11

Ein Mann ohne Namen

Aeriel kam in die Gegenwart zurück. Wie lange sie gedankenversunken dagesessen hatte, wusste sie nicht. Die Lampe, die Erin auf den Boden gestellt hatte, war niedergebrannt. Dann sah sie auf und erkannte, dass nicht das Licht trüber, sondern der Raum heller geworden war. Die Morgendämmerung ließ die höchsten Türme des Schlosses sanft erglühen.

Am Fenster erwachte Erin, sah das Dämmerlicht und schrie auf.

Aeriel stand auf. »Wir müssen von diesem Ort fliehen, sofort, solange die Dunkelheit noch währt. Ich wage keine Stunde länger zu bleiben.«

Erin war ebenfalls auf den Beinen. »Wir können das Tor nicht passieren. Ich habe es versucht. Die Wachen haben mich nicht durchgelassen.«

Roschka schüttelte sich und stand auf. »Es gibt eine Tür in der Wand, deren schloss ich vor Jahren aufgebrochen habe, damit ich mich ungesehen hinaus- und wieder hineinstehlen kann. Wenn wir es bis dorthin …«

Seine Worte wurden durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen. Erin fuhr zusammen. Roschkas Flüstern verstummte. Aeriel drehte sich um.

»Wer klopft?«, rief sie.

»Des Fürsten Kammerherr«, kam die Antwort. »Der Fürst bittet dich, zu ihm auf die Terrasse zu kommen.«

»Geh nicht«, zischte das dunkelhäutige Mädchen. »Sag, du bist krank.«

»Er würde mir nur seine Heiler schicken.«

»Herrin?«, rief der Kammerdiener.

»Sag deinem Herrn«, erwiderte Aeriel, »dass ich in Kürze bei ihm sein werde. Ich bin eben erst aufgewacht.«

Aufmerksam lauschte sie. Hinter der Tür tappten leise Schritte davon. Erin zupfte an Aeriels Ärmel.

»Schnell. Solange wir eine Chance haben.«

Roschka war bereits auf dem Balkon. »Komm. Wir können nach Westen fliehen. Die Hohen Familien werden uns aufnehmen. «

Aber Aeriel zögerte. »Wenn wir jetzt gehen«, sagte sie, »werden wir mit Sicherheit gefangen, denn der Fürst wird bald ungeduldig werden und jemanden schicken, um herauszufinden, warum ich nicht zu ihm gekommen bin. Ihr zwei geht, und ich folge euch.«

»Nein«, sagte Erin und trat vom Fenster zurück. »Ich will mich nicht von dir trennen.«

»Ich werde nichts von dem essen, was er mir gibt«, sagte Aeriel und küsste ihre Wange. »Du hast sein Spiel vom ersten Augenblick an durchschaut, und ich hätte auf dich hören sollen. Wartet auf mich beim Pflaumenbaum. Ich komme, sobald ich kann.«

Dann wandte sie sich ab, ergriff ihren Wanderstab und war so schnell aus dem Zimmer verschwunden, dass Erins Ruf ungehört verhallte.



Aeriel trat auf die Terrasse, die auf den Garten hinausging. Der Fürst stand an der Balustrade und starrte in die Morgendämmerung im Westen. Als Aeriel näher kam, drehte er sich lächelnd um.

»Verzeih mir, falls ich dich geweckt habe«, sagte er. »Aber die Morgenröte über meinem Garten ist zu schön, als dass du sie ein zweites Mal versäumen solltest.«

Aeriel trat neben ihn.

»Du siehst erschöpft aus«, erlaubte er sich zu bemerken.

»Ich … Ich habe schlecht geschlafen«, murmelte sie.

Der Sonnenstern erhob sich langsam hinter den nahen Hügeln, und es dauerte eine Stunde, ehe er voll am Himmel erstrahlte. Der Fürst hob gegen das Licht schützend eine Hand vor seine Augen.

