Lichtblitze
Waverlys Kopfhaut juckte, als sie beobachtete, wie der Mann die Mündung seines Gewehrs an Randys Kopf presste. Bring ihn nicht um, waren die wenigen Worte, die in ihrem leeren Kopf noch verblieben waren, aber ihre Stimme brachte sie nicht heraus.
Sie drückte ihr Gewehr in den Nacken ihrer Geisel, bis der Arzt wimmerte. »Lass Randy los«, zischte sie mit zusammengebissenen Zähnen. Ihr Zeigefinger tastete nach dem Abzug. »Ich werde euren wertvollen Doktor töten.«
»Wenn du ihn tötest«, bemerkte der Mann mit entspanntem Lächeln, »wirst du es nie lebend von diesem Schiff herunter schaffen. Werde ich dazu gezwungen, diesen jungen Mann hier zu töten, ist das Einzige, was passieren wird, dass danach noch weitere von euch sterben. Stimmst du zu, dass das kein sinnvoller Handel wäre?«
»Wenn du ihn erschießt, bringe ich dich um«, sagte sie verbittert.
»Wartet«, sagte der Mann zu jemandem hinter der Biegung des Gangs. Er sah Waverly erneut fest in die Augen und sprach langsam weiter. »Hinter mir ist eine Gruppe aus acht Scharfschützen. Ich halte sie zurück, weil ich eine Schießerei so nahe an der äußeren Schiffshülle vermeiden möchte. Scheint dir das auch sinnvoll zu sein?«
Waverly konnte nicht antworten; konnte ihn nur noch wie aus weiter Ferne betrachten. Er war wie in Unwirklichkeit gehüllt. Sie sollte hier eigentlich neben ihrer Mutter stehen und nicht neben diesem erbärmlichen, zu Tode verängstigten Arzt. Sie sollte eigentlich gerade zum Shuttle gehen, um ihre Mutter nach Hause zu bringen.
»Waverly«, sprach sie der Mann an. Diesmal war seine Stimme sanft. Woher kennt er meinen Namen?, dachte sie wie aus weiter Entfernung, aber natürlich kannte er ihn. Sie war berühmt auf diesem Schiff. »Wir haben bereits auf deine Shuttle-Crew angelegt.«
»Wenn ihr sie verletzt –«
»Wir haben direkte Order von Pastorin Mather, keinen von euch zu töten, wenn wir nicht dazu gezwungen werden. Sie befindet sich gerade in Friedensverhandlungen, und das hier könnte sie dabei empfindlich behindern, glaubst du nicht auch?«
Waverly betrachtete ihn. Ihr Finger zuckte am Abzug.
»Also legt doch einfach alle eure Waffen nieder, okay?«, sagte der Mann mit erhobenen Augenbrauen.
»Wo sind die Gefangenen?«, fragte Deborah, die hinter Waverly stand. Ihre Stimme klang sanft und bestimmt, und Waverly fragte sich, wie sie es schaffte, so ruhig zu bleiben.
»Die von der Empyrean?«, fragte der Mann und zuckte mit den Schultern. »Nicht hier.«
»Wann sind sie verlegt worden?«, fragte Waverly.
»Nimm zuerst deine Waffe runter, und dann werde ich es dir sagen.«
Ihre feuchten Hände fühlten sich an, als wären sie mit dem Metall der Waffe verschweißt, und ihre Gelenke schienen unbeweglich und steif, als ob sie seit Jahrtausenden in dieser Position ausgeharrt hätte.
Wenn Arthur tatsächlich in Gefangenschaft geraten war, hatten sie bereits verloren. Sie konnte diesem Arzt, der so sehr zitterte, dass seine Knie einknickten, Angst einjagen. Sie konnte ihn sogar erschießen, um so Rache zu nehmen für all die Mädchen, die er misshandelt hatte. Aber was kam dann? Sie würde sicherlich sterben. Und ihre Freunde ebenso. Das war die einzige Option, die ihr blieb.
Sie ließ den Arzt los, der an der Wand zusammenbrach. Dann bückte sie sich, wobei sie den Blickkontakt zu dem Mann, der Randy in seiner Gewalt hatte, aufrechterhielt, und legte das Gewehr vor sich auf den Boden.
»Tritt es von dir weg«, sagte der Mann und drückte den Lauf seiner Waffe noch fester gegen Randys Kopf.
Sie tat, was er von ihr verlangte.
