5

Ein schmaler Streifen Nachmittagssonne wärmte meinen Arm. Ich fuhr — Überraschung! —, und der Fahrtwind hatte dafür gesorgt, dass meine Haare so verknotet waren, dass ich eine ganze Flasche Spülung brauchen würde. Wir hatten drei Stunden nach Aufbruch angehalten, um Jenks ein Klo und etwas zu essen zu besorgen, und danach hatte Jenks mir erklärt, dass er jetzt schlafen würde. Elfen hatten einen ähnlichen Schlafrhythmus, und auch wenn er nichts gesagt hatte, war offensichtlich, dass Trent langsam müde wurde, also hatte ich angeboten, das Steuer zu übernehmen.

Tatsächlich, überlegte ich, als ich auf den schlafenden Trent sah, waren die letzten vier Stunden recht nett gewesen. Trents Gesicht war hübsch, wenn er nicht finster dreinblickte. Seine Jeans und das Hemd ließen ihn vollkommen anders aussehen — irgendwie attraktiver als in seinem üblichen Anzug. Vielleicht zugänglicher. Der Wind bewegte sein feines Haar, als er an der Tür lehnte, so weit von mir entfernt wie nur möglich.

Ich konnte einfach den Arm ausstrecken und ihn schlagen, wenn mir danach war. Mir hatte die stillschweigende Verachtung gegenüber dem Auto meiner Mom nicht gefallen. Dann hatte es eben keine sechs Lautsprecher oder elektrische Fensterheber oder eine Zentralverriegelung. Es war nicht schick, und das Blau gefiel auch mir nicht besonders. Aber in dieser Altdamen-Schaukel konnte ich zehn Stundenkilometer mehr fahren als in meinem leuchtend roten Flitzer und wurde trotzdem nicht angehalten. Und es gab eine Menge Becherhalter.

Ich schob mir eine lose Strähne hinter das Ohr und beäugte neidisch Trents Sonnenbrille, die auf der Ablage lag, während er schlief. Ich wette, mir würde sie besser stehen als ihm. Ich bekam Kopfweh von der Sonne, und fast hätte ich nach ihr gegriffen — bis mir auffiel, dass Trent die Hände zu Fäusten geballt hatte, sogar im Schlaf. Okay, vielleicht war er doch nicht so entspannt, wie er mich glauben lassen wollte. Trotzdem, es sagte einiges, dass er überhaupt eingeschlafen war.

Ich schaute über das platte Land, durch das wir seit ungefähr einer Stunde fuhren, und fragte mich, ob ich schlafen könnte, während Trent fuhr. Die Situation war seltsam, und das nicht nur, weil eine Hexe, ein Elf und ein Pixie quer durch Amerika fuhren. Ich schuldete Trent immer noch den Fluch, um ihn von der Vertrautenbindung zu befreien, und Schuldgefühle nagten an mir.

Beunruhigt schaute ich auf meine Tasche, in der sich der Fluch befand, dann wieder auf die Straße. Ein kurzer Blick in den Rückspiegel überzeugte mich davon, dass Jenks immer noch schlief. Wie eine winzige geflügelte Katze lag er unter dem Heckfenster. Seufzend richtete ich meine Aufmerksamkeit wieder auf die Landschaft. Ich war noch nie so weit gefahren, und die unbewohnten Weiten beunruhigten mich. Die Straße war vor dem Wandel gebaut worden, und es war unheimlich, durch ausgestorbene Städte zu fahren. Sie waren während der Seuche, aus der der Wandel geboren worden war, aufgegeben worden. Die Bäume, die durch Hausdächer wuchsen, und die großen gelben M's und die alten Tankstellenschilder hoch über den neuen Wäldern verursachten mir Gänsehaut.

Die Vegetation, die die alte Zerstörung überzog, erinnerte mich irgendwie an das Jenseits, und neugierig hob ich mein zweites Gesicht. Meine Kopfhaut kribbelte, und kalte Schauder glitten mir über den Rücken, als das rot gefärbte Jenseits sich hob. Die Sonne schien zwei Schatten zu werfen, aber abgesehen von der Straße, die jetzt zerbrochen und von Unkraut überwuchert war, sah alles ziemlich gleich aus. Sonnengebackene Wiesen erstreckten sich von Horizont zu Horizont. Dämonen sammelten sich dort, wo es Kraftlinien gab, und lebten unter der Erde, wo sich so gut wie nichts veränderte.

Laut Al war das Jenseits eine zerbrochene Realität, unfähig, allein zu bestehen, und wurde hinter unserer Realität entlanggeschleppt, damit verbunden und am Leben gehalten von den Kraftlinien. Energie floss zwischen ihnen hin und her wie bei den Gezeiten und verhinderte, dass das Jenseits verschwand, während dieser Fluss gleichzeitig dafür sorgte, dass in der anderen Realität alles zerstört wirkte. Es war ein zerbrochenes Spiegelbild der Realität. Wenn in Cincinnati ein neues Gebäude gebaut wurde, erschien es auch im Jenseits, aber es würde schon anfangen, zusammenzubrechen, bevor es fertig war. Deswegen lebten Dämonen unterirdisch. Wir erbauten unterhalb einer gewissen Tiefe nicht viel, also veränderte sich dort nichts außer dem, was die Dämonen für sich selbst schufen. Sie benutzten Gargoyles als Vertraute und zogen so Kraftlinienenergie tief in die Erde, um sie dort zu verwenden.

Aber hier, in den Weiten zwischen den großen Kraftlinienhäufungen, gab es nur unendliches rot gefärbtes Nichts: Bäume, Gras, Büsche. Man sollte meinen, als Erdhexe würde ich die Natur mögen, aber so war es nicht. Zumindest nicht diese Natur. Sie fühlte sich kaputt an. Und es half auch nicht, dass das Jenseits hier fast normal wirkte. Mal abgesehen von den schwarzen Stellen ...

Blinzelnd versuchte ich herauszufinden, was sie waren. Ich hatte sie in Cincinnatis Version des Jenseits nie gesehen und unter der roten Sonne glitzerten sie silbern, wie eine Hitzespiegelung oder irgendwas, aber sie spiegelten ... nichts.

Immer noch mit meinem zweiten Gesicht schaute ich über die Bäume hinweg auf St. Louis und fühlte mich besser, als ich hohe Gebäude ausmachte, selbst wenn sie hier zerstört wirkten. Wir waren dem Ziel nahe. Ich ließ mein zweites Gesicht fallen, drehte mich und zog mein Handy aus der hinteren Hosentasche. Ich hatte vorhin eine SMS von Ivy bekommen, als sie ihr Flugzeug bestiegen hatte, und dann noch eine nach der Landung. Wir wollten uns am Gateway Arch treffen. Ich sollte sie anrufen.