»Aeriel«, sagte er, »ganz Pirs, alles, was ich habe, könnte dir gehören.« Sein Blick umfasste die Gärten und den Besitz, der sich dahinter erstreckte. »Dies alles würde ich dir geben, wenn …« Aeriel war müde und verwirrt. Sie lächelte schwach und sprach, ohne nachzudenken. »Wäre ich deines Bruders Erbin, würde es mir gehören. Du kannst nicht darüber verfügen. «

Der Kopf des Fürsten schnellte herum, und er starrte sie an. »Roschka«, flüsterte er. »Du hast doch mit Roschka gesprochen. «

Aeriels Geist war plötzlich klarer. Die Worte waren ihr unbedacht entschlüpft, doch nun war es geschehen. Mühsam gewann der Fürst seine Gelassenheit zurück.

»Mein Neffe ist wahnsinnig. Er kann nie den Thron besteigen. Kurz nach dem Tod meines Bruders befiel ihn ein Fieber, seine Mutter und Schwester ebenfalls. Es tötete sie. Er allein hat überlebt, aber seitdem ist er wahnsinnig und erzählt jedem, ich hätte ihren Tod verschuldet.«

Aeriel antwortete ihm nicht. Der Fürst wirkte nun ruhiger, sein Lächeln war nicht mehr gezwungen.

»Wie ich sehe, ist es ihm gelungen, dich zu täuschen. Misstraust du mir noch immer? Komm, ich möchte dich mit jemandem bekanntmachen. Danach, glaube ich, wirst du nicht länger an mir zweifeln.«

Er streckte die Hand aus, als erwartete er, dass sie danach greifen würde. Aeriel umklammerte ihren Wanderstab. Der Fürst zuckte die Schultern. Er wandte sich um und ging davon. Aeriel sah ihm nach, aber er blieb weder stehen, noch blickte er zurück. Sie folgte ihm.

Er führte sie an der Mauer entlang, die das Areal seines Besitztums eingrenzte. Der Weg war nur breit genug für einen. Der Fürst schritt zügig aus. Sie erreichten einen Turm an der Ecke der Schutzmauer. Der Fürst verschwand im gewölbten Torweg. Aeriel zögerte und folgte ihm dann.

Sie stiegen eine gewundene Treppe hinauf, die zu dem kleinen Raum in der Spitze des Turms führte. Er sperrte die Tür auf, öffnete sie weit, aber Aeriel weigerte sich, vor ihm einzutreten. Sie presste sich mit dem Rücken gegen die Mauer, direkt innerhalb der Tür. Der Raum war klein, einfach und spärlich eingerichtet. Nur sie beide waren anwesend.

»Wo ist die Person, die du mir vorstellen wolltest?«

Der Fürst stand vor dem schmalen Fenster und sah hinaus. »Er ist noch nicht hier«, sagte er. »Aber er wird kommen.«

Aeriel lauschte, konnte aber keine Schritte auf der Treppe hören. Der Fürst wandte sich vom Fenster ab und ging zu einer grauen Holztruhe mit Paneelen, die im Stil Isternes’ geschnitzt war. Er kniete davor nieder und öffnete den Deckel.

»Einst liebte ich eine Frau mit grünen Augen.«

Aeriel sagte: »Ihr Name war Eryka von Isternes.«

Der Fürst sah erschrocken auf. »Ach ja, Roschka. Ich vergaß.« Er presste die Lippen zusammen. »Er hat dir ihren Namen verraten. «

Der Fürst von Pirs griff in die Truhe und zog ein blassgrünes Kleidungsstück heraus. Der Stoff bestand aus demselben feinen Gewebe, das die Bewohner von Isternes trugen. Er hielt das Gewand gegen seine Brust, als er sprach.

»Sie hatte deine Größe«, sagte der Fürst. »Deine feingliedrige Gestalt. Ihre Haut war malvenfarben, ihr Haar hellgelb mit einem grünen Schimmer darin …«

»Wie Roschka«, sagte Aeriel.

