14
Mit klopfendem Herzen rannte ich den Flur zurück. Ich knallte so fest gegen die Toilettentür, dass der Schlag mir vom Arm bis in die Zehen fuhr. Mit angehaltenem Atem kam ich zum Stehen, als der unbekannte Elf sich umdrehte.
Trent stand immer noch neben den Waschbecken, in einem klaustrophobisch kleinen Schutzkreis zusammengekauert. In seinen Augen blitzte Panik auf, die sich aber schnell in seine vertraute Leidenschaftslosigkeit verwandelte. Aber ich hatte es bemerkt, und ich wusste, dass er froh war, mich zu sehen. Die Luft roch nach Ozon, als die letzten Reste der grünen Aura des fremden Elfs auf dem Schutzkreis flackerten, den sie nicht hatte durchdringen können.
Ich stemmte eine Hand in die Hüfte und wedelte mit der anderen in Richtung des völlig ungerührten Mannes. Versuchst, Trent umzubringen, während ich Wachdienst habe? Eher nicht. »Wenn ich ihn nicht umbringen darf, darfst du das auch nicht«, sagte ich, und die Lippen des Killers zuckten.
Ich setzte mich in Bewegung und zapfte eine der LasVegas-Kraftlinien an, noch bevor er einen Magieball auf mich warf. Ich trat vorwärts und ließ für eine Sekunde einen Schutzkreis aufblitzen, um die grün gefärbte Jenseitsenergie in eine Ecke abzulenken. Sie traf die geflieste Wand und verteilte sich, während sich ein feuchter Geruch nach Knochenstaub ausbreitete.
»Nett«, sagte ich und vermutete, dass es ein Zauber war, um jemanden in der Hälfte durchzubrechen. »Willst du verschwinden, bevor ich dir wehtue?«
Gebeugt wich der Elf zurück, um genügend Platz zwischen uns zu schaffen, damit er mich mit etwas beschießen konnte, ohne dass es auf ihn zurückprallte. Ich ging weiter auf ihn zu, um sozusagen unter das Artilleriefeuer zu tauchen. Ich packte ihn am Kragen seiner Jacke, rammte ihn gegen die Wand und ignorierte seinen Versuch, mich mit Jenseitsenergie zu überschwemmen.
»Ich habe gesagt, du sollst verschwinden«, sagte ich wenig beeindruckt, aber ich zögerte, als ich das Gefühl von wilder Magie wie Sandpapier auf meiner Aura fühlte. Mit wilden, verängstigten Augen lächelte der Mann mich an, und mein Chi bebte, als ich mich daran erinnerte, wie schwarze Schlangen aus Als Kopf gekrochen waren, um Ku'Sox zu töten. Die Finger des Mannes bildeten mühsam eine Geste, und er bewegte die Lippen. Dann keuchte er auf, als seine Hand sich verformte. Ich hörte Knöchel knacken, und nebliges Schwarz überzog seine Faust.
Beunruhigt ließ ich ihn los, bevor seine Magie mich überschwemmen konnte.
»Dämonenhure!«, schrie er. Er hatte offensichtlich Schmerzen, aber trotzdem warf er auf mich, was auch immer er in der Hand hatte. Ich warf mich nach hinten, um seinem Zauber auszuweichen, knallte gegen die Toilettentür und fiel rückwärts aufs Klo, während ich gleichzeitig meinen Schutzkreis hochriss. Mit wedelnden Armen fing ich mich an dem ach so hilfreichen Handgriff ab, der dort befestigt war. Mit schmerzenden Armen saß ich auf dem Toilettendeckel und starrte auf die entsetzliche grüne Aura, die nur eine Handbreit von mir entfernt über meine Schutzblase kroch, als suchte sie nach einem Weg hinein. Ich ging nicht davon aus, dass eitel Sonnenschein herrschen würde, falls ich meinen Kreis brach.
In der Ecke kam der Killer langsam auf die Beine und schüttelte seine schmerzende Hand. Ich war von dem erwartungsvollen Grinsen, das auf seinem Gesicht lag, nicht gerade begeistert und warf einen Blick auf den Zauber, der sich seinen Weg zu mir brannte. Dann schaute ich wieder den Killer an. »Stricto uive gladio ...«, setzte ich an, und der Mann riss verängstigt die Augen auf, als er den Rückwurf-Zauber erkannte. Er kämpfte sich auf die Füße und warf sich in seinem Fluchtversuch fast gegen die Tür.
«Gladio morere transfixus«, beendete ich den Zauber, und der grüne Schleier auf meiner schützenden Blase verschwand.
Der fliehende Elf kam zwischen Trent und mir zum Stehen, und sein Rücken bog sich durch, als all seine Muskeln verkrampften. Er riss den Mund in einem stillen Schrei auf und griff hinter sich, als versuche er, einen Halt zu finden. Dann brach er mit einem nassen Gurgeln zusammen und knallte mit dem Rücken auf den klebrigen Boden.
Entsetzt brach ich meinen Schutzkreis und tauchte aus der Kabine auf, um den Mann zu betrachten, der sich unter dem Einfluss eines Zaubers wand, der für mich gedacht gewesen war. Seine Lippen bewegten sich, und Schaum bildete sich in seinen Mundwinkeln, während er versuchte, den Gegenzauber zu sprechen. »Tut mir leid«, sagte ich und verzog das Gesicht. »Vielleicht hättest du versuchen sollen, mich mit etwas umzubringen, was nicht so wehtut.« Ein Plopp erklang, und Trent wurde bleich. Ich glaube, der Kerl hatte sich gerade etwas ausgerenkt.
Keuchend sank der Mann zusammen, aber der Fluch war gebrochen, nicht die Wirbelsäule des Mannes. Er lag um Luft ringend auf dem Boden.
»Vielleicht solltest du jetzt verschwinden«, schlug ich vor. Er rollte sich auf Hände und Füße, packte ein Waschbecken und zog sich daran auf die Beine. Der Dreck von Tausenden Schuhen klebte an seinem Rücken, und Schweiß stand in seinem Gesicht. Keuchend schaute er zur Tür, die sich gerade öffnete, und jetzt trat echte Panik in sein Gesicht.
Ich schaute ebenfalls, und Angst durchschoss meinen Körper. Ku'Sox. »Verdammt nochmal, Trent«, sagte ich, als ich mich langsam näher an ihn heranschob. »Ich habe dir doch gesagt, dass ich das hinkriege. Ich brauche absolut keine Hilfe!«
Ku'Sox stand in einem blau-grauen schicken Anzug vor der geschlossenen Tür. Seine fahlen Augen leuchteten, als er seine silberne Krawatte zurechtrückte. Es schien, als hätte er sich auf den aktuellen Stand gebracht — vielleicht hatte er ja einen Manager auf dem Hollywood Boulevard gefressen. Mit einer Hand öffnete er die Tür. Musik drang in den Raum, begleitet von Küchengeräuschen und gedämpften Stimmen. Der Killer brauchte keine zweite Aufforderung. Mit quietschenden Schuhen floh er.
»Du wirst es niemals rechtzeitig schaffen«, sagte der Elf zu Trent, als er sich an Ku'Sox vorbeischob.
»Ach, wirklich?«, schrie ich, als die Tür zufiel. »Du hast ja keine Ahnung!«
»Im Gegensatz zu dir, die glaubt, alles zu wissen?«, fragte Ku'Sox mit einem Lächeln.
Meine Gedanken schossen zu seiner hässlichen Storchengestalt zurück, mit einem Pixie im Schnabel, der um sein Leben kämpfte, noch während der wahnsinnige Dämon ihn nach oben warf, um ihn Kopf voran zu schlucken. Ich unterdrückte ein Zittern und drückte sanft gegen Trents Schutzkreis, um ihn dazu zu bringen, ihn zu senken. Aber das tat er nicht. Sein Gesicht war entschlossen, aber ohne jede Angst. Dummer Kerl.
