Die Vergangenheit
Kieran stand über Max Brents leblosem Körper und starrte auf das abgehärmte, erstarrte Gesicht des Jungen. Es wirkte wie aus grauem Plastik modelliert. Tiefe Ringe lagen um seine Augen, und seine purpurfarbenen Lippen waren zu einer schmerzerfüllten Grimasse erstarrt. Getrocknete Spucke hatte sich in den Mundwinkeln der Leiche gesammelt, und die künstliche Schwerkraft hatte die Haut über seinem Gesicht verzogen; runzlige Hautbündel hatten sich auf seinen Wangen gesammelt. Er war in einen der kleinen Privaträume auf der Krankenstation gebracht worden, fort von dem Achtbettzimmer, jenem Hauptraum, in dem die meisten der Patienten lagen.
»Was ist mit ihm passiert?«, fragte Kieran und wandte entsetzt den Blick ab.
»Ich weiß es nicht!«, rief Tobin Ames, der damit beauftragt worden war, die Krankenstation am Laufen zu halten. »Das ist keine Krankheit, zumindest glaube ich das nicht. Und ich kann auch keine Einschuss- oder Einstichlöcher an ihm entdecken.«
»Und was ist mit Gift?«, fragte Arthur in Kierans Rücken. Arthur hatte nur einen kurzen Blick auf Max’ grauenvoll verzerrte Gesichtszüge geworfen und war dann voller Angst zurückgewichen. Tobin nickte erschöpft. Es hatte etliche Tote an Bord der Empyrean gegeben, doch niemand hatte sich je daran gewöhnt. Tobin sah aus, als hätte er die ganze Nacht kein Auge zugetan, und er kaute an seiner Nagelhaut, während er auf Max’ toten Körper starrte. Die Qual, dass er ihn nicht hatte retten können, stand dem Jungen ins Gesicht geschrieben.
»Du hast dein Bestes gegeben, Tobin«, sagte Kieran.
»Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie Max überhaupt hier heraufgekommen ist«, sagte Tobin. Er fuhr sich mit den Fingern durch das zerzauste hellbraune Haar, so dass es ihm schließlich nach allen Seiten vom Kopf abstand. »Irgendjemand hat ihn in diesen Fahrstuhl verfrachtet.«
»Das sollte leicht herauszufinden sein«, sagte Arthur. »Ich überprüfe einfach die Vidbänder der Aufzüge auf allen Ebenen.«
»Halt auch nach Anzeichen Ausschau, dass Seth ihn vergiftet haben könnte«, sagte Kieran.
»Wie hätte Seth an Gift kommen sollen?«, fragte Arthur.
»Es gibt Materialkammern auf jeder Ebene«, gab Kieran zurück. »Vielleicht eine Reinigungslösung?«
»Okay«, sagte Tobin. »Ich überprüfe die Inhaltsstoffe dieser Reinigungslösungen und sehe nach, ob sie zu Max’ Symptomen passen könnten.«
»Die da wären …?«
»Blaue Lippen und Fingernägel. Krämpfe. Bewusstlosigkeit.« Tobin schüttelte den Kopf. »Zunächst dachte ich, es wäre eine Alkoholvergiftung. Jedenfalls roch er danach. Ich habe ihn mit Kohletabletten zu behandeln versucht. Es hat mich zwei Stunden gekostet, um herauszufinden, wie ich es anstellen könnte! Der Beipackzettel allein war schon verwirrend genug. Wenn ich nur schneller gewesen wäre …«
»Du kennst dich mit derlei Dingen nicht aus«, sagte Arthur zu ihm. »Es ist nicht dein Fehler.«
Aber es schien nicht, als würde Tobin seine Worte beherzigen.
»Selbst richtige Ärzte verlieren manchmal ihre Patienten«, sagte Kieran.
Tobin nickte und ging zurück zu seinem Büro, durcheinander und mit hängenden Schultern, als drücke die Last seiner Schuld ihn zu Boden.
Kieran tippte Arthur auf die Schulter: »Lass uns gehen.« Kieran und Arthur verließen die Krankenstation und standen kurz darauf vor dem Fahrstuhlschacht, um in die Kommandozentrale zurückzufahren.
