VIER
Im Hinterzimmer des geheimen Unterschlupfs in Paris waren Chris Redfield und Barry Burton mit Nachladen beschäftigt, still und angespannt. Keiner von beiden sprach ein Wort. Die letzten zehn Tage waren schlimm gewesen – die Ungewissheit, was mit Claire geschehen war, die Ungewissheit, ob Umbrella sie am Leben gelassen hatte …
… hör auf!, verlangte Chris’ innere Stimme mit Nachdruck. Sie ist noch am Leben, sie muss noch am Leben sein. Die einzige andere Möglichkeit auch nur in Erwägung zu ziehen, war schlicht unvorstellbar.
Das sagte er sich jetzt seit zehn Tagen, und allmählich fruchtete es nicht mehr. Es war schlimm genug gewesen zu hören, dass sie in Raccoon City gewesen war, als es zum endgültigen Niedergang kam, und dass sie dort nur hingefahren war, um nach ihm zu suchen. Leon Kennedy, der junge Cop, mit dem sie sich angefreundet hatte, erzählte Chris die Einzelheiten über ihr Zusammentreffen. Sie hatte Raccoon nur überlebt, um auf dem Weg nach Europa von Trent entführt zu werden, nicht nur sie, sondern auch Leon und die drei abtrünnigen S. T. A. R. S.-Mitglieder; schlussendlich hatten sie sich einer weiteren Gruppe von Umbrella-Monstern gegenüber gesehen, in einer Anlage in Utah. Chris hatte von all dem nichts gewusst, war ahnungslos davon ausgegangen, dass sich seine Schwester immer noch in Sicherheit befand und an der Universität studierte.
Zu erfahren, dass sie in den Kampf gegen Umbrella verwickelt worden war, hatte ihn ziemlich mitgenommen – aber zu wissen, dass Umbrella sie erwischt hatte, und dass seine kleine Schwester womöglich schon tot war … das brachte ihn fast um, fraß ihn innerlich auf. Er musste sich verdammt zusammenreißen, um nicht einfach mit ein paar Maschinenpistolen bewaffnet in Umbrellas Hauptquartier zu stürmen und Antworten zu verlangen, auch wenn er wusste, dass dies einem Selbstmord gleich gekommen wäre.
Barry hantierte mit dem Patronenlader, während Chris Munition in Schachteln packte. Der beißende, vertraute Geruch von Schießpulver lag in der Luft. Es erleichterte ihn, dass sein alter Freund Verständnis für sein Bedürfnis zu schweigen aufbrachte. Das regelmäßige Klick-klick des Laders war das einzige Geräusch in dem kleinen Raum.
Ebenso erleichternd war es, endlich etwas zu tun zu haben, nachdem sie eine Woche lang nur herumgesessen waren und gebetet hatten – in der Hoffnung, dass Trent sich bei ihnen mit Neuigkeiten melden oder seine Hilfe anbieten würde. Chris war Trent nie begegnet, aber der geheimnisvolle Fremde hatte sie in der Vergangenheit einige Male unterstützt, indem er ihnen Insider-Informationen über Umbrella zuspielte. Wenn seine genauen Beweggründe auch unbekannt waren, so schien sein Ziel doch klar zu sein – die Zerstörung der geheimen Biowaffen-Abteilung des Pharma-Unternehmens. Leider aber war es so, dass Trent sie bislang nur kontaktiert hatte, wenn es seinen Zwecken diente. Und da sie keine Möglichkeit hatten, mit ihm in Verbindung zu treten, nahm die Wahrscheinlichkeit, dass er ihnen helfen würde, mehr und mehr ab.
Klick-klick. Klick-klick. Das sich immerzu wiederholende Geräusch wirkte irgendwie beruhigend, ein gedämpfter mechanischer Vorgang in der Stille des angemieteten Verstecks. In Erfüllung ihres Schwures, Umbrella zu stürzen, hatten sie alle spezielle Pflichten zu erfüllen, Aufgaben, die sich von Tag zu Tag änderten, je nachdem, welche neuen Notwendigkeiten sich ergaben. In den vergangenen anderthalb Wochen hatte Chris seinem Freund Barry mit den Waffen ausgeholfen, für gewöhnlich aber war er für die HQ-Überwachung verantwortlich.
Vor ein paar Wochen hatten sie eine Nachricht von Jill erhalten, sie war auf dem Weg nach Paris gewesen, und Chris wusste, dass ihre kriminelle Vergangenheit sich bei ihrem weiteren Vorgehen als nützlich erweisen konnte. Leon, so hatte sich herausgestellt, war ein halbwegs brauchbarer Hacker. Er saß im Raum nebenan am Computer und hatte seit Claires Gefangennahme kaum geschlafen. Die meiste Zeit brachte er damit zu, Umbrellas aktuellen Aktivitäten nachzuspüren. Und das S. T. A. R. S.-Trio, das mit Claire und Leon nach Europa gekommen war – Rebecca von der aufgelösten Raccoon-Einheit und die beiden Ex-S. T. A. R. S. aus Maine, David und John –, befand sich zurzeit in London, wo es sich mit einem Waffenhändler traf. Nach allem, was die drei gemeinsam durchgemacht hatten, arbeiteten sie als Team erstklassig zusammen.
Wir sind nicht viele, aber wir haben das Zeug dazu und die Entschlossenheit. Claire allerdings …
Nach dem Tod ihrer Eltern hatte sich zwischen ihm und Claire eine enge Beziehung entwickelt, und er glaubte, sie ziemlich gut einschätzen zu können. Sie war klug, taff und einfallsreich, immer schon gewesen … aber sie war auch eine College-Studentin, Herrgott noch mal. Im Gegensatz zu den anderen hatte sie keine formelle Kampfausbildung genossen. Er konnte nicht anders als annehmen, dass sie bislang einfach nur Glück gehabt hatte. Doch wenn es um Umbrella ging, war Glück auf Dauer einfach nicht genug.
