Die Last der Verantwortung
Von diesem einfachen Podium aus, umtanzt von sanftgelbem Licht, sah Kieran auf seine Gemeinde hinab. Ihre Anzahl hatte über die Wochen hinweg abgenommen, während die Crew zunehmend demoralisiert war und an den Sonntagen lieber ausschlief, als an den Gottesdiensten teilzunehmen. Etwa die Hälfte der Crew war geblieben, und sie waren auch heute hier – die wahren Gläubigen. Und sie starrten ihn an, und ihre Augen strahlten.
»Ich weiß, dass wir alle, dass ein jeder hier während des letzten Monats große Hoffnungen in das Erhöhen der Beschleunigung der Empyrean gelegt hat. Wir hofften, so könnten wir näher an die New Horizon herankommen – und somit auch an unsere Eltern …« Er schluckte schwer. Plötzlich klangen diese Worte wie eine Niederlage, wie das Gegenteil von dem, was er letzte Nacht hatte schreiben wollen. Kieran lächelte, und einige Mitglieder seiner Gemeinde beugten sich in ihren Stühlen vor. Er fing den Blick eines kleinen schwarzhaarigen Jungen in der ersten Reihe auf, der auf seiner Unterlippe kaute.
»Wir wünschen uns, dass der Kampf beginnen möge«, sagte Kieran in vertraulichem Tonfall, »aber ich muss euch bitten, Geduld zu bewahren. Wir werden zur New Horizon aufschließen, wenn Gott es will. Nicht früher.«
Das war alles, was er niedergeschrieben hatte: die letzten Worte auf dem portablen Lesegerät vor ihm. Aber die Anspannung im Raum war noch immer ungebrochen hoch. Seine Zuhörer warteten darauf, erlöst zu werden.
»Wir werden sie kriegen!«, sagte er und reckte die Faust über seinem Kopf in die Luft. »Der Tod unserer Lieben wird gerächt werden! Wir werden über unsere Feinde triumphieren, und wenn wir auf New Earth landen, werden wir die Erinnerung des Sieges in unseren Herzen tragen!«
Seine Gemeinde sprang auf wie ein Mann und rief: »Kyrie eleison! Kyrie eleison! Kyrie eleison!« Es war ein alter Segenswunsch in Griechisch, und seine Bedeutung war »Herr, erbarme dich«. Zufällig war es auch der Ursprung von Kierans Namen, und er wusste, dass es kein Zufall war, dass seine Gemeinde ausgerechnet diese Worte am Ende jeder seiner Predigten rief. Er lächelte demütig und erhob die Hand, um sich über den Lärm hinweg Gehör zu verschaffen. »Danke! Ich danke euch! Jedem Einzelnen!« Aber sie jubelten einfach immer weiter.
War es falsch von ihm, dass er Augenblicke wie diesen liebte?
Es war noch nicht lange her, dass er um sein Leben hatte bangen müssen. Seth Ardvale und seine Leute hatten einen inszenierten Zeugen nach dem anderen ins Feld geführt, und eine Zeitlang hatte es so ausgesehen, als habe die Crew ihn aus einer der Luftschleusen werfen wollen. Noch immer plagten ihn Alpträume, gespeist aus jener Zeit, und wenn er aus ihnen erwachte, schwamm er wie durch feuchtes Laub an die Oberfläche, und der Schrei in seiner Kehle blieb ihm im Halse stecken.
Jetzt aber liebten sie ihn. Nun jubelten sie ihm zu, und er war in Sicherheit.
Aber er vergaß niemals, dass sich das Blatt wieder zu seinen Ungunsten wenden konnte.
Mit einem Mal riss ihn ein tiefes, grollendes Dröhnen aus seinen Gedanken, und ihm war, als träfe ihn der Laut mitten in die Brust. Er taumelte. Der Boden unter ihm wankte, und das hölzerne Podium schien sich tanzend von ihm zu entfernen. Etliche Mitglieder der Crew schrien auf und hielten sich an ihren Stühlen fest. Die Vorhänge an den Treppen zum Auditorium schwangen vor und zurück.
