15
Der letzte Vers
Aeriel. Aeriel, erwache, flüsterte eine leise Stimme in ihrem Innern. Aeriel rührte sich schlaftrunken. Ihr Gemahl ruhte neben ihr, seine Atemzüge waren gleichmäßig und tief. Das sonderbare Prasseln des Regens war kaum mehr vernehmbar. Ihr notdürftiges Zelt raschelte sanft im schwachen, rhythmischen Wind. Aeriel drängte sich näher an Irrylath, zu benommen, um weiteren Geräuschen zu lauschen.
Nach der Flut hatte Irrylath ihnen mit dem Hochzeitssari diesen kleinen Pavillon gebaut. Aus dem angespülten Treibgut hatte er Stöcke gefischt, in den weichen Boden getrieben und dann die unzähligen Meter gelben Stoff um den Rahmen gewunden. Das magische hauchdünne Gewand hielt jegliche Feuchtigkeit ab. Ihre Kleidung trocknete schnell, und der Boden, auf dem ihr Unterschlupf stand, war ebenfalls – auf unerklärliche Weise – binnen kurzem nicht mehr nass.
Das leise Murmeln erklang erneut: Aeriel, erwache. Immer noch schläfrig, vergaß sie es in dem Moment, in dem sie die Augen aufschlug. Den Kopf auf einen Arm gestützt, betrachtete sie Irrylath. Zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, war sein Gesicht friedlich – nicht mehr geplagt von den Träumen der Hexe. Mit einem Lächeln rief sie sich die Hitze seines Körpers in Erinnerung, die sie in den vergangenen Stunden gespürt hatte: All jene Tagmonate, seit ihrem Hochzeitstag, hatte sie sehnsüchtig diesem Augenblick geharrt.
»Nicht länger mein Gemahl nur dem Namen nach«, hauchte sie und gab ihm einen Kuss, während sie ihm einige wirre Haarsträhnen aus seinem vom Löwen gezeichneten Antlitz strich.
Irrylath drehte sich seufzend um, er schlief tief und fest. Erst vor einer kurzen Weile hatte er sie mit solch unverhohlener Leidenschaft an sich gedrängt, als schwebe ein drohendes Unheil über ihnen, das sie auseinanderreißen wollte, als verbliebe ihnen nur wenig Zeit. Aeriel lachte, erstaunt über ihre ungewohnte Glückseligkeit. Hier, unter ihrer Hochzeitsseide, betrachtete sie ihren Gemahl mit größter Aufmerksamkeit, dem Blick einer Liebenden. In ihren Augen war jeder Zentimeter von ihm an Schönheit nicht zu überbieten.
Aeriel. Das leise Murmeln war wieder zu vernehmen, diesmal eindringlicher. Erschrocken fuhr Aeriel hoch. Sie blickte sich überrascht um, doch sie und Irrylath waren allein. Die Stimme, beklemmend vertraut, schien aus dem Nichts zu kommen.
»Wo bist du?«, flüsterte sie.
Hier, war die Antwort. In dir. Ich bin nun in dir.
Aeriel überkam ein Schauer, ihr Blut wallte auf. Jäh stieg ihr der Duft Alter Blumen in die Nase, schwer und süß. Sprachloses Erstaunen überwältigte sie. Sie kannte die Stimme.
»Ravenna«, hauchte sie zitternd. Als die Perle in Oriencors Hand zersplitterte, hatte Aeriel angenommen, die Gottgleiche sei, wenn nicht schon früher, dann spätestens in diesem Moment, restlos vernichtet.
Die leise Stimme in ihrem Innern schien zu lachen. Nicht alles, was Ravenna ausmachte, murmelte sie, wenn auch ein kleines bisschen, ja. Nenn mich Ravenna, wenn du möchtest: Ich bin ein Teil von dem, was sie einst war.
Aeriel mühte sich, Atem zu schöpfen, die Neuigkeit zu fassen. Überwältigende Reue erfüllte sie plötzlich.
Was grämt dich?, fragte Ravenna. Der Krieg ist gewonnen.