„Chris, komm her!“
Das war Leon, und sein Ton klang dringend. Chris und Barry tauschten einen Blick. Chris sah seine eigene Sorge in Barrys Gesicht wie in einem Spiegel, und sie standen beide auf. Das Herz klopfte Chris bis zum Hals. Er eilte voraus, den Gang hinunter zu dem Raum, in dem Leon arbeitete. Er empfand Neugier und Furcht in einem.
Der junge Cop stand neben dem Computer, seine Miene war undeutbar.
„Sie lebt“, sagte Leon schlicht.
Chris war sich nicht im Klaren gewesen, wie sehr ihn die Sache wirklich mitnahm, bis er diese beiden Worte hörte. Es war, als würde sein Herz plötzlich befreit, nachdem es zehn Tage lang in einen Schraubstock eingespannt gewesen war. Die Erleichterung überkam ihn nicht nur emotionell, sondern auch körperlich, erfüllte ihn mit Wärme.
Sie lebt, sie …
Barry schlug ihm lachend auf die Schulter. „Natürlich lebt sie noch, sie ist eine Redfield!“
Chris grinste, dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf Leon – und spürte, wie sein Lächeln beim Anblick der bemüht sachlichen Miene des Cops schwand. Da war also noch etwas anderes.
Ehe er danach fragen konnte, deutete Leon auf den Computerbildschirm und holte tief Luft. „Man hält sie auf einer Insel fest, Chris … und dort hat es einen Unfall gegeben.“
Mit einem Schritt erreichte Chris den Computer und beugte sich vor. Er las die kurze Nachricht zweimal, und langsam sickerte ihm ihre Bedeutung ins Bewusstsein.
Probleme nach Infektion auf ungefähr 37S, 12W nach Angriff, Verantwortliche unbekannt. Keiner von den bösen Buben übrig, aber im Moment sitze ich hier fest. Pass auf dich auf, Bruderherz, sie wissen, in welcher Stadt, wenn nicht sogar in welcher Straße. Versuche bald heimzukommen.
Chris stand auf und sah Leon schweigend an, während Barry die Nachricht las. Leon lächelte, aber es wirkte gezwungen.
„Du hast sie in Raccoon nicht gesehen“, sagte er. „Sie kann auf sich Acht geben, Chris. Und sie hat es immerhin geschafft, an einen Computer zu kommen, stimmt’s?“
Barry richtete sich auf und nahm das Stichwort auf, das Leon gegeben hatte. „Das heißt, dass sie nicht eingesperrt ist“, sagte er ernst. „Und wenn Umbrella mit einem weiteren Virusausbruch beschäftigt ist, werden sie keine Zeit haben, sich um etwas anderes zu kümmern. Wichtig ist, dass sie lebt.“
Chris nickte abwesend, während er bereits darüber nachdachte, was er für die Reise brauchen würde. Den Koordinaten zufolge, die Claire angegeben hatte, befand sie sich an einem ziemlich abgelegenen Ort, weit draußen im Südatlantik. Aber er hatte einen alten Air-Force-Kumpel, der ihm einen Gefallen schuldete. Er konnte nach Buenos Aires fliegen, vielleicht nach Capetown. Dort konnte er ein Boot mieten … Survival-Ausrüstung, Seil, Medizin-Notfallausrüstung, jede Menge Feuerkraft …
„Ich komme mit“, sagte Barry, der seine Miene genau richtig deutete. Sie waren seit langer Zeit befreundet.
„Ich auch“, sagte Leon.
Chris schüttelte den Kopf. „Nein, ganz bestimmt nicht.“
Die beiden Männer wollten protestieren, aber Chris erhob seine Stimme. „Ihr habt doch gelesen, was sie schreibt – dass Umbrella sich auf mich einschießt, auf uns“, sagte er mit fester Stimme. „Das heißt, wir müssen umziehen, vielleicht in eines der Verstecke außerhalb der Stadt – jemand muss hier bleiben und auf Rebeccas Team warten, und ein anderer muss eine neue Operationsbasis auskundschaften. Und vergesst nicht, dass Jill jeden Tag hier eintreffen kann.“
Barrys Miene verdüsterte sich. Er kratzte sich den Bart, sein Mund wurde zu einem dünnen, harten Strich. „Das gefällt mir nicht. Allein loszuziehen ist keine gute Idee …“
„Wir befinden uns momentan in einer entscheidenden Phase, und das weißt du“, sagte Chris. „Jemand muss sich um den Laden hier kümmern, Barry, und du bist der richtige Mann dafür. Du hast die Erfahrung, du kennst die ganzen Verbindungsleute.“
„Na schön, aber nimm wenigstens den Jungen mit“, erwiderte Barry und deutete auf Leon. Diesmal protestierte Leon nicht gegen die Bezeichnung, sondern nickte nur und straffte sich, nahm die Schultern zurück und den Kopf hoch.
„Wenn schon nicht um deinetwillen, dann denk wenigstens an Claire“, fuhr Barry fort. „Was wird aus ihr, wenn du bei der Sache draufgehst? Du brauchst Rückendeckung.“
Doch Chris schüttelte unnachgiebig den Kopf. „Du weißt es doch ganz genau, Barry. Die Sache muss so unauffällig wie möglich über die Bühne gehen. Umbrella hat vielleicht schon ein Krisenkommando reingeschickt. Nein: eine Person, rein und wieder raus, bevor überhaupt jemand merkt, dass ich da war.“
Barry sah immer noch finster drein, aber er drängte nicht weiter. Ebenso wenig wie Leon, auch wenn Chris sehen konnte, dass er innerlich stark aufgewühlt war; der Cop und Claire standen einander offenbar sehr nahe.
„Ich werde sie zurückbringen“, sagte Chris in nun etwas sanfterem Ton, und dabei sah er Leon an. Der zögerte, nickte dann aber. Seine Wangen brannten vor Röte, und Chris fragte sich, wie nahe Leon und seine Schwester sich gekommen sein mochten.
Später. Über seine Absichten kann ich mir Sorgen machen, falls wir lebend zurückkommen … wenn wir lebend zurückkommen, korrigierte er sich rasch. Ein „Falls“ stand nicht zur Debatte.
