8

Das Brummen des Motors veränderte sich und wurde tiefer. Es drängte sich in mein Unterbewusstsein und weckte mich sicherer auf als die Sonne, die versuchte, sich einen Weg durch meine Lider zu bahnen. Jenseits des Mantels, den ich über mich gebreitet hatte, war es kalt, also bewegte ich mich nicht. Irgendwo zwischen Ohio und Texas hatte sich der Zimt-und-Wein-Geruch nach Elf mit dem vertrauten Geruch von Vampir und Hexe und dem Leder des Mantels vermischt. Darunter lag ein leiser Hauch von Fliederparfüm, ein Beweis dafür, dass die Gegenwart meiner Mutter noch in den Rücksitzen ihres Autos haftete. Wenn ich aufwachte, würde ich mich bewegen müssen — ich war steif, weil wir seit vierundzwanzig Stunden im Auto saßen.

Ein Seufzen, das nicht meines war, sorgte dafür, dass ich schlagartig wach wurde. Dreck, ich lehnte nicht an der Tür, sondern an Ivy!

Super, dachte ich, setzte mich vorsichtig auf und bemühte mich, sie nicht zu wecken. Ich war nicht phobisch, aber ich wollte auch keine Missverständnisse aufkommen lassen.

Sie öffnete die Augen, als ich mich ihr entzog. Ich zuckte bei ihrem schläfrigen, fragenden Blick nur mit den Achseln, nahm meinen Mantel und deckte sie an der Stelle zu, wo vorher mein Körper sie gewärmt hatte. Ivys Lächeln wurde hinterhältig, während sie gleichzeitig wieder die Augen schloss, und mir lief ein Schauer über den Rücken, als sie kurz ihre Zähne zeigte. Die Uhr am Armaturenbrett verkündete, dass es ungefähr neun Uhr war. Viel zu früh für mich. Jenks musste sie umgestellt haben.

Ich rutschte auf meine Seite der Bank und schaute zu Jenks nach vorne, der auf dem Rückspiegel saß. Er hatte einen neuen roten Mantel, den ich noch nicht kannte und der gut zu seinen neuen Stiefeln passte. Als er meinen Blick sah, zuckte Jenks nur mit den Achseln und sprach weiter mit Trent über finanzielle Trends und wie sie im Verhältnis zur Größe erfolgreicher Pixie-Sippen standen. Ich erinnerte mich vage daran, dass ich ihr Gespräch auch in meinen Träumen gehört hatte. Ich saß also unbeachtet auf dem Rücksitz und versuchte zu verstehen, was vor sich ging.

Meine letzte Erinnerung war, dass Ivy zum Tanken angehalten hatte und Trent von seinem Mitternachtsschläfchen erwacht war, um das Steuer zu übernehmen. Das war in Oklahoma, wo es dunkel, flach und vollkommen sternlos gewesen war. Jetzt saß ich zusammengesunken da, blinzelte in die helle Sonne und fragte mich, wo wir waren. Die Landschaft hatte sich wieder verändert. Verschwunden war das Riedgras, das die rollenden Hügel überzogen und alles in einen wogenden grünen Teppich verwandelt hatte. Wir waren jetzt in der richtigen Wüste, die Vegetation vereinzelt und trocken. Unter der brennenden Sonne und dem wolkenlosen Himmel waren die Farben schwach und selten: Brauntöne, Weiß mit Ansätzen von leichten Rotschattierungen und Silber. Ich hatte noch nie eine solche Leere gesehen, aber statt mich nervös zu machen, beruhigte sie mich.

Ich hatte einen scheußlichen Geschmack im Mund und kontrollierte mein Telefon. Ich war immer noch verwirrt, weil mein Hirn sich bemühte, ohne Koffein zu funktionieren. Offenbar hatte ich wieder einen Anruf von Bis verpasst; ich runzelte besorgt die Stirn. Jetzt würde er schlafen, aber wenn es wichtig war, würden die Pixies Jenks anrufen. Bis wollte wahrscheinlich nur hören, wie es mir ging, weil er immer noch besorgt war, dass ich die Kraftlinie in St. Louis so heftig angezapft hatte. Er hatte mich gestern kurz vor Sonnenuntergang angerufen, was mich ziemlich aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, bis mir aufging, dass es dort, wo er sich befand, bereits dunkel war. Aber jetzt machte es mir Sorgen, dass er selbst im Schlaf gespürt hatte, dass ich eine Linie anzapfte.

Trents Stimme hob und senkte sich angenehm in seinem Gespräch mit Jenks. Ich steckte mein Handy wieder weg und fragte mich, wie es wohl sein würde, wenn diese Stimme zu mir spräche. Ich stand nicht auf ihn, aber es war schwer, einen Mann nicht zu würdigen, der gleichzeitig reich, sexy und mächtig war. Trent war all das und noch mehr, aber der Respekt, der in seiner Stimme lag, als er sich mit Jenks unterhielt, überraschte mich. Respekt oder vielleicht sogar Kameradschaft.

Aber Jenks und Trent waren sich in vieler Hinsicht ähnlich, in Dingen, die weit über ihre Schlafgewohnheiten hinausgingen. Jenks nahm genau wie Trent das Recht in die eigenen Hände, nur, dass mich diese Einstellung bei Trent störte. Ich wusste, dass Jenks Fairys getötet hatte, um seine Familie zu schützen, und deswegen hielt ich nicht weniger von ihm. Ivy hatte auch schon getötet, um zu überleben, bevor sie Piscarys Fängen entkommen war. Und ich war mir sicher, dass auch Pierce getötet hatte, obwohl er mir von niemandem erzählt hatte außer den vierhundert Unschuldigen in Eleison, die gestorben waren, weil er nicht genug gewusst hatte. Jeder hatte irgendwelche Opfer gebracht, um das zu retten, was ihm wichtig war. Vielleicht waren Trent einfach mehr Dinge wichtig als den meisten anderen Leuten.

»Wo sind wir?«, fragte ich leise, als ich wieder in meine Stiefel schlüpfte. Mir gefiel die Richtung nicht, die meine Gedanken eingeschlagen hatten. Ich fühlte mich benebelt, als hätte ich lange Zeit geschlafen.

