10

Ich packte das Lenkrad so fest, dass meine Knöchel wehtaten. Ich bemühte mich, meine Sorge nicht zu Wut werden zu lassen, aber es fiel mir schwer. Besonders jetzt, wo Trent wieder wach war. »Mir ist egal, wie weit wir nicht gekommen sind«, sagte ich angespannt und schenkte Trent über den Rückspiegel einen bösen Blick. »Wenn wir heute nur dreihundert Meilen schaffen, dann kommen wir damit schon irgendwie klar. Irgendwann müssen sie mal anhalten.«

»Ich verstehe, dass du dir Sorgen um deinen Partner machst«, antwortete er wieder in diesem überzeugenden Tonfall, der langsam aber nur noch herablassend klang, »aber ich bezweifle, dass sie vorhaben, ihn ihrer regionalen Gottheit zu opfern. Du hast ein Ortungsamulett. Du wirst ihn finden. Fahr langsamer. Lass sie landen. Sie fliehen weiter, weil du sie jagst.«

Das war ein schöner Gedanke, aber sie flohen nicht unseretwegen. Sie waren auf dem Weg irgendwohin und bewegten sich mit hoher Geschwindigkeit zielstrebig darauf zu. Ich hatte nicht vor, langsamer zu werden, und Ivy sah noch nicht mal von ihrer Karte auf. Ihr langer weißer Finger zeigte auf die Stellen, an denen wir vielleicht wieder ihren Weg kreuzen würden.

Vivian trat von hinten gegen meinen Sitz, als sie versuchte, eine bequemere Stellung zu finden. Am anderen Ende der Rückbank starrte Trent mürrisch aus dem Fenster. Okay, vielleicht fuhr ich ja ein wenig schnell, aber ich hatte auch ein paar Stunden frustrierenden Zickzackkurs hinter mir. Ich war die 1-40 entlanggerast, dann nach Süden auf die 602 abgebogen, um vor sie zu kommen, wie Ivy es vorgeschlagen hatte. Und wir hatten sie auch gesehen, nur um zu erleben, wie sie über das Auto davonschossen und uns beschimpften. Danach folgte eine weitere Stunde auf der 61, wo wir sie dabei beobachten konnten, wie sie mit guten sechzig Stundenkilometern parallel zu uns dahinschossen, bis die 191 ihnen theoretisch den Weg abschnitt. Sie flogen einfach höher und beschossen uns mit Pfeilen, als ich von ihnen verlangte, anzuhalten.

Von dort aus waren wir auf der 191 nach Norden gefahren, in dem Versuch, die Autobahn wieder zu erreichen. Wir wussten nicht, wo wir das nächste Mal tanken konnten, und Miss Sorgenvoll neben mir wurde langsam nervös. Inzwischen hatte Ivy genug Anhaltspunkte, um zu schätzen, wann sie die Straße das nächste Mal kreuzen würden. Ich hoffte darauf, dass wir sie überholen und weit genug vor ihnen anhalten konnten, um uns hinter einem Stein zu verstecken und sie in einem großen Schutzkreis einzufangen. Jedes Mal, wenn sie das Auto sahen, schossen sie davon und waren außer Reichweite.

Im Moment waren sie irgendwo hinter uns. ich fuhr hundertzwanzig, während die Pixies konstant mit sechzig dahinsausten. Das war ihre Höchstgeschwindigkeit — was bedeutete, dass Trent falsch lag und es eine geplante Entführung mit Flucht war. Pixies konnten gewöhnlich nicht so lange diese Geschwindigkeit aufrechterhalten. Sie wechselten sich mit dem Tragen von Jenks ab. Und brachten ihn was weiß ich wohin.

Es war ungefähr zwei Uhr nachmittags und heiß. Ich war erschöpft und kurz vorm Explodieren. Ivy ging es nicht viel besser. Alle halbe Stunde lehnte sie sich nach hinten und schüttelte Vivian wach, für den Fall, dass sie eine Gehirnerschütterung hatte — was die Hexenzirkel-Frau einfach nur sauer machte. Trent war erst seit ein paar Minuten wieder wach, aber er wirkte schon gelangweilt, starrte aus dem Fenster und war offensichtlich nicht glücklich darüber, dass wir Zeit verschwendeten. Ich konnte mich nur mit Mühe davon abhalten, nach hinten zu greifen und ihn zu schlagen.

Während ich nervös im Sitz hin und her rollte, kurbelte Ivy ihr Fenster nach unten und ließ warme Luft in den Innenraum, die mühelos die starke Klimaanlage im Wagen meiner Mom überwältigte. Ihre Augen waren plötzlich dunkel, und sie wirkte angespannt. Ihr war nicht heiß, sondern sie war scharf. Ich kurbelte mein Fenster ebenfalls ein Stück nach unten.

»Ich glaube, sie haben angehalten«, sagte sie mit einem kritischen Blick auf das Amulett. »Irgendwo an der 180. Siehst du?«

Sie hielt die Karte mit ihren Berechnungen und Notizen hoch. Ich schaute nicht hin, sondern biss nur die Zähne zusammen und überholte einen Van, der einen Hexenmeister auf die Seite gesprüht hatte.

»Rachel?«

»Sag mir einfach, welche Straße ich nehmen soll«, brummte ich.

Sie zog sich eine Strähne ihrer langen Haare aus dem Mund. »Die nächste Ausfahrt.« Sie setzte eine dunkle Sonnenbrille auf, um ihre Augen zu verbergen. »Du musst für ein paar Kilometer nach Norden fahren, dann macht sie eine Kurve und führt unter der Autobahn hindurch.«

»Noch mehr Haken?«, fragte Trent kaum hörbar.

»Halt den Mund! Halt einfach die Fresse!«, schrie ich, dann atmete ich in dem Versuch, mich zu entspannen, tief durch. »Ich meine, ich verstehe deine Sorge«, erklärte ich dann ruhig. »Ich werde dich rechtzeitig an die Westküste bringen, selbst wenn ich einen Trip durch die Kraftlinien von Newt kaufen muss.« Wenn Al mich nur dorthin gesprungen hätte, aber er will ja, dass ich versage. »Aber wenn du jetzt nicht den Mund hältst, halte ich an und stopfe dich in den Kofferraum.«

Trent seufzte und bewegte die Beine, und Ivy sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.

»Ich bemühe mich«, sagte ich leise zu ihr. »Er hat ungefähr so viel Mitgefühl wie ein Dämon. Immer ist es ich, ich, ich. Was, wenn es Quen gewesen wäre, der entführt wurde? Ich wette, dann wäre er hinter ihnen her wie Pixies auf Elfendreck.«

Trent räusperte sich, und ich schnaubte. Standpunkt klargemacht.

»Soll ich für eine Weile fahren?«, fragte Ivy. »Du brauchst eine Pause.«

»Nein, alles okay«, sagte ich schnell und fügte hinzu: »Wenn ich nichts zu tun habe, ticke ich aus.«

Ich wartete auf Jenkst Bemerkung, dass ich längst ausgetickt war, aber natürlich kam nichts. Ich kontrollierte den Tacho und trat fester aufs Gas. Wir mussten vor ihnen bleiben, und wir hatten noch eine ziemliche Strecke vor uns.