„Dann ist also alles klar“, sagte Chris. „Leon, such mir eine gute Karte von der Gegend, geografisch, politisch, mit allem Drum und Dran eben, man kann nie wissen, was sich als hilfreich erweist. Und schicke Claire eine Antwort für den Fall, dass sie noch eine Chance bekommt, auf das Messageboard zu schauen – sag ihr, dass ich unterwegs bin. Barry, ich brauche Waffen mit ordentlich Power, aber leicht vom Gewicht her. Etwas, das mir beim Laufen keine großen Probleme bereitet, eine Glock vielleicht … du bist der Experte, du entscheidest.“
Die beiden Männer nickten und machten sich an die Arbeit. Chris schloss für eine Sekunde die Augen und sprach ein stilles Stoßgebet.
Bitte, bitte bleib in Sicherheit, bis ich komme, Claire.
Das war nicht viel – aber andererseits hatte Chris das Gefühl, dass er in den langen Stunden, die vor ihm lagen, noch genug Zeit zum Beten bekommen würde.
Der geheime Überwachungsraum lag hinter einer Bücherwand in der Privatresidenz der Ashfords. Nachdem er in ihrer beider Heim zurückgekehrt war, das hinter der „offiziellen“ Empfangsvilla versteckt lag, schulterte Alfred sein Gewehr und begab sich umgehend zu jener Wand, wo er in schneller Folge die Rücken dreier Bücher berührte. Aus den Schatten der Vorhalle fühlte er sich von hundert Augenpaaren beobachtet, und obschon er sich längst an Alexias überall verstreute Puppensammlung gewöhnt hatte, wünschte er sich doch oft, dass sie ihn nicht so eindringlich angestarrt hätten. Es gab Zeiten, in denen er etwas Privatsphäre brauchte.
Als die Wand zurückschwang, hörte er das Flüstern von Fledermäusen, die sich im Dachgebälk verbargen. Er runzelte die Stirn und schürzte die Lippen. Anscheinend war durch den Angriff ein Riss zum Speicher entstanden.
Egal, egal. Darum kann ich mich ein anderes Mal sorgen. Er hatte Wichtigeres zu tun, und es verlangte seine ganze Aufmerksamkeit.
Alexia hatte sich offenbar wieder in ihre Räume zurückgezogen, was ihm nur recht war; Alfred wollte nicht, dass sie sich noch mehr aufregte, und die Nachricht über einen möglichen Attentäter auf Rockfort würde eben dies zur Folge haben. Er trat in den Geheimraum und drückte die exakt ausbalancierte Wand hinter sich zu.
Für gewöhnlich standen ihm 75 verschiedene Kameras zur Auswahl, deren Bilder er auf die zehn Bildschirme in dem kleinen Raum holen konnte. Aber ein Großteil der Überwachungsgerätschaften auf dem Gelände war beschädigt oder zerstört worden, und so konnte er nur auf 31 Bilder zugreifen. Da er Claires niederträchtige Absichten kannte – Informationen zu stehlen und nach Alexia zu suchen –, entschied Alfred, sich auf ihren Weg vom Gefängnisgelände aus zu konzentrieren. Er zweifelte nicht daran, dass sie schon in Kürze auftauchen würde; eine wie sie hatte nicht den Anstand, bei dem Angriff oder an dessen Folgen zu sterben … Aber während seine Erwartungen und sein Interesse an dem Spiel wuchsen, begann er dennoch eine leise Unruhe darüber zu verspüren, dass sie eventuell doch ums Leben gekommen sein könnte.
Zum Glück jedoch erwies sich seine ursprüngliche Annahme als richtig. Ein anderer Gefangener trat zuerst durch das Haupttor, doch ihm folgte schon kurz darauf die kleine Redfield. Belustigt ob des mühsamen Vorankommens der beiden, sah Alfred zu, wie Claire versuchte den jungen Mann einzuholen – dem Rücken seiner Uniform nach Gefangener Nummer 267, der scheinbar keine Ahnung hatte, dass er verfolgt wurde.
Als der junge Mann das obere Ende der Treppe erreichte, die aus dem Gefängnisbereich herauf führte, und unsicher zwischen dem Villengelände und der Trainingsanlage stand, gab Alfred die Zahl 267 in das Tastenfeld unter seiner linken Hand ein und fand einen Namen: Steven Burnside. Das sagte ihm nichts, und als der Junge unentschlossen zögerte, lenkte Alfred sein Augenmerk wieder auf seine Beute, weil er neugierig auf die junge Frau war, die schon bald seine Spielgefährtin sein würde.
Claire überquerte die beschädigte Brücke über die Schlucht nur wenige Augenblicke nach Burnside, und dabei lief sie wie eine Sportlerin auf den Fußballen. Sie wirkte sehr selbstbeherrscht, besonnen, aber nicht übervorsichtig, als sie die Brücke passierte … aber sie achtete auch sorgsam darauf, nicht in die dunstgefüllte Dunkelheit hinabzusehen, die sich zwischen den schroffen Felswänden Hunderte Fuß in die Tiefe erstreckte, und sie zögerte auch nicht. In der wohligen Sicherheit seines Hauses lächelte Alfred, als er sich ihre köstliche Furcht ausmalte … und plötzlich erinnerte er sich eines Streiches, den er und Alexia einmal einem Wachmann gespielt hatten.
Sie waren damals sechs oder sieben Jahre alt gewesen, und Francois Celaux, einer der liebsten Mitarbeiter ihres Vaters, war Schichtführer. Er war ein schmeichlerischer Kriecher, ein Stiefellecker, aber nur Alexander Ashford gegenüber. Hinter dem Rücken ihres Vaters hatte er es gewagt, eines Nachmittags gefühllos über Alexia zu lachen, als sie in strömendem Regen hingefallen war und sich ihr neues blaues Kleid mit Schlamm beschmutzt hatte. Solch eine Beleidigung durfte nicht ungesühnt bleiben.