Jenks drehte sich zu mir um. Seine Flügel fingen das Licht ein und reflektierten es funkelnd in den Innenraum. »Ungefähr eine Stunde vor Albuquerque.«

Albuquerque? Wie in New Mexico? »Du machst Witze«, sagte ich und rutschte nach vorne, um meinen Arm um die Kopfstütze des Vordersitzes zu schlingen. Auf dem Boden stand eine Fast-Food-Tüte. Nein, es war eine Mitnehmtüte von einem hochpreisigen Gourmettempel. »Wie viel Uhr ist es?«, fragte ich und schaute noch einmal auf die Uhr. »Und wo hast du den roten Mantel her, Jenks?«

»Schön, oder?«, fragte er und hob ab, um ihn zu präsentieren. »Ich habe ihn bekommen, als Trent uns bei Sonnenaufgang Frühstück besorgt hat. Ich musste nur eine Geschichte erzählen, und dann haben die Pixiemädchen ihn mir geschenkt. Ich weiß nicht mehr, wie viel Uhr es ist. Meine innere Uhr ist vollkommen durcheinander.«

Trent warf mir einen Blick zu, und seine Augen zeigten die Anstrengung des langen Fahrens. »Wir haben wieder eine Zeitgrenze überschritten. Die Uhr stimmt, aber ich fühle mich als wäre es elf Uhr. Ich bin müde.«

Ich rechnete nach und schaute auf den Tacho, nur um zu sehen, dass wir gerade mal hundertzehn fuhren. »Heilige Scheiße!«, rief ich, dann senkte ich die Stimme, als Ivy sich bewegte. »Wie schnell bist du gefahren?«

Jenks' Flügel brummten, als er auf den Rückspiegel zurückkehrte. »Meistens um die hundertfünfzig.«

Schweigend drehte ich mich zu Trent um und sah, dass seine Mundwinkel sich zu einem Lächeln verzogen. »Ich musste irgendwie wieder Zeit gutmachen. Du schläfst ganz schön viel, und die Straßen waren leer.«

Ich versuchte, mich zu strecken, indem ich meine Hände gegen den Dachhimmel drückte, aber das brachte es einfach nicht. »Ich schlafe nicht mehr als du«, sagte ich, als ich mich wieder auf den Sitz fallen ließ. »Ich tue es nur nicht alle zwölf Stunden.« Trent zog eine Augenbraue hoch, und ich fügte hinzu: »Wollen wir zum Frühstücken anhalten? Vielleicht ein Zimmer nehmen, um zu duschen oder so?«

»Mittagessen«, sagte Jenks fröhlich. »Wir haben bei Sonnenaufgang gegessen.«

Ich unterdrückte ein Lächeln über die Befriedigung in seiner Stimme.

Von hinten erklang Ivys tiefe, raue Stimme: »Ich habe Hunger«, und sofort nahm Trent die nächste Ausfahrt ohne Trümmer, so dass relativ sicher war, dass sie regelmäßig benutzt wurde und man an ihrem Ende Zivilisation finden konnte. Auch wenn das Land zwischen den Städten überwiegend verlassen war, gab es doch immer wieder kleine Orte voller Sonderlinge, in denen man tanken konnte und die der Leere trotzten.

»Dann gibt es jetzt Frühstück für die Hexe und den Vamp«, sagte Trent und es klang, als hätte er gute Laune. Fast, als wäre er entspannt. Ich ließ meine Augen über seine Kleidung gleiten und bemerkte, dass er sich irgendwann einfache schwarze Hosen angezogen hatte. Keine Jeans, aber immer noch Freizeitkleidung. Seine Stiefel waren verschwunden, und Schuhe mit weicher Sohle hatten ihren Platz eingenommen. Ich hätte darauf gewettet, dass es immer noch teure Schuhe waren, aber sie glänzten nicht. Der Geschäftsmann verschwand und wurde ersetzt von ... etwas anderem. Quen wird das wahrscheinlich nicht gefallen, dachte ich, als ich mich in meinen Sitz zurückfallen ließ.

»Gut«, sagte Jenks, als Ivy sich aufrichtete. »Ich muss mal pinkeln. Vielleicht besorge ich mir noch einen roten Hut oder so was. Und ich muss meine Kinder anrufen.«

»Suchst du einen neuen Beruf, Jenks?«, fragte ich, und er verlor silbernen Staub.

»Mir gefällt die Farbe«, sagte er und wurde rot. »Und wie sonst soll ich an neue Kleidung kommen?«

Mein Blick wanderte über die seltsame Landschaft, als ich an Matalina dachte. Die meisten Pixies starben an gebrochenem Herzen, wenn ihr Ehepartner starb, aber Jenks hatte überlebt. Das hatte er zum Teil einem Dämonenzauber zu verdanken, der versehentlich seine Lebenszeit zurückgesetzt hatte, zum Teil aber auch seinem Drang, über das, was war, hinauszuschauen in das Reich des Könnte-sein. Er hatte sein halbes Leben damit verbracht, Pixietraditionen zu brechen, und dabei sowohl Kummer erfahren als auch die Belohnung dafür, etwas gewagt zu haben. Matalina hatte ihm gesagt, er solle leben, und irgendwie hatte er den Mut gefunden, es tatsächlich zu tun. Es waren die kleinen Dinge, wie die Frage, wer ihm seine Kleidung nähte oder ihm die Haare schnitt, die ihn ins Stolpern brachten. Die offensichtliche Wahl wäre eine seiner Töchter gewesen, aber der Gedanke war ihm wahrscheinlich nie gekommen.

Ich sackte in mich zusammen, als Trent nach rechts zu den einzigen Gebäuden in der Gegend abbog. Dort standen eine ordentlich wirkende Tankstelle, ein kleines Motel und ein Lokal. Der Baustil des Südwestens ließ alles fremd wirken. Trent parkte mit knirschenden Reifen vor dem langen, niedrigen Restaurant. Hinter uns rollte langsam ein grüner zweitüriger Pinto auf den Parkplatz und suchte sich einen Platz am Rand.

»Hey, schau mal, wer uns eingeholt hat«, sagte Jenks und keuchte ein wenig, als er auf meiner Schulter landete.

Alarmiert drehte ich mich um, entspannte mich aber sofort, als ich die Frau erkannte. Es war Vivian, das jüngste Mitglied des Hexenzirkels für moralische und ethische Standards. Von den fünf noch existierenden Mitgliedern mochte ich Vivian am meisten und hätte sie als Freundin betrachtet, wären die Umstände anders gewesen. Sie hatte mir etwas zugespielt, was ich einsetzen konnte, um Oliver zu erpressen, und sie hatte genug Mut, um selbstständig zu denken. Sie fährt einen Pinto? Ich hätte sie eher als BMW-Mädchen eingeschätzt.

»Ich habe sie schon am Flughafen gesehen«, gestand Ivy kleinlaut. »Ich bin überrascht, dass sie uns überhaupt gefunden hat.«

»Hey, ich habe alle Wanzen gefunden«, erklärte Jenks beleidigt. »Schaut mich nicht an.«

Ich öffnete eifrig meine Tür, und die frische Luft, die in den Wagen drang, roch nach trockenem Gras. Mein Kopfweh ließ ein wenig nach. Vivian war ein Grund zur Sorge, aber wenn sie mich hätte tot sehen wollen, hätte sie inzwischen schon etwas unternommen. Die Frau war trotz ihrer geringen Körpergröße und ihrer kindlichen Stimme absolut tödlich. »Denkt ihr, wir sollten mit ihr reden?«, fragte ich, und Trent starrte mich an, als wäre mir gerade ein Hummer aus dem Ohr gekrochen.

»Glaubst du, du kannst sie umhauen? Uns Zeit erkaufen, in der wir abhauen können?«, fragte Trent und deutete meine Worte damit absolut falsch.