Jemand schrie: »Wir werden angegriffen!«
»Lauft zum Zentralbunker!«, rief Kieran. Er katapultierte sich selbst von der Bühne und rannte den Gang zwischen den Stühlen entlang, wobei er seine Füße so fest wie irgend möglich auf den Boden aufsetzte, obschon eben dieser unter ihm wankte. Dabei bewegte er sich so schnell, dass er bereits den Aufzug zur Kommandozentrale erreicht hatte, noch ehe der erste der anderen auch nur die Halle betreten hatte.
Dann hämmerte er auf den Knopf der Kom-Station im Aufzug: »Sarek? Arthur? Was ist passiert?«
»Ich weiß es nicht!«, kam Arthurs panische Stimme aus den Lautsprechern zu ihm zurück. »Ich weiß nicht, ob es eine Explosion war oder –«
»Wo ist die New Horizon?«
»Sie sind noch immer weit, weit vor uns! Ich glaube nicht, dass sie es sind.«
Der Fahrstuhl bewegte sich mit nervenzerfetzender Langsamkeit, und Kieran donnerte mit der Hand gegen die Metallwand neben dem Interkom. »Könnten sie einen Angriff per Shuttle gestartet haben?«
»Ohne dass unsere Sensoren sie bemerkt hätten?« Es war Sarek, der sich nun in das Gespräch einschaltete. »Unmöglich.«
Sarek und Arthur waren gute Offiziere, aber sie waren nur dreizehn Jahre alt. Was, wenn sie etwas übersehen hatten? Was, wenn die weitaus erfahrenere Crew der New Horizon sie irgendwie ausgetrickst hatte? Und falls es so war – wo würden sie zuerst zuschlagen?
»Überprüf die Maschinen!«, schrie Kieran in das Interkom, während sich die Türen des Fahrstuhls endlich öffneten. Dann raste er den Gang hinunter, sein Herz schmerzvoll gegen seine Brust schlagend, sein Atem gänzlich außer Kontrolle.
Eine noch größere Erschütterung lief durch das Schiff, und er taumelte und fiel gegen eine der Wände. »O Gott«, keuchte er, während er sich wieder aufrichtete und in Richtung Kommandozentrale wankte.
»Anschnallen!«, rief er in den Raum hinein.
Arthur und Sarek taten wie geheißen. Noch während er sich im Kapitänssitz anschnallte, machte Kieran eine schiffsweite Durchsage und beorderte die gesamte Crew in den Zentralbunker; dann drehte er sich zu Arthur um, der verstört wirkte. »Was hast du herausgefunden?«
»Die Maschinen laufen normal«, sagte Arthur. Die Brille rutschte ihm die verschwitzte Nase hinab, und mit einem Ruck schob er sie an ihren Platz zurück. »Der Computer arbeitet, als sei nichts passiert.«
»Kühlsystem? Reaktoren?«, bellte Kieran.
»Alles perfekt. Ich kann nichts Ungewöhnliches finden.«
»Auch keine Probleme mit der Außenhülle?«
»Nein.«
»Und auch das Navigationssystem zeigt keinerlei Probleme an«, ergänzte Sarek und schüttelte den Kopf.
»Aber was ist dann hier los? Was ist passiert?«, fragte Kieran. Sein ganzer Körper zitterte, und er krallte seine Hände mit aller Kraft in die Plastikarmlehnen seines Stuhls, während er durch das Sichtfenster den Himmel beobachtete.
Und dann bemerkte er, wie die Sterne am Rande des großen Fensters erloschen, einer nach dem anderen. Er sammelte sich mit einem tiefen Atemzug.