Oh, wie wir Pläne schmiedeten, bis spät in die Nacht über eine angemessene Bestrafung für sein unverzeihliches Verhalten sprachen. Unsere kleinen Köpfe arbeiteten auf Hochtouren und schwirrten ob all der Möglichkeiten …
Der letztendliche Plan war einfach gewesen, und schon zwei Tage später, als Francois Wachdienst am Haupttor schob, hatten sie ihn perfekt ausgeführt. Alfred hatte den Koch zuckersüß dazu überredet, dass er Francois seinen Morgen-Espresso bringen durfte, eine Gefälligkeit, die er bevorzugten Angestellten oft erwies … und auf dem Weg zur Brücke über die Kluft hatte Alexia das starke, bittere Gebräu ein wenig „nachgewürzt“, nur ein paar Tropfen einer kurare-ähnlichen Substanz, die sie selbst synthetisiert hatte. Das Gift lähmte die Muskeln, ließ das Nervensystem aber weiter funktionieren, sodass das Opfer weder sprechen noch sich bewegen, aber alles spüren und verstehen konnte, was mit ihm geschah.
Alfred hatte sich dem Gefängnistor langsam genähert, so langsam, dass der ungeduldige Francois ihm entgegen gelaufen war. Lächelnd und wohl wissend, dass Alexia ins Haus zurückgekehrt war und vom Überwachungsraum aus zusah und -zuhörte – Alfred trug ein kleines Mikrofon bei sich –, trat er ganz dicht an das Geländer, bevor er sich entschuldigte und Francois die Mokkatasse reichte. In stiller Freude sahen die Zwillinge zu, wie der Wachmann den Espresso trank. Und schon Sekunden später schnappte er nach Luft und lehnte sich schwer gegen das Brückengeländer. Für jemanden, der sie zufällig sah, musste es den Anschein haben, als blickten der Mann und der Junge lediglich in die Schlucht hinab … außer für Alexia natürlich, die ihm später verriet, dass sie seiner unschuldigen Vorführung applaudiert hatte.
Ich sah zu ihm auf, in den erstarrten Ausdruck von Angst in seinen ungeschlachten Zügen, und erklärte ihm, was wir getan hatten. Und was wir noch tun würden.
Francois hatte es tatsächlich geschafft, einen leisen Quieklaut zwischen seinen zusammen gepressten Kiefern hervorzuquetschen, als er endlich begriff, dass er zu hilflos war, um sich selbst gegen ein Kind zur Wehr zu setzen. Fast fünf Minuten lang beschimpfte Alfred den Wachmann fröhlich als Schweinekerl, als Bauern ohne Manieren und stach ihm unzählige Male mit einer Nähnadel in das Fleisch seiner Schenkel.
Gelähmt konnte Francois Celaux nichts anderes tun, als die Schmerzen und die Demütigung zu erdulden, und sicherlich bereute er sein abscheuliches Benehmen Alexia gegenüber, während er still vor sich hinlitt. Und als Alfred des Spielchens überdrüssig wurde, trat er einige Male gegen die schmutzigen Stiefelabsätze des Wachmanns, wobei er Alexia jede Empfindung beschrieb, während Francois hilflos unter dem Geländer hindurchrutschte und in den Tod stürzte.
Und dann schrie ich und gab vor zu weinen, als andere über die Brücke herbeieilten und verzweifelt versuchten, ihren jungen Herrn zu trösten, derweil sie einander fragten, wie so etwas Furchtbares nur hatte passieren können. Und später, viel später, kam Alexia in mein Zimmer und küsste mich auf die Wange, ihre Lippen warm und weich. Ihre seidigen Locken kitzelten mich am Hals …
Die Bildschirme lenkten seine Aufmerksamkeit von der süßen Erinnerung ab. Claire stand nun an derselben Stelle, wo auch Burnside schon gezögert hatte. Rechtschaffen verärgert über sich selbst, weil er nicht Acht gegeben hatte, suchte Alfred einen Moment lang nach dem jungen Ganoven, schaltete zwischen den Kameras hin und her und fand ihn schließlich auf den Stufen zur Empfangsvilla. Rasch überprüfte Alfred mittels der Kontrollfelder seiner Konsole, ob auch alle Türen der Villa unverschlossen waren. Er ging davon aus, dass sich der Junge sehr schnell in die Bredouille bringen würde …
… und er krähte vor Freude, als er sah, dass Claire ihm folgte, dass sie sich für denselben Weg entschied wie ihr junger Freund.
Wie viel köstlicher ihr Entsetzen doch sein wird, wenn sie um ihr Leben fleht und dabei in Mister Burnsides erkaltendem Blut kniet.
Wenn er die beiden angemessen begrüßen wollte, musste er sich jetzt auf den Weg machen. Alfred stand auf, öffnete die Wand wieder, und als er sie hinter sich schloss und in die große Halle hinaus trat, steigerte sich seine Erregung noch. Er hätte Alexia gern von seinen Plänen erzählt, bevor er ging, ein paar seiner Ideen mit ihr geteilt. Aber er fürchtete, dass die Zeit zu knapp wurde.
„Ich werde zusehen, mein Lieber“, sagte sie.
Erschrocken schaute Alfred nach oben, wo sie am Ende der Treppe stand, nicht weit entfernt von der lebensgroßen Kinderpuppe, die vom obersten Balkon hing, eines von Alexias Lieblingsspielzeugen. Er setzte an, sie zu fragen, woher sie Bescheid wusste, sah dann aber ein, was für eine dumme Frage dies wäre. Natürlich wusste sie es, denn sie wusste, was in seinem Herzen vorging – schließlich war es dasselbe Herz, das auch in ihrer schneeweißen Brust schlug.
„Geh jetzt, Alfred“, sagte sie und bezauberte ihn mit ihrem Lächeln. „Genieße es für uns beide.“
„Das werde ich, Schwester“, antwortete er, ihr Lächeln erwidernd und abermals dankbar dafür, der Bruder eines solch wundervollen Geschöpfes zu sein – und froh darüber, dass sie seine Bedürfnisse und Wünsche verstand.
Als Claire die Tür der Villa hinter sich schloss, empfand sie es wie eine bizarre Umkehr der Wirklichkeit. Eben noch die heruntergekommenen, kalten, mit Tod erfüllten, finsteren Gefängnishöfe, und nun das hier … Es war kaum zu fassen und doch typisch Umbrella, sodass ihr keine Wahl blieb, als es hinzunehmen.
