EINS
In ihrem Traum rannte Jill nicht schnell genug.
Es war der Traum, der sie alle paar Tage heimsuchte – seit jener Mission, bei der sie alle fast ums Leben gekommen waren, in dieser schrecklichen, endlosen Nacht im Juli. Damals waren nur ein paar wenige Einwohner von Raccoon durch Umbrellas Geheimnis zu Schaden gekommen, und die S. T. A. R. S.-Administration war noch nicht durch und durch korrupt gewesen. Damals, als sie noch so naiv waren anzunehmen, dass man ihnen ihre Geschichte abnehmen würde …
In dem Traum wartete sie bang mit den anderen Überlebenden – Chris, Barry und Rebecca – auf der Hubschrauber-Landeplattform des geheimen Laboratoriums auf ihre Rettung. Sie waren alle erschöpft und verwundet, und es war ihnen nur allzu bewusst, dass die umliegenden Gebäude– das Gebäude unter ihnen – gleich in die Luft gehen würden. Es dämmerte, und kühles Licht fiel durch die Bäume, die das Spencer-Anwesen umgaben. Die Stille wurde nur von dem willkommenen Geräusch des nahenden Helikopters durchbrochen. Sechs Mitglieder der Special Tactics and Rescue Squad waren tot, Opfer der menschlichen und nichtmenschlichen Kreaturen geworden, die in der Villa umgingen, und wenn Brad nicht bald landete, würde es gar keine Überlebenden geben. Das Labor würde explodieren, die Beweise des Ausbruchs von Umbrellas T-Virus würden vernichtet werden – und sie alle ums Leben kommen.
Chris und Barry gestikulierten wild mit den Armen und bedeuteten Brad, sich verdammt noch mal zu beeilen. Jill warf, wie betäubt, einen Blick auf ihre Uhr. Ihr Verstand versuchte immer noch all das zu fassen, was passiert war … die Dinge zu ordnen. Umbrella Pharmaceutical, die Firma, die das Meiste zu Raccoons Wohlstand und Gedeihen beitrug und eine gewaltige wirtschaftliche Macht weltweit darstellte, hatte unter dem Deckmantel der Biowaffenforschung heimlich Monster erschaffen – und sich bei diesem Spiel mit dem Feuer auf übelste Weise die Finger verbrannt.
Aber darauf kam es jetzt nicht an, alles, was zählte, war, hier rechtzeitig wegzukommen …
… und uns bleiben vielleicht noch drei Minuten, maximal vier …
WOAMMM!
Jill wirbelte herum, sah Beton- und Teerbrocken durch die Luft fliegen und über der Nordwestecke der Landeplattform herabregnen. Eine riesige Klaue streckte sich aus dem entstandenen Loch und fiel auf den gezackten Rand herab …
… und das bleiche, ungeschlachte Monster, das Barry und sie im Labor zu töten versucht hatte, der Tyrant, sprang auf den Boden des Heliports. In einer fließenden Bewegung erhob sich das Ungetüm aus der Hocke und hielt auf sie zu!
Es war eine Ausgeburt des Grauens, mindestens zweieinhalb Meter groß, dereinst vielleicht menschlich, aber jetzt nicht mehr. Die rechte Hand war normal, die linke ein riesiges, chitinöses Krallenbündel. Das Gesicht des Wesens war entsetzlich entstellt, seine Lippen durchtrennt, sodass es sie durch zerschlitztes rotes Gewebe anzugrinsen schien. Der nackte Leib war geschlechtslos, der dicke, blutige Tumor – das Herz des Geschöpfs – zitterte nass auf seiner Brust.
Chris visierte den pulsierenden Muskel mit seiner Beretta an und drückte ab. Fünf 9mm-Geschosse schlugen in rascher Abfolge in das grässliche Fleisch, doch der Tyrant wurde nicht einmal langsamer. Barry schrie ihnen zu, dass sie sich verteilen sollten, und dann rannten sie los. Jill zog Rebecca mit sich. Hinter ihnen krachte Barrys.357er, über ihnen kreiste der Helikopter, und Jill konnte spüren, wie die Sekunden verrannen, glaubte beinahe fühlen zu können, wie sich unter ihren Füßen die Explosion aufbaute.