»Das ergibt alles keinen Sinn«, sagte Arthur schließlich, als die Fahrstuhltüren sich öffneten und sie eintraten. »Warum sollte Seth Max aus der Brig befreien, nur um ihn dann zu vergiften?«
»Seth hat auch versucht, mich in eine Luftschleuse zu stoßen, oder hast du das vergessen?«, schnappte Kieran. Er bemerkte, dass er zitterte. War es Wut? Oder war es die Angst davor, dass sein Feind nun auf freiem Fuß war? Er drückte den Knopf zur Kommandozentrale und versuchte, sich zu beruhigen. Wenn er in Panik verfiel, würde das niemandem etwas nutzen. Ich kann das alles in den Griff bekommen, sagte er sich selbst.
»Ich versuche doch nur, einen Sinn in das Ganze zu bringen«, sagte Arthur sanft.
»Tut mir leid«, antwortete Kieran und legte seinem Freund eine Hand auf die Schulter. Der Druck, der auf ihm lastete, um die Empyrean in Gang zu halten, begann an ihm zu nagen, und in letzter Zeit hatte er sich oft dabei ertappt, Leute anzufahren, die es nicht verdient hatten. Die Türen des Fahrstuhls öffneten sich, und die Jungen eilten durch einen geschäftig bevölkerten Korridor in Richtung Kommandozentrale.
An der Wand rechts neben der Tür entdeckte Kieran eine Strichmännchenzeichnung einer Figur mit zitternden, wellenförmig gezeichneten Armen, das Gesicht verzerrt vor Furcht. Darunter las der Captain der Empyrean: Unser ängstlicher Führer Kieran Alden.
Er merkte, wie seine Handflächen kalt wurden. Er hörte flüsternde Stimmen in seinem Rücken, und als er sich umwandte, sah er eine Gruppe kleiner Mädchen, die ihn beobachteten. Als ihre Blicke seinen trafen, gaben sie vor, über etwas anderes zu sprechen.
»Wisch das weg«, sagte er zu Arthur, dann betrat er die Kommandozentrale. Sarek wandte sich in seinem Stuhl zu ihm um und nickte ihm grüßend zu. »Irgendein Erfolg bei dem Versuch, Seth über eines der Überwachungsvids der letzten Nacht aufzuspüren?«
»Genau darüber wollte ich mit dir sprechen«, sagte Sarek und drehte sich in seinem Stuhl hin und her. »Ich habe niemanden auf dem Vidsystem sehen können. Niemanden. Zumindest nicht binnen der letzten achtzehn Stunden.«
»Wie meinst du das?« Kieran ließ sich in den Kapitänssitz fallen.
»Ich meine, dass das Einzige, was das Vidsystem aufgenommen zu haben scheint, leere Flure, Schächte und Räume sind. Würde jemand unsere Vid-Logs des heutigen Tages betrachten, er würde denken, dies wäre ein Geisterschiff.«
»Das ist merkwürdig«, sagte Arthur, der nun in seinem Stuhl nahe der Fenster Platz nahm. Es gab etliche Stühle und Kom-Konsolen, die halbmondförmig unter den großen rechteckigen Fenstern angeordnet waren – und mit Ausnahme der Stationen, die von Arthur, Sarek und Kieran im Kapitänssitz am Kopf des Raums eingenommen wurden, waren sie alle unbesetzt. »Seth muss die Bewegungsmelder deaktiviert haben.«
»Verdammt.« Kieran stieß eine Faust in die Luft. »Ich wusste, dass, wenn dieser Hurensohn je rauskommen sollte …« Er verstummte und versank in dumpfes Brüten.
»Kieran.« Arthur lehnte sich über die Lehne seines Stuhls zu ihm herüber. »Du hast zu viele Freunde. Es wird nicht noch einmal geschehen.«
Kieran musste nicht fragen, worauf Arthur anspielte. »Ich hätte auch nie erwartet, dass sie sich beim ersten Mal gegen mich wenden würden.«
Die anderen hatten einfach daneben gestanden, als Seth ihm ein Betäubungsmittel gespritzt und ihn in die Brig hatte werfen lassen. Und als er hungernd in der engen, kalten Zelle gelegen hatte, war da auch nur einer von ihnen gekommen, um ihm zu helfen? Nein, sie hatten alle viel zu viel Angst vor Seth und seinen Leuten gehabt, um sich für ihn, Kieran, einzusetzen. Und jetzt nannten sie ihn einen Feigling!
