Konfrontation

Kieran saß an seinem Schreibtisch und pochte mit dem Zeigefinger auf die hölzerne Tischplatte. Dann lehnte er sich vor und drückte heftig auf den Interkom-Knopf für die Krankenstation. »Tobin? Kannst du gerade reden?«

»Ich bin da, Kieran«, sagte Tobin. Der Bildschirm flackerte, und dann zeigte er Tobins Gesicht. Er sah aus, als hätte er tagelang nicht geschlafen.

»Hat sich Philips Zustand verändert?«

»Nein. Victoria und ich arbeiten daran, die EEG-Maschine zu bedienen. Sobald ich sie besser verstehe, mache ich eine Messung, um seine Hirnfunktion zu überprüfen.«

»Sie hilft dir?«

»Ja, irgendwie schon. Sie ist einige Stunden pro Tag wach, kann aber nicht viel tun.«

»Atmet Philip selbständig?«

»Er ist noch immer an das Beatmungsgerät angeschlossen. Wir werden es erst abstellen, wenn seine anderen Vitalfunktionen sich ausreichend stabilisiert haben.«

»Gib mir dann bitte Bescheid, ja? Ich möchte dabei sein«, sagte Kieran und beendete die Verbindung.

Es gab so vieles, worüber er sich den Kopf zerbrechen müsste, so vieles, was ihn ängstigte. Aber was ihn nachts wach hielt, war die Erinnerung an Philips geschwollenen Kopf, an seine hervortretenden Augen und die Marionettenhaftigkeit, mit der seine Gliedmaßen sich bewegt hatten. Ich hätte einem kleinen Jungen nie eine so riskante Aufgabe geben dürfen, dachte Kieran. Aber der Auftrag, Waverly zu beschatten, war ihm damals gar nicht so gefährlich erschienen.

Letzen Endes war sie es gewesen, die Philip in Gefahr gebracht hatte. Hätte sie nicht Dinge getan, die sie nicht tun sollte, würde es dem Jungen jetzt gutgehen.

Vermutlich, so dachte Kieran, traf Waverly sich gerade jetzt, während er hier saß und sich über Philip den Kopf zerbrach, mit ihrem Zentralrat. Wenigstens hatte Arthur sich gut genug erholt, um an diesen Treffen teilzunehmen, und obwohl er kaum sprechen konnte, würde er genau Bericht erstatten. Waverly würde nichts tun können, ohne dass Kieran es wusste. Zumindest für den Augenblick war die Bedrohung, die von ihr ausging, neutralisiert.

Oder doch nicht? Als er von seinem Quartier zur Kommandozentrale ging, fiel ihm ein neues, sehr plastisches Graffiti ins Auge. Es zeigte Kieran, der masturbierte, während Waverly und Seth den Terroristen verprügelten. Darunter stand: Wer ist unser wahrer Anführer? Ein paar Tage zuvor erst hatte er ein Graffiti gesehen, auf dem Seth hinter Gitterstäben abgebildet war, und die Unterschrift dort lautete: So danken wir unseren Helden. Vielleicht hatte die Tatsache, dass Kieran Seth eingesperrt hatte, ihn für einige Leute zum Märtyrer gemacht. Andererseits: Hatte er, Kieran, denn eine Alternative?

»Bring unsere Eltern zurück«, murmelte er zu sich selbst. »Wenn dir das gelingt, wird sich niemand mehr gegen dich stellen.«

Zitternd und mit schnellem, unstetem Atem loggte er sich in das Langstrecken-Interkom ein und rief das andere Schiff.

Sofort antwortete ein Mann, der auf ihn etwas zu glatt wirkte. »Empyrean, hier ist die New Horizon.«

»Ich möchte bitte mit Anne Mather sprechen.«

»Ich werde nachsehen, ob die Pastorin Zeit hat.«

Kieran musste nicht lange warten, denn kurz darauf erschien Mathers Gesicht auf dem Bildschirm. Sie wirkte müde und abgespannt, als hätte sie tagelang nicht geschlafen, und sein Mut wuchs. »Hallo, Kieran, ich hoffe, du hast gute Neuigkeiten für mich.«