Ich schnaubte, und selbst Jenks lachte. »Vivian ist nicht diejenige, die versucht, uns zu töten«, sagte ich, als ich den Müll einsammelte. »Und das Letzte, was ich will, ist, sie abzuhängen. Dann geben sie vielleicht jemand anderem den Auftrag, uns zu verfolgen, jemandem, der mit Zaubern um sich wirft, bevor er Fragen stellt.« Nein, Vivian und ich verstanden einander, und das war meinem ruhigen Schlaf zuträglicher als ein ganzer Kessel voller Schlafzauber. Ich war froh, dass sie nicht in der Nähe gewesen war, als ich den Dämonenfluch gewirkt hatte, um Trent zu befreien. Das hätte sich nur schwer erklären lassen.

Trent öffnete seine Tür, und ein Windstoß blies durchs Auto. »Du schließt wirklich seltsame Freundschaften, Rachel.«

»Soll ich trotzdem mal zu ihr rüberschießen?«, fragte Jenks. »Sie vielleicht ein wenig pixen?«

Ich schob eine weitere leere Milk-Duds-Tüte in den Müll. Wer isst die Milk Duds? Ich schaute zu Jenks und Ivy, und als mir klar wurde, dass sie die Entscheidung mir überließen, schüttelte ich den Kopf.

»Gut«, sagte Jenks von meiner Schulter. »Die Höhe macht mir echt zu schaffen. Ich kann verdammt bei Tink kaum fliegen.«

Vorsichtig stieg ich aus und fing meine Haare, bevor sie Jenks treffen konnten. Vivian hatte den Kopf ans Lenkrad gelehnt, als wäre sie vollkommen erschöpft. Ihre glatten blonden Haare verdeckten ihr Gesicht. Sie war allein und deswegen wahrscheinlich auf einem Zauber oder einem Trank. Sie würde später dafür zahlen müssen. Und zwar gehörig.

»Trent, machst du mal den Kofferraum auf?«, fragte Ivy, die schon am Heck stand. »Ich will duschen.«

Ich zog an meinem Hemd, um es von der Haut zu lösen, und dachte darüber nach, wie fantastisch sich eine Dusche anhörte. Ich atmete tief durch und kostete die Luft, um die Unterschiede abzuschätzen. Mein Körper fühlte sich, als wäre es fast Mittag, aber die Sonne stand noch nicht weit über dem Horizont. Neun Uhr, und die Sonnenstrahlen, die meine Schultern trafen, waren bereits warm. Es war ein gutes Gefühl, und ich blinzelte in Richtung des Horizonts. Die harte Erde hatte einen rötlichen Schimmer. Fast, als wäre sie rostig. Es war, als könnte ich das Salz unter der Erde spüren, direkt unter der Oberfläche. Der Wind, der meine strähnigen Haare erfasste, sprach von weitem Land.

Während Ivy sich etwas dehnte, und ich darin ihre Aufwärmübung für den Kampfsport erkannte, streckte ich einen Teil meines Bewusstseins aus und suchte nach der nächsten Kraftlinie. Dann lächelte ich. Hier gab es so wenig unterirdisches Wasser, dass es sich anfühlte, als könnte ich die Erde bis in unendliche Weiten spüren. Die geistige Landkarte der Kraftlinien erstreckte sich in mir so klar und weit wie der flache Horizont. Hier gab es jede Menge Platz, nicht nur sichtbaren, sondern auch in den nebligen Tiefen der Gedanken. Jede Menge Platz und nichts, was die Sinne aufhielt, bis die Erde sich bog. Es war ein seltsames Gefühl, und ich nahm mir einen Moment, um es einfach auszukosten.

Ivy trat in mein Blickfeld und zog ihre Tasche aus dem Kofferraum. »Ich schaue mal, ob sie uns ein Zimmer für eine Stunde vermieten«, sagte sie und warf Trent einen Blick zu, der seinen Widerspruch quasi herausforderte. »Willst du auch duschen, Rachel?«

»Absolut«, antwortete ich. »Nach dem Essen. Soll ich dir etwas bestellen?«

Ivy schüttelte den Kopf, die Augen auf die Autobahn gerichtet. »Nein. Ich hole mir was zum Mitnehmen, während du dich frischmachst.«

Trent bewegte sich ungewöhnlich steif auf die Türen des Restaurants zu. Jenks hob ab, als wäre er sich unsicher, wem er folgen sollte. Seine neuen Stiefel und die Jacke fingen das Licht ein und leuchteten.

»Trent, willst du auch duschen?«, rief Ivy.

»Ja«, sagte er, ohne sich umzudrehen. »Und dann schlafe ich eine Runde.«

Jenks klapperte erleichtert mit den Flügeln. »Wir besorgen einen Tisch«, sagte er schnell, dann brummte er schwerfällig hinter Trent her.

Ivys Lächeln war schwach, aber ehrlich. »Da hat jemand einen neuen Freund gefunden«, sagte sie trocken.

Ich lachte leise und dachte darüber nach, wie müde Trent aussah. Es war seltsam, ihn so zu sehen — so weit von der üblichen geschäftsmäßigen Fassade entfernt, die er der Welt sonst präsentierte. »Kannst du glauben, wo wir sind? Das ist nicht fair. Wenn ich auch nur zehn Stundenkilometer zu schnell fahre, würden sie mich sofort rauswinken.«

Sie gab ein zustimmendes Geräusch von sich, dann warf sie einen Blick auf Vivian, die mit dem Kopf auf dem Lenkrad eingeschlafen war. »Bist du dir sicher, dass du nicht als Erste duschen willst?«, fragte sie.

Ich packte mir meine Tasche vom Rücksitz und warf einen kurzen Blick auf meinen Tödliche-Zauber-Detektor. »Nö. Ich habe Hunger. Ich babysitte Trent, bis du fertig bist. Mir macht es nichts aus, als Letzte zu duschen. Lasst mir nur ein bisschen warmes Wasser übrig.«

Ich zog meinen Koffer nach vorne, um mir ein neues Hemd, einen BH, Unterhosen und Socken zu holen. Meine Jeans gingen noch einen Tag. Ich stopfte alles in meine Handtasche und knallte den Kofferraum zu. Auf der anderen Seite des Parkplatzes schreckte Vivian hoch. Ich winkte ihr zu und ging nach drinnen. Armes Mädchen. Man sollte meinen, sie hätten ihr jemanden zugeteilt, der bei unserer Überwachung half. Vielleicht war es eine Bestrafung.

Das vordere Fenster war getönt, und es drang nur ein Mindestmaß an Licht und Wärme nach innen. Sobald sich die Milchglastüren hinter mir geschlossen hatten, wurde mir so kalt, als wäre ich in eine Höhle getreten. Meine Augen wanderten zur Kasse, weil ich hoffte, dort Sonnenbrillen zu entdecken, aber da war nichts. Vielleicht beim nächsten Halt.