Aber gottverdammt, ich meine, also ehrlich …
Die prächtige, herrlich gestaltete tiefer liegende Eingangshalle, die sich vor ihr erstreckte, wurde nur von ein paar schmutzigen Stiefelabdrücken verunziert, die über den Fliesenboden verliefen, sowie von ein paar Blutspritzern auf den empfindlichen, eierschalfarbenen Wänden. In der Decke gab es außerdem eine Anzahl großer Risse, und auf einer der dicken Ziersäulen, die die Westwand säumten, trocknete ein einzelner kastanienbrauner Handabdruck; vom unteren Rand des Handballens aus verliefen dünne rote Rinnsale zum Fuß der Säule.
Dann waren die Gefangenen also nicht die Einzigen, die einen beschissenen Nachmittag hatten. Das war hochnäsig und kleinkariert von ihr, das wusste sie, aber das Wissen, dass die höheren Tiere von Umbrella ebenfalls ihr Fett abbekommen hatten, ließ sie sich etwas besser fühlen.
Einen Moment lang blieb sie stehen, erleichtert darüber, der Kälte entronnen zu sein, und gelinde überrascht ob der verschiedenen Gesichter der Rockfort-Anlage.
Sie sah sich weiter um. Hinter einer der Säulen links von ihr befand sich eine blaue Tür, eine zweite Tür in der Nordwestecke des weitläufigen Raumes. Direkt vor ihr war ein polierter Empfangstresen aus Mahagoni, der an eine offene Treppenflucht grenzte, die an der rechten Wand zur Galerie im ersten Stock empor führte. Dort hing ein merkwürdig beschädigtes Porträt. Das Gesicht der dargestellten Person war aus irgendeinem Grund abgeschabt worden.
Claire trat in die Halle hinunter, bückte sich und fuhr mit dem Finger durch einen der schlammigen Fußabdrücke. Er war noch feucht. Weitere Tritte führten zu der Tür in der Ecke. Sie konnte nicht sicher sein, dass es sich um Steves Abdrücke handelte, aber die Wahrscheinlichkeit schien ihr doch ziemlich hoch. Er hatte eine Spur hinterlassen, die vom offenen Gefängnistor bis zu ein paar herumliegenden Patronenhülsen unweit der Villa und zwei weiteren toten Hunden geführt hatte. Für einen innerlich offenbar so instabilen jungen Mann war er ein überraschend guter Schütze …
Warum mache ich mir dann so viel Mühe, um ihm zu helfen?, dachte sie säuerlich, immer noch dastehend. Er will meine Hilfe nicht, scheint sie auch nicht zu brauchen, und es ist ja nun nicht so, als hätte ich nichts anderes zu tun.
Als er sie so überraschend allein gelassen hatte, war sie ihm nicht sofort gefolgt, weil sie die Nachricht an Leon so schnell wie möglich absetzen wollte. Außerdem hatte sie sich dazu verpflichtet gefühlt, das Büro rasch nach irgendwelchen Medikamenten zu durchsuchen, etwas, das Rodrigo helfen konnte. Aber sie hatte nichts Nützliches gefunden …
„Hilfe! Hilf miiiir!“ Ein gedämpfter Schrei, der von irgendwoher aus dem Gebäude drang.
Steve?
„Lass mich raus! Hallo! Zu Hilfe!“
Claire rannte bereits mit erhobener Waffe auf die Tür in der Ecke zu. Sie rammte die Schulter gegen das massive Holz, und die Tür öffnete sich krachend in einen langen Flur. Steve rief abermals, vom anderen Ende des Ganges her. Claire zögerte nur so lange, wie sie brauchte, um festzustellen, dass sich die drei Leichen, die auf dem Fliesenboden lagen, nicht erheben würden. Dann stürmte sie weiter, den Blick auf die Tür direkt voraus gerichtet, die sie für die richtige hielt.
„Hilfe!“
Herrgott, was geschieht nur mit ihm? Er klang völlig panisch, seine Stimme schrill.
Claire erreichte das Ende des Flures, drückte gegen die Tür und stürmte hindurch, beschrieb mit der Waffe einen Bogen, der den ganzen Raum abdeckte – und sah nichts, nur ein Zimmer mit Vitrinen und Polsterstühlen. Irgendwo summte ein Alarmton, aber sie erkannte nicht, was ihn verursachte.
Links, eine Bewegung. Claire kreiselte herum, hielt fieberhaft nach einem Ziel Ausschau – und sah, dass dort ein Film auf eine kleine Leinwand projiziert wurde, lautlos und flackernd. Zwei hübsche blonde Kinder, ein Junge und ein Mädchen, blickten einander fest in die Augen. Der Junge hielt etwas fest, etwas Zuckendes …
Eine Libelle, und er –
Claire sah angewidert weg. Der Junge riss dem sich windenden Insekt die Flügel aus und lächelte dabei, beide lächelten sie.
„Steve!“ Warum rief er denn nicht mehr, um klarzumachen, wo war er? Sie war im falschen Raum, musste es sein …
„Claire? Claire, hier drinnen! Mach die Tür auf!“
Seine Stimme drang hinter der Leinwand hervor. Claire rannte durch das Zimmer, suchte die Wand ab. Beiläufig bekam sie mit, dass die beiden Kinder die gequälte Libelle in einen Behälter voller Ameisen fallen ließen und zusahen, wie das verkrüppelte Insekt zu Tode kam.
„Welche Tür, wo?“, rief Claire und fuhr mit beiden Händen hektisch über die Wand, drückte gegen eine Glasvitrine, zog an der Leinwand …
… und diese schnurrte nach oben und verschwand in einem Schlitz. Dahinter befanden sich eine Konsole, ein Keyboard und sechs Bildwürfel in zwei Dreier-Reihen, darunter jeweils ein Schalter.
„Claire, tu doch was! Ich verbrenne!“
„Was soll ich tun, wie bist du da reingekommen? Steve!“
Keine Antwort. Sie konnte die wachsende Verzweiflung in ihrer Stimme hören, konnte spüren, wie sie sich bis in ihren Kopf vor fraß …
Konzentrier dich. Los, mach schon.