»Wir werden ihn finden«, sagte Ivy, und das Amulett wurde dunkel, als sie es zur Seite legte und die Karte zusammenlegte.

Schweigend suchte ich am fernen Horizont nach Cops, und meine Sinne weiteten sich, um jede Nuance von Licht und Schatten aufzunehmen. Jenks war irgendwo da draußen. Mein Magen verkrampfte sich. Das hätte nicht passieren dürfen. Er brauchte mich nicht, um auf sich aufzupassen, aber diese Höhensache hatte uns alle überrascht. Ich hätte ihn dazu bringen müssen, den Fluch zu schlucken.

Ivy schüttelte mit einem lauten Klappern die Karte aus. »Trent, schüttel Vivian. Frag sie, wie sie heißt.«

»Ich heiße Vivian«, erklang die grummelige Stimme der offensichtlich wachen Hexe. »Und wenn Sie mich berühren, Kalamack, dann zaubere ich Ihre Haare pink! Lasst mich in Ruhe schlafen!« Genervt lehnte sie sich in die Ecke und trat gegen die Rückseite meines Sitzes, als sie sich die schäbige Autodecke meiner Mom über den Kopf zog.

»Ich glaube, es geht ihr gut«, meinte Trent säuerlich und starrte wieder in die unendliche Weite hinaus.

Das Auto war voller unglücklicher Leute auf dem Weg nach Westen. Es war genau wie ein amerikanischer Familienurlaub. Jiii-ppieh!

Ich schnaubte. Mein Magen tat weh von zu viel Stress und zu wenig Essen. Ich war aufgeregt, aber es war trotzdem schwer, die Landschaft zu sehen und sie nicht schön zu nennen. Eigentlich war es nichts außer Erde und Felsen, aber es wirkte sauber, rein und in der gleißenden Sonne traten die Kanten und Senken deutlich hervor. Ich merkte, dass es Trent durch die offenen Fenster warm wurde, aber ich fühlte mich wohl. Er würde es einfach schlucken müssen.

»Das ist unsere Ausfahrt«, sagte Ivy plötzlich, und ich wurde langsamer, weil ich sie nicht mit hundertzwanzig nehmen wollte. Trent seufzte wieder, und ich trat kurz auf die Bremse, um ihn aufzurütteln.

»Es ist ein Nationalpark«, sagte ich, als ich das verblasste Schild VERSTEINERTER WALD sah. »Vielleicht sind sie dorthin unterwegs.«

»Der versteinerte Wald?« Trent klang interessiert. »Darüber habe ich schon etwas gelesen.«

Ivy lehnte sich vor. »Jeder, der in die Schule gegangen ist, hat schon davon gelesen.«

»Ich war noch nie hier«, sagte Trent und bemühte sich, desinteressiert zu klingen. »Es ist nicht die Art von Ausflug, die ...«

» ... dir erlaubt wurde, hm?«, vollendete ich den Satz für ihn, weil ich aus irgendeinem Grund sauer war. Ich jage die Entführer meines Partners, und Trent interessiert sich mehr für Steinbrocken?

Ivy reichte ihm die Karte nach hinten. »Dann ist das hier deine Chance, Pfadfinder«, sagte sie, weil sie den Plan offensichtlich nicht mehr brauchte. »Wir fahren direkt durch.«

Mein Herz machte einen Sprung, bevor es schneller weiterschlug. An der Straße stand eine Hütte der Parkaufsicht. Dreck. »Vivian? Wirst du uns Schwierigkeiten machen? Sag es mir jetzt.«

»Lass mich einfach schlafen«, grummelte sie »Lass mich schlafen, und ich werde sogar unterschreiben, dass du ein verdammter Engel bist.«

»Ich wusste nicht, dass sich Mitglieder des Hexenzirkels solcher Sprache befleißigen dürfen«, meinte Trent trocken, wahrscheinlich in dem Versuch, seine Neugier zu verbergen, aber gleichzeitig lehnte er sich vor, um mehr zu sehen.

»Du kannst mich mal, Kalamack«, schoss die normalerweise so vornehme Frau zurück.

Oh ja. Jetzt hatten wirklich alle Spaß.

Ivy zuckte mit den Achseln, also fuhr ich an die Hütte heran und kurbelte mein Fenster ganz nach unten.

»Hi. Können wir einen Tagespass haben?«, fragte ich, nachdem ich die Preisliste auf dem verblichenen Schild gelesen hatte.

»Das sind dann fünf fünfzig«, erklärte die wettergegerbte Frau, und Trent schob mir Geldscheine zwischen den Sitzen durch.

»Ihre Quittung kommt gleich«, sagte sie und verschwand in ihrem Fenster, um ein paar Knöpfe zu drücken. »Wollen Sie campen?«, fragte sie, als sie sich wieder herauslehnte und mir eine Quittung gab, die an eine Broschüre geheftet war. »Wir empfehlen es in dieser Jahreszeit nicht. Und Sie müssen einen Kurs machen, bevor Sie eine Camping-Erlaubnis bekommen. Wenn Sie nicht vorbereitet sind, kann die Wüste tödlich sein. Der Kurs dauert nur zwanzig Minuten.«

Zwanzig Minuten, um das Überleben zu lernen?, dachte ich. Ist das alles? »Wir haben jede Menge Wasser.«

Nachdem Trents Hand fast auf meiner Schulter lag, gab ich ihm die Broschüre und er lehnte sich zurück.

»Es geht nicht nur um Wasser, sondern auch um die Hitze und die Höhe«, erklärte der weibliche Ranger und richtete den Blick auf Vivian. »Geht es ihr gut?«

Die Schranke vor uns war immer noch geschlossen, und ich atmete tief durch.

»Hat zu lange Party gemacht«, sagte Trent überraschend. »Sie wird nicht mal aussteigen.«

Die Frau lächelte, und die Schranke ging auf. »Der Souvenirladen ist ein Stück die Straße entlang rechts. Und falls Sie Ihre Meinung ändern, die Kurse starten alle halbe Stunde.«

»Danke«, sagte ich und kämpfte gegen den Drang, das Gaspedal bis zum Boden durchzutreten. Wir hatten unseren Aufkleber noch nicht bekommen.

»Na dann, genießen Sie den Park. Im Hotel hat sich eine große Tiermenschengruppe für ein Firmentreffen eingemietet, aber ansonsten sind alle Ausstellungen geöffnet.«

Schließlich wurde endlich der kleine gelbe Aufkleber innen an die Scheibe geklebt. Ich atmete auf, versuchte aber, es auf die Hitze zu schieben statt auf Erleichterung. »Danke Ihnen! Wiedersehen!«

Die Frau winkte noch einmal, bevor sie in ihrer klimatisierten Hütte verschwand, und ich kroch mit den vorgeschriebenen sechzig Stundenkilometern vorwärts. Nachdem ich mit hundertzwanzig über die Autobahn gerast war, fühlte es sich unglaublich langsam an. Ich fing an, unruhig herumzurutschen.