»Hey, hi, Ku'Sox«, sagte ich mit trockenem Mund. »Ähm, nichts für ungut, okay? Al hatte dich schon besiegt, bevor ich gekommen bin.«
Statt der erwarteten Drohungen nickte der Dämon, als hätte ich eine Frage beantwortet. »Ich hatte mir schon gedacht, dass du es warst, in die Al geschlüpft ist«, sagte er und kniff die blauen Augen zusammen. »Wäre es Newt gewesen, wäre ich vielleicht verletzt worden. Du bist voller unerwarteter Talente ... Rachel. Ich darf dich doch Rachel nennen, oder?«
Er trat einen Schritt in den Raum, und ich wich zurück. Erst stieß ich gegen Trents Schutzkreis, aber dann ließ er ihn fallen. Ku'Sox zeigte eine ganz neue Vorsicht, und das gab mir Hoffnung, auch wenn meine Handflächen anfingen zu schwitzen. Verdammt, Jenks, wo bist du?
»Ich hätte es mir denken sollen«, sagte Ku'Sox, dann rümpfte er die Nase, als er sein Spiegelbild sah. Seine Nase wurde ein wenig schmaler und seine Haut dunkler. »Selbst Al weiß genug, um Newt nicht in sein Energiefeld zu lassen. Sie hätte ihn vielleicht einfach aus Spaß an der Freude umgebracht.« Er suchte meinen Blick und runzelte die Stirn. »Diese Allianz mit Al verheißt nichts Gutes für deine Zukunft. Ich werde drastische Maßnahmen ergreifen, wenn du weiterhin darauf bestehst. Es hängt alles von der Früherziehung ab. Ich sollte es wissen, nachdem ich ... erzogen wurde. Wenn man uns jung genug bekommt, können wir alles. Wartet man zu lange, kann man die schlechten Gewohnheiten nie mehr brechen.«
Ich wich einen weiteren Schritt zurück und biss die Zähne zusammen. Ich bewegte mich in die falsche Richtung, aber dieser Kerl jagte mir eine Heidenangst ein. »Ich werde nicht erzogen, und Trent ist nicht in Gefahr«, sagte ich und war ziemlich stolz darauf, dass meine Stimme nicht brach. »Du kannst jetzt gehen. Er ist in Sicherheit.«
Ich habe Als Energiefeld aufrechterhalten?, dachte ich, während ich gleichzeitig nach einem Ausweg aus der Situation suchte. Ich hatte angenommen, dass es andersherum gewesen war, aber vielleicht auch nicht.
»Gehen?« Ku'Sox bewegte die Schultern und beobachtete sein Spiegelbild, als sein Anzug zusammen mit seinen Schultern breiter wurde. Für einen Moment glaubte ich, Aas zu riechen. »Gehen ist eine herausragende Idee. Wir werden sofort anfangen, an deiner Rehabilitation zu arbeiten.«
»Nein, warte!«, sagte ich und hob die Hände, um ihn abzuwehren, aber es war zu spät. Er packte mich an der Hüfte und klemmte mich unter seinen Arm. »Vorsicht!«, schrie ich, als mein Kopf fast gegen ein Urfinal geknallt wäre, als er sich umdrehte. Ich war immer noch mit einer Linie verbunden und bewarf ihn damit.
Ku'Sox zitterte, vielleicht vor Schmerzen, aber ich hätte gewettet, dass es Vergnügen war. Vielleicht war es beides. »Mehr als ausreichend für den Anfang«, erklärte er, als er auf die Tür zuhielt. Trent stand neben den Waschbecken, vollkommen hilflos, während Ku'Sox mich wie ein Kätzchen hochhob und davonging. Vielleicht verstand er es jetzt endlich. Es sah nur so aus, als wäre ich in der Nähe von Dämonen sicher.
Ich klammerte mich an der Klokabine fest und schaffte es, uns für einen Moment zu verlangsamen. »Glaubst du immer noch, dass du einen Weg finden kannst, ihn zu kontrollieren? Dann sag ihm, dass er aufhören soll«, rief ich Trent zu, während Ku'Sox mit einem Ruck meine Finger löste. Mein Hintern knallte gegen die Tür, und die Musik wurde lauter, als wir die Herrentoilette verließen. Drei Schritte weiter wirbelte Ku'Sox mich herum und warf mich über die Schulter. Ich war hilflos. Wenn ich ihn mit irgendetwas attackierte, würde ich es hundertfach verstärkt zurückkriegen.
»Ich werde nicht zulassen, dass du mich durch die Linien springst«, sagte ich. Seine Schulter grub sich in meinen Bauch und erschwerte mir das Atmen.
Er wurde langsamer, als wir das Restaurant erreichten. Anscheinend genoss er die Musik und die gute Laune dort. »Ins Jenseits? Warum sollte ich dorthin wollen, wenn wir hier doch die Sonne haben?«, fragte er und rückte mich so zurecht, dass ich wieder atmen konnte. »Es muss hier irgendwo ein Boot auf dem Meer geben. Ich werde dich auseinandernehmen und rausfinden, wie viel Mühe es machen wird, einen natürlich geborenen Dämon richtig aufzuziehen, oder ob es besser wäre, dich schon im Mutterleib zu zerstören, wenn ich es so ausdrücken darf.«
Oh, das klang aber gar nicht gut. »Ich bin kein Dämon«, sagte ich und rammte ihm meinen Ellbogen in den Rücken, während ich mich gleichzeitig fragte, ob er mich wohl fallen lassen würde, wenn ich mir ein Messer von einem vorbeigetragenen Tablett schnappte und es ihm in die Nieren rammte. Blut schoss in meinen nach unten hängenden Kopf und verursachte mir Kopfschmerzen.
»Ich habe dich gekostet«, sagte Ku'Sox leise. »Du bist wie ich, nur natürlich geboren. Mit einer Mutter und einem Vater.«
Selbst über den Lärm hinweg konnte ich die Eifersucht in seiner Stimme hören. Und warum sagte niemand etwas? Vielleicht war es hier völlig normal, dass Männer Frauen herumschleppten. Ich schlug ihn fester, und er verstärkte seinen Griff.
»Du könntest stark genug sein, um mir Schmerzen zu bereiten«, sagte er auf dem Weg zur Tür. »Vielleicht aber auch nicht. Das will ich wissen, bevor mehr von dir auftauchen.«
»Lass mich los, du Freak!«, schrie ich und strampelte mit den Beinen, als wir an den ersten Tischen vorbeikamen, aber alle hielten es für einen Teil der Show und klatschten nur. Wo ist Trent? Wäscht er sich die Hände?
»Ich bin kein Freak«, zischte er und kniff mich, bis ich aufkeuchte.
Ich streckte die Arme nach hinten und drückte mich nach oben, um mich verzweifelt nach Ivy umzusehen. Oder nach Jenks. Zum Teufel, sogar Vivian wäre eine Hilfe. Ich orientierte mich im Raum und schaute zu unserem Tisch. »Pierce!«, schrie ich, und der Mann drehte sich um. Er beobachtete immer noch die Vampire in der Ecke. Neben ihm riss Vivian die Augen auf. »Würde mir hier vielleicht mal jemand helfen?« Gott, musste ich ihnen erst ein Ständchen singen?
Pierce stand mit bleichem Gesicht auf. »Rachel!«, rief er, laut genug, um die Musik zu übertönen und die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ohne zu zögern, wechselte die Band zu Love Lifts Us Up Where We Belong, und die Menge jubelte. Ich konnte ihre Verwirrung verstehen. Ku'Sox sah aus wie ein sehr attraktiver Milliardär, der seine Frau vor einem Leben im Niedriglohnsektor rettete.
Über meinem Kopf erklang das Klappern von Pixieflügeln und ich schaute auf, nur um prompt Pixiestaub in die Augen zu bekommen. »Jenks, hol Ivy!«, schrie ich hustend, während mir Bilder von einem Vogel und Pixies durch den Kopf schossen — und mir mehr Angst einjagten als die Tatsache, dass Ku'Sox mich gerade verschleppte. Ich senkte den Kopf, um mir die Augen zu wischen, und entdeckte dabei Trent am Ende des Küchenflurs. Mein Blick war verschwommen, und so fühlte ich mehr, als dass ich es sah, dass Ivy in einer Lichtpfütze am Empfang stand, die Hände in die Hüften gestemmt. Sie wirkte anmutig und erfrischt.