»Nennen Sie mir Ihre Bedingungen.«

»Gut«, sagte sie und stützte ihre Ellbogen auf dem Schreibtisch ab. »Als Erstes fordere ich Immunität.«

»Für wen?«

»Für mich. Du könntest versuchen, mich als Kriegsverbrecherin hinzustellen, aber wenn du das mit der Galionsfigur des Schiffs machst, beleidigst du jeden an Bord. Es kann keinen Frieden geben, wenn wir beide versuchen, die jeweils andere Seite zu schikanieren.«

»Ich werde darüber nachdenken.«

Sie sah ihn scharf an, fuhr dann aber fort: »Dann möchte ich sichergestellt haben, dass, wenn wir New Earth erreichen, beide Schiffe an der Verteilung der Territorien beteiligt sein werden.«

»Um einen kompletten Planeten unter ein paar hundert Leuten aufzuteilen? Glauben Sie wirklich, dass das Probleme bereiten wird?«

»Wir haben nur begrenzte Daten über die Ökosysteme vor Ort, Kieran. Vielleicht gibt es dort nur wenig urbares Land. Ich werde nicht zulassen, dass meine Leute eines Tages inmitten einer Wüste festsitzen.«

»Gut, darauf kann ich mich einlassen.«

»Und ich finde, dass Vertreter beider Schiffe mindestens einmal pro Jahr an einem Kongress teilnehmen müssen, der abwechselnd von einem der Schiffe oder einer der Kolonien ausgerichtet wird und in dessen Verlauf Informationen ausgetauscht werden und über die planetare Regierung entschieden wird.«

Es dämmerte Kieran, dass er selbst überhaupt keine Bedingungen vorbereitet hatte – von der Forderung, die Eltern zurückhaben zu wollen, abgesehen – und dass daher Mather in diesem Gespräch das Sagen hatte. »Pastorin Mather …«

»Anne, bitte.«

Er seufzte, gereizt wegen ihres anbiedernden Tonfalls. »Ich möchte, dass Sie mir Ihre Bedingungen als Textdokument senden, damit ich sie mir gemeinsam mit meinen Leuten genauer ansehen kann.«

»Mit deinen Leuten?«, gab sie mit süffisantem Lächeln zurück.

»Mit meinem Zentralrat«, erwiderte er, um Zeit zu gewinnen. »Meiner Crew. Es wäre nicht richtig, wenn ich all diese Entscheidungen für sie treffe.«

Mather lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und sah ihn direkt an. »Stehst du mit deinem Zentralrat auf gutem Fuß?«

»Natürlich«, entgegnete er und lächelte angespannt.

Sie nickte, doch Kieran vermutete, dass sie ihm nicht glaubte.

»Dann hat dieser Terrorist, Jacob, Sie doch mit Informationen versorgt?«, mutmaßte er. Warum sonst sollte sie seine Worte anzweifeln?

Ihr Blick heftete sich auf seinen, doch ihre Miene blieb absolut unbewegt. »Nein.«

»Für mich klingt es, als hätten Sie Informationen über dieses Schiff.«

»Tut mir leid, wenn ich diesen Eindruck erweckt habe. Nein. Meine Zweifel an deiner Beziehung zu deinem Rat fußen allein auf meinen eigenen Erfahrungen. Wie jedes Regierungsorgan strebt auch ein Rat nach Macht.«

»Und die wollen Sie ihm nicht geben«, stellte Kieran fest.

»Was ich mache, stößt bei den Ratsmitgliedern nicht immer auf Gegenliebe, aber manchmal muss ein Anführer nun einmal unpopuläre Entscheidungen treffen. Ich könnte mir vorstellen, dass auch du das inzwischen weißt.«

Einen eisigen Moment lang starrten sie einander an. Der Scharfsinn dieser Frau war unangenehm, und sie verstand es perfekt, mit ihren Worten ins Schwarze zu treffen. Sie erinnerte ihn an Waverly. Andererseits … hatte sie nicht gerade eine Schwäche erkennen lassen? Sie hat Angst davor, als Kriegsverbrecherin abgestempelt zu werden, erkannte er. Wie kann ich das am besten gegen sie verwenden?