»Okay, also, was tun wir jetzt?«, sagte Arthur mit ruhiger Stimme.
»Ruf die Kommando-Offiziere zusammen«, sagte Kieran zu Sarek, der sich gleich umdrehte, um die entsprechende Durchsage zu machen.
Die Kommando-Offiziere waren ein Dutzend der dreizehnjährigen Jungen, deren Aufgabe auf den ersten Blick darin bestand, die Crew den Tag über bei der Stange zu halten und zu schlichten, falls es zu Streitereien kam. Aber sie hatten auch noch einen weiteren, der Crew nicht kommunizierten Auftrag. Jede verdächtige Aktion und jede Spur eines Ungehorsams gaben sie an Kieran weiter und hielten ihn über die Stimmung an Bord auf dem Laufenden, so dass er über Querulanten stets im Bilde war. Bewaffnet waren sie nur mit Stöcken.
Kieran wollte nicht, dass Schusswaffen auf der Empyrean im Einsatz waren, hatte die Waffen gezählt und eingesammelt und sie dann an einem geheimen Ort verstaut, den nur er allein kannte. Der gesamte Waffenvorrat des Schiffs erschien ihm dennoch jämmerlich klein, und er war sich sicher, bei seiner Suche einige der Waffen nicht gefunden zu haben. Andererseits: Wenn er sie nicht entdecken konnte, konnte es vielleicht auch niemand sonst.
Außer Seth.
»Arthur«, sagte Kieran, »bitte hilf mir, eine Liste mit Verdächtigen zu erstellen, die wir hierherholen und verhören können.«
»Verdächtige?« Arthurs Augen weiteten sich. »Also, wenn wir herausfinden, wer Seth rausgelassen hat, dann werfen wir ihn in die Brig?«
»Natürlich tun wir das.« Kieran versuchte, ruhig zu klingen. »Genau das geschieht mit Menschen, die Gesetze brechen.«
Arthur schluckte hörbar. »Welche Gesetze?«
»Wie bitte?« Kieran musterte Arthur prüfend.
»Welches Gesetz wurde bei der Befreiung von Seth gebrochen?«, wiederholte Arthur, sichtlich eingeschüchtert, aber noch immer aufrecht und mit sicherer Stimme. »Welches genau?«
»Es ist illegal, jemanden ohne eine Verhandlung aus der Brig zu lassen.«
»Okay.« Arthur lehnte sein Kinn auf die Rückenlehne des Stuhls. »Aber es ist ebenso illegal, jemanden ohne eine Verhandlung in die Brig zu stecken. Du hast nie eine Gerichtsverhandlung für Seth einberufen.«
»Was sagst du da, Arthur?«, schnauzte Kieran. »Dass ich Seth weiter frei hätte herumlaufen lassen sollen, nachdem er versucht hat, mich zu töten?«
»Was ich sage, ist: Wenn du anfängst, Leute zu verhören und sie in die Arrestzelle zu werfen, kannst du nicht verhindern, dass du wie jemand wirkst, der das Recht neu erfindet, wie es ihm gerade passt.«
»Und das ist es, was ich deiner Meinung nach tue?«
»Nein«, sagte Arthur, warf dabei jedoch Sarek einen nervösen Blick zu, der allerdings stoisch auf seinen Bildschirm starrte.
»Soweit ich mich erinnere, warst du es, der mir vor noch gar nicht so langer Zeit unterstellt hat, ich wolle Seth beiseiteschaffen.«
»Das war keine Unterstellung. Das war …« Arthur fuhr nervös die weichen Kanten seines Schreibtischs nach.