Kaum konnte ich endlich wieder sehen, kreischte ich schon auf und duckte mich, als ein Ball aus schwarzem Jenseits auf uns zuschoss. Pierce. Er hatte etwas geworfen.
Es traf Ku'Sox direkt am Kopf, und winzige Splitter seiner Aura trafen mich wie Graupel. Ku'Sox stolperte schockiert, und ich klammerte mich fest, als er umfiel. Der Fluch durchfuhr Ku'Sox und ließ seine Muskeln steif werden, aber dann schrie plötzlich ich, als der Dreckskerl Pierces Fluch stattdessen an mich weitergab.
Ich heulte auf, als so etwas wie Strom von Neuron zu Neuron sprang und mich verbrannte. Ich konnte für einen Moment den entsetzten Pierce sehen, dann war der Schmerz verschwunden und ich hing keuchend und schlaff über Ku'Sox' Schulter.
»Was tust du?«, schrie Vivian aus unendlicher Entfernung.
»Glaubst du, deine weißen Zauber können gegen das da irgendetwas ausrichten?«, schrie Pierce zurück, und die Band geriet ins Straucheln — außer dem Schlagzeuger, der ganz in seinem Rhythmus aufging.
»Bitte tu das nicht nochmal«, lallte ich mit baumelndem Kopf. Stimmen summten in meinen betäubten Ohren, und ich bemerkte unsicheres Geflüster. Wir kamen am nächsten Tisch vorbei, und ich versuchte, mich zu sammeln. Es hing von Ivy ab. Magie würde nichts helfen — es musste etwas Körperliches sein.
»Danke, Gott«, sagte ich, als ich hörte, wie sie ihn anschrie. Die Welt drehte sich, und ich knallte mit der Hüfte zuerst auf den Boden. Ich schaute auf und sah, dass Ivy und Ku'Sox ineinander verschlungen auf einem Tisch gelandet waren. Protestschreie erklangen, als Gläser und Teller auf dem Boden zerschellten. Mein Telefon brummte, aber das Vibrieren in meiner hinteren Hosentasche ging in dem Schwindel unter, der mich plötzlich packte. Mühsam rollte ich mich aus dem Weg. Leute stoben auseinander. Wir mussten das schnell erledigen, sonst würde der Freak noch anfangen, Leute zu fressen.
»Jenks!«, schrie ich und duckte mich unter einen Tisch, als ein Stuhl, den Ivy geworfen hatte, neben mir auf dem Boden zerbrach. »Schaff Trent hier raus!« Ich hoffte, dass der Dämon ihm folgen würde, wenn Trent verschwand.
Jenks zögerte mitten in der Luft zwischen Ivy und mir. Es war deutlich, dass er hin und her gerissen war.
»Sag ihm, er soll zum Auto gehen!«, schrie ich, und ein leises Piepen aus meiner Hosentasche verriet mir, dass jemand eine Nachricht hinterlassen hatte. »Und es herbringen!« Der Dämon würde ihm folgen oder auch nicht. Egal wie, auf jeden Fall hätten wir dann einen Fluchtwagen, wenn die Kacke richtig anfing zu dampfen.
In einer Wolke aus frustriertem Staub schoss Jenks von Ivy zu mir. Sein scharf geschnittenes Gesicht war zweifelnd verzogen, aber noch bevor ich etwas sagen konnte, schrie Ivy schmerzerfüllt auf. Wir beide sahen hinüber und entdeckten, dass sie gerade auf dem Rücken über den Boden rutschte und schließlich gegen die Bühne knallte. Blinzelnd schüttelte sie den Kopf und versuchte, ihren Blick scharfzustellen. Der Schlagzeuger stoppte endlich sein Getrommel, und in der plötzlichen Stille hörte ich sie sagen: »Mir geht's gut. Packt euch den freakigen Dämon.«
Das war genug, und noch als Ku'Sox sich dramatisch umdrehte, rannten die Leute schon panisch zu den Türen. Sekunden später ging der Alarm an den Notausgangstüren los, und Leute, die versuchten, sich aus der Menge im vorderen Teil zu befreien, retteten sich nach hinten. Ku'Sox schien das Chaos zu genießen. Er hob segnend die Hände und saugte alles in sich auf, während die Angst im Raum fast greifbar und der Lärm schier unerträglich wurde.
Ich zuckte zusammen, als Jenks auf meiner Schulter landete. Neben mir war Trent. Ich packte seinen Arm und schob ihn wieder Richtung Küche. Es musste eine Hintertür geben. Vivian und Pierce konnten auf sich selbst aufpassen. Mein Telefon klingelte wieder, aber ich ignorierte es.
»Super gemacht, Trent«, sagte ich, als ich uns mit einem Ruck zum Stehen brachte, um einer panischen Kellnerin auszuweichen, deren Augen vor Angst fast schwarz wirkten. »Ich hatte alles unter Kontrolle, bis du Ku'Sox gerufen hast.«
»Genau, du dämlicher Keksbäcker«, knurrte Jenks von meiner Schulter. »Hör endlich auf, helfen zu wollen, okay?«
»Ich habe ihn nicht gerufen. Er ist einfach aufgetaucht«, sagte Trent beleidigt. Ich hätte fast gelacht, wenn es mir nicht so bekannt vorgekommen wäre. »Warum beschießt du ihn nicht einfach mit Magie?«, fragte er, und ich blieb direkt vor der Küchentür stehen. Leute schrien in dem Versuch, nach draußen zu kommen, aber hier war niemand.
»Was, und sterben?«, fragte ich. Ich hatte überhaupt kein Problem damit, zuzugeben, dass es Leute gab, die stärker waren als ich. »Ku'Sox hätte Al fast getötet«, erklärte ich und erkannte, dass Ku'Sox die fliehenden Menschen beobachtete, als suche er sich gerade Opfer aus. »Das kann ich nicht schlagen! Du hast einen Serienmörder befreit!«
Trent zuckte zusammen, aber wahrscheinlich war es mehr wegen der Explosion hinter mir als wegen meiner Worte. Ich wirbelte zu der Hitzewelle herum und vermutete aufgrund der Spuren einer grünen Aura, dass Ku'Sox einen von Pierces Flüchen abgewehrt hatte. Ein Tisch brannte in grünen Flammen, und das Feuer fing langsam an, sich über die Netze unter der Decke auszubreiten. Ein Tropfen Grün fiel von der Decke und ich fühlte, wie ich bleich wurde, als jemand mit einem scheußlichen Schrei in sich zusammenfiel. Er wand sich am Boden und umklammerte sein Bein. Drei Sekunden später war der Mann in Grün gebadet, und es entstand eine zweite Panik, in der die Leute sich gegenseitig tottrampelten, nur um zu fliehen.
Okay. Sicherheitshinweis. Nicht auf grünes Feuer treten. »Pierce!«, schrie ich. Die Luft schmeckte nach verbrannten Limetten. »Du verletzt Unschuldige!«
Er wirbelte mit flatterndem Mantel zu mir herum, und mir wurde kalt. Ich sah keine Reue in ihm, keine Sanftmut. Nur die Entschlossenheit zum Kampf. »Er muss in Flammen sterben!«, schrie Pierce wütend. »Dämonen sterben in Flammen!«
Das war wahr, aber alle anderen auch.