»Was hast du gerade getan?«, fragte Trent plötzlich. Ich zuckte zusammen und ließ mein Handy fallen.

»Scheiße, Trent!«, kreischte ich. »Wie lange hast du mich schon beobachtet?« Ich wurde rot und schaute nach hinten, doch Jenks bewegte nur die Hügel und verlor kurz silbernen Staub, bevor er weiterschlief. »Ich rufe Ivy an.«

Trent setzte sich auf und rieb sich den rechten Oberarm, wo er sein Vertrautenmal trug, bevor er sich nach vorne beugte, um mein Telefon zwischen meinen Füßen herauszuziehen. »Du hast vergessen, dass ich da bin«, sagte er, als er es mir gab, und lächelte, als würde ihm das gefallen. »Was hast du getan? Ich meine, vorher. Du hast dir etwas angesehen, und es war nicht die Aussicht. Deine Aura hatte einen Schatten. Das habe ich noch nie gesehen.«

Super. Er hatte mich beobachtet. Ich verzog das Gesicht und konzentrierte mich auf die Straße. Je näher wir der Stadt kamen, desto dichter wurde der Verkehr. »Wirklich?«, fragte ich kurz angebunden. Jenks hatte mir einmal dasselbe gesagt, als ich hohe Magie gewirkt hatte. Mir gefiel es nicht, dass mein »Auraschatten« auftauchte, wenn ich mein zweites Gesicht einsetzte. Ich lächelte ihn an, als wäre alles in Ordnung und warf ihm das Telefon wieder zu. Er fing es ohne Probleme. »Würdest du Ivy für mich anrufen? Sag ihr, wo wir sind.«

Er warf es zurück, und es landete in meinem Schoß. »Ich bin nicht dein Sekretär.«

Mann, das war einfach unhöflich, dachte ich und driftete absichtlich von der rechten Spur nach links, als ich das Handy aufklappte.

Trent klammerte sich an den Türgriff, und auf dem Rücksitz schrie Jenks: »Hey! Rache! Was zur Disneyhölle tust du?«

Ich lächelte mein schönstes Lächeln, bis Trent knurrte: »Gib mir das Handy.«

»Danke«, flötete ich, ließ es in seine Hand fallen und kurbelte das Fenster hoch, damit er besser hören konnte. Er schien in seinen Jeans und dem Hemd so harmlos, und ich fragte mich, wie viel von seiner Ausstrahlung er seiner Kleidung verdankte. Jenks wusste es offensichtlich zu schätzen, dass der Luftzug aufgehört hatte. Er flog mit verschlafenem Gesicht wieder nach vorne und setzte sich gähnend auf den Rückspiegel.

»Wo sind wir?«, fragte er und tastete seine Flügel vorsichtig nach Rissen ab.

»Immer noch auf der 1-70«, sagte ich, während Trent sich durch meine Anruferliste scrollte und die Augenbrauen hochzog, als er die Nummer des Bürgermeisters fand. Ja, wir hatten uns unterhalten. Hatten das kleine Missverständnis mit seinem Sohn vor ein paar Jahren geklärt. »Wir überqueren in einer Minute den Mississippi«, fügte ich hinzu.

Trent rieb sich wieder den Arm, drückte einen Knopf und hielt das Telefon ans Ohr. Ich fragte mich, ob er sich überhaupt bewusst war, dass er sich ständig das Vertrautenmal rieb. »Eines Tages wird deine neunmalkluge Haltung dich umbringen«, sagte er leise.

»Nicht heute«, erklärte ich, dann schaute ich Jenks an, der etwas hinter uns beobachtete.

»Hm«, sagte der Pixie, klang aber nicht besonders besorgt. »Sie sind immer noch da.«

Ich nickte und warf einen Blick in den Rückspiegel, um zwei Wagen hinter uns einen goldfarbenen Cadillac zu entdecken. »Jau.«

Mit dem Telefon am Ohr drehte Trent sich um. »Wir werden verfolgt?«

»Entspann dich, Keksbäcker«, sagte Jenks, während er weiter seine Flügel ordnete. »Sie sind schon seit Terre Haute hinter uns.«

In meinem Magen bildete sich ein besorgter Knoten. Folgten sie mir oder Trent?

Im winzigen Lautsprecher erklang eine Stimme. Trent beobachtete weiterhin im Seitenspiegel den Wagen hinter uns. »Miss Tamwood«, sagte er, und ich bewunderte seine Stimme. »Rachel würde gerne mit Ihnen sprechen«, erklärte er, als ich die Hand ausstreckte.

»Hey, hi«, sagte ich, als ich mir das Handy ans Ohr drückte. »Wir sind fast schon über den Mississippi. Wie war dein Flug?«

»Furchtbar.« Ivy klang müde, aber sie war auch schon länger wach als ich. »Ich bin am Gateway Arch«, fuhr sie fort. »Bleib auf der 1-70, und dann nimm die South-Memorial-Abfahrt direkt hinter der Brücke.«

»Danke, ich habe schon in die Karte geschaut«, sagte ich ein wenig genervt. Die Frau hatte die Karte nicht nur laminiert, sondern sogar mit einem Marker angezeichnet, wo wir für Jenks anhalten konnten.

»Folg dem Memorial Drive, bis ganz am Ende die Washington kommt«, fuhr sie fort, als hätte ich nichts gesagt. »Die Parkgelegenheiten sind überall ausgeschildert.«

»Okay, danke«, sagte ich verzweifelt, aber Jenks lachte, als er auf meiner Schulter landete.

»Rache, die Kerle kommen näher«, sagte er so, dass auch Ivy ihn hören konnte.

»Welche Kerle?«, fragte Ivy, und ihre Besorgnis war sogar durch das Telefon klar zu erkennen.

Ich schüttelte meine Haare, so dass Jenks abheben musste. Vielen Dank auch, Jenks.

»Jemand verfolgt uns«, erklärte ich beiläufig.

»Wie lange schon?«

»Lang genug«, antwortete ich. »Aber sie sind nicht besonders nahe, vielleicht dreihundert Meter.«

»Sechzig Meter, Ivy«, sagte Jenks, der wieder auf dem Rückspiegel saß, laut, weil er wusste, dass sie ihn dank ihres Vampir-Gehörs verstehen konnte. »Drei Kerle, wenn nicht noch einer irgendwo pennt.«

Die gute Nachricht war, dass sie wahrscheinlich nur so nahe waren, weil unser Auto nicht verwanzt war.

