Hinweise
Seth lag auf der Seite und starrte Jacob Pauley an, der sich seit Stunden nicht gerührt hatte. Der Mann saß zusammengekauert auf seinem Bett, wiegte sich vor und zurück und sang leise ein unverständliches Lied. Er war gebrochen worden. Aber es war nicht sein Verhalten, das Seth beunruhigte, sondern eher das, was er im Schlaf gesagt, herausgeschrien oder gestöhnt hatte. Zuerst hatte es wie Gebrabbel oder Babysprache geklungen, aber nach einer Weile hatten sich Seths Ohren darauf eingestellt, und die Worte hatten sich zu etwas Bedrohlichem zusammengefügt: »Sie wird brennen, Shelby.«
Etwas Schreckliches bahnte sich an, etwas, das Jake geplant hatte. Und Seth musste unbedingt jemanden darüber informieren.
»Wache!«, krächzte er, nahm sein Metalltablett in die Hand und schlug es gegen die Gitterstäbe. »Wache! Ich brauche Hilfe!«
Er hatte das zuvor schon einmal versucht, aber Kieran musste neue Befehle ausgegeben haben, denn niemand kam. Es sprach nicht mal mehr jemand mit ihm. Niemand sah ihn an, wenn sein Essen in die Zelle geschoben wurde. Er fühlte sich wie ein Tier in der Falle.
»Hey! Ich brauche einen Arzt!« Er versuchte zu schreien in der Hoffnung, dass sie das aufscheuchen würde. In Wahrheit fühlte er sich jetzt, da er wieder essen konnte, schon viel besser. Aber wenn Tobin kommen würde, um ihn »medizinisch zu versorgen«, würde er ihm vielleicht zuhören.
»Alle auf diesem Schiff sind tot.« Die Worte erklangen mit zufriedener Selbstgefälligkeit.
Ein Schauer erblühte zwischen Seths Schulterblättern.
Es war Jakes Stimme gewesen, doch sie klang entrückt, als hätte jemand anders durch ihn gesprochen. Sein Blick war auf seltsame Art abwesend, und seine Unterlippe hing wie ein Stück Speck herunter.
Seth starrte ihn mit trockenem Mund an. »Wie meinst du das?«
»Ich meine, dass du dich nicht aufregen solltest, denn es spielt ohnehin keine Rolle mehr«, erwiderte Jake. Zum ersten Mal, seit er gefoltert worden war, drehte er sich zu Seth um. Seine Lippen waren zurückgezogen und offenbarten seine schiefen Zähne, seine Wangen wölbten sich unter den Augen, die im hellen Licht der Zelle glänzten. Aber es war kein Lächeln, es war die Imitation eines Lächelns. »Bald schon wird nichts mehr eine Rolle spielen.«
»Warum nicht?«, fragte Seth. »Jake?«
»Du willst es nicht wissen. Vertrau mir einfach.«
»Was hast du getan?« Seth versuchte, eifrig zu klingen, wie ein Mitverschwörer, wie jemand, der in eine Pointe eingeweiht werden wollte. Es war eine dünne Vortäuschung, und er vermutete, dass Jake sie durchschauen würde. »Die Maschinen. Hast du die Maschinen irgendwie manipuliert? Oder die Reaktoren?«
»Warum hast du nach einem Arzt verlangt?«, fragte Jake argwöhnisch. »Dir scheint es doch gutzugehen.«
»Ich …« Seth wischte sich mit der Hand über das Gesicht, um sich etwas Zeit zu verschaffen. »Um eine Nachricht nach draußen zu bringen, dass der Zentralrat Gefangene foltert, denn du weißt ja, ich könnte der Nächste sein.«
»Dafür hassen sie dich nicht genug.«
»Ich bin aber auch nicht sonderlich beliebt.«
Jake lachte und schüttelte den Kopf, als wollte er Dummer Junge sagen.
»Komm schon, Mann. Sag mir, was du geplant hast! Wem könnte ich es schon erzählen?«
»Warum willst du es denn wissen?«
»Weil mir langweilig ist«, sagte Seth und wusste gleichzeitig, dass die Dringlichkeit seiner Stimme die Lüge entlarvte. »Und wenn diesen Bastarden etwas bevorsteht, möchte ich es ausgiebig auskosten.«
»Ich möchte, dass es eine Überraschung wird«, sagte Jake und zeigte wieder dieses eisige Lächeln.