Ich packte die Kraftlinie fester, als Ku'Sox auf Ivy zuging, aber das hohe Kreischen des brennenden Mannes zog Ku'Sox' Aufmerksamkeit auf sich wie ein Sirenenlied. Er änderte den Kurs und hielt stattdessen auf den schreienden Mann zu. Wer sich nicht schnell genug bewegte, wurde aus seinem Weg geworfen. Als er vor dem sich windenden Mann stand, zögerte Ku'Sox für eine genießerische Sekunde und saugte die Geräusche der Sirenen und der fliehenden Leute in sich ein, während der Mann seinen letzten Atemzug tat. Der Dämon riss erwartungsvoll die Augen auf, und sein Gesicht wurde rot, bevor er seine Hände in der zusammengesunkenen, immer noch brennenden Form versenkte. Ku'Sox schauderte vor Lust, und seine Miene zeigte nur hämische Begeisterung. Als er zurücktrat, hielt er etwas Nebliges, das sanft leuchtete, in den Händen. Er hob es über seinen Kopf und presste die Hände fest zusammen. Eine schwarze, zähflüssige Substanz tropfte von seinen Fingern in seinen Mund. Die Seele? War das die Seele des Mannes, verbrannt und noch brennend?
»Heilige Scheiße«, flüsterte ich. Ich hatte Todesangst. Ich schaute durch das Restaurant zu Pierce und entdeckte, dass er genauso entsetzt war wie ich. Neben ihm stand zitternd Vivian, bis ins Mark erschüttert — sie hatte nichts, was einen seelenfressenden Dämon aufhalten konnte. Ich hatte nicht einmal gewusst, dass es möglich war, eine Seele so aus dem Körper zu reißen.
Sowohl Vivian als auch ich zuckten zusammen, als ein Gewehrschuss durch die Sirenen und die Schreie donnerte.
Nur noch das Kreischen der Türsirenen durchbrach die plötzliche Stille, als alle sich nach vorne wandten, wo ein riesiger Mann stand, allem Anschein nach ein Werwolf. Vor ihm rieselte Staub von der Decke. In den Händen hielt er ein Gewehr, das zu seiner Größe passte. »In Ordnung!«, sagte er, und ich stieß Trent an, damit er möglichst schnell verschwand. »Die Polizei ist unterwegs. Verschwindet einfach, dann gibt es keine weiteren Probleme.«
Das war ein netter Gedanke, aber offensichtlich wusste er nicht, dass es keine übliche Kneipenschlägerei war, egal, ob übernatürlich oder nicht. »Hol das Auto!«, zischte ich Trent zu und endlich wanderte der Mann in die Küche. Trotz der Sirenen konnte ich eine Frau leise weinen hören. Ivy stand langsam auf. Anscheinend konnte sie wieder klar sehen. Sie drückte eine Hand an ihren Hinterkopf, und ich konnte nur hoffen, dass bei ihr alles okay war. Ich wagte es noch nicht, mich zu bewegen. Ku'Sox schien mich vergessen zu haben, und ich hatte zu viel Angst, um ihn an mich zu erinnern. Vielleicht konnten wir uns einfach leise davonschleichen ...
»Bleib bei Trent, Jenks«, sagte ich, ohne meinen Blick von Ku'Sox abzuwenden. Der Pixie hob ab, um vor meinem Gesicht zu schweben.
»Schick mich nicht weg«, bat er, und es war deutlich, dass er Angst hatte.
»Was ist das für eine wunderbare Erfindung?«, rief Ku'Sox und starrte quer durch das Restaurant auf das Gewehr. Als er sich bewegte, rannten die Leute wieder auf die Türen zu. Zumindest war das Jaulen der Notausgänge verstummt, und jetzt schrien nur noch die Gäste.
Meine Augen glitten zu Jenks. Ich teilte seine Angst. »Ich vertraue Trent nicht. Wir brauchen das Auto. Bitte, mach es.« Meine Handflächen waren feucht, und ich wischte sie an meinen Jeans ab. »Du bist meine Rückendeckung, Jenks«, sagte ich, als er frustriert zögerte. »Stell sicher, dass Trent das Auto bringt. Ich verlasse mich auf dich.«
»Verdammt zurück bis zum Wandel«, fluchte Jenks. Er wirkte gleichzeitig stinkig und verängstigt, als er durch die Schwingtüren tauchte, um Trent zu folgen. Silberner Staub markierte seinen Weg, und ich betete, dass Trent uns nicht verriet. Jenks würde ihn umbringen.
Zitternd drehte ich mich wieder zum Restaurant um. Vielleicht konnte ich die Situation irgendwie retten.
»Ich will keinen Ärger«, sagte der Wermanager, als er das Gewehr wieder anlegte.
Vielleicht auch nicht.
Meine Schultern sackten nach unten, und ich legte einen Arm über den Bauch, als ich über die Tische hinweg einen langen Blick mit Ivy wechselte. Wir wussten beide, was als Nächstes passieren würde. Wir konnten nichts tun, als Ku'Sox mit ausgestreckten Händen vortrat. Der Werwolf schüttelte warnend den Kopf, verzog das Gesicht, zielte und drückte ab. Ich zuckte zusammen, als die Kugel in die Wand hinter dem Dämon einschlug. Ziegel und Holzsplitter schossen durch die Luft.
Dem Manager fiel die Kinnlade runter, und Ku'Sox entriss ihm die Waffe. Er war nicht wütend, nur neugierig. »Bitte, lass es schnell gehen, Gott«, flüsterte ich. Ich konnte das nicht verhindern. Ich konnte es nicht verhindern!
»Es funktioniert so?«, fragte Ku'Sox, drehte das Gewehr um und schoss dem Mann ein Loch in die Brust.
Ich konnte nicht sagen, ob zuerst der Lärm kam oder die Farbe: das Blut und die winzigen Knochensplitter, die in einer fleckigen roten Welle das Empfangspult überzogen, oder der donnernde Knall. Leute schrien, und der Werwolf sah entsetzt auf das Loch in seiner Brust. Rote Blasen bildeten sich auf seinen Lippen, als er versuchte, etwas zu sagen. Dann fiel er erst auf die Knie und dann ganz in eine Pfütze seiner eigenen Körperflüssigkeiten.
Es war scheußlich. Ich lehnte mich gegen die Wand, als mich gleichzeitig mit meiner Angst der Gestank von Pulver und heißem Metall traf. Ich wünschte mir, das wäre nie passiert, wünschte mir, ich hätte nie zugestimmt, Trent zu helfen, und wünschte mir noch mehr, ich wäre vor zwei Jahren auf keinen Fall in die Bibliothek gegangen, um nach einem Weg zu suchen, das zu tun, was ich hatte tun wollen.
Ich erinnerte mich nicht einmal mehr daran, was es gewesen war. Was auch immer, es war ein Fehler.
Die Augen zu schließen würde es allerdings nicht verschwinden lassen. Als ich sie öffnete, entdeckte ich Pierce, der entschlossen auf einem Tisch stand, seine Hände in Schwärze gehüllt, während sein geflüstertes Latein in meinem Kopf widerhallte, ein Echo seines sich bildenden Fluches. Ich drehte mich zu den Notausgängen um und entdeckte, dass alle das Restaurant verlassen hatten, bis auf die paar, die vor Angst umgefallen waren. »Vivian!«, schrie ich, als ich entdeckte, dass sie nicht in Panik geraten war, aber trotzdem nicht wusste, was sie tun sollte. »Schaff die anderen hier raus!«
Gott sei Dank ist Jenks nicht mehr hier. Ich will nicht, dass er sieht, was ich als Nächstes tue.
»Was für eine Verschwendung«, sagte Ku'Sox, als er auf das Gewehr in seinen Händen herabsah, bevor er es klappernd auf einen Tisch warf. »Es hat dich viel zu schnell umgebracht.« Er ließ seine Augen über die Tische in seiner Nähe gleiten und entdeckte eine Frau in Weiß, die sich schluchzend zu einem Ball zusammengerollt hatte und ihre persönlichen fünf Minuten in der Hölle verbrachte.
»Aber du bist noch am Leben«, sagte er. Die Frau kreischte auf, als er sie unter ihrem Tisch herauszog. »Ich werde stattdessen dich verschlingen«, sagte er. Die Frau zappelte, als er sie hochhielt, aber er ignorierte ihre schlagenden Hände, zog sie näher und öffnete den Mund, um sich an ihrem Hals festzubeißen.