»Ich werde dir meine Bedingungen als Textdokument schicken, Kieran. Nimm dir genug Zeit, sie zu überprüfen, und dann sprechen wir uns wieder. Bald schon, hoffe ich.«

»Warten Sie«, warf Kieran schnell ein. »Ich will ein Verzeichnis aller Crewmitglieder der Empyrean, die sich an Bord Ihres Schiffs befinden. Ansonsten werden diese Gespräche nicht weitergeführt.«

Mather seufzte.

»Außerdem möchte ich, dass jedes dieser Crewmitglieder der Empyrean eine Videobotschaft sendet, damit wir uns selbst von dem Zustand der Geiseln überzeugen können.«

»Das wird einige Zeit dauern.«

»Ich will sie in vierundzwanzig Stunden haben. Und sie sollten lieber alle bei guter Gesundheit sein. Denn sonst werde ich mit Freuden dafür sorgen, dass Sie als die erste Kriegsverbrecherin in die Geschichte von New Earth eingehen«, sagte Kieran und beendete die Verbindung, ehe sie antworten konnte.

Soll sie doch eine Weile in ihrem Saft schmoren, dachte er zufrieden.

Sein Interkom piepte. Er lehnte sich in der Erwartung vor, Mather werde es nicht auf sich sitzen lassen wollen, dass er das Gespräch beendet hatte, aber stattdessen kam das Signal von der Krankenstation. Kieran antwortete, dann erschien Tobins müdes Gesicht auf dem Bildschirm. »Kieran, er hat die Augen geöffnet.«

»Ich bin sofort da.«

Er stolperte durch die Gänge und die Treppe zur Krankenstation hinunter. Als er ankam, beugte Tobin sich gerade über Philip und studierte das ovale Gesicht des kleinen Jungen, dessen Augen matt wie Holzkohle zur Decke starrten, anscheinend ohne jemanden zu erkennen.

»Kann er sprechen?«, fragte Kieran besorgt.

»Nicht mit dem Beatmungsschlauch in seinem Hals«, erklärte Tobin. »Ich könnte versuchen, ihn von der Maschine zu trennen.«

»Und das bringt ihn nicht in Gefahr?«

»Ich hatte es sowieso vor. Nur so kann ich kontrollieren, ob er selbständig atmet.«

»Dann mach es«, sagte Kieran und trat zurück, während Tobin vorsichtig eine Klammer von dem Schlauch löste. Als das Gerät über Philips Bett ein paarmal alarmierend piepte, schaltete Tobin es genervt aus. Dann beugte er sich zu dem Jungen hinunter und hielt seine Wange vor dessen Mund, um zu überprüfen, ob er atmete. Kieran sah, dass Philips Brust sich hob und senkte, dann entstand eine qualvolle Pause, bis sie sich erneut hob und senkte. Tobin las mehrere Werte ab und sah Kieran schließlich erleichtert an. »Im Moment scheint er stabil zu sein.«

Philips Augen verharrten kurz auf Tobins Gesicht, sahen, dass er sprach, wanderten dann aber zurück zur Decke.

»Philip«, sagte Tobin, »ich wette, du willst diesen Schlauch aus deinem Hals haben, stimmt’s, Kleiner?«

Der Junge schloss und öffnete die Augen, schien zu mehr aber nicht in der Lage zu sein. Er erinnerte Kieran an die altmodische Puppe von Felicity Wiggam – dem Mädchen, das sich als Einzige entschlossen hatte, auf der New Horizon zu bleiben. Wenn sie diese Puppe auf den Rücken gelegt hatte, hatten sich ihre Augen stets mit einem nervtötenden mechanischen Klackern geschlossen. Ob Philip noch irgendwo da drinnen ist?, fragte sich Kieran.

»Ich werde den Schlauch jetzt mit einem Ruck herausziehen, okay?«, wandte Tobin sich erneut an Philip, während er seine Hand fest um den Beatmungsschlauch legte. »Ich möchte, dass du ausatmest, wenn ich ziehe.«

»Hast du das schon mal gemacht?«, fragte Kieran.

»Sei still«, erwiderte Tobin. Kieran wusste, dass Tobin fast alles, was er hier tat, zum ersten Mal machte, und seine einzige Hoffnung, seine Patienten zu beruhigen, bestand darin, absolute Kompetenz vorzutäuschen.