»Das waren keine Explosionen. Das waren die Schubdüsen.« Sarek und Arthur sahen ihn verständnislos an, bis er schließlich hinzufügte: »Wir wenden. Überprüf noch einmal das Nav-Sys, Sarek«, sagte er bitter. »Diesmal manuell, bitte.«
Sarek schüttelte den Kopf, beeindruckt, wie es schien. »Du hast recht. Das waren die Schubdüsen.«
»Kannst du unseren Kurs korrigieren?«
»Ich habe bereits das Nav-Sys neu gestartet«, sagte Arthur. »Der Kurs wird sich automatisch selbst korrigieren.«
»Immerhin haben wir es nicht mit einer Dekompression zu tun«, sagte Kieran voller Erleichterung. Er drückte den Kom-Knopf am Arm seines Kapitänssitzes. Zu Beginn hatten ihn schiffsweite Ansagen nervös gemacht. Aber mittlerweile liebte er es zu wissen, dass seine Stimme nun das gesamte Schiff erfüllen würde – seine ganze Welt. »Aufgepasst, Crew. Wir werden nicht angegriffen. Ich wiederhole: Wir werden nicht angegriffen. Die Erschütterungen, die ihr gespürt habt, waren unerwartete Aktivitäten der Schubdüsen, weiter nichts. Wir sind in Sicherheit, und die New Horizon ist so weit von uns entfernt wie immer. Ihr könnt unbesorgt zu eurem Tagwerk zurückkehren.« Dann drehte er sich erneut zu Arthur herum: »Wie ist das passiert? Das Nav-Sys hätte das verhindern müssen.«
Arthurs Blick war auf den Computerschirm vor sich gerichtet, und mit mechanischer Effizienz klickte er sich durch die komplexen Kontrollsysteme des Schiffs, bis schließlich etwas seine Aufmerksamkeit weckte, er innehielt und die Computersprache studierte. »Jemand hat sich an der Programmierung zu schaffen gemacht.« Mit großen Augen starrte er Kieran an. »Sabotage.«
Für einen Augenblick sprach niemand in der Kommandozentrale ein Wort.
»Ruf den Arrestbereich«, flüsterte Kieran schließlich.
Sarek wirbelte zurück zu seinem Kom-Schirm, eine Hand an seinem Kopfhörer, und presste sich einen der Ohrstöpsel an den Kopf. »Harvey? Bist du da unten? Kannst du mir einen Status unserer Gefangenen durchgeben?«
Keine Antwort.
»Check die Vidschirme«, schnauzte Kieran. Er wusste es! Spürte mit jeder Faser seines Körpers, dass Seth irgendwie etwas mit der Sache zu tun hatte.
Sarek klickte sich durch die diversen Kameras des Arrestbereichs, sowohl innerhalb als auch außerhalb. »Ich kann dort unten niemanden entdecken«, sagte er schließlich niedergeschlagen.
»Schick ein Team von Kommando-Offizieren runter«, sagte Kieran, auch wenn er wusste, was sie dort unten finden würden. Harvey Markem verletzt oder tot, Seth Ardvale verschwunden. Kierans Puls beschleunigte sich, und kalter Schweiß trat ihm aus den Poren. »Wie hat Seth das gemacht?«
»Ich weiß es nicht«, sagte Arthur, während er die Vids der Brig zurücklaufen ließ und dann im Schnelldurchlauf abspielte. »Das Letzte, was das Band zeigt, ist Harvey, der in seinem Stuhl sitzt. Genau dort, wo er sein sollte. Dann flackert das Bild, und plötzlich ist da nur noch ein leerer Stuhl. Keinerlei Aufzeichnungen eines Angriffs oder von Seth, der den Zellentrakt verlässt.« Er drehte sich um und musterte Kieran besorgt. »Also wurde das Videoüberwachungssystem außer Kraft gesetzt, bevor Seth entkam.«
»Jemand von außerhalb muss ihm geholfen haben«, sagte Sarek dunkel.
Eine kalte Furcht kroch durch Kierans Glieder. Seth Ardvale allein war schon gefährlich genug, aber mit einer Crew von Gefolgsleuten? Einst hatte er Kieran fast getötet. Und er könnte es wieder tun.