»Vielleicht sollten wir direkt durchfahren. Wo ist die Karte?«, fragte Jenks und hob in einer Staubwolke ab, um auf den Rücksitz zu fliegen.

Trent versteifte sich und starrte mich an. »Wir müssen anhalten.«

»Ich brauche keine Karte, Jenks«, sagte ich und konzentrierte mich auf die Straße. Irgendwo war ein Müllwagen aufgefahren, und die Straße füllte sich mit Lastern und Limousinen.

»Wenn ihr verfolgt werdet, fahrt einfach weiter«, sagte Ivy. »Ich habe einen Mietwagen und hänge mich an euch dran, okay? Dann ramme ich sie oder irgendwas.«

»Wir werden anhalten«, sagte Trent fest entschlossen. Vielleicht musste er nach seinem Mittagsschläfchen mal für kleine Königstiger.

Vom Rücksitz tönte Jenks: »Ich habe sie gefunden! Trent, sei ein guter Junge und mach sie für mich auf, ja?«

Ich verschob das Handy ans andere Ohr, und der Wagen schlingerte. Sie rammen? Meinte sie das ernst?

»Rachel?«, hörte ich Ivys Stimme und richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße.

»Du wirst niemanden rammen«, sagte ich, und Trent rieb sich die Stirn, als hätte er Schmerzen. »Und wir werden nicht durchfahren. Wir kommen rein. Ich treffe mich lieber früher als später mit dir, auch wenn sie uns dabei beobachten. Wahrscheinlich wissen sie sowieso schon, dass du auf uns wartest.«

Jenks hob vom Rücksitz ab, die Hände in die Hüften gestemmt. »Trent, ich könnte hier Hilfe gebrauchen. Willst du die ganze Fahrt über nur dasitzen wie ein Haufen Fairyscheiße?«

»Wir brauchen die Karte nicht«, sagte ich und wurde langsam wütend. »Und wir fahren auch nicht durch. Wir halten an, um Ivy zu holen!«

Im Telefon protestierte Ivy: »Hier sind jede Menge Kinder. Willst du wirklich einen Kampf mit dem Hexenzirkel riskieren?«

»Der Hexenzirkel würde es nicht wagen«, sagte ich, während gleichzeitig Zweifel in mir aufstiegen. »Nicht, wenn Unschuldige in der Gegend sind. Wir können ein Eis essen oder irgendwas. Ihnen von der anderen Seite des Parks hasenohrige Küsschen schicken.«

»Wahrscheinlich«, stimmte sie zu, aber ihre Stimme war zweifelnd. »Ruf mich an, wenn ihr geparkt habt, okay?«

Ich murmelte zustimmend, klappte das Telefon zu und ließ es in meinen Schoß fallen.

»Guter Plan«, verkündete Trent, und in mir wurde die Warnflagge gehisst, so sicher wie Eis kalt ist. Ich wusste nicht, warum, weil er mir ja zustimmte, aber seine Haltung — diese überwältigende Erleichterung, die er zu verbergen versuchte — passte überhaupt nicht zu den Gefühlen, die er haben sollte, wenn uns jemand verfolgte. Ich dachte darüber nach, wessen Idee es gewesen war, in St. Louis anzuhalten. Ivys, glaubte ich. Sie hatte das Ticket hierher gekauft.

Die Reifen brummten, als wir auf die Brücke auffuhren, und die Welt schien sich zu drehen, als wir direkt auf die Stadt zuhielten. Der Gateway Arch war riesig. Dem Hörensagen nach hielt er eine der Kraftlinien der Stadt fest, was ich irgendwie verdächtig fand. Warum sollte jemand etwas so Dummes tun?

»Du musst die Ausfahrt Memorial Drive nehmen«, drängte Trent. »Da kommen wir direkt am Park vorbei.«

»Danke, Trent«, sagte ich, während ich gleichzeitig misstrauisch die Augen zusammenkniff.

»Du bist auf der falschen Spur«, fügte er hinzu, und ich fragte mich mit zusammengebissenen Zähnen, was er wohl tun würde, wenn ich einfach an der Ausfahrt vorbeifuhr. Ich wechselte noch weiter nach links, um einen schwarzen Wagen zu überholen, und beobachtete dabei seine Körpersprache. Und tatsächlich, er verspannte sich.

Ich fand das interessant, dann wechselte ich wieder nach rechts, und zwar viel zu schwungvoll, während ich gleichzeitig im Außenspiegel den goldfarbenen Wagen beobachtete. Jenks jaulte auf und hob ab, als das Lenkrad sich drehte. Trent stützte sich auf dem Armaturenbrett ab, als wir abrupt langsamer wurden. Aber er sagte nichts, nicht einmal, als seine Sonnenbrille auf den Boden fiel. Noch eine Warnflagge wurde gehisst. Das hätte mir mehr einbringen müssen als nur einen bösen Blick.

»Du wirst dich ein wenig mehr anstrengen müssen, um sie loszuwerden«, sagte Jenks, weil er meine Aktion falsch gedeutet hatte. Ich beäugte den Laster, der hinter mir heranraste und seine Lichter aufblitzen ließ, um mich anzutreiben. Schneller. Das war vielleicht eine gute Idee, nachdem der goldfarbene Cadillac nur noch eine Autolänge entfernt war. Drei Kerle. Alle blond. Elfen? Dann war es nicht der Hexenzirkel.

Mein Telefon summte, aber ich ignorierte es. Trent zuckte zusammen, und in seinen Augen stand neue Sorge, als er sich zu mir umdrehte. »Wir müssen von dieser Straße runter. Sofort.«

»Und wie genau?«, knurrte ich. »Unsere Ausfahrt kommt erst in zweieinhalb Kilometern.«

»Na, dann tu irgendwas!«, rief Trent. »Jemand bereitet einen Zauber vor.«

Meine Augen glitten zum Rückspiegel, und ich sah, dass die drei Kerle die Köpfe zusammensteckten. Rechts von mir war die Leitplanke und links von mir dieser Lastwagen, der versuchte, mich zu überholen. Vor mir war ein kleiner VW Käfer voller Leute. »Bist du bescheuert? Niemand würde auf der Schnellstraße einen Mordanschlag verüben. Hier können zu viele Leute verletzt werden. Und außerdem fühle ich nichts ...«

»Vorsicht!«, schrie Jenks, und ich keuchte auf und riss das Steuer herum, als plötzlich aus dem Auto hinter uns ein rötlich goldener Ball aufstieg. Unsere Räder trafen die Leitplanke, und Steine flogen, als ich mich bemühte, das Auto bei plötzlich viel zu schnellen hundert Stundenkilometern unter Kontrolle zu halten.

