23
Mit dem Gesicht voran landete ich auf der roten Erde, die Augen zugekniffen und den Kiefer angespannt, um mir nicht die eigene Zunge abzubeißen, während ich einen guten Meter über den Boden rutschte, um schließlich wenig elegant zu stoppen. Der Sprung hierher war hart gewesen, fast als hätte niemand geholfen. Es fehlten völlig die feinen Berechnungen, die einen stehend und stabil zurück in die Realität brachten.
Mein erster Atemzug kam keuchend, und ich setzte mich auf, umschlang meine Knie, wischte mir den Dreck von den nackten Beinen und versuchte herauszufinden, wo ich war. Ja, ich war im Jenseits, aber wo? Es war nicht Cincy. Die Kraftlinien waren zu gebrochen, und die Skyline stimmte nicht.
Es war dunkel. Der Mond war hinter dichten roten Wolken verborgen. Die Gebäude um mich herum sackten langsam in sich zusammen und brannten, während sie einstürzten. Aber irgendwie schienen sie nicht ganz zu fallen. Die beste Beschreibung, die ich finden konnte, war, dass es aussah wie die Welt, wenn man zu lange auf einem Karussell saß — nur noch ein wirbelndes, unruhiges Durcheinander.
Mit pochenden Knien versuchte ich den Mond oder irgendeinen Grabstein zu finden, an dem ich mich orientieren konnte. Wenn es hier war wie in Cincy, dann wären sie fest, ohne den ekelerregenden roten Schein, der auf allem lag. Aber es gab keinen Mond, und falls es Gräber gab, waren sie anonym. Nicht nur war ich wieder einmal mit zerstörten Knien mehr als dreitausend Kilometer von zu Hause entfernt, ich war auch auf der falschen Seite der Realität. Zumindest war ich das verzauberte Silber losgeworden. Ich rieb mein Handgelenk, froh, wieder die Linien anzapfen zu können, auch wenn sie scheußliche, gebrochene Dinger waren.
Aus einer Laune heraus berührte ich mit den Gedanken eine Linie und verzog bei ihrem scheußlichen Geschmack den Mund. Aber ich blieb mit ihr verbunden. Al konnte es gewöhnlich spüren, wenn ich im Jenseits eine Linie anzapfte, und er würde kommen und mich holen. Mir war nicht klar, woher er sonst wissen sollte, dass ich hier war.
»Dämlicher Elf«, murmelte ich, schlang die Arme um den Körper und zitterte in dem immer gleichen, nervenaufreibenden Wind. Gott! Ich konnte nur hoffen, dass ich nicht noch dümmer war als gewöhnlich. Hatte ich wirklich einfach nur dagesessen und mich verfluchen lassen? Weil ich ihm vertraute?
Die Erde zitterte unter einem der üblichen Erdstöße der Westküste, und das Gebäude auf der anderen Straßenseite stürzte ein. Und stürzte ein. Und stürzte wieder ein. Für einen Moment erhaschte ich einen Blick auf schwarzen Himmel mit Sternen und eine Andeutung von friedlichem grauen Wasser, dann war es verschwunden, und der rote Schein war zurück. Ich zitterte heftig und beugte mich zu dem flüchtigen Bild, während für einen winzigen Moment eine salzige Brise den Gestank von verbranntem Bernstein verwehte. Lag der Himmel direkt unter der Hölle, die mich umgab, sichtbar nur an den weitesten Ausschlägen des kosmischen Pendels?
Hinter mir fiel ein Stein, und ich drehte mich um. Mein freundliches Lächeln erstarrte auf meinem Gesicht. Es war nicht Al. Mit klopfendem Herzen leckte ich mir über die Lippen und blinzelte im roten Schein auf die Spitze eines Geröllberges. »Oh, hey. Hi«, murmelte ich, als ich eine dünne, zerklüftete Gestalt angriffslustig über mir stehen sah, einen knorrigen Stock im Griff. Die Gestalt bewegte ihre nackten Füße, und der nächste Stein rollte zu mir herunter.
»Ja, ich sehe dich«, sagte ich, als ich mich schmerzerfüllt auf die Füße stemmte, dann schrie ich erschreckt auf und duckte mich, als er seinen Stock auf mich warf.