Die paar Leute im Raum hatten sich so verteilt, dass offensichtlich war, dass sie sich nicht kannten. Ein Flipper leuchtete stumm vor sich hin und wartete auf Spieler, und der Teppich war ziemlich abgetreten. Es roch hier drin mehr nach Tiermensch als nach Vampir, aber an der Tür klebte eine LGP, also wusste ich, dass sie hier gemischtes Publikum zuließen. Nicht, dass noch viele Menschen durch diese Außengebiete fahren würden. Kleine Menschenstädte waren während des Wandels entvölkert worden, und die Furcht wirkte nach. Nur in den Großstädten hatte es die nötige Unterstützung gegeben, um sie in nennenswerten Zahlen am Leben zu halten.

Als ich eintrat, sah niemand auf außer der Kellnerin. Nachdem ich auf Trent gezeigt hatte, wandte sie sich ab. Ganz seinem Naturell entsprechend, hatte sich Trent für einen Tisch in der Mitte des Raums entschieden, nicht direkt am Fenster, aber in der Nähe. Seltsamerweise wirkte er nicht fehl am Platz, obwohl er nicht zu den derben Tiermenschen und den grübelnden Hexen passte, die ich-will-gar-nicht-wissen-was rauchten. Vielleicht lag es an Jenks, der auf dem Serviettenhalter saß.

»Wir können hier nicht den ganzen Tag verplempern«, sagte Trent, als ich mich ihm gegenüber auf den Stuhl fallen ließ.

»Wir können deine Dusche auslassen, wenn du möchtest«, antwortete ich und stellte meine Tasche so ab, dass ich das Tödliche-Zauber-Amulett daran sehen konnte.

Er runzelte die Stirn, und seine grünen Augen wirkten im dämmrigen Licht fast schwarz. »Ich bin nicht ständig hundertfünfzig gefahren, damit ihr die Zeit unter einem Duschkopf verschwenden könnt«

»Ich habe immer noch Staub vom Gateway Arch im Haar«, sagte ich und spielte an meiner Tasse herum, in der Hoffnung, bald Kaffee zu bekommen. »Ich weiß, dass wir es eilig haben. Ich will mindestens so dringend ankommen wie du.«

Trent schwieg, und Jenks sah mit unglücklicher Miene zwischen uns hin und her.

»Du siehst müde aus«, meinte ich schließlich, als Jenks mir bedeutete, endlich etwas zu sagen.

Trent entspannte sich etwas. »Das bin ich auch«, gab er zu, und Jenks wirkte wieder etwas fröhlicher.

»Mir macht es nichts aus, für eine Weile zu fahren«, sagte ich und versuchte, den Blick der Kellnerin einzufangen.

»Das wäre nett, Rache«, sagte Jenks bissig. Er stemmte die Hände in die Hüften und verlor silbernen Staub. »Nachdem du bis jetzt nur ungefähr dreihundert Kilometer gefahren bist.«

»Nein«, widersprach Trent. »Du brauchst die Hände frei, falls der Hexenzirkel ...« Er zögerte, bevor er mit einer Schulter zuckte. »Falls die Withons noch jemanden schicken«, sagte er dann.

»Ja, okay«, meinte Jenks, aber ich war überrascht, dass er sich überhaupt auf Trents Seite gestellt hatte.

Endlich kam die Kellnerin mit zwei Kannen in der Hand auf uns zu. Sie wirkte wie mindestens sechzig und roch gleichzeitig nach Tiermensch und Hexe, also konnte ich nicht klar bestimmen, was sie war. Sie trug Cowboystiefel und eine Schürze, und beides wirkte an ihr bequem. »Morgen, Leute«, sagte sie, und ihr abschätzender Blick versuchte offensichtlich, uns alle einzuordnen. »Normal oder entkoffeiniert?«

»Ähm, normal«, sagte ich, und Trent legte eine Hand über seine Tasse.

»Entkoffeiniert«, sagte er. Der Duft von Kaffee breitete sich über dem Tisch aus, als sie erst mir und dann Trent eingoss. Jenks flog zu meiner Tasse und holte sich eine pixiegroße Portion, während die Kellnerin ihn beobachtete. Sie wirkte misstrauisch, nicht bezaubert, und ich vermutete, dass sie schon mal mit Pixies zu tun gehabt hatte.

»Was kann ich euch bringen?«, fragte sie, als Jenks vom Tassenrand abhob und ich den ersten Schluck nahm.

»Oh Gott, der ist gut«, sagte ich, und die Frau strahlte mich an. Ihre Falten verschwanden, und plötzlich war ihr wettergegerbtes Gesicht schön.

»Danke, Süße. Wir haben noch Teig hinten. Soll ich Len bitten, euch ein paar Pfannkuchen zu machen?»

Ich nickte und war bereit, mich der Frau vollkommen auszuliefern, wenn sie mir solchen Kaffee servierte.

»Ich nehme die Tomatensuppe«, sagte Trent, während er ihr die Karte zuschob. Die Frau gab ein leises Geräusch von sich, und auch Jenks drehte sich zu Trent um. Tomaten zu bestellen war nicht ungewöhnlich, besonders nicht hier in der Wildnis, wo es nicht viele Menschen gab, aber für Trent war es außergewöhnlich. Er hatte sich sein gesamtes Leben lang als Mensch ausgegeben. Cincy zu verlassen musste eine vollkommen neue Erfahrung für ihn sein. Vielleicht sogar eine befreiende. »Natürlich nur, wenn Len gute Suppe macht«, fügte er hinzu und lächelte sie an.

»Die beste auf dieser Seite des Mississippi«, sagte sie und klemmte sich die Karten unter den Arm. »Würzig oder mild?«

»Mild.«

Sie ließ beide Kannen bei uns stehen und wanderte wieder Richtung Küche. Für einen Moment saßen wir in der Stille, die nur von dem Flipper und den beruhigenden Küchengeräuschen durchbrochen wurde, weil wir es einfach nur genossen, an einem Ort zu sitzen, der kein Auto war, und etwas zu trinken, was nicht aus einer Flasche oder einer Dose kam.

»Den besten Kaffee, den ich je hatte, habe ich in einem kleinen Cafe in der Innenstadt von Cincinnati getrunken«, sagte Trent plötzlich und wirkte wie ein vollkommen anderer Mann, als er die Tasse abstellte. Die Erinnerung an das Lächeln, das er der Frau geschenkt hatte, ehrlich und aufrichtig, ging mir nicht aus dem Kopf. »An den Wänden hingen Bilder von Babys ...«

» ... die als Blumen verkleidet waren«, platzte ich heraus, und Jenks verlor eine Wolke von goldenem Staub.

»Du kennst das Cafe?«, fragte Trent mit weit aufgerissenen Augen.

»Kennt es? Sie hat dort Hausverbot«, sagte Jenks lachend.

»Juniors«, sagte ich über den Rand meiner Tasche hinweg, dann stellte ich sie ab. Ich konnte Pfannkuchen riechen, und mir lief das Wasser im Mund zusammen. »Mikes«, korrigierte ich mich dann. »Er hat mir Hausverbot erteilt, als ich gebannt wurde. Das war in der Nacht, als ich versucht habe, die Banshee zu verhaften, die die Stadt um Neujahr herum terrorisiert hat. Erinnerst du dich an die Brände in Astons Schlittschuhbahn und auf dem Fountain Square?«

Deprimiert starrte ich in meinen Kaffee. Dafür hatte mir auch nie jemand gedankt.