Der Zauber traf den Käfer vor uns, und ich beobachtete voller Entsetzen, wie er direkt vor dem heranrasenden Lastwagen auf die Seite kippte und sich drehte. Funken sprühten innerhalb des kleinen Autos und der Lastwagenfahrer trat auf die Bremse. Autos holperten auf den Seitenstreifen, als aus drei Spuren plötzlich fünf wurden, weil jeder versuchte, einen Unfall zu vermeiden. Das kleine Auto überschlug sich, und ein Schutzkreis bildete sich darum. Ich versteifte die Arme und suchte nach einem Ausweg. Der Anhänger des Lastwagens würde ausschlagen. Er war nur noch sechzig Zentimeter entfernt und kam schnell so nahe, dass er uns fast schon berührte.

Hinter uns erklang das hässliche Geräusch von quietschenden Reifen und brechendem Plastik. Ich wagte es nicht, mich umzuschauen, als wir weiterschossen. Der Truck nahm inzwischen drei Spuren ein und kippte langsam zur Seite. Der Käfer war gegen die Leitplanke geknallt, und ich scherte in den Weg des Lastwagens aus, um ihm auszuweichen. Dann ertönte ein lautes Krachen und das Kreischen von Metall. Ich warf einen Blick über die Schulter und sah, dass der Lastwagen umgefallen war und weitere Wagen von hinten auf ihn aufgefahren waren. Drei Autos hatten es geschafft: wir, ein Kombi mit einer bleichen Frau am Steuer und der goldfarbene Cadillac. Mein Gott. Was haben sie getan?

»Los, los, los!«, kreischte Jenks, der am hinteren Fenster klebte. »Sie haben es geschafft. Gib Gas!«

Ich trat das Gaspedal bis auf den Boden durch und schlängelte mich durch die Autos vor uns. Die meisten Fahrer bemerkten erst jetzt den querliegenden Truck, der langsam zum Stillstand kam. Bremslichter leuchteten auf, und ich packte das Lenkrad mit schwitzenden Händen fester. Wie sind sie durchgekommen?, fragte ich mich. Sie hatten eine Stoßstange verloren, aber ihr Auto fuhr noch. Der Käfer war nur noch ein kleiner Punkt im Rückspiegel. Mir war schlecht, als ich mich wieder auf die Straße vor uns konzentrierte. Niemand verübte einen Mordanschlag auf einer viel befahrenen Straße. Niemand. Für wen zur Hölle hielten sich diese Kerle? Oder vielleicht sollte die Frage besser lauten: Wofür hielten diese Kerle uns, dass sie so etwas taten?

»Wir müssen von dieser Straße runter!«, rief Trent, als ich an einem langsamen Jaguar vorbeiraste.

»Ach, wirklich?«, sagte ich und bemerkte, dass der Cadillac ein weiteres Auto rammte, als er versuchte, uns einzuholen.

»Wo ist die Karte?«, murmelte Trent und lehnte sich nach hinten.

Jenks wirkte verängstigt. Er war nach vorne geflogen, um sich auf den Rückspiegel zu stellen und sich dort mit aller Kraft festzuklammern. »Nach rechts!«, schrie er, und ich riss das Lenkrad herum. Ein kurzer Schulterblick zeigte mir, dass der nächste Ball von Was-weiß-ich-was auf uns zuflog.

Trent jaulte auf, als das Auto schlingerte. Sein Hintern knallte gegen meine Schulter und ein Fuß trat gegen das Lenkrad. »Trent!«, schrie ich und schob ihn von mir runter. »Würdest du dich setzen? Ich versuche hier, nicht pulverisiert zu werden, und dein Arsch in meinem Gesicht hilft nicht gerade!«

Der orangefarbene Batzen traf den Asphalt hinter uns, und der Jaguar, den ich gerade erst überholt hatte, fuhr direkt hinein. Das Auto wurde zur Seite geschleudert, und ich bekam langsam wirklich Angst. Was zur Hölle benutzten die, um ihre Magie zu lenken? Einen Granatwerfer?

Scheinbar unbeeindruckt rutschte Trent mit der Karte in der Hand wieder auf seinen Sitz.

»Jenks, irgendwelche Ideen?«, fragte ich, als Trent sich wieder anschnallte. Jenks' Flügel standen still, aber er verlor grünen Staub.

»Vielleicht hätte Trent dieses Flittchen einfach heiraten sollen«, presste er hervor, und ich wechselte auf die linke Spur, um einen Bus zu überholen. Und natürlich blieben sie hinter mir. Mein Herz raste. Ich konnte nicht zur selben Zeit zaubern und fahren. Wo zur Hölle war Pierce, wenn ich ihn brauchte? Aber ne-e-ein, wenn ich einmal nicht gewerkschaftlich organisierte Meuchelmörder auf den Fersen hatte, saß ein Geschäftsmann neben mir und versuchte, die Antworten aus einer verdammten Straßenkarte zu lesen.

»Da ist unsere Ausfahrt«, sagte Trent. Er bemühte sich, ruhig zu wirken, aber seine Finger umklammerten die Karte. »Auf der Schnellstraße sitzen wir auf dem Präsentierteller.«

»Oh, vielen Dank auch für diese kluge Beobachtung, Kalamack«, ätzte ich. »Du findest, wir sollten von der Schnellstraße runter. Und dann?«

»Nimm einfach die South Memorial«, sagte er, die Augen auf die Karte gerichtet, während er von meinen abrupten Spurwechseln hin und her geworfen wurde, die uns Hupen und Aufblenden einbrachten. »Wir können sie auf den Nebenstraßen viel leichter abhängen. Tu, was ich sage, und alles wird gut.« Aber er schwitzte. Ich konnte keinen Schutzkreis errichten — wir würden einfach durchfahren.