»Wie du.«

Aeriel schwieg überrascht.

Der Fürst nickte. »Du hast in der Wüste gelebt. Aber ich kann sehen, dass dein Teint einst malvenfarben war. Dein Haar hatte einen grünlichen Farbton, ehe es so blond wurde. Und du hast grüne Augen.«

Er kniete neben der Truhe und schüttelte das blassgrüne Kleidungsstück aus. Es war eine Robe, wie Königin Syllva sie getragen hatte.

»Wenn ich dir dieses Kleid schenke«, sagte der Fürst von Pirs, »würdest du es für mich tragen?«

Aeriel schüttelte den Kopf. Die Wand hinter ihrem Rücken hinderte sie daran zurückzuweichen. »Es ist das Gewand einer anderen Frau.«

Der Fürst ließ das Kleid fallen und kramte in der Truhe herum. Dann nahm er einen kleinen Stab aus Elfenbein heraus. Aeriel hatte einmal beobachtet, wie Irrylaths Brüder in Isternes einen ähnlichen Gegenstand zum Umblättern der Seiten eines Buches benutzten.

»Wenn ich dir diesen Stab schenke, Aeriel«, sagte der Fürst, »und dich lehren würde zu lesen, würdest du dann diesen verdammten Stab, an dem du so hängst, aufgeben?«

Aeriel schüttelte wieder den Kopf. »Das ist mein Wanderstab. « Der Fürst ließ den kleinen Stock fallen. Er streckte die Hand aus. »Aeriel«, flüsterte er. »Nimm meine Hand.«

Aeriel starrte ihn an, stumm und starr vor Angst.

Der Fürst erhob sich. »Ich würde dich heiraten.« Er trat auf sie zu, und Aeriel schob sich näher zur Tür. »Ich liebe dich!«, rief er.

»Du kennst mich doch erst einen Tagmonat.«

»Ich bewundere dich.«

»Du brauchst einen Erben.«

Ihr ruhiger Tonfall ließ ihn innehalten. Seine Augen wurden schmal, sein Mund verkniffen.

»Roschka«, murmelte der Fürst. »Hat er dir das gesagt?«

»In einem Jahr wird er volljährig. Er sagt, dass dir die Hohen Familien misstrauen.«

Der Fürst schüttelte den Kopf. »Du verstehst mich nicht. Nicht einmal Roschka weiß alles. Es ist nicht der Erbe, den ich brauche … Mit den Hohen Familien werde ich fertig. Eine Frau fehlt mir. Ich muss heiraten, Aeriel. Ich muss heiraten.«

Aeriel sah ihn unverwandt an. »Ich heirate dich«, antwortete sie schließlich, »wenn du mir deinen Namen gesagt hast.«

Der Fürst fing an zu lachen. Es klang hart und verzweifelt. Er wischte sich über die Augen.

»Sogar das?«, sagte er. »Hat mein Neffe auch das erraten? Nun, ich werde dir alles erzählen, und vielleicht wirst du mich dann am Ende bemitleiden.«

Aeriel hielt sich bereit, falls nötig, davonzulaufen. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als weit weg von ihm zu sein.

»Als Eryka von Esternesse zum ersten Mal nach Pirs kam«, begann er, »umwarben mein Bruder und ich sie gleichzeitig, aber sie wählte ihn. Sie gebar ihm Kinder, und ich war krank vor Eifersucht. Dann kam der Schwarze Vogel und versprach mir die Erfüllung meines Herzenswunsches für eine winzige Gegenleistung. Er diene der Weißen Königin, sagte er, die mir wohlgesonnen sei.

Aber die Sache gefiel mir nicht. Zweimal schickte ich ihn fort. Doch er kam immer wieder, und in der Zwischenzeit träumte ich von Eryka. Das Wispern seiner Herrin erfüllte meine Träume. Schließlich stimmte ich dem Vorschlag zu und bot ihm alles für die Erfüllung meines Herzenswunsches.