Sie und Rebecca zogen ihre Waffen und begannen zu schießen. Jill drückte den Abzug selbst dann noch weiter durch, als sie sah, wie die Kreatur Barry zu Boden schlug. Sie rammte einen neuen Clip in die Pistole, während der Tyrant hinter Chris herhetzte. Sie schoss und schrie, ihr Entsetzen wuchs. Warum fällt das Ding nicht um?!
Von oben kam ein Ruf und etwas wurde aus dem Hubschrauber geworfen. Chris rannte darauf zu, und Jill sah nichts anderes – nichts als den Tyranten, der jetzt seine Aufmerksamkeit auf sie und Rebecca richtete, von den Schüssen unbeeindruckt, die weiterhin blutige Löcher in seinen abnormen Körper stanzten.
Jill rannte los, drehte den Kopf und sah, dass das Mädchen dasselbe tat. Da wusste sie – wusste es –, dass das Ungeheuer hinter ihr her war. Das Gesicht von Jill Valentine schien wie eingebrannt in sein Echsenhirn zu sein.
Jill rannte, rannte immer weiter, und plötzlich gab es keinen Hubschrauber mehr, keine einstürzende Villa, nur eine Million Bäume und Geräusche – das Geräusch ihrer Stiefel auf dem Boden, des Rauschen des Blutes in ihren Ohren, ihren keuchenden Atem.
Das Monster hinter ihr verhielt sich still, eine stumme, schreckliche Gewalt, unbarmherzig und unausweichlich wie der Tod.
Sie waren tot, Chris, Barry, Rebecca, selbst Brad … Sie wusste es, alle außer ihr waren tot … Und im Rennen sah sie, wie sich der Schatten des Tyranten vor ihr hinstreckte, ihren eigenen begrub, und das Zischen seiner monströsen Krallen fuhr herab, schmolz sich durch ihren Körper, brachte sie um … nein …
Nein.
„Nein!“
Jill öffnete die Augen, das Wort noch auf ihren Lippen, das Wort, das der einzige Laut in der Stille ihres Zimmers war. Es war kein Schrei, wie sie ihn sich vorgestellt hatte, sondern das schwache, erstickte Heulen einer verzweifelten Frau, die gefangen war in einem Alptraum, aus dem es kein Entkommen gab.
Und das bin ich. Schließlich war keiner von uns schnell genug.
Einen Moment lang blieb sie ruhig liegen, atmete tief ein und aus und zog die Hand von der geladenen Beretta unter ihrem Kissen zurück. Diese Bewegung war ihr zum Reflex geworden, und sie bedauerte es nicht, ihn entwickelt zu haben.
„Aber nutzlos gegen Alpträume“, murmelte sie und setzte sich auf. Seit Tagen sprach sie jetzt schon mit sich selbst – manchmal dachte sie, das sei das Einzige, was ihre geistige Gesundheit noch bewahrte. Graues Licht kroch durch die Jalousien herein und tauchte das kleine Schlafzimmer in Schatten. Die Digitaluhr auf dem Nachttisch funktionierte, und eigentlich hätte Jill froh sein müssen, dass es wenigstens noch Strom gab aber es war auch schon später, als sie gehofft hatte – fast drei Uhr am Nachmittag –, und das beunruhigte sie.
Sie hatte annähernd sechs Stunden geschlafen, länger als an den vergangenen drei Tagen. In Anbetracht dessen, was draußen vorging, konnte sie sich eines Anflugs von Schuldgefühl nicht erwehren. Sie hätte da draußen sein und mehr tun sollen, um diejenigen zu retten, die noch zu retten waren …
Hör schon auf damit, du weißt es doch besser. Wenn du zusammenbrichst, kannst du niemandem mehr helfen. Und die Leute, denen du geholfen hast …
Daran wollte sie nicht denken, jetzt nicht. Als sie es heute Morgen endlich zurück an den Stadtrand geschafft hatte, nach fast achtundvierzig schlaflosen Stunden, in denen sie „geholfen“ hatte, war sie am Rand eines Zusammenbruchs gewesen – und gezwungen, sich der Realität dessen zu stellen, was Raccoon widerfahren war: Die Stadt war unwiederbringlich an den T-Virus verloren. Oder an irgendeine Variante davon.