Claire gebot der Panik Einhalt, lauschte der klaren Stimme ihres Verstandes, der Stimme der Vernunft. Wenn sie in Panik verfiel, würde Steve sterben.
Es gibt keine Tür. Aber da ist eine Konsole mit Würfeln.
Ja, das war es, das war der Schlüssel. Steve flehte sie ein weiteres Mal an, etwas zu tun, aber Claire schaute nur auf die Würfel, konzentrierte sich. Sie unterscheiden sich voneinander. Ich sehe ein Boot, eine Ameise, eine Schusswaffe, ein Messer, eine Schusswaffe, ein Flugzeug …
Sie unterschieden sich nicht alle voneinander, es gab zwei Schusswaffen, eine halbautomatische Pistole und einen Revolver, die Schalter waren mit „C“ und „E“ beschriftet. Ansonsten stimmte nichts überein, und Claires erster Gedanke war, dass diese Anordnung hier sie an einen dieser Grundschultests erinnerte, bei denen man herausfinden musste, welche beiden Objekte zusammengehörten. Ohne ihre Überlegung zu hinterfragen, streckte Claire die Hand vor und drückte die beiden Schalter. Beide Würfel leuchteten auf …
… und rechts von ihr glitt ein Schaukasten aus der Wand hervor. Der summende Alarmton verstummte, und aus der Wand strömte eine Woge trockener Backofenhitze und spülte über sie hinweg. Eine halbe Sekunde später taumelte Steve heraus und fiel auf die Knie, Arme und Gesicht krebsrot. Er hielt ein Paar zusammenpassender Handfeuerwaffen, die aussahen wie vergoldete Luger-Pistolen.
Schätze, ich habe mich für die richtigen Würfel entschieden.
Claire beugte sich über Steve, versuchte sich an die Symptome eines Hitzschlags zu erinnern – Schwindelgefühl und Übelkeit, glaubte sie. „Bist du okay?“
Steve blickte zu ihr auf. Mit seinen roten Wangen und dem etwas verlegenen Gesichtsausdruck ähnelte er in erster Linie einem kleinen Jungen, der zu viel Sonne abbekommen hat. Dann grinste er, und der Eindruck verging.
„Wo warst du denn so lange?“, krächzte er und stemmte sich auf die Beine.
Claire versteifte sich und verzog das Gesicht. „Och, bitte, bitte, nichts zu danken.“
Sein Grinsen wurde weicher, er zog den Kopf ein und schob sich dichte Haarsträhnen aus der Stirn. „Tschuldigung … und das von vorhin tut mir auch Leid. Danke, ehrlich!“
Claire seufzte. Da hatte sie gerade entschieden, dass er ein völliges Arschloch sei, und dann entschied er sich, nett zu sein.
„Und guck mal, was ich habe“, sagte er, riss beide Pistolen hoch und zielte auf eine der Glasvitrinen. „Die hingen da hinten an der Wand, geladen und alles. Cool, was?“
Sie musste dem plötzlichen Impuls widerstehen, ihn an den Schultern zu packen und durchzurütteln, damit er zu Verstand kam. Er hatte Mut, das musste sie ihm lassen, und er besaß offenkundig wenigstens marginale Überlebenstalente … aber begriff er denn nicht, dass er gestorben wäre, wenn sie ihn nicht um Hilfe hätte rufen hören?
Dieses Haus ist wahrscheinlich voller Todesfallen. Was mach ich bloß, damit er nicht wieder wegläuft?
Sie beobachtete ihn, als er so tat, als schieße er auf ein Bücherregal, und fragte sich beiläufig, ob das ganze Macho-Gehabe nicht einfach nur seine Art war, mit Angst umzugehen – und dabei fiel ihr eine Möglichkeit ein, von der sie glaubte, dass sie sogar funktionieren könnte.
Er will den harten Kerl markieren, also lass ihn einfach. Schmeichle seinem Ego.
„Steve, ich verstehe ja, dass du nicht nach einem Partner suchst, aber ich hätte schon gern einen“, sagte sie und gab sich alle Mühe, ehrlich zu klingen. „Ich … ich will da draußen nicht allein sein.“
Sie konnte regelrecht sehen, wie ihm die Brust schwoll, und war sehr erleichtert. Sie wusste, dass es geklappt hatte, noch bevor er etwas sagte. Sie hatte aber auch ein schlechtes Gewissen, weil sie ihn so manipulierte – aber nur ein bisschen; schließlich war es zu seinem Besten.
Und es ist ja auch nicht gelogen. Ich will wirklich nicht allein da draußen sein.
„Schätze, du kannst dich an mich dranhängen“, sagte er jovial. „Ich meine, wenn du Angst hast.“
Sie lächelte nur, die Zähne aufeinander gepresst, eisern bemüht, nicht den Mund zu öffnen, um ihm zu danken – weil sie nicht wusste, was ihr wirklich über die Lippen gekommen wäre.
„Und ich weiß auch, wie ich uns hier rauskriege“, ergänzte er, wobei ihm sein Angeber-Gehabe abhanden kam und seine jugendliche Begeisterung durchbrach. „Unter der Theke am Empfang ist eine kleine Karte, derzufolge sich direkt westlich von hier ein Dock befindet und irgendwo dahinter ein Flugplatz. Das heißt, wir haben die freie Wahl. Aber meine Fähigkeiten als Pilot sind nicht so umwerfend, deshalb stimme ich für eine kleine Kreuzfahrt. Wir können gleich losgehen.“
Vielleicht hatte sie ihn ja ein wenig unterschätzt. „Wirklich? Toll, das ist …“ Claire verstummte. Rodrigo, sie durfte Rodrigo nicht vergessen. Gemeinsam könnten wir ihn vielleicht zum Dock schaffen …
„Könntest du erst mit mir zurück zum Gefängnis gehen?“, fragte sie. „Der Mann, der mich aus der Zelle gelassen hat, ist noch dort, und er ist ziemlich schlimm verletzt …“
„Einer der Gefangenen?“, wollte Steve wissen. Er war plötzlich ganz Ohr.