»Hier steht, dass ein durchschnittlicher Mensch oder Inderlander drei Liter Wasser am Tag braucht«, sagte Trent und zitierte damit die Broschüre. »Wie viel haben wir dabei?«

»Überhaupt nichts.« Ich beäugte die leeren Flaschen in den Becherhaltern. »Es sind nur knapp dreißig Kilometer bis zur nächsten Straße. Ich glaube nicht, dass wir Probleme bekommen.«

»Ich sage ja nur, dass wir kein Wasser haben, wenn wir laufen müssen.«

Ivy warf ihm einen Blick zu. »Du gehst nirgendwohin. Du bleibst im Auto.«

Von dem Hügel unter der Decke erklang ein wütendes: »Ich versuche zu schlafen! Haltet einfach den Mund!«

Ivy lehnte sich zurück, und ich schwieg, während ich hin und her schaute zwischen der kurvigen Straße, dem unbeweglichen Punkt, der Jenks war, und der aufsehenerregenden Aussicht auf scharfe Schluchten und leuchtende Farben, die nichts ähnelten, was ich je gesehen hatte. Wir passierten eine Klamm nach der anderen, und Trent kurbelte sein Fenster ganz herunter, so dass die gesamte kühle Luft entwich. Dann legte er den Unterarm in die Tür, um sich die spektakuläre Aussicht anzuschauen. Erst als wir wieder die flache Wüste erreichten, rutschte er wieder in seinen Sitz. Wie erwartet fuhren wir unter der Überführung hindurch und drehten nach Süden ab.

»Glaubst du, wir kommen rechtzeitig dort an?«, fragte ich, und meine Stimmung schwankte wie wild zwischen Erleichterung und Ungeduld, als ich aufs Gas trat.

»Wir haben jede Menge Zeit«, sagte Ivy und spielte mit dem Amulett. »Sie bewegen sich nicht mehr.»

»Er kann nicht fliegen. Nicht in dieser Höhe.« Verdammt, ich plapperte.

»Er trägt sein Rot«, sagte sie und zeigte auf ein Schild für die Autorundfahrt. Die Straße führte in die Wüste, und Trent merkte auf. Seine Augen glichen unseren Fahrtweg mit der Broschüre ab. »Vielleicht haben sie ihn mitgenommen, weil er zusammengebrochen ist. Vielleicht haben sie versucht zu helfen.«

»Ja, genau, und deswegen haben sie uns auch beschimpft, als wir sie eingeholt haben.« Verdammt. Was, wenn ich ihn fand und der Größenunterschied verhinderte, dass ich irgendwas tun konnte? Der Fluch in meiner Tasche machte kleine Dinge groß, nicht andersherum.

Ich lenkte mit einer Hand und suchte mit der anderen in meiner Tasche nach meinem Handy. Wenn alle Stricke rissen, konnte ich Ceri anrufen, um sie nach dem Fluch zu fragen, um mich kleiner zu machen. Falls nötig, würde ich ihn auch vor Vivian winden.

Der trockene Geruch der Wüste breitete sich aus, als wir auf gerader Strecke am oberen Rand der Welt entlangfuhren. Die Canyons fielen neben uns zu unglaublichen Tiefen ab — wie Berge, nur umgekehrt. Es war eine seltsame Art, die Dinge zu sehen. Wir hatten niemanden getroffen, seitdem wir in den Park eingefahren waren, nur ein paar Raben und Bussarde. Hier gab es nur Schweigen, tief und ungemütlich, und eine Sonne, die mitleidslos auf alles herunterbrannte.

»Fahr langsamer«, sagte Ivy mit einem Blick auf das Amulett.

»Sind wir bald da?«, fragte Trent sarkastisch. Vivian stöhnte und zog sich die Decke trotz der Hitze weiter über den Kopf.

Ich fuhr an einem Schild vorbei, das auf eine Ruine hinwies, und Ivy versteifte sich. »Fahr zurück, Rachel! Wir sind ganz nah. Ich glaube, sie sind an den Ruinen!«

Mein Herz machte einen Sprung, und ich trat so fest auf die Bremse, dass Vivian gegen meinen Sitz geschleudert wurde und selbst Trent sich abstützen musste. Ich ignorierte Vivians Knurren, warf meinen Arm über die Kopfstütze von Ivys Sitz und legte den Rückwärtsgang ein. Trent riss die Augen auf, als ich das Auto umdrehte, zwischen zwei weiße Linien setzte und den Motor ausmachte. Angespannt sprang ich aus dem Auto, und meine Stiefel kratzten über den Asphalt, von dem die Hitze in Wellen aufstieg.

Die Stille hüllte mich ein, und ich zögerte, fast schon schockiert.

Da draußen war nichts — und das vermittelte mir einen Eindruck von majestätischer Weite. Der heiße Wind, der meine Haare bewegte, wehte schon seit Hunderten von Kilometern ohne Hindernis. Er fühlte sich glatt an, als er um mich herumglitt und weiterwehte, unbeeindruckt und ohne mich auch nur wahrzunehmen. Ich konnte nicht weit genug sehen, weil meine Augen zum ersten Mal in meinem Leben an ihre Grenzen stießen. Es war ... unermesslich. Jenks ...

Die Sonne brannte herab und erhitzte sogar die Schatten. Ich schickte meine Sinne aus, während ich auf der Straße zu den Ruinen stand, über das Rotbraun hinwegsah und nach etwas suchte. Ich registrierte das Gefühl der Luft und lauschte auf das Brummen von Flügeln, ohne etwas anderes zu hören als unendliche Leere. Ich suchte nach einer Kraftlinie und fand alte Spuren, die fast vollkommen verblasst waren — wie die letzten Spuren einer verschwundenen Ära. Alles war leer.

Mein Kopf schmerzte von dem Echo des Nichts um mich herum, und ich nahm jede Nuance der Umgebung in mich auf, während ich nach einem Zeichen, einem Atemzug, einem Flügelpfeifen suchte. Jeder Stein, jeder Schatten trat in harten Kontrasten hervor, als ich alles absuchte. Das Bild der Wüste brannte sich fast in meinen Geist, gestützt von den verblassten Bildern von Kraftlinien, die es nicht mehr gab. Sie flüsterten und erzählten von einer Zeit, als es hier Gras und Bäume gegeben hatte und riesige Tiere umhergewandert waren, um zu leben und zu sterben ... bis sie zusammen mit den Kraftlinien verschwanden. Ich fragte mich, was zuerst verschwunden war.

Al hatte mir einmal erklärt, dass die Dämonen die Kraftlinien bei dem Versuch geschaffen hatten, aus dem Jenseits zu entkommen — aber die Magie war noch älter als das. Sah ich hier die verblichenen Reste von Linien, die gestorben waren? Hatten die Dämonen in ihrem Versuch, die Elfen zu verbannen, die ursprünglichen Magiequellen vernichtet? Ich blinzelte, schloss die Augen und suchte nach einem Hauch von Verstehen. Ich schlang mein Bewusstsein um die leere Hülle eines Kratzers zwischen Gegenwart und Vergangenheit, der längst verschwunden war und nur ein trockenes, staubiges Skelett hinterlassen hatte, um auf das hinzuweisen, was einmal gewesen war. Ich fühlte mich so verdammt allein.

