18

Ich hatte schon die Glasduschkabine im vorderen Badezimmer benutzt und mir die Kopfhaut geschrubbt, bis es wehtat, um die letzten Reste des Gestanks nach verbranntem Bernstein aus den Haaren zu kriegen. Das Hotelshampoo roch für meinen Geschmack viel zu maskulin, und ich fand es irritierend, dass das Management davon ausging, dass nur Männer das oberste Stockwerk mieteten. Aber wahrscheinlich hatten sie nicht erwartet, dass Trent mit zwei Frauen in die Stadt schneite. Glücklicherweise hatte ich mein eigenes Shampoo mit Spülung dabei, und jetzt roch ich wieder nach Erdbeeren und Orangen. Ich lächelte und ließ mich tiefer in den Schaum sinken. Ja, ich hatte schon geduscht, aber es gab nichts Besseres als eine heiße Badewanne, um sich darauf vorzubereiten, gelyncht zu werden. Besonders, wenn man beim Baden auch noch fernsehen konnte.

Ich schaltete vom Wetterkanal zu den Nachrichten um und legte die Fernbedienung neben meinen Keksteller. Daneben stand eine halbvolle Flasche Wasser. Kaffeeduft drang unter der Tür hindurch und verriet mir, dass Ivy aufgestanden war. Ich fühlte mich wie eine Gefangene, obwohl ich schon in Alcatraz gewesen war und genau wusste, wie sich echte Kerkerhaft anfühlte. Niemals wieder, dachte ich, als ich das Handtuch um meine Haare zurechtrückte. Wenn ich hiermit nicht klarkam, würde ich zu Al gehen.

Aber das wollte ich nicht.

Mein Blick glitt zu meinem Tödliche-Zauber-Detektor. Die Scheibe flackerte in einem kränklichen Grün. Er arbeitete nicht besonders zuverlässig, und ich konnte ihm nicht vertrauen. Ich fühlte mich wie Jenks bei tausend-fünfhundert Höhenmetern. Auch Kraftlinienmagie war schwierig, wegen der von den Erdbeben gebrochenen Linien. Deswegen veranstaltete der Hexenzirkel sein großes Treffen hier. Jeder, der nicht hier lebte, war automatisch im Nachteil und wagte es nicht, wegen eines Wutanfalls oder einer angeblichen Beleidigung seine Magie einzusetzen. Dämonenmagie allerdings funktioniert, dachte ich bittersüß, hob einen Arm und betrachtete die vollkommen unversehrte Haut. Der Fluch, mit dem Al mich belegt hatte, bevor er mich zurückgeschickt hatte, hatte jedes Wehwehchen geheilt.

Im Fernseher berichteten sie gerade über die neuesten Buschbrände in Kalifornien, und ich streckte meine ein Meter sechzig in der Badewanne aus und hatte noch Platz übrig. Feuer, Schlammlawinen, Erdbeben, Smog, gebrochene Kraftlinien ... Warum lebte hier überhaupt jemand?

Ich atmete tief durch, und meine Augen glitten zu dem kurzen Kleid, das Al mir gegeben hatte. Es stieg immer noch ein leichter Geruch davon auf, deswegen hatte ich es in der Hoffnung, dass die feuchte Luft helfen würde, hinter die Tür gehängt. Abgesehen von einem purpurnen Schal war alles, von der Kappe bis zu den Stiefeln, aus butterweichem weißen Leder, das meine Kurven betonen würde. Ich wusste, ohne es anzuprobieren, dass es mir passen würde, und ich wollte überhaupt nicht wissen, woher Al meine Kleidergröße kannte. Abgesehen von der Farbe würde ich aussehen wie Catwoman. Miau.

Meine erste Reaktion nach dem Auspacken war: »Macht er Witze?« Niemand trägt weißes Leder, besonders nicht von Kopf bis Fuß. Aber jetzt, nachdem ich es über eine Stunde lang angestarrt hatte, neigte ich eher zu: »Warum nicht?« Egal, ob es knapp saß oder nicht — Leder bot einen gewissen Schutz gegen geworfene Tränke.

Im Bad gab es keine Uhr, aber die eingeblendete Zeit bei den Nachrichten verriet mir, dass es langsam spät wurde. Ich setzte mich auf. Wasser und Schaum glitten von mir ab, als ich aufstand und nach einem weichen Handtuch griff. Es war ein gutes Gefühl, keine Schmerzen zu haben, und ich rubbelte jeden Zentimeter meiner glatten, unversehrten Haut ab, die eigentlich von den Kämpfen, erst mit Ku'Sox und dann mit Al, mit blauen Flecken und Schürfwunden hätte übersät sein müssen. Dämonenflüche. Besser als Pflaster, und sie gingen in der Badewanne auch nicht ab.