»Was?«
»Ich wollte sehen, was du dazu sagen würdest.«
»Und? Habe ich deinen kleinen Test bestanden?«
»Ja. Genau so, wie ich es erwartet hatte.« Arthur lehnte sich vor, die Ellbogen auf den Knien, die Handflächen zusammengepresst und all seine Aufmerksamkeit auf Kieran gerichtet. »Ich erinnere mich noch gut daran, dass du gesagt hast, du seist der Ansicht, Seth habe nur bluffen wollen, als er androhte, dich aus einer der Luftschleusen zu werfen.«
»Vielleicht hat er nur geblufft, ja, aber ich wäre nicht bereit, mein Leben darauf zu verwetten.«
»Eben das ist der Grund, aus dem die Crew derzeit an dich glaubt. Weil sie denken, dass du einer der Guten bist.«
»Okay.«
»Wenn du anfängst, Leute in die Brig zu werfen, brauchst du einen guten Grund, warum du die Berechtigung dazu hast.«
»Arthur, möchtest du etwa vorschlagen, ausgerechnet jetzt eine Wahl einzuberufen?«
»Meiner Ansicht nach würde eine Wahl dich schützen.«
»Das werde ich nicht tun. Wir verfolgen die New Horizon, und eine gefährliche Person läuft hier auf dem Schiff frei herum.«
»Als gewählter Kapitän der Empyrean nimmst du Seths Anhängern jede Grundlage zu behaupten, dass du nicht ihr rechtmäßiger Anführer bist.«
Am liebsten hätte Kieran Arthurs Einwände mit einem Hohnlachen beiseitegewischt. Es war seit jeher viel Aufhebens darum gemacht worden, dass die Empyrean eine Demokratie auf Basis humanistischer Werte war. Aber die Wahlen hatten stets wie eine Formsache gewirkt, weil nicht nur Captain Jones, sondern auch die anderen Leute des Zentralrats nach jeder Wahl dieselben geblieben waren, und das seit Anfang der Reise. Die Leute redeten von Demokratie, aber was sie wirklich wollten, dessen war Kieran sich sicher, war Beständigkeit. Aber vielleicht hatte diese Crew aus Kindern andere Vorstellungen. »Ist es das, worüber die Leute reden, Arthur?«
Arthur sah Kieran nur an und schwieg.
»Ich kann eine Wahl zu diesem Zeitpunkt nicht stemmen, Arthur.«
»Ich könnte das für dich regeln.«
»Nicht jetzt.« Kieran lehnte sich in seinem Sitz zurück und tippte an die Seite seiner Kom-Konsole. »Wir können diese Nachforschungen anstellen, ohne irgendjemanden zu beschuldigen. Wir werden Seth gar nicht erwähnen. Wir hören einfach nur zu, machen uns ein Bild davon, was die Leute sagen, vergleichen die Erzählungen miteinander und schauen, ob jemand von ihnen gelogen hat.«
»Klingt sinnvoll«, sagte Arthur. »Aber ich bin trotzdem der Ansicht –«
»Ich weiß«, sagte Kieran gereizt.
Einer nach dem anderen betraten kurz darauf seine Kommando-Offiziere die Brücke und versammelten sich in einem Halbkreis entlang der geschwungenen Fensterfront, die den Blick auf den ständigen Nachthimmel freigab. Matt Allbright war de facto ihr Anführer. Nicht nur aufgrund seines Alters – er war gerade vierzehn geworden –, sondern auch, weil er sich nicht scheute, die Initiative zu ergreifen. Er verfügte über eine schnelle Auffassungsgabe und schien zu denken, ehe er redete, und wenn er sprach, waren seine Worte eindringlich und gut gewählt. Mit seinen breiten Schultern, der geraden Haltung und der peniblen Art, in der er seine Haare stets raspelkurz hielt, sah er sogar wie ein Offizier aus. Dennoch war Kieran sich nie sicher, ob er Matt absolut trauen konnte – oder irgendjemandem der Wächter. Sie hatten eine Machtposition inne, und er wusste, wie leicht Macht missbraucht werden konnte. Deshalb hatte er für diese Aufgabe jene unter den Jungen ausgewählt, über deren Charakter er sich zwar nicht hundertprozentig im Klaren war, die aber zumindest berechenbar waren. Keiner von ihnen war ein besonders kreativer Kopf. Selbst Matt war intellektuell eher bedächtig – vorsichtig, geradlinig und zielstrebig. Dass er zu Täuschung oder Betrug fähig sein könnte, glaubte Kieran nicht.