Eine Tür knallte zu, und ich drehte mich um, während der letzte Gedanke noch in mir widerhallte. »Steig wieder ins Auto«, sagte ich zu Trent. Ivy stieg langsam aus, den Kopf über das Amulett in ihrer Hand gebeugt.

Trent musterte mich mit verschlossenem Gesicht von oben bis unten. »Da drin ist es wie in einem Ofen«, sagte er und schaute auf die Karte in der Broschüre. »Und außerdem ist es eine Horde Pixies. Wie schlimm kann es schon werden? Geh einfach und hol ihn. Du bist tausendmal größer als sie.« Genervt lehnte er sich gegen das Auto und starrte mich aus zusammengekniffenen Augen an. »Ich werde hier stehen bleiben, bis du nach mir schreist. Versprochen.«

Genau — als könnte das passieren. Nervös schaute ich auf die Karte, die auf dem großen braunen Schild neben der Straße aufgezeichnet war, und entdeckte, dass es einen ungefähr fünfhundert Meter langen Weg um die Ruinen herum gab. Laut dem Schild hatten hier vor tausend Jahren fast vierhundert Leute gelebt.

Ivy trat mit dem Fuß die Tür zu, und der Knall konnte die Stille nur für einen Moment füllen, bevor er eingesaugt wurde. »Du solltest öfter auf Quen hören«, sagte sie, schaute wieder auf das Amulett und dann stirnrunzelnd auf die leichte Anhöhe vor uns. »Pixies sind tödlich.«

»Ein Clan wilder Pixies hat einen erfahrenen Runner gekidnappt«, sagte ich. »Sie leben in der Wüste. Was verrät dir das?«, fragte ich ihn.

»Sie sind nicht klug genug, um umzusiedeln?«, sagte Trent, und ich gab ein angewidertes Geräusch von mir. Ivy hielt auf den schmalen gepflasterten Weg zu, und ich drehte mich um, um ihr zu folgen. Laut dem Schild hatten Archäologen damit begonnen, das Dorf zu rekonstruieren, aber keine der Mauern war mehr als kniehoch.

Ich streckte mein Bewusstsein an den Erinnerungen von dem, was vielleicht einmal Kraftlinien gewesen waren, vorbei und zapfte die nächste wirkliche Linie an. Ich schloss die Augen, als ich Hunderte von ihnen fand, aber alle erst im nächsten Staat. Der Wassermangel hatte meine Reichweite verbessert, so wie das Fehlen von Bäumen erklärte, wie weit ich sehen konnte. So viel sichtbare Landschaft im Kopf zu haben sorgte dafür, dass mir fast schlecht wurde. Schnell speicherte ich eine gute Portion Jenseitsenergie in meinem Kopf. Die Linie hielt ich trotzdem fest, weil ich wusste, dass es nicht einfach werden würde. Ich wollte nicht auf Magie zurückgreifen müssen. Wenn ich sie nicht davon überzeugen konnte, Jenks gehen zu lassen, war ich mir nicht sicher, ob ich sie dazu zwingen konnte, ohne sie zu verletzen.

Vivians Tür öffnete sich mit einem lauten Klicken, aber sie klappte sie nur ein Stück auf, um Durchzug zu erzeugen.

Und ja, da war auch noch die Vivian-Sache zu bedenken. Alles, was ich tat, würde dem Hexenzirkel berichtet werden. Stirnrunzelnd folgte ich Ivy, bis ich sie eingeholt hatte. Mein Herz raste, als wir die kleine Anhöhe hinaufstiegen. Die Höhenmeter machten auch mir zu schaffen. Ich versuchte, mich leise zu bewegen und auf das Klappern von Pixieflügeln zu lauschen, aber ich hörte nur den Wind.

Wie hier irgendetwas überleben konnte, ging über meinen Verstand, besonders die blumenliebenden Pixies. Die einzige Pflanze, die ich bis jetzt gesehen hatte, war widerstandsfähig und krautartig — eine Pflanze, der ich zu Hause niemals einen zweiten Blick geschenkt hätte, aber hier hoben sich die winzigen Blüten von der Landschaft ab. »Trent ist so dämlich, am liebsten würde ich ihn in Honig tauchen und zwischen ihnen absetzen«, sagte ich angespannt, als wir dem schmalen Pfad folgten, Steine auf beiden Seiten.

lvy sah nicht von dem Amulett auf, zu besorgt, um die raue Schönheit um sich zu bemerken. Es war ein gutes Gefühl, sich zu bewegen, auch wenn es ein unheimlicher Gedanke war, dass ich wie ein Geist eine verlassene Straße entlangwanderte. Mir gefiel die Müdigkeit in meinen Beinen nicht. Wir waren erst knapp zwanzig Meter gegangen, aber in der Hitze und der Höhe fühlte es sich an wie ein Kilometer. Kein Wunder, dass Jenks nicht fliegen konnte.

Der Weg machte eine Kurve, wir hielten am Ende des Dorfes an und sahen über etwas hinweg, das wahrscheinlich einmal die Müllkippe gewesen war. Unter uns, am Fuß einer steilen Klippe, waren Figuren im Stein zu sehen. Die dunkle Oberfläche war eingeritzt worden, um den weißen Stein darunter freizulegen. Die meisten der Symbole waren unerklärliche Kreise und Spiralen, aber eine Zeichnung zeigte einen Vogel, der einen Mann in seinem Schnabel hielt, und war klar genug. Sie wirkte ägyptisch, und ich fragte mich, ob die Dämonen hier gewesen waren.

»Schau dir diese Höhlenmalereien an«, sagte ich und zeigte auf den storchartigen Vogel.

»Man nennt sie Petroglyphen.« Ivy hob nicht einmal den Kopf. Sie war vollkommen auf das Amulett konzentriert.

»Okay, aber dieser riesige Vogel frisst einen Mann«, sagte ich. Da sah sie auf.

»Ich glaube, das bedeutet: ›Bleibt in der Nähe des Dorfes, oder der Schwarze Mann holt euch‹.«

Ich hob meinen Blick zu den Weiten über den Zeichnungen und hatte plötzlich das Gefühl, wir würden beobachtet.

»Aha«, sagte ich, wenig überzeugt. »Und diese kleinen Zählstriche darunter bedeuten was genau?«

Sie zuckte mit den Achseln, und ich schlang die Arme um meinen Bauch, weil ich nach Jenks schreien wollte. »Wo ist er?«, fragte ich und unterdrückte den Drang, ihr das Amulett abzunehmen. Ich wusste es besser. Ivy fühlte sich auch hilflos.

»Ich kann es nicht sagen.« Ivy drehte sich langsam im Kreis, und ihr Gesicht wirkte verloren. »Ich weiß, dass sie uns beobachten.« Sie schürzte die Lippen und pfiff.