Die Nachrichten schalteten zu einer Live-Reporterin, die in dem Versuch, über die Sirenen der Feuerwehrwagen gehört zu werden, in ihr Mikrofon schrie. Sie stand vor einem brennenden Lagerhaus am Hafen von Seattle. Jenks? Gott, ich vermisste ihn und hoffte inständig, dass es ihm gutging. Die beiden sollten um Mitternacht zurück sein, aber ich bezweifelte, dass sie es schaffen würden. So viel zu Trents Versprechungen. Aber ihm würde sicherlich eine tolle Ausrede einfallen.

Ich wickelte mich in einen der weißen Hotelbademäntel, löste das Handtuch um meine Haare und versuchte noch einmal, sie durchzukämmen. Ich konnte den Fernseher im Spiegel sehen. Die Frau redete endlos von mehreren kleineren Problemen in ganz Seattle, von einem Aufzug, der in der Needle steckengeblieben war, über einen Katzenkampf auf der Internationalen Katzenausstellung, die gerade dort stattfand, bis hin zu Hunderten kleinerer Unfälle mit Blechschäden, die sich im Großraum Seattle scheinbar alle gleichzeitig ereignet hatten. Und sie bat alle um Geduld. Anscheinend wurde das 911-System gerade gewartet und die Menge der Anrufe hatte das Ersatzsystem gesprengt.

Jenks, du kleiner Teufel, dachte ich mit einem Lächeln, aber dann änderte ich meine Meinung. Jenks war gut, aber er konnte nicht zur selben Zeit an mehreren Orten sein. Das klang mehr nach Dämon.

Ich rammte den Kamm fester durch meine Haare und runzelte die Stirn. All das nur für einen Verlobungsring? Ich wollte einfach nicht glauben, dass Trent einen gefährlichen tagaktiven Dämon als verdammte Ablenkung freigesetzt hatte — selbst wenn es darum ging, die Richtung zu kontrollieren, in die sich die nächste Elfengeneration entwickelte. Und nachdem die Elfen ihre Finger in allem hatten, würden alle diese Entwicklungen zu spüren kriegen. Verdammt, Trent, du weißt besser mal, was du tust.

Ein Klopfen an der Badezimmertür ließ mich zusammenzucken, und ich legte mit einem Klappern den Kamm ab, als Ivys Stimme durch die dicke Tür drang: »Rachel? Können wir uns unterhalten?«

Was wollte sie? »Kann ich noch eine Minute haben, um mich anzuziehen?«

»Sicher.« Es folgte kurzes Schweigen, dann rief sie aus gewisser Entfernung lauter: »Willst du was essen?«

Ich griff nach meiner Unterwäsche und zögerte. »Du meinst den Zimmerservice?« Gott, ich fühlte mich wirklich wie eine Gefangene, und mit plötzlicher Entschlossenheit nahm ich Als Outfit vom Bügel. Ich konnte ja auch gleich sicherstellen, dass es mir passte.

»Nein«, sagte sie leiser. »Ich würde nichts essen, was sie uns hochbringen, jetzt, wo sie wissen, dass wir da sind. Wenn du keinen kalten Braten oder Früchte magst, habe ich noch Milk Duds.«

Ivy hat die ganze Zeit die Milk Duds gekauft? »Ähm, nein, danke.« Ich zog den Reißverschluss an meiner Hüfte nach oben und stellte dankbar fest, dass nichts drückte und kniff, als ich mich nach meinen Socken bückte. »Willst du mein Outfit für den Prozess sehen?« Weiß. Meinte er das ernst?

»Sicher.«

Sie klang selbst durch die Tür deprimiert, und ich fing an, mir Sorgen zu machen, als ich das ärmellose Oberteil über meiner nackten Haut zurechtrückte. Am Rücken war es mit Spitze versehen und würde das wenige, was ich hatte, ins richtige Licht setzen, indem es betonte, statt verdeckte, was nicht da war.

»Ich, ähm, habe drei Fünf-Liter-Flaschen Sirup in den Versteinerten Wald liefern lassen.« So wie es klang, stand sie direkt vor der Tür.