»Was ich euch heute mitzuteilen habe, wird diesen Raum nicht verlassen«, sagte Kieran zu den Offizieren, die alle ebenso wie Matt kerzengerade standen und seinen Worten lauschten. »Irgendjemand hat sich in der Nacht, in der Seth entkommen ist, am Vidsystem zu schaffen gemacht. Ich möchte, dass ihr herauszufinden versucht, wer es gewesen ist.«
»Entschuldigung, Sir.« Hiro Mazumoto rieb mit der Hand über den schwachen Schatten von Bartstoppeln, die auf seinem kindlichen Kinn zu sprießen begannen. »Hast du gerade gesagt, wir wären von jemandem aus unserer eigenen Crew sabotiert worden?«
»Allem Anschein nach von Seth Ardvale.« Kieran schritt die Reihe der Offiziere entlang. Sie standen in Habtacht-Stellung, die Schultern gestrafft, die Hände hinter dem Rücken eingehakt. Kieran mochte die Disziplin, die diese Haltung vermittelte; sie gab ihm das Gefühl, respekteinflößend zu sein. »Aber wir wissen, dass ihm jemand geholfen hat.« Dann fuhr er fort: »Was ich euch also zu tun bitte, ist, euch umzuhören. Geht los, mischt euch unter die Crew, hört zu, was sie sich erzählen, und haltet die Ohren offen. Matt?«
Der Kopf des Jungen fuhr herum, und er sah ihn aufmerksam an.
»Ich möchte, dass du kleinere Teams zusammenstellst, die das Schiff nach Zeichen von Seth absuchen. Wo er untergeschlüpft sein könnte, was er planen könnte. Ihn und seine Komplizen zu finden, hat höchste Priorität.«
Matt nickte.
Als die Offiziere schließlich alle mit ihren neuen Aufträgen die Brücke verlassen hatten, sah Kieran Arthur, der in einer Ecke vor sich hinzubrüten schien. Er wusste, dass Arthur in der Sache mit der Wahl generell recht hatte, aber in der Praxis würde es ein Riesenchaos verursachen, weil es eben nicht nur um das Abhalten einer Wahl gehen würde. Er würde auch Verhandlungen führen müssen – nicht nur gegen die Leute, die Seth geholfen hatten, sondern auch gegen Seth selbst. Es führte kein Weg daran vorbei, dass er Seth die Möglichkeit würde geben müssen, vor der gesamten Crew zu sprechen – und Seth konnte sehr überzeugend sein. Die ganze Sache könnte ihm, Kieran, gewaltig um die Ohren fliegen.
»Wow!«, kam es da von Sarek, der noch immer an der Kom-Station saß. Er riss sich das Headset herunter und drehte sich um, die dunklen Augen groß vor Erstaunen. »Wir werden gerufen! Von der New Horizon!«
»Was?«, keuchte Arthur.
Kieran erhob sich. »Wer ist es? Wer ruft uns?«
»Anne Mather«, sagte Sarek voller Ehrfurcht.
Alle drei Jungen erstarrten und fixierten ungläubig das rot blinkende Licht an Sareks Kom-Station. Kieran fühlte sich wacklig auf den Beinen. Nahezu täglich hatte er versucht, Anne Mather zu kontaktieren, um die Freilassung der Gefangenen zu verlangen, doch sein Bombardement war ignoriert worden. Warum sollte sie jetzt mit ihm Kontakt aufnehmen?
»Schick den Kom-Link in mein Büro«, sagte Kieran leise und stakste von der Kommandozentrale den Gang hinunter und zur Suite des Captains, wo er sich auf den Schreibtisch setzte und sein Headset mit zitternden Fingern anlegte. Nach einigen tiefen Atemzügen schaltete er die Verbindung frei und nahm den Kom-Link an.
Sein Vidschirm flackerte und zeigte dann das Bild einer rundlichen Frau mittleren Alters mit fülligem weißem Haar, das in einem Dutt auf ihrem Kopf drapiert war. Ihre Brille saß auf ihrer Nasenspitze, und ihre Haut wirkte glatt und weich, ihre Gesichtszüge hingegen verhärmt. »Mit wem spreche ich?«, fragte sie knapp.
»Kieran Alden«, sagte er und versuchte, respekteinflößend zu klingen.
»Ich bin Anne Mather«, entgegnete sie mit einem kalten Lächeln.