Unter uns auf dem Parkplatz stieß sich Trent vom Wagen ab. Ich winkte ihm zu, dass er dort bleiben sollte, woraufhin er einen Stein über den Parkplatz trat, in die Hocke ging und Erde durch seine Finger rieseln ließ.

Ivy und ich strengten uns an, etwas zu hören, aber nicht einmal ein Insekt störte die Geräuschkulisse aus Wind auf Stein. Mir gefiel das nicht. Wenn sie mit Jenks untertauchten, würden wir sie nie finden. »Jenks!«, schrie ich und wirbelte herum, als ein winziger Stein davonrollte.

»Vorsicht ...«, sagte Ivy und griff nach meinem Arm. Dann traten wir gemeinsam vor, folgten dem Weg über einen kleinen Hügel und verloren damit den Parkplatz aus den Augen.

Ich kroch langsam vorwärts und fühlte mich unter der Sonne nicht wohl. Die Hitze ließ meinen Schweiß verdampfen, noch bevor meine Haut feucht werden konnte. Zwanzig Meter vor uns lag ein anderer Teil des Dorfes, und die Eckwand war fast bis auf Brusthöhe wieder aufgebaut. Eine winzige Bewegung erregte meine Aufmerksamkeit und ich hielt an.

Dort auf der Wand, gefesselt und mit seinem eigenen Kopftuch geknebelt, lag Jenks. ich konnte seine Miene nicht erkennen, aber seine schnellen Bewegungen verrieten mir, dass er wütend war. Seine Stimme wurde von der Entfernung und seinem Kopftuch gedämpft. Und seine Flügel bewegten sich nicht, während schwarzer Staub von ihm herabrieselte. Er wirkte wie ein Opfer, und Trents Worte über die lokale Gottheit fielen mir wieder ein, zusammen mit dem Bild dieses Vogels, der einen Mann in seinem Schnabel hielt. Vielleicht war es ja ein Pixie.

»Hurensöhne!«, schrie Jenks, als es ihm endlich gelang, das Kopftuch aus dem Mund zu schieben. »Ihr feigen Hurensöhne!«, sagte er wieder, dann rollte er aus Versehen von der Wand und verschwand mit einem Aufjaulen.

»Jenks!«, schrie Ivy und sprang vorwärts.

»Nein, warte!«, schrie ich, versuchte sie zu packen und fühlte mich, als würde die Erde sich unter uns öffnen. Ein schneidendes Pfeifen erklang, und Adrenalin schoss in meine Adern.

»Rhombus!«, rief ich und duckte mich, als die dünne Schicht aus Jenseits sich um uns erhob. Der Schutzkreis bildete sich mit einem gedankenerschütternden Echo, und ich sah auf, als winzige Pfeile ihn trafen. Die Sonne schien dunkler zu sein, und ich bekam Angst. Habe ich schon so viel Schmutz auf mich geladen?

»Stopp!«, erklang eine schrille Stimme vor mir. »Oder wir bringen die schwarzhaarige Frau um.«

»Rachel, stopp!«, schrie auch Jenks, und ich sah auf. Und wurde bleich. Dreißig. Nein, fünfzig, vielleicht sogar mehr Pixies umringten Ivy, alle mit einem Bogen oder einem Schwert oder beidem bewaffnet. Sie war nicht innerhalb meines Schutzkreises. Ihre vampirische Geschwindigkeit hatte sie zu schnell nach vorne katapultiert.

»Ivy!«, rief ich. Sie leckte sich langsam die Lippen und hob kapitulierend die Arme. Ihr Gesicht war weiß wie der Tod, und sie atmete flach, während die Pixies, die in Braun- und Lilatöne gekleidet waren, über ihr schwebten. Ihr Staub hüllte sie in eine rote Wolke, während sie wild über ihr schrien und ihre Waffen schwenkten. Plötzlich verstand ich die hässliche Realität, wie sie hier draußen überlebten — sie töteten Tiere, um ihre traditionelle Kost aus Pollen und Nektar zu ergänzen. Scheiße, das gibt Ärger.

»Ähm, tut mir leid«, sagte Ivy und erstarrte, als die Pixies ihr befahlen, den Mund zu halten.

»Wenn ihr sie verletzt ...«, drohte ich, und meine Augen schossen zum Grat. Dort stand Trent, angespannt und anscheinend bereit, etwas zu unternehmen. Verdammt, ich konnte nicht beide gleichzeitig beschützen. Was tat er hier? Wenn sie ihn sahen, würden sie angreifen. Ich versuchte, ihm mit den Augen klarzumachen, dass er verschwinden sollte.

Ein helles, gelbes Aufleuchten erregte meine Aufmerksamkeit, und ich runzelte die Stirn, als ein Pixie in leuchtend gelber, weit geschnittener Kleidung vor mir schwebte. Er sah aus wie ein kranker Achtzehnjähriger, der sich zu viel Brimstone reingepfiffen hat. Seine dunkle Haut war von der Sonne und zu wenig Schlaf angegriffen. Aber er hielt seinen zwölf Zentimeter langen Krötenspeer fest genug, und der Blick in seinen grünen Augen war scharf.

»Warum folgst du uns, Hexe?«, verlangte er zu wissen und schwebte nur Zentimeter vor der Barriere. Seine Worte erklangen so schnell, dass ich ihn fast nicht verstehen konnte. Meine Augen huschten wieder zu Trent und meine Schultern entspannten sich, als ich sah, dass er verschwunden war. Schmeiß einfach den Motor an und warte, dachte ich und wusste genau, dass das zu viel verlangt war. Er würde etwas unternehmen, und wahrscheinlich würde es alles nur schlimmer machen. Dummer Elf.

Hinter der Wand schrie Jenks: »Was zum Wandel stimmt nicht mit euch? Sie sind meine Freunde!«

Der Pixie mir gegenüber schoss zur Wand. »Lügner!«, rief er und bedeutete zwei Pixies, Jenks zu holen. »Sie sind Große!«

»Sie sind meine Freunde.« Die zwei Pixies sanken nach unten und legten Jenks wieder auf die Mauer, von der er gefallen war. Jenks wirkte sauer, als er aufstand und mühsam sein Gleichgewicht fand. Es sah aus, als hätten sie seine Flügelspitzen beschwert, um ihn am Fliegen zu hindern.

»Ich erfinde das nicht«, sagte Jenks angewidert. »Ich bin Jenks! Aus Cincinnati. Ich fahre für einen Auftrag an die Westküste, und ich kann nicht hierbleiben. Und ich werde keine eurer Frauen heiraten! Ich habe eine Frau!«

Ich wechselte einen schockierten Blick mit Ivy und sie ging vorsichtig in Kampfstellung. Sie haben ihn als Deckhengst entführt?

»Lügner!«, schrie der oberste Pixie wieder. »Du hast gesagt, sie ist gestorben!«

Ich öffnete den Mund, aber Jenks war schneller und schrie: »Ich will keine neue Frau! Ich liebe meine alte. Habt ihr Trollscheiße in den Ohren? Lasst mich frei!« Jenks schüttelte seine Flügel und verlor heftig Staub, als die Gewichte hinter ihm herumbaumelten.