»Heiliger Eitereimer!«, schrie ich und tänzelte rückwärts, als der Oberflächendämon von seinem Schutthaufen sprang, um drei Meter vor mir zu landen. Das Geröll hinter ihm zerfiel langsam zu verwehendem Staub, und stattdessen erschien eine Parkbank, die sofort zerfiel und zerbrach, als der Dämon sich anschlich.
»Schau, Kumpel, ich will keinen Ärger mit dir«, sagte ich, während ich rückwärtsstolperte und mein Kleid nach unten zog. »Ich bin einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Gib mir eine Minute Zeit, und ich verschwinde. Verlasse dein Revier. Weg von deinem ... Zuhause.«
Er knurrte mich an. Ehrlich, was hatte ich ihm schon getan? Aber als er seinen Stock wieder aufhob und mit schwarzen Augen hinter mich starrte, musste ich mich einfach umschauen.
»Super, du hast Brüder«, sagte ich, richtete mich auf und hob die Hände, als würde ich aufgeben.
Schlechte Entscheidung. Einer von ihnen warf einen Stein. Ich duckte mich, zog heftig an der Kraftlinie und verzog das Gesicht, als sich mühsam ein schwacher Schutzkreis hob. Der Betonbrocken traf meine Barriere nur Zentimeter von meinem Kopf entfernt und rutschte nach unten. Die anderen Oberflächendämonen schoben sich näher heran. Es gab eigentlich kein Salzwasser in der Nähe, das meine Magie beeinflussen konnte, aber je heftiger ich an den gebrochenen Linien zog, desto schwerer konnte ich damit arbeiten, bis es sich anfühlte, als hätte ich eine entbeinte Katze in den Händen, die mir aus den Fingern glitt.
Die Oberflächendämonen verzogen das Gesicht, und ich fragte mich, ob sie die Kraftlinie spürten, mit der ich kämpfte. Und ich bekam davon auch Kopfweh. »Lasst uns einfach Freunde sein, okay?«, sagte ich, als ich zurückwich. »Ich will kein bisschen mehr hier sein, als ihr mich hierhaben wollt.«
Ich zuckte zusammen, als zwei weitere Steine in meinem Rücken die Blase trafen, aber ein dritter durchschlug sie, mein Schutzkreis fiel, und der Stein traf mich an der Schulter. »Hey!«, rief ich und hob den Schutzkreis wieder, während ich mir den Arm rieb. »Schaut, ich bin kein Dämon, okay? Na ja, vielleicht doch, aber ich bin nicht wie die anderen. Ich kann unter der Sonne wandeln.« Ich verzog das Gesicht und setzte hinzu: »Zumindest konnte ich es mal. Vielleicht können wir eine Vereinbarung treffen. Ich helfe euch, und ihr steinigt mich nicht.«
Der erste Oberflächendämon hob mit einem Schrei seinen Stock und rannte auf mich zu.
»Vielleicht auch nicht«, flüsterte ich mit weit aufgerissenen Augen und zerrte wieder an der Kraftlinie, um meinen wackeligen Schutzkreis zu verstärken. »Al!«, schrie ich und fragte mich, wo er war. Ich hatte mich nicht geschlagen geben wollen, aber jetzt brauchte ich ein wenig Hilfe.
Die Oberflächendämonen hielten plötzlich schlitternd an und starrten mit weiten schwarzen Augen in die Nacht hinaus. »Jetzt erwischt es euch«, sagte ich, weil ich davon ausging, dass Al unterwegs war. Die in den hinteren Reihen rannten weg. »Ihr hättet netter sein sollen.«
Mit einem seltsamen Schrei wich der nächststehende Oberflächendämon zurück, aber es war zu spät. Ein roter Blitz explodierte über uns und riss die Gebäude um, als stünde ich im Zentrum einer Atomexplosion. Die Oberflächendämonen stoben auseinander wie braune Blätter und ließen nur zitternde Reste ihrer Kleidung und Auren zurück. Es war Al, und er erschien mit großartiger Laune, eine altmodische Laterne in der einen und einen Spazierstock in der anderen Hand.