Es wirkte wie ein kranker Kuss. Die Frau hatte noch einen Atemzug, um zu schreien — ein entsetzliches Kreischen voller Schmerz und Angst. Und dann riss er sie plötzlich nach hinten, sein Gesicht war blutig und im Hals der Frau klaffte ein riesiges Loch. Sie kämpfte weiter, obwohl ihr Kopf in einem unmöglichen Winkel zur Seite hing und blutiger Schaum aus ihrer aufgerissenen Kehle quoll, als sie versuchte zu schreien. Ihre Lungen funktionierten noch, auch wenn Ku'Sox gerade ihren Kehlkopf verschlungen hatte.
Ich wollte mich abwenden, aber ich konnte nicht. Ich wollte weglaufen und die Sache jemand anderem überlassen, aber auch das konnte ich nicht. Entweder ich oder niemand.
»Oh mein Gott«, sagte Vivian, und ich zuckte zusammen, als mir aufging, dass sie neben mir stand und sich an meinen Arm klammerte. Ich schluckte Galle, um mich nicht zu übergeben. »Deswegen weiß ich, wie man schwarze Magie wirkt«, flüsterte ich.
Vivian sah mich an, als Ku'Sox endlich genug von der Frau fraß, um sie umzubringen. Die Augen der Hexe waren weit aufgerissen, und ihr Geist schien noch keine Möglichkeit gefunden zu haben, das zu verarbeiten, was ihre Augen ihm sagten.
»Selbst tote Vampire erinnern sich an Mitleid«, sagte Ivy, als sie an meine andere Seite trat.
»Er ... er ...«, stammelte Vivian mit bleichem Gesicht.
»Du glaubst, ich wirke schwarze Magie, weil es Spaß macht?«, fragte ich harsch. »Ich versuche nur zu überleben.« Ich drängte den Anblick eines Dämons in Silber, der einer Frau die Kehle herausriss, in die hintersten Teile meines Gehirns, von wo er irgendwann in Alpträumen zurückkehren würde. Was kann ich tun?, dachte ich, als ich Pierce entdeckte, der sich hinter einem Tisch übergab. Ihn verbrennen? Wie mit dem Fluch, den ich fast im Garten gewunden hätte? Konnten Pierce, Vivian und ich zusammen einen Dämon töten? Mein Herz raste und ich trat einen Schritt nach vorne, spürte dann aber Ivys Hand an meinem Oberarm. Ich bezweifelte, dass wir ihn töten konnten, aber etwas anderes fiel mir nicht ein. Ku'Sox zu töten war kein Mord, sondern reines Überleben. Und wenn mich das zu einer schwarzen Hexe machte, dann sollte es so sein.
Meine Gedanken schossen zurück zu dem Moment, in dem Pierce über Al gebeugt stand und bereit gewesen war, das Leben des Dämons zu beenden, um seine Freiheit zu gewinnen. Vielleicht gab es ja doch keinen Unterschied zwischen uns, und ich war nur wütend auf Pierce, weil ich in ihm mein Spiegelbild sah und es mir nicht gefiel.
Ku'Sox sah zur Decke auf, als eine Kaskade von rötlichem Jenseits über ihn glitt, am äußersten Rand seiner Aura zurückgeworfen wurde und wieder in seine Haut einzog. Er klemmte sich die tote Frau unter den Arm und hielt auf die Tür zu. Ich konnte Martinshörner hören, und mein Herz raste. Schwarze Magie oder nicht, ich konnte ihn nicht einfach gehen lassen.
»Lassen wir ihn gehen?«, schrie Pierce und wischte sich wütend mit dem Ärmel über den Mund, als er hinter seinem Tisch auftauchte.
Ich warf Ivy einen Blick zu, um ihr zu sagen, dass es nicht so war, dann sah ich Vivian an, die immer noch nicht verstand, wie Dämonen wirklich waren. »Jau«, log ich. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und verlagerte mein Gewicht nach hinten. »Das ist nicht mein Problem.«
»Was?«, schrie Vivian. Ich hob eine Schulter und ließ sie wieder fallen. »Du kannst ihn nicht einfach hier rausspazieren lassen! Er hat gerade zwei Morde begangen!«, wütete sie. Ihre gesamte Wut über ihre eigene Naivität, ihre Angst und ihre Unwissenheit fand in mir einen geeigneten Blitzableiter.
Ich hätte ihr sagen sollen, dass alles Trents Fehler war, aber stattdessen blieb ich still, während Ivy neben mir in Verteidigungshaltung ging. »Was soll ich denn tun, Miss Mitglied des Hexenzirkels? Erzählen Sie mir, dass ich schwarze Magie wirken soll? Hm? Weil das nämlich das Einzige ist, was er bemerken wird!«
Sie leckte sich über die Lippen, und es war klar, dass in ihr ein Krieg tobte. Ku'Sox allerdings war schon fast an der Tür.
»Das wird er bemerken«, sagte Pierce und warf einen Zauber, wobei er so heftig an der Kraftlinie zog, dass sogar Ku'Sox es spürte. Vivian keuchte auf, als die Magie ein Stück flog und sogar die Luft verbrannte, die sie durchkreuzte. Ku'Sox wirbelte herum und warf ihn mit einem schnell errichteten Schutzkreis zu uns zurück.
»Runter!«, schrie ich und ließ mich fallen. Der Fluch traf die Bühne, der Verstärker explodierte, und Funken regneten auf uns herab. »Verdammt nochmal, Pierce! Pass auf, was du tust!«
»Mmmmm«, sagte Ku'Sox, als er wieder in unsere Richtung kam. »Du hast einen seltsamen Akzent in deinen Zaubern. Ganz anders als ihrer. Wer hat dich unterrichtet?«
»Wir können ihn nicht aufhalten!«, rief Vivian.
»Ach nee«, sagte ich und versuchte zu entscheiden, ob Vivian schon genug Angst hatte. Wenn ich sie davon überzeugen konnte, dass irgendjemand über schwarze Magie Bescheid wissen musste, würden sie mir vielleicht mein Hirn lassen, selbst wenn sie mich wieder nach Alcatraz steckten. Eine Art Plan B, falls die Dämonen wieder zu Besuch kamen.
Pierce sprang auf einen Tisch und schrie etwas Lateinisches, und da er Ku'Sox' gesamte Aufmerksamkeit auf sich zog, winkte ich Vivian und Ivy näher. »Ich habe eine Idee«, sagte ich und dankte Gott im Stillen dafür, dass Pierce hier war — selbst wenn er eine schwarze Hexe war. Ich brauchte ihn. Al hatte Recht.
Vivian zögerte, aber es war Ivy, die sagte: »Wie bei den Fairys?«
Ich nickte, während sich gleichzeitig mein Herz verkrampfte. Ich würde Ku'Sox verbrennen — und diesmal würde ich den Fluch nicht stoppen. »Vivian, wir brauchen deine Hilfe.« Ihre Miene wurde noch ängstlicher, und ich sah zu Pierce, der gerade einen weiteren Fluch auf Ku'Sox warf. Okay, der Mann wusste nicht nur, was er tat, er sah dabei auch noch gut aus.
Pierce feuerte einen zweiten Zauber hinter dem ersten her und traf den Dämon, als Ku'Sox den zweiten, versteckten Zauber übersah. Ein klebriges schwarzes Zeug überzog Ku'Sox und der Dämon ließ die tote Frau fallen, um sich aus der grünen Aura zu kämpfen, die ihn überzog.
»Ein Zauberwurf«, sagte ich, während ich Pierce dabei beobachtete, wie er sich die Haare aus dem Gesicht schüttelte und sich fing. »Wir müssen einen Zauberwurf machen. Ich bezweifele, dass es ihn töten wird, aber vielleicht zieht er sich irgendwohin zurück, um seine Wunden zu lecken. Pierce?«
Ohne die Augen von dem Dämon abzuwenden, hob Pierce bestätigend die Hand.
Mein Herz setzte für einen Moment aus. Ivy. Sie würde in Sicherheit sein, aber sie musste dafür bei mir bleiben.
»Das ist ...«, setzte Vivian an. Sie wirkte wieder bestürzt, und ich fragte mich, was es wohl brauchen würde, um sie zu überzeugen.