»Echt? Wie?«

Sie schwieg, und ich stellte mir ihr Achselzucken vor. »Internet«, sagte sie dann. »Jenks' Freiheit hat uns zweihundertfünfundsiebzig Dollar gekostet, aber der größte Teil davon ist für die Lieferung.«

Ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Ich hatte mein Versprechen an die Pixies nicht vergessen, aber natürlich konnte Ivy das online arrangieren.

»Hast du dir schon Gedanken über morgen gemacht?«, fragte Ivy mit zögernder Stimme.

Ich posierte vor dem Spiegel, streckte meine Brust heraus, nur um dann in mich zusammenzusinken und nach den Stiefeln zu greifen. »Ständig.«

»Nein, ich meine, wirklich. Hast du schon richtig über morgen nachgedacht?«

Ich setzte mich auf den Rand der Badewanne und zog die Stiefel mit niedrigem Absatz an. Sie passten mir perfekt und die Reißverschlüsse waren gut geölt. Meine Achtung vor Als Kleidungsgeschmack stieg. Dann dachte ich an den Kuss und kniff die Augen zusammen. »Ivy, ich versuche einfach nur, heute Nacht durchzustehen. Wenn ich es nicht schaffe, dann ...« Ich atmete tief durch, als ich aufstand und mich anschaute. Verdammt, ich sah toll aus. Wie eine lederne Träne. »Dann bin ich im Jenseits«, beendete ich den Satz deprimiert.

Angst flackerte auf, und ich verdrängte sie. Ich wollte nicht in Lederklamotten aus dem Bad kommen und nach Angst riechen. Ivy war gut darin, Versuchungen zu wiederstehen, aber auch sie kostete durchaus mal den Zuckerguss eines Kuchens, bevor er aufgetragen wurde.

Ich drückte mir die Kappe auf den Kopf und betrachtete mein Spiegelbild. Meine Haare waren noch feucht, und meine Haut glänzte vom Bad. Vielleicht sollte ich es nicht Angst nennen. Vielleicht war es eher Grauen. Meine Kehle wurde eng, und ich schaute auf den purpurfarbenen Schal. Mit der Farbe Purpur zeigten Dämonen ihren Vertrauten Stolz oder Gunst, und ich fühlte mich wie am ersten Schultag: wenn man genau weiß, dass man zu viel Angst hat, um alleine zu gehen, man aber noch keine Freunde hat, auf die man sich verlassen kann — ganz allein, während die Mutter einem im Auto sagt, dass alles in Ordnung kommt.

Ich strich über den Schal und fühlte, wie weich und glatt er war. Aber ich konnte mich nicht dazu durchringen, ihn anzuziehen.

»Ich habe darüber nachgedacht«, sagte Ivy auf der anderen Seite der Tür. »Wenn du gehen musst, mache ich die Firma dicht.«

Hey! Ich packte die Fernbedienung und schaltete den Fernseher ab, bevor ich die Tür aufriss und Ivy im hellen Licht neben dem Fenster entdeckte, gebeugt und mit hängenden Schultern. Sie wirkte müde. »Warum?«, fragte ich, als ich den Raum durchquerte. »Du bist super in dem, was du tust. Und was ist mit Jenks? Willst du ihn einfach allein in der Kirche lassen?«

Ivy riss den Kopf hoch und strich sich mit einem leichten Lächeln die Haare nach hinten. Ihr Blick glitt über mich und musterte das Lederkleid. »Das gefällt mir«, sagte sie. »Weiß steht dir. Und bevor du dich aufregst, Jenks kommt in Ordnung. Er denkt darüber nach, für Trent zu arbeiten, wenn es heute Abend schiefläuft.«

Ich starrte sie schockiert an. Für Trent arbeiten? »Das hat er dir erzählt?«

Ivy zuckte mit den Achseln und rutschte auf dem Stuhl nach hinten. Jede ihrer Bewegungen sprach von Schmerzen. »Wir haben geredet«, sagte sie leise. »Einer der Gründe dafür, dass er so scharf darauf war, Trent heute zu begleiten, ist, dass er es mal ausprobieren wollte.« Sie suchte meinen Blick und hielt ihn. »Im Garten gibt es nichts mehr für ihn. Besonders nicht, wenn du weg bist.«

Ich konnte es einfach nicht glauben. »Trent? Du verarschst mich doch.«

Ivy sah über die Bucht hinweg. »Ich weiß, dass du vollkommen auf heute Nacht konzentriert bist, aber falls wir keine Chance haben, zu reden, bevor du gehst ... Ich wollte dir nur sagen, dass ich es genossen habe, mit dir zusammen zu sein.«