Wie die Forscher in der Villa. Wie der Tyrant.
Jill schloss die Augen. Sie dachte an den wiederkehrenden Traum und daran, was er bedeutete. Er stimmte perfekt mit dem tatsächlichen Ablauf der Ereignisse überein, bis auf das Ende – Brad Vickers, der S. T. A. R. S.-Alphapilot, hatte etwas aus dem Hubschrauber geworfen, einen Granatwerfer, und Chris hatte den Tyranten, der hinter Jill her war, damit in die Luft gejagt. Sie waren alle noch einmal davon gekommen … aber es war einerlei. Denn trotz all dem Positiven, das sie seither vollbracht hatten, hätten sie ebenso gut dort auf dem Dach des Gebäudes sterben können. Alles schien so sinnlos …
Es ist nicht unsere Schuld, dachte Jill ärgerlich und war sich darüber im Klaren, dass sie das mehr als alles andere glauben wollte. Niemand wollte auf uns hören – das Hauptbüro nicht, Chief Irons nicht und die Presse auch nicht. Wenn sie uns zugehört hätten, wenn sie uns geglaubt hätten …
Seltsam, dass all das erst vor sechs Wochen geschehen war – sie kamen ihr wie Jahre vor. Die Stadtverantwortlichen und die örtlichen Zeitungen hatten die Gelegenheit genutzt, um am Renommee von S. T. A. R. S. zu sägen – sechs seiner Angehörigen waren umgekommen und der Rest faselte fantastische Geschichten über ein geheimes Laboratorium, über Monster und Zombies und eine Umbrella-Verschwörung. Sie waren suspendiert und verspottet worden – aber das Schlimmste war, dass man nichts unternommen hatte, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Jill und die anderen hatten nur hoffen können, dass die Auslöschung des Ausbruchsherdes der unmittelbaren Gefahr einen Riegel vorschieben würde.
In den folgenden Wochen war so vieles passiert. Sie hatten die Wahrheit über S. T. A. R. S. aufgedeckt, dass Umbrella – genau gesagt White Umbrella, die Abteilung, der die Biowaffenforschung oblag – landesweit hochrangige Personen entweder schmierte oder erpresste, um die Forschungen ungehindert fortsetzen zu können. Sie hatten in Erfahrung gebracht, dass mehrere Stadtratsmitglieder von Raccoon City auf der Lohnliste von Umbrella standen und dass Umbrella wahrscheinlich mehr als eine Forschungseinrichtung unterhielt, wo mit von Menschenhand entwickelten Seuchen experimentiert wurde.
Ihre Suche nach Informationen über Trent, den Fremden, der Jill vor der katastrophalen Mission als „ein Freund der S. T. A. R. S.“ kontaktiert hatte, hatte nichts ergeben. Aber dafür hatten sie ein paar außerordentlich interessante Hintergrundinformationen über Chief Irons gefunden: Es schien, dass der Chief eine mutmaßliche Vergewaltigung auf dem Kerbholz hatte und Umbrella ihm dabei half, dennoch in sein Amt gehoben zu werden. Am problematischsten von allem war jedoch gewesen, dass ihr Team sich aufteilen und schwierige Entscheidungen darüber fällen musste, was im Weiteren zu tun sei und welche Verantwortung sie gegenüber der Wahrheit hatten.
Jill lächelte schwach. Das Einzige, worüber sie sich bei all dem freuen konnte, war, dass wenigstens ihre Freunde davongekommen waren. Rebecca Chambers hatte sich einer anderen kleinen Gruppe von S. T. A. R. S.-Dissidenten angeschlossen, die Gerüchten über weitere Umbrella-Laboratorien nachging. Brad Vickers hatte – feige, wie es seine Art war – die Stadt verlassen, um Umbrellas Zorn zu entgehen. Chris Redfield war bereits in Europa, wo er das Hauptquartier der Firma in Augenschein nahm und darauf wartete, dass Barry Burton und Rebeccas Team zu ihm stießen … und sie natürlich, Jill, die ihre Untersuchung der örtlichen Umbrella-Büros abschließen würde, bevor sie die anderen wiedersah.