»Zauberwürfe sind nicht illegal«, unterbrach ich sie. »Nur der Fluch selbst. Und den werde ich winden, nicht du.«
»Runter!«, schrie Pierce, und ich ließ mich wieder fallen, riss Vivian mit mir zu Boden und errichtete einen Schutzkreis um uns herum. Ein rot gefärbter Ball explodierte hinter uns, und der Rauchmelder fing an zu jaulen. Draußen hörte ich wieder Sirenen.
»Wir brauchen eine Entscheidung«, erklärte Ivy erschüttert.
»Ich kann keinen schwarzen Fluch wirken!«, stammelte Vivian, und ihr professionelles Auftreten zerbröckelte, als sie sich die Haare aus den Augen schob. »Ich gehöre zum Hexenzirkel!«
»Blutige Höllenpaste!«, schrie Ku'Sox, der sich immer noch nicht ganz aus Pierces letztem Zauber befreit hatte.
»Du musst nur den innersten Schutzkreis gegen den Rest der Schöpfung halten«, sagte Pierce, und in seinen blauen Augen brannte alte Wut über den Widerwillen zickiger Frauen. »Du musst dich selbst nicht beschmutzen — das werden wir tun.«
Ich senkte meinen Schutzkreis, damit Pierce zu uns kommen konnte, und er trat einen symbolischen Schritt nach vorne. Er kannte den Zauber, den ich benutzen wollte. »Mein äußerer Kreis wird ihn nicht lange halten. Pierce, du musst den Zauber schnell werfen. Wenn er die Definition bricht, wird der Fluch halb Las Vegas einäschern.«
Ivy wirkte angsterfüllt. »Macht alles richtig, Hexen.«
»Entschuldigt mich«, sagte Pierce mit einem Grunzen und warf den nächsten Ball klebriges Zeug auf Ku'Sox.
Dieses Mal nahm Ku'Sox ihn in sich auf, und die schwarze Masse löste sich in einem Regen aus Funken auf. Er hatte den Gegenfluch gelernt. Wir mussten uns beeilen. »Ich bin gesonnen zu sehen, ob du so gewichtig bist, wie du denkst«, sagte Pierce zu mir, und ich grinste ihn schief an.
»Und ich auch«, sagte ich, beschwingt, obwohl ich gleichzeitig eine Todesangst hatte. »Okay! Los geht's!«
»Vorsicht!«, schrie Vivian, und ich sprang zurück, als Ku'Sox Pierce gegen Ivy warf. Sie fielen in einem Gewirr aus Armen und Beinen um, und der Zauber, den Pierce begonnen hatte, zischte, während er rot-grüne Funken von sich gab. Dreck! Wann war er uns so nahe gekommen?
»Hey!«, schrie ich, als Ku'Sox einen Arm um meinen Hals legte und mich davonschleppte. Verzweifelt versuchte ich, seinen Griff zu brechen, während er auf die Tür zuhielt. Scheiße, Scheiße, Scheiße! Ich konnte immer noch den äußeren Schutzkreis errichten, aber ich war nicht bereit, mich selbst zu opfern, nur um Ku'Sox loszuwerden. Aber dann erinnerte ich mich daran, wie er die Kehle der Frau herausgebissen hatte, und an ihre stummen Schreie, während sie um Luft kämpfte. Selbst verbrennen wäre besser als das. Glaube ich zumindest.
»Du hast wirklich schöne Haare«, sagte Ku'Sox, als er mich nach oben riss und ich eine Berührung hinter meinem Ohr fühlte. Ich versteifte mich, als er seine Nase an meinen Nacken hielt, und mein Atem stockte, als er die Vamptoxine fand, die tief in meinem Gewebe vergraben lagen. »Ooooh, du bist beschädigt«, murmelte er. »Wie wunderbar.«
»Oh Scheiße«, flüsterte ich und suchte verzweifelt nach etwas, was uns verlangsamen würde.
»Scheiße«, sagte Ku'Sox nachdenklich und lockerte seinen Griff, bis zumindest meine Fersen über den Boden schleiften. »Das habe ich jetzt schon mehrmals gehört. Ist es das Wort der Wahl? Ich liebe solch allumfassende Worte. Verb, Adjektiv, Nomen. Ja, du bist angeschissen.«
Meine Stiefelabsätze holperten über den Boden, während er mich rückwärts hinter sich herzog. »Du lässt mich besser los!«, schrie ich und klammerte mich an einer Säule fest. Ku'Sox riss mich los, und wir kamen dreißig Zentimeter weit, bis ich mir einen Tisch schnappte. Ich zog ihn mit mir, und das zusätzliche Gewicht ließ ihn langsamer werden. Wir waren fast schon an der Tür, und ich konnte draußen aufgeregte Stimmen und Schreie hören.
»Weißt du, warum meine Brüder mich nicht umgebracht haben?«, fragte Ku'Sox, als der Tisch, den ich mitschleppte, gegen eine Säule stieß und wir anhielten. »Sie konnten es nicht. Selbst Newt nicht, und sie hat es wirklich versucht. Sie haben mich zu etwas Besonderem gemacht, dem Wunderkind der Zukunft — die jetzt unsere schändliche Vergangenheit ist —, geschaffen, um die Lücke zwischen Dämonen und Hexen zu überbrücken und uns zurück in die Sonne zu bringen, fähig, sowohl im Jenseits als auch in der Realität zu wandern, und jeder von uns stark genug, um so viel Energie zu halten wie ein Weibchen.« Er zögerte kurz, dann riss er an mir, bis meine Finger sich lösten und wir uns wieder in Bewegung setzten. »Du kannst wahrscheinlich verstehen, warum männliche Dämonen diese unfaire Laune der Natur gerne beheben wollten. Es hat doch ganz gut geklappt, findest du nicht?«
»In meinen Augen wirkst du gar nicht so besonders«, keuchte ich und sah im Augenwinkel einen entsetzten Pierce, der Angst hatte, etwas zu unternehmen. Er stand neben Vivian, und Ivy lag zu ihren Füßen. Ich muss zu ihnen zurück.
»Aber das bin ich«, knurrte Ku'Sox und klang fast unglücklich. »Weißt du, warum Newt ihre Schwestern getötet hat? Weil ich es ihr gesagt habe. Newt konnte ich kontrollieren, aber die anderen? Sie waren eine Gefahr und mussten getötet werden. Weibchen können mehr Energie halten als Männer. Das müssen sie, um ein zweites, unabhängiges Energiefeld in sich zu halten, ohne es aufzunehmen.«
Das war interessant. Während ich mich an die nächste Säule klammerte, wanderten meine Gedanken zu dem zurück, was Ku'Sox vorher darüber gesagt hatte, dass ich Als Energie gehalten und ergänzt hatte. Hatte ich das tun können, weil ich weiblich war?
»Zwei Seelen in einem Körper«, sagte Ku'Sox, veränderte seinen Griff und schlug so lange auf meine Hand ein, bis sie taub wurde. Meine Finger lösten sich, und er ging weiter. »Zwei Energiefelder umgeben von einer Aura, ohne dass das kleinere aufgenommen oder zerdrückt wird. Daher kommen Babys, Rachel, nicht aus Kohlköpfen. Und sobald ich Newt dazu gebracht hatte, all ihre Schwestern zu töten, konnte mir niemand mehr etwas verbieten, besonders da ich nur in die Realität gleiten musste, um ihnen zu entkommen. Und dann finde ich dich. Natürlich geboren. Unbekannte Möglichkeiten. Stärker? Schwächer? Lass es uns rausfinden.«
Dreck, wir hatten die Tür fast erreicht. »Ich bin absolut dafür, dass wir rausfinden, wer stärker ist«, sagte ich, griff nach der Linie, die ich nie ganz losgelassen hatte, und verlangte alles, was Vegas mir geben konnte.
Energie ergoss sich in meinen Körper, heiß und elektrisch. Sie schmeckte nach Staub, Sand und Blitzen, die auf den Wüstenboden einschlugen, der sauberen Macht der Sonne, gespeichert im Sand wie in einer Batterie.