Dann befahl er mir: ›Leg dich nieder‹, und ich folgte ihm. Er sagte: ›Dreh dein Gesicht auf die Seite‹, und ich gehorchte. Dann fühlte ich eine seiner Krallen an meinem Hals und die andere an meiner Wange. Sie war kalt, so kalt wie die Nacht. Er stieß seinen Schnabel in meine Schläfe. Ich spürte ein Brennen und ein anderes Gefühl, als würde etwas Dünnes und Faseriges von mir fortwirbeln. Dann versank ich in der Dunkelheit. Als ich wieder erwachte, saß der Vogel am Fenster und beobachtete mich.

›Was hast du mit mir gemacht?‹, fragte ich. Blut tropfte aus meiner Schläfe, und in meinen Ohren summte es leise.

›Ich habe mir den Preis meiner Königin genommen‹, krächzte der Schwarze Vogel. ›Eine Kleinigkeit. Nur deinen Namen. Du gebrauchst ihn selbst nie. Niemand wird ihn je wieder benutzen, außer meiner Königin, um dich damit in deinen Träumen zu rufen. Nun wird dir dein Herzenswunsch erfüllt, aber reite am Morgen nicht mit deinem Bruder aus.‹

Dann flog der Vogel fort, und ich ging hinunter. Ich blutete nicht mehr, aber ich fühlte mich sehr krank. An diesem Tag ritt ich nicht mit meinem Bruder aus, und es war der Tag, an dem ihn sein Pferd abwarf. ›Mein Herzenswunsch‹ hatte sich erfüllt!«

Der Fürst lachte.

»Eryka wollte mich nicht heiraten. Ich dachte, die Hexe meinte Eryka: meinen Herzenswunsch. Aber sie meinte Pirs. Meine Liebe tötete sie, und ich bekam stattdessen Pirs. Ich wollte weder das noch den Tod meines Bruders. Ich wollte nur Eryka …«

»Warum bist du dann noch immer Fürst von Pirs?«, stieß Aeriel heftig hervor. »Die Lorelei ist eine wunderbare Gedankenleserin und kennt die geheimsten Wünsche eines Herzens. Vielleicht hat sie deine wahren Gedanken erraten.«

Der Fürst starrte sie an. »Ich hätte meinen Namen nicht an eine Hexe verkaufen müssen, um herauszufinden, dass ich nach dem Tod meines Bruders in den Besitz seines Landes kommen würde!« Er wandte sich ab und schritt ungestüm auf und ab. Aber bald wurde er ruhiger, und seine Stimme klang gelassener.

»Noch Jahre danach konnte ich den Anblick von Frauen nicht ertragen. Ich schickte sie fort, oder sie flohen vor mir. Aber dann erkannte ich allmählich, dass ich eine Frau nehmen musste, um die Macht der Hexe über mich zu brechen. Es spielte keine Rolle, wer sie war. Aber zu der Zeit gab es in Pirs keine Frau mehr.

Oh, es gab natürlich irgendwo Frauen. Im Verborgenen. Ich schickte meine Reiter aus, um sie zu jagen, aber der Hirsch führte meine Jäger in die Irre. Und die Frauen begingen lieber Selbstmord, als sich fangen zu lassen. Mein Ruf eilte mir voraus, und sie alle kannten den Mann ohne Namen.

Also schickte mir die Königin ihren Engel, ihren geflügelten Sohn, um mir zu helfen. Sie sagte, sie habe volles Verständnis für mich und wäre erfreut, die Bedingungen unseres Abkommens zu erfüllen. Ich musste eine Frau haben. Unbedingt. Ihr Engel nahm Pirsalon gefangen und trug ihn fort. Aber seitdem warte ich vergeblich auf seine Hilfe. Ich bin weniger sein Herr als sein Sklave. Er zwingt mich dazu, ihm junge Knaben zum Fraß vorzuwerfen.