»Es ist der Reaktor, stimmt’s? Du hast ihn so manipuliert, dass er schmilzt.«
Jake drehte sich desinteressiert um und begann erneut, sein unheimliches, unmelodisches Lied zu singen. Er wiegte sich vor und zurück, die Hände im Schoß vergraben, und starrte auf einen Punkt irgendwo im Nichts. Die Folter war schlimm gewesen, aber sie hatte nicht lange gedauert und hatte nur einmal stattgefunden. Das sollte nicht ausreichend gewesen sein, einen psychisch gesunden Menschen zu brechen, dachte Seth. Aber psychisch gesunde Menschen brachten auch keine kleinen Kinder um. Vielleicht war der Mann ja von vornherein verrückt gewesen und Waverlys Taser der letzte Schritt, der ihn vollends in den Wahnsinn getrieben hatte.
Als er mit dem Singen aufhörte, sagte Seth: »Langsam jagst du mir Angst ein.«
Jake lächelte wieder. Seine Stirn war schweißnass, und sein Atem, der die breite Brust sich heben und senken ließ, klang feucht und schwer in der fleischigen Kehle.
»Shelby war nicht der Einzige, den du verloren hast, stimmt’s?«, mutmaßte Seth. Es war nur eine Ahnung, aber er musste etwas versuchen, um Jake zum Reden zu bringen.
»Und meine Eltern. Hab ich dir doch erzählt«, erwiderte Jake und klang dabei wie ein Mann, der an etwas ganz anderes dachte.
»Nein, ich meine vor kurzem. Du hast noch jemanden verloren, oder?«
Lange saß Jake einfach nur so da, als hätte er Seths Frage gar nicht gehört. Als er sich ihm wieder zuwandte, glitzerten Tränen auf seinen Wangen.
»Alles, was sie je wollte, ihr ganzes Leben lang, war, eine Mama zu sein«, sagte er schließlich. Seine Stimme brach, und er vergrub das Kinn in seiner Brust. »Meine Ginny war die Einzige auf der New Horizon, die schwanger werden konnte.«
Seth hielt den Atem an und sah zu, wie der andere die Vergangenheit Revue passieren ließ und Schmerz sich wie ein Schatten über seine Gesichtszüge legte.
»Beim ersten Mal waren wir so glücklich und so stolz. Wir erzählten es der gesamten Crew, und jeder beglückwünschte uns. Wir schenkten ihnen Hoffnung. Pastorin Mather verfasste sogar eine Predigt über uns. Sie nannte Ginny die neue Eva, und das machte mich dann wohl zu Adam.« Er streckte sich, als er dies erzählte, und lächelte bei der Erinnerung daran.
»Ich dachte, auf der New Horizon gäbe es keine Kinder«, sagte Seth mit schaurig leiser Stimme.
Jakes Lächeln verschwand. Er sah Seth wie ein Raubtier an, das seine Beute fokussierte. »Es gibt auch keine.«
»Sie verlor das Baby«, sagte Seth leise. Fast tat ihm dieser gebrochene, verstörte Mann leid.
Jake vergrub das Gesicht in seinen enormen Händen. »Und noch eins und noch eins und noch eins.«
Seth beließ es fürs Erste dabei und beobachtete nur Jakes schwerfällige Atmung.
»Nach einer Weile war es, als würden ihre Lebenslichter erlöschen«, fuhr Jake schließlich mit angespannter Stimme fort. »Erst hörte sie auf zu lächeln, dann hörte sie auf zu reden, und dann hörte sie auf aufzustehen. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Ich dachte, es würde ihr bald wieder bessergehen, aber …«
Seth wollte fragen, was mit Ginny geschehen war, doch im Grunde glaubte er es zu wissen.
»Ich versuche doch nur, es wiedergutzumachen«, sagte Jake in seine Hände. »All unsere toten Babys. All unsere Babys, die nie eine Chance hatten. Es muss einen Weg geben, das auszugleichen, oder? Nach allem, was sie uns angetan haben.«
»Und Max zu töten hat es wiedergutgemacht?«
»Es war ein Anfang.«
»Max war noch nicht mal geboren, als all das passierte.«
»Aber sein Vater«, sagte Jake mit kummervoller Stimme. »Jetzt wird sein Vater wissen, wie es ist, wenn die eigenen Kinder sterben.«
»Sein Vater starb bei dem Angriff.« Es brachte ihm keine Befriedigung, diese Worte auszusprechen.