Oje. Sie konnte lügen, aber er würde die Wahrheit sehr schnell herausfinden. „Äh, ich glaube nicht … aber er hat mich freigelassen, und ich hab irgendwie das Gefühl, dass ich ihm was schulde …“
Steves Miene verdüsterte sich, und sie fügte rasch hinzu: „Und es wäre … ähm …ehrenwert, denke ich, ihm wenigstens einen Erste-Hilfe-Kasten zu bringen, weißt du?“
Er biss nicht an. „Vergiss es. Wenn er kein Gefangener ist, dann arbeitet er für Umbrella und verdient einen Scheißdreck. Außerdem wird man sehr bald Truppen herschicken. Sollen die sich um ihn kümmern. Und? Kommst du jetzt mit oder nicht?“
Claire sah ihm fest in die dunklen Augen und las Zorn und Schmerz darin, beides sicherlich von Umbrella verursacht. Sie konnte ihm seine Einstellung nicht verübeln, aber sie war auch nicht seiner Meinung, nicht in Rodrigos Fall. Und sie zweifelte nicht daran, dass dieser, wenn er keine Hilfe bekam, sterben würde, noch bevor Umbrella hier aufkreuzte.
„Ich glaube nicht“, sagte sie.
Steve wandte sich ab, ging ein paar Schritte auf die Tür zu und blieb dann mit einem tiefen Seufzer stehen. Er drehte sich um, unübersehbar verärgert. „Auf gar keinen Fall riskiere ich meinen Hals, um einen Umbrella-Arbeiter zu retten, und nimm’s mir nicht übel, aber ich glaube, du bist völlig durchgeknallt, wenn du das tun willst … Aber ich werde auf dich warten, okay? Geh und bring dem Kerl ein Pflaster oder was auch immer, und dann treffen wir uns am Dock.“
Claire nickte überrascht. Das war weniger als sie erhofft, aber mehr als sie erwartet hatte, vor allem nach seinem seltsamen Andere-Menschen-werden-dich-im-Stich-lassen-Gefasel …
Oh!
Zum ersten Mal dämmerte ihr, warum Steve diese Dinge gesagt haben mochte, warum er den Schock über das, was passiert war und immer noch passierte, verleugnete. Er war schließlich ganz allein hier … kein Wunder, dass er sich mit Problemen herumschlug, die von dem Gefühl herrührten, mutterseelenallein auf der Welt zu sein.
Claire schenkte ihm ein warmes Lächeln. Sie erinnerte sich, wie wütend sie als Kind gewesen war, als ihr Vater starb. Seiner Familie entrissen zu werden, konnte nicht viel besser sein. „Es wird schön sein, wieder daheim zu sein“, sagte sie sanft. „Ich wette, deine Eltern werden sich freuen …“
Steve fiel ihr umgehend ins Wort, spöttisch und heftig. „Hör zu, komm zum Dock oder lass es sein, aber ich werde nicht den ganzen Tag warten, kapiert?“
Claire nickte erschrocken, aber Steve stürmte schon mit langen Schritten aus dem Raum. Sie wünschte, sie hätte nichts gesagt, aber es war zu spät … Wenigstens wusste sie jetzt, was sie besser nicht ansprach. Armer Kerl, wahrscheinlich vermisste er seine Eltern wie verrückt. Sie musste versuchen, ein wenig verständnisvoller zu sein.
Nach einem letzten Blick durch das seltsame kleine Zimmer machte sich Claire auf den Rückweg zur Vordertür. Sie fragte sich, was sie wegen Rodrigo unternehmen sollte. Steve hatte Recht, Umbrella hatte vielleicht schon ein Team losgeschickt, das sich um ihn kümmern konnte. Aber sie wollte ihn wenigstens stabilisieren, bevor sie ging. Sie musste ein Fläschchen mit dieser blutstillenden Flüssigkeit finden. Sie selbst wusste nicht viel über medizinische Versorgung, aber er schien der Ansicht gewesen zu sein, dass es ihm helfen würde.
Auf ihrem Weg zurück in die Eingangshalle öffnete sie die beiden anderen Türen des Flurs. Vor der ersten hielt sie kurz inne, um eine Anzahl von Porträts zu betrachten; es handelte sich um eine Art bebilderten Ahnenraum einer Familie namens Ashford. Auf dem Boden lag eine zerbrochene Urne, sonst gab es jedoch nichts von Interesse. Hinter der zweiten Tür lag ein leerer Konferenzraum, darin ein paar verstreute Papiere und sonst nur Stille.
Claire trat wieder in die Empfangshalle und beschloss, sich noch im Obergeschoss umzusehen, bevor sie den Weg zurückging. Direkt über der Brücke zum Gefängnis – und war sie nicht ganz heiß darauf, diesen knarrenden Alptraum erneut zu überqueren? – befand sich eine Tür, an der sie achtlos vorbeigegangen war, um Steves Spur nicht zu verlieren …
Ein winziges rotes Licht am Boden zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Es war wie der Punkt eines dieser Laser-Pointer. Ihr Geometrie-Professor hatte so einen benutzt. Das kleine Licht zuckte auf sie zu, und Claire sah nach oben, ihr Blick folgte einem bleistiftdünnen Strahl bis zu …
Sie warf sich in Deckung, als der erste Schuss nur Zentimeter von der Stelle entfernt einschlug, an der sie eben noch gestanden hatte. Keramiksplitter wirbelten umher. Sie schlug hinter einer der Ziersäulen zu Boden, als bereits der zweite Schuss durch die Halle dröhnte und weitere Fliesen zerbersten ließ.
Claire richtete sich in die Hocke auf, versuchte sich so klein wie möglich zu machen und fragte sich, ob sie tatsächlich gesehen hatte, was sie zu sehen glaubte – einen hageren, blonden Mann mit einem Gewehr mit Laserzielvorrichtung, bekleidet mit etwas, das wie die Ausgehuniform eines Jachtklubs aussah, dunkelrotes Jackett, mit bauschiger weißer Krawatte und goldenen Tressen. Wie die Vorstellung eines Kindes von dem, was eine Respektsperson tragen sollte.