Ich will eine Frau haben!«, schrie der Fürst. »Ich muss eine Frau haben, denn der Fluch hält nur bis zu meinem Hochzeitstag. « Sein Gesicht war verzerrt, sein Blick verzweifelt. Dann wurde seine Stimme sanft, beinahe flehend. »Die Hexe hat mir versprochen, mich an meinem Hochzeitstag freizugeben.«

Aeriel atmete aus. Sie empfand nur noch Entsetzen. »Und du hast ihr geglaubt? Die Lorelei gibt nur leere Versprechen.«

Sie hörte den leisen Klang von Jagdhörnern in den Wäldern unterhalb der Mauern. Die Augen des Mannes funkelten fanatisch.

»Also werde ich ihr den Grauen Stier geben«, erwiderte er. »Ihr Engel hat ihn bei Nacht gejagt und ich bei Tag, seit ich von seiner Ankunft erfahren habe. Aus irgendeinem Grund will sie ihn haben. Ich gebe ihn ihr anstelle von dir …«

Er verstummte abrupt, so als hätte er sich auf die Zunge gebissen. Aeriel sah ihn an.

»Dann hattest du also vor, mich an die Weiße Hexe zu verkaufen«, fragte sie ihn, »im Austausch für deinen Namen?«

Aber ihre Worte wurden durch lauten Flügelschlag unterbrochen. Sie und der Fürst wandten sich gleichzeitig um. Ein schwarzer Vogel hatte sich auf der Fensterbank niedergelassen. Er war so groß wie Aeriels Arm lang war, und seine Flügel waren so dunkel wie das Nichts im weißen Sonnenlicht.

»So«, sagte der Schwarze Vogel nickend. »So. Ist sie das? Diejenige, von der meine Königin gesprochen hat?«

»Ja, das ist sie«, sagte der Fürst. Sein Gesicht war aschfahl unter der kupfernen Bräune seiner Haut.

»Tscht«, gluckste der Schwarze Vogel und beäugte Aeriel. »Tscht. Lebend. Warum?« Seine Augen waren so schwarz, dass sie nur an ihrem Funkeln im glanzlosen Gefieder zu erkennen waren.

»Sag deiner Königin …«, begann der Fürst.

»Unserer Königin«, schnalzte der Vogel und sah ihn an.

»Unserer Königin«, brauste der Fürst auf, »dass diejenige bei mir ist, nach der sie mich bat, Ausschau zu halten. Aber sie gehört jetzt mir. Sie bleibt bei mir und steht unter meinem Schutz. Sie wird dieses Schloss nicht verlassen noch deiner Herrin Unannehmlichkeiten bereiten …«

»Unserer Herrin.«

»Sie wird sie nicht mehr belästigen«, schrie der Fürst nun beinahe. Er holte tief Luft, um seine Fassung wiederzugewinnen. »Aber sie gehört mir.«

Der Schwarze Vogel räusperte sich, plusterte die Federn auf und hopste vom Fenster herunter, mitten in den Raum. Er war schwärzer als sein eigener Schatten. Der Fürst wich zurück.

»Das entspricht aber nicht den Wünschen unserer Königin«, sagte der Vogel. Er sprang auf das blassgrüne Seidenkleid, pickte daran herum und spielte mit dem Elfenbeinstöckchen.

Der Fürst starrte ihn an. »Bist du ein Bote oder die Königin selbst?«, flüsterte er. »Erdreistest du dich, für sie zu sprechen? Geh, und überbring unserer Königin meine Botschaft. Fort mit dir.«

Drohend ging er auf den Vogel zu. Er zitterte, aber Aeriel wusste nicht, ob vor Wut oder Angst.

»Und sag deiner Königin, sie soll mir meinen Namen zurückgeben! «

Der Vogel hüpfte von der zerknitterten Seide herunter. »Mann ohne Namen«, krächzte er spöttisch, beinahe lachend.