»Rachel Mariana Morgan!«, schrie er begeistert und hob die Laterne. Mühsam richtete ich mich auf und brach mit einem kurzen Gedanken den Schutzkreis. »Ich bin gekommen, dich zu retten, Liebes!«
Ich zog eine Grimasse, auch wenn ich froh war, ihn zu sehen. Er hatte gewonnen. Mit ekelhaft guter Laune stiefelte er über das Geröll zwischen uns und trat Steine aus seinem Weg. Mir fiel auf, dass die Gebäude, die er mit seinem Auftritt zerstört hatte, wieder existierten. Es war irreal. Kein Wunder, dass die Oberflächendämonen verrückt waren.
»Schon fertig?«, fragte er gut gelaunt. »Von Hexe zu Dämon in weniger als einer Stunde. Das muss ein Rekord sein. Und was tust du hier im Ödland? Es ist ein wenig ... beunruhigend, oder? Besonders im Moment.«
Ich musterte den Horizont und suchte nach Köpfen, Stöcken, Steinen, was auch immer. »Ja. Ich bin fertig. Du hast Recht gehabt. Oliver hat gelogen. Pierce ist ein Idiot. Sie sollen alle Kröten fressen und sterben. Können wir jetzt nach Hause gehen?«
Oh Gott. Das Jenseits war mein Zuhause.
Al blinzelte, schob sich den Stock unter den Arm und drehte mit einer weiß behandschuhten Hand mein Kinn zu sich, um mir in die Augen zu sehen. »Rachel, Liebes, was haben sie dir angetan?«
Ich blinzelte, schockiert, dass mir plötzlich Tränen in den Augen standen. »Nichts.«
»Sie haben dich verflucht ...«, flüsterte er und warf seinen Spazierstock auf einen Oberflächendämon. Die Kreatur kreischte, und eine stinkende Wolke aus grünem Rauch wurde von dem ekelhaften Wind zerrissen. »Es war dieser Elf, oder?«, fragte Al. »Ich rieche den Gestank wilder Magie an dir. Du kannst nicht zurück, außer du wirst beschworen.«
»Nein, kann ich nicht«, gab ich zu und fühlte mich unglaublich dumm. »Aber Trent hat einen Plan ...« Ich brach ab und fühlte mich noch dümmer. Was sollte das? Ich war hier. Selbst wenn ich Ku'Sox besiegte, war ich immer noch gebannt und im Exil.
»Ich habe dir doch gesagt, dass du dieses Stück Elfenscheiße fest an die Kandare nehmen solltest«, sagte Al, richtete sich zu seiner vollen Größe auf und sah streng auf mich herab. »Jetzt schau dir an, was er getan hat. Du warst ein Dämon, der unter der Sonne wandelt, frei, zu kommen und zu gehen, und jetzt bist du gefesselt wie der Rest von uns auch. Was für eine Verschwendung. Dummes Mädchen.«
Ich schwieg, und Al trat zurück. Seine Laterne erzeugte einen goldenen Schimmer um uns herum. »Er hat einen Plan, hm?«, spottete er.
Gesegnet bis zurück zum Wandel. »Ja«, sagte ich und zog mir eine Strähne aus dem Mund. »Aber es spielt keine Rolle mehr. Können wir von hier verschwinden? Es stinkt, und meine Knie tun weh.«
Al schüttelte mit einem missbilligenden Tss-tss den Kopf und sorgte damit dafür, dass ich rot wurde. Plötzlich fühlte ich mich neben ihm klein. Ich schüttelte seinen Arm ab, den er mir freundschaftlich über die Schulter legen wollte. »Deswegen leben wir nicht an der Oberfläche«, erklärte er und versuchte, meine Zurückweisung zu überspielen, indem er seinen Anzug glatt strich. »Ich habe es allerdings noch nie so schlimm gesehen. Gewöhnlich stürzen Gebäude nicht so ein.« Er schnüffelte und rückte seine getönte Brille zurecht. »Sollen wir gehen?«
Zitternd humpelte ich an seine Seite und fühlte seine Wärme. Langsam wurde ich deprimiert. Ich würde die Sonne niemals wiedersehen. »Danke, dass du mich abholst«, sagte ich, und Al strahlte.
»Dafür lebe ich, Rachel. Ich habe eine Überraschung für dich.«
»Was?«, fragte ich und wand mich innerlich bei dem Gedanken an eine weitere seiner Partys.
»Dalliance«, sagte er, löste mich in Erinnerungen auf und zog mich in eine Linie. Ich gehe mit dir ins Dalliance.