Tobin wartete, bis Philip das nächste Mal ausatmete, und zog den Schlauch dann mit einer einzigen schnellen Bewegung aus dem Hals. Der Junge hustete; kleine, abgehackte Geräusche, die seine Schultern erbeben ließen. Als er sich beruhigt hatte, nahm Tobin eine Spraydose vom Nachttisch, öffnete ganz sanft den Mund und sprühte einen feinen Nebel hinein. Philips Atem roch ranzig und schal, dennoch beugte Kieran sich über ihn.

»Philip, kannst du mich hören?«, fragte er und versuchte dabei, seine Stimme so neutral wie möglich klingen zu lassen. Philips Lippen öffneten und schlossen sich, was ihn wie einen Fisch aussehen ließ. Kieran beugte sich noch weiter herunter und legte seine Hand auf die Schulter des Jungen. Wie zerbrechlich er sich anfühlte …

Philip flüsterte mit trockener, brüchiger Stimme ein einziges Wort, das Kieran nicht verstehen konnte.

»Versuch es mit etwas mehr Wasser«, sagte er zu Tobin, und dieser sprühte erneut, doch Philip presste die Lippen zusammen.

»Hell«, flüsterte Philip und blinzelte, als würde ein Licht direkt in seine Augen scheinen.

»Dimm das Licht«, sagte Kieran, und Tobin nickte und drückte einen Schalter an der Wand. Die Helligkeit im Raum verringerte sich um etwa die Hälfte.

»Blitz«, sagte Philip und hustete wieder. »Blitz aus Licht.«

»Du siehst blitzende Lichter, Philip?«, fragte Tobin besorgt.

Philip drehte seinen Kopf, um Tobin anzusehen, aber sein Blick schien weit entfernt zu sein, und Kieran fiel zum ersten Mal auf, dass seine Pupillen unterschiedlich groß waren. »An Steuerbord.«

»Ich glaube, er ist im Delirium«, sagte Tobin. »Wir sollten ihm etwas Ruhe gönnen.«

Kieran nickte und wollte sich gerade abwenden, als Philip nach ihm griff. Kieran barg die Hand des Jungen sanft in seiner, beugte sich über ihn, bis sein Mund sich direkt vor seiner Ohrmuschel befand, und flüsterte: »Philip, ich weiß nicht, ob du mich hören kannst, aber es tut mir aufrichtig leid. Ich hätte dich nicht in diese Situation bringen dürfen.«

»Sie kommen von Steuerbord«, flüsterte Philip. »In der Decke.«

»Philip, hast du mich gehört?«

»O Gott.« Philips Augen weiteten sich, und er atmete einmal schnell und flach ein. »Sie werden uns nie verzeihen.«

Kieran spürte Tobins Hand auf seinem Arm. »Geben wir ihm die Möglichkeit, sich etwas auszuruhen, okay?«

»Was hat er da gesagt?«, fragte Kieran. Er fröstelte auf einmal, und sein Herz raste.

»Er ist nicht bei Bewusstsein«, sagte Tobin entschuldigend. »Darüber habe ich gelesen; das passiert hin und wieder bei Komapatienten. Er redet im Schlaf. Das ist nur Kauderwelsch.«

»So als ob er träumt?«, fragte Kieran. Philips Gemurmel klang körperlos, fast geisterhaft.

»So was Ähnliches wie Träume«, antwortete Tobin traurig. »Er ist aktiv und atmet selbständig, das ist ein gutes Zeichen.«

Tobins Stimme klang sehr sanft, und Kieran vermutete, dass er seine Entschuldigung Philip gegenüber gehört haben musste.

»Bei jeder noch so kleinen Veränderung gibst du mir Bescheid, ja?«

»Sofort«, sagte Tobin, nickte und wandte sich wieder Philip zu. Kieran fiel auf, dass seine Schultermuskeln enorm gewachsen waren. Sicher stemmt er den lieben langen Tag Patienten, schlussfolgerte er, um ihnen Medikamente zu geben oder sie in eine bequemere Position zu bringen. Das muss fürchterlich anstrengend sein. Trotzdem beklagt er sich nie.