Jenks landete auf der Karte in Trents Händen, als wir an dem Ausfahrtschild vorbeischossen. »Das ist die richtige, Rachel. Rechte Spur. Rechte Spur!«

Ganz rechts fuhr ein großer Lastwagen. Wenn ich bremste, um die Ausfahrt zu erwischen, würde der Cadillac uns einholen. Ich packte das Lenkrad fester. Hinter uns bildete sich in dem goldfarbenen Wagen ein neues Glühen. Ich musste die Aktion perfekt timen. »›Tu was ich sage, und alles wird gut‹«, murmelte ich durch zusammengebissene Zähne. »Nebenstraßen bedeutet, dass wir die gesamte Stadt in Gefahr bringen. Wir werden sie genau jetzt abhängen.«

»Rachel ...«, sagte Trent, und in seiner Stimme schwang Wut und Angst mit. »Was tust du?«

»Ich nehme die Ausfahrt«, erklärte ich und leckte mir die Lippen. Der Motor heulte auf, als ich das Gaspedal durchtrat, und der Wagen einen Sprung nach vorne machte. Mein Herz raste, und ich überholte auf der mittleren Spur erst ein weißes Auto, dann ein blaues. Verdammt, das wurde eng. Ich fühlte ein seltsames Prickeln auf der Haut, aber ich wagte es nicht, Trent anzuschauen. Es war wilde Magie, aber ich ging nicht davon aus, dass sie von ihm kam. Es fühlte sich an wie die Suchstrahlen, die sich von der Erde zu den Wolken ziehen, bevor der Blitz ihnen nach unten folgt. Der nächste Schuss würde nicht danebengehen. »Haltet euch fest!«, schrie ich mit weit aufgerissenen Augen.

»Rachel!«, schrie Trent und umklammerte seinen Handgriff.

»Das wird eng!«, schrie ich und trat wieder aufs Gas. Das Auto holperte vorwärts, und ich riss im letzten Moment das Lenkrad nach rechts, schnitt über alle drei Spuren und erwischte die Ausfahrt. Der Kombi hupte, aber wir waren durch und quietschten über den rauen Zement. Fast hätten wir die Wand touchiert.

»Yeee-ee-e-e-ha-a-a-a!«, schrie Jenks, als ich hart auf die Bremse trat, um nicht das Auto vor mir zu rammen. Mein Herz schlug wie wild, und wir schlingerten. Verängstigt sah ich mich um und entdeckte Jenks am Heckfenster, wo er sein Gesicht gegen die Scheibe drückte und den Verkehr hinter uns beobachtete. Das schreckliche Prickeln hatte aufgehört. Danke, Gott. »Sie haben die Ausfahrt verpasst!«, schrie er. »Sie sind vorbeigefahren! Du hast sie abgehängt, Rache!«

Ich schaute Trent an, der bleich neben mir saß. Hinter uns ertönte ein metallisches Knirschen, und die Hupe von jemandem blieb hängen. Mein Telefon fing an zu summen. Ivy. Wo war mein Handy?

»Wir haben sie abgehängt«, hauchte ich, dann packten mich wieder Sorgen. Wir waren sie los, aber was war mit den anderen? Gott, ich konnte nur hoffen, dass es den Leuten gutging. Ich war mir sicher, dass ich einen Schutzkreis um den Käfer gesehen hatte, aber bei diesen Geschwindigkeiten machte das vielleicht keinen Unterschied.

Vor uns bremsten die Autos an einer Ampel. »Es ist rot, Rachel«, sagte Jenks, und ich trat in meiner Aufregung zu fest auf die Bremse. Jenks schrie auf, und Trent stützte sich mit einem bösen Seitenblick am Armaturenbrett ab. Ich konnte einfach nicht glauben, dass sie versucht hatten, uns auf der Schnellstraße umzubringen! Es war schon öfter ein Preis auf meinen Kopf ausgesetzt gewesen, aber auch da gab es Regeln und grundsätzliche Abmachungen. Das hier war etwas völlig anderes!

Schweigend faltete Trent die Karte zusammen und steckte sie weg. Er wirkte ruhig, aber ich fing an zu zittern. »Nicht schlecht«, sagte er, und fast hätte ich die Kontrolle verloren. Ich umklammerte das Lenkrad, bis meine Fingerknöchel weiß hervortraten. Nicht schlecht? Da hinten lagen Verletzte, und plötzlich bekam ich Panik, als drei Notarztwagen an uns vorbei zur Schnellstraße rasten. Wahrscheinlich waren alle in diesem VW Käfer tot. Und der Lastwagenfahrer. Und die vier Autos hinter ihm. Dem Kerl im Jaguar ging es wahrscheinlich gut. Vielleicht.

Mein Fuß wippte, und als die Ampel auf Grün schaltete, rollte ich immer näher an den Wagen vor uns heran, um ihn zum Losfahren zu drängen. Ich wollte aus dem Auto raus, so schnell wie möglich.

Jenks flog zum Rückspiegel, als Trent sein Fenster ganz nach unten kurbelte, um den Geruch nach Zimt und Wein auszulüften. Etwas in mir entspannte sich, als wir auf den Memorial Drive abbogen. Trent war tief erschüttert und bemühte sich, es nicht zu zeigen. Weitere Sirenen jaulten auf. Jenks landete auf dem Lenkrad und schenkte mir einen besorgten Blick, als ein Feuerwehrzug in Richtung der Auffahrt an uns vorbeifuhr. Leute waren verletzt. Meinetwegen? Wegen Trent? Spielte es überhaupt eine Rolle?

»Wir werden anhalten, oder?«, fragte Trent und musterte den Riverside Park, als wir daran vorbeifuhren.

»Warum? Glaubst du, du hast vom Arch aus einen besseren Blick auf die Unfälle?«, fragte ich bissig. Das war um einiges schlimmer als das, was ich erwartet hatte, als ich zugestimmt hatte, ihn an die Küste zu begleiten. Ich wünschte mir eigentlich nur noch, ich hätte ihm gesagt, dass er sich sein kleines Problem an den Hut stecken konnte, und dass ich mich allein auf den Weg gemacht hätte. Mein Bein zitterte, als ich an der nächsten Ampel anhielt. Die Kirche war direkt neben uns, und in einer spontanen Entscheidung setzte ich den Blinker.

»Okay«, sagte ich, als ich einen Blick auf die Blaulichter auf der Schnellstraße warf. »Wir lassen das Auto stehen. Packt euer Zeug.«

»Das Auto stehen lassen?« Trent starrte mich an als hätte ich gesagt, wir sollten zum Mond laufen.