Zwei weitere Pixies, beide in Salbeigrün, waren aufgestiegen, um neben dem Anführer zu schweben. »Er hat sich den gesamten Weg über beschwert«, sagte der eine, der ein Schwert in der Hand hielt.

»Wir haben seinen Arsch zweihundertfünfzig Kilometer weit geschleppt, und er hat ständig gemotzt«, sagte der andere mit Bogen. Das war seltsam. Ich hätte geschworen, dass sie ungefähr gleich alt waren, aber sie wirkten nicht, als wären sie aus demselben Clan. Pixies arbeiteten nicht zusammen. Zumindest die Pixies östlich des Mississippi nicht. Vielleicht mussten sie sich hier in der Wüste zusammenrotten, um zu überleben. Das würde auch erklären, warum Jenks sich eine neue Frau nehmen sollte.

»Er kann nicht mal fliegen«, sagte der zweite und zeigte mit seinem Bogen auf Jenks. »Selbst ohne die Fesseln. Ich sage, wir lassen ihn laufen. Sie wollen ihn, und trotz seiner schicken Kleidung und seiner Größe kann er nicht fliegen.«

»Er ist aus dem Osten«, sagte der Pixie in Gelb. »Er wird sich anpassen. Er ist einfach nicht an die Luft gewöhnt. Schaut, wie wassergefüllt sein Fleisch ist. Und betrachtet sein Schwert«, sagte er und musterte die Waffe in seiner Hand. Ich kniff die Augen zusammen. Es war Jenks'. »Das ist Pixiestahl. Pixiestahl! Und er sagt, er hat vierundfünfzig Kinder. Und alle leben.«

Bei dieser Bemerkung schwebten die anderen Pixies höher und plapperten so schnell, dass ich sie nicht verstehen konnte.

»Er lügt!«, sagte ein Pixie. »So viele Kinder kann man nicht am Leben halten.«

»Jenks schon«, sagte ich.

»Du bist nicht hilfreich«, rief Ivy, und ich verzog das Gesicht.

»Ich wette, dass er es kann!« Der Oberpixie in Gelb wedelte mit Jenks' Schwert. »Schaut ihn euch an!«

Jenks stand mit vor dem Körper gefesselten Händen da und von seinen Hügeln rieselte schwarzer Staub. Selbst ich musste zugeben, dass er gut aussah, besonders, wenn man ihn mit den kleineren, ausgezehrten Pixies um ihn herum verglich. In einer anderen Welt, in einer anderen Zeit, bei anderer Größe ... Aber er war Jenks, mein Freund, und meine Wut wuchs. Trotzdem wagte ich nicht, mich zu bewegen. Nicht, während ein gutes Dutzend vergiftete Pfeile auf Ivy gerichtet war.

Um uns herum kicherten die Pixiefrauen, und mein Gesicht brannte, als eine von ihnen laut sagte: »Mir ist egal, ob er fliegen kann oder nicht. Ich würde ihn einfach auspacken und wie eine Pelzstola tragen.«

»Wir haben dich gestohlen«, sagte der Oberpixie zu Jenks und bedeutete den anderen, sich zurückzuziehen. »Du gehörst uns.«

»Jenks gehört niemandem!«, schrie ich, aber Ivy schwieg. Sie war ein Vampir, und Vampire waren dazu geboren, wie Dinge behandelt und anderen zum Vergnügen für einen Tag oder ein Leben überlassen zu werden.

Bei meinem Ruf flog der Pixie auf die Blase zu und piekte mit Jenks' Schwert hinein. »Du bist nicht groß genug, um uns aufzuhalten. Steig in dein Auto und fahr weg, oder wir töten den Vampir.«

Ich schluckte, und mir wurde kalt. »Bitte. Ich weiß, dass es seltsam ist, aber Jenks arbeitet seit über zwei Jahren mit uns zusammen. Ihm gehört die Kirche, in der wir leben. Ich zahle ihm Miete. Ihr könnt ihn nicht behalten. Er hat Verantwortung. Einen Job. Eine Hypothek. Er muss zurück zu seinen Kindern, weil ich nicht auf sie aufpassen werde!«

»Er besitzt Eigentum?«

Gesprochen hatte der Pixie mit dem Bogen, und ich nickte, worauf ein Raunen durch die Pixies ging.

»In seinem Garten stehen so viele Blumen, dass man nirgends hintreten kann, ohne eine zu zertreten«, sagte ich. »Das Gras wächst so schnell, dass ich es jede Woche schneiden muss. Seine Kinder sind so klug, dass sie jeden Winter wach bleiben. Sie spielen im Schnee.«

»Das klingt wie das Paradies«, sagte ein Pixie in einer weiten braunen Tunika.

»Du bist nicht hilfreich ...«, sagte Ivy leise mit ihrer melodischen Stimme.

Der Pixie mit dem Bogen runzelte die Stirn und flog ein Stück höher als die anderen beiden. »Ich habe doch gesagt, dass wir hätten fragen sollen. Auf der anderen Seite des Mississippi haben sie andere Sitten.«

»Wir haben ihn gefangen!«, beharrte der Anführer, aber in mir stieg Hoffnung auf, als ich die ersten Risse in ihrer Entschlossenheit sah. »Haben seinen dämlichen Hintern durch das Gebiet von sechs Clans geschleppt. Und jetzt willst du, dass wir ihn aufgeben? Seine Frau ist tot, und er ist auf einer Reise, um seinen Samen in den Wind zu streuen. Warum sonst sollte er so viel Rot tragen?«

Wie bitte?

Ivy gab ein ungläubiges Schnauben von sich, und ich schaute zu Jenks. Er wirkte genauso verwirrt wie ich. »Ähm, wo ich herkomme, tut man das, um sicheres Geleit durch das Territorium eines anderen Pixie zu bekommen«, sagte er.

»Ihr lasst sie nicht einfach passieren?«, fragte eine Pixiefrau und ihr braunes Seidenkleid bauschte sich, als sie nach oben schoss. »Wie findet ihr genug Essen, um zu überleben?«

Ein kultureller Unterschied?, dachte ich. Die ganze Sache war nur ein Missverständnis über die Bedeutung der Farbe Rot? »Der Fehler tut mir leid«, sagte ich und hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass wir die Sache ohne einen Kampf klären konnten. »Können wir ihn wiederhaben? Er wird auch kein Rot mehr tragen. Wir wussten das nicht.«

Die Pixies schossen in der Sonne herum, und die Schatten ihrer Flügel huschten über Ivy, als sie in kleinen Grüppchen diskutierten. Langsam entspannte ich mich.

»Er ist ein bewährter Versorger!«, sagte der Oberpixie. »Wir brauchen frisches Blut in unseren Kindern.« Aber die Bogen waren nicht mehr gespannt, und die Schwertspitzen zeigten nach unten.