„Mein Name ist Alfred Ashford!“, rief eine gepresste, versnobte Stimme. „Ich bin der Kommandant dieses Stützpunkts – und ich verlange, dass Sie mir sagen, für wen Sie arbeiten!“
Was? Claire wünschte, dass ihr eine intelligente Erwiderung eingefallen wäre, irgendetwas Cooles, aber es blieb dabei.
„Was?“, fragte sie also laut.
„Oh, Ihre vorgetäuschte Unwissenheit nützt Ihnen gar nichts“, fuhr der andere fort, und seine höhnische Stimme verlagerte sich etwas, als steige er die Treppe herunter. „Miss Claire Redfield. Ich weiß, was Sie vorhatten, ich wusste es von Anfang an – aber Sie haben es nicht mit irgendwem zu tun, Claire, sondern mit einem Ashford.“
Er kicherte jetzt sogar, ein hohes, mädchenhaftes Kichern, und plötzlich war sich Claire hundertprozentig sicher, dass er völlig meschugge war, sie sprach mit einem Irren.
Ja, und sprich weiter mit ihm, damit du weißt, wo er gerade ist. Sie konnte das winzige rote Leuchtpünktchen über die Wand hinter ihr huschen sehen, als er versuchte, die Säule im Visier zu behalten.
„Okay, äh, Alfred. Was hab ich denn vor?“ So leise wie möglich überprüfte sie ihre Halbautomatik, um sicher zu gehen, dass sich eine Kugel im Lauf befand.
Es war, als hätte sie nichts gesagt. „Unser Vermächtnis von Weisheit, Überlegenheit und Innovation ist über alle Zweifel erhaben“, erklärte Alfred hochmütig. „Wir können unsere Ahnenreihe bis in europäische Königshäuser zurückverfolgen, meine Schwester und ich, und bis hin zu einigen der größten Geister der Geschichte. Aber ich gehe nicht davon aus, dass Ihre Herren Ihnen das erzählt haben, nicht wahr?“
Meine Herren? „Ich hab keine Ahnung, wovon Sie reden“, rief Claire. Sie behielt den flackernden roten Punkt im Auge und entschied, dass sie von der anderen Seite der Säule aus einen kurzen Blick riskieren konnte – und vielleicht schaffte sie es ja, einen Schuss anzubringen, bevor er sie aufs Korn nehmen konnte. Je länger Alfred sprach, desto mehr hatte sie das Gefühl, dass es keine gute Idee sei, ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten. Hochgradig geisteskranke Menschen waren unberechenbar, milde ausgedrückt.
Er hatte eine Schwester erwähnt … waren er und sie die Kinder aus diesem Film mit der Libelle? Sie hatte keinen Beweis dafür, aber ihr Instinkt bejahte dies heftig. Es schien, als sei er seitdem auf Kurs geblieben, vom unheimlichen Kind hin zum unheimlichen Kerl.
„Wenn Sie natürlich bereit wären, sich jetzt zu ergeben“, säuselte Alfred, „könnte ich mich dazu überreden lassen, Ihr Leben zu verschonen. Vorausgesetzt, Sie bekennen sich des Verrats an Ihren Vorgesetzten schuldig …“
Jetzt!
Claire streckte den Kopf hinter der Säule hervor, die Waffe erhoben …
… und Bamm! Holz und Verputz explodierten neben ihrem Gesicht, der Schuss ließ die Verzierung der Säule abplatzen, und Claire zog sich zurück. Schwer lehnte sie sich gegen die Säule, ihr Atem ging schnell und keuchend. Wenn er nur um eine Haaresbreite besser gezielt hätte …
„Na, sind Sie nicht ein flinkes Häschen?“, meinte Alfred. Seine Belustigung war nicht zu überhören. „Oder sollte ich ,Ratte‘ sagen? Das sind Sie nämlich, Claire, eine Ratte. Allerdings eine Ratte in einem Käfig.“
Wieder dieses wahnsinnige, unnatürliche Kichern … aber es entfernte sich, folgte Ashford die Treppe hinauf. Schritte, dann schloss sich eine Tür, und er war weg.
Na, rundet das die Sache nicht ab? Was wäre ein Virusausbruch ohne ein, zwei Verrückte? Es wäre fast komisch gewesen, hätte sie sich nicht so völlig daneben gefühlt. Alfred hatte einen Dachschaden.
Claire wartete noch einen Augenblick, um sicher zu sein, dass er fort war, dann atmete sie aus, erleichtert, aber nicht beruhigt. Sie würde erst dann beruhigt sein, wenn sie weit weg von Rockfort war und von Umbrella, Monstern und Wahnsinn.
Lieber Gott, sie hatte diese Scheiße so satt. Sie war eine Literaturstudentin im zweiten Jahr, sie tanzte gern, sie mochte Motorräder und einen guten Milchkaffee an einem verregneten Tag. Sie wollte Chris, und sie wollte nach Hause … und da nichts von alldem im Moment wahrscheinlich erschien, beschloss sie, sich mit einem guten, kernigen Nervenzusammenbruch zu begnügen, inklusive Kreischen und Hysterie von der Sorte, die sie mit den Fäusten auf den Boden trommeln ließ.
Die Vorstellung war verlockend, aber auch das musste warten. Claire seufzte innerlich. Alfred war nach oben gegangen. So hielt sie es für besser, einen Blick hinter jene Tür nahe der Brücke zu werfen, an der sie vorbeigekommen war, um nachzusehen, ob sie dort etwas für Rodrigo finden konnte.
Wenigstens wird es vermutlich nicht noch schlimmer werden, dachte sie düster und verspürte ein seltsames Déjà-vu-Gefühl, als sie die Eingangstür öffnete. Das Ganze erinnerte sie so sehr an Raccoon City … aber das war eine ernsthafte Katastrophe gewesen, nicht nur ein weltabgeschiedenes Desaster.
Ein Riesenunterschied, echt. Hölle, beides ist zum Kotzen.
Claire konnte unmöglich ahnen, dass die jetzige Lage verglichen mit dem, was noch vor ihr lag, nicht einmal ansatzweise als schlecht bezeichnet werden konnte.