Jake antwortete nicht darauf.
Seth starrte ihn an und bemerkte zuerst gar nicht, dass er vor Wut zitterte.
Diese Dummheit, die blinde Idiotie, aus Rache um sich zu schlagen, war schlichtweg abstoßend. Seth hatte Kieran gegenüber so gehandelt, nachdem sein Vater gestorben war, hatte ihn für alles bestraft, was schiefgelaufen war. Wenn er Kieran weh getan hatte, hatte er sich kurzzeitig gut gefühlt, aber dieses Gefühl war schnell schal geworden, und dann hatte er nur noch einen Weg gesucht, aus diesem widerlichen schwarzen Labyrinth, das er sich selbst gebaut hatte, wieder herauszukommen.
Nun wanderte Waverly durch ein ähnliches Labyrinth. Ihr Gesichtsausdruck, als sie den Taser gegen Jakes Nacken gehalten hatte, ihre Grimassen, wenn er geschrien hatte, das Funkeln ihrer Augen, während sie die feinen Rauchfäden beobachtet hatte, die von seinem versengten Fleisch aufgestiegen waren. Angeblich war sie auf Informationen aus, doch Seth wusste, was sie in Wirklichkeit getan hatte. Sie hatte zu viel durchgemacht, und ein Teil von ihr war zerbrochen. Ihre Menschlichkeit hatte ausgesetzt, und zurückgeblieben war nur ihr animalischer Instinkt: töten, verletzen, verstümmeln, überleben.
Aber er wusste, wie sehr die Erinnerungen an all das Fürchterliche, das er Kieran angetan hatte, ihn verfolgten – und auch Waverly würde eines Tages den Augenblick erkennen, an dem sie ihre wahre Natur und Menschlichkeit hinter sich gelassen hatte. Sie würde sich besinnen und ihren Taten wieder eine andere Richtung geben.
Aber dieser Mann hier war verlorener, als Seth oder Waverly es je gewesen waren.
»Früher habe ich auch an Rache geglaubt«, sagte Seth und versuchte, gesprächig zu klingen. »Ich habe Kieran Alden gequält, ihn für seine Fehler bestraft, ihn leiden lassen. Ich war ein Monster. Aber ich machte damit alles nur noch schlimmer und schuf mir neue Feinde, schürte mehr Hass auf dem Schiff, mehr Gründe für Rache. Sieh dir an, wo ich jetzt stehe. Kieran hält mich für gefährlich und hat recht damit. Ich war gefährlich. Aber jetzt hocke ich im Arrestbereich – und das, obwohl ich dabei helfen könnte, das Schiff zu führen. Und selbst wenn die Erwachsenen zurückkommen und alles sich wieder halbwegs normalisiert, wird man mir nie wieder vertrauen. Ich habe mein Leben ruiniert. Und warum? Weil ich jemanden büßen lassen wollte.«
»Ich schätze, dann ist dieser Kieran wohl derjenige, der seine Rache bekommen hat«, sagte Jake schief grinsend.
»Ich weiß nur«, hob Seth an und versuchte, so vernünftig wie möglich zu klingen, »dass ich alles noch schlimmer gemacht habe, weil ich gemein war, und dass ich alles hätte besser machen können, wenn ich gütig gewesen wäre.«
»Du bist noch jung genug, um an Märchen zu glauben.«
»Es ist nur pure Logik, die ich hier von mir gebe, Mann.«
Jake sah ihn skeptisch an. »Du bist der Einzige, um den es mir leidtun wird.«
»Was wird dir denn leidtun, Jake? Was hast du geplant?«
»Wirst du noch sehen«, erwiderte er. Das Lächeln war zurück, jenes seltsame, glückselige Lächeln auf einem monströs verzerrten Gesicht. Jake wandte sich von ihm ab und fing wieder an, diese merkwürdige Melodie zu summen. Seth starrte ihn an und war überwältigt von der schrecklichsten Hilflosigkeit, die er je verspürt hatte, während er dem Gesang dieses gebrochenen Mannes lauschte.