»Er heißt Mike?«, fragte Trent, und ich hob den Blick, als ich das Erstaunen in seiner Stimme hörte. Als ich nickte, schüttelte Trent den Kopf. »Du kennst wirklich viele Leute.«

Ich zuckte mit den Achseln. »Du auch.«

Das war irgendwie irre. Ich saß hier mit Trent, und keiner von uns ärgerte den anderen. Vielleicht hatte meine Mom Recht. Wann immer Robbie und ich uns auf die Nerven gegangen waren, hatte sie uns gezwungen, die Garage aufzuräumen oder etwas in der Art. Meine Mom hatte eine wirklich ordentliche Garage.

»Das Essen kommt«, verkündete Trent und klang erleichtert, als er seinen Stuhl nach hinten schob, um Platz für seinen Teller zu machen.

»Ein Teller Pfannkuchen«, sagte die Frau und stellte drei sehr dunkle Pfannkuchen vor mir ab. »Und eine Schüssel Tomatensuppe.«

Trent griff bereits nach dem Löffel. »Danke, Ma'am«, sagte er mit solcher Inbrunst, dass sie lächelte.

»Kann ich euch noch was bringen?«, fragte sie und legte die Rechnung zwischen uns, die Schrift nach unten.

Jenks klapperte laut mit den Flügeln, hob aber nicht ab. »Könnte ich mich in deinen Zierbeeten umsehen? Ich habe raffinierten Zucker und Erdnussbutter so was von satt.«

Die Frau runzelte die Stirn. »Du kannst dir alles nehmen, was du findest, aber es wird nicht viel sein. In der Gegend hat man in letzter Zeit Gesang gehört. Wir haben hier irgendwo einen umherstreifenden Clan, Nicht, dass sie uns Große belästigen würden, aber auf dich reagieren sie vielleicht eher unfreundlich.«

Jenks strahlte sie an. »Ich komme schon klar. Danke«, sagte er und nahm noch einen Schluck Kaffee, damit seine Flügel schneller schlugen. »Eine Tasse Kaffee noch, dann kann ich einen ganzen Fairyclan erledigen.«

»Sei einfach vorsichtig«, meinte sie nur, bevor sie zurück in die Küche ging.

Die Pfannkuchen dufteten wundervoll. Ich ignorierte das Besteck, rollte den obersten zu einem Schlauch zusammen und biss ab. Trent seufzte schwer und polierte sorgfältig seinen Löffel, bevor er vorsichtig probierte.

Er blinzelte, und ihm traten Tränen in die Augen. »Sie ist scharf. Sie hat mir die würzige gebracht. Lecker.« Immer noch keuchend fing er richtig an zu essen, wobei er sich immer wieder über die Augen wischte und sich in seine Serviette schnäuzte.

Ich bezweifelte, dass er wirklich die scharfe Suppe hatte. Wahrscheinlich war einfach schon die milde schärfer als die meisten Chilis. Das Licht veränderte sich, als die Tür aufging. Ich drehte mich um und entdeckte Vivian allein in dem schmalen Band von Sonnenschein, das schnell verschwand. Sie winkte uns halbherzig zu, dann schlurfte sie an die Bar, bestellte etwas und ließ ihren Kopf auf die überkreuzten Arme sinken, als die Kellnerin dem Koch zuschrie, er solle einen Milchshake machen.

Ich kaute, während ich ihre zusammengesunkene Gestalt an der Bar betrachtete. Ich erinnerte mich an ihre Ehrlichkeit in Loveland Castle und an den Telefonanruf, mit dem sie mir ein Druckmittel gegen Oliver, den Anführer des Hexenzirkels, an die Hand gegeben hatte. Als ich sie zum ersten Mal getroffen hatte, hatte sie schick und geschliffen ausgesehen, komplett mit Kaschmirmantel und teurer Handtasche. Am Ende der Woche war sie dreckig und wund gewesen und hatte erkannt, dass alles, was man ihr erzählt hatte, eine Lüge gewesen war. Im Moment war sie irgendwo dazwischen, in Jeans und einem Pulli, der viel zu warm wirkte. Aber es waren Designermarken und ihr dezentes Make-up war gekonnt aufgetragen.

»Macht es dir etwas aus, wenn ich sie zu uns hole?«, fragte ich Trent, und er sah mit tränenden grünen Augen auf.

Für einen Moment schwieg er, dann legte er klappernd seinen Löffel auf dem weißen Porzellan ab. »Warum nicht?«, sagte er, als er aufstand. »Nachdem du dir so sicher bist, dass sie dich nicht umbringen wird. Ich bin ihr noch nicht vorgestellt worden.«

»Ich wollte es tun«, sagte ich, aber er war bereits halb durch den Raum.

»Warum nicht?«, spottete Jenks, dessen Flügel vom Koffein leuchtend rot geworden waren. »Kaum ist er nicht mehr in Quens Nähe, hält er sich für Gottes Geschenk an die Damenwelt.«

»Dir ist das auch aufgefallen?«, fragte ich leise. »Mir gefallen seine neuen Schuhe.«

»Die Schuhe eines Diebes«, sagte Jenks mit einem Rülpsen. »Ich frage mich, was er stehlen will.«

»Nicht unser Problem.« Hoffte ich. Ich nahm den nächsten Bissen und beobachtete, wie Vivian sich überrascht aufsetzte und mir dann einen kurzen Blick zuwarf, als Trent neben sie trat. »Geht es dir gut?«, fragte ich Jenks, nachdem sein Gesicht rot war und seine Flügel sich nur langsam bewegten.

»Mit geht's bald besser.« Jenks rückte seine neue rote Jacke zurecht und wusch seine Tasse in meinem Wasserglas aus, so dass ein dünner Faden Kaffee nach unten sank. »Ich will schauen, ob sie eine Bombe unter unser Auto gelegt hat. Kommst du alleine mit ihnen klar?« Ich dachte an Ivy in der Dusche und nickte. Er hob ab und hinterließ eine kleine leuchtend gelbe Pfütze auf dem Tisch. »Ich bin in fünf Minuten zurück.«

»Sei vorsichtig«, sagte ich, als er davonflog, und er stieß eine rote Staubwolke aus, das Pixieäquivalent zu einem Augenrollen.

An der Bar glitt Vivian von ihrem Stuhl, in der einen Hand ein großes Glas mit ihrem Milchshake und eine Serviette. Hinter ihr folgte Trent und lächelte, als würde er einen Ballsaal durchqueren und nicht ein Autobahnrestaurant in der Mitte des Nirgendwo von New Mexico.

»Ähm, ich weiß nicht, was ich sagen soll«, erklärte die kleine Frau, als sie näher kam und ich ihr einen Stuhl herauszog.

