der Bruder und Sohn. |
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(Hreidmar) |
›Nun müssen Ringe, |
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muss rotes Gold |
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dies Fell zum Freikauf |
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füllen und decken!‹ |
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Aus wogendem Wasser |
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wurde als Fisch |
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der Zwerg Andwari |
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gezerrt und beraubt. |
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alles ihm geben, |
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sämtliche Schätze, |
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oder scheiden vom Leben. |
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In Hreidmars Haus |
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häufte er dann |
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Goldring auf Gold, |
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ein großes Wergeld. |
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(Regin & |
›Steht Bruderbuße |
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Fáfnir) |
Brüdern nicht zu? |
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Gold vermag wohl |
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Gram zu lindern.‹ |
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(Hreidmar) |
›Die gereiften Ringe |
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sind rechtens nur mein. |
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Solange ich lebe, |
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lass ich sie nicht!‹ |
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Furchtbar focht das |
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Fáfnirs Herz an. |
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Er schlug Hreidmar |
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im Schlafe tot. |
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Wie Feuer frisst es |
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an Fáfnirs Herz, |
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Regin versagt er |
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den gerechten Teil. |
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in Gestalt eines Drachen, |
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liegt im Lager |
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und lässt niemand nahen. |
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Den Schädel schmückt |
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der Schreckenshelm, |
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und grausig kriecht er |
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auf der Gnitaheide.« |
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Sigurd |
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geriet dein Bruder. |
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Ganz gleich aber gilt mir |
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sein Gift und Feuer! |
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Doch weshalb dein Wiegeln, |
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wüsst ich doch gern: |
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wegen Vaterrache |
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oder Fáfnirs Gold?« |
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Regin |
»Recht wär es Regin |
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zu rächen den Vater. |
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Mein Dank sei das Gold, |
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dein sei der Ruhm. |
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Das schärfste Schwert |
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schmied ich für Sigurd, |
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für Kampf und Krieg |
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der Klingen beste.« |
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* |
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es glomm das Feuer. |
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Zweimal zerbrach er |
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die zwei neuen Schwerter. |
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Auf harten Amboss |
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hieb er mit Macht: |
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Das Schwert zersprang, |
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der Schmied ergrimmte. |
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Sigurd |
»Sigrlinn, stimmt es, |
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was sagen ich hörte |
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von den schimmernden Stücken |
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des Schwertes Grímnirs? |
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Sigmunds Sohn |
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ersucht sie von dir. |
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Recht soll jetzt schmieden |
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Regin mir Gramr.« |
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Es flammte das Feuer, |
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es funkte die Esse: |
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Die Schneiden des Schwerts |
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schienen zu brennen. |
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Die Klinge erklang, |
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als kräftig er zuschlug |
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und den Amboss von oben |
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bis unten durchhieb. |
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in die Wellen des Rheins, |
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stand dann und schaute |
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der Strömung zu. |
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Zerschnitten ward scharf sie |
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im schnellen Wasser: |