»Arthur, kannst du die Besucherprotokolle der Brig aufrufen?«, sagte Kieran, einem Impuls folgend. »Nachschauen, ob irgendjemand jüngst dort unten gewesen ist?«
Arthur tippte auf das Keyboard vor sich und scrollte dann durch eine Namensliste, die sich in grünen Textzeilen in seinen Brillengläsern widerspiegelte. Sein jungenhaftes Gesicht war schlanker geworden, kantiger, mehr zu dem eines jungen Mannes. Er wirkte ernst und als trüge er eine schwere Last. »Alles Leute, die autorisiert waren, um Nahrung dort hinunterzubringen, und …« Arthur sah Kieran erstaunt an. »Waverly Marshall hat Seth vor rund einem Monat besucht. Bevor wir ihn in die Isolationshaft verlegt haben.«
Kieran fühlte sich, als sei er zu Stein geworden. Arthur und Sarek senkten betreten den Blick.
»Schnappt sie euch. Bringt sie her«, sagte Kieran, doch noch ehe Arthur reagieren konnte, war er aus seinem Stuhl und auf dem Weg hinaus aus der Kommandozentrale. Einmal noch drehte er sich um und rief über die Schulter zurück: »Schon gut. Ich kümmere mich selbst darum.«
Noch immer standen Leute in Grüppchen im Zentralbunker beieinander und unterhielten sich flüsternd über die Schubdüsen. Die Jüngeren waren bleich und still; den Älteren hatte der Zorn die Röte in die Gesichter getrieben. Kieran ließ seinen Blick über die Anwesenden schweifen, bis er in einer Ecke des Raums Waverly fand, die zu einer Gruppe von Mädchen sprach, die sich um sie geschart hatten. Eine von ihnen war Sarah Hodges.
Kieran ging zu Waverly herüber. »Wir müssen reden«, sagte er, die Stimme fest und kontrolliert.
Nun sahen ihn alle Mädchen an. Sie wirkten alarmiert.
»Was stimmt nicht mit dem Schiff?«, fragte Waverly. Sie saß auf einem der Betten, eine formlose Tunika um den Körper geschlungen und das Haar zu einem hastigen Pferdeschwanz gebunden. Sie sah aus, als wäre sie gerade eben aus dem Bett gefallen. Selbstverständlich hatte sie sich entschlossen, weiterzuschlafen, statt früh aufzustehen und den Gottesdienst zu besuchen. Es erstaunte ihn nicht in Anbetracht der Tatsache, dass sie noch nicht einmal mehr miteinander sprachen, aber es schmerzte noch immer. Und etliche der Kinder folgten ihrem Beispiel.
»Komm mit mir«, sagte Kieran zu ihr und griff nach ihrem Ellbogen.
Sie zuckte unter seiner Berührung zusammen, stand jedoch auf. »Wir sehen uns später«, sagte sie zu Sarah, die ihn misstrauisch musterte.
Kieran führte Waverly durch den überfüllten Bunker und durch den Gang zu seinem Büro. Der große Eichentisch, die lederbezogenen Stühle, der mehrfarbige Perserteppich; das kleine ovale Bullauge, das den Blick auf die Sterne freigab – alles war so, wie es immer gewesen war, aber Kieran hatte schon vor langer Zeit aufgehört, diesen Raum als Captain Jones’ Büro zu sehen. Es roch noch nicht mal mehr nach dem Pfeifentabak des alten Mannes, und der Raum hatte stattdessen den Geruch von Kierans Gewürztees angenommen.
»Was stimmt nicht, Kieran?«, fragte Waverly, als er die Tür hinter ihnen schloss.
»Warum hast du Seth Ardvale in der Arrestzelle besucht?«, fragte er mit bedrohlicher Ruhe. Er nickte zu dem Stuhl gegenüber seinem Schreibtisch und nahm selbst im Stuhl des Captains Platz.