Dann hopste er mit zwei mächtigen Sätzen zum Fenster, wollte sich in die Lüfte erheben und dem Licht entgegenfliegen. Ohne zu überlegen stolperte Aeriel vorwärts. Sie riss ihren Wanderstab hoch und schlug mit dem Knauf nach dem Vogel. Mit einem schrillen Kreischen stürzte er mit gebrochenem Flügel zu Boden.

»Närrin!«, rief der Fürst. »Glaubst du etwa, ich hätte nicht versucht, ihn zu töten?«

Wieder schmetterte Aeriel ihren Stab auf den Vogel nieder. Er kreischte und flatterte von ihr fort. »Weißt du denn nicht, wer ich bin?«, krächzte er. »Mädchen, weißt du das nicht?«

Aeriel folgte ihm. »Ich kann es mir denken.« Der Vogel stand jetzt auf dem seidenen Gewand. »Die Weiße Hexe fertigt ihren Söhnen Flügel aus deinen Federn.«

»Lass mich in Ruhe«, schrie der Schwarze Vogel. »Meine Königin will dir kein Leid antun, sie will nur mit dir reden …!«

Ein letztes Mal schwang Aeriel den Wanderstab und fühlte Knochen unter den Federn zersplittern. Der Vogel lag reglos auf dem grünen Seidenkleid. Blut sickerte aus seinem Gefieder, kein helles Blut wie bei gewöhnlichen Sterblichen, sondern schwarzes Blut.

Der Stoff, der Stein, über den das Blut floss, qualmten, und ein bitterer Gestank verpestete die Luft. Der Fürst starrte auf den Vogel hinab.

»Welch ein Zauberstab«, murmelte er. »Mir gelang es nicht, ihn zu erschlagen, als ich es einmal versuchte.« Er schwieg einen Augenblick. »Aber was spielt es für eine Rolle?«, sagte er verbittert. »Die Königin wird einen anderen Vogel schicken, wenn dieser hier nicht zu ihr zurückkehrt.«

»Bis dahin wird eine lange Zeit verstreichen«, erwiderte Aeriel und stürzte blitzschnell an ihm vorbei zur Tür hinaus.



Aeriel floh die gewundene Stiege hinab, die schmale Mauer entlang. Sie erblickte jenseits des Gartens den Pflaumenbaum. Der Fürst ging schnellen Schrittes hinter ihr her, aber er lief nicht. Er schien keine Angst zu haben, sie zu verlieren. Sie kam an eine Treppe und sprang die Stufen hinab. Der Fürst rief hinter ihr her. Sie verschwand im Dickicht unter den Bäumen.

Plötzlich fand sie sich inmitten der Pflanzen nicht mehr zurecht. Atemlos stand sie am Fuß einer weiteren Treppe. Sie stieg hinauf und erreichte die Terrasse, auf der sie zusammen mit dem Fürsten die Morgendämmerung betrachtet hatte. Weiße Tücher bedeckten nun die Fliesen. Die Kissen und Teller und Platten mit Speisen aber waren verschwunden.

Mit einem Mal entdeckte sie von der Balustrade aus wieder den Pflaumenbaum. Sie drehte sich um und eilte auf die Treppe zu, um hinunterzulaufen, als sie mitten in der Bewegung erstarrte. Sie war zwei Schritte von der Ecke der Terrasse entfernt. Dort sah sie den längst eingetrockneten dunklen Fleck, wo der Fürst vor einem Tagmonat den Wein aus ihrem Becher hingegossen hatte.

Die Lilien in dem Viereck aus Erde, in das ein Teil des Weins geflossen war, standen jetzt verdorrt, steif und spröde da. Zwei tote Schmetterlinge lagen bei dem süßen Saft, und daneben zerfielen die Knochen einer Eidechse zu Staub. Aeriel kniete nieder und berührte die Lilien.