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Glücklich schwang Sigurd |
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Gramr durch die Luft. |
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Sigurd |
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wo der Hort des Golds? |
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Nun weise mir, Regin, |
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den Weg dorthin!« |
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Regin |
»Fern liegt Fáfnir, |
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im Fenn versteckt. |
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Ein Pferd muss du finden, |
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flink und kräftig.« |
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im Busiltjörn, |
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grün wuchs das Gras |
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auf guter Weide. |
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Im dunklen Mantel |
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ein Mann war der Hüter, |
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mit grauem Bart, |
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sehr groß und uralt. |
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Sie trieben die Pferde |
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in den tiefen Fluss. |
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Vorm wilden Wasser |
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wichen sie ans Ufer. |
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Gern schwamm nur Grani |
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der Graue darin: |
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Den Kräftigen, Kühnen |
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erkor sich Sigurd. |
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Mann |
»Der Schnellste und Stärkste |
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stammt von Sleipnir. |
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Das edle Pferd Ódins |
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ist Ahn dieses Hengstes. |
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Reiter auf Ross, |
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reite jetzt los |
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über Höhen und Halden, |
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du Hoffnung Ódins!« |
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* |
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und Grani Sigurd, |
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weit war die Wildnis, |
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wüst und leer. |
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Der furchtbare Felsen |
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fiel dreißig Klafter, |
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wo der Drache lag, |
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wenn er durstig trank. |
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im Gelände dort |
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in offener Grube; |
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die Erde bebte. |
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Hervor kam Fáfnir, |
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Feuer schnaubend, |
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den Berg hinunter |
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blies er Giftdunst. |
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Feurige Schwaden |
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fegten laut tosend |
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überm furchtlosen Haupt; |
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die Felsen stöhnten. |
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Die gähnende Grube |
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glitt er hinüber, |
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der schwere, schwarze |
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sich schlängelnde Bauch. |
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Grimm klirrte Gramr |
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an den grauen Stein, |
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sein starker Stoß |
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zerschnitt das Herz. |
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Da schüttelt’ und schlug |
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mit Schwanz und Kopf |
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im Todeskampf |
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der getroffene Fáfnir. |
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Schwarzes Blut schoss, |
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überschüttete Sigurd, |
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schnell entsprang er |
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der versteckten Grube. |
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Mit Ruck heraus |
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riss er das Schwert: |
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Mit Blicken voll Hass |
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durchbohrten sie sich. |
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Fáfnir |
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Welcher Mann zeugte dich? |
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Wer fertigt’ die Flamme |
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für Fáfnirs Herz?« |
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Sigurd |
»Wölfisch wandle ich |
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wild und einsam, |
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es führt die Flamme |
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der Vaterlose.« |
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Fáfnir |
»Ich weiß es wohl, |
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ein Wolf war dein Vater! |
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Wer trieb dich zur Tat, |
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mich totzuschlagen?« |