Sie beobachtete ihn argwöhnisch und mit großen Augen.
»Waverly, antworte mir.«
»Ich wollte seine Version der Geschichte hören«, sagte sie, den Mund störrisch zu einer schmalen Linie zusammengepresst.
»Er hat versucht, mich zu töten. Zählt das nicht für dich?«
»Natürlich tut es das. Aber wir kennen Seth, seit wir krabbeln können, und ich kann mir einfach nicht vorstellen –«
»Wo warst du in den vergangenen zwei Stunden?«
Jetzt hatte er ihre Aufmerksamkeit. »Kieran, du glaubst nicht ernsthaft, dass ich etwas zu tun habe mit –«
»Beantworte meine Frage.« Sein harscher Tonfall verletzte sie, und für einen Augenblick war er sich nicht sicher, ob sie ihm antworten würde.
»Ich war in meiner Kabine.« Sie warf ihm einen verletzten Blick zu. »Wie kannst du nur –«
»Nein, Waverly, wie kannst du nur?«
»Ich stehe also unter Verdacht, nur weil ich Seth besucht habe? Soweit ich weiß, steht ihm das Recht auf medizinische Hilfe und Besuch zu. Und auf ein Gerichtsverfahren, übrigens.«
»Versetz dich doch mal in meine Lage. Meine Verlobte … oder Ex-Verlobte«, er stolperte kurz, gewann dann aber seine Fassung zurück, »macht sich auf den Weg, um meinen ärgsten Feind zu besuchen. Wie würdest du dich fühlen?«
Waverlys Gesichtsausdruck wurde weich, und sie griff nach seiner Hand. Er entzog sie ihr.
»Kieran, ich bin durcheinander. Du musst mir eine Chance geben, all das zu verstehen, was in der Zeit geschah, in der ich fort gewesen bin.«
»Wenn du mich jemals geliebt hast, solltest du mir glauben, ohne jedes meiner Worte zu hinterfragen.«
»Aber so bin ich nicht. So eine Art von Frau war ich noch nie.«
»Dann kannst du niemals meine Frau sein.«
Als sie das letzte Mal miteinander gesprochen hatten, hatten sie einander alles gesagt. Alles, bis auf diese letzten, finalen Worte. Jetzt, mit der Wahrheit, die zwischen ihnen stand, erkannte Kieran, dass er es schon lange gewusst hatte: Mit ihm und Waverly war es endgültig aus.
Eine lange Zeit starrte sie ihn einfach nur ausdruckslos an, dann machte sie auf dem Absatz kehrt und ging auf die Tür zu.
»Waverly, warte«, sagte er. »Es tut mir leid.«
Sie sah ihn skeptisch an.
»Bitte, komm und setz dich. Okay?«
Langsam kehrte sie zu dem Stuhl gegenüber Kierans Schreibtisch zurück und sank hinein, die Füße noch immer fest auf dem Boden, als habe sie vor, sofort wieder aufzustehen. Sie war noch immer geschmeidig und voller Anmut, und er kam nicht umhin, ihre kraftvollen Beine zu betrachten – und ihre zarten Handgelenke, die ihm stets so herzzerreißend schmal und wunderschön erschienen waren.
»Du hast recht. Es ist nicht fair, dich zu beschuldigen.« In einer hilflosen Geste warf er seine Hände in die Luft. »Es ist nur … so vieles hat sich verändert, und wir alle müssen irgendwie damit klarkommen. Ich weiß einfach nicht mehr, was ich glauben soll.«
Sie senkte den Blick. »Ich weiß.«
»Aber was auch immer geschieht«, sagte er, »wir müssen auch weiterhin auf derselben Seite kämpfen.«
Ihr Blick fand den seinen. »Wie meinst du das?«
»Du weißt nicht, wie zerbrechlich die Dinge sind. Wenn ich meinen Einfluss auf die Crew verliere, wenn sie sich auflehnen und all die anderen Dinge tun, die einem Haufen verängstigter Kinder durchaus zuzutrauen sind, dann weißt du, was geschehen wird, oder?«
»Das Schiff wird untergehen«, sagte sie ruhig. Und zum ersten Mal meinte er etwas wie Reue in ihren Zügen zu lesen. Er beschloss, sich diesen Augenblick zu merken.