Aeriels Brust hob und senkte sich vor stillem Schluchzen. Sie spürte die sternenförmigen weißen Punkte auf ihren Lidern, die sie von der Berührung der Hexe davongetragen hatte.
»Weil ich dich enttäuscht habe«, flüsterte sie, »und die ganze Welt. Was spielt es für eine Rolle, dass der Krieg gewonnen wurde, wenn die Welt verloren ist?«
Verloren?, rief die Stimme des Perlenstaubes in ihrem Blut. Dem Bösen meiner Tochter ist Einhalt geboten, mein Kind – die Dürre besiegt, ihre Kreaturen sind ertrunken – und mein Reim hat sich erfüllt …
»Außer der letzten Strophe!«, entrüstete sich Aeriel. Ihr Zelt seufzte in der sanften Brise. Sie ließ den Blick über die Wände aus Seide schweifen, die verstreuten Kleidungsstücke, Irrylath. Verzweiflung hinterließ in ihrem Mund den Geschmack von Wermut. »Die letzte Zeile der Prophezeiung ist nicht eingetroffen. Dein Geschenk ist in alle Winde verteilt. Keine Tochter mehr, die die Welt heilen und die Krone für sich beanspruchen könnte. Alles war vergebens.«
Nicht vergebens, flüsterte die Stimme der Gottgleichen in ihr. Das muss nicht sein.
Aeriel schüttelte den Kopf. Wie viele weitere Generationen hatte dieser entsetzliche Krieg dem Planeten beschert – eine Handvoll? Zwei Dutzend? So erbärmlich wenige, dass es unbedeutend war. Ohne Ravennas Tochter, die den Heilungsprozess der Welt in Gang setzte, dachte Aeriel verbittert, war alles, wofür sie und Irrylath gekämpft hatten, verlorene Liebesmüh. Angesichts der alles verschlingenden Entropie war letztlich alles sinnlos.
Das muss nicht sein, wiederholte die innere Stimme, und Aeriel erkannte erst jetzt, dass der Perlenstaub in ihrem Blut ihre Gedanken lesen konnte, ob sie sie laut aussprach oder nicht. Die Entropie kann vereitelt werden. Eine andere mag meine verstreute Zauberkraft aufsammeln und die Welt an Oriencors statt retten.
Aeriel blinzelte. Das weiße Glühen, das von ihr ausging, tauchte das Zelt in einen weichen Schimmer.
»Ich weiß nicht, was du meinst«, hauchte sie.
Mein Kind, sei meine Nachfolgerin, flüsterte Ravennas Stimme. Ein Teil meiner Macht steckt bereits in dir, genug, um dich zum Rest zu führen.
»Aber«, protestierte Aeriel verstört, »ich bin nicht deine Tochter. In dem Reim heißt es …«
Wirklich?, fragte die andere sanft. Habe ich dir in NuRavenna nicht erzählt, dass du und viele andere deines jungen Volkes Nachkommen der Gottgleichen seid, vor vielen Generationen gezeugt? Die Welt ist nun euer: euer Geburtsrecht, euer Erbe. Wir Gottgleichen sind nicht mehr. Sei meine Tochter, wie Irrylath einst der Sohn der Hexe war. Nimm die Krone der Weltenerbin an, Aeriel. Nur du vermagst es.
Aeriel saß schweigend da. Sie war fassungslos. »Ich kann doch nicht …«, stammelte sie. »Ich weiß nicht, wie.«
Du unterschätzt dich. Genug von mir ist übrig, um dir den Weg zu weisen. Es ist eine langwierige und gewaltige Aufgabe, doch mit meiner Hilfe zu meistern.
Bilder formten sich in Aeriels Bewusstsein, unzählige verschwommene Möglichkeiten: Ravennas zurückgewonnener Zauber, die Welt, die geheilt wurde. Überrascht blinzelte Aeriel, bis sie erkannte, dass die Visionen durch die Überreste der Perle in ihr aufstiegen.
Aber wir müssen eilen, mahnte die ruhige, leise Stimme. Es ist besser, augenblicklich aufzubrechen, während er noch schläft.
Stirnrunzelnd blickte sie zu Irrylath. »Aufbrechen?« Der Perlenstaub in ihrem Blut peitschte ruhelos durch ihre Adern.