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Sigurd |
»Ich stamme von Sigmund |
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aus dem Samen Wölsungs. |
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Meine Hand gehorchte, |
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da mein Herz mich trieb.« |
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Fáfnir |
»Nein, es war Regin, |
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der ruchlose Schmied! |
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Du Sohn Sigmunds, |
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ich sage dir wahr: |
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Mein ganzes Gold |
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umgibt Unheil, |
|||
Böses bringt es |
|||
meinen beiden Feinden.« |
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Sigurd |
»Sein Leben muss lassen |
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am letzten Tag jeder, |
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doch greift nur zu gern |
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nach Gold, wer lebt!« |
|||
Fáfnir |
»Nein, sag ich, nimm’s nicht, |
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du Narr, sondern flieh! |
|||
Dies Gold ist umgarnt |
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von grässlichem Los.« |
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Sigurd |
|||
einem Narren, sag ich, |
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der Helm des Schreckens – |
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zur Hölle jetzt mit ihm!« |
|||
Wie ein Hase hatte |
|||
im Heidekraut sich |
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der Schmied bang versteckt; |
|||
jetzt schlich er hervor. |
|||
Regin |
»Heil großer Held, |
||
herrlicher Wölsung, |
|||
Kühnster der Kühnen, |
|||
gekrönt vom Sieg!« |
|||
Sigurd |
»Härter der Sieg |
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in den Hallen Ódins. |
|||
Manch Kämpfer ist kühn, |
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der die Klinge nie rötet.« |
|||
Regin |
|||
ergötzt aber Sigurd, |
|||
da am grauen Gras |
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er Gramr abwischt. |
|||
Am Blut meines Bruders, |
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das es blitzend vergoss, |
|||
trage ich traurig |
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einen Teil der Schuld.« |
|||
Sigurd |
»Flink genug flohst du, |
||
als Fáfnir kam. |
|||
Dies Schwert erschlug ihn |
|||
und mein streitbarer Mut.« |
|||
Regin |
»Ich schuf dies Schwert, |
||
und die Schlange lebte, |
|||
wäre Regins Rat |
|||
nicht richtig gewesen.« |
|||
Sigurd |
»Heidekrauthocker, |
||
du hast keine Schuld! |
|||
Beherztheit ist besser |
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als das beste Schwert.« |
|||
Regin |
»Doch schuf ich das Schwert, |
||
der Schlange Verderben! |
|||
Oft weichen die Wackeren, |
|||
ist die Waffe stumpf.« |
|||
Ridil aus der Scheide |
|||
und schnitt aus dem Fleisch |
|||
Fáfnir das Herz. |
|||
Dunkles Blut trank er, |
|||
das dem Drachen entquoll. |
|||
Schwer befiel Schlummer |
|||
den Schmied und Zwerg. |
|||
Regin |
»Sitze nun, Sigurd! |
||
Ich sinke in Schlaf. |
|||
Am Feuer brate |
|||
mir Fáfnirs Herz. |
|||
Schmecken soll mir, |
|||
schmausend an Weisheit, |
|||
der Sitz dunklen Sinnens |
|||
nach solchem Trank.« |
|||
Er spitzt’ einen Spieß: |
|||
Es spuckte das Feuer, |
|||
denn Fáfnirs Fett |
|||
fauchte und schäumte. |
|||
Er führte zur Zunge |
|||
den Finger prüfend: |
|||
Die Stimmen der Vögel |
|||
verstand er darauf. |
|||
* |
|||
Erster Vogel |
|||
kehre der Lügner |
|||
von hier zur finsteren Hölle! |
|||
Hurtig äße ich |
|||
das Herz Fáfnirs, |
|||
wäre ich selber Sigurd.« |
|||
Zweiter Vogel |
»Wer freilässt den Feind, |
||
dem fehlt’s an Verstand, |
|||
brachte dieser den Bruder um! |
|||
Hätte mein Schwert |
|||
den Schatz errungen, |
|||
wär ich sein einziger Eigner.« |
|||
Erster Vogel |
»Einen Kopf kürzer |
||
komme der Zwerg |
|||
des Goldes verlustig ums Leben! |
|||
Dort regt sich Regin |
|||
in raschelnder Heide, |
|||
das Blut des Bruders zu rächen.« |
|||
* |
|||
Herum fuhr Sigurd, |
|||
da sah er Regin |
|||
mit Hass im Herzen |
|||
durchs Heidekraut kriechen. |
|||
Ein Hieb enthauptete |
|||
Hreidmars Sohn, |
|||
da schoss hervor |
|||
das schwarze Blut. |
|||
und schaurig das Fleisch, |
|||
dran suchend nach Weisheit |
|||
Sigurd sich labte. |
|||
Tief in der Erde |
|||
aus Eisen die Tür |
|||
und die Balken des breit |
|||
gebauten Hauses. |
|||
Hell glitzerte Gold |
|||
auf Gold gehäuft: |
|||
Dies Gold war umgarnt |
|||
von grausigen Flüchen. |
|||
Den Helm des Schreckens |
|||
aufs Haupt setzte er, |
|||
da senkte sich Dunkel, |
|||
wo Sigurd stand. |
|||
Groß und gramvoll |
|||
war Granis Last, |
|||
doch leicht hinab lief er |
|||
den langen Berg. |
|||
Reiter auf Ross, |
|||
durchreite jetzt |
|||
Holz und Heerweg, |
|||
du Hoffnung Ódins! |
|||
* |
|||
durch wildes Land |
|||
lag lang der Schatten |
|||
des verlassenen Reiters. |
|||
Froh im Gezweig |
|||
zwitscherten Vögel: |
|||
Die Worte verstand er, |
|||
wirr war ihm ihr Sinn. |
|||
Rabe |
»Hoch steht ein Hof |
||
auf Hindarfjall, |
|||
Feuer umfängt ihn |
|||
mit Flammenzungen. |
|||
Der Weg ist steil, |
|||
das Wagnis groß, |
|||
das heldischem Herzen |
|||
von den Höhen winkt.« |
|||
Fink |
»Ein Mädchen weiß ich |
||
gar morgenschön, |
|||
mit Gold gegürtet, |
|||
mit Glück bekränzt. |
|||
Grün führen die Wege |
|||
in Gjúkis Land. |
|||
Den Wanderer weist |
|||
des Wegs das Geschick.« |
|||
Rabe |
»In schwerem Schlaf, |
||
umschlossen vom Panzer, |
|||
siehst auf dem Berg du |
|||
die Sonnenjungfer. |
|||
Der Schlafdorn Ódins |
|||
steckt ihr im Busen: |
|||
Wird sie erwachen |
|||
zu Weh oder Lachen?« |
|||
Fink |
»Die großen Gjúkungen |
||
Gunnar und Högni |
|||
beherrschen ein Reich |
|||
am Rhein gelegen. |
|||
Wie fein sich entfaltet |
|||
im Frühtau die Blume, |
|||
so reift dort goldschön |
|||
Gudrún heran.« |
|||
Rabe |
|||
nicht Ódin folgend |
|||
wählte die Walküre |
|||
der Walstatt Sieger |
|||
im Vollgefühl |
|||
ihrer fällenden Macht, |
|||
und Ódin schlug, |
|||
die Ódin liebte.« |
|||
* |