Ich presste sie durch jede meiner Poren nach außen und biss die Zähne zusammen. Es tat nicht wirklich weh, aber es brannte höllisch.
Mit einem Aufjaulen warf Ku'Sox mich von sich.
Ich segelte durch die Luft und grunzte, als ich auf einen Tisch knallte. Ich glitt auf den Boden, und mein gesamter Körper tat weh. Verdammt, es fühlte sich an, als wäre meine Wirbelsäule gebrochen. »Du hast Recht«, lallte ich, als ich Ivys Hände unter meinen Achseln fühlte und sie mich zu Vivian und Pierce zurückschleppte. »Ich kann mehr halten als du.«
Als ich wieder sehen konnte, schaute ich zu Vivian auf. Ihr stand die Angst vor dem, was sie gleich tun würde, deutlich ins Gesicht geschrieben. Pierce nahm meine Hand, und ich verringerte die Energie, die durch mich floss, um die anderen beiden nicht zu frittieren. Vivian nahm meine andere Hand, und als Pierce ihre Finger packte und damit den Kreis vollendete, holte ich tief Luft und fühlte ihre fremde Anwesenheit in mir.
»Feuer an Bord!«, flüsterte ich, öffnete meinen Geist und holte sowohl Pierce als auch Vivian in meine Gedanken, weil mir jetzt klar war, dass ich es konnte. Es war, als wäre ich eine Mutter mit Zwillingen. Es ähnelte dem Teilen eines Zaubers, wie wir es im Garten getan hatten, aber hier würde es keinen Willen geben außer meinem eigenen. Für einen Moment gehörten ihre Seelen mir — ich lieh ihnen meine Stärke, und sie merkten keinen Unterschied, wussten nicht, dass ich sie steuerte. Sie gehörten mir.
Vivians Schutzkreis schloss sich um uns herum, überzogen mit meinem Schmutz. Ich fühlte, wie Pierces Aura sich verschob und sich mit Vivians verband, damit seine Magie ihre Blase durchdringen konnte. Als Nächstes kam mein äußerer Kreis. Er umschloss einen Großteil des Restaurants und noch ein Stück der unsichtbaren Gasse dahinter.
Ku'Sox rannte auf uns zu, und seine krallenbewehrte Hand wirkte wie der Fuß eines Vogels, als er aufschrie und versuchte, den Kreis zu brechen. Aber Vivians Wille wurde von meinem gestützt, und es gelang ihm nicht.
«Celero inanio!« Die Worte lösten sich aus Pierces Kehle, hervorgepresst von meinem Willen und seiner Angst. Ich konnte Vivians Verzweiflung und Scham spüren, aber gleichzeitig brannte auch die Angst um ihr eigenes Leben in ihr. Ich fühlte Pierces Stolz, dann suhlte ich mich in seinem Schock, als ihm aufging, dass ich ihn hielt. Dass ich sie beide hielt.
Wie in Zeitlupe fühlte ich, wie die glühenden Spuren des Fluches sich durch Vivians Schutzblase drängten, nach oben glitten und sich am Gipfel über uns vereinten.
Gleichzeitig erreichten die sechs Magiebänder den Scheitelpunkt. Ein Energiestoß breitete sich aus und verbrannte alles in einem Hitzeblitz.
»Ich zahle den Preis«, flüsterte ich und sammelte den aufsteigenden Schmutz um mich, als wäre er eine Decke. Der schwarze Fluch war mein. Ich verdiente den Preis.
Pierce hielt den Kopf gesenkt, doch Vivian starrte erstaunt nach oben, während mehr Macht durch sie wirbelte, als sie je erfahren hatte — sie hatte wahrscheinlich nicht einmal gewusst, dass solche Macht existierte. Es war nicht so, als wäre die dunkle Seite mächtiger, sondern alles war die dunkle Seite. Jegliche Magie war grundsätzlich falsch, und nur wir selbst logen uns vor, dass ein Teil davon gut und ein Teil davon schlecht war. Magie ... war einfach.
Und so sah nur ich, wie Ku'Sox' Gesicht bleich wurde, als ihm aufging, dass ich vielleicht so stark war wie Newt, aber nicht verrückt und damit nicht so einfach zu manipulieren. Die Wolke aus brennenden Molekülen driftete auf ihn zu, sprang von einem zum anderen, so schnell, wie Elektronen sich drehen — und eine bloße Sekunde bevor die Luft in seinen Lungen sich in Flammen verwandelte, verschwand er mit einem wütenden Knurren.
Er war verschwunden, und die Luft brannte — befreit von seinem Fleisch.
Ich schloss die Augen, aber das Geräusch von brechendem Glas durchdrang meine Enttäuschung. Wir hatten versagt. Verdammt, wir hatten versagt.
»Gott, vergib uns«, flüsterte Vivian.
Der Fluch fühlte meine Erschöpfung und brach mit einem Auflodern echter Flammen in sich zusammen. Mit einem Knall fielen sowohl Vivians als auch mein Schutzkreis. Hände lösten sich eilig von meinen, und ich fiel auf die Knie. Ivy fing mich auf — voller Mitgefühl und zögerlicher Zärtlichkeit.
Ich öffnete die Augen und stellte fest, dass das splitternde Geräusch die Lampen gewesen waren. Wir saßen im Dunkeln, beleuchtet nur von echtem, ehrlichem Feuer, das unter der Decke tanzte. Es wuchs mit jedem Moment, das Licht wurde heller und gefährlicher. »Die Decke brennt«, flüsterte ich. »Wir sollten gehen.«
Die Enttäuschung machte mich träge, und Ivy half mir auf die Beine, während die Rauchmelder weiterschrien und die Sprinkleranlage sich einschaltete. Ivy und ich sahen uns im sanften Glühen der Flammen ins Gesicht. Das Wasser mischte sich mit ihren Tränen, die im Flackern der Flammen aufleuchteten. Sie konnte an meiner Miene ablesen, dass er entkommen war, und trotzdem hielt sie nicht weniger von mir, weder weil ich ihn nicht umgebracht hatte, noch weil ich es in erster Linie versucht hatte. Böse Hexe, schwarzer Dämon.
»Lass mich dir helfen«, sagte sie, und ich nickte, während ich dachte, dass sie auch innerlich wunderschön war.
»Wir ... wir ...«, stammelte Vivian. Es war offensichtlich, dass sie einen Schock erlitten hatte, während sie im feuchten Sprühnebel stand.
Pierce ging auf die Küche zu und drehte sich um, als ihm aufging, dass keiner ihm folgte. »Zeit, Fersengeld zu geben«, sagte er und riss Vivian mit sich, nicht mich.
»Wir ...«, versuchte sie es wieder und stolperte, aber wenigstens bewegten wir uns jetzt. Der Boden war verkohlt, eine seltsame Mischung aus Hitze und Feuchtigkeit. Ich schaute kurz nach vorne, glücklich, dass ich die glühenden Körper der zurückgelassenen Toten nicht sehen konnte. Aber ich konnte sie riechen und die kleinen Wachspfützen sehen, die sich auf den noch stehenden Tischen gebildet hatten.
»Küche«, sagte ich und lehnte mich schwer auf Ivy. Ich war wie erschlagen. Es stürmten keine Polizisten und Feuerwehrmänner in den Raum, was bedeutete, dass sie das Gebäude als Totalschaden abschreiben würden. Sobald die richtigen Leute angekommen waren, würden sie das Haus umzingeln und brennen lassen. Wahrscheinlich sollten wir vorher besser raus sein.
Wir rannten taumelnd durch die Küche, und Ivy schnappte sich eine Tüte mit Essen zum Mitnehmen, sobald wir die unsichtbare Grenze überquert hatten, die mein Schutzkreis begrenzt hatte. Ich war mir nicht mehr sicher, ob ich sie stützte oder sie mich, als wir die Außentüren erreichten und das grelle Licht der Außenbeleuchtung in den Raum glitt. Ich riss den Kopf hoch, als die Luft sich veränderte. Sie war immer noch heiß, aber jetzt roch sie nur noch nach Müll. Ivy war als Erste draußen und starrte Trent an, der neben dem Auto meiner Mutter wartete, bevor sie den knappen Meter auf den Gehweg nach unten sprang und zu mir aufsah.