So weit die Theorie. Doch vor fünf Tagen war etwas Fürchterliches in Raccoon geschehen. Und es geschah immer noch, entfaltete sich wie eine giftige Blume, und die einzige Hoffnung bestand darin, darauf zu warten, dass jemand außerhalb der Stadt darauf aufmerksam wurde …
Als die ersten Fälle gemeldet wurden, hatte niemand sie mit den S. T. A. R. S.-Geschichten über das Spencer-Anwesen in Verbindung gebracht. Im Spätfrühling und im Frühsommer waren einige Leute angegriffen worden – was man für das Werk eines geistesgestörten Killers hielt, den das Raccoon Police Department im Handumdrehen schnappen würde. Erst als das RPD drei Tage vorher auf Umbrellas Befehl Straßensperren errichtet hatte, waren die Menschen aufmerksam geworden. Jill wusste nicht, wie man es fertig gebracht hatte, die Menschen, die nicht in Raccoon City lebten, der Stadt fernzuhalten, aber es funktionierte zweifelsfrei – nichts kam herein, es gab keinen Postdienst mehr, und die Verbindungen nach draußen waren ebenfalls gekappt worden. Einwohner, die versuchten, die Stadt zu verlassen, wurden ohne Angabe von Gründen zurück in ihre Häuser geschickt.
Von ihrer aktuellen Warte aus betrachtet kam das alles Jill so unwirklich vor, diese ersten Stunden, nachdem sie von den Angriffen und den Blockaden erfahren hatte. Sie war zum RPD-Gebäude gegangen, um Chief Irons aufzusuchen, aber er hatte sich geweigert, mit ihr zu sprechen. Jill hatte gewusst, dass ein paar der Polizisten ihr zuhören würden, dass nicht alle so blind oder korrupt wie Irons waren – aber selbst unter Hinweis auf die bizarren Angriffe, die sie selbst mit angesehen hatten, waren sie nicht bereit gewesen, die Wahrheit zu akzeptieren.
Und wer könnte ihnen das zum Vorwurf machen? ‚Hören Sie zu, Officers – Umbrella, die Firma, die für den Aufbau unserer schönen Stadt verantwortlich ist, hat im eigenen Hinterhof mit einem Designer-Virus herumexperimentiert. Man hat abnorme Wesen gezüchtet und aufgezogen und ihnen dann etwas injiziert, das sie unglaublich stark und brutal macht. Wenn Menschen diesem Zeug ausgesetzt werden, verwandeln sie sich in … es gibt leider kein angemesseneres Wort dafür … Zombies. Fleisch fressende, hirnlose, bei lebendigem Leib verrottende Zombies, die keine Schmerzen spüren und versuchen, andere Menschen aufzufressen. Sie sind nicht wirklich tot, aber ziemlich nah dran. Also, lassen Sie uns zusammenarbeiten, okay? Gehen wir da raus und fangen an, unbewaffnete Bürger auf den Straßen niederzumähen, Ihre Freunde und Nachbarn – wenn wir es nämlich nicht tun, könnten Sie die Nächsten sein.‘
Jill saß auf der Bettkante und seufzte. Sie war etwas taktvoller gewesen, aber ganz gleich, mit wie viel Bedacht man die Worte wählte, blieb es doch immer eine völlig aberwitzige Geschichte. Natürlich hatten sie ihr nicht geglaubt, zu jenem Zeitpunkt noch nicht – nicht bei Tageslicht und in der vermeintlichen Sicherheit ihrer Uniformen. Erst als nach Einbruch der Dunkelheit das Geschrei begonnen hatte …
Das war am 25. September gewesen. Heute war der 28., und die Cops waren mit ziemlicher Sicherheit alle tot – Schüsse hatte Jill zum letzten Mal … gestern gehört? Vorige Nacht? Es konnten die Plünderer gewesen sein, vermutete sie, aber es kam ohnehin nicht mehr darauf an. Raccoon war ausgestorben, bis auf die hirnlosen Virusträger, die durch die Straßen streiften und nach einer Mahlzeit suchten.