»Aeriel«, sagte der Fürst hinter ihr. Sie drehte sich nicht um, sondern starrte nur fassungslos die Blumen an.

»Der Vogel«, sagte er. »Was ich im Turm sagte … Ich wollte dir damit nur zeigen, in welch einer Gefahr du dich befindest. Wenn du diesen Ort verlässt …«

Er verstummte und begann dann erneut.

»Die Weiße Hexe jagt dich. Sie hält dich für eine Zauberin. Sie wünscht deinen Tod. Einer ihrer Vögel kam vierzehn Tage, ehe ich dich fand, und befahl mir, dich zu suchen und zu fangen. Ihre Engel der Nacht jagen dich.«

»Erin hatte Recht«, sagte Aeriel und fuhr mit den Fingern über die dunkel gefleckten Steine. »Der Wein, den du mir beim ersten Fest gabst, war vergiftet. Du wolltest mich töten.« Leicht berührte sie die vermodernden Knochen der Eidechse, dann hob sie die Augen und begegnete dem Blick des Fürsten.

»Ich hatte deine Augen nicht gesehen«, flüsterte er. »Bleib bei mir. Werde meine Frau. Ich werde den Grauen Stier und seine Gefährten gegen dein Leben eintauschen …«

Aeriel starrte ihn hasserfüllt an. »Lass meine Gargoyles in Ruhe.«

Der Fürst runzelte die Stirn. »Gargoyles?«, fragte er.

»Grauling und Mondkalb und Katzenschwinge«, sagte sie. Ein Teil ihres Zorns richtete sich gegen sie selbst. Sie hatte sie die ganze Zeit schutzlos den Jägern des Fürsten ausgesetzt. »Ich habe sie in Avaric aus der Gefangenschaft eines Engels der Nacht befreit. «

Der Fürst schüttelte den Kopf. »Wovon sprichst du? Es sind wilde Bestien.«

»Es sind meine Bestien«, sagte Aeriel leidenschaftlich und stand auf. »Meine Bestien.«

»Du bist eine Zauberin«, flüsterte der Fürst. Dann wurde seine Stimme plötzlich auch wütend. »Aber du wirst mich heiraten!«

»Du kannst mir deinen Willen nicht aufzwingen«, gab Aeriel zurück, »und eine Heirat ist keine Heirat ohne mein Ja.«

»Du wirst Ja sagen«, drohte der Fürst und trat auf sie zu. Aeriel hob ihren Stab und hielt ihn abwehrend zwischen sich und ihn. Der Fürst griff danach. »Du heiratest mich!«

Grob zerrte er an dem Stab und schien zu erwarten, dass sie nachgab. Instinktiv schloss Aeriel ihre Finger fester um das dunkle Holz und ließ ihren Körper schlaff werden. Sie ließ sich fallen, rollte rückwärts, so wie Orroto-to es sie in der Wüste gelehrt hatte. Der Fürst verlor das Gleichgewicht und stürzte.

Aeriel winkelte ihre Arme an, zog die Knie an ihre Brust und stieß ihre Beine mit voller Macht hoch. Der Fürst landete hinter ihr auf dem Rücken, und sein Schrei verstummte, als ihm die Luft wegblieb. Der Stab entglitt seinen Händen. Aeriel kam auf die Füße, sah, wie der Fürst sich mühsam auf Hände und Knie aufrappelte und einen Arm gegen seine Rippen presste. Er rang keuchend nach Atem, sprang dann plötzlich auf und stürzte sich auf sie.

Aeriel wich zurück, machte einen Schritt zur Seite und schwang den Knauf ihres Wanderstabes in einem niedrigen Bogen in seine Kniekehlen. Der Fürst kippte hintenüber, sein Kopf krachte mit einem dumpfen Schlag auf die Steinfliesen. Dann blieb er bewegungslos liegen, und Aeriel wusste, dass sie davonlaufen sollte, aber wie gelähmt starrte sie auf ihn herab. Sie fragte sich, ob sie ihn getötet hatte.