Ja. Hast du meine Worte nicht verstanden? Diese Aufgabe wird dich verzehren. Du musst alles zurücklassen.
Aeriel wich zurück, Eiseskälte durchströmte sie. »Irrylath verlassen? «, rief sie.
Die Stimme in ihr verklang. Schließlich sagte sie: Bisweilen müssen wir für das Wohl aller das aufgeben, was uns am meisten am Herzen liegt. Ich habe meine Tochter geopfert, all meine Zauberkraft, selbst mein Leben …
»Aber Irrylath ist mein Gemahl«, erklärte sie kläglich. »Wir haben uns gerade erst gefunden …«
Die Welt braucht dich, Aeriel, erwiderte die Perlenstimme wehmütig. Und er ist nur ein Mann.
Neue Bilder wirbelten vor ihrem inneren Auge: der sterbende Planet.
»Nein«, flüsterte Aeriel, »nein!«
Qualvolle Pein stieg in ihr auf. Sie wünschte, sie könne sich umdrehen, das Wissen ausblenden, das Geschenk ablehnen, doch der Zauber der Gottgleichen war bereits in ihr, sie konnte ihm nicht entfliehen.
»Irrylath braucht mich!«, merkte sie verzweifelt an.
Ich bedauere zutiefst, murmelte die Perlenstimme, aber selbst diese kurzen gemeinsamen Stunden konnte ich euch nur unter großen Mühen schenken. Die Zeit drängt. Erbitte nicht mehr.
Aeriel senkte den Blick zum Prinzen. Behutsam legte sie die Hände um sein Kinn, und immer noch fest schlafend, drehte er das Gesicht, als suche er ihre Berührung. Eine unbeschreibliche Bürde lastete auf ihr. Ihre Brust fühlte sich schwer und wund an, und der bittere Nachgeschmack vom Herzen der Hexe brannte ihr auf der Zunge. Aeriel umfasste sanft die Wange ihres Gemahls, nicht gewillt, ihn zu verlassen.
»Er rettete mir das Leben«, flüsterte sie, als die entsetzliche Erinnerung an die Flut in ihr widerhallte. »Ich bin des Schwimmens nicht fähig. Beim Einsturz des Palastes wäre ich ertrunken, hätte er nicht …«
Ertrunken?, rief die Stimme in ihrem Blut. Unsinn, mein Kind. Du kannst nicht ertrinken. Der neue Körper, den ich dir schenkte, lässt sich nicht derart leicht vernichten.
Ein eisiger dünner Faden wand sich um Aeriel. Sie zitterte heftig. »Was soll das bedeuten?«, fragte sie verblüfft. »Welcher neuer Körper? Ich verstehe nicht.«
Die Nadel, mein Kind, beharrte die Perlenstimme. Hast du es nicht erraten? Die Weiße Hexe hat sie mit einem solchen Zauber belegt, dass sie nicht entfernt werden konnte, ohne dich zu töten.
Aeriels Augen wurden groß. Ihre freie Hand flog an die Stelle hinter ihrem Ohr, wo einst die Nadel steckte. Sie spürte dort keinerlei Schmerz, keine Narbe. »Aber du hast sie herausgezogen«, keuchte sie. »Du hast mich erlöst.«
Ja, und das meiste deiner selbst ist im selben Atemzug verschieden. Ich musste einen Großteil wiederherstellen, auch wenn ich so viel wie möglich rettete: dein Herz, deine Augen. Deinen Verstand und natürlich deine Seele.
Mit einem erstickten Schrei riss Aeriel die Hand von der Wange des schlafenden Prinzen, wich vor Entsetzen zurück – nicht vor ihm, sondern vor sich selbst. In unsäglicher Bestürzung starrte sie auf den Körper, in dem sie vor Tagmonaten in der Kristallstadt erwacht und sich so eigentümlich neu gefühlt hatte.
»Was hast du aus mir gemacht?«, keuchte sie. Ihre Augen glitten zurück zu Irrylath. Er war einst ein Dämon gewesen, in Avaric, und sie hatte ihm die Sterblichkeit geschenkt. Damals war auch sie eine Sterbliche gewesen … Doch was war sie nun? »Ein Monster …«, würgte sie hervor.