Sie konnte die Mitglieder ihres Teams hinter sich verärgert schnauben hören, aber sie sah den dankbaren Blick in Randys Augen. Er kniete vor dem Mann und hatte seine Hände in Richtung der Decke erhoben. Was für eine Idiotie, dachte sie. Wie dumm von uns zu glauben, dass wir das hier hätten durchziehen können.
»Die Geiseln waren nie auch nur in der Nähe«, teilte der Mann ihnen endlich mit. »Wolltet ihr das wissen?«
Also hatte Jacob Pauley gelogen. Sie hatte ihn gefoltert, bis er geschrien hatte, und er hatte sie immer noch angelogen.
»So, Kinder. Meine Befehle lauten, euch zum Shuttle-Hangar zu begleiten und euch auf euer Schiff zurückzuschicken. Ich denke, dass sich das ohne Blutvergießen erledigen lassen dürfte, oder?«
Waverly sah, dass Harvey nickte wie ein braver kleiner Junge, der gerade eine Lektion erhalten hatte.
»Also dann: Ich möchte, dass jeder von euch sehr langsam seine Waffe auf den Boden legt und fünf Schritte zurück macht.«
»Und was, wenn wir das nicht machen?«, fragte Deborah.
»Dann werdet ihr erfahren, wie es ist, wenn ihr das Leben eines Menschen auf dem Gewissen habt«, sagte der Mann, griff sich Randys Schulter und schüttelte ihn grob. Randy winselte und schloss die Augen.
Waverly hörte das Klonk von Metall, das hinter ihr auf den Boden fiel, und drehte sich um. Sie sah Sarah mit einem mörderischen Funkeln in den Augen von ihrer Waffe zurücktreten. Ihre Blicke trafen sich, und alles, was in den Augen des anderen Mädchens stand, war reiner Hass. Waverly erkannte, dass Sarah ebenso klar war wie ihr, dass sie geschlagen waren. Aber wussten das auch die anderen?
Erneut ertönte das Geräusch einer Waffe, die auf dem Boden aufkam, gefolgt von einer weiteren und einer dritten, bis schließlich das ganze Team den Mann der New Horizon unbewaffnet und hilflos anstarrte.
Er nickte, und plötzlich war der gesamte Flur voller Bewaffneter, die sich mit furchteinflößender Effizienz bewegten. Innerhalb von Sekunden hatten sie Waverly und ihr Team umstellt und standen – die Waffen auf Schulterhöhe ausgerichtet – einige Schritte hinter ihnen. Waverlys Rückgrat fühlte sich wie Flüssigkeit an, als der Mann, der hier offensichtlich das Sagen hatte, Randy auf die Beine half.
»Auf geht’s«, sagte er. »Keine plötzlichen Bewegungen. Meine Jungs haben ausgesprochen nervöse Zeigefinger.«
Der Mann führte Waverly und die anderen Mädchen und Jungen der Empyrean langsam durch die Korridore zum Shuttle-Hangar zurück. Die Tore waren geöffnet, und Waverly sah Melissa und Arthur, die vor ihrem Shuttle die Hände hinter dem Kopf verschränkt hielten und ihnen mit grimmigen Mienen entgegenblickten.
Waverly erkannte die Frau, die sie in Schach hielt. Sie hatte auch an dem ersten Überfall auf die Empyrean teilgenommen. Ihre roten Wangen und ihr seltsames, aufgedunsenes Gesicht hatten sich tief in Waverlys Gedächtnis eingebrannt. Die Frau weigerte sich, sie anzuschauen, als sie näher kamen.
»Es tut mir leid«, sagte Arthur zu ihr, als sie nahe genug herangekommen war, um ihn zu verstehen. »Sie hatten sich die ganze Zeit über in einem der anderen Shuttles versteckt. Sie kamen herausgestürmt, sobald ihr weg wart. Wir haben keinen einzigen Schuss abgeben können.«
»Mach dir nichts draus«, teilte Waverly ihm mit.
»Ruhe da vorn!«, schnauzte sie der Mann hinter ihnen an.
Die Wächter traten beiseite, damit das Überfallkommando das Shuttle betreten konnte. Sie hielten ihre Waffen auf sie gerichtet, während jedes einzelne Teammitglied der Empyrean langsam durch den Laderaum und dann die Treppe zur Passagierkabine hinaufging. Sarah sah ärgerlich und enttäuscht aus, aber sie ergriff Randys Hand, als dieser den Kopf schüttelte. Deborah verwüstete sich die Fingernägel einer Hand mit den Zähnen, während sie auf den Boden starrte. Alia war still, distanziert, und ihr Gesicht wirkte wie versteinert. Sealy hingegen erschien mit einem Mal sehr jung. Wie ein zehnjähriger Junge, der gerade für etwas bestraft worden war. Harveys Wangen glühten feuerrot unter seinen Sommersprossen, und seine Lippen zitterten, als er sich hinsetzte.