»Ich glaube, dich zum medizinischen Offizier zu ernennen, war meine beste Entscheidung als Captain«, sagte er zu Tobin.

Tobin schien sich zu genieren, denn er brachte es nicht fertig, Kieran anzusehen. Stattdessen scheuchte er ihn aus der Krankenstation und wandte ihm den Rücken zu, um etwas auf Philips Krankenblatt zu notieren. Gerade als Kieran sich umdrehen wollte, glaubte er, eine Träne im Auge des Jungen wahrgenommen zu haben. Von allen Leuten auf dem Schiff verstand Tobin neben ihm selbst wohl am besten, wie schwer die Last der Verantwortung wog. Er musste Entscheidungen treffen, die Leben oder Tod bedeuten konnten, er arbeitete unermüdlich und bekam selten Dank. Wenn es an Bord doch nur jemanden gäbe, der Kieran sagen würde, dass auch er seinen Job gut machte. Er sehnte sich nach etwas Bestätigung, nach jemandem, der ihm sagte, dass er nicht immer alles falsch machte. Aber inzwischen wusste er, dass Anführer das nicht von ihrer Crew erwarten sollten.

Einmal hatte er die Stimme, die ihn leitete, gefragt, ob er seine Sache gut machte, und er hatte geglaubt zu hören, was er hören wollte. Dennoch fragte sich ein Teil von ihm, ob er das nicht nur erfunden hatte.

Als er in sein Büro zurückkam, stand Waverly wartend vor der Tür.

»Wir müssen reden«, sagte sie, die Lippen zusammengepresst, der Blick störrisch. Ihre Stimme klang noch immer gepresst, aber von den Prellungen waren nur noch gelbliche Flecken geblieben, und sie wirkte ansonsten vollständig genesen.

»Ich habe jetzt keine Zeit.«

»Es dauert nur eine Minute.«

Er seufzte hörbar, schloss aber die Tür seines Büros auf und trat zur Seite, um ihr Platz zu machen. Sie ging hindurch, ohne sich bei ihm zu bedanken, und setzte sich auf den Stuhl gegenüber dem Schreibtisch. Er nahm auf seinem Stuhl Platz und musterte sie abwartend.

»Der Zentralrat möchte den Terroristen sehen«, sagte sie.

»Das kann ich nicht zulassen.«

»Warum nicht?«

»Aus Sicherheitsgründen.«

»Die Statuten des Schiffs besagen, dass der Rat Zugang zu jedem Gefangenen an Bord bekommen muss, um sich von dessen körperlicher Gesundheit und Geisteszustand zu überzeugen. Auf Seite zweiundvierzig kannst du das nachlesen.«

»Dann bist du in Sorge, dass ihm seine Mami fehlt?«

»Auf rechtlichem Weg kannst du uns nicht daran hindern, Kieran.«

Seine Augen schweiften hinüber zum Bücherregal des Captains, auf dem mehrere Bände mit Gesetzestexten standen. Anders als Waverly hatte er keine Zeit, sich genauer mit ihnen zu befassen.

»Das muss ich erst nachprüfen«, sagte er. »Kann es ein paar Tage warten?«

»Nein.«

»Du kannst mich nicht einfach damit überrumpeln.«

»Wie du siehst, habe ich genau das gerade getan.«

»Wann bist du ein solches Miststück geworden?«

Die Worte waren ausgesprochen, noch ehe er sie vollkommen durchdacht hatte. Dennoch entsprachen sie der Wahrheit. Sie war fordernd, unverschämt und schlicht untragbar geworden.

»Wie hast du mich gerade genannt?« Ihre Stimme schrillte in seinen Ohren.

»Ständig gehst du irgendwohin, wo du nichts zu suchen hast, und steckst deine Nase in Sachen, die dich nichts angehen.«

»Dass alles rund läuft auf diesem Schiff, geht jeden etwas an.« Ihre Stimme drohte zu kippen. »Das soll hier schließlich eine Demokratie sein.«

»Aber das macht mich nicht zu eurem Dienstboten.«

»Lässt du uns jetzt an deinem Schlägertrupp vorbei oder nicht?«

»Bevor ihr überhaupt versteht, um was es hier geht? Bevor ihr Informationen von mir über den Gefangenen bekommen habt? Ihr wollt einfach da reinrauschen und mitmischen?« Er schrie jetzt und konnte spüren, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg.