Vorsichtig trat sie näher und kniete neben ihm. Er atmete kaum. Plötzlich hörte sie ein klirrendes Geräusch und erhielt einen Schlag auf den Hinterkopf. Benommen drehte sie sich um und sah einen der Schlossdiener mit einem Tablett in den Händen, mit dem er zu einem erneuten Schlag ausholte.

Neben sich spürte sie mehr, als dass sie sie sah, eine Bewegung, der Fürst sprang auf; seine Ohnmacht war nur vorgetäuscht gewesen. Mit einer Hand umklammerte er ihr Handgelenk, die Finger seiner anderen Hand schlossen sich um den Stab.

Aeriel wand und drehte sich und versuchte, sich zu befreien. Der Fürst zerrte mit aller Kraft an dem Stab und wollte ihn ihr entreißen. Verzweifelt hielt sie mit beiden Händen daran fest. Dann traf ein weiterer Schlag ihren Kopf. Die Terrasse kippte. Der Sonnenstern wurde dunkel.

Undeutlich hörte sie den Fürsten rufen: »Hör auf, Junge! Ich brauche sie lebend.«

Ihre Finger umklammerten noch immer den Stab; der Fürst zerrte wütend daran. Sie öffnete die Augen und holte keuchend Luft. Ihre Bewegungen waren schwerfällig. Ihr Mund schmeckte nach Kupfer.

»Vogel«, keuchte sie. »Reiher, wach auf!«

Sie stieß mit den Füßen nach dem Fürsten und spürte seine Rippen an ihren Fußsohlen. Sein Griff um ihr Handgelenk lockerte sich, aber die andere Hand umklammerte weiterhin eisern den Stab. Heftig zerrte und schüttelte sie den Stab.

»Flügel!«, schrie sie auf. »Flieg!«

Der Wanderstab erzitterte in ihren Händen. Das helle Holz seines geformten Knaufs schimmerte, verblasste und entfaltete seine Flügel. Aeriel hörte den Fürsten rufen, dann einen Schrei und Gepolter, als der Diener das Tablett fallen ließ. Der Reiher flatterte hoch in die Luft.

»Was ist los?«, rief er, schwebte torkelnd umher. »Warum kannst du mich nicht bei meinem richtigen Namen rufen?«

»Erin und Roschka«, japste Aeriel. »Sag ihnen, sie sollen fliehen. «

Sie versuchte, auf die Füße zu kommen, aber ihre Knochen fühlten sich an wie Gummi. Immer wieder verlor sie das Gleichgewicht; der Himmel schwankte über ihr und drohte, auf sie herabzustürzen. Der Fürst hielt sie nun an beiden Handgelenken fest. Der Reiher stieß auf ihn herab. Dieser packte ihn an einem zerbrechlichen Bein. Der weiße Vogel schrie und pickte nach seinen Fingern.

»Flieg!«, sagte Aeriel. Aus ihren Muskeln schwanden die Kräfte. »Flieh«, flüsterte sie und legte eine Hand an ihren Kopf.

Ihre Beine gaben nach. Sie fiel zur Seite. Ihr Ellbogen prallte auf den Steinfliesen auf, dann ihre Schläfe und ihr Kinn. Sie hörte Geschrei, das Geräusch von Schritten auf den Steintreppen. Das waren keine Dienstboten. Soldaten. Abgehackte, peitschende Töne, schwirrendes Zischen: Bogensehnen, erkannte sie, fliegende Pfeile. Der Reiher hatte sich wohl befreit.

Der Stein der Terrasse hatte seine Härte verloren. Es war plötzlich sehr kalt, und sehr still. Ihre Wange schien einzusinken, langsam gab die Oberfläche sanft unter ihr nach. Ihre Haut schien sich aufzulösen, wie Wasser oder Staub. Sie hatte das Gefühl, als würde ihr ganzer Körper im Stein versickern.