»Setz dich«, sagte ich. »Trent wird nicht beißen. Um Ivy müsstest du dir vielleicht Sorgen machen, aber sie duscht gerade.«

Sie stellte ihr Glas ab und setzte sich. Das Schwermagie-Amulett an meiner Tasche fing an zu glühen, aber der Tödliche-Zauber-Detektor blieb dunkel. Vivian bemerkte es und nahm einen Schluck von ihrem Getränk, als Trent sich wieder setzte. Ich konnte nicht anders, als an das letzte Mal zu denken, als wir bei einem Kaffee zusammengesessen hatten. Es war im Mike's gewesen und sie war bereit gewesen, mich zu erschießen, wäre ich nicht mit ihr gekommen. Aber das war, bevor sie gesehen hatte, wie ich neben einem Dämon stand und mich bemühte, ihre Mentorin Brooke zu retten.

»Ivy hat gesagt, du warst am Flughafen«, sagte ich, nahm einen Schluck Kaffee und schmierte mir damit wahrscheinlich Jenks' Glitzerstaub auf die Lippen. »Du wirst mich nicht umbringen, oder?«, fragte ich, und Trent verschluckte sich prompt an seiner Tomatensuppe.

Mit einem kurzen Blick zu Trent schüttelte sie den Kopf. Ihre Augen waren gerötet und wirkten müde. »Sie hoffen, dass du auf dem Weg etwas Dämonisches tust, und falls es so ist, soll ich Bericht darüber erstatten«, sagte sie, nervös, bis Trent endlich aufgehört hatte zu husten. »Obwohl sowieso schon alle ihre Entscheidung so gut wie getroffen haben. Außer demjenigen, den sie an Brookes Stelle wählen. Oh, und alles, was du zu mir sagst, wird in der Abstimmung gegen dich verwendet werden.«

Abstimmung?, dachte ich und sah Trent an, als mir klarwurde, dass er Recht gehabt hatte. Sie würden trotz Olivers Versprechen versuchen, mich verschwinden zu lassen. »Es war alles abgemacht!«, sagte ich, dann sprach ich leiser weiter. »Oliver hat gesagt, dass ihr mich begnadigen werdet, wenn ich meine Behauptung zurückziehe, dass der Hexenzirkel korrupt sei!«, zischte ich fast.

Vivian saugte an ihrem Strohhalm und zuckte mit den Achseln, während Trent sich den Mund abwischte. Er war immer noch rot im Gesicht, aber zumindest konnte er wieder atmen. »Ms. Morgan ist ein wenig naiv, wenn es um Weltmächte geht«, erklärte er.

»Warum? Weil ich erwarte, dass sie ihr Wort halten?«, meinte ich finster.

Vivian wirkte unschuldig, wie sie so ihren Milchshake trank. Schließlich lehnte sie sich mit gesenktem Blick zurück. Die Diamanten an ihrer Armbanduhr glitzerten, und die Uhr selbst ging falsch. »Es würde helfen, wenn du Brooke zurückholst. Dann würde sie für dich stimmen.«

Ich konnte mein Lachen nicht unterdrücken. »Nein, würde sie nicht.«

Trent hatte sich wieder seiner Suppe zugewandt, beobachtete uns aber beide. Das gab mir das Gefühl, als stünde ich nicht nur einmal vor Gericht, sondern gleich doppelt.

»Und wir sind nicht korrupt«, sagte Vivian nachträglich.

Warum sagt sie diesen Mist?, dachte ich, rollte den nächsten Pfannkuchen zusammen und biss ab. Es war, als würde sie ihre Worte ablesen. Vielleicht hatte sie Angst davor, was Trent von ihr dachte? Vielleicht war sie verwanzt und dieses ganze Gespräch wurde von jemandem mitgehört?

Trotzdem konnte ich das nicht ohne Protest stehenlassen, also murmelte ich, nachdem ich einen weiteren großen Bissen genommen hatte: »Genau. Okay. Lass uns annehmen, der Hexenzirkel hat eine blütenweiße Weste. Aber Brooke hat sich an Dämonologie versucht.« Ich schluckte und setzte nach: »Sie hat Big Al ganz allein beschworen, obwohl sie wusste, dass er erscheinen würde und nicht ich. Sie hat niemand anderen dafür bezahlt oder dazu gezwungen. Sie hat es selbst getan. Ich hatte sie davor gewarnt. Ich habe mich weit aus dem Fenster gelehnt, um sie aufzuhalten. Habe mir die Synapsen frittiert und mein Hirn bei dem Versuch gekocht, durch eine Linie zu springen und sie rechtzeitig zu erreichen. Wenn ich gebannt bin, sollte sie es auch sein.«

Vivian wirkte weder beleidigt noch erschüttert. Obwohl wir allein waren, wurden wir doch belauscht. »Kannst du ...« Sie schaute zu Trent und zögerte.

»Nein«, antwortete ich, weil ich wusste, was sie dachte. »Ich kann sie nicht retten. Brooke hat Al beschworen. Er hat ihren Schutzkreis gebrochen, weil sie nicht wusste, was sie tat. Es tut mir leid. Ich weiß, dass ihr denkt, ich könnte ihn kontrollieren, aber so ist es nicht. Ich versuche hier nur, irgendwie am Leben zu bleiben.«

Vivian beugte sich wieder über ihr Glas. »Ich musste fragen«, sagte sie, und ihre dünnen Finger umklammerten das Glas.

Schweigen breitete sich aus. Ich schaufelte mir weiterhin Pfannkuchen in den Mund, weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte — jetzt, wo ich mir sicher war, dass wir abgehört wurden.

»Vivian«, brach Trent das unangenehme Schweigen und riss seine Augen von der vergessenen Packung Ahornsirup in der Mitte des Tisches los. »Welche Rolle haben Sie im Hexenzirkel? Sie scheinen an allem Anteil zu haben.«

»Ich bin der Klempner«, sagte sie stolz. »Das ist die traditionelle Aufgabe der niedrigst eingestuften Kraftlinienhexe.«

Klempner war eine nette Art, auszudrücken, dass sie Informationslecks stoppte und dafür sorgte, dass die Scheiße weiterlief. Und bei dem Wort »niedrig« hätte ich fast laut gelacht. Egal, ob sie das jüngste Mitglied war oder nicht — sie konnte durch ihre weiße Magie mit meinem Gesicht den Boden wischen.

»Ich repariere Dinge«, fügte Vivian hinzu, um sicherzustellen, dass Trent wirklich verstand. »Sorge dafür, dass alles reibungslos läuft. Deswegen habe ich ...« Sie verstummte und wirkte peinlich berührt, als sie noch einen Schluck trank.

»Diese wunderbare Aufgabe übertragen bekommen«, vollendete ich ihren Satz, und sie nickte. »Tut mir leid.«

»Ich mag es so«, sagte sie mit einem Achselzucken. »Zumindest normalerweise.«

Der letzte Kommentar war staubtrocken, und ich fragte mich, ob er hauptsächlich an unsere Mithörer gerichtet war.

»Aber sei vorsichtig«, sagte ich, nur halb im Scherz. »Diese Stellung hatte auch Pierce, bevor sie ihn im Boden eingemauert haben.«

Trent beäugte immer noch meinen Sirup, selbst als er den Teller mit dem Löffel auskratzte, um auch den letzten Tropfen Suppe zu erwischen. Ich schob ihm die Packung zu.