»Hört mal«, sagte ich und trat einen halben Schritt nach vorne, nur um sofort stehen zu bleiben, als die Pixies ihre Waffen wieder hoben. »Er wusste nicht, dass Rot bedeutet, dass er versucht, seinen, ähm, Samen zu verstreuen.«

»Genau, ich wusste es nicht!«, sagte Jenks und wurde rot. »Ich kann nicht bleiben. Ich muss zu meinen Kindern zurück!«

»Und ich bin mir sicher, dass wir eine Gegenleistung für eure Anstrengungen bieten können«, fügte ich hinzu. »Honig oder irgendwas. Was wollt ihr?«

Ich hielt den Atem an, als die drei Anführer erst sich und dann die anderen ansahen, als würden sie ernsthaft darüber nachdenken. Ich würde ihnen einen ganzen Tanklastzug voller Honig geben, wenn es nötig war.

»Kannst du uns ... Ahornsirup besorgen?«, fragte der Pixie in Gelb. »Fünf Liter, vielleicht? Aber das echte Zeug, nicht diese Eidechsenscheiße, die mit Maissirup gemischt ist.«

Ich atmete so tief auf, dass mir die Brust davon wehtat. »Ja«, sagte ich und sah, wie sich die Sorgenfalten in Ivys Gesicht glätteten.

Die Flügel des Oberpixies nahmen eine neutrale silberne Farbe an, und er drehte sich zu den anderen zwei Anführern um. »Für jeden von uns«, fügte er hinzu, weil er noch mehr wollte, nachdem ich so einfach nachgegeben hatte. Ich nickte nur lächelnd.

»Dreimal fünf Liter. Aber Jenks bekommt sein Schwert zurück.«

»Abgemacht!«, sagten die drei Pixies gleichzeitig, hoben ihre Waffen zu einem Salut, und der Pixie neben Jenks durchschnitt seine Fesseln. Jenks warf dem Jungen einen bösen Blick zu und ließ das Seil zu Boden fallen. Die Flügel immer noch flach an den Rücken gelegt, streckte er den Arm aus, um sein Schwert zu fangen. Als er es in den Gürtel steckte, war offensichtlich, dass er nicht glücklich war.

Es war vorbei, und die Pixies, die am weitesten von uns entfernt waren, erhoben sich in einer farbigen Wolke und schrien: »Ku'Sox! Der Ku'Sox Sha-Ku'ru!«

Eine Party?, dachte ich, als die Luft um Jenks und Ivy plötzlich pixiefrei war. Um die friedliche Beilegung eines Konfliktes und drei Fünf-Liter-Flaschen Ahornsirup zu feiern? Lächelnd ging ich zu Jenks, der immer noch auf der Mauer saß. »Bist du okay?«, fragte ich und fiel vor ihm auf ein Knie. Ich legte meine Hände um ihn, konnte ihn aber nicht berühren. Ich konnte ihn nie berühren.

»Mir geht's gut«, murmelte er und wirkte peinlich berührt, als er die Gewichte von seinen Flügeln entfernte. Mühsam hob er ein paar Zentimeter ab, bevor er wieder landete. »Gekauft zum Preis von fünf Litern Sirup.«

Ivys Schatten fiel auf uns, und ich sah auf, als sie leise lachte. »Es waren fünfzehn«, sagte sie. »Und besser damit als mit meinem Leben.«

Jenks nickte reuig. »Ich werde niemals wieder Rot tragen. Können wir ihnen einfach einen Schuldschein schreiben und verschwinden?«

Ich stand auf und schob mir einladend die dreckigen Haare von der Schulter. »Einer von uns wird kurz in die Stadt fahren, um das Zeug zu holen, und dann sind wir weg. Trent wird es einfach schlucken müssen.«

Jenks hob unsicher ab und kämpfte sich mühsam bis zu meiner Schulter vor, wo er sich an meinem Ohrring festklammerte, als er dagegenfiel. Ich schaute den Pfad entlang zu unserem unsichtbaren Auto und nahm Ivys Arm, um sicherzustellen, dass es auch ihr gutging.

»Du bist von nichts getroffen worden, oder?«, fragte ich, aber sie hörte mir gar nicht zu. Ihre Augen waren auf etwas in der Nähe der Felsen hinter mir gerichtet. Die Pixies kreischten, als ein Vogel ein durchdringendes Krächzen von sich gab, und ich drehte mich um.

Ein Vogel?, dachte ich und dann verstand ich plötzlich. Ku'Sox Sha-Ku'Ru war keine Party, es war ein Vogel. Ein riesiger Vogel, storchenähnlich. Und er ... »Er frisst sie«, flüsterte ich entsetzt. »Oh mein Gott, der Vogel frisst siel«

Ich starrte ungläubig und verstand es einfach nicht. Der zweite und dritte Anführer schrien Anweisungen, so hoch und schnell, dass ich sie nicht verstehen konnte, aber es war klar ersichtlich, dass jetzt alle Pfeile und Speere, die einst auf uns gerichtet gewesen waren, in Richtung des Vogels zeigten. Er krächzte und das harsche Geräusch ließ mich zittern, als es von den Steinen widerhallte.

»Oh mein Gott«, keuchte Ivy.

Ich wirbelte herum, als ein neuer Schatten auf uns fiel. »Du!«, rief ich dämlich, als Trent schlitternd neben uns zum Stehen kam. Er atmete schwer und wirkte müde. »Ich habe dir gesagt, du sollst im Auto warten! Wir haben alles unter Kontrolle!«

»Das sehe ich.« Trent beobachtete mit zusammengepressten Lippen für einen Moment den Kampf. »Sollten wir nicht verschwinden?«

Pixies schrien und inzwischen klang es panisch. »Was, jetzt?«, rief ich. »Wir müssen ihnen helfen!«

»Den Pixies, die deinen Partner entführt haben?«, sagte Trent mit gerunzelter Stirn. »Warum?«

»Warum?«, wiederholte ich. »Weil es ein Missverständnis war! Wir haben alles geklärt. Wir brauchen nur fünfzehn Liter Ahornsirup.«

Trent wurde bleich. »Oh.« Er leckte sich die Lippen, und Ivy trat von einem Fuß auf den anderen. »Ähm, vielleicht sollten wir trotzdem verschwinden«, sagte er, packte meinen Arm und zog mich einen Schritt den Weg entlang.

»Rache?«, sagte Jenks mit zittriger Stimme. »Ich kann nicht fliegen.«

»Siehst du nicht, was hier los ist?«, fragte ich, als ich Trent meinen Arm entriss und mit dem Finger zeigte, nur um den Arm sofort wieder zu senken. Ein Pixie, der gerade versuchte, sich aus dem Schnabel des Vogels zu befreien, schrie auf, als er nach einem kurzen Wurf mit einem Schnappen verschlungen wurde. Die Clangefährten des Pixies und die Frauen stachen auf den grauen, storchartigen Vogel ein, beschossen ihn mit Pfeilen und warfen Speere auf ihn, aber er riss nur den Kopf herum, um den nächsten Krieger zu fangen, der ihm zu nahe kam. Dann hüpfte er flatternd auf einen Felsen, auf dem sein Stand besser war. Seine Federn schützten ihn und gegen das Gift schien er immun zu sein.