»Was wollen Sie?«, fragte Kieran, seine Augen auf das Bullauge gerichtet, das hinausblickte auf einen dicht mit Sternen übersäten nachtschwarzen Himmel. Er mochte ihren Anblick nicht. Sie war zu gelassen, zu selbstbewusst. Und ihr Lächeln widerte ihn an.
»Keine Erwachsenen, mit denen ich sprechen könnte?«, fragte sie unschuldig.
»Nein. Sie haben unsere Crew abgeschlachtet.«
Das glatte Lächeln glitt von ihr ab, und sie senkte den Kopf. »Du wirst es mir niemals glauben, aber ich hatte nicht erwartet, so viele von eurer Crew im Shuttle-Hangar anzutreffen. Ich hatte gedacht, der Verlust würde sich stark in Grenzen halten.«
»So war es nicht«, sagte er bitter.
Sie blinzelte, als habe sein Blick sich in ihre Augen gebohrt. »Du wirst vermutlich wissen wollen, warum ich dich kontaktiert habe.«
Er sah sie nur an, wartete.
»Wir haben gesehen, dass ihr letzte Nacht einmal vom Kurs abgedreht habt. Ich habe mich gemeldet, um zu fragen, ob ihr Unterstützung benötigt.«
»Wie reizend von Ihnen«, sagte Kieran und krallte seinen Blick in ihren. »Aber bei uns ist alles easy. Und bei Ihnen?«
»Ah. Wie habe ich das vermisst. Teenager-Sarkasmus.« Die Frau kicherte, und Kieran wünschte sich, er könnte ihr die Zähne ausschlagen. »Ich habe gesehen, dass ihr beschleunigt habt, um zu uns aufzuholen. Das wird physische Konsequenzen für eure Crew nach sich ziehen. Ich hoffe, du bist dir dessen bewusst.«
»Wir sind jung.« Kieran grinste. »Es wird uns nur stärker machen.«
»Es verursacht Ödeme, Durchblutungsprobleme und wird euch die Gelenke schneller verschleißen, als ihr es euch vorstellen könnt. Und das sind nur die Symptome, von denen wir wissen.«
»Ich wette, meine Crew steht das länger durch als Ihre.«
»Es wird nicht funktionieren. Du weißt, dass ich nicht zulassen kann, dass ihr zu uns aufschließt, nur um uns anzugreifen. Wir benötigen irgendeine Art von Verständigung, ehe ich euch näher an uns heranlasse.«
»Dann setzen Sie unsere Eltern in ein Shuttle, schicken Sie sie zu uns zurück, und wir werden Sie in Ruhe lassen.«
»Ich würde deinem Wunsch nachkommen, wenn ich nicht ein oder zwei Dinge über die Natur des Menschen wüsste.«
»Was gibt es da zu wissen? Sie wären auf Ihrem Schiff und wir auf dem unsrigen. Ganz so, wie es auch zuvor gewesen ist.«
»Und wenn wir New Earth erreichen? Was dann?« Sie hob eine Braue.
»Dann wählen wir uns jeder ein Stück des Kontinents.«
»Ich trage die Verantwortung für die Leute auf unserem Schiff und die Art, wie wir leben.«
»Sie meinen, Menschen anzugreifen und zu entführen? Diese Art zu leben?«
»Das ist es, was ich fürchte, Mr. Alden. Deinen Zorn. Ich kann ihn in deiner Stimme hören, sehe ihn in deinem Gesicht. Du willst mich und meine Crew für das, was wir getan haben, töten.« Sie lachte leise. »Diese Art von explosivem Gemisch kann Generationen überdauern. Auf New Earth kann es zu einem Krieg der Kulturen führen. Erinnerst du dich an den Mittleren Osten auf der Erde? Ich möchte nicht, dass dies mein Vermächtnis ist.«
»Daran hätten Sie denken sollen, ehe Sie uns angriffen.«
»Ich hatte meine Gründe.« Ihre kalte Fassade bekam Risse und zeigte eine Spur des Zorns, der in ihr brodelte. »Du bist jetzt Kapitän; du hast Zugriff auf die alten Aufzeichnungen des Schiffs. Finde selbst heraus, wie wir sabotiert und provoziert wurden. Ich bin sicher, dass Waverly Marshall dir erzählt hat –«
»Ich werde keine Spielchen mit Ihnen spielen«, unterbrach er sie. Allein mit ihr zu sprechen, widerte ihn an. »Lassen Sie unsere Eltern gehen. Nur so vermeiden Sie eine gewalttätige Auseinandersetzung.«