Oh mein Gott. Sie verabschiedete sich. Aufgeregt stellte ich mich vor sie und wusste nicht, was ich mit meinen Händen machen sollte. »Ich sterbe nicht«, sagte ich, setzte mich schließlich auf die Kante des nächsten Stuhls und nahm die Kappe vom Kopf. »Ich kann euch besuchen kommen und alles.«

Ihr Gesicht wirkte angespannt. »Ich weiß.«

Sie sah zu mir hoch und mir wurde klar, dass sie es ernst meinte. Tränen stiegen mir in die Augen, und plötzlich hatte ich einen Frosch im Hals. Ich wollte sie berühren, aber ihre Körpersprache verbot es mir. »Ich kann euch besuchen.«

Ivys Augen flossen ebenfalls fast über, aber keiner von uns ließ den Tränen freien Lauf. »Lass mich das sagen«, flüsterte sie. »Bitte, lass es mich einfach sagen.«

Ich legte eine Hand auf meinen Magen, um den Schmerz dort zu unterdrücken. »Warum verabschiedest du dich?«, flüsterte ich.

Sie hob die Hände und ließ sie wieder fallen. »Weil ich dir nicht folgen kann«, sagte sie plötzlich. »Ich bin vor zwei Tagen zu dieser Fahrt aufgebrochen und erst in Arizona ist mir klargeworden, dass ich überhaupt nichts tue. Ich bin gefahren, aber du brauchst mich nicht. Du hast mich nie wirklich gebraucht!«

»Doch, tue ich«, sagte ich schnell, aber dann hielt ich den Mund, als sie den Kopf schüttelte.

»Nicht, wie ich es mir wünsche. Du bewegst dich schnell, Rachel. Und Vampire sind langsam. Es ist, als kämest du aus der Zukunft und bist nur hier, um uns alle vorwärts-zuziehen, damit wir eine Chance haben, das Zukünftige zu überleben. Du lässt Jenks und mich hinter dir zurück.«

Wut breitete sich in mir aus, aber auf das Universum, nicht auf sie. »Diese Dämonensache war nicht meine Idee!«

»Ich meine nicht den Hexenzirkel und deine Bannung. Ich rede davon, dass du alles veränderst.« Ivy schlug die Beine übereinander und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie wirkte verwundbar. »Die Werwölfe, die Elfen, die Vampire. Du erschütterst alles, wie ein Katalysator, und du lässt uns zurück. Es ist okay. Wir sind nicht wütend. Vielleicht traurig, aber nicht wütend.« Sie ließ die Arme wieder sinken und sah mir in die Augen. »Ich wusste, seitdem du diesen Raum in den Tunneln versiegelt hast, dass du und ich zusammen nicht funktionieren würden, selbst wenn du eines Morgens aufgewacht wärst und es gewollt hättest. Ich habe die Macht gefühlt, die du besitzt. Ich habe gesehen, was du tun kannst. Ich habe die Angst in Eddens Augen gesehen. Und ich habe dich deswegen nur umso mehr geliebt.«

Ich blinzelte schnell. »Und du glaubst, ich brauche dich nicht? Nach dieser Sache? Ivy, es war deine Seele, die mich geschützt hat.«

Sie nickte und versteckte ihr Gesicht, als sie sich die Augen wischte. »Du wirst dich besser schlagen, wenn du uns gehen lässt. Jenks und mich, uns beide. Uns wird es gutgehen. «

Ich schüttelte heftig den Kopf. »Ich werde das hinkriegen, Ivy. Das schaffe ich doch immer.«

Sie schob das Kinn vor und blaffte mit schwarzen Augen: »Was, wenn du es schaffst? Glaubst du, wir können in die Kirche zurückfahren und weitermachen, als wäre nichts passiert? Das wird nicht funktionieren. Ich kann nicht mehr so tun, als würdest du eines Tages aufwachen und anders sein, als du jetzt bist. Ich rede hier nicht von Sex und Blut. Ich rede von dir und Veränderungen. Wie du sie geschehen lässt und wie du dich an sie anpasst. Dein Geist lässt das zu. Jenks und ich ... Wir können das nicht.«

»Ivy.«

»Ich hatte niemals eine Chance«, flüsterte sie.

»Ivy!«, sagte ich lauter, und sie konzentrierte sich wieder auf mich.