In dir steckt nicht mehr von einem Monster als im Sternenpferd, erwiderte Ravenna, oder einem anderen meiner lons. Nicht mehr als in Melkior.
»Ein Golam«, brachte sie schaudernd über die Lippen.
Ja.
»Eine Aufziehpuppe – ähnlich den Maschinen der Zwerge unter der Erde …!«
Nein. Niemals. Ein menschliches Konstrukt. Du bestehst aus Fleisch und Blut, mein Kind, nicht aus Kabeln und Drähten.
Sie bewegte die Finger, ballte sie zur Faust und öffnete sie wieder, doch die Bewegung war ihr nicht länger fremd, sie fühlte sich längst vertraut an. Etwas glitt über ihren Arm: eine winzige Kette, hauchzart wie Spinnenseide, so durchschimmernd, Aeriel hatte sie bislang nicht bemerkt. Da erkannte sie den Faden wieder, mit dem Ravenna ihr die Perle an der Stirn befestigt hatte. Irgendwie musste er sich um ihr Handgelenk geschlungen haben, womöglich als sie die Perle Oriencor reichte?
Verstört schüttelte Aeriel den Kopf, musterte weiterhin ihre sonderbare neue Haut.
»Ein neuer Körper, so ähnlich meinem alten wie nur irgend möglich …« Die Worte verhallten.
Es ist die Seele, die uns zum Menschen macht, nicht das Fleisch. Glaube mir, mein Kind, wäre mir eine Wahl geblieben …
»Warum hast du es mir nicht gesagt?«, krächzte Aeriel wütend. Sie keuchte und konnte kaum sprechen. Tiefe Empörung und das entsetzliche Gefühl von Verrat brachten ihre Stimme zum Ersterben.
Ich hielt es für unklug, antwortete das Summen in ihrem Blut. Um jeden Preis musste ich meinen Plan vor deiner Widersacherin verbergen. Hätte die Hexe nur einen Hauch davon in deinen Augen gelesen oder eine Vermutung gehegt, hätte sie dich lange, bevor du ihr die Perle gabst, zerstört.
Aeriel schüttelte das Haupt. Oriencors Worte kamen zu ihr zurück: Kleine Närrin … nichts weiter als ihr Spielzeuggolam … unbedeutend! Allmählich dämmerte es ihr. Zu der Ravenna in sich sagte sie: »Du hättest mich, unsere ganze Armee, geopfert, wäre es nötig gewesen.«
Ermattete Stille folgte.
Sie war meine Tochter, Aeriel. Ich musste es versuchen.
Kein Geräusch im Zelt, außer dem sanft wehenden Nachtwind und Irrylaths ruhigen, gleichmäßigen Atemzügen. Die Perlenstimme schwieg eine lange Weile.
»Die ganze Zeit war ich deine unfreiwillige Marionette«, sagte Aeriel leise, erschüttert. »Wir waren alle nur Spielbälle in deinem Plan.« Dann, plötzlich, schrill: »Wusstest du, dass die Perle sie zerstören würde, sobald ich sie ihr überreichte?«
Der Perlenstaub in ihr wirbelte träge, beinahe widerwillig, schien zu seufzen. Ich fürchtete es, falls sie das Geschenk ausschlagen würde.
»Und jetzt willst du mich anstelle von Oriencor zur Weltenerbin ernennen.«
Aeriel riss an der hauchdünnen, gewichtslosen Kette um ihr Handgelenk, doch sie ließ sich weder zerreißen noch abschütteln. »›Ravennas Tochter‹«, höhnte sie verbittert. »Einige nannten mich schon vor diesem Krieg so. Und ›grünäugige Zauberin‹. « Sie spürte den prickelnden Perlenstaub in ihrem Blut und schauderte. »Vielleicht steckte von jeher ein Körnchen Wahrheit in den Namen.«
Siehe!