»Da ist ein Vagel«, sagte ich, »der Pixies frisst. Hast du irgendeine Vorstellung davon, wie falsch das ist?«

»Wir müssen hier verschwinden«, sagte er nur wieder, und ich richtete endlich meine gesamte Aufmerksamkeit auf ihn. Er strich sich die Haare aus den Augen, und mein Herz blieb fast stehen. Er blutete aus den Ohren. Wieder.

»Was hast du getan ...«, flüsterte ich verängstigt. Trent ging weg, und ich warf einen Blick zu Ivy. Ihr Gesicht war verschlossen. Ich setzte mich in Bewegung, um ihm zu folgen. Mein Herz raste. Er stank nach Zimt und verdorbenem Wein. »Was hast du getan?«, wiederholte ich, aber er ignorierte mich. Er wurde auch nicht langsamer.

»Ich dachte, ihr bräuchtet Hilfe«, sagte er. Ich packte seinen Arm und brachte ihn auf dem Hügel zum Stehen. Angsterfüllt umfasste ich sein Kinn und drehte seinen Kopf. Er ließ es zu. Er hatte einen Handabdruck an seinem Hals, aber wirklich Angst machte mir das Blut, das aus seinen Ohren und der Nase tropfte. Der Arch. Er hatte am Arch ebenfalls geblutet, und er roch nach Elfenmagie. Er hat gedacht, wir bräuchten Hilfe?

»Sag mir, was du getan hast!« Ich schaute den Hügel hinunter zum Auto. Der Kofferraum stand offen, und mein Beschwörungsspiegel glitzerte in der Sonne. Vivian schlief auf dem Rücksitz, offenbar immun gegen den Lärm. Schlief sie, oder war sie bewusstlos? »Oh mein Gott!«, rief ich, als die Puzzlestücke sich plötzlich zusammenfügten. »Hast du meinen Spiegel benutzt, um einen Handel mit einem Dämon einzugehen?«

Der Vogel krächzte. Ivy stand neben mir, und Jenks fing an zu fluchen. Trent biss die Zähne zusammen und zuckte zusammen, als das furchtbare Krächzen ein weiteres Mal erklang. »Ja.«

Das einzelne Wort traf mich wie ein Schlag. »Du warst das unter dem Gateway Arch?«, stammelte ich und stolperte vorwärts, als Trent sich entschlossen wieder auf den Weg zum Auto machte. »Du hast dich selbst in eine Kraftlinie gestellt und unter dem Arch einen Dämon gerufen!«, beschuldigte ich ihn. »Die Macht, die ich in die zwei Mörder gedrückt habe, kam gar nicht von dir und auch nicht von den Mördern selbst. Sie kam von einem Dämon! Und als ich die Energie zurück in ihn gedrückt habe, hat er versucht, uns alle unter dem Arch zu begraben. Du hast einen Dämon um Hilfe gebeten, und er hätte dich fast umgebracht. Und jetzt ziehst du los und bittest ihn nochmal um Hilfe? Bist du wahnsinnig?«

Jenks hatte mühsam abgehoben und schwebte rückwärts, um gleichzeitig unsere Gesichter und das Land hinter uns im Blick behalten zu können. Er wirkte so verängstigt, wie ich mich fühlte.

»Er kann mich jetzt nicht mehr töten«, sagte Trent entschlossen. »Alles wird gut. Vertrau mir.«

»Dir vertrauen?«, schrie ich, und Ivy packte meinen Arm, als ich Anstalten machte, ihn zu schubsen. Trent fühlte meine Bewegung, blieb stehen und drehte sich mit wütender, kein bisschen reumütiger Miene zu mir um.

»Er kann dich meinetwegen nicht entführen!« Ich schüttelte Ivys Hand ab und stieß ihn gegen die Brust. Trent stolperte nach hinten, aber ich kam ihm hinterher und schob mein Gesicht direkt vor seines. »Du hast mich benutzt! ich habe dich als Vertrauten befreit, und du hast mich benutzt!«

Trent wurde noch grimmiger, und sein Blick schoss über meine Schulter hinweg, als das Geräusch kämpfender Pixies und das Krächzen des Storchs lauter wurde. Ivy stand neben mir, eine Hand in die Hüfte gestemmt. »Der Hexenzirkel interessiert sich vielleicht dafür. Trent Kalamack pfuscht mit Dämonologie herum.«

»Wenn ihr es dem Zirkel sagt, dann hat Rachel keine Chance mehr«, erklärte er, und mir wurde klar, dass er Recht hatte.

»Ähm, Rache?«, sagte Jenks nervös von Ivys Schulter. »Sie kommen in unsere Richtung.«

»Du bist ein Idiot«, sagte ich und zitterte innerlich. »Du hast keine Ahnung, was du angerichtet hast.«

Trent zog seine Kleidung zurecht, als trüge er einen Anzug und nicht ein schwarzes T-Shirt und Jeans. »Ich würde vorschlagen, wir verschwinden, bevor er sie alle gefressen hat.«

Ich trat einen Schritt zurück und hätte trotz meiner Abscheu fast laut gelacht. Ivy starrte ihn ebenfalls ungläubig an. »Es ist dir vollkommen egal. Ich werde nicht einfach verschwinden. Er frisst sie!«

»Rachel, nein!«, schrie Trent, aber ich war fertig mit zuhören. Ich lehnte mich zurück, als er vortrat, und riss meinen Fuß gerade rechtzeitig hoch, um ihn dagegen-laufen zu lassen. Ich traf ihn so fest, dass ich zurückgeworfen wurde, und er hielt sich den Bauch, fiel nach hinten um und riss Ivy mit zu Boden. Sie lagen zusammen auf dem gepflasterten Weg, und als Jenks auf meine Schulter flog, drehte ich mich zu dem Vogel um.

»Celero inanio!«, schrie ich und warf einen glühenden Ball aus Jenseitsenergie auf den krächzenden Storch, dessen hässliche Haut am Hals herunterbaumelte. Ja, es war ein schwarzer Fluch, aber das war ein Vogel, der Pixies fraß — Pixies, mit denen ich mich friedlich geeinigt hatte. Ich murmelte bereits: »Ich nehme den Schmutz«, als der Fluch, der das Blut in einem lebenden Wesen zum Kochen brachte, die kurze Strecke flog und auf den Vogel traf, um ihn in einer Explosion aus fluchbefleckter Magie zu töten.

Nur, dass nichts passierte.

Mein Ball des Todes explodierte Zentimeter vor dem Vogel. Er brach an einem schwarzen Blitz, der sich um den großen Vogel gelegt hatte und ihn beschützte. Funken liefen wie ein Wasserfall über den Schutzkreis. Die Pixies wichen mit verängstigten Schreien zurück und sammelten sich in einer angriffslustigen Wolke, als der Vogel sich schüttelte und die Schutzbarriere wieder verschwand.

Der Vogel krächzte wieder und richtete ein rotes Auge auf mich. Mein Magen verkrampfte sich, als mir auffiel, dass es geschlitzt war wie das einer Ziege.

»Du dämliche Idiotin!«, keuchte Trent vom Boden. Seine Augen tränten, als er versuchte, ruhig zu atmen. »Das ist kein Vogel. Das ist ein Dämon.«