»Du bist de facto die Anführerin der Mädchen.«
»Nicht mehr«, sagte sie, und nun lag da tatsächlich Reue in ihrer Stimme.
Er ignorierte ihren Einwurf. »Wenn wir weiterhin dafür Sorge tragen wollen, dass diese Crew frische Luft zum Atmen und etwas zu essen hat, brauche ich deine Unterstützung.« Er stand auf, ging um den Tisch herum und legte eine Hand auf ihre. »Wirst du mir versprechen, die Regeln auf diesem Schiff zu achten und die politischen Gegebenheiten zu unterstützen?«
»Was ich sage, interessiert hier niemanden so sehr wie die Frage, wie wir unsere Eltern zurückbekommen.« Vorsichtig legte sie ihren Kopf zur Seite und beobachtete seine Reaktion. »Einige Leute glauben, dass du absichtlich hinter der New Horizon zurückfällst, weil du Angst hast.«
Er entzog ihr seine Hand. »Noch weiter zu beschleunigen birgt große Risiken. Es ist nicht sicher.«
»Nicht jeder ist dieser Meinung.« Sie musterte ihn, scheinbar unsicher, ob sie fortfahren sollte. »Manche hier denken, dass du die Erwachsenen gar nicht zurückhaben willst, weil du dann deinen Kommandosessel abgeben müsstest.«
Er sah sie entsetzt an. Kein Wunder, dass die Teilnehmerzahl bei den Gottesdiensten gesunken war. Die Hälfte der Crew vertraute ihm nicht.
»Was ist deine Meinung?«, fragte er sie und wünschte, es würde ihm nichts mehr bedeuten, wünschte, er könnte sich selbst davor bewahren, auf ihre perfekt geformten Rosenknospenlippen zu starren.
»Ich weiß es nicht, Kieran«, sagte sie traurig. »Da du, Sarek und Arthur den anderen kaum etwas von dem sagt, was vor sich geht, wie soll ich da die Situation selbst beurteilen?«
Er schüttelte den Kopf. »Sagst du das, um mir weh zu tun?«
»Ich sage es, um dir zu helfen.« Resigniert rang sie die Hände. »Die Kinder haben Angst, und sie vermissen ihre Eltern.«
»Und ich wette, du hast noch nicht einmal versucht, ihnen zu helfen.«
»Was soll ich tun?«
»Stärk mir den Rücken, statt mich zu unterminieren.«
»Ich habe nie auch nur ein einziges Wort gegen dich gesagt.«
»Das musst du auch gar nicht! Die anderen Kinder wissen doch, dass du nicht einverstanden bist mit der Art, wie ich die Dinge angehe. Sie folgen dir! Das ist es, wie du mich und meine Position schwächst.«
Sie sah ihn eine lange Zeit an, ganz so, als versuche sie, seine Gedanken zu lesen, und dann schien sie eine Entscheidung zu fällen. Sie stand auf und streckte eine Hand aus. »Ich würde nicht für dich lügen, Kieran, aber ebenso wenig würde ich dich verraten, falls es das ist, was dir Sorgen macht.«
Ihre Handflächen berührten einander. Ihre Hand fühlte sich für ihn bereits fremd an, größer, als er sie in Erinnerung hatte, die Haut rauh von ihrer Arbeit als Mechanikerin. Und ihre Augen – sie hatte sich von innen heraus verdunkelt. Sie hatte sich verändert.
Er musterte sie und war sich nicht sicher, was er von ihren Worten halten sollte. »Okay …«
Sie schenkte ihm ein trauriges Lächeln, dann wandte sie sich ab, verließ den Raum und schloss die Tür leise hinter sich.