Aeriel verspürte eine Veränderung in sich. Ihr Blick schärfte sich, ihre Sinne verfeinerten sich. Alles um sie herum löste sich in kleine brennende Leuchtfäden auf, die sich verflochten und umrankten, sich verbanden und tanzten. Ihre eigene Hand, Irrylath, die Diamantenklinge … alles aufgereihte Feuerperlen.
Der Stoff, aus dem die Welt besteht, sagte die Stimme in ihr. Das sind meine Spielbälle. Kehre zu NuRavenna zurück, trage als meine Erbin die Krone, und ich werde dich lehren, mit ihnen zu jonglieren, sie zu verbinden und aus ihnen Fäden zu spinnen. Du wirst eine mächtige Zauberin sein, Aeriel.
Sie warf einen Blick auf den schlafenden Prinzen neben sich und schüttelte den Kopf. »Ich will deine Zauberkraft nicht«, flüsterte sie. »Ich will bei Irrylath bleiben.«
Der Perlenstaub in ihrem Blut brodelte und schäumte. Erneut brachen die Bilder der erschreckenden Entropie wie eine Welle über Aeriel zusammen.
Du musst ihn verlassen, beharrte die Stimme der Gottgleichen. Die anstehende Aufgabe duldet keine Ablenkung. Du wirst in Nu-Ravenna viel zu beschäftigt sein für solch profane Dinge.
Aeriel lehnte sich wehmütig zurück, ihr war zum Weinen zumute. Ihre Augen brannten, doch keine Träne quoll hervor. Verzweiflung überwältigte sie. Unleugbar wie die Kette, entsprach alles, was Ravenna ihr nun sagte, der Wahrheit.
Mein Kind, du bist keine Sterbliche. Irrylath verdient eine Braut, die mit ihm altert.
Die Worte der Gottgleichen waren voll des Mitgefühls und Bedauerns, doch ein eigensinniger Teil von Aeriel weigerte sich, kampflos aufzugeben.
»Ich bin seine Braut«, flüsterte sie.
Den Hochzeitstrank nahmst du in Avaric mit einem unfertigen Engel der Nacht ein, erwiderte Ravenna mit sanfter Stimme. Jemandem, der dich innerhalb der nächsten Stunde zu töten trachtete. Doch du überwältigtest ihn mit Hilfe von Talb, dem Magier. Derjenige, mit dem du dich vermähltest, existiert schon lange nicht mehr! Irrylath ist wieder ein Mann, der Engel der Nacht zerstört.
»Er lebt!«, rief Aeriel. »Mein eigenes Herz schlägt in seiner Brust.«
Weil ihm sein Herz ohne sein Wissen herausgerissen wurde, während er hilflos unter dem Bann des Magiers stand. Verstehst du nicht, mein Kind? Irrylath ist an dich gebunden, ob er will oder nicht. Hast du ihn nicht selbst sagen hören, seine Wahl fiele auf Sabr, wäre er nur ein freier Mann?
»Nein«, flüsterte Aeriel, immer noch widerstrebend. »Dem ist nicht so. Er liebt nun mich …« Doch ihre Worte verhallten. Zweifel nagten an ihr. Mit einem Blick auf Irrylath machte sich die Furcht in ihr breit, dass seine jüngste Leidenschaft, all seine Liebe lediglich einem gestohlenen Herzen und dem Zauber von Talb, dem Magier, zu verdanken waren. Aeriel stöhnte. »Aber er ist mein Gemahl. Er ist mein.«
Gleichst du der Hexe, die keine wahre Liebe empfinden kann? Willst du ihn etwa lediglich besitzen?
»Nein!« Der quälende Kummer, der sie packte, war schier unerträglich.
Dann gib ihn frei.
Stille.
Nun komm, versuchte Ravennas Stimme sie zu überzeugen. Du hast die Geisterfrauen erlöst, die Bräute des Engels der Nacht, und meine lons, die in Gargoyles verwandelt worden waren. Du hast die ganze Welt von der Herrschaft meiner Tochter befreit. Willst du Irrylath nicht auch seine Freiheit schenken?