Vivian setzte sich, um nach unten zu gleiten, und hinterließ im Licht der Straßenlaterne eine lange, nasse Spur. Pierce zögerte nur kurz, bevor er sprang und mit einem feuchten Geräusch auf dem Boden landete. Ivy hielt mir die Hand entgegen, und ich nahm sie, weil ich immer noch zitterte. Ku'Sox war verschwunden, aber jetzt wusste er, dass ich eine Bedrohung war.
»Wir haben den Teufel erwischt«, sagte Pierce gut gelaunt, als wir alle auf das Auto zuhumpelten, das nur wenige Meter vor uns stand. Vielleicht hatte Trent ja doch etwas gelernt.
»Du denkst, Ku'Sox wäre tot?«, fragte ich und stolperte neben Pierce vorwärts. »Ich habe keine Leiche gesehen. Hast du eine Leiche gesehen? Hat irgendwer eine Leiche gesehen? Ich sicher nicht!«
Pierce hielt an, und Ivy verließ mich, als ich eine Hand auf dem Autodach abstützen konnte, um auf den Fahrersitz zu rutschen. Wasser tropfte von ihr herab. Vivian sprang auf den Rücksitz und schrie uns zu, endlich einzusteigen.
»Niemand kann das überleben!«, erklärte Pierce und zeigte mit tropfendem Arm auf das brennende Gebäude. Ich zuckte zusammen, als die Feuerschutzmaßnahmen der Stadt sich einschalteten und ein gebäudegroßer Schutzkreis sich mit einem Knacken hob, um das Feuer zu begrenzen. Gott sei Dank waren wir da raus. Wir hatten nur noch Sekunden, bis jemand nach hinten kam und uns entdeckte. Vielleicht hatten sie sogar darauf gewartet, dass wir rauskamen. Vielleicht.
»Wenn es so einfach wäre, diesen Freak zu töten, glaubst du nicht, dass die Dämonen es geschafft hätten?«, fragte ich und fühlte Ivys Blick auf mir. »Er ist noch am Leben«, setzte ich hinzu, als ich wie betäubt ins Auto kletterte.
Er war am Leben, aber vielleicht wusste ich jetzt, wie ich ihn töten konnte. Ich senkte beschämt den Blick, weil ich auch nur daran dachte. Es hieß, Newt hätte ihre Liebhaber getötet, indem sie eine Linie durch sie zog. Offensichtlich konnte ich dasselbe tun. Warum sonst hatte Ku'Sox Newt dazu gebracht, die anderen weiblichen Dämonen zu töten, die die Elfen übersehen hatten?
Ich starrte im dämmrigen Licht auf meine zitternden Hände. Ich musste mit Newt reden. Super. Einfach fantastisch. Vielleicht dachte sie dann, ich wäre ein Dämon, und entschied sich, auch mich zu töten.
»Pierce, steig ein!«, schrie Ivy hinter dem Lenkrad, und er schob mich in die Mitte, als er einstieg. Das gesamte Auto wackelte, als er die Tür zuschlug.
Ein Blaulicht glitt über uns hinweg, und Trent duckte sich mit einem Fluch. Ivy trat aufs Gas und touchierte mit der Stoßstange den Schutzkreis um das brennende Gebäude, als sie einen engen Kreis fuhr. Pierce starrte hinter uns, während Ivy davonraste, als wäre der Teufel selbst hinter uns her. Sie holperte über Randsteine und fuhr über Grasflächen. Vivian und Trent schrien protestierend auf. Es folgte ein letztes holpriges Rumpeln, dann wurde die Fahrt ruhiger, als Ivy die Schnellstraße erreichte. Niemand folgte uns.
Ich schloss die Augen und genoss den Geruch von aufgeregtem Vampir zu meiner Linken und den vielschichtigen Duft von Hexe zu meiner Rechten. Die Scheinwerfer der entgegenkommenden Wagen brannten sich durch meine Lider, und ich öffnete sie wieder, als mein Telefon vibrierte. Jenks' Flügel waren ein wunderschönes Gewebe aus Seide und Diamanten, als er sich an der Halterung des Rückspiegels festhielt und nach hinten starrte. Er war immer unsere Rückendeckung.
»Alle da?«, fragte ich unnötigerweise. Mit zitternden Fingern klappte ich mein Telefon auf und stellte fest, dass es Bis war. Die letzten zwei Anrufe waren auch von ihm gewesen. Er musste gefühlt haben, wie ich heftig an den Kraftlinien zog. Und er wachte jetzt auch schon tagsüber auf. Vielleicht war er wirklich älter, als ich gedacht hatte.
Jenks' Flügel bewegten sich und wurden so grau wie meine Seele, als sie das Licht ablenkten. Ihre Schönheit war verloren. »Ja, alle da«, sagte er, auch wenn es offensichtlich war, dass er nicht glaubte, dass sie uns einfach davonfahren lassen würden.
Ich zögerte nur kurz, bevor ich Bis' Anruf auf die Mailbox laufen ließ und das Telefon wieder wegsteckte. Ich konnte im Moment nicht mit ihm sprechen. Vivian schluchzte auf dem Rücksitz vor sich hin, auch wenn sie versuchte, es zu verbergen. Ich fand es gefühllos von Trent, sie nicht zu trösten, aber wenn sie mir auch nur ein bisschen ähnlich war, würde jede Mitleidsbezeugung nur dafür sorgen, dass sie ihm ins Gesicht explodierte, und das wusste er wahrscheinlich.
Das Brummen des Motors wurde gleichmäßiger, als wir auf der 95 nach Norden rasten. Ich bewegte meine Hand und versuchte, sie im grünen Licht vom Armaturenbrett genauer zu sehen. Die Massen von Energie, die ich in Ku'Sox geleitet hatte, hatten mich unverletzt gelassen, aber ich war erschüttert. Es war genug gewesen, um jeden anderen zu Asche zu verbrennen.
Ich ballte die Faust und sah, dass Ivy zwischen mir und der Straße hin und her schaute. Ihr Blick war besorgt. Sie atmete tief durch und schob ihre nassen Haare nach hinten, um sich für alles zu wappnen, was ich vielleicht als Nächstes tat. Sie wirkte zu jung, zu schön, zu perfekt, um sich mit meiner Scheiße herumzuschlagen. Als ich ihre Hand berührte, zuckte sie zusammen.
Wir waren entkommen, aber mein Herz fühlte sich an wie Asche, so schwarz wie der Schmutz, der meine Aura bedeckte. Vivian hatte alles gesehen, sogar daran teilgehabt. Vielleicht würde sie diesen Teil der Reise aus ihrem Bericht ausklammern.
»Hey«, sagte Jenks, weil seine Gedanken offensichtlich in eine ähnliche Richtung gingen, »ist es wahr, was sie über Vegas sagen?«
»Nein«, erklärte Vivian, und ich sah im Rückspiegel ihre rot geränderten Augen, wann immer vorüberfahrende Autos ihr gequältes Gesicht erleuchteten. »Ich werde es ihnen sagen. Ich werde ihnen alles sagen.»
Trent rutschte unruhig hin und her, und Jenks holte tief Luft, während dunkel glühender Staub von ihm herabrieselte. Ich beruhigte ihn mit einem leichten Nicken. Ich wollte, dass sie es wussten. Das war vielleicht das Einzige, was meinen Körper und meine Seele auf dieser Seite der Linien halten konnte. Das und Trents Aussage, dass ich nicht böse war. Ich steckte wirklich in Schwierigkeiten, wenn sie je herausfanden, dass Ku'Sox sein Dämon war.
»Doppeltes Risiko«, flüsterte Trent. »Jetzt heißt es doppeltes Risiko.« Er suchte meinen Blick, als ich mich zu ihm umdrehte. »So war es von Anfang an.«