Der Befehlshabende kam über die Treppe in die Passagierkabine. »Ich gehe davon aus, dass ihr zur Empyrean zurückwollt, oder?«
»Ja«, antwortete ihm Waverly.
»Gut«, meinte er. »Ihr werdet nicht noch einmal so etwas wie das hier durchzuziehen versuchen, oder?«
Waverly schüttelte den Kopf, während sie ihre Schuhspitzen betrachtete. Sie fühlte sich klein und geprügelt. Sie fühlte sich dumm. Sie hätte auf Kieran hören sollen. Sie hätte wissen müssen, dass diese Sache nicht funktionieren konnte. Der Plan, den sie so meisterlich ausgeheckt hatten, hatte sich als kindisch und nutzlos herausgestellt. Weiter nichts.
»Und ich muss euch hoffentlich nicht daran erinnern, dass ihr auch, falls ihr später weitere derartige Pläne ausbrüten solltet, damit lediglich eure eigenen Eltern töten werdet. Also haltet ihr am besten die Füße still und euch an die Regeln. Alles klar?«
Er wartete einen Moment, bis Arthur kühl entgegnete: »Wir werden unmittelbar zur Empyrean zurückkehren.«
»Dann ist ja alles gut. Vielleicht können wir das alles ja eines Tages doch noch hinter uns lassen und Freunde werden.«
»Fahr zur Hölle«, schoss Sarah ihm entgegen. Randy erstarrte und sah den Mann angsterfüllt an. Ruhe und Entschlossenheit waren aus seinen Augen verschwunden, und Waverly konnte sehen, dass sich Randy durch das Gewehr an seinem Kopf verändert hatte. Eine solche Todesangst zu erleiden konnte die Persönlichkeit verändern. Sie erkannte, dass sie das Gleiche dem Arzt angetan hatte, als sie über seinem Kopf in die Wand geschossen hatte. Die Erinnerung daran verschaffte ihr keine Befriedigung. Es war alles so dreckig – sowohl das, was ihnen angetan worden war, als auch das, was sie selbst getan hatten. All das war einfach nur dreckig, krank und falsch.
»Als kleine Zusatzversicherung«, teilte ihnen der Mann mit, »werde ich mich mit einem zweiten Shuttle unmittelbar hinter euch hängen. Solltet ihr auch nur eine falsche Bewegung machen – etwa in der Absicht, unsere Hülle zu beschädigen –, werden wir euch rammen.«
»Das würde euch aber ebenfalls töten«, warf Sarah ein.
»Mitnichten. Die Nase unseres Shuttles hält das schon aus. Aber wir werden einen schönen weichen Teil eurer Hülle aussuchen. Es wird mit euch vorbei sein, noch ehe ihr es überhaupt bemerkt.«
Waverly fiel seine verdrehte Ausdrucksweise auf. Er hatte nicht einen einzigen Moment vor ihnen Angst gehabt. In seinen Augen sind wir nur ein Haufen kleiner Kinder, die mit Knarren spielen. Wir sind für ihn überhaupt keine Bedrohung.
Arthur ging ins Cockpit, Waverly folgte ihm und nahm im Copilotensitz Platz.
»Hast du sie gesehen?«, fragte Arthur begierig. »Waren meine Eltern da?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Sie waren gar nicht in der Abwasseranlage, oder?«, hakte er nach.
»Er hat uns angelogen. Obwohl er solche Schmerzen hatte.«
Arthur aktivierte den Antrieb. »Oder vielleicht hat er uns eben doch die Wahrheit erzählt.«
Waverly schaute ihn überrascht an. Er hatte blasse Wangen und vom Schweiß strähniges Haar, verströmte aber dennoch eine irgendwie würdevolle Grimmigkeit. Sie hatte das Gefühl, einen entfernten Hauch des Mannes, zu dem er heranwachsen würde, aus dieser Aura zu erhaschen – eines tapferen und intelligenten Mannes.
»Erinnere dich. Zuerst sagte Jacob, dass er nicht wisse, wo die Gefangenen festgehalten werden. Das war wahrscheinlich nicht gelogen.«
»Aber ich habe ihm weiter Schmerzen zugefügt.«
»Und dann hat er gelogen und dir erzählt, was du von ihm hören wolltest.«
Als sich die Schleusentore vor ihnen öffneten und Arthur den schwer beladenen Vogel mit sanftem Druck auf die Kontrollen abheben ließ, schloss sie die Augen.