Aeriel saß zitternd da, unfähig, sich zu rühren. Ravennas Ermahnung erfüllte sie mit Grauen. Wenn sie Irrylath sein Herz zurückgäbe, würde er sich dann von ihr abwenden? Der Gedanke war entsetzlich, und dennoch, da der leise Verdacht einmal gesät war, vermochte sie seinen wuchernden Trieben nichts entgegenzusetzen. Eisige Gewissheit packte sie: Frei von allem Zauber würde er sich für Sabr entscheiden. Die hauchzarte Kette rieb an ihrem Handgelenk. Der Perlenstaub in ihrem Blut wartete, säuselte. Aeriels Blick fiel auf das weiße Gewand, in dem sie in NuRavenna erwacht war.
»Ich weiß jetzt, woraus der Stoff dieser Robe, die du mir gabst, gefertigt ist«, sagte sie leise. Er fühlte sich unsäglich schwer an, war eine mächtige Bürde in ihrer Hand. Sie wollte ihn nicht wieder anlegen. »Pflicht.«
Verzicht.
An einer Seite des winzigen Pavillons überlappten zwei Stoffbahnen des gelben Hochzeitssari nicht ganz, sie waren einen Spalt offen. Aeriel starrte durch den Schlitz in die unendliche Nacht. Der Regen war längst verstummt, der Nebel lichtete sich allmählich. Das sternenbedeckte Himmelsgewölbe funkelte dunkel durch die grauweißen Dunstschleier.
Solltest du viel verlieren, bedenke, wie viel du und die Welt gewinnt. Andere haben mehr verloren. Ruf dir all meine frühere Macht ins Gedächtnis, die nun zu verstreuten Feuerperlen im Wind und einem Murmeln in deinem Blut verblasst ist.
Aeriels Blick huschte zu Irrylath. »Die Aufgabe, die du mir überträgst, überdauert das Leben eines sterblichen Mannes.«
Zweifelsohne. Und die Zeit drängt. Meine Zauberkraft verliert sich mit jeder verstreichenden Stunde. Du musst sie aufsammeln, und zwar geschwind.
Sie lachte gequält. Welche Bedeutung hätte das alles, ohne Irrylath? Aeriel dachte an die Arbeit, die vor ihr lag, unendlich weit, und an sich selbst, die all die vielen Jahre ohne einen Gefährten zurückbliebe. Einsamkeit übermannte sie. Selbst die Gottgleiche Ravenna hatte Melkior an ihrer Seite gewusst. Aeriel seufzte schwer.
»Dann darf ich Irrylath nie wiedersehen?«
In der Stimme der Gottgleichen lag echtes Bedauern. Leider nicht. Hast du vergessen? Irrylath gehört dem Avarclon.
Jäh schoss Aeriel hoch. Die Erinnerung an den Pakt, den der Prinz mit dem kürzlich erweckten Sternenpferd in Isternes geschlossen hatte, stieg quälend in ihr empor: eine Waffenruhe zwischen ihm und dem geflügelten Streitross, bis die Hexe gestürzt war. Aeriel unterdrückte ein Stöhnen. Sie hatte das Abkommen vergessen, es bis zu diesem Moment aus dem Gedächtnis verbannt. Jegliche Bedenken wären bedeutungslos, falls das Sternenpferd den Tod des Prinzen als Wiedergutmachung für sein eigenes Ableben forderte.
Ich habe meine lons erschaffen, damit sie für Gerechtigkeit sorgen, nicht Barmherzigkeit zeigen, sagte die Gottgleiche schwermütig. In Wahrheit wollte ich dir diesen Kummer ersparen, als ich dich bat, in aller Hast aufzubrechen.
Die Hand des blassen Mädchens verkrampfte sich auf ihrem schlafenden Gatten. »Nein«, flüsterte sie. »Nein. Sag mir, was ich tun kann …«
Um ihn zu retten, meinte sie, doch der Perlenstaub in ihrem Blut sprach, bevor sie den Gedanken zu Ende formulieren konnte.
Wir haben das Ende des Reimes erreicht, mein Kind. Ich kann dir nur ratend beiseitestehen. Ich kann nichts befehlen. Die Entscheidung liegt bei dir: Irrylath oder die Welt. Wähle mit Bedacht.