»Welche Ergebnisse hast du denn vorzuweisen? Er spricht ja nicht einmal mit dir!« Sie schnaubte. »Lass es uns zumindest versuchen.«

»Woher willst du wissen, dass er nicht mit mir gesprochen hat?«

»Meinst du, deine Wachleute würden nicht mit anderen reden?«

Harvey. Offensichtlich hatte er dem Rat Bericht erstattet. Sie hatte es geschafft, einen seiner loyalsten Gefolgsleute gegen ihn aufzubringen. Kieran sah sie durch zusammengekniffene Augenlider an. Sie verschränkte die Arme vor der Brust, ihr Fuß tippte unaufhörlich auf den Boden. Er knirschte mit den Zähnen, um seine Wut im Zaum zu halten.

»Wenn du so weitermachst, schaffst du es bestimmt, dass noch mehr Leute verletzt werden«, sagte er schließlich, die Stimme glatt wie ein Messer, das die weichste Stelle im Leib seines Gegenübers sucht und dann zusticht – schnell und präzise.

»Wovon redest du?« Sie war mit einem Mal kreidebleich geworden, und ihr Fuß hielt nun inne.

»Wärst du nicht gewesen, würde Philip jetzt nicht …« Doch dann verstummte er. Es war genug.

»Was willst du damit sagen? Das war purer Zufall! Du kannst mir nicht die Schuld daran geben, dass …« Sie stoppte mitten im Satz und mit weit aufgerissenem Mund. Langsam verengten sich ihre Pupillen zu zwei schwarzen Nadelspitzen.

Er wollte sie mit aller Gewalt ablenken, und je länger er schwieg, desto verdächtiger machte er sich.

»Du hast mich beschatten lassen«, sagte Waverly leise. »Philip sollte dir Bericht erstatten über das, was ich tue. Stimmt doch, oder?«

»Nein«, gab er zurück, machte jedoch den Fehler, ihre Mutmaßung mit einem Lachen abtun zu wollen. Es hätte nicht gekünstelter wirken können.

Sie stand auf. »Du bist ein Lügner.«

Er zeigte mit dem Finger direkt auf ihr Gesicht. »Weil du mir den Anlass dazu gegeben hast.«

»Dann gibst du es also zu.«

»Willst du bloß so dastehen und mir weismachen, dass du Seth Ardvale nicht geholfen hast? Ist es so, Waverly?« Seine Stimme schwoll zu einem Schreien an, seine Ohren klingelten bei jedem Wort. Es übermannte ihn, und er konnte sich nicht mehr zurückhalten. »Du warst auf dem Weg zu ihm! Nicht ihr habt den Terroristen gefunden, sondern er euch!«

»Er hätte uns fast getötet!«, krächzte Waverly. »Glaub mir, lieber hätte ich ihn nicht gefunden!«

»Verarsch mich nicht! Politisch gesehen war es das Beste, was euch passieren konnte!«

»Mit jedem Tag erinnerst du mich mehr an Anne Mather!« Bei diesen letzten Worten brach ihre Stimme und ihre Hand flog an ihren Hals. »Du nutzt deine Kanzel, um den Leuten eine Gehirnwäsche zu verpassen!«

»Ich halte sie über Wasser! Andernfalls würden sie in Verzweiflung ertrinken!«

»Ohne dass ihr Messias Kieran Alden ihnen den Weg weist?«, knurrte sie. »Du widerst mich an!«

Er holte aus und war kurz davor, ihr eine Ohrfeige zu verpassen. Aber dann nahm er sich zurück.

Sie stand da, atmete durch geweitete Nasenlöcher, die Augen rot, das Haar wirr, und ihre Fäuste halb erhoben, als wäre sie nur zu bereit, ihn zu Boden zu werfen. Sie starrten einander an, die Luft zwischen ihnen knisterte, bis sie herumwirbelte und aus seinem Büro stürmte.

Sternenfeuer: Vertraue Niemanden: Roman
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