Vivians Miene zeigte klar ihre Abneigung. Pierce hatte sie letztes Frühjahr geschlagen, und das war für die selbstsichere Frau nicht leicht zu akzeptieren. »Pierce«, sagte sie, und ihre Stimme klang, als hinterließe der Name einen hässlichen Nachgeschmack. »Er war tot. Du hast ihn zurückgeholt.«

Ich konnte fast den Gedanken schwarze Hexe hören und biss die Zähne zusammen. Warum hatten die meisten Leute ein so verdammtes Schubladendenken? Auf der anderen Seite des Tisches stippte Trent seine saubere Gabel in den Sirup, legte die Packung aber wieder weg, als er gekostet hatte. Wenn Trent ihn nicht mochte, würde auch Jenks ihn nicht mögen, also ließ ich ihn liegen. Stattdessen schmiss ich meine Serviette auf den letzten Pfannkuchen. Ich war fertig.

»Ich habe Pierce nicht ins Leben zurückgeholt«, sagte ich. Ich wollte das klarstellen, auch wenn ich nicht sah, dass es einen Unterschied machen würde. »Er war im Fegefeuer, und ich habe ihn aus Versehen aufgeweckt, als ich einen weißen Zauber verwendet habe, um mit meinem verstorbenen Vater zu sprechen und seinen Rat einzuholen. Es war eine Mutprobe. Stattdessen habe ich Pierce bekommen. Al war derjenige, der ihn wieder zum Leben erweckt hat, um ihn als Vertrauten zu benutzen. Tote Hexen können keine Kraftlinien anzapfen und sind damit lausige Vertraute.«

Ich nippte an meinem Kaffee und versuchte, nicht genauer darüber nachzudenken. Pierce verbrachte nun den Rest seines Lebens im Körper eines anderen Mannes — eines Toten. Das verursachte mir Gänsehaut, und ich konnte nur hoffen, dass ich selbst nie vor so einer Entscheidung stehen würde. Es fiel schwer, dem Kerl Vorwürfe zu machen. Ich wünschte mir nur, er hätte mir die Zeit gegeben, nach einem besseren Weg zu suchen, bevor er sich Al überließ, bis dass der Tod sie scheide.

»Aber du hast ihn zuerst erweckt?«, fragte Vivian trotz ihrer müden Augen aufmerksam.

»Es ist ein weißer Zauber«, sagte ich mit einem Seitenblick zu Trent. Er wusste schon seit einer Weile, dass ich das konnte. »Und er funktioniert nicht bei Toten, nur bei Leuten, die im Fegefeuer sind.«

Vivian rührte mit ihrem Strohhalm in ihrem Milchshake. »Ich weiß, dass er weiß ist«, sagte sie. »Ich habe mich daran versucht. Du hast ihn in welchem Alter geschafft?«

Oh. Das. Unangenehm berührt schaute ich aus dem Fenster zum Auto meiner Mom. »Weiß ich nicht mehr«, log ich. Ich war achtzehn und dumm gewesen, aber anscheinend gab es jemanden unter der Erde, mit dem Vivian reden wollte. »Pierce hat erst letztes Jahr angefangen, in meinem Haus zu spuken. Er war im Kirchhof beerdigt.« Mein Gesicht wurde heiß, und langsam wurde ich wütend. »Dein kostbarer Hexenzirkel hat ihn umgebracht.«

»Ich weiß«, sagte Vivian, so interessiert, als sprächen wir über jemanden aus einem Geschichtsbuch und nicht von einer realen Person, mit der ich schon gefrühstückt und in einem Loch im Boden gehockt hatte und der ich mein Leben verdankte. »Ich habe mich über ihn informiert, nachdem er ... nachdem wir uns getroffen haben«, sagte sie langsam. »Er war ein Mitglied des Hexenzirkels, das zu den Bösen übergelaufen ist. Sie hatten keine andere Wahl, als ihn zu töten.«

Trent schwieg und zog sich ein wenig zurück, als ich mit dem Finger auf sie zeigte. »Er wurde nicht nur getötet. Er wurde lebendig begraben.«

»Wegen Eleison ...«, sagte Vivian, und ihre Augen leuchteten, als hätte sie darüber schon öfter diskutiert.

»Eleison war ein Fehler«, unterbrach ich sie. »Es wäre nie passiert, wenn er auch nur die grundlegendsten Regeln der Dämonologie beherrscht hätte. Dein Hexenzirkel hat sich gegen einen der ihren gewendet. Hat ihn dem dummen Pöbel geopfert, statt auch nur zu versuchen, zu verstehen, wovor er sie warnen wollte.« Frustriert lehnte ich mich vor. »Vivian, diese blütenweiße Scheiße, an der der Hexenzirkel festhält, kann euch nicht länger beschützen. Es hat fünf von euch gebraucht, um mich zu überwältigen, und ich habe noch nicht mal einen schwarzen Fluch eingesetzt. Ein echter Dämon hätte es getan. Du hast gesehen, wie mühelos Al Brooke besiegt hat.«

»Rachel ...«, sagte Trent, aber ich fiel ihm ins Wort. »Zu wissen, wie man Flüche windet, macht einen nicht schlecht«, sagte ich und hoffte, dass ich mir selbst glaubte. »Dämonenmagie einzusetzen bedeutet nicht automatisch, dass man böse ist. Es bedeutet nur, dass man eine Menge Ungleichgewicht erzeugt hat.«

»Du rationalisierst«, sagte Vivian hitzig. »Weiß ist weiß. Schwarz ist schwarz.«

Trent nahm beide Rechnungen, zog eine Geldbörse aus der hinteren Hosentasche und ließ genug Scheine auf den Tisch fallen, um beide zu bezahlen. »Madam Hexenzirkelmitglied ist nicht deiner Meinung«, warnte er mich, und ich runzelte die Stirn, während mein Magen sich verkrampfte.

»Schau«, sagte ich und war mir bewusst, dass ich damit wahrscheinlich mein Schicksal besiegelte, aber es war vielleicht meine einzige Chance, tatsächlich zu meiner Verteidigung zu sprechen. »Dämonenmagie zu kennen hat mir das Leben gerettet. Ich benutze niemals Flüche, die Körperteile verlangen, oder welche, die töten ...« Scheiße, dachte ich und zögerte. »Ich habe noch nie getötet ...« Seufzend hielt ich ein weiteres Mal inne. »Ich habe nie versucht, jemanden zu töten, der es nicht zuerst bei mir versucht hat.«

Vivian riss den Mund auf, und ihre Finger lösten sich von ihrem Glas. »Du gibst zu, dass du jemanden getötet hast? Mit schwarzer Magie?«

Trent sah mich fragend an, während er sich wieder hinsetzte. Meine Schultern sackten nach unten, und ich verzog das Gesicht. »Die Fairys, die dein kostbarer Hexenzirkel losgeschickt hat, um mich zu töten«, gab ich zu.