Aeriel sträubte sich. Das Sprechen fiel ihr schwer, die Worte schmerzten so sehr. Schließlich flüsterte sie: »Wenn ich Irrylath der Vergeltung des Avarclons überantworten muss, dann lass ihn zumindest als freier Mensch ziehen.«
Ihre Hand zitterte, doch sie spürte, wie der Perlenstaub in ihr sie beruhigte. Die Diamantenklinge ruhte in ihrer Scheide auf der Schärpe des Prinzen, schimmerte schwach. Aeriel zückte das Schwert. Mit einer Hand auf Irrylaths Brust zielte sie mit der weiß glühenden Spitze genau auf die Mitte seines Brustkorbs und fand ihr eigenes lebendes Herz darunter, das sie ihm vor zwei Dutzend Tagmonaten in ihrer Hochzeitsnacht eingepflanzt hatte. Tief im Schlaf versunken, rührte sich der junge Mann nicht. Die Diamantenklinge glitt sanft durch sein Fleisch.
Dann setzte sie das Schwert an ihre eigene Brust, stieß zu und fand Irrylaths schlagendes Herz, das sie in den vergangenen zwei Jahren getragen hatte. Der Perlenstaub durchflutete sie, nährte sie. Kein Tropfen Blut rann von der scharfen, glühenden Schwertspitze der glänzenden Diamantenklinge. Aeriel verspürte nur wohlige Wärme, heiß wie der weiße Sonnenstern. Nachdem sie ihr eigenes Herz aus Irrylaths Brust geholt hatte, legte sie seines an seinen rechtmäßigen Platz zurück. Mit einer sanften Handbewegung schloss sie das Fleisch. Dann gab sie ihr eigenes Herz in ihre Brust und versiegelte die Wunde. Keine Narbe und kein Mal verrieten, was sie getan hatte.
»Längst«, murmelte sie zu Ravenna, »hast du mich zu einer Zauberin gemacht.«
Die Diamantenklinge funkelte hellleuchtend, ohne jeden Makel, warf Schatten durch den kleinen Pavillon. Einer lag auf Irrylaths Gesicht. Aeriel selbst warf keinen Schatten mehr. Unfähig zu weinen, wandte sie sich um und steckte das Schwert zurück in die Scheide. Stimmen erschollen in der Ferne außerhalb des Zeltes. Aeriel hob den Kopf, lauschte. Der Prinz neben ihr murmelte, regte sich. Die Stimmen klangen nun näher, deutlicher.
»Überlebende!« Die Stimme eines jungen Mannes. Sie ähnelte der ihres Bruders Roschka.
»Bei allen Wegen der Unterwelt!«, rief eine andere, die Aeriel seit längerem nicht vernommen hatte: Talb, der Magier. »Mögen es sie sein! Der Stoff des Pavillons ist zumindest ihrer.«
»Hallo! Hallo!«
Mit einem Ruck setzte sich Irrylath neben Aeriel auf. Sie griff hastig nach Ravennas Gewand, doch ihr Gemahl erfasste ihre Hand und führte sie an seine Lippen. Versonnen liebkoste sie seine Wange, dann gemahnte sie sich jäh, dass er nicht länger ihr gehörte, und erstarrte. Weitere Stimmen hießen sie freudig willkommen. Aeriel vernahm ein hohes, heulendes Trällern, den Begrüßungsschrei der Wüstenwanderer. Der Kopf des Prinzen wirbelte überrascht herum.
»Jemand kommt«, murmelte er.
Voll des Kummers löste sich Aeriel von ihm und drehte sich weg. Seine Berührung glich nun wahrer Folter. Aeriel würde es nicht ertragen, ihm in die Augen zu sehen und seine veränderten Gefühle zu lesen, sobald er feststellte, dass sein Herz wieder sein eigenes war. Sie streifte die schwere Robe der Gottgleichen über. Neben ihr legte der Prinz sein eigenes Gewand an. Als er sich die Schärpe um die Hüfte band, streckte er den Arm aus und wollte seine Gemahlin an sich ziehen. Aeriel wich vor ihm zurück. Zitternd erhob sie sich, schob eine Zeltbahn beiseite und trat ins Freie, um die Ankömmlinge zu begrüßen.