Sie spürte, wie ihr Gewicht sie in den Sitz drückte, als sich das Shuttle vorwärtsbewegte, und hörte dann das zischende Geräusch der Luftschleuse, als die Luft aus ihrem Inneren abgesaugt wurde.
Als sie ihre Augen wieder öffnete, hatten sich die äußeren Tore zu dem schwarzen, sternenbesetzten Vorhang geöffnet, der, solange sie sich zurückerinnern konnte, um ihre Heimat gespannt war. Auf all diese Sterne zu schauen, war, wie ins Nichts zu blicken.
»Hier sind wir also«, stellte sie grimmig fest.
Eine plötzliche Gefühlswelle brach über ihr zusammen, und sie weinte. Tränen liefen ihr aus den Augen und benetzten ihre Wangen. Sie wischte sie mit dem Handballen fort, und sie schwebten davon, hingen als perfekte Kugeln in der schwerelosen Luft. Arthur tat, als habe er nichts bemerkt. Ich bin eine Versagerin, dachte sie. Bei allem, was ich zu tun versuche, versage ich.
»Da sind sie«, bemerkte Arthur und nickte in Richtung des Bildschirms. Waverly sah das Shuttle der New Horizon direkt an ihrer Steuerbordseite. Sie konnte sogar die Gestalt des dürren eingebildeten Mannes im Pilotensitz erkennen.
»Ich hasse ihn«, sagte sie tonlos.
Arthur redete nicht, als er das Shuttle über die Wölbung des Leibs der Empyrean in Richtung des Backbord-Shuttle-Hangars steuerte.
Plötzlich schoss das Shuttle gewaltsam nach vorn, was Waverly, obwohl sie angeschnallt war, an die vor ihr befindliche Scheibe schleuderte. Sie stieß sich an dem kalten Glas den Kopf und rieb ihn sich, während sie noch Probleme hatte, ihre Sitzposition wiederzufinden.
»Pass doch auf, was du tust!«, herrschte sie Arthur an. »Herrgott noch mal!«
»Ich habe gar nichts getan!«
»Haben sie uns gerammt?«, schrie sie da, fuhr herum und inspizierte den hinteren Bildschirm. Was sie da sah, erkannte sie nicht. Tausende von Formen – dreieckig, quadratisch, zerklüftet und verdreht – wirbelten und flogen durch den Weltraum. Es sah fast wie Konfetti aus, das sich von der Empyrean entfernte, silbrig und gelb leuchtend.
»Was ist das alles für ein Zeug?«, fragte sie, doch als sie gerade erneut hinsah, fraß sich ein blendend heller Lichtblitz über den gesamten Bildschirm, und noch mehr Formen flogen von der Empyrean weg. Unzählige Metallteile prasselten mit metallischen Aufschlaggeräuschen auf die Hülle des Shuttles, und sie konnte die Passagiere im Bug aufschreien hören.
»Nein! Nein!«, rief jemand ohne Unterlass. »Nein! Nein! Nein!«
Sie schnallte sich von ihrem Sitz ab und zog sich in die Passagierkabine, wo sie feststellte, dass alle aus den Backboard-Bullaugen starrten. Sarah war hysterisch, ihr Körper zitterte, und Tränen stürzten in Bächen aus ihren Augen.
»Sie haben es getan! Sie haben es getan!« Sarah kreischte, als ein weiterer Blitz den Raum erhellte.
Waverly blinzelte. Ihre Augen brannten. Als sie sie wieder öffnete, war es im Shuttle stockfinster. Oder war sie gerade erblindet? »Was ist passiert?«, schrie sie, tastete nach Sarah und klammerte sich an der Schulter des Mädchens fest, das ihr während der vergangenen Monate zur besten Freundin geworden war.
»Ich kann nichts sehen! Ich kann nichts sehen!«, hörte sie jemanden rufen. Harvey? Sealy?
»Schaut nicht hin!«, brüllte Deborah Mombasa. »Dreht euch weg!«
»Was ist das?«
Waverly schrie in den Lärm. »Was ist passiert?«
»Sie bringen uns alle um!«
Und da hörte sie, dass Sarah – ihre stoische, unerschütterliche Freundin – hemmungslos weinte.
»Sie jagen sie in die Luft«, schluchzte sie. »Die Empyrean!«