»Und zwar sofort«, erklärte ich, als die Ampel auf Grün schaltete und ich auf den kleinen Parkplatz einbog, ohne auf das PRIVAT-Schild zu achten. »Hörst du diese Sirenen? Wir haben eine Unfallstelle verlassen, an deren Entstehung wir beteiligt waren. Auf keinen Fall können wir dahin zurück, und damit haben wir hier ein Auto, das jetzt nicht mehr nur deinen Freunden aus Seattle bekannt ist. Sobald wir Ivy gefunden haben, wird sie Ihre Taschen tragen, Mr. Kalamack. Glaubst du, bis dahin schaffst du es selbst?«

»Deine erste kluge Idee heute«, murmelte Trent und trommelte auf der Seitenverkleidung herum.

Jenks atmete tief durch. Seine Flügel waren knallrot, als ich den Motor des Wagens ausmachte. Ich war schon in Bewegung, noch bevor das Auto richtig stand, sammelte meine Sachen ein und stopfte alles außer der Mülltüte in meine Tasche, inklusive Trents Sonnenbrille.

Trent war bereits ausgestiegen, und ich öffnete den Kofferraum. Meine Finger zitterten, als ich am Türgriff herumfummelte, bis ich das dumme Ding endlich aufbekam. Kühle Luft glitt in den Innenraum und das Geschrei von spielenden Kindern. Verdammt, das war knapp gewesen. Was zum Teufel schütteten sie sich in Seattle in ihren Kaffee?

»Wo ist mein Handy?», fragte ich, als es summte. »Jenks, hast du mein Handy gesehen?«

Jenks schoss in den Fußraum. »Es liegt unter dem Sitz!«, sagte er, dann fügte er hinzu: »Es ist Ivy.«

Ich streckte mich danach und atmete erleichtert auf, als meine Finger das glatte Plastik berührten. Ich wünschte mir nur, meine Finger würden aufhören zu zittern. Jenks schoss unter dem Sitz heraus, und nachdem ich das Telefon aufgeklappt hatte, murmelte ich: »Ich glaube, wir haben sie abgehängt. Wir lassen das Auto stehen. Wo bist du?«

»Den Sirenen nach zu schließen ein paar Blocks entfernt«, sagte sie. »Was ist los?«

»Ich wünschte, das wüsste ich.« Ich stieg aus, schlang mir die Tasche über die Schulter und packte meinen Mantel und Ivys Laptop. Jenks war ein glitzerndes Funkeln, als er das Auto durchsuchte und mir schließlich die Daumen nach oben zeigte, bevor er sich Trent anschloss. Der Elf hatte bereits unser Gepäck aus dem Kofferraum geholt und schlug den Deckel hart zu. Er stemmte die Hände in die Hüften und blinzelte in Richtung der belebten Straße, während der Wind vom Mississippi seinen Ärmel hob, um sein Vertrautenmal freizulegen.

»Wir sind an der Kirche«, erklärte ich Ivy. »Ich habe deinen Laptop, wir gehen rein. Sobald du uns gefunden hast, nehmen wir dein Auto.« Ich runzelte sorgenvoll die Stirn. »Ivy, sie haben versucht, uns auf der Schnellstraße umzubringen. Ein Lastwagen ist umgekippt, und ich glaube sie haben ein ganzes Auto voller Leute getötet. Jemand wird sich an das Auto meiner Mom erinnern.«

»Ihr seid an der Kirche?«, fragte sie. Anscheinend berührte sie das andere überhaupt nicht. »Dort könnt ihr nicht parken.«

»Ich parke nicht, ich gebe das Auto auf«, sagte ich frustriert, als ich mir das große, handgemalte Schild ansah. Meine Mom wäre nicht glücklich. Sie war stinksauer gewesen, als ich ihr Auto letztes Jahr am Ohio River hatte stehen lassen. Zumindest lief das Auto diesmal auf meinen Namen, und ich würde selbst die Abschleppbenachrichtigung bekommen.

»Ivy, ich muss weg«, sagte ich, weil ich sonst nicht alles tragen konnte.

»Ich bin unterwegs«, sagte sie, und ich konnte noch das Dröhnen eines Dampfschiffes hören, bevor sie auflegte.

Ich klappte mein Handy zu und steckte es weg. Dann schaute ich besorgt von Trent, der mit unserem Gepäck hinter dem Auto stand, zur Straße. Wir würden Ivy finden und dann wären wir weg. »Kann heute noch etwas schiefgehen?«, flüsterte ich und dachte daran, dass ich jetzt schon mit einem Kaffee irgendwo am Hafen sitzen könnte, wenn der Hexenzirkel mich hätte fliegen lassen.

»Ähm, du musst aufhören, so was zu sagen«, verkündete Jenks und schoss in einer Staubwolke nach oben. Beunruhigt folgte ich seinem Blick zur anderen Straßenseite.

»Dreck auf Toast«, sagte ich, und mir wurde kalt, als ich drei blonde Männer in Stoffhosen und Poloshirts entdeckte. Sie mussten ihr Auto auf der Schnellstraße stehen gelassen haben und zu Fuß gegangen sein. So weit war es nicht. Ein eisiges Gefühl breitete sich in mir aus, als ich sie musterte.

Einer hatte wirklich lange Haare. Der andere war klein, aber perfekt gebaut. Und der dritte, der mittlere, erinnerte mich an Quen, auch wenn er ihm in keiner Weise ähnlich sah. Es war sein Gang, gleichzeitig raubtierartig und elegant. Die zwei anderen bewegten sich mit kampflustigem Stolz, die Schultern zurückgezogen und mit schwingenden Armen. Jetzt meinten die Withons es ernst.

Alle drei beobachteten uns, während sie darauf warteten, dass in den vier Spuren der Straße eine Lücke entstand. Aber als sie sahen, dass ich sie bemerkt hatte, trat der Langhaarige einfach mit einer erhobenen Hand in den Verkehr. Hupen dröhnten, und Autos kamen quietschend zum Stehen, während ihre Fahrer durch die Fenster schimpften und ignoriert wurden.

Trent drehte sich zu dem Lärm um und erstarrte für einen Moment, dann atmete er entschlossen durch. Seltsam, ich hätte gedacht, er würde ängstlich wirken, nicht entschlossen. Ich unterdrückte eine Aufwallung von etwas, das vielleicht Verbundenheitsgefühl war.

»Also?«, fragte er mich erstaunlich ruhig.