»Nein«, antwortete Vivian und schüttelte den Kopf. »Ich meine, richtige Leute.«

»Fairys sind richtige Leute«, erklärte ich hitzig. »Ich habe so viele gerettet, wie ich konnte, aber ...« Ich verzog das Gesicht und klappte den Mund zu. ich war froh, dass Jenks das nicht gehört hatte.

Vivian schwieg. Ihr Milchshake war leer, und sie trocknete sich die feuchten Finger an ihrer Serviette ab. »Also, ich muss jetzt mal für kleine Mädchen«, sagte sie unsicher. »Fahrt nicht, bevor ich wieder da bin, okay?«, fügte sie hoffnungsfroh hinzu. Gott, sie verstand nicht einmal, warum ich mich aufregte.

»Wir versprechen nichts«, sagte Trent, während ich weiter vor mich hinkochte. »Die Straße ruft.«

Vivian stand auf und schob ihren Stuhl zurück. »lch werde für dieses kleine Gespräch bezahlen müssen, wenn das vorbei ist«, sagte sie und spielte an den Amuletten um ihren Hals herum. »Wir sehen uns an der Ziellinie.«

»Es war ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Vivian«, sagte Trent und stand mit ausgestreckter Hand auf. Ich schnaubte, als sie sich die Hände schüttelten. Vivian allerdings war bezaubert und strahlte ihn an.

Sie wandte sich ab, und ich räusperte mich. »Wirst du für oder gegen mich stimmen?«, fragte ich geradeheraus und die Frau kniff die Augen zusammen.

»Ich weiß es nicht«, antwortete sie leise. »Danke für das Frühstück.«

»Gern geschehen«, erklärte Trent und setzte sich wieder.

Vivian zögerte und wirkte, als wollte sie noch etwas sagen, aber dann ging sie in Richtung der WC-Schilder davon. Sie bog um eine Ecke und verschwand.

Trent umfasste seine Tasse mit beiden Händen und nahm einen Schluck. »Ich verstehe dich nicht«, sagte er. »Wirklich nicht. Du weißt, dass sie mitgehört haben, oder? Es aufgenommen und in die Abrufkanäle des Kongresshotels eingespeist haben?«

»Ich weiß«, sagte ich deprimiert. »Das Traurige ist, dass sie wahrscheinlich das einzige Mitglied des Hexenzirkels ist, das sich auf meine Seite stellen könnte, und ich glaube, ich habe sie gerade verschreckt.« Angewidert schob ich meinen Teller von mir in dem Versuch, auch meine finsteren Gedanken zu verdrängen. Ich sah auf, fing den Blick der Kellnerin auf und deutete auf meine Kaffeetasse, um noch einen Kaffee für die Fahrt zu bekommen. »Willst du auch noch einen Kaffee?«, fragte ich.

»Nein. Macht es dir was aus, wenn ich als Nächster dusche?«, fragte er, und ich bedeutete ihm, loszuziehen.

»Nur zu«, sagte ich und hoffte nur, dass er mir mehr ließ als das Kopfhandtuch.

Trent klopfte einmal mit den Knöcheln auf den Tisch, zögerte kurz und ging. Die Tiermenschen am anderen Ende der Bar beobachteten ihn, als er zur Tür ging. Als er sie öffnete, klingelte es kurz und Sonnenlicht ergoss sich in den Raum, dann kehrte das Restaurant wieder zu dämmriger Kühle zurück.

Die Kellnerin rauschte mit einem riesigen Pappbecher in der Hand an unseren Tisch. Er hatte Werwolfgröße, und wenn ich das alles trank, würde ich mindestens so oft aufs Klo müssen wie Jenks. »Danke. Das wird mich aufwecken«, sagte ich und griff nach meiner Tasche und meinem Geldbeutel, als sie den Becher abstellte.

»Ist okay«, sagte sie mit einem Lächeln, als sie die Geldscheine aufsammelte, die Trent dagelassen hatte.

Ich stand auf, warf mir die Tasche über die Schulter und nahm den riesigen Becher Kaffee. Ich brauchte dafür beide Hände. Der würde nicht in die Becherhalter im Wagen meiner Mom passen. Ich ging vorsichtig zur Tür und öffnete sie, indem ich mich rückwärts dagegenlehnte.

Hitze und Licht trafen mich wie ein Schlag. Vorsichtig ließ ich die Tür zufallen. Diese Zeitzonensprünge machten einen ziemlich fertig. Zwei Stunden innerhalb eines Tages waren hart. Ich schlurfte zum Auto, das jetzt unter dem Tankstellendach stand. Ein Tankschlauch führte zum Stutzen. Trent war nirgendwo zu sehen, aber Ivy stand mitten auf dem Parkplatz und konfrontierte gerade einen schweren, schmuddeligen Trucker, der weniger verängstigt als besorgt wirkte.

Ihre langen Haare, die noch nass waren vom Duschen, glitzerten, und ich hielt am Auto an, um meinen Kaffee abzustellen. Ich seufzte, als ich sah, wie teuer das Tanken wurde. Ivy hatte sich umgezogen, und an ihren langen Beinen wirkten die altmodischen Schlaghosen elegant. Ihr weißes Hemd betonte ihre Figur und die kurzen Ärmel würden dafür sorgen, dass ihr um einiges kühler war. Sie wirkte aufgeregt, und ich fühlte den ersten Stich von Besorgnis.

»Ivy?«, rief ich, und sie wirbelte herum. Die Angst auf ihrem Gesicht sorgte dafür, dass mir kalt wurde. Sie bewegte sich schnell — vampirisch schnell —, und ihre Pupillen waren trotz der hellen Sonne vollständig erweitert.

»Er ist weg«, schrie Ivy über den Parkplatz, und meine Furcht wurde größer.

»Wer?«, fragte ich, obwohl ich es bereits wusste.

»Jenks.« Ihre Augen waren weit aufgerissen.

Ich vergaß den Kaffee, rannte auf sie zu und blinzelte, als ich in die Sonne kam. »Weg? Wohin?«

Der Trucker wirkte auf eine bärige Art verloren. Er wollte uns offensichtlich helfen, verstand aber nicht ganz, warum wir uns so aufregten. »Es tut mir leid, Ma'am«, sagte er und hielt seine Hand vor sich wie ein Feigenblatt. »Ich achte nicht besonders auf die kleinen Viecher, außer sie knallen an meine Windschutzscheibe. Man kriegt sie echt schwer wieder ab.«

Gott helfe mir, dachte ich panisch.

»Ich weiß nicht, ob es Pixies oder Fairys waren«, sagte der Mann, »aber gerade ist eine lärmende Schar aufgestiegen und hat einen kleinen Kerl in Rot mit sich geschleppt. Er sah nicht aus, als wäre er verletzt.«

Mein Kopf pulsierte, und ich wich langsam zurück, während ich Ivy einen verängstigten Blick zuwarf. Oh Gott, wir waren in der Wüste. Zwischen mir und dem Horizont lag nichts außer Wind, Sand und Büschen. Pixies konnten schneller fliegen als ich laufen, und das in jede Richtung.

Wir würden ihn nie finden.