»Ich hatte niemals eine Chance«, wiederholte sie. »Aber danke. Ich habe jetzt gesehen, wie es ist, normal zu sein. Teil einer Familie zu sein, selbst wenn ich nur am Rand stand.«

Ich streckte den Arm aus und berührte sie. »Du standest nie nur am Rand.«

Sie schaute auf meine Hand und lächelte ein halbes Lächeln. »Ich war auch nie ganz dabei, und fang bloß nicht an zu denken, dass du mir Unrecht getan hast. Zur Hölle, Rachel, wäre ich mittendrin gewesen, hätte ich mich selbst zerstört. Das wusstest du«, sagte sie, und ich zog die Hand zurück. »Ich habe ... Ich hatte keine Möglichkeit, damit klarzukommen und zu akzeptieren, dass ich Gutes verdiene. Aber im Moment fühle ich mich gut.«

Sie lächelte und sah an die Decke, während sie sich wieder über die Augen wischte. »Weißt du, dass ich mich nicht daran erinnere, mich gut gefühlt zu haben, bevor es dich gab? Kisten war sicher, aber du hast dich gut angefühlt, selbst wenn du nicht da warst. Selbst wenn du unterwegs warst. Selbst wenn ich mit einem meiner Blutpartner unterwegs war und ich wusste, wenn ich nach Hause komme ...« Sie zögerte. »Ich wusste, dass du da sein würdest, oder bald wiederkommen würdest, und du mich nicht anschauen und deinen Abscheu über das, was ich bin, verstecken würdest. Du hast mich einfach sein lassen. Du warst wie eine warme Berührung meiner Gedanken, die das Schwarz zurückdrängt und nicht zulässt, dass es wieder aufsteigt. Du hast mir meine geistige Gesundheit erhalten. Ich habe mich so oft gut gefühlt, dass ich die Empfindung jetzt erkennen kann, selbst wenn nicht du es bist, die sie auslöst. Ich kann mich auch bei anderen Leuten gut fühlen.«

Mir wurde eng um die Brust, und ich konnte nichts anderes tun, als in ihr trauriges und gleichzeitig glückliches Gesicht zu schauen. Vielleicht sollte ich sie gehenlassen.

Meine Miene musste meine Gedanken verraten haben, weil Ivy lächelte, obwohl eine Träne über ihre Wange rann. Sie wischte sie weg. »Ich wollte mich bei dir bedanken, bevor Jenks und Trent zurückkommen und die Dinge ins Rollen kommen. Ich weiß, dass ich das Gute wiederfinden kann, jetzt, wo ich weiß, wie es sich anfühlt. Dass ich mich davon abhalten kann, es zu zerstören.« Sie berührte mein Knie, und ich hielt mit Mühe meine eigenen Tränen zurück. »Das kann ich dir nie vergelten. Es ist mehr, als ich je zu finden gehofft hatte. Dank dir.«

»Du bringst mich um, Ivy«, krächzte ich mit zugeschnürter, schmerzender Kehle.

»Vergeltung ist übel, hm?«

Ich versuchte etwas zu sagen, aber es gelang mir nicht. »Sag einfach danke«, meinte Ivy und stand auf, um aus dem Fenster ins Leere zu starren.

Es gab jede Menge Dinge, die ich sagen wollte, und nichts davon war »Danke«. Ich wollte sagen, dass ich es schaffen würde. Dass nichts sich verändern würde. Dass es nur eine vorübergehende Irritation war. Aber dann glitt mein Blick an ihr vorbei und landete auf den grauen Mauern von Alcatraz, und ich war mir nicht mehr sicher, ob es wahr war. Mit einem Aufflackern von Panik stand ich auf.

Ivy drehte sich um, sah mich an, lehnte sich vor und umarmte mich. Ich hielt den Atem an, um nicht loszuheulen, also atmete ich ihren beruhigenden Vampirduft nicht ein, aber ich wusste, dass er da war. Ich schlang die Arme um sie, und mir schoss der Gedanke durch den Kopf, dass sie sich für eine so große Frau sehr klein anfühlte.

Zögernd ließ Ivy mich los und zog sich zurück. »Ich hoffe, du schaffst es, deine Bannung rückgängig zu machen. Ich hoffe, dass wir zurückfahren, uns dabei Zeit lassen und auch mal wirklich schlafen können. Ich hoffe, dass nichts sich verändert. Aber selbst wenn wir all das schaffen — lass mich gehen. Jetzt. Ich muss weiterziehen und etwas Gutes finden, das ich auch halten kann.«

Ich starrte in ihre schwarzen Augen. Sie war weit gekommen. Letztes Jahr hätten wir dieses Gespräch niemals führen können. »Aber ...«

Sie lehnte sich vor und nahm mein Gesicht zwischen ihre kühlen Hände. »Das ist ein Lebewohl, Rachel.«

Oh Scheiße.