»Finde Ivy«, sagte ich und suchte in meiner Tasche nach einer magnetischen Kreide, während ich gleichzeitig Kontakt zu den Kraftlinien der Stadt aufnahm. Ich keuchte auf, als ich die Linie fand, die vom Gateway Arch festgehalten wurde. Heilige Scheiße, sie war groß und um einiges stärker als die unter der Universität von Cincy. Sie hatte auch ein glitschiges Gefühl, da sie neben so viel Wasser verlief, und hatte einen leicht metallischen, fischigen Geschmack.

Ich schaute mit der Kreide in der Hand auf und war überrascht, Trent noch vor mir stehen zu sehen, den Koffer in der Hand. Jenks schwebte zwischen uns. »Los!«, schrie ich, drückte ihm die Kreide in die Hand und gab ihm einen Schubs. »Findet Ivy. Ich kümmere mich um die Sache hier und hole euch dann ein.« Oh Gott. Ich konnte das, oder? Wo war mein schwarzmagischer Bodyguard, wenn ich ihn brauchte?

»Rache ...«, jammerte Jenks, aber Trent schaute nur auf die Kreide in seiner Hand und nickte. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ging mit seinem Koffer schnell davon, auf den Arch zu.

»Bleib bei ihm, ja?«, bat ich Jenks, während ich die drei Kerle im Auge behielt. Sie hatten den Mittelstreifen erreicht und wurden nicht langsamer. »Vielleicht bringst du ihn dazu, mal zu rennen?«, fragte ich und versuchte mich an einem Witz, als ich den besorgten Pixie ansah. »Ich komme sofort nach. Kinderspiel.«

»Mir gefällt das nicht.«

Mein Blick schoss wieder zu ihm, und ich bemerkte die Sorgenfalten auf seiner Stirn. »Mir auch nicht, aber wer glaubst du, braucht dich momentan mehr? Ich hole euch ein. Los! Es sind nur drei. Sobald du Trent zu Ivy gebracht hast, kannst du zurückkommen und mitspielen.«

Er verzog das Gesicht, dann hob und senkte er sich mit einem harschen Flügelklappern, um zuzustimmen, bevor er hinter Trent herflog und ihm zurief, er solle sich beeilen, weil wir heute noch etwas anderes vorhätten, als Touristen zu spielen.

Bei dem Gedanken, dass Jenks auf Trent aufpasste, fühlte ich mich besser, aber trotzdem war ich nervös, als ich mich wieder zu den drei Blonden umdrehte, die jetzt den Randstein erreicht hatten. Der Langhaarige trennte sich von den anderen und wollte Trent folgen.

»Hey, Legolas!«, schrie ich und drehte mich zu ihm um. »Wenn du ihn willst, musst du erst mich erledigen.«

Er ignorierte mich und ging weiter. Das war einfach beleidigend. Ich sammelte einen Batzen fischiges Jenseits und warf es auf ihn.

Der Langhaarige hob die Hand, und ein Schutzkreis hob sich, um das Jenseits aufzuhalten. Standardaktion. Ich hatte nicht wirklich erwartet, dass der erste Schuss schon traf, und wich noch ein wenig zurück, bis ich das Gras unter den hohen Bäumen erreichte. Aber die Männer hatten angehalten, und das war alles, was ich gewollt hatte.

Die drei Männer standen nebeneinander und sahen mich an, während hinter ihnen der Verkehr vorbeirauschte. Der Langhaarige schien der Anführer zu sein. Er runzelte die Stirn, als Trent in den Büschen verschwand, dann wandte er sich an mich. »Was auch immer er dir zahlt — die Withons verdoppeln die Summe, wenn du für zehn Minuten die Augen zumachst«, sagte er laut. Mein Gesicht wurde heiß.

Warum war ich nicht überrascht? Elfen waren eben Elfen. »Er zahlt mir gar nichts«, sagte ich und begriff das erst in diesem Moment richtig. Entweder ich war wirklich klug oder unglaublich dämlich.

Der kleine Kerl am Rand schnaubte ungläubig. »Du machst Witze.«

Peinlich berührt wich ich zurück, bis mich die dicken Wurzeln eines Baumes aufhielten. »Selbst wenn er mich bezahlen würde, so arbeite ich nicht«, erklärte ich. »Ihr aber anscheinend schon. Jämmerlich. Ich hätte wissen müssen, dass ihr Amateure seid, als ihr versucht habt, uns auf der Schnellstraße auszuschalten. Wenn ihr so weitermacht, wird die Gewerkschaft euch ziemlichen Ärger machen. Es gibt Traditionen bei solchen Sachen, feste Vorgehensweisen. Oder spielt ihr das Spiel noch nicht lange genug, um das zu wissen?«

Ich hielt sie hin, und der Langhaarige wusste es. Er nahm sich die Zeit, seine Haare zurückzubinden und einen finsteren Blick auf den Arch hinter mir zu werfen. Ich schaute über die Schulter zurück und entspannte mich etwas, als ich bemerkte, dass Trent verschwunden war.

»Wer möchte den Vortritt?«, fragte er und der mittlere, derjenige, der mich an Quen erinnerte, lächelte.

»Ich mache es«, sagte er. Ich verspannte mich schockiert, als Trägheit sich in mir ausbreitete. Meine Beine gaben nach und plötzlich lag ich auf den Knien, während prickelnde wilde Magie mich durchtoste und mir meine Stärke stahl. In meinem Kopf erklang Musik, die nach grünen, wachsenden Dingen klang. Meine Hände sanken zu Boden, und Aststücke gruben sich in meine Hände. Ich keuchte, aber meine Lunge wollte sich nicht weiten.

Ich kämpfte dagegen an und fand Stärke in der Kraftlinie. Ich zog sie in mich und fühlte ihr Brennen. Mit zusammengebissenen Zähnen sah ich durch meine Haare auf. Der mittlere Mann riss überrascht die Augen auf. Dann fing er an zu singen.

Die Luft floss aus meiner Lunge, als seine Worte mich überschwemmten. Ich senkte den Kopf. Meine Ellbogen zitterten, und alles, was ich zurückgewonnen hatte, verließ mich wieder. »Stopp ...«, flüsterte ich. Ich konnte nicht denken, weil ich unter einer dicken, weichen Decke verschwand, während er sang. Seine Worte waren undeutlich, aber sie wurden zu meiner gesamten Welt. Mein Puls wurde langsamer und passte sich Schlag um Schlag an seinen Rhythmus an. Er war zu langsam, und mühsam kämpfte ich um Kontrolle, nur um zu versagen.