»Das kann ich nicht, solange wir unsere Differenzen nicht beigelegt haben. Wir brauchen ein Abkommen, einen Vertrag.«
»Sie wollen die Regeln bestimmen.«
»Ich will die Garantie, dass meine Crew und unsere Nachkommen sicher sind, wenn wir einst New Earth erreichen.«
»Na dann. Sie haben mein Wort. Wir werden Sie nicht angreifen.«
»Das reicht mir nicht. Ich will, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Über Captain Jones und die Vergangenheit. Nur dann wirst du verstehen, warum wir so und nicht anders handeln konnten.« Ihre Stimme klang traurig mit einer Spur von freundlicher Sympathie, die sie ihm entgegenzubringen schien, aber ihr Gesichtsausdruck passte nicht dazu. Er wirkte zu glatt, zu teilnahmslos. »Ich möchte, dass du einige Nachforschungen anstellst, Mr. Alden.«
Kieran straffte sich. »Sie geben mir Hausaufgaben?«
»Wenn du und ich offen und ehrlich miteinander über die Vergangenheit reden können, können wir beginnen, über die Rückkehr der Gefangenen zu sprechen.«
»Oder ich schließe einfach zu Ihrem Schiff auf, entere es und hole sie mir mit Gewalt.«
Das dünne Lächeln in ihrem Blick flackerte, erlosch und wich stahlharter Kälte. »Wenn du wirklich glaubst, eine Handvoll Kinder könnte eine Crew erfahrener Erwachsener besiegen, belügst du dich selbst.«
»Es ist nur zu meinem Vorteil, wenn Sie mich für wahnsinnig halten«, gab Kieran zurück und beendete die Verbindung.
Aber dann erschien eine Textnachricht auf seinem Vidschirm – mit einem Vid-Attachment:
Dies sind Mitschnitte der Kommunikation zwischen mir und Captain Jones. Sie stammen aus den Jahren, als beide Schiffe mit der Unfruchtbarkeit zu kämpfen hatten. Du kannst ihren Wahrheitsgehalt prüfen, indem du sie mit den Aufzeichnungen in deinem eigenen Schiffscomputer vergleichst. Wenn du sie gesehen hast – nimm erneut Kontakt zu uns auf, und wir können unsere Verhandlungen fortsetzen. Bis dahin werde ich nicht auf deine Kontaktversuche reagieren.
Kieran starrte auf den Namen der anhängenden Datei: Sabotage.
Lügen.
Er speicherte die Datei und legte sie ganz unten auf seinen virtuellen Schreibtisch. Er würde sie nicht ansehen. Er weigerte sich, sich von dieser Frau manipulieren zu lassen.
Ein Piepen riss ihn aus seinen Gedanken, und er griff nach dem Walkie-Talkie an seinem Gürtel.
»Hi, Kieran!« Es war Philips hohe Jungenstimme. Er klang aufgeregt und glücklich. Kieran wusste, dass der Auftrag, den er ihm gegeben hatte, für sein Selbstbild Wunder wirkte. Es gab keine bessere Therapie, als gebraucht zu werden.
»Hi, Philip, Kumpel. Was hast du ausgegraben?«
»Waverly war die ganze Nacht über allein in ihrer Kabine. Diesmal ist sie noch nicht einmal Sarah besuchen gegangen. Sie sieht extrem müde aus. Heute hat sie an einem Traktormotor in den Kornfeldern gearbeitet. Mit Hilfe einiger Jungs hat sie einen Reifen gewechselt. Mit dem Schraubenschlüssel hat sie sich an der Hand verletzt und …«
»Etwas weniger Details sind auch okay, Philip. Hat sie irgendetwas Ungewöhnliches getan? Sich mit irgendjemandem unterhalten? Vielleicht den Namen Seth Ardvale erwähnt?«
»Ich kann nicht immer jedes Wort hören, das sie sagt. Meistens spricht sie mit den anderen Mechanikern über die Arbeit. Den Rest der Zeit ist sie still und allein. Sie wirkt traurig.«
Philips Worte schmerzten Kieran, und für einen Wimpernschlag gedachte er ihrer wie der alten Waverly – dem Mädchen, das er liebte.