Ich wusste, was passieren würde, und ich ließ es geschehen. Ivys Lippen suchten meine, und ich schloss die Augen. Mein Herz machte einen Sprung. Ihre Lippen bewegten sich auf meinem Mund und schmeckten leicht nach Kaffee. All die Anspannung in mir löste sich in einem Ansturm von Endorphinen, gefolgt von einem Adrenalinstoß, der mich zum Glühen brachte wie Pixiestaub.

Zum ersten Mal hatte ich keine Angst vor ihren Vampirzähnen, machte mir keine Sorgen über die Verheißung von Ekstase und Gefahr in ihr. Sie war einfach Ivy, und ihre Hand glitt an meine Hüfte und löste damit eine Welle von Gefühlen aus. Mein Blutdruck stieg als Antwort auf ihre Berührung. Sie roch nach Räucherwerk und Seife. Sie hielt mich ohne Drängen, ohne Versprechen, in ihrer Umarmung lag nur Leidenschaft. Und ihr Mund war weich, so unglaublich weich.

Das Blut rauschte in meinen Ohren, als ich sanft ihre Zunge spürte. Ihre Hand an meinem Kinn zitterte und der Duft von Tränen stieg mir in die Nase. Salz und Blut. Oh, so nah. Tränen rannen aus meinen geschlossenen Augen, während mein Körper schmerzte. Sie zog sich zurück und mir wurde klar, dass ich schmeckte, was ich hätte haben können — aber jetzt verschwunden war. Und es tat weh.

Ivy fühlte es und ließ mich los. Ich blinzelte und bemühte mich, nicht zu weinen. Selbst während ich dort stand, hatte ich sie schon verloren. Obwohl sie mir nie gehört hatte, war sie jetzt gegangen. Ich wollte nicht, dass sich die Dinge veränderten, aber ich konnte es nicht aufhalten. Sie hatte Recht. Selbst wenn heute Abend alles perfekt lief, würde morgen nichts mehr so sein wie vorher.

»Du verlässt nicht mich«, sagte sie mit feuchten Augen. »Ich verlasse dich.«

Das Klopfen an der Tür erschreckte uns beide, und ich unterdrückte ein Zucken, als Ivy mit vampirschnellen Reflexen zur Tür herumwirbelte. Ich konnte nicht denken, weil die Hitze des Kusses immer noch in mir schmerzte. Sie sah mich an, und das sanfte Lächeln war das Letzte, was ich in diesem Moment von ihr erwartet hätte.

»Ich gehe schon«, sagte sie und driftete in einer Wolke aus glücklichem Vampir mit Bewegungen wie Jazzmusik zur Tür.

»Verdammt, was stimmt nicht mit dir, Ivy?«, fragte ich zitternd.

»Nichts. Ich fühle mich toll. Das war ein unglaublicher Abschiedskuss.«

Abschiedskuss. Gott, sie sah mich schon im Jenseits. »Wer auch immer es ist — lass ihn nicht rein«, sagte ich und wischte mir über die Augen. »Weil dieses Gespräch noch nicht beendet ist.«

»Doch, ist es«, sagte Ivy und spähte durch den Türspion. »Es ist deine Mutter. Und irgendein Kerl mit roten Haaren.«

»Robbie?« Ich setzte mich Richtung Tür in Bewegung. »Lass mich schauen«, sagte ich, als ich näher kam, und sie trat zur Seite.

Im Flur stand meine Mutter in einem gelben Sommerkleid und mit einem Strohhut. Sie wirkte unruhig. Neben ihr stand Robbie, die Haare nach hinten gekämmt und einen fröhlichen Ausdruck auf dem Gesicht. »Es ist meine Mom!«, sagte ich und streckte den Arm aus. Die Tür öffnete sich einen Spalt, dann wurde sie wieder zugeschlagen, und ich verlor den Halt an der Klinke.

Ich drehte mich zu Ivy um und hörte, wie meine Mutter vor der Tür missbilligend schnaubte. »Ivy!«, protestierte ich, aber der Blick in ihren schwarzen Augen ließ mich einen Schritt zurückweichen.

»Das ist nicht deine Mom«, sagte sie und mir wurde kalt.