Ich fühlte, wie ich fiel. Ein warmer Arm fing mich sanft auf. Ich konnte Zimt und Wein riechen, aber bitter und verdorben. Ich konnte nicht gegen die Musik kämpfen, die sich in mein Wesen drängte und mich zwang, in einem zu langsamen Takt zu leben. Ich schloss die Augen, als mich jemand gegen den Baum lehnte. Ich verlor meinen Halt an der Kraftlinie und griff panisch danach. Ich versuchte, in meinem Kopf einen Schutzkreis zu errichten, um die Musik auszusperren. Aber sie war bereits in meinem Geist, und ich konnte sie nicht mehr von mir trennen. Sie war zu schön. Ich konnte nicht anders, als zuzuhören.

»Das war einfach«, hörte ich den langhaarigen Elfen spöttisch sagen, aber ich konnte mich nicht bewegen. Konnte nicht gegen die Trägheit kämpfen, die zu meiner Welt geworden war, gehasst und ach so bekannt aus meinen Kindertagen.

»Dann hast du sie?«, fragte die Stimme und endlich hörte die Musik auf. Die Erschöpfung blieb, als das Lied in meinen Gedanken widerhallte, wie ein unendliches Echo, nur dass es jedes Mal langsamer wurde. Das Lied brachte mich um.

»Geht«, hauchte eine Stimme, und mein Kopf landete auf einer Schulter. »Ich bin fertig, wenn ihr Kalamack erledigt habt.«

Oh Gott. Trent. Aber der Funken erstarb wieder. Meine Atmung wurde immer flacher. Mein Leben stockte. Ich erkannte es. Ich hatte das schon einmal erlebt, als ich jünger war. Das Gras seufzte, als die zwei anderen gingen, und dann waren nur noch ich und der Elf da, der mich in den Tod sang. So wunderbar, dass ich es nicht loslassen konnte, nicht vergessen konnte.

Die Luft auf meinem Gesicht wurde kalt, und ich merkte, dass ich weinte. Ich wollte nicht so sterben. Verdammte Elfenmagie. Wilde Magie. Göttlich, glitschig ... lebendig, unkontrollierbar.

Unkontrollierbar, dachte ich und hielt mich an dieser Idee fest. Formbar. Ich konnte wilde Magie nicht kontrollieren, konnte nicht gegen sie kämpfen. Aber vielleicht konnte ich sie ... verändern.

Mein Herz machte einen Sprung und weigerte sich danach, noch einmal zu schlagen, als die Stimme des Mannes abbrach und nur eine einzige Note in meinem Kopf zurückließ, die sich langsam zu einem tiefen, sanften Summen veränderte. Vielleicht war es ein Om. Das Geräusch von Frieden, das Geräusch des Todes.

Noch nicht, dachte ich und fügte etwas an, setzte eine hässliche Dissonanz hinzu, die der reinen Schönheit folgte. Mein Herz reagierte mit einem Schlag auf die raue Härte des Tons. Die Arme, die mich hielten, zuckten überrascht und rüttelten mich durch. Ich fügte meiner ersten Note eine zweite hinzu.

Ich konnte hören, dass er wieder sang, die Worte unverständlich und so wunderbar, dass sie mir das Herz brachen. Ich biss die Zähne zusammen und ertränkte die Reinheit seines Gesangs in meiner eigenen, hässlichen Musik, die wild und harsch war — die Musik des Überlebens. Sie war niemals schön, außer durch ihre absolute Ehrlichkeit.

Wieder schlug mein Herz, und ich saugte Luft in meine Lunge, löste mich von dem Elfenzauber. Die wilde Magie prickelte auf meiner Haut, als ich die Kontrolle zurückgewann, weil sein Halt über mich gebrochen war. Ich riss die Augen auf. Ich saß auf dem Boden, den Rücken an den Baum gelehnt, und er hatte die Arme um mich gelegt wie ein Liebhaber, der seine Geliebte in den Schlaf singt.

Hurensohn.

Ich setzte mich auf und entzog mich ihm. Als ich mich umdrehte, sah ich den Schock in seinen grünen Augen, und seine Stimme brach. Er erinnerte mich ein wenig an Trent, und für einen Moment verspürte ich Zweifel. Konnte er das auch? »Das war ein Fehler«, krächzte ich und rammte ihm meine Faust in den Magen.

Der Mann grunzte, klappte zusammen und zog die Knie an die Brust. Ich kniete mich hin und griff nach seinem Haar. Es war weich wie Seide, als ich es mit einer Faust packte. Meine Wut gab mir Kraft. Ich rammte seinen Hinterkopf gegen den Baum, und als er stöhnte kämpfte ich mich auf die Füße und trat ihn fest genug in die Rippen, um mindestens eine oder zwei anzuknacksen, wenn nicht ganz zu brechen. Ich war richtig sauer.

»Du Hurensohn!«, brüllte ich und bemerkte, dass die Mütter in der Nähe ihre Kinder zu sich riefen und verschwanden. »Du versuchst, mich mit deiner Magie umzubringen? Probier mal meine!«, schrie ich und kämpfte gegen die Reste der Musik in meinem Geist, um sie endgültig loszuwerden.

Er schaute zu mir auf, und die Schmerzen in seinen Rippen ließen ihn schielen. Ich legte meine Hand auf sein Gesicht, überflutete ihn mit Jenseits und brannte mit meiner Magie die letzten Reste der wilden Magie auch aus mir heraus. Schreiend versuchte er, sich zu entziehen, aber ich folgte ihm und musste mich hinknien, als er ganz auf den Boden fiel.

»Du bist Schleim, hörst du?«, schrie ich, zog meine Hand zurück und wischte mir über die Augen. Meine Hand pulsierte, aber mir war es egal. »Schleim! Und weißt du was? Die Withons sind auch Schleim. Trent wird es an die Westküste schaffen, und wenn es mich umbringt. Und das wird es nichtl« Mit rasendem Herzen verpasste ich ihm noch einen Tritt und war der Meinung, ich sollte ihm einiges mehr antun. All diese toten Leute auf der Schnellstraße. Ich schaute über den leeren Park, holte meine Tasche und suchte darin herum, bis ich meinen Lippenstift gefunden hatte. Dann schrieb ich damit »Ich habe sie umgebracht« auf seine Stirn.

Keuchend kämpfte ich mich auf die Füße und ließ den ruinierten Lippenstift auf seine Brust fallen. Er wimmerte, weil ich seine Synapsen gekocht hatte. Er würde in nächster Zeit keine Magie wirken. Dann drehte ich mich zum Park um und lief stolpernd los.

Ich mochte St. Louis nicht.