Kieran ließ sich in den Kapitänssitz sinken und fühlte sich, als wäre ein essenzieller Teil seiner selbst aus ihm herausgeschabt worden. Sie hatten sich immer gekannt. Waren Freunde gewesen, bis mehr daraus geworden war. Nie hätte er sich vorstellen können, dass je eine solche Distanz zwischen ihnen herrschen könnte. Lange saß er da und erwog seine Möglichkeiten, bis er schließlich den Kom-Knopf drückte und Arthur zu sich rief.
»Kieran, die Leute reden«, sagte Arthur außer Atem. »Hast du Waverly vor allen anderen zurechtgewiesen und …«
»Wem vertraust du, Arthur?«
»Wie bitte?« Der Junge sah ihn verständnislos an.
»Wem der Jungen würdest du vertrauen und ihm zutrauen, etwas diskret zu erledigen und Stillschweigen darüber zu bewahren?«
Arthur starrte Kieran an, betastete den Saum seiner gewebten Hose, und seine Zehen wippten unruhig in seinen Sandalen auf und ab. »Philip Grieg.«
»Wer?«
»Ich glaube, er ist neun Jahre alt. Er spricht nie. Mit niemandem.«
»Oh, ja.« Philip. Der stille Junge mit dem schwarzen Haar, das ihm stets ins Gesicht hing, und jenem immer gleichen Gesichtsausdruck, der jeden verunsicherte, der versuchte, ihn anzulächeln. Aber er kam jedesmal zu den Gottesdiensten, saß stets in der ersten Reihe und lauschte Kierans Worten in andächtiger Gleichförmigkeit. Er würde loyal sein.
»Bring ihn zu mir.«
»Jetzt gleich?«
»Ja, jetzt sofort.«
Arthur wandte sich zum Gehen, sah aber noch einmal über die Schulter zurück zu Kieran, ehe er die Tür hinter sich schloss. Es verging nicht viel Zeit, bis es zweimal kurz gegen die Tür klopfte und Kieran sich erhob.
»Komm rein.«
Katzengleich, nahezu entbeint, wie es seine Art war, glitt Philip in den Raum, und Kieran wurde bewusst, dass der Junge für diesen Einsatz tatsächlich die perfekte Wahl war.
»Hi«, sagte Philip, und seine Augenbrauen bewegten sich aufgeregt auf und ab. Nie zuvor hatte Kieran ihn allein zu sich gerufen, und dass es heute geschah, empfand Philip unübersehbar als große Ehre.
»Philip«, begann Kieran sanft, weil er spürte, dass ein unbedachtes Wort aus seinem Mund den Jungen verletzen könnte. »Kannst du etwas für mich tun, ohne jemandem davon zu erzählen?«
Philip drückte einen abgeliebten Teddybären an seine Brust. Gott, er war so jung. Jetzt starrte er Kieran an, als hätte er dessen Frage bereits vergessen.
»Philip, ich habe dich etwas ge–«
»Ja, ich kann schweigen«, murmelte der Junge durch seine feucht glitzernden Lippen.
»Wenn ich dich bitte, jemanden zu beobachten – schaffst du das, ohne von diesem Menschen gesehen zu werden?«
Der Junge zuckte zusammen. »Was willst du, dass ich tue?«
Kieran lehnte sich in seinem Stuhl zurück und musterte Philip, der den Blick senkte, während er noch immer mit ganzem Herzen zuzuhören schien.
»Philip. Ich vermute, dass Waverly Marshall etwas tut, das sie nicht tun sollte. Und deshalb brauche ich dich. Du sollst ihr folgen, ohne von ihr bemerkt zu werden, und mir danach Bericht erstatten. Kannst du das für mich tun?«
»Und wenn sie mich entdeckt?«
»Du musst dafür Sorge tragen, dass das nicht geschieht. Kannst du das für mich tun?«
»Ich weiß nicht …« Der Junge hob den Teddy an sein Gesicht und atmete tief dessen beruhigenden Geruch ein. Kieran fragte sich, ob die Mutter des Jungen das Stofftier genäht hatte. Sie war im Massaker am Shuttle-Hangar getötet worden.