»Okay, Philip. Bleib ihr auf den Fersen. Du bleibst am Ball, okay?«
»Nichts leichter als das.«
»Und du bist dir sicher, dass sie dich nicht bemerkt hat?«
»Um ehrlich zu sein, merkt sie kaum etwas von dem, was um sie herum vorgeht. Als sei sie ständig in Gedanken versunken. Als gäbe es da etwas, über das sie derart angestrengt nachdenkt, dass sie gar nicht dazu kommt, sich umzusehen.«
»Okay, das ist gut. Du machst das großartig. Ich denke, ich sollte dich zum Deckoffizier befördern, wenn die Sache hier durch ist.«
»Das wäre toll!«, quietschte Philip.
Kieran beendete auch diese Verbindung und starrte dann auf den Ordner, der Mathers Datensendung beinhaltete. Sie wollte einen Vertrag, hatte sie gesagt. Aber sie allein hielt alle Karten in den Händen. Er hatte kaum eine andere Chance, als ihr Spiel mitzuspielen. Aber für den Moment würde er sie warten lassen. Er aktivierte seinen Interkom-Link zur Kommandozentrale, und Sarek antwortete.
»Sarek, erhöhe unsere Geschwindigkeit um weitere zwei Prozent.«
»Die Crew beschwert sich bereits«, sagte Sarek. »Die Leute bekommen Rückenschmerzen.«
»Wir müssen dieses verdammte Weib einholen.«
»Okay«, sagte Sarek. Er klang müde.
Augenblicklich fühlte Kieran den zusätzlichen Druck, der auf seinem Körper lastete. Als er aufstand, keuchte er und musste sich gegen den Schreibtisch lehnen. Die zusätzliche Schwerkraft war erschöpfend, aber für die Crew der New Horizon musste es noch schlimmer sein. Vielleicht konnte er sie so in die Knie zwingen, indem er Mather einen Grund gab, die Eltern gehen zu lassen. Falls das nicht gelang, wusste er nicht, was er noch tun könnte.
Er war in seinem Quartier und bereits in Schlafsachen, als das Interkom der Kommandozentrale summte. »Ja?«, sagte Kieran und machte sich nicht die Mühe, zur Kom-Station zu gehen, um den Vid-Link zu sehen.
»Kieran«, sagte Sarek, »die New Horizon hat ihre Geschwindigkeit um zwei Prozent erhöht.«
Kieran lehnte seine Stirn gegen die Wand. »Kommen wir näher ran?«
»Nein«, sagte Sarek. »Was soll ich tun?«
»Behalte die neue Geschwindigkeit bei. Wir versuchen, sie mürbe zu machen.«
»Okay«, sagte Sarek und beendete die Verbindung.
Als Kieran den Aus-Knopf seines Interkoms drückte, bemerkte er, dass seine Hände eigentümlich geschwollen wirkten. Er drückte die Ballen seiner Fingerspitzen, und sie fühlten sich an wie zum Bersten gefüllte Ballons. Ödeme. Wie Mather gesagt hatte.
Es war bereits so weit.
Er kroch unter seine Decken, vergrub das Gesicht in den Kissen und betete: »Gott. Hilf uns. Kannst du uns bitte helfen?«
Aber die Stimme in seinem Kopf – jenes kaum hörbare Wispern in der Dunkelheit, das sich ihm zum ersten Mal offenbart hatte, als er hungernd und allein in der Brig gelegen hatte, und das ihn seitdem stets begleitete – sagte nur das, was sie stets zu ihm sagte: Ich helfe euch bereits.
Aber wie?, fragte er verzweifelt, als er sich auf der Matratze zusammenrollte.
Du wirst deinen Weg erkennen, wenn du ihn vor dir siehst, sagte die Stimme.
Er wusste, dass sie ihn ermutigte, auf sich selbst zu vertrauen, und er wollte ja auch glauben, dass er der Aufgabe, die vor ihm lag, gewachsen sein würde. Denn er hatte Vertrauen in die Stimme. Großes Vertrauen sogar. Aber es war doch nicht groß genug, um die Furcht zu verscheuchen, die ihn umfing.