Ohne Schlaf und unter fast pausenlosem Adrenalinfluss waren die Tage für Jill ineinander übergegangen; Details verwischten. Nachdem der Polizeiapparat außer Kraft gesetzt war, hatte Jill ihre Zeit mit der Suche nach Überlebenden verbracht, endlose Stunden, in denen sie sich geduckt durch dunkle Gassen bewegt, an Türen geklopft und Gebäude durchkämmt hatte nach denjenigen, die es geschafft hatten, sich zu verstecken. Sie hatte ein paar Dutzend gefunden und mit der Hilfe einiger weniger hatten sie es an einen sicheren Ort geschafft, eine Highschool, die sie verbarrikadiert hatten. Jill hatte sich davon überzeugt, dass diese Menschen in Sicherheit waren, bevor sie wieder in die Stadt hinausgegangen war, um nach weiteren zu suchen.
Sie hatte keine mehr gefunden. Und heute Morgen, als sie in die Highschool zurückkehrte …
Sie wollte nicht daran denken, aber ein Teil von ihr wusste, dass sie es tun musste, dass sie es sich nicht leisten konnte, es zu vergessen. Heute morgen war sie zurückgegangen, und die Barrikaden waren verschwunden gewesen. Niedergerissen von Zombies oder vielleicht von jemandem im Gebäude, jemandem, der hinausgeschaut und geglaubt hatte, in der Meute der Fleischfresser einen Bruder oder einen Onkel zu sehen – oder eine Tochter. Jemand, der festen Glaubens gewesen war, das Leben eines seiner Lieben zu retten, ohne rechtzeitig zu erkennen, dass es dafür bereits zu spät war.
Es war wie in einem Schlachthaus gewesen, die Luft hatte nach Kot und Erbrochenem gestunken, die Wände waren mit Blut verschmiert gewesen. Da hatte Jill beinahe aufgegeben, müder als jemals zuvor und kaum mehr in der Lage, etwas anderes zu sehen als die Leichen jener, die das Glück gehabt hatten zu sterben, bevor sich das Virus in ihrem Körper hatte ausbreiten können. Als sie durch die fast leeren Flure gegangen war, um die Hand voll Infizierter, die noch umhergestolpert waren, zu töten – Menschen, die sie gefunden hatte, Menschen, die vor Erleichterung geweint hatten, als sie Jill nur ein paar Stunden zuvor sahen –, war alle Hoffnung, die sie noch gehegt hatte, gewichen. Die Erkenntnis, dass alles, was sie durchgemacht hatte, letztlich keinen Sinn gehabt hatte, war überwältigend.
Das Wissen um Umbrellas Machenschaften hatte im Endeffekt niemanden gerettet, und die Bürger, die sie geglaubt hatte, in Sicherheit geführt zu haben – über siebzig Männer, Frauen und Kinder – waren nun tot.
Sie konnte sich wirklich nicht erinnern, wie sie es nach Hause geschafft hatte. Sie war nicht mehr fähig gewesen, klar zu denken, hatte nicht mehr sehen können mit ihren tränenverquollenen Augen. Abgesehen davon, wie es sie erschüttert hatte, waren Tausende gestorben – eine so gewaltige Tragödie, dass sie es mit dem Verstand nicht fassen konnte.
Das Ganze hätte verhindert werden können. Und es war Umbrellas Schuld.
Jill zog die Beretta unter dem Kissen hervor und gestattete sich zum ersten Mal, die Ungeheuerlichkeit dessen zu empfinden, was Umbrella getan hatte. Während der letzten paar Tage hatte sie ihre Gefühle unter Kontrolle gehalten – sie hatte Menschen führen, ihnen helfen müssen, und da hatte es keinen Platz für persönliche Gefühle gegeben.
Jetzt allerdings …
Sie war bereit, Raccoon zu verlassen und die Bastarde, die nichts gegen die Katastrophe unternommen hatten, spüren zu lassen, wie sie sich deswegen fühlte. Sie hatten ihr die Hoffnung geraubt, aber nicht verhindern können, dass sie überlebte.
Jill lud die Waffe durch und straffte sich. In ihrem Bauch wühlte glühender, aus tiefster Seele kommender Hass. Es war Zeit zu gehen.