»Warum möchtest du, dass ich ihr folge?«
»Ich denke, es ist besser, wenn nur ich allein den Grund kenne. Ist das okay?«
»Ich denke schon.«
»Weißt du, wo Waverlys Kabine ist?«
»Ja.«
»Ich möchte, dass du dir eine leere Kabine ganz in ihrer Nähe suchst und dich dort früh am Morgen versteckst, um ihr im Anschluss den ganzen Tag über zu folgen. Kriegst du das hin?«
»Klingt ziemlich sonderbar«, sagte der Junge, senkte eine seiner Brauen und sah ihn skeptisch an.
»Es ist nicht sonderbar, wenn du es mit gutem Grund tust. Und ich habe sehr gute Gründe, Waverly etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.«
»Okay«, sagte der Junge.
»Also gut. Und das Ganze bleibt eine Sache zwischen uns, nicht wahr?«
»Ja.«
»Und du wirst keinem deiner Freunde davon erzählen?«
»Ich habe nicht wirklich irgendwelche Freunde«, entgegnete Philip sanft.
»Das ist gut«, sagte Kieran, doch dann fiel ihm auf, was er soeben gesagt hatte. Er stand auf, ging um den Tisch herum und vor dem Jungen auf ein Knie. »Ich bin dein Freund, Philip.«
Die Augen des Jungen wurden groß.
»Ich bin dein Freund, und das, was du tust, ist sehr wichtig. Vielleicht rettest du sogar das Schiff. Du wirst ein Held sein.«
Diese Worte zauberten ein Lächeln auf Philips bleiche Gesichtszüge. »Okay.«
Kieran ging zu seiner Schreibtischschublade, fand ein kleines, altmodisches Walkie-Talkie und reichte es ihm. »Hierüber kannst du mich erreichen und mir erzählen, was Waverly tut. Ich will wissen, mit wem sie spricht und wohin sie geht. Mach dir Notizen, wenn es nötig ist.«
»Okay.« Philip nahm das Headset, doch dann hielt er irritiert inne. »Aber ist Waverly nicht deine Freundin?«
Kieran öffnete den Mund, dann schloss er ihn wieder. Er musste ein paarmal ruhig durchatmen, ehe er antworten konnte. »Nein. Nicht mehr.«
»Oh. Okay«, sagte der Junge. Als er sich abwandte und den Raum verließ, sah Kieran, wie knochig seine Schultern waren, wie dünn seine kleinen Beine. Er wirkte so zerbrechlich.
Keine sechs Monate zuvor wäre es noch undenkbar gewesen, ein Kind wie ihn mit einer derart doppelzüngigen Aufgabe zu betrauen, und Kieran schüttelte den Kopf, als er daran dachte, wie viel sich seit dem Angriff der New Horizon auf die Empyrean verändert hatte, bei dem nahezu alle Erwachsenen seines Schiffs getötet worden waren. Nun waren die Kinder allein für ihr Schicksal und das des Schiffs verantwortlich. Wann immer er zu lange darüber nachdachte, begann sein Herz zu rasen, und sein Atem beschleunigte sich.
Er ballte seine Finger zur Faust. Er tat, was er tun musste. Falls Seth sich an den Schubdüsen zu schaffen gemacht und damit die Crew gefährdet und falls Waverly ihm dabei geholfen hatte, musste er das unbedingt wissen. In seinen Händen lag die Verantwortung für das Leben von 250 Crewmitgliedern, und es war seine Aufgabe, sie zu beschützen – ganz gleich, wie unwohl er sich dabei fühlte.
Er befand sich im Krieg. Das durfte er niemals vergessen.